Part 21
Die Petersburger Dame verabschiedete sich, und Prepotenskij, der alle Ein- und Ausgänge im Hause des Postmeisters sehr gut kannte, benutzte diesen Augenblick, um in den Korridor und ins Bureau zu schlüpfen, wo er sich hinter einen Schrank verkroch ...
Achtes Kapitel.
Die Frau Postmeisterin hatte ihre Nachtjacke angezogen und ging erregt in ihrem Zimmer auf und nieder. Ihre Gedanken beschäftigten sich unablässig mit der einen Frage: Wer war an dem gräßlichen Vorfall schuld? Wer hatte diesen Spaß angezettelt?
»Der Spaß war ja an sich nicht mal so übel,« dachte sie, »aber wer hat den Prepotenskij eingeladen? Nein, auch das ist nicht so wichtig ... aber wer hat mich mit ihm bekannt gemacht? Wer denn anders, als mein Herr Gemahl! Eines Tages kam er: ›Hier, bitte, stelle ich dir Warnawa Wasiljewitsch vor!‹ Na warte nur, ich will dir den Warnawa Wasiljewitsch schon eintränken ... Aber wo ist denn mein Mann?« fragte sie sich und sah sich im Zimmer um. »Schläft er schon? Er kann schlafen, nachdem so etwas geschehen! ... Nein, das geht nicht,« erklärte die Postmeisterin kategorisch und stürzte ungeduldig in den Saal, wo ihr Gatte zu schlafen pflegte, wenn er wegen irgendwelcher Familienzwistigkeiten aus dem ehelichen Schlafgemach verbannt wurde. Aber zu ihrer nicht geringen Verwunderung fand die Dame ihren Gatten hier nicht.
»Aha, er versteckt sich vor mir. Er liegt jetzt auf dem Sofa im Bureau und schnarcht ... Ich will dich schnarchen lehren.«
Und die Frau Postmeisterin begab sich nach dem Bureau.
Ihre Vermutung war richtig: der Postmeister schlief tatsächlich im Bureau, aber darin irrte sie, daß sie ihn auf dem Sofa zu finden meinte. In Wirklichkeit lag er auf dem Tische. Auf dem Sofa aber schlief Prepotenskij, der nach allem, was vorgefallen war, nicht nach Hause zu gehen wagte, weil er fürchtete, Achilla könnte ihm an irgendeiner Straßenecke auflauern. Deshalb hatte er den Postmeister um Erlaubnis gebeten, seiner Sicherheit wegen im Hause übernachten zu dürfen. Der Postmeister war um so lieber damit einverstanden, als er die Erregung seiner Frau sehr wohl bemerkt hatte und es auch ihm vorteilhaft erschien, unter diesen Umständen noch jemand in seiner Nähe zu haben. Darum stellte er dem Lehrer das Sofa im Bureau zur Verfügung und machte es sich selbst auf dem großen Tisch bequem, an dem sonst die Briefe sortiert wurden.
Die Tür aus dem Korridor in das Bureau, in dem beide schliefen, war geschlossen. Das brachte die energische Dame erst recht auf, denn nach ihrem Hausgesetz durfte keine einzige Innentür ohne ihre Genehmigung geschlossen werden, und im Bureau fühlte sie sich ebenso als Herrin, wie in ihrem Schlafgemach!
Die Postmeisterin kochte vor Wut. Sie griff noch einmal nach der Tür, sie ging nicht auf. Wohl knackte der Haken, aber er saß fest. Und dabei hörte sie drinnen ganz deutlich zwei Menschen atmen. Zwei! Man male sich das Entsetzen der Ehefrau bei dieser plötzlichen Entdeckung aus!
In ihren geheiligten Rechten als Gattin und Herrin des Hauses gekränkt, rannte sie wieder durch den Korridor zurück, stürzte in die Küche, geradewegs auf den Tisch los. Wühlte lange im Dunkeln in der Schublade herum, in der es von Schwaben wimmelte, bis sie endlich gefunden hatte, was sie brauchte: Ein Messer!
Die ungeheure Spannung, die diese Zeile entfesselt, zwingt uns, hier haltzumachen, um dem Leser Zeit zu geben, sich auf das Fürchterliche vorzubereiten, das nun kommen soll.
Neuntes Kapitel.
Vor Erregung am ganzen Leibe zitternd, das riesige Küchenmesser in der Hand, den rechten Ärmel der Nachtjacke hinaufgeschoben, ging die Postmeisterin direkt auf die Tür zum Bureau los und legte das Ohr noch einmal an den Spalt. Es war kein Zweifel möglich: das unselige Paar lag im süßesten Schlaf; man hörte ganz deutlich, wie das eine stärkere Wesen tiefe Kehllaute von sich gab, während das andere, zartere, sich auf ein ganz sanftes Pfeifen beschränkte.
Die Postmeisterin steckte das Messer in den Türspalt, schob den Haken zurück und die leichte Tür ging mit leisem Knarren auf.
Es war noch früh am Morgen, kaum hoben sich die Fenster durch ihr mattes Grau von der Finsternis ab, doch das geübte Auge der Postmeisterin erkannte sowohl den Tisch mit der Postwage, als auch den zweiten langen Tisch in der Ecke und das Sofa.
Mit der linken Hand sich an der Wand entlang tastend, bewegte sich die zürnende Dame direkt auf das Sofa zu und erreichte ohne besondere Schwierigkeiten den Schnarcher, der mit tief herabhängendem Kopfe ganz am Rande lag. Er hatte nichts gehört, und als die Postmeisterin vor ihn hintrat, schien er sogar mit ganz besonderem Eifer und Genuß in den lieblichsten Säuseltönen zu schwelgen, als ob er ahnte, daß die Sache bald ein Ende haben werde und daß es ihm heute nicht mehr vergönnt sein werde, sich diesem Vergnügen hinzugeben.
So kam es denn auch.
Noch war der Schläfer mit seiner letzten Fioritur nicht ganz fertig, als die Linke der Frau Postmeisterin ihn kräftig an den Haaren emporriß und die Rechte, nachdem sie das Messer fallen gelassen, ihm eine schallende Ohrfeige verabfolgte.
»Mmmm ... Warum denn? Warum?« brummte der Erwachende, aber statt einer Antwort erhielt er eine zweite Ohrfeige, dann eine dritte, eine fünfte, zehnte, eine immer kräftiger und dröhnender als die andere.
»Au, au, au,« schrie er und versuchte vergeblich, den aus der Finsternis auf ihn herabhagelnden Backpfeifen auszuweichen, bis diese plötzlich durch ein weniger lautes, aber nicht minder schmerzhaftes Zausen und Schütteln ersetzt wurden.
»Herzchen! Was tust du denn, Herzchen! Das bin ja gar nicht ich! Das ist doch Warnawa Wasiljewitsch!« kam vom Tische her die Stimme des aufgeschreckten Postmeisters.
Die Postmeisterin hielt verblüfft ein, ließ die Mähne Warnawas los, schrie laut auf: »Was machst du mit mir, du Ungeheuer!« -- und stürzte sich auf ihren Gatten.
»Ja, ja, das bin ich,« hörte Warnawa den Postmeister rufen, und ohne etwas zu begreifen -- außer der Notwendigkeit, sich eiligst aus dem Staube zu machen -- sprang er vom Sofa auf und rannte, wie er war, in Unterhosen und Strümpfen, durch die glücklich gefundene Tür auf die Straße hinaus.
Er war gründlich verdroschen worden, und als er sich das Gesicht mit dem Ärmel wischte, bemerkte er, daß seine Nase blutete.
In demselben Augenblick ging die Tür leise auf und seine Kleider fielen vor ihm hin. Er bückte sich, um sie aufzuheben, als eine Minute später auch die Stiefel über den Zaun geflogen kamen.
Warnawa setzte sich auf den Boden und zog die Stiefel an, fuhr, so gut es ging, in Hosen und Rock und trottete nach Hause.
Eine Woche darauf verließ der Lehrer Prepotenskij mit einem Urlaubschein und einigen wenigen Spargroschen in der Tasche die Stadt. Die Ursache dieser plötzlichen Flucht war und blieb für alle ein ewiges Geheimnis.
Zehntes Kapitel.
An demselben Tage, wo es in Stargorod so lustig herging, spielte sich weit draußen in dem gelben Stübchen des verbannten Propstes eine Szene anderer Art ab. Natalia Nikolajewna bereitete sich zum Sterben.
Gewissenhaft und sparsam, wie sie war, hatte die Pröpstin während der ganzen Zeit ihres Aufenthaltes bei ihrem gemaßregelten Gatten sich ohne Bedienung beholfen und allerlei Arbeit auf sich genommen, an die sie nicht gewohnt war und die ihre Kräfte weit überstieg. Als sie bei dem letzten Fünfundzwanzigrubelschein in ihrer Schachtel angelangt war, erschrak sie, daß sie bald ganz ohne Geld sein würde, und beschloß, ihren Hauswirt, den Gendarm, zu bitten, ihnen die Miete zu stunden, bis der Propst wieder begnadigt sei. Der Gendarm ging darauf ein, Natalia Nikolajewna aber hielt das vor ihrem Gatten streng geheim und suchte auf jede Weise das Geld beim Hauswirt abzuverdienen: sie grub mit seiner Magd Kartoffeln, hackte Kohl und spülte ihre Wäsche selbst im Fluß.
Jedoch das war zu viel für ihre Jahre und ihre schwache Gesundheit. Sie erkrankte und mußte das Bett hüten.
Der Propst machte ihr Vorwürfe wegen ihrer übergroßen Sorgsamkeit.
»Du glaubst, du hilfst mir,« sagte er, »aber als ich hörte, was du getan hast, verdoppelte das meine Qualen.«
»Vergib,« flüsterte Natalia Nikolajewna.
»Was heißt: vergib? Vergib du mir,« antwortete der Propst und faßte ihre Hand, die er leidenschaftlich küßte. »Ich habe dich mit meiner starren Unbotmäßigkeit so weit gebracht, aber wenn du willst ... sage nur ein Wort und ich gehe und demütige mich dir zuliebe.«
»Was fällt dir ein? Nie werde ich dieses Wort sagen! Soll ich deine Lehrmeisterin sein, der du alles weißt und alles zum Rechten wendest?«
»Um meiner Ehre willen +muß+ ich dieses tragen, Liebste.«
»Und Gott möge dir helfen, an mich aber sollst du nicht denken.«
Der Propst küßte noch einmal die Hände seiner Frau und ging an sein Tagewerk, Natalia Nikolajewna aber wickelte sich in ihre Decke und schlief ein. Und da sah sie im Traum den Diakon Achilla, der zu ihr ins Zimmer trat und sprach: »Warum betet Ihr denn nicht, daß der Vater Sawelij sein Leid leichter trage?« -- »Wie denn?« fragt Natalia Nikolajewna, »lehre mich, wie ich zu beten habe.« -- »Nun,« antwortet Achilla, »Ihr sollt bloß sagen: Herr, hilf uns auf den Wegen, die du kennst.« -- »Herr, hilf uns auf den Wegen, die du kennst,« wiederholte Natalia Nikolajewna andächtig, und plötzlich war ihr, als nähme der Diakon sie auf seine Arme und trüge sie in das Allerheiligste, -- der Raum war unendlich groß: Säule reihte sich an Säule, und der Altar reckte sich bis zum Himmel empor und flammte in tausend hellen Lichtern; hinter ihnen aber, von wo sie gekommen waren, schien alles winzig klein, so klein, daß sie gelacht hätte, wenn es sie nicht beunruhigt hätte, daß sie doch ein Weib sei, das Allerheiligste also gar nicht betreten dürfe. »Bist du bei Sinnen, Diakon!« sagte sie zu Achilla, »man wird dich deines Amtes entsetzen, wenn man erfährt, daß du eine Frau ins Allerheiligste getragen hast.« Er aber erwiderte: »Ihr seid keine Frau, sondern eine +Kraft+!« Und mit einem Male war Achilla und das Allerheiligste und der Altar und die Lichter -- alles, alles verschwunden, und Natalia Nikolajewna schlief nicht mehr, sondern wunderte sich nur, warum alles um sie herum immer noch so klein aussah: der Samowar da drüben war gar kein richtiger Samowar, sondern ein Spielzeug, und die Teekanne darauf war nur eine Eierschale ...
In diesem Augenblick kam Tuberozow aus dem Kloster zurück und fing an, freundlich zu ihr zu sprechen, sie aber wehrte mit beiden Händen ab.
»Still,« sagte sie, »still: ich muß ja bald sterben.«
Der Propst blickte sie ganz erstaunt an.
»Was fällt dir ein, Natascha? Gott behüte uns in Gnaden!«
»Nein, Liebster, ich muß sterben. Ich lebe nur noch halb.«
»Wer hat dir das gesagt?«
»Wer mir's gesagt hat? Ich sehe alles nur halb.«
Der Arzt kam, fühlte den Puls, besah die Zunge und sagte: »Nichts Besonderes, Erkältung und Übermüdung.«
Tuberozow wollte ihm sagen, daß die Kranke alles nur halb sehe, aber er genierte sich.
»Du hast sehr recht getan, es ihm nicht zu sagen,« meinte Natalia Nikolajewna, als er es ihr erzählte.
»Siehst du wirklich alle Gegenstände nur halb?«
»Ja! Ist das droben am Himmel der Mond?«
»Freilich ist es der Mond, der auf uns zwei Alte durchs Fenster herabschaut!«
»Und mir erscheint er wie ein Fischauge.«
»Das kommt dir nur so vor, Natascha.«
»Nein, es ist wirklich so, Vater Sawelij.«
Um seine Frau von ihrem Irrtum zu überzeugen, nahm Tuberozow den verhängnisvollen Fünfundzwanzigrubelschein aus der Schachtel und zeigte ihn ihr.
»Nun sag mal, was ist das?«
»Zwölf und ein halber Rubel,« erwiderte Natalia Nikolajewna sanft.
Tuberozow erschrak. Das war ihm unbegreiflich. Natalia Nikolajewna aber faßte lächelnd seine Hand und flüsterte, indem sie die Augen schloß:
»Du scherzest und ich scherze auch. Ich habe wohl gesehen, daß das unser Schein war. Aber alles sieht winzig klein aus. Doch sobald ich die Augen zumache, seh' ich alles groß, riesengroß. Alle wachsen: du und Nikolai Afanasjewitsch, unser Freund, und der liebe Diakon Achilla, und Vater Zacharia ... Mir ist so wohl, so wohl, weckt mich nicht.«
Und Natalia Nikolajewna entschlief für immer.
Fünftes Buch.
Erstes Kapitel.
Nicht nur den Zwerg Nikolai Afanasjewitsch erschütterte die schauerliche Ruhe des Gesichtsausdrucks und der wackelnde Kopf Tuberozows, der langsam durch den tiefen Schlamm der ungepflasterten Straßen hinter dem Sarge seiner entschlafenen Gattin herging, sondern in dem großen und stummen Schmerz tiefangelegter Menschen liegt unzweifelhaft eine unwiderstehliche Kraft, die von allen empfunden wird und bei kleinen Naturen, welche gewohnt sind, ihr Weh in lauten Seufzern und Geschrei ausströmen zu lassen, Angst und Grauen erweckt. Das fühlte jetzt jeder, der irgend etwas mit dem verwaisten Greise zu tun gehabt hatte, dessen treue Gefährtin dahingegangen war. Als die Erdschollen an den Sargdeckel schlugen und der in den Bann getane Priester sich umwandte, um von dem hohen Erdhaufen herabzusteigen, traten alle Umstehenden zurück und gaben ihm den Weg frei, den er nun auch ganz allein mit entblößtem Haupte durch den ganzen Friedhof entlang schritt.
Am Tor blieb er stehen, betete vor dem Heiligenbild der Kapelle, setzte seinen Hut auf und wandte sich noch einmal um. Erstaunt trat er zurück. Vor ihm stand der Zwerg Nikolai Afanasjewitsch, der von der Grabstätte an in einer Entfernung von zwei Schritt hinter ihm hergegangen war.
Etwas wie Freude zuckte über das Gesicht des Propstes. Es tat ihm augenscheinlich wohl, seinem »alten Märchen« in einem so trüben Augenblick zu begegnen. Er wandte sich seitwärts den schwarzen Feldern zu, auf denen noch kümmerlich und frierend die Wintersaat sproßte, und aus seinen Augen fiel eine schwere Träne, einsam und schnell, wie ein Tropfen Quecksilber, und verlor sich in seinem grauen Barte, gleich einem im Walde verirrten Waisenkind.
Der Zwerg bemerkte diese Träne. Er wußte, was sie bedeutete und schlug still ein Kreuz. Sie machte Sawelijs vom Übermaß des Schmerzes beengte Brust leicht. Er holte tief Atem, und als der Zwerg ihn aufforderte, in seinen Wagen zu steigen, erwiderte er:
»Ja, Nikolascha, es ist gut, ich will mit dir fahren.«
Schweigend fuhren sie dahin, bis der Wagen vor dem Häuschen des Gendarmen in der Klostervorstadt hielt. Tuberozow drückte dem Zwerg stumm die Hand und ging in seine Wohnung.
Nikolai Afanasjewitsch folgte ihm nicht. Er empfand, daß Tuberozow jetzt allein sein wollte. Erst am Abend besuchte er den Witwer, und nachdem er eine Zeitlang dagesessen hatte, bat er um Tee unter dem Vorwande, daß ihn friere; in Wirklichkeit wollte er Sawelij von seinem Schmerz ablenken und das Gespräch auf den eigentlichen Zweck seines Besuchs bringen. Der Plan gelang vollkommen, und als Tuberozow den dampfenden Samowar hineingetragen hatte, die Tassen aus dem Schrank holte und sich anschickte, den Tee zu bereiten, begann der Zwerg leise zu erzählen, was sich in all der Zeit in Stargorod zugetragen. Schritt für Schritt ging er vorwärts, ließ einen Tag nach dem andern vorüberziehen, bis zu dem Augenblick, wo er hier am Teetisch saß. In diesem Bericht war natürlich sehr viel die Rede von der Betrübnis der Städter über das Mißgeschick des Propstes, den man so sehr vermißte und ganz zu verlieren fürchtete.
Der Propst, der dem Zwerg anfangs ernst und ruhig, beinahe teilnahmlos zugehört hatte, wurde aufmerksamer, als die Rede auf das Verhalten der Gemeinde seiner Maßregelung gegenüber kam. Und als der Zwerg, nachdem er sich erst umgesehen hatte, mit gedämpfter Stimme zu erzählen fortfuhr, sie hätten im Namen der ganzen Gemeinde ein Gesuch aufgesetzt und unterzeichnet, und er, Nikolai Afanasjewitsch, hätte es von Achilla empfangen und auf seiner Brust verborgen, da zuckte die Unterlippe des Alten krampfhaft und er sagte:
»Ein braves Volk. Ich danke.«
»Ja, es ist brav, unser Volk, sogar sehr brav, aber es weiß noch nicht recht, wie es eine Sache anfangen soll.«
»Finsternis, Finsternis über dem Abgrund ... doch über allem schwebt der Geist des Herrn,« sagte der Propst, seufzte tief und bat um das Papier, von dem der Zwerg gesprochen hatte.
»Wozu braucht Ihr es denn, Vater Propst, dieses Papier?« fragte der Zwerg schlau lächelnd. »Morgen wird es dem überreicht, an den es gerichtet ist --«
»Gib es mir, ich will es besehen.«
Der Zwerg knöpfte seinen Rock auf, um seinen Brustbeutel herauszuholen, schien sich aber plötzlich auf etwas zu besinnen.
»Nun, so gib doch her,« bat Sawelij.
»Aber werdet Ihr ... werdet Ihr es nicht zerreißen, Vater Propst?«
»Nein,« sagte Tuberozow fest, und als der Kleine ihm das Blatt hinreichte, das mit winzigen und riesengroßen, deutlichen und ganz unleserlichen Unterschriften bedeckt war, murmelte Sawelij andächtig:
»Zerreißen? Dieses kostbare Dokument zerreißen? Nein, nein! Mit ihm ins Gefängnis; mit ihm ans Kreuz! In den Sarg sollt ihr es mir legen!«
Und zum nicht geringen Entsetzen des Zwerges rollte er das Blatt schnell zusammen und verbarg es auf seiner Brust unter dem Leibrock.
»Aber, Vater Propst, das soll doch eingereicht werden!«
»Nein, das soll es nicht!«
Ihm das Papier jetzt fortzunehmen, war unmöglich. Man konnte sicher sein, daß er sich eher von seinem Leben, als von diesem Blatt mit den kostbaren Krakelfüßen seiner Gemeinde trennen würde.
Dies sah der Zwerg ein und versuchte vorsichtig, sich dem Gedankengang Sawelijs anzupassen. Er fing an davon zu reden, wie bedeutungsvoll und erfreulich dieses Eintreten der Gemeinde für ihren Pfarrer sei, und wies weiter darauf hin, daß der Wille der Gemeinde für jeden Einzelnen bindend und heilig sein müsse.
»Sie weinen und wehklagen jetzt, Vater Propst, daß sie Euch nicht mehr sehen sollen.«
»Das ist nicht zu ändern,« sagte der Propst seufzend. »Meine Tage sind ohnedies schon gezählt.«
»Aber ich, Vater Propst? Wie steh' ich da? Was hat die Gemeinde mir anvertraut und womit kehr' ich zu ihr zurück?«
Tuberozow stand auf, durchschritt ein paarmal sein enges Zimmerchen, blieb in der Ecke vor dem Heiligenbilde stehen, zog das Blatt wieder hervor, küßte es noch einmal und reichte es dann dem Zwerg mit den Worten:
»Du hast recht, mein lieber Freund, tu, wie die Gemeinde dir befohlen.«
Zweites Kapitel.
Nikolai Afanasjewitsch hatte viel Mühe, um seinen Auftrag auszuführen, aber er war ebenso unermüdlich wie geschickt. Dieser kleine Abgesandte der großen Gemeinde kannte weder Ermattung noch Überstürzung. Wie eine Klette hängte er sich an alle, die ihm förderlich sein konnten, und ließ sie nicht los. Den Propst besuchte er allabendlich, doch erzählte er ihm nichts von seinen Bemühungen, und Sawelij selbst dachte nicht daran, ihn zu fragen. Inzwischen rückte aber die Sache so gut vorwärts, daß am neunten Tage nach dem Tode Natalia Nikolajewnas, als der Propst vom Friedhof gekommen war, der Zwerg zu ihm sagen konnte:
»Nun, lieber Vater Propst, macht Euch zur Heimreise fertig. Man entläßt Euch.«
»Der Wille des Herrn sei über mir,« erwiderte Tuberozow gleichgültig.
»Man verlangt nur eines von Euch, Ihr sollt Euch schriftlich verpflichten, dieses hinfort nicht mehr zu tun.«
»Gut; ich will's nicht mehr tun ... werde es nicht tun ... ich bin schwach und zu nichts mehr zu brauchen.«
»Wollt Ihr Eure Unterschrift geben?«
»Ja ... ich will ... ich bin bereit.«
»Und dann bittet man noch ... Ihr sollt Euch schuldig bekennen und um Verzeihung bitten.«
»Schuldig? Wessen beschuldigt man mich?«
»Des Übermuts. Das heißt -- sie nennen es so: Übermut.«
»Übermut? Ich war nie übermütig und habe stets auch andere, soviel ich vermochte, davon zurückgehalten. Ich kann mich also nicht einer Sünde schuldig bekennen, die ich nicht begangen habe.«
»Aber sie nennen es so.«
»So sage ich ihnen, daß ich mir keines Übermuts bewußt bin.«
Tuberozow blieb stehen, hob den Zeigefinger der rechten Hand in die Höhe und rief:
»Der Prophet ward nicht übermütig genannt, da er für den Herrn eiferte. Geh hin und sage ihnen: der Priester, den ihr in den Bann getan, läßt euch melden, daß der Eifer des Herrn ihn getrieben, und daß er, wie er als Eiferer geboren, so auch sterben werde. Und jetzt will ich kein Wort von Vergebung mehr hören.«
Mit dieser kategorischen Antwort mußte der Fürsprecher sich entfernen, und wieder lief er von Tür zu Tür, bat, flehte, drohte sogar mit dem menschlichen und göttlichen Gericht, aber alles war vergeblich.
Der Zwerg wurde krank und mußte sich zu Bett legen; die Unmöglichkeit, die Sache zum Austrag zu bringen, die er auf sich genommen, hatte die Kraft und die Geduld des eigenartigen Anwalts gebrochen.
Nun tauschten die beiden Alten ihre Rollen, und wie bisher Nikolai Afanasjewitsch den Propst täglich besucht hatte, so wanderte jetzt Sawelij, wenn er die vorgeschriebene Menge Holz gesägt und die Vesper im Kloster mit angehört hatte, nach dem großen Plodomasowschen Hause, wo der Kranke in einem kleinen Hinterstübchen lag.
Der arme Zwerg tat dem Propst unsagbar leid, er fühlte alle seine Schmerzen mit ihm und sagte seufzend:
»Das hatte noch gefehlt, daß du um meinetwillen leiden mußtest.«
»Ach, Vater Propst, was redet Ihr von mir altem Hasen? Wozu bin ich denn überhaupt noch auf der Welt? Denkt lieber an Euch, und an ihn, an Euren Hohepriester! Er +bittet+ Euch doch, daß Ihr Euch demütigt! Tröstet ihn, gebt nach, bittet um Vergebung.«
»Ich kann nicht, Nikolai, ich kann nicht.«
»Demütigt Euch.«
»Ich demütige mich vor der Gewalt, aber was höher ist als die irdische Gewalt, das hat mehr Macht über mich ... Ich stehe unter dem Gesetz. Sirach hat es uns zur Pflicht gemacht, für die Ehre unseres Namens Sorge zu tragen, und der Apostel Paulus protestierte gegen die Mißachtung seiner Bürgerrechte; ich habe nicht das Recht, mich zu erniedrigen um einer Abbitte willen.«
Der Zwerg gab alle Hoffnung auf und begann, sich zur Heimreise nach Stargorod zu rüsten. Sawelij widersetzte sich dem nicht; im Gegenteil, er riet ihm selbst, schneller abzureisen und gab ihm keinerlei Aufträge, was er daheim sagen oder antworten sollte. Bis zum letzten Augenblick, als er den Zwerg aus der Stadt hinaus bis zum Zollschlagbaum begleitete, bestand er auf seinem Willen und kehrte ruhig in die Stadt und auf den Klosterhof zurück, um sein Holz zu sägen.
Der Kummer des Zwerges war grenzenlos. Er hatte ganz anders gehofft heimzukehren, und seine Gedanken umkreisten unablässig denselben Gegenstand. Plötzlich jedoch kam ihm Erleuchtung -- ein einfacher, klarer, rettender, glänzender Gedanke, wie sie dem Menschen nur selten kommen und fast immer so unverhofft, als würden sie ihm von oben gesandt.
Etwa zehn Werst weit war der Zwerg gefahren, als er dem Kutscher befahl, wieder nach der Stadt zurückzukehren. Sofort begab er sich zu Sawelijs Vorgesetzten und bat flehentlich, man möge dem Propst +befehlen+, Abbitte zu tun.
Da man des halsstarrigen alten Mannes lange überdrüssig war, erfüllte man seinen Wunsch ohne weiteres. Er erschien daher wieder bei Tuberozow und erklärte:
»Nun, stolzer Vater Propst, Ihr wolltet Euch nicht bestimmen lassen, -- jetzt habt Ihr's so weit gebracht, daß Ihr Euch der Strenge fügen müßt. Ich bin beauftragt, Euch mitzuteilen, daß die Obrigkeit Euch kraft der ihr zukommenden Gewalt befiehlt, Abbitte zu tun.«
»Wo soll ich denn den Kniefall tun: hier, oder auf dem Marktplatz, oder in der Kirche?« fragte Tuberozow trocken. »Mir ist es gleich. Was man mir befiehlt, muß ich tun.«
Der Zwerg antwortete, daß kein Mensch eine derartige Demütigung von ihm verlange; er habe schriftlich Abbitte zu leisten.
Sofort setzte sich Tuberozow hin und schrieb das Gewünschte nieder. Als Überschrift wählte er die Worte: »Befohlenes ergebenstes Gesuch.«
Der Zwerg bemerkte, daß das Wort »befohlen« hier ganz unpassend sei, jedoch Sawelij wies ihn energisch zurück:
»Ich hoffe, man hat dich nicht noch beauftragt, mir Unterricht in der Logik zu erteilen. Ich habe genug davon im Seminar gelernt. Du sagtest, es würde mir befohlen, und also schreibe ich auch ›befohlenes Gesuch‹.«