Die Klerisei

Part 20

Chapter 203,707 wordsPublic domain

Die Dame langweilte sich in ihrer Einsamkeit und nahm daher die Einladung der Postmeisterin dankend an. Die giftige Frau Postmeisterin triumphierte. Sie zweifelte nun nicht mehr, daß sie die Honoratioren der Stadt durch ihr unerwartetes Eintreten für den alten Tuberozow verblüffen werde, und daß infolgedessen alle sich notgedrungen ihr anschließen würden, gleichsam als Chorus, als zweite Garnitur.

Die Postmeisterin schwelgte in solcherlei süßen Träumen, -- bis endlich der Tag ihrer Erfüllung gekommen war.

Viertes Kapitel.

Die Hausfrau begrüßte die Gäste und war glückselig, als sie merkte, daß keiner sich mit ernsten Gedanken trug, daß das Schicksal des verbannten Priesters längst niemanden mehr beschäftigte.

Die Gäste waren sämtlich in fröhlichster Stimmung. Als erster erschien der »Kreiskommandant«, Invalidenhauptmann Powerdownia, ein rothaariger Offizier mit großen runden Augen, der sich vom Proviantschreiber hinaufgedient hatte.

Die große, üppige Madame Mordokonaki überstrahlte die ganze Gesellschaft und alles wirkte neben ihr matt und unbedeutend. Sogar Daria Biziukina schien ganz klein geworden. Die Hausfrau floß über von Schmeichelreden, führte dem Gast die interessantesten Leute zu und bat den Hauptmann Powerdownia und den Lehrer Warnawa Prepotenskij, die Dame aufs beste zu unterhalten. Leute, die sich zur Unterhaltung mit der Petersburgerin nicht eigneten, wurden beiseite geschafft, wie der Bürgermeister, welcher die Gewohnheit hatte, im Gespräch oftmals die Redensart anzuwenden: »Da spuck mir einer ins Maul«, sowie ein alter Major, der im Kaukasus gedient und die Veranlassung zur Entstehung des schönen Vergleichs gegeben hatte: »Dumm wie ein kaukasischer Major«, und schließlich der Diakon Achilla. Diese drei Personen waren sehr glücklich in einer kühlen Kammer untergebracht, wo die Weine und kalten Speisen bereitstanden. Sie waren über ihre Verbannung keineswegs betrübt. Ganz ungeniert und in nächster Nähe der Speisen führten sie äußerst lebhafte Gespräche und philosophierten sogar. Der Major wollte wissen, »woher die Frechheit komme«, und erklärte sie daraus, daß die Menschen heutzutage sehr verwöhnt seien -- was er durch eine ganze Menge von Argumenten zu beweisen suchte. Achilla aber wollte so viele Gründe nicht gelten lassen und sagte, die Frechheit hätte zwei Ursachen: »den Zorn und noch häufiger den Wein.«

Der Major dachte nach und meinte dann, es gebe allerdings eine Frechheit, die vom Wein komme.

»Glauben Sie mir, es ist so,« meinte der Diakon und leerte ein großes Glas Likör. »Ich kann mich selbst als Beispiel anführen. Im Dusel bin ich ein sehr netter Kerl, denn ich werde weder wild, noch habe ich böse Gedanken; aber, meine lieben Freunde, ich prahle im Dusel nur zu gerne. Bei Gott! Und nicht, daß ich irgendeine Absicht damit verfolge, nein, es ist, als ob meine Natur es verlangte.«

Der Bürgermeister und der Major lachten.

»Wahrhaftig!« fuhr der Diakon fort. »Ich fange zum Beispiel an zu erzählen, die Gemeinde habe sich an den Bischof gewandt mit der Bitte, mich zum Pfarrer zu ordinieren, was ich selber nicht mal wünsche; oder ein andermal behaupte ich, die Kaufmannschaft des Gouvernements petitioniere um meine Ernennung zum Protodiakon; oder ...« Der Diakon sah sich ängstlich um und fuhr dann im Flüstertone fort: »Einmal platzte ich heraus, ich wäre in jungen Jahren mit der Tochter des Konsistorialsekretärs verlobt gewesen! Also, ich sag' Ihnen, ich hätte mich am liebsten umgebracht, als man mir später von dieser meiner bodenlosen Frechheit erzählte.«

»Wenn der Sekretär das erfahren hätte, hätte es schlimm werden können,« bemerkte der Major.

»Und wie schlimm! Ganz scheußlich!« bestätigte der Diakon und kippte noch ein Gläschen.

»Na, wenn wir schon mal davon reden, will ich Ihnen noch etwas erzählen.« Und seine Stimme noch mehr dämpfend, fuhr er fort: »Ich bin durch diese meine Flunkerei einmal schon in eine so üble Lage gekommen, daß ich aufs Haar einer öffentlichen Exekution unterworfen worden wäre. Haben Sie nichts davon gehört?«

»Nein, absolut nichts.«

»Es war eine ganz böse Sache. Man hätte mich einfach henken können -- auf Grund des ersten Paragraphen im Gesetz!«

»Unmöglich!« rief der Major, ganz aufgeregt.

»Warum unmöglich? Es hätte ganz leicht geschehen können, wenn ein guter Mensch mich nicht gerettet hätte.«

»So erzählt uns doch die Geschichte, Vater Diakon!«

»Ja, sofort, ich will nur noch erst ein Schnäpschen nehmen.«

Achilla leerte noch ein Gläschen und begann den Bericht über sein Verbrechen gegen den ersten Gesetzesparagraphen.

Fünftes Kapitel.

»Das kam alles daher,« fing der Diakon an, »daß ich vor Ostern nach der Gouvernementsstadt fuhr -- mit zwei Pferden. Eins war meines und das andere gehörte dem Subdiakon Serioga. Wir hatten sie beide vor einen Wagen gespannt. Serioga wollte seine Kinder aus der Stadt abholen, und was ich da zu suchen hatte, das mag der Teufel wissen. Ich wollte wohl ein paar gute Bekannte wiedersehen. Als wir nun vor die Stadt kamen, sahen wir, daß die Brücke fort war und eine Fähre die Leute hinüberschaffte. Am Ufer herrschte ein fürchterliches Gedränge; Kopf an Kopf standen die Menschen da; im Zollhäuschen aber hatte ein Soldat einen Branntweinausschank. Na, da die Reihe an uns noch nicht so bald kommen konnte, gingen wir hinein und tranken ein jeder zwei Gläschen, uns zu erwärmen. Auch hier war alles voll von Leuten: Mönche und Fuhrleute und Soldaten und Beamte -- das sind die allerschlimmsten -- und auch einige Amtsbrüder. Es fanden sich auch ein paar Bekannte aus unserer Gegend, und so mußte man, anläßlich des frohen Wiedersehens, gleich noch zwei Gläschen kippen. Ein Schreiber, ein ungeheuer freches Maul, fing an, uns aufzuziehen. Ich sagte ihm: ›Geh hin, wo du hergekommen bist. Du gehörst nicht zu uns.‹ Darauf er: ›Ich bin ein Offizier meines Kaisers!‹ Und ich: ›Ich selbst bin so gut wie ein Stabsoffizier, mein Bester!‹ -- ›Stabsoffizier‹, sagt er drauf, ›ist der Pope, du bist aber sein Untergebener.‹ Da sage ich, vor dem Throne Gottes stünde ich allerdings unter dem Popen meinem Amte nach, in der Politik aber seien wir beide gleich. Da ging der Streit los. Ich wurde immer hitziger, infolge der vielen Gläschen, und rief schließlich: ›Du Tintenseele, was verstehst denn du davon? Du kannst doch die Heilige Schrift gar nicht verstehen, denn du hast keine Gedärme im Kopf. Sag doch mal, hat je ein Pope auf dem Zarenthron gesessen?‹ ›Nein,‹ sagt er. ›Na also! Ein Diakon aber ist Zar gewesen und hat die Krone auf dem Haupt getragen!‹ -- ›Wer war denn das?‹ fragt er. ›Wann ist das gewesen?‹ -- ›Ja, wann? Ich bin kein Arithmetikus und hab' die Jahreszahlen nicht alle im Kopf, aber nimm mal ein Buch zur Hand und lies nach, was Grigorij Otrepiew war, bevor er als Demetrius Zar wurde, dann wirst du sehen, was ein Diakon wert ist.‹ -- ›Nu ja,‹ sagt er, ›das war Otrepiew, aber du, du bist eben kein Otrepiew!‹ -- Besoffen, wie ich bin, platz ich auf einmal los: ›Woher kannst du denn das wissen? Vielleicht bin ich noch viel mehr? Der sah dem Demetrius ähnlich, und ich habe vielleicht ein Gesicht wie irgendein Franziskus Venezianus oder ein Mahmud und werde auch König!‹ Kaum hatt' ich das gesagt, meine Lieben, so erhebt dieser verfluchte Federfuchser ein Geschrei, ruft Zeugen auf, bringt die Sache zu Papier. Man packte mich, band mich, setzte mich in einen Wagen, gab mir einen Polizisten mit und schaffte mich in die Stadt. Na und dann -- Gott schenke ihm Gesundheit und langes Leben und nach dem Tode die ewige Seligkeit -- dem Gendarmenoberst Albert Kasimirowitsch, der damals an der Spitze der Geheimpolizei stand! Am Morgen ließ er mich zu sich kommen, rief seine Frau herbei und sagte: ›Da, sieh mal, Herzchen, so sieht ein Thronprätendent aus.‹ Und dann lachte er mich noch tüchtig aus und ließ mich laufen. ›Geh nur, Vater Mahmud,‹ sagte er, ›und in Zukunft zähle die Gläser, die du leerst.‹ Gott schenke ihm ein langes Leben!« wiederholte der Diakon noch einmal und hob sein Glas. »Ich will auch heut noch auf sein Wohl trinken!«

»Da seid Ihr noch glücklich aus der Klemme gekommen,« sagte der Major langsam.

»Und ob! Ich sag's ja: der Pole ist ein guter Kerl. Der Pole liebt die Regierung nicht, und wo es gegen sie geht, ist er immer nachsichtig.«

Gegen Mitternacht wurde die Unterhaltung der drei Einsiedler unterbrochen; denn die Stunde war gekommen, in der auch sie sich der Gesellschaft anschließen durften: man bat sie zu Tische.

Sechstes Kapitel.

Das Fest sollte jetzt seinen Höhepunkt erreichen.

Kaum hatten alle Platz genommen, so sprang auch schon der Hauptmann Powerdownia wieder auf und apostrophierte die Petersburger Dame folgendermaßen:

»Die uns gesandt ein gütiger Himmel, Du Holde, Schöne! Dich grüßen aus dem irdischen Gewimmel Meiner Leier Töne! Steig hernieder zu uns aus des Äthers Bläue Und laß dich's nicht verdrießen Von dieses Festes Gaben zu genießen, Die wir dir spenden in Begeisterung und Treue!«

Die Aristokratin aus dem Geschlecht der Branntweinpächter hörte dem Dichter mit lieblichem Erröten zu und empfing aus seinen Händen ein Blättchen, auf dem, nicht ganz orthographisch, aber mit kunstreichen Schnörkeln, das Gedicht verewigt war.

Die Hausfrau war entzückt, aber die Gäste waren sowohl über das Gedicht, als auch über die Wahl des Augenblicks für seinen Vortrag sehr verschiedener Meinung.

Doch wie dem auch sei, die ganze Gesellschaft wurde ungemein lustig, was der Postmeisterin gar nicht recht paßte. Man redete so laut und lebhaft durcheinander, daß es der Hausfrau unmöglich wurde, eine etwa eintretende Pause zu benutzen, um an den verbannten Propst zu erinnern. Die Petersburgerin schien sich übrigens sehr gut zu unterhalten. Sie wisse gar nicht, meinte sie zur Postmeisterin, wie sie ihr danken solle für das Vergnügen, das ihre Gäste ihr verschafft, und wenn ihr etwas leid tue, so sei es nur der Umstand, den Diakon und den Hauptmann Powerdownia erst so spät kennen gelernt zu haben. Als Powerdownia dieses Urteil hörte, sprang er auf und machte der Dame eine tiefe Verbeugung. Auch der Diakon nahm das Lob nicht gleichgültig hin: er gab Prepotenskij einen Rippenstoß und sagte:

»Siehst du wohl, du Schafskopf, wie hoch man uns schätzt! Von dir sagt keiner was.«

»Selber Schafskopf!« erwiderte der geärgerte Lehrer ebenso leise.

Powerdownia sann einen Augenblick nach, dann packte er den Diakon fest am Arm, stand mit ihm zusammen auf und sagte in beider Namen:

»Wir wollen heilig dein Gedächtnis ehren, Und sollten Jahre vorübergehen. O lichter Geist, laß dich erflehen: Woll unserer Bitte Erhörung gewähren!«

Hierauf setzten sie sich wieder unter donnerndem Applaus.

»Siehst du wohl? Und du weißt wieder nichts zu sagen,« wandte sich Achilla vorwurfsvoll an den Lehrer. Powerdownia aber war schon wieder aufgesprungen und redete die Hausfrau also an:

»Du bist genannt Matrona Und aller Frauen Krona! Hurra!«

»O dieser Hauptmann! Er ist die Seele der Gesellschaft,« meinte die Postmeisterin geschmeichelt.

»Und du bringst immer noch nichts fertig,« ließ der Diakon dem Warnawa keine Ruhe.

»Wollen wir alle Verse deklamieren!«

»Ja, alle! Der Polizeichef muß anfangen!«

»Warum nicht? Ich will's gerne versuchen!« sagte der Polizeichef. »Ganz ungeniert: wer nichts weiß, braucht nicht mitzumachen.«

»Anfangen! Fix, Herr Rittmeister! Was soll das? Anfangen!«

Der Rittmeister Porochontzew stand auf, hob sein Glas bis zur Höhe seines Gesichtes, sah durch den Wein gegen das Licht und fing an:

»Als der Despot entsagte seinem Thron, Um so durch abgefeimte Lügen Sein Opfer, Rußland, in den Schlaf zu wiegen, Und es alsdann noch schlimmer zu bedrohn, -- Da ließ die Freiheit ihre Stimm' erschallen, Und hätte Rußland drauf gehört, Ihm wär' ein neuer Tag beschert, Die Fesseln wären abgefallen. Doch gleich dem Diebe, den der Morgen schreckt, Hast schmählich du dich vor dem Freund versteckt! Der rief: Der Juden Greueltaten, Der schnöde Abfall der Uniaten, Und alle Sünden der Sarmaten, -- Es komme alles auf mein Haupt, Ich trag' es ohne viel Bedenken, Könnt' ich dem Volk der Russen wieder schenken Die Freiheit, die man ihm geraubt! Hurra!«

»Alle tragen etwas vor, nur du nicht,« fing der Diakon, sich an Prepotenskij wendend, wieder an.

»Nein, Freundchen, sag was du willst, -- wenn du trinkst und nichts vorzutragen weißt, dann bist du kein Mensch, sondern bloß eine Bütte voll Wein.«

»Laßt mich mit Eurer Bütte in Frieden! Ihr seid selbst eine!« antwortete der Lehrer.

»Wa--a--as?!« schrie Achilla gekränkt. »Ich eine Bütte? Und das wagst du mir ins Gesicht zu sagen! Ich eine Bütte?«

»Ja, natürlich!«

»Wa--a--as?!«

»Ihr könnt ja selber nichts vortragen!«

»Ich nichts vortragen? O du dreifacher Dummkopf! Wenn ich bloß will, so trage ich dir so etwas vor, daß du aufspringen und mir stehend zuhören mußt!«

»Na, versucht es doch mal!«

»Gleich werd ich's auch, damit du dich überzeugst, daß ich tatsächlich auch den Oberkiefer bewegen kann!«

Mit diesen Worten erhob sich Achilla, sah die ganze Gesellschaft mit weitaufgerissenen Augen an, richtete den Blick schließlich starr auf ein Salzfaß, das in der Mitte des Tisches stand, und fing mit seinem tiefen weichen Baß an:

»Ein geru--u--u--hig und friedli--i--i--ch Leben, Gesu--u--undheit und Wo--o--ohlergehen ... und heilsa--a--ames Wirken und Scha--a--a--ffen ... und Sieg über die Feinde ...« usw. usw.

Achillas Stimme griff immer höher, Stirne, Kinnbacken, Schläfe, die ganze obere Hälfte seines breiten Gesichtes waren mit Schweiß bedeckt und glühten in feurigem Rot; die Augen krochen aus ihren Höhlen, auf den Wangen und an den Mundwinkeln zeigten sich weiße Flecke, der Mund war weit aufgerissen wie eine Trompete und mit Dröhnen und Krachen entstieg ihm das »Heil und Segen«, das alle unbelebten Wesen im Hause erzittern machte und die Lebendigen zwang, sich von den Plätzen zu erheben und, ohne die erstaunten Augen von dem geöffneten Munde des Diakons zu wenden, gleich nachdem der letzte Ton verklungen, im Chor einzufallen: »Heil und Segen! Heil und Se--e--egen!«

Warnawa allein wollte bei seiner Beschäftigung bleiben und gemächlich weiteressen, aber Achilla riß ihn mit Gewalt in die Höhe und sang, ihn fest am Arm haltend: »Heil und Se--e--e--gen! Heil und Se--e--e--egen!«

Der Bürgermeister gab seinem Nachbar eine blaue Fünfrubelnote, die er dem Diakon weitergeben sollte.

»Was heißt denn das?« fragte Achilla.

»Der ganzen Verwaltung. Sing noch ›der ganzen Verwaltung und dem christlichen Heer‹,« bat der Bürgermeister.

Der Diakon steckte die Note in die Tasche und stimmte nochmals an:

»Und der ganzen Verwaltung und dem chri--i--istlichen Hee--e--e--ere Heil und Se--e--e--gen!«

Hier übertraf Achilla sich selbst, und als er schloß, wagten nur noch der Vater Zacharia, der an die Stimme des Diakons gewöhnt war, und der Bürgermeister einzufallen: alle übrigen Gäste waren auf ihre Stühle gesunken und hielten sich an den Lehnen, dem Tisch oder ihren Nachbarn fest.

Der Diakon war höchst befriedigt.

»Sie haben einen wunderbaren Baß,« sagte die Petersburger Dame, die zuerst wieder zu sich gekommen war.

»Ach Gott, es war ja nicht deswegen, ich wollte nur zeigen, daß ich kein Feigling bin und sehr gut etwas vortragen kann.«

»Schau, schau, wer ist denn hier feige?« mischte sich Zacharia ins Gespräch.

»Vor allem Ihr selber, Vater Zacharia! Ihr könnt ja nicht mal mit den Vorgesetzten richtig sprechen: Ihr fangt gleich an zu stottern.«

»Das ist wahr,« bestätigte Zacharia, »ich komme leicht ins Stottern, wenn ich mit einem Vorgesetzten rede. Aber du? Du hast gar keinen Respekt vor Höherstehenden?«

»Ich? Mir ist's ganz gleich, ob ich mit dem Bischof selber oder mit einem einfachen Manne rede! Der Bischof sagt zu mir: ›So und so, mein Bester,‹ -- und ich antworte ihm gerade so: ›Ganz recht, so und so, Eure Eminenz!‹ Weiter nichts.«

»Ist das wahr, Vater Zacharia?« fragte der Arzt, der dem Diakon gern etwas am Zeuge flicken wollte.

»Er flunkert,« sagte Benefaktow mit der größten Seelenruhe, ohne seine sanften Augen vom Diakon zu wenden.

»Er knickt auch vor dem Bischof zusammen?«

»Allerdings.«

»Nie und nimmer! So was kommt bei mir nicht vor!« rief der Diakon, sich in die Brust werfend. »Wie wäre das auch möglich? Wollte ich mich um alle kümmern, ich wüßte nicht, wo ich hin sollte. Was hat denn der Bischof so viel zu bedeuten, wenn ich jetzt Tag für Tag von einer Person beobachtet werde, die viel mehr zu sagen hat, als so ein Bischof!«

»Du meinst wohl mich?« sagte der Arzt.

»Wie sollte ich denn darauf kommen? Nein, dich meine ich nicht.«

»Wen denn sonst?«

»Hast du die neuesten Zeitungen gelesen?«

»Was hat denn drin gestanden?« fragte die Petersburger Dame, die sich wie ein Kind amüsierte.

»Auf Befehl des Oberhofpredigers Baschanow ist der kaiserliche Kirchenmusikdirektor auf Reisen geschickt worden, um in ganz Rußland Bässe für die Hofkapelle Seiner Majestät anzuwerben. Er steht im Range eines Generals und hat eine Unmenge Orden. Der Bischof ist nichts neben ihm, denn bei Seiner Majestät ist ja schon der Kutscher, der auf dem Bock sitzt, Oberst. Na, also dieser Musikmeister reist nun unerkannt, als ganz einfacher Mann gekleidet, damit die Bässe sich in seiner Gegenwart nicht absichtlich anstrengen, denn er will wissen, was sie für gewöhnlich zu leisten imstande sind.«

Der Diakon wußte nicht, was er weiter sagen sollte, aber der Arzt ließ nicht locker.

»Nun, und was weiter?«

»Was weiter? Der Herr Musikdirektor befindet sich jetzt schon vier Wochen hier in der Stadt. Merkst du was? Ich sehe ihn jeden Sonntag in seinem blauen Rock unter den Kleinbürgern in der Kirche stehen. Er ist meinetwegen da, aber wie verhalte ich mich dazu? Ein anderer würde sich rein die Beine ausreißen, um dem kaiserlichen Abgesandten zu gefallen, würde ihn zu sich einladen, ihm Schnaps und Tee vorsetzen, -- nicht wahr? Aber ich tue nichts dergleichen. Mag er zehnmal kaiserlicher Musikus sein, mir ist's ganz wurst! Ich halte mich ans Gesetz. Du hast mir nach dem Gesetz zu handeln, mein Lieber, und magst du das nicht, dann adieu! Glückliche Heimreise!«

»Das ist natürlich alles Schwindel?« wandte sich der Arzt an Zacharia.

»Schwindel,« erwiderte dieser seelenruhig. »Er hat ein wenig über den Durst getrunken, da hören wir bis morgen kein wahres Wort mehr. Er wird jetzt ohne Ende phantasieren und großtun.«

Achilla war trotzdem gekränkt. Es schien ihm, als glaubte man jetzt auch nicht mehr, daß er kein Feigling sei; was ihm unerträglich war. Daher fing er wieder von seiner Tapferkeit an zu sprechen und wollte sofort auf die schwerste Probe gestellt sein.

»Ich will allen beweisen, daß ich hier der Tapferste bin, und ich werde es!«

»Prahlt lieber nicht damit, Vater Diakon,« sagte der Major. »Manchmal wird auch der Tapferste von Angst gepackt, und der Feigling leistet, was keiner von ihm erwartet hätte.«

»Da pfeif' ich drauf! Los!«

»Ja, was soll denn eigentlich losgehen? Ich will Euch lieber ein Beispiel vorführen.«

»Auch gut! Nur immer zu!«

Siebentes Kapitel.

»Als ich aus dem Kaukasus nach Rußland zurückversetzt wurde,« fing der Major an, »hatten wir einen Oberst, der ein urfideler Herr und ein ausgezeichneter Soldat war. Er besaß sogar einen goldenen Ehrensäbel. Unter ihm machte ich anno Achtundvierzig den ungarischen Feldzug mit. In einer Nacht mußten damals Freiwillige vorgeschickt werden, als wir gerade beim Wein saßen. Der Oberst fragte: ›Wieviel haben sich denn gemeldet?‹ ›Hundertzehn,‹ antwortet der Adjutant. ›Oho!‹ meinte der Oberst und legte die Karten hin, denn man hatte sich eben ans Preferance gemacht. ›Das ist ein bißchen viel. Sind gar keine Hasenfüße drunter?‹ -- ›Nein,‹ erwiderte der Adjutant. ›Na,‹ meint der Oberst, ›trommeln Sie mal die Kerls zusammen.‹ Das geschieht. ›Nun,‹ fängt der Oberst an, ›machen wir mal die Probe. Wer ist der Tapferste? Wer gilt als Obmann?‹ Man nennt ihm irgendeinen Iwanow oder Sergejew. ›Schafft ihn mir her! Bist du der Obmann?‹ -- ›Zu Befehl, Euer Hochwohlgeboren!‹ -- ›Bist du nicht feige?‹ -- ›Nein, Euer Hochwohlgeboren!‹ -- ›Nicht ein bißchen?‹ -- ›Ganz und gar nicht, Euer Hochwohlgeboren!‹ -- ›Wirklich nicht?‹ -- ›Nein.‹ -- ›Nun, wenn du nicht feige bist, so zupf' mich am Bart!‹ Der Soldat steht da und rührt sich nicht und wagt's nicht. Man ruft einen zweiten, -- dieselbe Geschichte! Einen dritten, vierten, fünften, zehnten -- keiner wagt's. Alle erwiesen sie sich als Feiglinge.«

»Ach, hol ihn dieser und jener! Das war ein Spaß!« rief Achilla hocherfreut. »Wenn du nicht feige bist, ei, so zupf' mich am Bart! Ha--ha--ha! Das ist famos! Hauptmann, alter Freund, laß dich mal vom Lehrer Warnawa am Bart zupfen!«

»Mit Vergnügen,« sagte der Hauptmann.

Prepotenskij weigerte sich, aber da fing man so bösartig über seine Feigheit zu spotten an, daß er ja sagen mußte.

Achilla stellte einen Stuhl in die Mitte des Zimmers, der Hauptmann Powerdownia setzte sich drauf und stemmte die Arme in die Hüften.

Um ihn herum standen der Polizeichef, Zacharia, der Bürgermeister und der Major.

Der Lehrer pustete, krümmte und schüttelte sich, schlug bald die Augen schüchtern nieder und riß sie bald weit auf, machte einen Schritt vorwärts und trat wieder zurück.

»Also du bist doch ein Feigling,« sagte Achilla, »aber denke mal nach, Schafskopf: wovor fürchtest du dich denn eigentlich? Es ist ja zum Lachen!«

Warnawa dachte nach, wurde aber davon nur noch schwächer. Powerdownia jedoch saß da wie ein Götzenbild, fühlte sich als »Seele der Gesellschaft« und freute sich über die neue Überraschung, die er im Schilde führte.

»Du bist ein Feigling, mein Bester, ein ganz elender Feigling!« flüsterte Achilla dem Lehrer ins Ohr.

»Das geht doch nicht, die Gäste warten,« bemerkte der Major.

Prepotenskij zeigte mit dem Finger auf den Polizeichef und sagte: »Ich will lieber Woin Wasiljewitsch am Bart zupfen.«

»Nein, mich sollst du zupfen,« erklärte der Hauptmann mit sehr ernstem Gesicht.

»Feigling, Feigling,« flüstert es wieder von allen Seiten. Warnawa hört es, kalter Schweiß läuft ihm übers Gesicht, es kribbelt ihn am ganzen Körper; die Angst packt ihn, wie eine unerträgliche, lähmende, quälende Krankheit, sein Ausdruck bekommt etwas Starres, Schreckliches.

Achilla, der ihn genau beobachtete, hatte das zuerst bemerkt. Als er die Augen des Lehrers aufflammen sah, gab er dem Polizeichef ein Zeichen, etwas zur Seite zu treten, den Vater Zacharia aber nahm er ganz einfach beim Ärmel, zog ihn zurück und sagte:

»Steht nicht so dicht bei ihm, Vater Zacharia. Seht Ihr nicht? Er träumt!«

Warnawa tat einen Schritt vorwärts. Noch einen zweiten. Die zitternde Hand des Feiglings gerät in Bewegung, sie hebt sich langsam, bewegt sich vorwärts, -- aber nicht nach dem Barte des Hauptmanns, sondern geradewegs nach dem Gesichte des Polizeichefs.

»Der Teufel mag wissen, was in dem Kerl vorgeht!« rief Achilla und winkte dem Polizeichef noch einmal zu. Geh lieber fort, sollte das heißen, siehst du nicht, daß der Mann von Sinnen ist?

In diesem selben Augenblick jedoch hatte Prepotenskij, die Augen zugekniffen, ganz von ferne den Schnurrbart Powerdownias gestreift: sofort stieß der Hauptmann ein grimmiges Knurren aus und fing dann an laut zu bellen.

Das war dem armen Warnawa zu viel. Er schrie wild auf, stürzte sich wie ein Panther auf den Polizeichef und schlug sinnlos um sich.

Hierauf war niemand gefaßt. Der Effekt war großartig. Die umgestürzte Lampe, das aufflammende Petroleum, die wild flüchtenden Gäste, das Entsetzen des Polizeichefs, das Geheul Warnawas, der in einem Winkel sich mit wütenden Schlägen vor dem Gespenst, das ihn packen wollte, zu schützen suchte, alles machte eine Fortsetzung des Festes unmöglich.