Part 2
Der Diakon brannte förmlich vor Neugier und wußte nicht, was er ersinnen sollte, um das Gespräch auf die Stäbe zu bringen. Aber die Sache kam bald von selbst zur Erledigung. Am fünften oder sechsten Tage nach seiner Heimkehr bat der Vater Sawelij nach dem Hauptgottesdienst den Stadthauptmann, den Schulinspektor, den Arzt und den Vater Zacharia nebst dem Diakon Achilla zu sich zum Tee und fing wiederum zu erzählen an, was er alles in der Gouvernementsstadt gehört und gesehen habe. Er berichtete ihnen von vielerlei schönen Sachen, welche er in den Kaufläden gesehen hatte. »Es ist erstaunlich,« meinte er, »was die dortige Kunstfertigkeit zu leisten vermag.«
Mit diesen Worten ging der Propst ins Nebenzimmer und kam, in jeder Hand einen der wohlbekannten Stäbe haltend, wieder zurück.
»Sehen Sie mal hier,« sagte er, indem er den Gästen die Oberfläche der beiden goldenen Knöpfe vor die Augen hielt.
Der Diakon Achilla riß die Augen auf, um zu erspähen, was der Politikus zustande gebracht hatte, um die gleichwertigen Stäbe unterscheiden zu können. Aber ach! Es war kein wesentlicher Unterschied zu erkennen. Im Gegenteil, ihre Gleichwertigkeit schien nun erst vollkommen, denn in der Mitte eines jeden Knopfes war in ganz gleicher Weise, von einem Strahlenkranze umgeben, ein Gottesauge eingraviert, um welches sich eine kurze Kursivinschrift schlang.
»Und Lettern sind keine da, Vater Propst?« bemerkte Achilla, dem die Geduld ausging.
»Was willst du noch für Lettern?« erwiderte Tuberozow, ohne ihn anzusehen.
»Um sie in ihrer Gleichwertigkeit zu unterscheiden.«
»Immer kommst du mit deinem dummen Zeug,« wandte sich der Propst zum Diakon, und dann stützte er den einen Stab gegen seine Brust und sprach:
»Das soll meiner sein.«
Der Diakon Achilla warf einen schnellen Blick auf den Knopf und las über dem Gottesauge: »Und er fand den Stecken Aarons blühen.«
»Und den nimmst du, Vater Zacharia,« schloß der Propst und gab ihm den andern Stab.
Auf dem Knopfe desselben war um das völlig gleiche Gottesauge in ganz derselben altslawischen Kursivschrift eingraviert:
»Und er gab den Stab in seine Hand.«
Kaum hatte Achilla diese zweite Inschrift gelesen, so knickte er hinter dem Rücken des Vaters Zacharia zusammen, und, den Kopf gegen den Bauch des Arztes stemmend, zuckte und strampelte er in einem unbändigen Lachanfall.
»Na, Quälgeist, was gibt's wieder? Was gibt's?« wandte sich der Vater Zacharia ihm zu, während die übrigen Gäste noch die kunstvolle Arbeit des Juweliers an den Priesterstäben bewunderten.
»Lettern? He? Lettern, du krauser Schafbock du? Wo sind hier die Lettern?«
Der Diakon aber prustete und lachte nur immer toller.
»Was lachst du? Was ficht dich an?«
»Wer ist jetzt der Schafbock, he?« fragte der Diakon, die Worte mühsam hervorstoßend.
»Du natürlich, wer denn sonst?«
Achilla brach in ein neues Gelächter aus, packte den Vater Zacharia an den Schultern und flüsterte theatralisch:
»Na und Ihr, Vater Zacharia, wo Ihr so viel Logik studiert habt, lest doch noch einmal. ›Und er gab den Stab in seine Hand.‹ Was sagt Eure Logik dazu? Wo soll eine solche Inschrift hinaus?«
»Wo hinaus? Nun, so sag du es doch, wo sie hinaus soll!«
»Wo hinaus? Dahinaus,« sagte der Diakon langsam und gedehnt, »daß man ihm mit dem Lineal eins auf die Pfoten gegeben hat.«
»Du lügst!«
»Ich lüge?! Und warum ist denn +sein+ Stecken erblüht? Und kein Wort davon, daß er ihm in die Hand gegeben ist? Warum? Weil das zum Zweck der Erhöhung geschrieben ist, Euch aber ist's zur Erniedrigung geschrieben, daß Euch der Knüppel in die Tatze gelegt ist.«
Vater Zacharia wollte etwas erwidern, aber der Diakon hatte ihn wirklich irre gemacht. Achilla triumphierte, daß es ihm gelungen war, den sanften Benefaktow aus der Fassung zu bringen, doch sein Triumph war nur von kurzer Dauer.
Kaum hatte er sich umgewandt, so sah er auch schon, daß der Propst ihn scharf ins Auge gefaßt hatte, und sobald er bemerkte, daß der Diakon unter der Wirkung dieses strengen Blickes verlegen zu werden begann, wandte er sich an die Gäste und sagte mit ganz ruhiger Stimme:
»Die Inschriften, die Sie hier sehen, habe ich nicht selbst ausgedacht. Der Konsistorialsekretär Afanasij Iwanowitsch hat sie mir empfohlen. Auf einem Abendspaziergang kamen wir beim Goldschmied vorbei, und da meinte Afanasij Iwanowitsch: Wißt Ihr, Vater Propst, was für ein Gedanke mir gekommen ist? Ihr solltet Inschriften auf die Stäbe setzen. Für Euch ›der Stecken Aarons‹ und für den Vater Zacharia -- eben jene, die jetzt dasteht.«
»Und du, Vater Diakon,« fuhr der Propst fort, »ich wollte auch etwas von deinem Stabe sagen, wie du mich gebeten hattest, aber ich bin der Meinung, es wäre am besten, du trügest den Stab überhaupt nicht, denn er kommt deinem Amte nicht zu.«
Und damit schritt der Propst in aller Seelenruhe nach der Stubenecke, in welcher der berühmte Stab des Achilla stand, nahm ihn und schloß ihn in den Kleiderschrank ein.
Dieses war der größte Zwist, der sich je in der Stargoroder Pfarrei abgespielt hatte.
Wie es heißt, daß durch ein Dreierlicht einst ganz Moskau in Flammen aufgegangen ist, so entstand auch daraus bald eine ganze Geschichte, welche die verschiedensten Charakterschwächen und Vorzüge Sawelijs und Achillas an den Tag brachte.
Der Diakon kannte diese Geschichte am besten, erzählte sie aber nur in Augenblicken äußerster Erregung.
Drittes Kapitel.
»Was,« sagte Achilla, »hätte ich von Rechts wegen damals tun sollen? Ich hätte dem Vater Propst zu Füßen fallen und ihm sagen sollen: so und so stehen die Dinge, nicht aus Bosheit, nicht aus Gehässigkeit hab' ich das gesagt, sondern einzig, um dem Vater Zacharia zu zeigen, daß ich zwar nichts von Logik verstehe, aber darum doch nicht dümmer bin als er. Aber der Stolz übermannte mich und hielt mich zurück. Ich ärgerte mich, daß er meinen Stab in den Schrank geschlossen hatte, und daß dann noch der Lehrer Warnawka Prepotenskij dazwischenkam. ... Ach, ich sag' euch, so bös ich auch auf mich selbst bin, es ist nichts gegen die Wut, welche ich auf den Lehrer Warnawka habe! Ich will nicht ich sein, wenn ich sterbe, ohne zuvor mit diesem Sohn der Hostienbäckerin abgerechnet zu haben!«
»Das darfst du auch wieder nicht,« unterbrach Vater Zacharia den Achilla.
»Warum denn nicht? Gottlosigkeit duld' ich nicht! Da frage ich nicht nach der Person! Und die Sache macht sich ganz von selbst: ich fahr' ihm mit der Faust in den Schopf, schüttel' ihn tüchtig durch und laß ihn dann laufen. Jetzt geh und beschwer' dich, daß du von einer geistlichen Person wegen Gottlosigkeit durchgewalkt worden bist! ... Der wird sich hüten! ... Ach, du mein Gott! Was war nur in mich gefahren, daß ich auf diesen Taugenichts hören konnte, und wie ist's möglich, daß ich ihn bis heute mir noch nicht richtig vorgenommen habe! Den Küster Sergej hab' ich damals für sein Geschwätz über den Donner sofort verwichst; den Kommissar, den Kleinbürger Danilka, der sich in den letzten großen Fasten unterstand, auf offener Straße ein Ei zu essen, hab' ich unverzüglich vor versammeltem Volke nach Gebühr an den Ohren gezaust, -- und diesen Lümmel laß ich immer noch frei herumlaufen, obgleich er mir das Ärgste angetan hat! Wäre er nicht gewesen, so würde es gar nicht zu diesem Zwist gekommen sein. Der Vater Propst hätte mir wegen meiner Äußerung über den Vater Zacharia gezürnt, aber nicht lange. Muß da dieser Warnawka kommen, und erbittert und gepeinigt, wie ich bin, laß ich mich von ihm aufhetzen! Er schwatzt mir vor: ›Diese Tuberozowsche Inschrift ist zu allem andern auch noch dumm!‹ Ich in meiner Pein, müßt ihr wissen, lechzte förmlich danach, auch dem Vater Sawelij was anzuhängen, und so fragte ich, was denn Dummes daran sei. Warnawka sagte: ›Dumm ist sie, weil die Tatsache, von der in ihr die Rede ist, gar nicht feststeht. Und nicht nur das, -- sie ist überhaupt unglaubwürdig. Wer, sagt er, kann es denn bezeugen, daß der Stecken Aarons erblühte? Kann ein trockenes Stück Holz Blüten treiben?‹ Ich fiel ihm hier in die Rede und meinte: ›Bitte sehr, Warnawa Wasiljitsch, solche Reden darfst du nicht führen. Der allmächtige Willen Gottes ist stärker als die Ordnung der Natur.‹ ... Aber weil diese unsere Unterhaltung bei der Akziseeinnehmersfrau, der Biziukina, stattfand, welche allerlei Flüssiges aufgetischt hatte, lauter gute Weine, -- nichts als ho--ho--ho: ~Haut-Sauterne~ und ~Haut-Margaux~, -- so war ich, hol mich dieser und jener, schon ein bißchen benebelt, und der Warnawka redete sein gelehrtes Zeug in mich hinein. ›So war's ja auch -- sagte er -- dazumal mit dem Menetekel beim Gastmahl des Belsazar. Heut haben wir's als reinsten Schwindel erkannt. Wollt ihr, so mach ich's euch gleich mit einem Phosphorstreichhölzchen vor.‹ Ich war starr vor Entsetzen, er aber quasselte immer weiter: ›Und überhaupt, sagte er, es wimmelt da nur so von Widersprüchen.‹ Dann legte er los, wißt ihr, und redete und redete und widerlegte alles, und ich saß dabei und hörte zu. Und nun noch dieser ~Haut-Margaux~! Ich war so schon gepeinigt genug, und fing am Ende selber an in freigeistigem Stil zu reden. Ja, sagte ich, wenn ich nicht sähe, was der Vater Sawelij für ein aufrechter Mann ist, denn ich weiß, er steht vor dem Altar und der Rauch seines Opfers steigt kerzengerade empor, wie beim Opfer Abels, ich möchte nur kein Kain sein, sonst könnte ich ihn schon ... Versteht ihr wohl, so redete ich vom Vater Sawelij! Und diese Person, die Biziukina, meinte: ›Ja, versteht Ihr denn selber, was Ihr da schwatzt? Wißt Ihr überhaupt, was der Kain wert war? Was war denn -- sagte sie -- Euer Abel? Nichts weiter als ein kleines Schaf, ein Kriecher und Streber, eine Sklavennatur; Kain aber war ein stolzer Mann der Tat. So -- sagte sie -- hat ihn der englische Schriftsteller Biehron geschildert ...‹ Und nun legte sie los ... Na, von all dem ~Haut-Margaux~ schon so spiritualisiert, überkam mich plötzlich ein Gefühl, als müßte ich zum Kain werden und damit Punktum. Als ich auf dem Heimweg bis zum Hause des Vater Propst gelangt war, blieb ich vor seinen Fenstern stehen, stemmte, wie ein Offizier, die Arme in die Seiten und brüllte los: ›Ich Zar, ich Knecht, ich Wurm, ich Gott!‹ Grundgütiger Gott, wie entsetzlich ist mir jetzt die bloße Erinnerung an meine Schamlosigkeit! Als der Vater Propst mein Gemecker vernommen, sprang er aus dem Bette, trat im Hemde ans Fenster, stieß es auf und rief mit zorniger Stimme: ›Geh zu Bett, du wütiger Kain!‹ Ihr könnt mir's glauben, ich erbebte bei diesem Wort. Denn er hatte mich schon Kain genannt, da ich es doch erst werden wollte. Er hatte es vorausgesehen! Ach Gott, ach Gott! Ich konnte mich kaum nach Hause schleppen; meine ganze Widerspenstigkeit war hin, und bis auf den heutigen Tag kann ich seitdem nur trauern und stöhnen.«
War er in seiner Erzählung so weit gekommen, versank der Diakon gewöhnlich in Gedanken, seufzte, und fuhr nach einer Minute in melancholischem Tone fort:
»Und nun fliehen und fließen die Tage dahin, aber der Zorn des Vater Sawelij ist bis auf heute nicht von ihm gewichen. Ich ging zu ihm und klagte mich selber an; ich klagte mich an und tat Buße. Ich sprach: ›Vergebt mir, wie der Herr den Sündern vergibt‹ -- aber ich erhielt nichts zur Antwort, als ›Geh.‹ Wohin? Wohin soll ich gehen, frage ich. Mit den Leuten da werde ich wirklich noch zum Kain ... Ich weiß es, ich weiß es genau, nur er allein, nur der Vater Sawelij vermag mich in Subordination zu halten -- und er ... und er ...«
Bei diesen Worten kamen dem Diakon die Tränen in die Augen und leise aufschluchzend schloß er seinen Bericht:
»Und er spielt ein so böses Spiel mit mir -- er schweigt! Was ich auch sage, er schweigt! ... Warum schweigst du?« schrie der Diakon plötzlich laut auf und fing nun wirklich an zu schluchzen. Dabei streckte er beide Arme in der Richtung aus, wo sich nach seiner Voraussetzung das Haus des Propstes befinden mußte. -- »Meinst du, das wäre recht gehandelt? Ist es recht, wenn ich in meinem Amte als Diakon zu ihm trete und sage: ›Vater, segne mich‹ -- und ich küsse dann seine Hand und fühle, daß sogar sie für mich eiskalt ist! Ist das recht? Am Pfingsttage, vor dem großen Gebet, kam ich, in Tränen zerfließend, zu ihm und bat ihn: segne mich ... Aber er zeigte keine Rührung. ›Sei gesegnet,‹ sagte er. Was soll mir dieser Formenkram, wenn alles ohne Freundlichkeit geschieht!«
Der Diakon rechnete auf Trost und Unterstützung.
»Verdien' dir seine Freundlichkeit,« sagte ihm der Vater Zacharia, »verdiene sie dir ordentlich, und er wird dir verzeihen und wieder gut zu dir sein.«
»Wie soll ich sie mir denn verdienen, Vater Zacharia?«
»Durch musterhaftes Betragen.«
»Was nützt mir denn all mein Betragen, wenn er mich überhaupt nicht bemerkt? Glaubst du, es ließe mich kalt, ihn jetzt immer so bekümmert, immer so tief in Gedanken zu sehen? Gott im Himmel, sag' ich zu mir selbst, was mag ihn so beschäftigen? Am Ende gar quält er sich meinetwegen. ... Mag er mir auch noch so sehr zürnen, er verstellt sich ja doch nur: ich weiß, daß er mich liebhat ...«
Der Diakon wandte das Gesicht ab, schlug mit der rechten Faust gegen die linke Handfläche und brummte:
»Na, warte, du Hostienbäckerlümmel, das geht dir nicht so durch! Ich will in Wahrheit Kain und nicht der Diakon Achilla sein, wenn ich diesen Lehrer Warnawka nicht vor aller Augen zum Krüppel schlage!«
Aus dieser Drohung allein kann der Leser schon ersehen, daß einem gewissen, hier erwähnten Lehrer Warnawa Prepotenskij seitens des Diakons Achilla eine ernste Gefahr drohte, und diese Gefahr rückte immer näher und drohender heran, je stärker und quälender Achillas Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese wurde, die Sehnsucht nach dem eingebüßten Wohlwollen des Vaters Sawelij. Und endlich schlug die Stunde, da Warnawa Prepotenskij seinen Lohn aus der Hand Achillas empfangen sollte, das Ereignis, mit dem das große Stargoroder Drama beginnt, welches den Inhalt dieser Chronik bilden soll.
Um den Leser in das Verständnis dieses Dramas einzuführen, lassen wir vorderhand alle Schleichwege beiseite, auf denen Achilla, gleich einem amerikanischen Pfadfinder, seinem Feinde, dem Lehrer Warnawka, nachspürt. Versenken wir uns lieber in die Tiefen der inneren Welt der dramatischsten Person unserer Geschichte und treten in jene Welt, die bisher noch allen, welche sie aus der Nähe oder aus der Ferne betrachteten, unbekannt und unsichtbar geblieben ist: in das reinliche Häuschen des Vaters Tuberozow. Vielleicht, wenn wir im Innern dieses Hauses stehen, finden wir ein Mittel, auch in die Seele seines Herrn zu schauen, wie man in einen gläsernen Bienenstock schaut, wo die Biene ihre wundersame Wabe baut, aus Wachs, das vor dem Antlitz Gottes leuchten, und aus Honig, der den Menschen erfreuen soll. Aber seien wir vorsichtig und rücksichtsvoll: ziehen wir leichte Sandalen an, auf daß unserer Schritte Schall den sinnenden und betrübten Propst nicht störe. Setzen wir die Tarnkappe aus dem Märchen aufs Haupt, damit unser neugierig Antlitz den ernsten Blick des würdigen Greises nicht verwirre, und lauschen wir mit offenem Ohr auf alles, was wir von ihm zu hören bekommen.
Viertes Kapitel.
Der Sommerabend hat sich über Stargorod herabgesenkt. Längst ist die Sonne untergegangen. Die Anhöhe, auf der sich die spitze Kuppel des Domes erhebt, liegt in bleiches Mondlicht getaucht, das stille, flache Ufer drüben versinkt in warmer Finsternis. Über die schwimmende Brücke, welche beide Stadtteile miteinander verbindet, bewegen sich ab und zu einsame Gestalten. Sie haben es eilig; denn die Nacht im stillen Städtchen treibt sie früh in ihre Nester und an ihre Herdfeuer. Schellenklingelnd fährt ein Postwagen über die Brückenbohlen, wie über Klaviertasten; dann ist alles wieder totenstill. Von den Wäldern draußen weht eine wohltuende Kühle herüber. Blau schimmert auf der von zwei Armen der Turitza gebildeten Insel das Gemüsefeld des uralten schiefnäsigen Sonderlings Konstantin Pizonskij, welcher von allen »Onkel Kotin« genannt wird.
»Molwoscha! Wo bist du, Molwoscha?!« schallt es von der Insel herüber.
Der Alte ruft den muntern Buben, seinen Pflegesohn, und so deutlich ist dieser Ruf im Hause des Propstes zu hören, daß man glauben möchte, es riefe jemand dicht unter dem Fenster, an welchem die Pröpstin sitzt. Von demselben Gemüsefeld schallt ein lautes Kinderlachen herüber, man hört das Wasser plätschern, nackte Kinderfüßchen laufen klatschend über die Brückenbohlen, und hellauf bellt ein spielender Hund. Alles das scheint so nah, daß die Mutter Pröpstin von ihrem Platz am Fenster aufspringt und die Arme nach vorn ausstreckt. Sie meint, das laufende und lachende Kind müsse ihr gleich in den Schoß fallen. Aber als sie sich umschaut, erkennt sie die Täuschung. Sie tritt vom Fenster in das Innere des Zimmers zurück, zündet eine der auf der Kommode stehenden Kerzen an und ruft ein kleines, etwa zwölfjähriges Mädchen zu sich heran.
»Weißt du nicht, Feklinka, wo unser Vater Propst ist?« fragt sie.
»Er spielt Dame beim Polizeichef, Mütterchen.«
»Ah so, beim Polizeichef. Schon recht. Wir wollen ihm das Bett machen, Feklinka, damit alles fertig ist, wenn er heimkommt.«
Feklinka bringt aus dem Nebenzimmer zwei Kissen in die Wohnstube, ein Bettuch und eine gelbe wollene Steppdecke; die Pröpstin einen weißen Pikee-Schlafrock und ein großes rotseidenes Tuch. Das Bett wird dem Propst auf dem großen, ziemlich harten Sofa aus Masernbirkenholz gemacht. Zu Häupten wird die Decke zurückgeschlagen; der weiße Schlafrock über einen Lehnstuhl zu Füßen des Bettes ausgebreitet, und auf den Schlafrock das Seidentuch gelegt. Sowie alles gemacht ist, schiebt die Pröpstin mit Feklinka einen ovalen Tisch auf massivem Fuße, ebenfalls aus Masernholz, neben das Kopfende des Bettes, und stellt eine Kerze, ein Glas Wasser, ein Tellerchen mit gestoßenem Zucker und eine Glocke darauf. Alle diese Vorbereitungen und die Genauigkeit, mit der sie vorgenommen werden, zeugen von der großen Aufmerksamkeit, mit der die Pröpstin allen Gewohnheiten ihres Gatten entgegenkommt. Erst als sie alles gewohnheitsmäßig geordnet hat, beruhigt sie sich wieder, löscht die Kerze aus und setzt sich an ihr einsames Fenster, um auf den Gatten zu warten. Wer sie hätte sehen können, würde eine gewisse Unruhe in dieser Erwartung bemerkt haben, welche ihre guten Gründe hatte: Tuberozow, der seit langem schon unfroh schien, war heute den ganzen Tag mürrisch gewesen und das beunruhigte seine treue Gefährtin. Er war auch sehr müde, denn er hatte heute auf die Felder der Vorstadtbewohner hinausgemußt, um einen Bittgottesdienst anläßlich der andauernden Trockenheit abzuhalten. Nach dem Essen hatte er sich etwas niedergelegt und war dann spazierengegangen. Später hatte er den Polizeichef aufgesucht, und war bei ihm sitzen geblieben. Die kleine Pröpstin wartete erst eine halbe Stunde und dann noch eine ganze, aber er kam nicht. Tiefe Stille herrschte überall. Plötzlich klingt es von der Hügelseite herüber wie Gesang. Die Pröpstin horcht auf. Es ist der Diakon Achilla; sie kennt diese angenehme tiefe Stimme gut. Er steigt den Batawin-Berg herab und singt:
Es ruht die Welt im Frieden Der lauen Frühlingsnacht, Längst haben alle Müden Die Augen zugemacht.
Der Diakon ist unten angekommen, geht über die Brücke und singt weiter:
Da klopft mit seinem Stecken Cupido an mein Tor, Und ich in jähem Schrecken Fahr' aus dem Traum empor.
Die Pröpstin hört dem Gesang des Achilla mit Vergnügen zu. Sie hat den Mann gern, weil er ihren Gatten so liebt, und sie mag auch seinen Gesang. In Träumerei versinkend merkt sie gar nicht, wie der Diakon die Brücke hinter sich läßt und immer näher und näher kommt. Als er endlich dicht vor ihrem Fensterlein steht, donnert er plötzlich mit schauerlichem Pathos:
Wer -- frag ich -- ist der Kühne, Der da zu klopfen wagt?
Die aus ihren Träumen aufgeschreckte Pröpstin schreit leise auf und eilt in das Innere des Zimmers zurück.
Als der Diakon ihren Schreckensruf hört, unterbricht er sofort seinen Gesang.
»Ihr schlaft noch nicht, Natalia Nikolajewna?« fragt er, packt dabei mit beiden Händen das Fensterbrett und schwingt sich auf das Gesimse.
»Wir haben Frieden!« ruft er.
»Was?« fragt die Pröpstin.
»Friede,« antwortet der Diakon, »Friede.«
Achilla fährt mit der Hand durch die Luft und fügt hinzu:
»Der Vater Propst ... hat ein Ende gemacht.«
»Was redest du da. Was für ein Ende?« fragt die Pröpstin erregt.
»Schluß! ... Der Streit mit mir hat ein Ende! ... Von nun an herrscht Frieden und Wohlgefallen. Den wievielten haben wir heute? Den vierten Juni. Notiert's Euch: ›am vierten Juni Frieden und Wohlgefallen‹. Denn Friede soll mit allen sein. Der Lehrer Warnawka kriegt's jetzt aber zu spüren.«
»Was hast du? Nach Branntwein riechst du nicht und schwindelst doch.«
»Ich schwindeln! Ihr sollt bald sehen, wie ich schwindle! Heut ist der vierte Juni, der Tag des heiligen Methodius von Pesnosch, -- notiert Euch das auch, denn mit diesem Tage geht es los.«
Der Diakon richtet sich auf den Ellenbogen noch höher auf und flüstert, sich fast bis zum Gürtel ins Fenster hineinschiebend:
»Ihr wißt wohl gar nicht, was der Lehrer Warnawka getan hat?«
»Nein, Freundchen, ich habe nichts gehört. Was hat der Tunichtgut denn getan?«
»Etwas Entsetzliches! Er hat einen Menschen im Topf gekocht.«
»Diakon, du lügst!« ruft die Pröpstin.
»Nein, er hat ihn gekocht!«
»Ganz gewiß, du lügst! Ein Mensch hat doch in einem Kochtopf nicht Platz.«
»Er hat ihn im Aschenkasten gekocht,« fuhr der Diakon unbekümmert fort, »und obgleich ihm diese greuliche Tat vom Polizeichef und vom Arzt gestattet war, wird er doch dafür meinen Händen ausgeliefert.«
»Diakon, du lügst. Das sind alles Lügen.«
»Nein, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, nicht eine Silbe ist gelogen,« erwiderte der Diakon mit heftigem Kopfschütteln und die Worte wirbelten noch schneller von seinen Lippen. »Warnawka hat tatsächlich einen Menschen mit Genehmigung der Obrigkeit, das heißt: des Arztes und des Polizeichefs, gekocht. Es war eine Wasserleiche. Aber dieser Gekochte quält jetzt ihn und seine Mutter, die Frau Hostienbäckerin, aufs grausamste, und ich habe das alles in Erfahrung gebracht und beim Polizeichef dem Vater Propst erzählt, und der Vater Propst hat dem Herrn Polizeichef dafür ein tüchtiges -- ~coppe vachée~ heißt's auf französisch -- gemacht. Der Polizeichef hat gesagt: ›Ich will -- sagt er -- Soldaten holen und der Sache ein Ende machen.‹ Ich aber fügte dazu: ›Hol du nur deine Soldaten, ich bin selber Soldat!‹ Und von morgen ab, Euer Hochwürden, ehrenwerteste Frau Pröpstin Natalia Nikolajewna, werdet Ihr sehen, wie der Diakon Achilla den Lehrer Warnawka strafen wird, ihn, den Gotteslästerer, der die Lebenden irre macht und die Toten martert. Jawohl, heute ist der vierte Juni, der Gedächtnistag des heiligen Methodius von Pesnosch! Ihr solltet Euch das notieren ...«
Hier wurde der Redestrom des Diakons Achilla plötzlich unterbrochen, denn aus der Ferne vom Hügel ließ sich ein Husten vernehmen, das nur vom Vater Propst kommen konnte.
»Halloh! Da kommt der Propst Sawelij!« ruft Achilla, springt vom Gesims auf die Erde und geht seines Weges.