Die Klerisei

Part 19

Chapter 193,655 wordsPublic domain

Der Propst ließ sich das Botenbuch bringen, setzte eine Nummer auf sein Schreiben, trug es eigenhändig ins Buch ein und schickte den Glöckner damit zu Porochontzew.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Die Nacht, welche diesem Abend im Hause Sawelijs folgte, erinnert uns an jene, da wir den Alten über seinem Tagebuche sahen: er war ebenso allein in seiner Stube, ging ebenso auf und ab, setzte sich ebenso hin, schrieb und sann nach, -- aber sein Buch lag diesmal nicht vor ihm. Auf dem Tisch, an den er immer wieder herantrat, lag ein kleines doppelt gefaltetes Blättchen, und auf dieses Blättchen setzte er in winziger, aber doch deutlich lesbarer Schrift folgende fragmentarische Notizen:

»Gott, gib Dein Gericht dem Könige und Deine Gerechtigkeit des Königs Sohne.«

»Übliche Einleitung: meine gestrige Lage während des Gewitters. Der Rabe: wie er sich vor dem Unwetter in der mächtigen Eiche verbergen wollte und den Tod dort fand, wo er Rettung gesucht hatte.

Wie lehrreich mir das Beispiel dieses Raben scheint. Ist das Heil dort, wo wir es wähnen, die Not dort, wo wir sie fürchten?

Unser maßloses Grübeln, das die Vernunft zu seinem Sklaven macht. Die Gelehrsamkeit, welche die Möglichkeit einer Erkenntnis des bisher Unfaßbaren leugnet.

Die Unvollkommenheit und die Unsicherheit unseres Wissens von der Seele. Das mangelnde Verständnis für die Natur des Menschen und die daraus folgende leidenschaftslose Gleichgültigkeit gegen Gut und Böse und die falsche Beurteilung menschlicher Handlungen: Rechtfertigung des nicht zu Rechtfertigenden und Verurteilung des Lobenswerten. Verdient Moses, der den Ägypter schlug, vom verkehrten Standpunkt gewisser Liberaler, die das heiße Vaterlandsgefühl verwerfen, nicht Tadel? Verdient Judas der Verräter vom Standpunkt der ›blind im Gesetz Ruhenden‹ nicht Lob, da er doch ›das Gesetz eingehalten‹, als er seinen Meister verriet, den die Machthaber verfolgten? (Innozenz von Cherson und seine Auslegung.) Auch unsere Tage sind reich an Verführung: Vorwürfe gegen jene, die den Listen der heimlichen Feinde des Staates nicht gleichgültig gegenüberstehen können. Der große Verlust der Sorge um das Heil des Vaterlandes und als letztes Beispiel die Nachlässigkeit in der Erfüllung der Gebetspflichten an den großen Festtagen des Volkes, die zur bloßen Formalität geworden sind.

Auslegung der Worte: ›Gott, gib Dein Gericht dem Könige‹ in dem Sinne, ›daß wir ein geruhig und stilles Leben führen mögen‹ (St. Paulus). Welchen Wert hat ein solches Leben? Beispiel: Rehabeam nach Salomo, umringt von Freunden und Gespielen, die vor sein Antlitz treten und ihm arglistig vorstellen, daß die Last des Volkes erleichtern eine Erniedrigung seiner eigenen königlichen Würde bedeute, -- und wie er infolge ihres Rates die Not Israels vergrößerte.

›Mein Vater hatte ein schweres Joch auf euch gelegt; ich aber will zu eurer Last noch zulegen‹ (1. Kön. 11, 12). Das Unglück, das dadurch entstand und die Teilung des Reiches.

Hieraus geht klar hervor, daß wir wünschen und beten müssen, daß das Herz des Herrschers sich in niemandes Händen befinde, es sei denn in den Händen Gottes.

Wir aber achten in unserer Sündhaftigkeit dieser Sorge nicht, und wenn ich an einem solchen Tage das Gotteshaus nicht leer sehe, so weiß ich erst gar nicht, wie ich das deuten soll! Ich suche nach Gründen und sehe, daß sich dieses einzig durch die Angst vor meiner Drohung erklären läßt, und daraus schließe ich, daß alle diese Beter ungetreue und faule Knechte sind, und daß ihr Gebet kein Gebet ist, sondern ein Schacher, ein Schacher im Tempel, angesichts dessen unser Herr und Heiland Jesus Christus nicht nur in seinem göttlichen Geiste ergrimmte, sondern auch eine Geißel nahm und sie aus dem Tempel vertrieb.

Seinem göttlichen Beispiele folgend, tadle und verurteile ich diesen Gewissensschacher, den ich im Gotteshause vor mir sehe. Der Kirche ist das Gebet solcher Mietlinge ein Greuel. Vielleicht sollte auch ich eine Geißel ergreifen und die Krämer hinaustreiben, die sich heut in diesem Tempel breit machen, auf daß kein treues Herz Ärgernis nehme an ihrer Arglist ... Doch mag mein Wort ihnen als Geißel dienen. Mag lieber das Gotteshaus leer stehen, mich soll das nicht irren: ich will auf meinem Haupte den Leib und das Blut meines Herrn in die Wüste tragen und vor den wilden Steinen im Meßgewande singen: ›Gott, gib Dein Gericht dem Könige und Deine Gerechtigkeit des Königs Sohne,‹ -- auf daß Rußland in Ewigkeit erhalten bleibe, dem Du wohlgetan zu allen Zeiten!

Schlußwort: Laß, o Herr und Schöpfer, unser Land nicht zum Gespötte der Fremden werden, um der Arglist seiner gewissenlosen und ungetreuen Diener willen!«

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Das war der Entwurf zu einer Predigt, die Sawelij am folgenden Tage zu halten beabsichtigte und auch wirklich vor der versammelten Beamtenschaft hielt, -- um damit nicht nur seiner Tätigkeit als Prediger, sondern auch seiner ganzen Amtstätigkeit ein jähes Ende zu bereiten.

Die Intelligenz von Stargorod war der Meinung, es sei keine Predigt, sondern ein Aufruf zur Revolution, und wenn der Propst weiterhin so reden würde, werde sich bald kein Beamter auch nur auf der Straße zeigen dürfen. Sogar die besten Freunde Sawelijs warfen ihm unvorsichtige Aufhetzung der Leidenschaften des Pöbels vor. Eine Ausnahme machten nur die beiden Fremden: Bornowolokow und Termosesow. Sie hatten die Predigt ebenfalls angehört, aber nichts dazu gesagt und keinerlei Verstimmung gezeigt. Im Gegenteil, als sie aus der Kirche kamen, war Termosesow mit gefalteten Händen auf Bornowolokow zugegangen und hatte mit freudestrahlendem Gesicht gesagt: »Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren.«

»Was soll das heißen?« fragte der Vorgesetzte.

»Das soll heißen, daß ich Sie verlasse. Leben Sie wohl und lassen Sie sich's gut gehen, aber erweisen Sie mir noch einen letzten Liebesdienst: melden Sie der Obrigkeit, der Pope, über den Sie schon einmal berichteten, hätte heute, aller Ehrfurcht bar, die einem so hohen Festtage geziemte, eine äußerst empörende Rede gehalten, über welche der von Ihnen eigens dazu abdelegierte Sekretär Termosesow die Ehre haben werde, persönlich eingehend Bericht zu erstatten.«

»Hol Sie der Teufel! Schreiben Sie's auf, ich will's unterzeichnen.«

Die Freunde wollten sich eben voneinander verabschieden, als der Kleinbürger Danilka, bleich und entsetzt, von Wasser triefend, in zerfetztem Hemde hineingestürzt kam, Bornowolokow zu Füßen fiel und jammerte:

»Gnädiger Herr, schicken Sie mich fort, soweit Sie wollen, -- aber hier kann ich nicht bleiben! Sie stehen alle am Ufer und jeder will mir in die Fresse fahren!«

Und Danilka erzählte, man hätte schon gedroht, ihn totzuschlagen, weil er sich über den Propst beschwert hätte, -- und zum Beweis zeigte er sein nasses und zerrissenes Gewand; das Volk hätte ihn eben von der Brücke in den Fluß geworfen.

»Famos! Aufruhr und Empörung!« rief Termosesow freudig und setzte, mitten im Zimmer stehend, seine Mütze auf. »Sehn Sie, so macht man's!« fügte er zu Bornowolokow gewandt hinzu.

Und dann reiste er ab. Unmittelbar darauf verließ auch Bornowolokow die Stadt in entgegengesetzter Richtung, um anderweitig für Ordnung und Gesetzlichkeit zu wirken.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Schon fing man in Stargorod an, Tuberozows Predigt zu vergessen, als gegen Abend des dritten Tages ein Postkarren zwei eigentümliche Gäste in die Stadt brachte: einen langen hageren Polizeiwachtmeister und einen dicken Konsistorialbeamten, rund und schwammig, wie ein Bauernpfannkuchen, mit einem winzigen Knöpfchen als Nase.

Es waren die Sendboten, die nach Sawelijs Seele kamen: Unter ihrer Obhut sollte der Propst in die Gouvernementsstadt gebracht werden. In einer halben Stunde wußte es die ganze Stadt. Vor dem Hause Tuberozows stand bald eine große Menschenmenge, und nach einer Stunde ging die Tür des Hauses auf, aus der Vater Sawelij völlig reisefertig heraustrat. Natalia Nikolajewna ging neben ihm, ihr Taubenköpfchen an seinen Ellbogen drückend.

Sie hatten sich gegenseitig zu beruhigen gewußt und jetzt offenbarte auch nicht eine Träne ihre etwaige Schwäche.

Das Volk, das auf den Propst gewartet hatte, drängte lärmend vorwärts. Tuberozow nahm den Hut ab und verneigte sich tief nach allen Seiten.

Der Lärm verstummte; vielen traten die Tränen in die Augen und alle bekreuzigten sich.

Der mit drei Pferden bespannte Postwagen, welcher bisher, auf Befehl des zartfühlenden Polizeichefs, hinter dem Hause verborgen gestanden hatte, fuhr vor.

Der Propst setzte den Fuß auf den Tritt und faßte mit der Hand die Lehne des Wagensitzes. In diesem Augenblick griff ihn der Wachtmeister unter den Ellbogen und der Konsistorialbeamte zog ihn an der andern Hand empor ... Von Ekel erfaßt fuhr der Alte zusammen. Sein Kopf begann heftig zu wackeln wie der einer Puppe, die eine Drahtfeder im Halse hat.

Natalia Nikolajewna trat neben ihren Mann, faßte seine Hand und flüsterte: »Schone dein Leben, Liebster!«

Tuberozow sah sie an und erwiderte:

»Sei unbesorgt. Das Leben ist schon zu Ende. Jetzt beginnt das Erdenwallen.«

Viertes Buch.

Erstes Kapitel.

»Das Leben ist zu Ende, das Erdenwallen beginnt,« hatte Tuberozow im letzten Augenblick vor seiner Abreise gesagt. Dann war das Dreigespann den Berg hinaufgesaust und hatte ihn den Blicken der Seinigen entzogen.

Die Leute, die ihm das Geleit gegeben, blieben noch eine Zeitlang, bis endlich ein jeder seines Weges ging. Die Nacht brach herein, alle Pforten und Pförtchen wurden verschlossen und verriegelt und der Mond konnte aus seiner blauen Höhe auf dem vereinsamten Pfarrhofe nur noch die ebenfalls vereinsamte Natalia Nikolajewna erblicken.

Sie beeilte sich nicht, ins Haus zurückzugehen, sondern saß weinend auf der Veranda, von der ihr Mann vor kurzem heruntergestiegen war. Schluchzend drückte sie ihren kleinen Kopf gegen das Geländer, -- ach, sie hatte keinen Freund, keinen Tröster! Doch nein! Ein Freund war da, ein treuer, zuverlässiger Freund ...

Plötzlich wurde das Pförtchen weit aufgerissen und vor die weinende Alte trat der Diakon Achilla. Er war barhäuptig, in einem kurzen dicken Leibrock und weiten Hosen und mit mehreren Säcken beladen. Hinter sich zog er zwei Pferde, deren jedes ein großes schweres Bündel auf dem Rücken trug. Natalia Nikolajewna sah schweigend zu, wie Achilla die Pferde in den Hof führte, sie von ihrer Last befreite, und wieder zum Pförtchen ging, das er mit der Energie eines sorgsamen Hausvaters verschloß und den Schlüssel in die Tasche steckte.

»Diakon! Du kommst zu mir!« rief Natalia Nikolajewna, welche seine Absicht begriffen hatte.

»Ja, du leidende Mutter, ich bin gekommen, dich zu behüten.«

Sie umarmten und küßten sich, und Natalia Nikolajewna begab sich in ihr Schlafzimmer, um dort weiter zu wachen, Achilla aber brachte seine Pferde in die Scheune, breitete dann eine Filzdecke auf der Veranda aus, streckte sich lang auf derselben aus und vertiefte sich in den Anblick des Sternenhimmels. Während der ganzen Nacht schlief er nicht. Er dachte nur daran, wie er seinem Justizminister helfen könnte. Das war etwas anderes, als den Warnawka verprügeln! Hier war Verstand nötig. Aber was kann der Verstand allein, wenn ihm keine äußere Gewalt zur Seite steht? Ja, hätte man, wie es in dem Märchen erzählt wird, einen Zaubermantel oder Siebenmeilenstiefel. Oder eine Tarnkappe! Dann würde er gewußt haben, was er zu tun hätte! So aber, so! Der Diakon wußte sich absolut keinen Rat, und dennoch mußte etwas unternommen werden.

Als Achillas Gedanken beim Zaubermantel und bei der Tarnkappe angelangt waren, da kam es dem an keinerlei sophistische Grübeleien Gewohnten vor, als fiele eine kaum noch zu tragende, schwere Last ihm von der Seele, er atmete auf und flog selbst auf dem Zaubermantel in die Ferne hinaus. Unsichtbar trat er in den Siebenmeilenstiefeln und mit der Tarnkappe zu dem einen und dem andern der hohen Würdenträger, zu denen er ohne Zaubermittel nicht hoffen konnte zu gelangen. Er weckte sie durch einen sanften Rippenstoß aus dem Schlaf und sagte: »Tut dem Pfarrer Sawelij kein Leid an. Ihr werdet's sonst, wenn es zu spät ist, zu bereuen haben.«

Als die hohen Herren die Stimme des Unsichtbaren vernahmen, warfen sie sich unruhig auf ihrem Lager hin und her, sprangen plötzlich auf, liefen hinaus und schrien: »Um Gottes willen, nehmt euch des Pfarrers Sawelij an!« ... Aber das alles läßt sich in unseren Tagen nur mit Hilfe von Siebenmeilenstiefeln und einer Tarnkappe erreichen, und es war gut, daß Achilla rechtzeitig daran gedacht und sich damit versehen hatte. Dank ihnen allein konnte der Diakon in seiner gelben Nankingkutte in einen strahlenden Palast dringen, dessen Glanz ihn so unerträglich blendete, daß er selbst nicht froh war, sich dort hineingewagt zu haben. Die Stätte, welche er vorher besucht hatte, hätte schließlich wohl auch genügt, aber die Siebenmeilenstiefel waren in Schuß gekommen und hatten ihn an einen Ort gebracht, wo er infolge der blendenden Helle kaum etwas unterscheiden konnte, so daß er Sawelij und seine Mission am Ende ganz vergaß und nur noch dachte, wie er wieder fortkommen könnte. Die geschwinden Stiefel aber trugen ihn immer höher und höher hinauf, und das Zauberwort, das ihnen Halt gebieten konnte, hatte er vergessen ...

»Ich verbrenne, bei Gott, ich verbrenne!« schrie der Diakon und versuchte sich hinter einem vor ihm auftauchenden kleinen Schattenfleckchen zu verbergen, -- als ihm zu seiner Verwunderung aus diesem Fleckchen die sanfte Stimme des Zwerges Nikolai Afanasjewitsch entgegentönte.

»Hört doch auf, Vater Diakon, im Schlaf zu schreien, daß Ihr verbrennt! Allenfalls vor Scham müßten wir alle verbrennen!« sprach der Zwerg, das Gesicht des Diakons durch seine kleine Gestalt vor der Sonne schützend.

Achilla sprang auf, stürzte zur Wasserbütte und leerte zweimal hintereinander den großen eisernen Schöpfkrug.

»Von was für einer Scham redest du da, Nikola?« fragte er, seine Locken mit Wasser anfeuchtend.

»Ei, wo ist unser Propst? He?«

»Der Propst, Freund Nikolaurus, ist futsch. Gestern haben sie ihn weggeschafft.«

»Was heißt das -- ›futsch‹, mein Herr? Wir müssen ihn freibekommen!«

»Liebster, ich hab' die ganze Nacht darüber gegrübelt, aber ich kriege nichts raus.«

»Das ist es eben. Einen Stein ins Wasser werfen kann jeder, -- aber ihn zurückbekommen?«

Und Nikolai Afanasjewitsch wackelte auf seinen knarrenden Stiefelchen in das Zimmer der Pröpstin, hielt sich hier einen Augenblick auf und bat dann den Diakon, ihn zu begleiten. Beide begaben sich erst zum Polizeichef und nachher zum Richter. Mit beiden hatte der Zwerg eine lange Beratung, aber weder der eine noch der andere konnte ihm etwas Tröstliches sagen.

»Das einzige, was ich tun kann,« sagte plötzlich der Richter, »ist, an den Staatsanwalt in der Gouvernementsstadt zu schreiben. Er ist ein Studiengenosse von mir und wird sicher gern bereit sein, irgend etwas für den Propst zu tun.«

Der Vorschlag fand lebhaften Beifall beim Polizeichef. Nikolai Afanasjewitsch dachte anders darüber, hielt es aber für unangebracht, zu widersprechen.

Nun fragte sich's, wie man den Brief an seine Adresse gelangen ließ? Die nächste Post ging erst in zwei Tagen, eine Estafette schien beiden Beamten zu pomphaft, zudem konnte die Postmeisterin, die Freundin Termosesows, den alle nach den von Achilla gemachten Angaben für den eigentlichen Denunzianten hielten, diesem Ehrenmann mit derselben Estafette Nachricht geben.

Als er von dieser Schwierigkeit vernahm, erklärte der Diakon, er würde schon alles regeln; wenn der Brief nur fertig sei, setze er seinen Kopf zum Pfande, daß er sich morgen in den Händen des Adressaten befinde.

Abends, als es schon dunkelte, erschien vor dem Hause des Vaters Zacharia ein riesiger schwarzer Reiter, klopfte sacht ans Fenster und rief den »sanften Popen« beim Namen.

Zacharia öffnete das Fenster und fragte, als er den Reiter erblickte:

»Bist du es, der da als Schreckgespenst kommt?«

»Pst ... Ruhe und Schweigen tun not!« antwortete der Reiter geheimnisvoll und suchte sein ungeduldiges Roß durch kräftigen Schenkeldruck ruhig zu halten.

Zacharia sah sich nach allen Seiten um -- Straße und Ufer waren menschenleer -- und flüsterte:

»Wohin willst du und was beabsichtigst du?«

»Ich kann Euch nichts mitteilen, denn ich habe mein Wort gegeben,« antwortete der Reiter mit derselben geheimnisvollen Miene wie vorhin. »Ich bitte Euch nur, sucht mich morgen nicht und fragt nicht nach dem Zweck meines Ritts ... Doch, ob ich auch mein Wort gegeben, ich will's Euch allegorisch sagen:

Nordwärts zieht's den Kosaken hin Und nicht nach Ruhe steht sein Sinn,

in der Mütze aber hab' ich

Ein Schreiben an den Zaren Peter Über den Hetman, den Verräter ...

Habt Ihr verstanden?«

»Nichts hab' ich verstanden.«

»So muß es auch bei einer richtigen Allegorie sein.«

Der Reiter schlug sich mit der Faust gegen die Brust und sagte:

»Das eine sollt Ihr noch wissen, Vater Zacharia, daß der Reiter kein Kosak ist, sondern der Diakon Achilla, und daß mein Herz die Kränkung nicht dulden mag, mein Verstand aber kein Mittel findet, ihm zu helfen.«

Nach diesen Worten ließ der Diakon seinem Pferde die Zügel fahren, drückte es mit den Knien zusammen und ritt nicht, sondern flog davon, so daß seine Locken, die langen Enden und weiten Ärmel seiner Kutte, der Schweif und die Mähne des Pferdes wild flatternd vom dunkelblauen Hintergrund des nächtlichen Himmels abstachen.

Zweites Kapitel.

Nikolai Afanasjewitsch hatte mit Recht nicht viel von dem Brief erwartet, mit dem der Diakon davongeritten war. Achilla blieb eine ganze Woche fort, und als er gesenkten Hauptes auf mattem Pferde heimkam, berichtete er, daß er mit seinem Briefe nichts ausgerichtet habe und auch nichts habe ausrichten können.

»Warum denn das?« fragte man ihn.

»Sehr einfach! Weil der Vater Sawelij selbst zu mir sagte: ›Laß ab, mein Lieber, wir Geistlichen haben keinen, der sich unser annimmt. Bitte alle, daß sie mir den Gefallen tun, sich nicht für mich zu verwenden.‹«

Und der Diakon wollte darüber weiter gar nicht reden.

Viel lieber erzählte Achilla, wie er den Propst angetroffen und was dieser in der einen Woche erlebt hatte.

»Der Bischof«, so berichtete er, »ist gar nicht so böse auf ihn, ja eigentlich überhaupt nicht erzürnt, er hat ihn bloß aus Politik der Marter überantwortet, um es mit der weltlichen Obrigkeit nicht zu verderben. Deswegen allein wurde der Vater Sawelij in die Stadt geholt. Jawohl! Und der Vater Sawelij könnte die ganze Schuld von sich abwälzen und zu uns zurückkommen, denn der Bischof hält es insgeheim mit ihm ... Jawohl! Gleich am nächsten Tage wurde ihm eine geheime Mitteilung vom Bischof, daß er zum Herrn Gouverneur gehen solle und um Entschuldigung bitten ... Jawohl! Aber der Vater Sawelij hat in seiner Hartnäckigkeit sehr schroff darauf geantwortet: ›Ich bin mir keiner Schuld bewußt, kann also auch nicht um Vergebung bitten!‹ Dadurch hat er nun auch den Bischof aufgebracht. Jawohl! Aber auch jetzt war der Zorn nicht groß, denn den Beschluß des Konsistoriums, eine Untersuchung wegen jener Predigt einzuleiten, hat er mit einem großen blauen ~X~ durchstrichen und alle Gemüter im stillen beruhigt, indem er den Vater Sawelij dem niedern Klerus am Bischofshofe zuzählen ließ. Jawohl!«

»Und Vater Sawelij dient jetzt?« fragte Zacharia.

»Jawohl! Er liest die Hora und die Parömie, aber seinen Sinn ändert er nicht, und auf die politische Frage der Eminenz: ›Worin hast du dich vergangen?‹ -- antwortete er noch politischer, als hätte er die Frage nicht verstanden: ›In diesem Leibrock, hohe Eminenz!‹ -- und hat sich dadurch nur geschadet. Jawohl!«

»A--a--ach!« rief Zacharia und schüttelte verzweifelt den kleinen Kopf, sich die Ohren mit den Händchen zuhaltend.

»Er hat sich bei einem Gendarmenwachtmeister in der Klostervorstadt ein gelbes Stübchen für zweiundeinenhalben Silberrubel monatlich gemietet und läuft jeden Morgen mit seinem Krug an den Fluß hinunter nach Wasser. Aber Gesicht und Gestalt sind sehr spitz geworden, und er läßt Euch sagen, Natalia Nikolajewna, Ihr möchtet recht bald zu ihm kommen.«

»Morgen noch reise ich hin,« antwortete die Pröpstin weinend.

»So, das wären sämtliche Neuigkeiten. Der Staatsanwalt aber, dem ich den Brief brachte, sagte nur: ›Die ganze Sache geht mich gar nichts an, ihr habt eure eigene Obrigkeit.‹ Er hat mir auch keinen Brief mitgegeben, sondern nur schön grüßen lassen. Nehmen Sie also, bitte, hiermit seinen Gruß entgegen, wenn Ihnen was dran liegt. Und noch einen Gruß an Sie alle habe ich, vom Herrn Termosesow. Ich traf ihn in der Stadt; er kam in einem feinen Wagen vorbeigefahren und rief, wie er mich sah: ›Warte mal ein wenig hier vor dem Tor, Diakon, ich bring dir gleich etwas. Eure Postmeisterin nebst Töchtern hat mir bei meiner Abreise ihr Stammbuch aufgehalst. Ich sollte ihr da ein paar Verse hineinschreiben. Ich hab's versehentlich mitgenommen, und nun weiß ich nicht, wie ich's ihr zurückschicken soll. Sei so gut und nimm's mit!‹ Ich denke mir: Hol dich dieser und jener! Gib her, sag' ich, um ihn loszuwerden. Hier ist es!«

Der Diakon holte aus der Tasche seines Leibrocks ein dünnes Büchlein mit bunten Blättern und las vor:

»Auf das letzte Blatt Papier Schreibe ich der Zeilen vier, Voller Ehrfurcht, meine Damen ... Wohl bekomm's in Teufels Namen!

Damit bezeugt er Euch seine Ehrfurcht, -- nehmt sie also hin als den Lohn, der Euch gebührt.«

Und Achilla warf das Album mit der Ehrfurchtsbezeigung Termosesows auf den Tisch und begab sich in den Pferdestall, um sich dort nach den Reisestrapazen auszuschlafen.

Am Tage darauf reiste Natalia Nikolajewna zu ihrem Gatten, und der Diakon blieb allein in dem Hause des Verbannten zurück.

Drittes Kapitel.

Ein Tag verging wie der andere. Die Stadt unterhielt sich mit Neuigkeiten, die mit unserer Geschichte nichts zu tun haben. Tuberozow blieb in Acht und Bann und seine Freunde schienen sich vollständig damit beruhigt zu haben, daß »hier nichts zu machen« wäre. Die Feinde des Propstes zeigten sich etwas besser als die Freunde: wenigstens einige von ihnen hatten ihn nicht vergessen. Für ihn setzte sich zum Beispiel die feine Frau Postmeisterin ein, die Termosesow die ihr angetane schwere Beleidigung nicht vergessen konnte und noch weniger geneigt war, der Gesellschaft ihre Schadenfreude zu verzeihen. Sie wollte ihr vielmehr zeigen, daß sie allein feinfühliger, klüger, weitsichtiger, ja auch ehrlicher sei, als sie alle.

Dazu bot sich ihr nun eine Gelegenheit, die sie wiederum sehr fein und boshaft auszunutzen wußte. Sie beschloß, die Gesellschaft durch unerhörten Glanz zu blenden und ihre Autorität in den Augen der biedern Stargoroder auf eine bisher nie dagewesene Höhe zu heben.

Etwa sechs Werst von der Stadt entfernt hatte eine Petersburger Dame, Frau Mordokonaki, ihren Sommeraufenthalt auf einem wunderschönen Landgut. Der alte Mann dieser jungen und sehr hübschen Frau hatte, als er noch Branntweinpächter war, bei einer der Postmeisterstöchter Pate gestanden. Das schien nun der Frau Postmeisterin eine völlig genügende Veranlassung, die junge Gattin des alten Mordokonaki zum Namenstag des Patenkindes ihres Mannes einzuladen, und bei der Gelegenheit wollte sie die Bitte aussprechen, die bekannte Philantropin und Freundin der Kirche möge sich doch des verfolgten Tuberozow annehmen.

Das war nicht übel ausgedacht. Die junge und fabelhaft reiche »Wohltäterin« hatte Einfluß in der Residenz und genoß bei den Gewalthabern im Gouvernement hohe Achtung. Jedenfalls hätte sie, wenn sie wollte, für den gemaßregelten Propst mehr tun können, als sonst jemand. Ob sie es aber wollte? Darum eben sollte die ganze Gesellschaft sie bitten.