Part 18
Die verschwundenen Brillanten der Biziukina, das Blachdnublach, die Niederlage Achillas und Prepotenskijs, die Liebelei mit Daria Nikolajewna und die Eroberung der Postmeisterin, endlich die Mattsetzung Bornowolokows, -- alle diese Ereignisse, die sich in knapp vierundzwanzig Stunden abgespielt hatten, waren Termosesow selbst ein wenig zu Kopf gestiegen. Er fühlte ein unüberwindliches Verlangen nach Schlaf und streckte sich auf dem Heu des Wagens aus, wo er sofort einschlief und erst sehr spät am Morgen wieder erwachte. Die kühle Scheune, welche Termosesow zu seinem Schlafgemach gewählt hatte, blieb geschlossen und Ismail Petrowitsch rekelte sich noch lange nach dem Erwachen auf seinem Lager, kratzte sich die Fußsohlen und dachte nach.
Seine Gedanken waren insofern bemerkenswert, als das Vergangene und Geschehene für sie absolut nicht vorhanden war; ebensowenig beschäftigten sie sich mit einer der neuen Personen, gegen die Termosesow mit so kühner Ungeniertheit vorgegangen war. So seltsam das auch klingen mag, -- Termosesow besaß wirklich eine gewisse Harmlosigkeit, die sich mit einer maßlosen sittlichen Laxheit und Frechheit und einer vollkommenen Gleichgültigkeit gegen alle Menschen und ihr Urteil paarte. Er dachte nie daran, daß die Person, mit der er im Augenblick zu tun hatte, schon früher existiert hätte, ehe sie ihm in den Weg gekommen, und daß sie auch weiterhin existieren wolle; daß sie infolgedessen auch ihr eigenes Verhältnis zur Vergangenheit und ihre eigenen Zukunftsaussichten habe. Ihm kam es so vor, als tauchten die Menschen vor ihm auf wie Wasserblasen oder Pilze, nur für den Moment, wo er sie zu Gesicht bekam, und darum glaubte er über sie völlig nach Belieben verfügen und sie ausbeuten zu dürfen, was er denn auch in der unverschämtesten Weise tat. Hatte er aber erreicht, was er wollte, so vergaß er den andern bald ganz und gar. In seiner zynischen Redeweise drückte er das ganz naiv aus: »Wenn ich jemanden gekränkt habe, bin ich später nie böse auf ihn.« Und so war es auch. Wenn jetzt plötzlich Achilla oder Prepotenskij zu ihm in die Scheune gekommen wären, so hätte er sie ganz freundschaftlich angeredet, ohne auch nur im geringsten an die gestrigen Ereignisse zu denken. Als er auf Bornowolokow, den er längst vergessen hatte, stieß, packte er ihn: »An dem bleib' ich hängen!« meinte er. Und blieb an ihm hängen. Als er die Biziukina traf, kam's ihm in den Sinn, ihr den Hof zu machen -- und er machte ihr den Hof. Als er -- der Teufel mag wissen, zu welchem Zweck -- ihr seine höhere politische Weisheit beibrachte, kam ihm der Gedanke, sich ihre Brillanten anzueignen, und alsbald ward dieser Gedanke ausgeführt. Dabei wurden die Brillanten so schlau versteckt, daß, falls die Biziukins es zu einer Haussuchung hätten kommen lassen, sie sich natürlich nicht bei Termosesow, sondern bei Bornowolokow gefunden hätten, der diese Kostbarkeiten fast am eigenen Leibe trug: Termosesow hatte sie nämlich in das Futter seines Mantels eingenäht. Die Person des Propstes Tuberozow beschäftigte die Gedanken Termosesows überhaupt nicht; als die Biziukina über ihn zu klagen begann, versprach er leichtfertig, den Alten aus dem Wege zu räumen, -- und dann erst kam ihm die Idee, Tuberozow als Beweisobjekt für seine »Beobachtungsgabe« zu benutzen. Jetzt aber hätte keine Gewalt der Erde ihn mehr von dem hartnäckigen Streben nach Verwirklichung dieses Planes abbringen können.
Hätte der alte Propst dies gewußt, er würde die ihm zugedachte Rolle als bitterste Kränkung empfunden haben. Allein er hatte keinerlei Ahnung von dem, was ihm bevorstand, und fuhr auf seinem Klapperwagen von Dorf zu Dorf, von Kirche zu Kirche, durchwanderte weite Waldstrecken zu Fuß, ruhte auf Wiesen und an Feldrainen und schöpfte neue Kraft aus der Berührung mit der Mutter Natur.
In der Stadt aber war inzwischen, dank den unermüdlichen Bemühungen Termosesows, die Schlinge schon ausgelegt. Die Beschwerde des Kleinbürger Danilka war den Instanzenweg gegangen, eine Bagatelle war zu einer Angelegenheit geworden, die auf gesetzlichem Wege entschieden werden mußte.
Siebzehntes Kapitel.
Die aufregenden Berichte vom Mißgeschick des Diakons Achilla und davon, daß man auch ihn, den Propst selbst, in diese nichtige Sache verwickelt hatte, trafen den Vater Sawelij in einem weit abgelegenen Kirchdorf, von dem er wenigstens zwei Tage zu reisen hatte, bis er die Stadt erreichte.
Es war unerträglich heiß. Vom letzten Dorf, in dem Tuberozow übernachtet hatte, waren es noch etwa fünfzig Werst bis zur Stadt. Der Propst war ziemlich spät ausgefahren und hatte noch kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt, als die Hitze so groß wurde, daß Tuberozow seine armen, von Schweiß und Schaum triefenden braunen Pferdchen gar nicht mehr ansehen mochte. Er beschloß deshalb, noch einmal Halt zu machen, um die Tiere zu füttern und sie ausruhen zu lassen. Aber keine Herberge wollte er aufsuchen: er erinnerte sich eines wunderschönen Plätzchens am Waldrand, der sogenannten »Zaunkönigshöhe«, dorthin zog es ihn, um in der Kühle zu rasten.
Von dem weiten flachen Abhang, der sich hier niedersenkt, erblickt man auf einer Entfernung von mehr als zwanzig Werst die goldenen Kuppeln der städtischen Kirchen, während der jahrhundertealte Wald sich im Rücken endlos hinzieht. Tiefe Stille und Ruhe herrschen hier.
Von der Glut ermattet, hatte Tuberozow eben den Wagen verlassen, als ihn ein ungemein wohliges Gefühl übermannte. Trotz der ringsum herrschenden Hitze strömte das dichte dunkelblaue junge Eichengehölz eine belebende Kühle aus. An den elastischen, wie in grünes Wachs getauchten Blättern der Jungeichen war kein Stäubchen zu entdecken. Überall warme, weiche, beruhigende Farben. Unter den bunten krausen Blättern des Farnkrautes guckt die leuchtendrote Wolfsbeere hervor. Von der Sonne vergoldet, reckt sich ein trockener Haselstrauch in die Luft, und auf dunkelbraunem Torfboden erheben sich ganze Pilzfamilien, zwischen denen rote Steinbeeren wie Korallen glänzen.
Während Pawliukan, in Unterwäsche und Weste, die erhitzten Pferde ausspannte und umherführte, ging der Propst ein wenig im Walde spazieren. Er holte sich aus dem Wagen einen kleinen Teppich und trug ihn zu einer grünen Vertiefung, aus der lärmend und schäumend eine Quelle sprang. Hier wusch er sich mit dem frischen Wasser und streckte sich zur Ruhe auf dem Teppich aus. Das gleichmäßige Murmeln des Baches und die Kühle umwehten wohltuend das von der Hitze ganz benommene Haupt des Alten, und ohne es selbst zu merken, war er wider seinen Willen eingeschlafen. Der Schlaf war stärker, er warf ihn nieder und hielt ihn fest. Er wollte dem Pawliukan etwas sagen, aber der Schlaf hielt ihm mit weicher Hand den Mund zu.
Der Traumgott hatte den Propst so in seiner Gewalt, daß Pawliukan ihn vergebens an den Schultern rüttelte, um ihn zum Essen einer vorzüglichen Grütze aus Buchweizen und frischen Pilzen aufzufordern. Tuberozow blinzelte nur mit den Augen: »Iß, mein Lieber, ich schlafe so süß,« -- und lag alsbald in noch tieferem Schlummer.
So verzehrte Pawliukan sein Mittagessen allein und folgte dann dem Beispiel seines Vorgesetzten. Auch die Pferde wurden still, ließen die Köpfe hängen und schlummerten ein.
Ringsum schien alles in einem Zauberschlaf zu liegen. Eine so tiefe Stille herrschte, daß ein Hase, der aus der Waldestiefe hinausgesprungen kam und sich, leise mit dem Schnurrbart wackelnd, auf die Hinterbeine setzte, plötzlich ganz verlegen wurde und mit weit zurückgeworfenen Ohren eiligst wieder im Walde verschwand.
Tuberozow ertappte sich beim Erwachen dabei, daß seine Lippen mit großer Anstrengung die Worte »guten Tag« herausbrachten -- allem Anschein nach als Erwiderung auf einen Gruß.
»Wen begrüße ich da? Wer war hier bei mir?« fragte er sich, den Schlaf abschüttelnd. Und es wollte ihn bedünken, als hätte soeben jemand neben ihm gestanden, kühl und still, in einem Gewande von der Farbe einer reifenden Pflaume ... So deutlich empfand er alles, daß er sich schnell, auf den Ellbogen gestützt, aufrichtete, aber nur den schlafenden Pawliukan, seine braunen Pferde und den Wagen sah. Der langen Ruhe satt, suchte das Seitenpferd sich den Halfter vom Kopfe zu streifen. Es trat zur Seite, warf sich nieder, wälzte sich im Grase, stand wieder auf und reckte witternd den Hals. Tuberozow war noch immer im Halbschlaf. Das Pferd ging weiter, bückte sich nach dem dichten Grase am Waldrand und biß die Spitze eines jungen Eichbäumchens ab. Endlich kam es bis zu dem mit wildem Klee bewachsenen Grenzpfad und zog die warme Luft ein. Sawelij sah immer noch vor sich hin und konnte seinen Zustand nicht begreifen. Es war weder Schlaf noch Wachen. Die Feuchtigkeit seines Ruheplatzes schien ihn betäubt zu haben; ihm war, als wogten Dämpfe in seinem Kopf. Er rieb sich die Augen und blickte in die Höhe: droben im Blauen über seinem Kopfe schwebte ein Rabe. Oder war es ein Geier? Nein, es mußte ein Rabe sein. Er hielt sich fester und zog weitere Kreise ... Jetzt kam es von oben herab wie eine hingeworfene Handvoll Erbsen: ku--urlu. So schreit nur ein Rabe. Wonach mag er spähen? Was will er? Vielleicht ist er des Kreisens müde und möchte von dem Wasser unten trinken. Tuberozow kam eine Legende in den Sinn, die sich auf diese Quelle bezog. Sie sollte einen wunderbaren Ursprung haben. Das reine durchsichtige Becken der Quelle glich einer in die Erde gegrabenen Schale von Kristall, welche einem Blitzstrahl ihre Entstehung verdankte, der vom Himmel kam und tief in das Innere der Erde drang. Gerade an der Stelle, wo vor sehr, sehr langer Zeit ein vom Kampf ermatteter russischer Held hingesunken sein sollte, den eine gewaltige Übermacht der Ungläubigen von allen Seiten umzingelte. Rettung schien für den Ritter, der allein war, ganz unmöglich. Er flehte zum Heilande, daß er ihn vor schimpflicher Gefangennahme bewahre. In demselben Augenblick, so berichtet die Sage, zückte aus völlig klarem Himmel ein Blitzstrahl nieder und sprang wieder in die Höhe. Ein Donnerschlag folgte, so gewaltig, daß die Rosse der Tataren in die Knie sanken und ihre Reiter abwarfen. Als sie sich erhoben, war der Ritter verschwunden. An der Stelle aber, an welcher er sich eben noch befunden, stieg, schäumend und wie tausend Diamanten glitzernd, ein mächtiger Strahl kalten Quellwassers in die Höhe; in wildem Zorn peitschte er die Wände des Erdkessels und als silbernes Bächlein floß er weiter über die grüne Wiesenfläche.
Ein Wunder dünkt diese Quelle allen und das Volk behauptet, ihrem Wasser sei eine Zauberkraft eigen, die selbst die Tiere und die Vögel kennen. Alle wissen das, allen ist es bekannt, denn alle fühlen hier die immerwährende geheimnisvolle Gegenwart des entrückten Glaubenskämpen. Hier tut der Glaube Wunder und darum ist alles hier so mächtig und so stark, vom Gipfel der hundertjährigen Eiche bis zum Pilz, der sich zwischen ihren Wurzeln verbirgt. Sogar das scheinbar ganz Abgestorbene wird hier wieder lebendig: Da steht der dünne, vertrocknete Haselstrauch; er ist vom Blitz gestreift, aber auf der Rinde, dicht über der Wurzel, bemerkt man, wie mit grünem Wachs aufgestrichen, ein »Peterskreuz«, und von hier wird bald ein neues Leben ausgehen ... Ja, die Gewitter sollen hier böse sein, heißt es.
»Freilich, freilich, es gibt bekanntlich solche Gegenden mit außerordentlich starker elektrischer Spannung,« dachte Tuberozow, und es kam ihm vor, als bewegten sich die grauen Haare auf seinem Kopfe. Kaum war er aufgestanden, so erblickte er nur wenige Schritte entfernt ein kleines blaßgelbes Wölkchen, dessen Umrisse sich fortwährend veränderten, während es langsam den Grenzpfad entlang kroch, auf dem sich das freigekommene Pferd herumtrieb. Es schien direkt auf das Pferd loszusteuern. Aber als es bis zu ihm gekommen war, fing es plötzlich zu hüpfen an, wirbelte empor und zerflatterte, wie der Rauch aus einem Kanonenrohr. Das Pferd schnaufte wild und stürmte, kaum den Boden berührend, angsterfüllt vorwärts.
Tuberozow sprang hastig auf, weckte Pawliukan, half ihm auf das andere Pferd klettern und schickte ihn dem Flüchtling nach, von dem schon jede Spur verschwunden war.
»Beeil dich, hol es ein,« sagte Sawelij zum Subdiakon und warf einen Blick auf seine silberne Uhr: es war etwas über drei Uhr nachmittags.
Der Alte setzte sich barhäuptig in den Schatten, gähnte und fuhr plötzlich zusammen, da er in der Ferne ein schweres Dröhnen vernommen zu haben glaubte.
»Was ist das? Ein Gewitter?«
Er stand wieder auf, ging an den Waldrand hinaus und sah, daß von Osten her wirklich eine dunkle Wolke heraufzog. Das Gewitter überraschte ihn ganz allein.
Noch ein Schlag! Das Feld wogte heftiger und kalt wehte es darüber hin.
An die schwarze Wolke, welche den Osten ganz bedeckte, rückten von unten her kleinere Wolkenballen heran, gleichsam von ihr heraufgezogen wie Kulissen. Ab und zu brach eine Flamme zwischen ihnen durch. So überschaut ein Zauberkünstler, der eine schauerliche Vorstellung geben will, mit der Laterne in der Hand, noch einmal die dunkle Bühne, bevor er alle Lichter anzündet und den Vorhang hochzieht. Die schwarze Wolke kroch weiter und je näher sie rückte, desto undurchdringlicher schien sie. Vielleicht läßt der liebe Gott sie vorüberziehen? Vielleicht entlädt sie sich irgendwo weiter draußen? Doch nein! Schon zuckt über ihren oberen Rand leise ein feuriger Streif und Blitze flimmern und flackern plötzlich leuchtend durch die ganze finstere Masse. Die Sonne ist nicht mehr zu sehen: Wolken haben ihre Scheibe bedeckt, ihre langen, degenartigen Strahlen zucken noch einmal hell auf, um dann auch zu verschwinden. Ein Wirbelwind erhebt sich pfeifend und dröhnend. Wie Fahnen flattern die Wolken. Über das reifende Roggenfeld laufen weiße Flecken wild hin und her. Einer scheint unmittelbar vom Himmel herabzufallen, ein anderer setzt sich dick und breit hin. Plötzlich laufen beide auf einander los, fließen in eins zusammen und verschwinden. Am Feldrain schüttelt der Wind die Ähren so seltsam, daß man meinen könnte, es wäre nicht der Wind, sondern ein lebendes Wesen hätte sich am Boden versteckt und treibe wütend seinen Unfug. Der Wald ist voll Lärm. Eine Zickzacklinie flammt über dem Walde auf; eine andere zuckt hoch über den Wipfeln, und dann wird es still ... ganz still! ... Kein Blitz, kein Wind: alles ist wie gebannt. Das ist die Stille vor dem Sturm: alles, was noch nicht Zeit gehabt hat, sich vor dem Unwetter zu verstecken, sucht diesen letzten stillen Augenblick noch auszunutzen: ein paar Bienen fliegen an Tuberozow vorüber, es ist, als flögen sie nicht, sondern als würden sie von einem Windstoß fortgerissen. Aus dem dunklen Gesträuch, das jetzt ganz schwarz erscheint, hüpfen ein paar erschrockene Hasen heraus und legen sich in eine Furche. Über das Gras, das bei der Beleuchtung grau wie Asphalt aussieht, rollt ein silberner Knäuel und verschwindet unter der Erde. Es war ein Igel. Alles verbirgt sich, so gut es kann. Da als letzter stürzt sich auch der Rabe, welcher vorhin so hoch schwebte, die Flügel hart an den Rücken gedrückt, hinab auf den Wipfel eines hohen Eichbaums, wo man ihn jetzt schwerfällig rascheln hört.
Achtzehntes Kapitel.
Tuberozow war nicht furchtsam, aber sehr nervös, und solche Menschen werden bei starken elektrischen Entladungen von einer unwillkürlichen und unbezwinglichen Unruhe befallen. Diese Unruhe verspürte auch er, als er sich umschaute und überlegte, wo er wohl am besten vor dem Gewitter, dessen Ausbruch unmittelbar bevorstand, geschützt wäre.
Seine erste Bewegung war, nach seinem Wagen zu laufen, einzusteigen und sich zuzudecken; aber kaum hatte er hier Platz genommen, so begann es im Walde zu knarren und zu krachen, und der Wagen wurde hin und her geschüttelt, wie eine Kinderwiege. Auf diesen Unterschlupf war also kein Verlaß: der Wagen konnte sehr leicht umgeworfen werden und ihn erdrücken.
Tuberozow sprang wieder hinaus und lief ins Kornfeld. Der Wirbelwind packte ihn bald von vorn, bald von der Seite, zwang ihn, stehen zu bleiben, riß ihn an den Schößen zurück, pfiff, trompetete, winselte und brüllte ihm in die Ohren.
Tuberozow lief wieder zur Quelle. Aber in dem Kristallbecken herrschte eine noch größere Unruhe: das Wasser brauste und kochte, und durch die Kreise, die es bildete, schien ein in der Tiefe verborgenes Wesen sich emporarbeiten zu wollen. Plötzlich flammte es über der dunkeln, bleiernen Wassermasse blutigrot auf. Es war ein Blitzschlag, aber was für ein seltsamer Schlag! Wie ein Pfeil fuhr er, in zweimaligem Zickzack gebrochen, von oben herab, spiegelte sich im Wasser wider und wirbelte im selben Augenblick, ebenso gezackt, wieder zum Himmel empor, als hätten Himmel und Erde einen feurigen Gruß getauscht. Ein knatternder Schlag folgte, als stürzten sämtliche Dachplatten von einem Hause herab, und eine gewaltige Wolke von Wasserstaub und Schaum sprudelte springbrunnenartig aus der Quelle empor.
Tuberozow legte die Hände vor das Gesicht, sank auf ein Knie und befahl Seele und Leben dem Allmächtigen. Jetzt brach auf den Feldern und im Walde eine jener Gewitterkanonaden los, welche dem Menschen seine völlige Hilflosigkeit gegenüber den Naturgewalten so besonders klar vor Augen führen. Blitze flammten auf. Krachend folgte Schlag auf Schlag. Mit einem Male sah Tuberozow, wie auf den dunklen Eichenstamm vor ihm gleich einer trüben Lampe schimmernd eine Kugel zuschwebte. Mitten im Gezweig des Baumes leuchtete der Funke plötzlich in blendendem Lichte auf, wuchs zu einem großen Klumpen und zerstob. Ein furchtbares Getöse erschütterte die Luft, dem alten Manne ging der Atem aus, um seine Finger und Zehen drehten sich glühende Ringe, der Körper reckte sich krampfhaft empor, knickte zusammen und fiel hin ...
Ein Bewußtsein erfüllte ihn noch: daß alles zusammenbrach. Daß das Ende nahe! Weiter konnte er nichts denken ... Als er zu sich kam, wußte er nicht, wieviel Zeit seit dem Augenblick vergangen war, da der Schlag ihn getroffen, und wie lange er bewußtlos gelegen hatte. Er hörte nur noch ein letztes, dumpfes, langsames Rollen weit droben, -- dann trat völlige Ruhe ein. Das Wetter zog ab. Sawelij hob den Kopf, blickte um sich und bemerkte in seiner nächsten Nähe auf dem Boden etwas Riesiges, Unförmiges. Es war ein Haufen Zweige, der Wipfel des gewaltigen Eichbaums. Wie mit einem Messer war der Baum dicht über der Wurzel abgeschnitten und lag auf der Erde. Aus seinem Gezweig, das sich mit den Kornähren des Feldes mischte, erklang das widerliche Kreischen des Raben, der mit dem Baum gestürzt war. Ein schwerer Ast hatte ihn an die Erde gedrückt, und nun riß er seinen purpurroten Rachen weit auf, zuckte in Krämpfen und schrie verzweifelt.
Angewidert durch dies Schauspiel sprang Tuberozow mit einer Geschwindigkeit und Leichtigkeit zur Seite, als wäre er nicht siebzig Jahre alt, sondern siebzehn.
Neunzehntes Kapitel.
Das Gewitter hatte sich ebenso schnell verzogen, wie es gekommen war. An Stelle der schwarzen Wolke hob sich vom blauen Grunde ein rosiger Streifen ab. Auf dem nassen Hafersack, der auf dem Bock des Wagens lag, saßen schon fröhlich zwitschernde Spatzen und zogen frech nasse Körner durch die Löcher der feuchten Leinewand. Der Wald wurde wieder lebendig. Irgendwoher kam ein leises, einschmeichelndes Pfeifen, und auf den Rain ließ sich laut girrend ein Taubenpärchen herab. Das Weibchen streckte seinen Flügel über dem Boden aus, strich ihn mit seinem roten Pfötchen und richtete ihn segelartig empor, um sich vor dem Freunde zu verbergen. Der Tauber blies den Kropf auf, machte eine tiefe Verbeugung und sagte gefühlvoll: »Nur du!« Auf diese Begrüßung folgten Küsse, und fieberhaft bebten die Flügel im dichten Gewirr der Wermutstauden. Das Leben nahm wieder seinen Lauf. Pferdegetrappel ertönte in nächster Nähe: Pawliukan kam zurück. Er ritt auf dem einen Pferde und führte das andere am Zügel.
»Nun, lebt Ihr noch, Vater!« rief er lustig, auf den Wagen zureitend und absteigend. »Ich eilte, was ich konnte, daß Ihr nicht allein vom Unwetter überrascht würdet, aber wie der Donner plötzlich so dreinfuhr, da bin ich, müßt Ihr wissen, vom Pferde runter einfach platt auf den Boden gefallen ... Und hier hat's ja den Eichbaum abgeschnitten!«
»Ja, mein Freund, das hat es. Aber laß uns nun anspannen und fahren.«
»Gott, muß das eine Gewalt gewesen sein!«
»Ja, Freund, aber fahren wir.«
»Es weht jetzt so ein frischer Wind, da wird sich's herrlich fahren.«
»Ja, herrlich, aber spann nur schnell an.«
Und Tuberozow machte sich in seiner Ungeduld selbst an die Arbeit.
In wenigen Minuten waren die im Regen gebadeten Pferde angespannt, und der Wagen des Propstes sauste dahin, fröhlich in den zahllosen Lachen des furchenreichen Landweges plätschernd.
Die Luft war wunderbar frisch und rein. Ein warmes Licht lag über der Landschaft. Leichter Dampf stieg von den Feldern auf. Es roch nach feuchten Haselzweigen. Tuberozow fühlte sich in seinem Wägelchen so wohl wie seit langem nicht. Er zog immer wieder tief Atem und freute sich, daß er es so leicht konnte. Er kam sich vor wie ein Adler, dem neue Flügel gewachsen waren.
Vor der Stadt begrüßte ihn helles Glockengeläute, das die Andächtigen zum Vespergottesdienste rief.
Zwanzigstes Kapitel.
Der Wagen Tuberozows rollte in den Hof.
»Ach Gott, Vater Sawelij, wie hab' ich mich um dich gebangt!« schrie Natalia Nikolajewna und stürzte ihrem Gatten entgegen. »Das furchtbare Gewitter, -- und du warst ganz allein, mein Herz!«
»Ja, Liebste, ich war nur einen Schritt vom Tode entfernt.«
Und der Propst erzählte seiner Frau alles, was er an der Quelle erlebt hatte, und fügte hinzu, daß er von nun an gleichsam ein zweites Leben lebe, nicht mehr sein eigenes, sondern das eines andern. Es sei ihm dies eine Lehre und zugleich ein Vorwurf, nie an die Vergänglichkeit und Nichtigkeit seines kurzen Lebens gedacht zu haben.
Natalia Nikolajewna zwinkerte nur mit den Äuglein und sagte seufzend:
»Willst du jetzt nicht etwas essen?« -- Und als der Gatte daraufhin nur verneinend den Kopf schüttelte, fragte sie, ob er Durst habe.
»Durst?« wiederholte Sawelij. »Ja, ich dürste.«
»Willst du Tee?«
Der Propst lächelte, küßte seine Frau auf den Scheitel und sagte:
»Nein, mich dürstet nach Wahrheit.«
»Ei was! Dank sei deinem Gotte! Alles, was du tust, ist gut.«
»Schon recht, schon recht, -- aber jetzt will ich mich waschen. Und du erzählst mir indes, was sie hier mit dem Diakon anstellen.«
Und der Propst trat vor das glänzende kupferne Waschgerät und wusch sich, und Natalia Nikolajewna berichtete ihm alles, was sie von Achilla wußte, und zog daraus den Schluß, es werde damit nichts anderes bezweckt, als ihm, ihrem Manne, etwas Böses anzutun.
Der Propst schwieg. Als er seine Toilette beendet hatte, nahm er Hut und Stab und begab sich zur Kirche, wo der Vespergottesdienst bereits begonnen hatte.
Fünf Minuten später stand er im Altarraum seitwärts vom Opfertisch am Fenster und schrieb etwas auf ein Blatt Papier, welches er gegen das schräge, von der untergehenden Sonne hell beleuchtete Fensterbrett stützte. Was mag er da schreiben? Wir können es über seine Hand hinweg ganz gut lesen. Folgendes stand auf dem an den Polizeichef Porochontzew adressierten Blatte: »Da ich die Absicht habe, morgen anläßlich des hohen Festtages eine feierliche Messe in der Domkirche abzuhalten, so erachte ich es für meine Pflicht, Euer Hochwohlgeboren davon in Kenntnis zu setzen, und knüpfe daran die ergebenste Bitte, heute noch rechtzeitig allen Beamten davon schriftlich, gegen Empfangsbestätigung, Mitteilung zu machen, damit dieselben in der Kirche erscheinen können. Insonderheit bitte ich dieses denjenigen Herren Beamten zu empfehlen, die am meisten dazu neigen, diese ihre Pflicht zu vernachlässigen, denn ich bin entschlossen, über das schlechte Beispiel, das sie damit geben, der Obrigkeit unverzüglich Bericht zu erstatten. Den Empfang dieses Schreibens bitte ich Euer Hochwohlgeboren mir gütigst bestätigen zu wollen.«