Part 17
»Es tut auch weh, Vater Propst,« sagte Achilla, sich an die Brust schlagend, und fing bitterlich zu weinen an. »Dafür werde ich mich nun täglich und stündlich martern.«
Tuberozow schüttete keinen Tropfen mehr in diesen Leidenstrank des armen Achilla. Im Gegenteil. Er machte ein paar Schritte durchs Zimmer und sagte dann, den Diakon am Arme fassend:
»Weißt du noch, wie du mir Vorwürfe machtest wegen der Pfeife?«
»Verzeiht.«
»Nicht doch, ich bin dir dankbar dafür, und wenn ich im Rauchen auch nichts besonders Schlechtes sehe und diese Gewohnheit gehabt habe, so habe ich doch heute, um dem Gerede ein Ende zu machen, davon abgelassen und alle meine Pfeifen einem Zigeuner geschenkt.«
»Einem Zigeuner!« rief der Diakon mit strahlendem Gesicht.
»Ja. Es kann dir übrigens gleich sein, wem ich sie gegeben habe; gib aber auch du deine Wildheit irgend jemandem. Du bist kein Jüngling mehr, sondern bald fünfzig, und du bist auch kein Kosak, denn du trägst die Kutte. Und jetzt sage ich dir noch einmal Lebewohl, denn ich muß fahren.«
Zehntes Kapitel.
Im Biziukinschen Hause ließ sich der neue Tag wenig freundlich an: die gnädige Frau vermißte ein kostbares Brillantenkollier, das sie gestern abend getragen hatte und das heute nirgends zu finden war. Die ganze Dienerschaft war auf den Beinen, und die Herrschaft ebenfalls. Man suchte das Verlorene in der Laube und im ganzen Hause, aber es war und blieb verschwunden.
Bornowolokow hatte mit der Revision angefangen, und auch Termosesow war ungeheuer beschäftigt. Zunächst nahm er aus seiner Photographiensammlung einige Bildnisse der kaiserlichen Familie, dann schrieb er einen Brief an einen Petersburger Freund, der in Wirklichkeit gar nicht vorhanden war. Er schilderte die Schönheit der Natur, die gelbrosa Färbung der Wolken, sprach von seiner Freundschaft mit Bornowolokow und seinen Aussichten auf eine glänzende Beamtenlaufbahn und auf eine Erbschaft im Gouvernement Samara. Zum Schluß entwarf er eine flüchtige Skizze der gestrigen Gesellschaft, wobei er die Stargoroder Herrschaften schonungslos kritisierte und nur hinsichtlich der Postmeisterin eine Ausnahme machte. »Diese Frau,« schrieb er, »ist es durchaus wert, daß man etwas bei ihr verweilt. Stelle dir vor, ich spüre hier so etwas wie Schicksalsgewalt; ich sah sie und wurde sofort von einer Art Sohnesgefühl zu ihr erfaßt. Ich sag' dir, wenn es ihr einfallen würde, mich auspeitschen zu lassen, ich würde ihr dankbar die Hand küssen. Doch -- ich weiß selber noch nicht, wie das enden wird, denn sie hat zwei Töchter. Die eine ist ganz die Mutter, die andere verspricht ebenfalls so schön zu werden. Wer vermöchte zu sagen, Freund, warum das unerforschliche Geschick mich der Familie dieser hochgeachteten Frau zugeführt hat? Vielleicht werde auch ich demnächst singen müssen: ›O goldne Freiheit, lebe wohl!‹«
Nachdem Termosesow den Brief an einen Herrn Nikolai Iwanowitsch Iwanow adressiert hatte, preßte er das versiegelte Kuvert zwischen zwei Fingern fest zusammen, überzeugte sich, daß man auf diese Weise seine ganze Charakteristik der Frau Postmeisterin durchlesen konnte, räusperte sich und sagte: »Na, nun wollen wir mal sehen, ob Prepotenskij gestern die Wahrheit gesagt hat, daß sie die Briefe aufmacht! Tut sie das, so bin ich fein heraus.«
Er nahm den Brief und die Bilder und begab sich auf das Postamt. Außer diesem Brief hatte er noch ein Schriftstück in der Tasche, das er in derselben frühen Morgenstunde abgefaßt hatte, als er die Aufforderung an Tuberozow schickte. Es lautete folgendermaßen:
»Das Komplott der demokratischen Sozialisten, die sich hinter der Larve des Patriotismus verbergen, macht sich überall bemerkbar. Hier setzt es sich aus äußerst verschiedenartigen Elementen zusammen, und das Schädlichste dabei ist, daß die Geistlichkeit bereits in hohem Maße daran beteiligt ist -- was äußerst gefährlich ist, da sie dem Volke sehr nahesteht. Die Resultate der traurigen liberalen Duldsamkeit treten hier besonders kraß und zahlreich zutage.
Der Stargoroder Propst Sawelij Tuberozow, der schon mehr als einmal die Aufmerksamkeit der Behörden durch seinen wilden und frechen Charakter und durch seine schlechte Gesinnung auf sich gelenkt hat, wurde bereits mehrmals für sein unzulässiges Betragen gemaßregelt, ohne daß es auf ihn Eindruck gemacht zu haben scheint, denn er ist von revolutionären Tendenzen ganz durchdrungen.
Ich wage es nicht zu entscheiden, wieweit er den Absichten der Regierung Schaden bringen könne, allein nach meiner Ansicht ist dieser Schaden unermeßlich groß. Der Propst Tuberozow genießt hohes Ansehen in der ganzen Stadt, und ist ein Mann von großem Verstande und von einer Kühnheit, die dank der jahrelangen Nachsicht seiner Vorgesetzten heute vor nichts mehr zurückschreckt. Alles, was ein Mensch wie er tut, sollte von Rechts wegen unter strengster Kontrolle stehen. Er jedoch redet was er will, ohne sich den geringsten Zwang anzutun, und genießt dabei noch das Vorrecht, öffentlich in der Kirche sprechen zu dürfen.
Dieses geistliche, dem Volke so nahestehende Element scheint aber auch noch mit dem flachen Lande, d. h. mit dem grundbesitzenden Adel Fühlung zu suchen. So genießt dieser verdächtige Propst Tuberozow anscheinend die Gunst und den Schutz des Adelsmarschalls Tuganow, dessen Persönlichkeit und Anschauungen Ihnen ja wohlbekannt sind. Herr Tuganow, der hier an einer Abendgesellschaft im Hause des Polizeichefs teilnahm, meinte u. a.: ›man lasse die Sonne nicht auf die Erde scheinen‹ -- wobei unter der ›Sonne‹ zweifellos der Monarch zu verstehen ist, und unter der ›Erde‹ das Volk. Wer aber sich vor die Sonne stellt, ist nicht schwer zu erraten. Ja, er hat es sogar selbst klar ausgesprochen, als er dann noch bemerkte, er sei ein Mann der Scholle, der Gouverneur dagegen nur ›ein Kalif für eine Stunde‹. Als ein hiesiger Lehrer, Prepotenskij, ein ganz dummer, aber politisch durchaus unbescholtener Mensch, ihm sagte, wir alle könnten nicht sagen, wie und von wem Rußland regiert werde, antwortete er mit zynischer Frechheit: ›Ich halte mich in diesem Falle an die Worte des Grafen Panin aus der Zeit Katharinas, der zu sagen pflegte, Rußland werde durch die Gnade Gottes und die Dummheit des Volkes regiert.‹ Auf all das habe ich die Ehre, Eure Exzellenz aufmerksam zu machen und halte es für meine Pflicht, vor Eurer Exzellenz die unschätzbaren Dienste des mich begleitenden Kanzleibeamten Ismail Petrowitsch Termosesow nachdrücklich zu betonen. Seiner feinen Beobachtungsgabe, sowie seiner Fähigkeit, in alle Schichten der Gesellschaft einzudringen, verdanke ich eine Menge wertvoller Informationen, und ich wage es, den Gedanken auszusprechen, daß, wenn die Obrigkeit diesem begabten Manne einen selbständigen Beobachtungsposten anvertrauen wollte, er dem Staate von unermeßlichem Nutzen sein könnte.«
Dieses Blatt in der Tasche ging Termosesow seines Weges und fragte sich: »Wird diese Kanaille von Bornowolokow das wohl unterschreiben? Ach was, -- wenn man ihn nur ordentlich drückt, unterschreibt er alles.«
Elftes Kapitel.
Termosesow gab seinen Brief auf und ging dann sofort zur Frau Postmeisterin. Die Begrüßung war sehr freundschaftlich. Er küßte ihre Hand, sie gab ihm einen Schmatz auf die Stirn und dankte ihm für die Ehre seines Besuchs.
»O bitte, ich muß Ihnen danken,« erwiderte Termosesow. »Es war ja so entsetzlich langweilig. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, weil ich immer mit Angst und Grauen denken mußte: wo bin ich? unter was für Leuten?«
»Ja, ich sagte schon gestern zu meinen Töchtern: Unser Petersburger Gast muß sich wohl köstlich amüsieren.«
»Ach, gar zu schlimm wollen wir es auch nicht machen. Ich diene ja nicht um des Mammons willen, sondern um das Land kennen zu lernen.«
»Dann finden Sie bei uns eine Unmenge Beobachtungsstoff.«
»Ganz recht -- Beobachtungsstoff! Aber da hab' ich Ihnen mit Ihrer Erlaubnis die Bilder mitgebracht, von denen wir gestern sprachen. Gestatten Sie mir, sie aufzuhängen.«
Die Postmeisterin wußte gar nicht, wie sie ihm danken sollte.
»Ich will mich mit Vergnügen dieser Arbeit unterziehen, bis Ihre Fräulein Töchter erscheinen ... Ich darf doch hoffen, sie zu sehen?«
Die Postmeisterin erwiderte, die Mädchen seien noch nicht angezogen, da sie in der Wirtschaft zu tun hätten, kämen aber trotzdem bald.
»Ach, ich bitte Sie darum, ich bitte sehr!« flehte Termosesow, und als die geschmeichelte Hausfrau das Zimmer verlassen hatte, begann er die Kaiserbildnisse an der Wand zu befestigen. Die Nägel dazu hatte er mitgebracht.
Die Toilette der jungen Damen nahm fast eine Stunde in Anspruch, und in dieser ganzen Zeit ließ sich auch die Postmeisterin nicht sehen.
»Das ist ein gutes Zeichen!« dachte Termosesow. »Gewiß studiert sie mein Opus.«
Endlich erschienen die Töchter in Begleitung ihrer Mutter. Termosesow maß die Postmeisterin mit einem schnellen, durchdringenden Blick. Sie strahlte vor Wonne und Begeisterung.
»Das Fischlein hat angebissen!« schloß er und verzehnfachte seine Liebenswürdigkeit. Um aber seiner Sache ganz sicher zu sein, fing er wieder von Literatur und von seinen Reiseskizzen an zu reden.
»Porträts! Um Gottes willen mehr Porträts! Mehr Naturstudien!« bat die Postmeisterin.
»Ja, eigentlich habe ich schon die ganze hiesige Gesellschaft porträtiert und -- entschuldigen Sie -- auch Ihrer und Ihrer Fräulein Töchter Erwähnung getan ... Wissen Sie, so ganz flüchtig ... Wenn ich meinen Brief zurückbekommen könnte, den ich eben aufgegeben habe ...«
»Ach nein, wozu denn?« rief die Postmeisterin errötend.
»Angebissen, angebissen!« frohlockte Termosesow, und bestand darauf, den Damen vorzulesen, was er über sie geschrieben hatte. Eine Zeitlang hörte man im Zimmer nichts als: »Ach, wozu denn lesen, wir glauben Ihnen auch so!« und: »Ja, warum denn nicht lesen? Wodurch habe ich denn so großes Zutrauen verdient?«
Termosesows Einwände wirkten zu verführerisch auf die Neugier der Mädchen. Bald erbot sich die eine, bald die andere, ins Bureau zum Vater zu laufen und den interessanten Brief des Gastes zu bringen.
Vergebens suchte die Mutter sie durch Worte und Zeichen zurückzuhalten, die Mädchen verstanden sie nicht und gaben keine Ruhe. Termosesow dagegen hatte alles ausgezeichnet verstanden: der Brief befand sich in den Händen der Hausfrau, es galt jetzt nur noch, sie zur Rückgabe zu zwingen und sie dadurch selbst völlig in die Hände zu bekommen.
Ohne viel Bedenken sprang Termosesow von seinem Platz auf und stürzte diensteifrig, der Zurufe der Damen, die ihn zurückhalten wollten, nicht achtend, nach dem Postbureau: er sei, rief er, selbst nicht mehr imstande, sich den Genuß zu versagen, den Damen die bescheidene Darstellung seiner tiefen Bewunderung für sie vorzutragen.
Keine Bitten konnten ihn bewegen, von seinem Vorhaben abzustehen. -- Aber auf dem Bureau war kein Brief zu finden.
Zwölftes Kapitel.
Termosesow machte ein sehr verlegenes Gesicht, als er zu den Damen zurückkehrte. Ihre Verwirrung aber war noch viel größer. Die Mädchen sprangen auf und liefen hinaus, um ihre Tränen zu verbergen, die infolge der ihnen von der Mutter gehaltenen Pauke reichlich flossen. Die Postmeisterin selbst blieb als Opferlamm im Salon.
Termosesow stellte sich schweigend vor sie hin und lächelte.
»Ich sehe Sie an,« sagte die Dame geziert, »und schäme mich.«
»Sie haben den Brief?«
»Die Versuchung war zu groß. Hier ist er.«
Termosesow nahm das versiegelte Kuvert aus ihrer Hand.
»Ich schäme mich ganz entsetzlich ... aber was soll ich machen ... ich bin ein Weib ...«
»Ach, lassen Sie doch! Ein Weib! Um so besser, daß Sie ein Weib sind! Das Weib ist ein viel besserer Freund als der Mann und ich bin ein so vertrauensseliger Narr, daß ich wirklich warme aufrichtige Freundschaft ... ich meine, weibliche Freundschaft sehr nötig habe! Jetzt habe ich mich an Herrn Bornowolokow angeschlossen ... Wir sind schon lange Freunde und er ist auch jetzt mehr mein Freund als mein Vorgesetzter ... wenigstens scheint es mir ...«
»Ja, ich sehe, ich sehe, Sie sind sehr treuherzig und vertrauensselig!«
»Ich bin einfach ein Narr in dieser Beziehung! Ein völliger Narr! Ein kleines Kind kann mich nasführen!«
»Das ist aber nicht gut, gar nicht gut!«
»Was kann ich gegen meine Natur? Jemand, der meine Freundschaft mit Bornowolokow genau beobachtet hatte, sagte mir einmal: ›Paß auf, Ismail Petrowitsch, du bist zu leichtgläubig! Baue nicht zu sehr auf diese hinterlistige Freundschaft! Bornowolokow zeigt hinter deinem Rücken ein ganz anderes Gesicht, als du zu sehen gewohnt bist!‹ ... Aber ich kann nicht anders -- ich muß ihm glauben!«
»Warum tun Sie es?«
»Gott, ich bin nun mal so! ... Ja, wenn man mir Beweise vorlegte! Wenn ich hören könnte, wie er in meiner Abwesenheit von mir spricht! Wenn ich einen Brief von ihm sehen könnte! Den Freundesdienst würde ich mein Leben lang nicht vergessen!«
Die Postmeisterin bedauerte, daß sie diesen hinterlistigen Bornowolokow nie zu Gesicht bekommen habe, und fragte, ob Termosesow vielleicht eine Photographie des Verräters besäße?
»Leider nicht. Aber einen Brief von ihm. Hier, sehen Sie seine Handschrift.«
Und er zeigte ihr einen Fetzen Papier von Bornowolokows Hand beschrieben. Beim Fortgehen ließ er ihn wie von ungefähr auf dem Tische liegen.
Dreizehntes Kapitel.
Diese zweite Angel war noch glücklicher ausgeworfen als die erste. Gegen Abend, als Termosesow mit Bornowolokow und Biziukin beim Kaffee saß, kam ein Postbote mit dem Auftrage, Ismail Petrowitsch sofort zur Frau Postmeisterin zu bitten.
»Ach richtig! Ich hatte versprochen, heute einen Ausflug mit ihr zu machen! Wie konnte ich das nur vergessen!« sagte Termosesow und entfernte sich mit dem Boten.
Er traf die Postmeisterin im Salon allein. Sie drückte ihm die Hand, schloß die Tür und nahm schweigend einen Brief aus der Tasche, welchen sie ihm reichte.
»Lesen Sie, es stört uns hier niemand.«
Termosesow las den Brief, in dem sich Bornowolokow bei seiner Petersburger Kusine Nina bitter über sein Geschick beklagte, welches ihn in Moskau mit Termosesow zusammengeführt hatte. Er nannte ihn einen »ausgemachten Lumpen und Halunken« und bat die Kusine, »mit allen Mitteln und unter Heranziehung all ihrer ausgezeichneten Verbindungen darauf hinzuwirken, daß dieser gemeine Kerl eine gute Stelle in Polen oder in Petersburg erhalte, sonst könne er, weil er über alle alten Dummheiten unterrichtet sei, das entsetzlichste Unheil anstiften.«
»Haben Sie Ihren Freund nun erkannt?« fragte die Postmeisterin.
»Das hätte ich nicht erwartet! Gott strafe mich, -- das nicht!« sagte Termosesow, indem er seinen Kopf schüttelte und seufzte.
»Behalten Sie den Brief und vernichten Sie ihn,« sagte die Postmeisterin.
»Vernichten? Warum? Nein, ich vernichte ihn nicht! Mag er an seine Adresse gelangen, -- aber eine Abschrift möchte ich haben. Gestatten Sie mir, sie zu nehmen.«
Termosesow hatte sofort begriffen, daß der Brief für seine Ehre zwar wenig schmeichelhaft war, aber sehr vorteilhaft, weil man ihm angesichts seiner Gefährlichkeit ganz sicher eine sehr gute Anstellung verschaffen würde.
Mit der Abschrift steckte er auch das Original zu sich und ging heim.
Das Ehepaar Biziukin war bereits zu Bett gegangen, und Bornowolokow saß allein und schrieb.
»Immer fleißig, Eure Durchlaucht? Schon wieder bei der Schreiberei?« sagte Termosesow heiter.
Ein kurzes kaltes »Ja« war die Antwort.
»Da wird wohl wieder irgendeine Gemeinheit verfaßt?«
Bornowolokow fuhr zusammen.
»Na also!« sagte Termosesow gelangweilt, schloß plötzlich die Tür ab und steckte den Schlüssel in die Tasche.
Bornowolokow sprang auf und versuchte schnell das Blatt, an dem er geschrieben hatte, zu zerreißen.
Vierzehntes Kapitel.
»Gott, was Sie sich aufregen!« lachte Termosesow. »Ich schloß die Tür nur, um mich mit Ihnen gemütlich und ungestört unterhalten zu können, und Sie reißen gleich Ihr ganzes Geistesprodukt in Fetzen.«
Bornowolokow setzte sich wieder.
»Unterzeichnen Sie dieses Papier. Aber bitte schön -- nicht zerreißen!«
Damit legte Termosesow ihm jenes formlose Skriptum vor, in dem er Wahrheit und Dichtung über Tuberozow und Tuganow zusammengebraut und sich selbst so glänzend attestiert hatte.
Bornowolokow las es ruhig von Anfang bis zu Ende.
»Nun?« fragte Termosesow, als er sah, daß er mit dem Lesen fertig war, »wollen Sie unterschreiben oder nicht?«
»Ich könnte Ihnen sagen, daß ich erstaunt bin, aber ...«
»Ich habe Ihnen das Staunen schon abgewöhnt! Das weiß ich sehr gut, und auch bei Ihnen wundere ich mich über nichts mehr!«
Damit reichte er Bornowolokow die Abschrift des Briefes an die Kusine Nina und fügte hinzu:
»Das Original habe ich auch.«
»Sie haben es? Wie konnten Sie sich unterstehen?«
»Wie konnten +Sie+ sich unterstehen? Und das nennt sich Freund und Bruder! Da will man gemeinschaftlich ganz Rußland auf den Kopf stellen -- und dann kommt so ein liebenswürdiges Attest! Nein, mein Lieber, das geht nicht. Da werden Sie mir ein ganz anderes Zeugnis ausstellen müssen.«
Bornowolokow sprang auf und fing an im Zimmer hin und her zu laufen.
»Nehmen Sie nur wieder Platz, das Rennen nützt Ihnen gar nichts,« meinte Termosesow. »Wir wollen uns doch friedlich auseinandersetzen. Sie wissen, wohin ich Sie mit diesem Brieflein, mit dem Hinweise darauf, daß Ihre werte Vergangenheit nicht so ganz sauber ist, expedieren kann? Da holt Sie kein Polack und keine Kusine heraus!«
Bornowolokow schlug sich ungeduldig auf die Schenkel und rief:
»Wie konnten Sie meinen Brief stehlen, wenn ich ihn selbst in den Kasten geworfen hatte?«
»Raten Sie! Wie ich's fertig gekriegt habe, ist meine Sache, Ihnen aber sag' ich nun zum letztenmal: unterschreiben Sie! Auf das erste Blatt setzen Sie Ihren Vor- und Familiennamen, Amt und Rang, und auf dem zweiten bestätigen Sie die Richtigkeit der Abschrift und fügen dann noch zwei Worte hinzu, die ich Ihnen diktieren werde.«
»Sie ... Sie wollen mir diktieren?«
»Allerdings. Ich diktiere, Sie schreiben und dann geben Sie mir tausend Rubel Reugeld.«
»Reugeld?! Wofür?«
»Dafür, daß Sie dann Ruhe vor mir haben.«
»Ich habe nicht so viel.«
»Mir genügt ein Schuldschein. Hundert bis hundertfünfzig in bar, das übrige hat Zeit ... Aber lange mit Ihnen diskutieren tue ich nicht. Wollen Sie, so ist's recht; wollen Sie nicht, so ist mir's auch recht. In diesem Fall habe ich die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.«
»Ich will unterschreiben!« sagte Bornowolokow kurz.
»Bitte ...«
Termosesow wischte die Feder an seinem Rockschoß ab, tauchte sie ein und reichte sie Bornowolokow.
»Was soll ich schreiben?«
Termosesow räusperte sich und diktierte:
»Der Hundsfott Termosesow ...«
Bornowolokow stutzte und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
»Wollen Sie wirklich, daß ich diese Worte schreibe?«
»Selbstverständlich. Schreiben Sie nur: ›Der Hundsfott Termosesow‹.«
»Danke ergebenst. Bitte, weiter.«
Fünfzehntes Kapitel.
Der Sekretär stand hinter dem Stuhle Bornowolokows und blickte über seine Schulter, während er weiterdiktierte: »Der Hundsfott Termosesow ist auf eine ebenso unbegreifliche wie geniale Weise in den Besitz meines eigenhändigen Briefes an Sie gelangt, in welchem ich so unvorsichtig war, alles das zu schreiben, was Sie auf diesem Blatte von der Hand eben dieses Halunken Termosesow geschrieben lesen.«
»Schluß?«
»Nein, noch etwas. Bitte, schreiben Sie: ›Wie er sich den Brief hat verschaffen können, den ich persönlich zur Post brachte, vermag ich nicht zu ergründen. Die Tatsache aber mag Ihnen ein Beweis für die Kühnheit und Gewandtheit dieses Lumpen sein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, mir keine Ruhe zu lassen und mich so lange zu schikanieren, bis Sie ihm einen einträglichen Posten verschafft haben. Ich beschwöre Sie deshalb um unser beider Wohlergehen willen, für ihn selbst das Unmögliche möglich zu machen. Im anderen Falle droht er damit, alles aufzudecken, was wir in der Zeit unserer revolutionären Dummheiten begangen haben.‹«
»Kann der letzte Satz nicht geändert werden?«
»Nein. Ich bin wie Pilatus: was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.«
Bornowolokow schrieb das Bekenntnis seiner Schmach zu Ende und schob das Papier weg.
»Nun haben Sie hier noch den Bericht über die Geistlichkeit und die gefährliche Stimmung in der Gesellschaft zu unterzeichnen.«
Bornowolokow nahm die Feder wieder, las das Schriftstück noch einmal durch, überlegte und sagte:
»Was haben diese Leute, Tuberozow und Tuganow, Ihnen eigentlich getan?«
»Nicht das geringste.«
»Vielleicht sind es ausgezeichnete Menschen.«
»Sehr möglich.«
»Warum verleumden Sie sie denn? Was hier steht, ist doch Verleumdung?«
»Nicht durchweg, nur ein wenig.«
»Ja, wozu dies alles?«
»Was soll ich machen? Ich muß zeigen, was ich kann. Ihr Blaublütigen habt Onkel und Tanten, die sich für Euch bemühen, Parvenüs wie wir müssen alles selber machen.«
Bornowolokow seufzte und unterschrieb.
Termosesow steckte die Denunziation ein.
»Jetzt wäre noch das Dritte zu erledigen,« fuhr er fort, »dann setze ich meinen Hut auf und sage Adieu. Hier ist ein Wechselformular. Es lautet auf achthundert Rubel. Zweihundert erbitte ich mir in bar.«
Bornowolokow saß mit aufgestützten Armen da und betrachtete Termosesow schweigend.
»Nun? Sie haben sich wohl in die Zunge gebissen?«
»Nein, ich bewundere Sie bloß.«
»Bitte sehr. Ich bin so, wie das Leben mich gemacht hat. Aber jetzt unterschreiben Sie den Wechsel und geben Sie mir das Geld.«
»Wofür, Herr Termosesow, wofür?«
»Wofür?! Für Ihre einstigen geheimen Vergnügungen in stillen Nächten im heiligen Moskau und im sündhaften Petersburg; für Ihre Unterhaltungen, Pläne, Schriftstücke, für alle die schönen Stunden, an die ich in meinen Taschen und in meinem Kopf genug Erinnerungen behalten habe, um Ihre ganze Karriere vernichten zu können.«
Bornowolokow unterschrieb den Wechsel und warf das Geld hin.
»Verbindlichsten Dank,« sagte Termosesow, indem er Wechsel und Geld einsteckte, »es freut mich sehr, daß es ohne Feilschen abgegangen ist.«
»Was wäre dann geschehen?«
»Dann hätte ich das Doppelte verlangt.«
Nachdem er alle Dokumente beisammen hatte, suchte Termosesow seine Mütze. »Ich werde draußen im Wagen schlafen,« sagte er, »hier ist es zu schwül für zwei.«
»Wollen Sie mir nicht erst meinen Brief wiedergeben?«
»Fällt mir gar nicht ein. So war es nicht gemeint.«
»Ja, wozu brauchen Sie ihn noch?«
Termosesow lachte.
»Wollen Sie noch Geld dafür haben?«
»Nein, ich bin nicht habgierig, ich habe genug.«
»Pfui, was sind Sie für ein ...«
»Vieh, wollen Sie sagen? Bitte, bitte, genieren Sie sich nicht. Ich höre nicht hin und gehe schlafen.«
»So beantworten Sie mir wenigstens noch nur eine Frage: wo sind die verschwundenen Brillanten der Biziukina?«
»Woher soll ich das wissen?«
»Sie ... Sie waren doch irgendwo mit ihr ... in einer Laube, -- nicht wahr?«
»Was ist denn dabei? Es waren auch noch andere Leute da: der Lehrer und der Diakon.«
»Gewiß. Aber sagen Sie mir wenigstens, -- sind diese Brillanten nicht irgendwo unter meine Sachen gesteckt?«
»Wie kann ich das wissen?«
»O Gott! Dieser Mensch macht mich wahnsinnig!« rief Bornowolokow in höchster Erregung.
»Noch eins,« flüsterte Termosesow und drückte Bornowolokows Arm fest zusammen. »Daß Sie sich's nicht einfallen lassen, Ihren Kusinen vorzuflunkern ... denn die Briefe wurden nicht nur von mir gelesen.«
Sechzehntes Kapitel.