Part 16
»Er hört uns,« flüsterte Achilla leise.
Sawelij hatte wirklich alles gehört ...
Warnawa fühlte sich wieder. Er glaubte durch seinen Witz mit dem Abgrund seine Chancen bedeutend gebessert zu haben, und das gab ihm den Mut, dem Propst ganz unvermittelt nachzulaufen, ihn am Ärmel zu fassen und zu sagen:
»Ich möchte Euch etwas fragen: vorgestern war ich in der Kirche und hörte, wie ein Priester plötzlich das Wort ›Schafskopf‹ aussprach. Was hat der Klerus zu singen, wenn der Priester ›Schafskopf‹ ruft?«
»Der Klerus singt dreimal: ›Ist der Lehrer Prepotenskij‹,« erwiderte Sawelij.
Ob dieser unerwarteten Antwort waren alle einen Augenblick ganz verblüfft und brachen gleich darauf in ein dröhnendes Gelächter aus.
Prepotenskij hatte das Spiel verloren.
Fünftes Kapitel.
Je tiefer der Stern des Lehrers sank, desto höher stieg derjenige Termosesows. Spielend gewann er die Gunst der gesamten Weiblichkeit; der Frau Postmeisterin machte er geradezu den Hof, und zwar in einer Weise, die dem Lehrer aufs äußerste mißfiel; denn Termosesow huldigte ihr nicht als Dame, sondern gewissermaßen als Vertreterin der Staatsgewalt.
Beim Abendessen ließ Termosesow die Damen mehr oder weniger im Stich und hielt sich an die Herren. Mit jedem stieß er an und leerte dabei eine recht beträchtliche Zahl Gläser, ohne daß irgendeine Wirkung zu bemerken gewesen wäre. Schnell war er gut Freund mit Achilla, Darjanow und Vater Zacharia. Auch Tuberozow redete er wiederholt an, aber der Alte zeigte sich sehr wenig entgegenkommend. Dafür begann Achilla, nach einem etwa halbstündigen Gespräch, zur nicht geringen Verwunderung der Anwesenden, den Petersburger Gast plötzlich zu duzen, drückte ihm die Hand, küßte seine wulstige Lippe und verlieh ihm sogar Kosenamen.
»Bei Gott, dieses Termoseslein ist ein Mordskerl,« predigte der Diakon. »Haben wir zwei es dem Lehrer nicht fein gegeben? Nicht? Nein, Bruder Termosesselchen, du darfst nicht fort von hier. Was hast du in Petersburg zu suchen? Hier können wir zwei beide im Winter Füchse fangen. Das ist ein Hauptspaß, Brüderlein. Nicht?«
»Freilich, freilich,« antwortete Termosesow und begann nun seinerseits den Diakon zu preisen und nannte auch ihn einen Mordskerl. Und dann küßten die beiden Mordskerle sich wieder.
Als das Fest sich zu seinem Ende neigte und Zacharia und Tuberozow schon heimgehen wollten, hielt Termosesow den Diakon am Ärmel zurück und sagte: »Du hast doch keine Eile?«
»Eigentlich nicht,« antwortete Achilla.
»Dann warte noch etwas, wir gehen zusammen.«
Achilla erklärte sich bereit und Termosesow schlug noch ein Tänzchen vor. Er tanzte zuerst mit der Postmeisterin, dann mit ihren Töchtern, dann mit noch zwei oder drei andern Damen, und zu allerletzt mit der Biziukina. Dann aber kriegte er den Diakon zu fassen, drehte ihn im Walzertakt ein paarmal herum und führte, als er ihn, wie eine Dame, an seinen Platz gebracht hatte, seine Hand an die Lippen, küßte aber die eigene.
Achilla, der darauf nicht im mindesten gefaßt war, geriet in Verlegenheit und riß seine Hand hastig zurück, Termosesow jedoch lachte unbändig und sagte:
»Hast du dir wirklich eingebildet, ich würde deine Kutschertatze küssen?«
Der Diakon war gekränkt und dachte: ›Am Ende hätt' ich mich lieber nicht mit dem Kerl einlassen sollen.‹ Aber da man sich gleich darauf auf den Heimweg machte, so schloß er sich der Gesellschaft an. Die Familie des Postmeisters, der Diakon, Warnawa, Termosesow und Madame Biziukina gingen zusammen. Erst wurde die Frau Postmeisterin mit ihren Töchtern nach Hause gebracht, und bei dieser Gelegenheit hörte Achilla, wie sie beim Abschied zu Termosesow sagte:
»Ich hoffe, wir sehen uns häufiger.«
»Daran zweifle ich keinen Augenblick,« antwortete Termosesow und fügte noch hinzu: »Sie fanden es so hübsch, daß der Polizeichef sein Wohnzimmer mit den Bildnissen der ganzen kaiserlichen Familie geschmückt hat?«
»Ja, ich wünsche sie mir schon so lange.«
»Diesen Wunsch kann ich Ihnen morgen erfüllen.«
Und damit trennten sie sich.
Sechstes Kapitel.
Kaum hatte man sich von der Postmeisterin verabschiedet, so erklärte Termosesow, es müßten unbedingt alle noch einen Augenblick mit ihm bei der Biziukina vorsprechen.
»Du gestattest es doch?« fragte er, halb zu ihr gewendet.
Es schien ihr nicht sehr angenehm, aber sie sagte trotzdem ja.
»Irgendein Gesöff wird sich bei dir wohl finden?«
Daria Nikolajewna wurde verlegen. Gerade heute hatte sie vergessen, Wein holen zu lassen, und erinnerte sich auch, daß man heute mittag die letzte Flasche Xeres so gut wie leer getrunken hatte. Termosesow bemerkte ihre Verlegenheit und sagte:
»Na, Bier wird es doch wenigstens geben?«
»Bier ist da.«
»Das wußte ich. Bier haben die von der Akzise immer. Hast du auch Meth?«
»Ja.«
»Das ist ja famos! Nun, meine Herrschaften, wir haben Bier und Meth, und da braue ich euch ein Blachdnublach zusammen, daß ihr ...« Termosesow küßte seine Finger und beschloß: »daß ihr zum Schluß die eigene Zunge mit verschlucken sollt.«
»Was ist das für ein Blech und Blech?« fragte Achilla.
»Nicht Blech und Blech, sondern Blachdnublach -- ein Getränk aus Bier und Meth. Vorwärts!« Und er zog Achilla am Ärmel.
»Warte doch,« widersetzte sich der Diakon. »Was ist denn das für ein Blech und Blech? Bei Begräbnissen trinkt man es und nennt es ›Biermeth‹.«
»Ich sage dir aber, es ist kein Biermeth, sondern Blachdnublach. Vorwärts!«
»Nein, warte!« protestierte der Diakon wieder. »Ich kenne diesen Biermeth ... Eins, zwei, drei, liegt man da wie ein Klotz. Ich trink' das Zeug nicht.«
»Ich sag' dir doch, es gibt Blachdnublach und nicht Biermeth!«
»Und doch sollten wir's heut nicht mehr trinken,« antwortete der Diakon. »Sonst gibt's morgen einen wüsten Brummschädel.«
Prepotenskij war derselben Ansicht, aber keiner von beiden besaß Charakterfestigkeit genug, seine Meinung durchzusetzen, und so blieb Termosesow schließlich Sieger und schleppte sie in die Wohnung der Biziukina. Sein Plan war, das Gesöff in der Laube einzunehmen, und so wurden alsbald eine Unmenge Bier- und Methflaschen nebst dem dazu gehörigen Imbiß dorthin gebracht, und Termosesow begann sofort mit der Bereitung des Blachdnublach.
Warnawa Prepotenskij hatte sich neben Termosesow gesetzt. Der Lehrer wollte den Gast sofort zur Rede stellen, weshalb er vor Tuganow so gekatzbuckelt und ihn bei seinen Angriffen gegen ihn, Warnawa, unterstützt hatte.
Aber zum größten Erstaunen Prepotenskijs schien Termosesow nicht die geringste Lust zu haben, mit ihm zu plaudern, denn statt der erwarteten freundlichen Antwort kam es schroff und ungeduldig von seinen Lippen:
»Wir sind alle gleich: Kleinbürger, Adel und niederes Volk. Lassen Sie mich mit Ihrer Politik in Frieden, ich will jetzt trinken.«
»Aber Sie müssen doch zugeben, daß Leute mit Besinarmildung etwas Besseres sind, als ...« stammelte Warnawa verwirrt.
»Da haben wir's!« unterbrach ihn Termosesow. »Erst das liebste Hühnerauge, und jetzt die Besinarmildung! Der richtige Cicero!«
»Das passiert ihm oft, wenn er aufgeregt ist. Er will ein Wort sagen und es kommt ein anderes heraus,« trat Achilla für Prepotenskij ein und erzählte, wie der Lehrer infolge dieses Defekts einmal beinahe um den Verkehr in einem sehr feinen Hause gekommen wäre. »Er hatte zu der Wirtin sagen wollen: ›Matrona Iwanowna, darf ich noch um ein Zitronenscheibchen bitten?‹ -- und sagte statt dessen: ›Zitrona Iwanowna, bitte noch ein Matronenscheibchen!‹ was die Dame natürlich als Beleidigung auffaßte.«
Termosesow wollte sich ausschütten vor Lachen, faßte aber plötzlich Warnawas Hand, beugte sich zu ihm herab und flüsterte ihm ins Ohr:
»Geh sofort und schreib mir auf, was die Pfaffen und Edelleute heut geredet haben. Ich meine das von der Gewissensfreiheit und der Unduldsamkeit ... Mit einem Wort: alles, alles ...«
»Wozu denn?« fragte der Lehrer erstaunt.
»Das geht dich nichts an. Geh nur und schreib's auf. Du wirst später schon sehen, wozu. Wir unterschreiben es und schicken es an die richtige Adresse.«
»Was? Was wollen Sie tun?« rief Prepotenskij laut und fuchtelte erregt mit den Armen. »Eine Denunziation! Um nichts in der Welt!«
»Aber du haßt sie doch!«
»Nun und?«
»So schneid ihnen doch die Kehle durch, wenn du sie haßt.«
»Ja gewiß, schneiden will ich schon, aber ich bin kein Lump, der eine Denunziation ...«
»Dann raus mit dir!« unterbrach ihn Termosesow und stieß ihn gegen die Tür.
»Aha! Raus?! So hab' ich Sie doch richtig erkannt! Sie halten's mit Achilla!«
»Raus, sage ich!«
»Ja, ja! Erst fordert Ihr mich zum Blachdnublach auf und dann ...«
»Da hast du dein Blachdnublach!« antwortete Termosesow und gab dem Lehrer einen kräftigen Stoß in den Nacken, so daß er zur Tür hinausflog. Dann schob er den Riegel vor.
Achilla, der diesen Auftritt mit angesehen hatte, stand verwirrt auf und nahm seinen Hut.
»Wo willst du hin?« fragte Termosesow, sich wieder an den Tisch setzend.
»Ich bitte um Entschuldigung, ich muß nach Hause.«
»Trink doch erst dein Blachdnublach aus.«
»Nein, mag es zum Teufel gehn, ich will nicht mehr. Leben Sie wohl. Ich habe die Ehre.«
Er reichte Termosesow die Hand. Dieser nahm sie aber nicht, sondern riß dem Diakon den Hut fort, warf ihn unter seinen Stuhl und befahl:
»Setz dich!«
»Ich will nicht,« erwiderte Achilla.
»Setz dich, sag' ich dir!« schrie Termosesow noch lauter und riß ihn so heftig am Arm, daß er auf die Bank niederfiel.
»Willst du Pfarrer werden?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Weil ich dessen weder wert noch fähig bin.«
»Aber der Propst kränkt dich doch?«
»Nein, das tut er nicht.«
»Er soll dir doch mal einen Stock weggenommen haben.«
»Was ist denn dabei?«
»Und einen Dummkopf hat er dich genannt?«
»Ich weiß nicht, vielleicht hat er mich auch mal so genannt.«
»Wollen wir ihn für seine heutigen Reden denunzieren?«
»Wa--a--a--as?«
»Das!!«
Termosesow bückte sich, holte Achillas Hut unter dem Stuhl hervor und warf ihn vor die Schwelle.
»Du bist eine Petersburger Kanaille,« sagte der Diakon und bückte sich nach dem Hute. In diesem Augenblick aber traf ihn ein dröhnender Schlag in den Nacken und er lag mit der Nase im Sande des Gartenweges, wohin ihm sein Hut alsbald nachgeflogen kam und wo ein paar Schritte weiter auch der Lehrer hockte. Der Diakon begriff erst gar nicht, wie das gekommen war, aber als er Termosesow in der Tür stehen und ihm mit einem Spaten drohen sah, wurde es ihm klar, warum der Schlag so schwer gewesen war und eine so breite Fläche getroffen hatte. Er sagte:
»Das nennt sich also Blachdnublach. Danke für freundliche Belehrung.«
Hierauf wandte er sich zum Lehrer:
»Nun? Gehen wir heim, lieber Freund?«
»Ich kann nicht,« sagte Warnawa.
»Warum nicht?«
»Ich bin voll blauer Flecke und der Wopf tut mir keh.«
»Laß den Wopf nur keh tun, das geht vorüber. Komm nach Hause. Ich begleite dich.« Und mitleidig half der Diakon dem Lehrer auf und führte ihn zum Gartentor hinaus.
Siebentes Kapitel.
Aufs äußerste erregt und verstört kam der Propst heim. Da das Fest beim Polizeichef so lange dauerte, hatte die daheimgebliebene Natalia Nikolajewna, wider ihre sonstige Gewohnheit, die Heimkehr ihres Gatten nicht abgewartet und sich zu Bett gelegt, die Tür nach ihrem Schlafzimmer aber offen gelassen. Sie wollte durchaus aufwachen, wenn ihr Mann zurückkehrte.
Tuberozow wußte, was die offene Türe zu bedeuten hatte und rief beim Eintreten seine Frau beim Namen. Sie erwachte und erwiderte seinen Gruß.
»Du schläfst nicht?«
»Nein, Liebster, Sawelij Jefimytsch, ich schlafe nicht.«
»Das ist gut, ich möchte mit dir reden.«
Der Alte setzte sich auf den Bettrand und erzählte seiner Gattin das Gespräch mit dem Adelsmarschall und beklagte sich, wie gleichgültig alle sich zu der immer mehr in Rußland aufkommenden Anschauung verhalten, daß sich ein gebildeter Mensch des Glaubens schämen müsse. Er drückte ihr seine Befürchtungen aus, daß die guten Sitten und die hohen Ideale in Verfall geraten könnten, ja müßten.
Natalia Nikolajewna unterbrach ihn mit keiner Silbe, denn er sprach mit einem Freimut, wie er ihn sonst nirgendwo hätte zum Ausdruck bringen dürfen.
»Und denke dir, Natascha!« schloß er, als er bemerkte, daß der Morgen graute und sein Kanarienvögelchen, eben erwacht, den Schnabel zu wetzen begann. »Denke dir, meine liebe Alte, daß er, der Tuganow, keines meiner Worte widerlegen konnte, daß er mir in allem recht gab, daß er selbst zugestand, wir stünden, wie die selige Marfa Andrejewna mal sagte, gleich Schnepfen im Sumpf. Der Schwanz ist zu lang und der Schnabel ist zu lang, und so wackeln wir hin und her: ziehen wir den Schnabel heraus, bleibt der Schwanz stecken; ziehen wir den Schwanz heraus, steckt der Schnabel im Sumpf. Das alles gab er zu, aber von der seelischen Erregung, die man in einer solchen Lage doch empfinden müßte, ließ er nichts merken ... O diese entsetzliche Gleichgültigkeit!«
Natalia Nikolajewna schwieg.
»Zu guter Letzt nannte er mich noch einen Maniak! Sage bitte selbst, wieso und warum verdiene ich diesen Namen?« Sawelij dämpfte die Stimme. »Mich nennt er einen Maniak, und er selbst sagt ... Ich meinte: alles, worauf ich hingewiesen hätte, seien vielleicht Kleinigkeiten, aber trotzdem so bezeichnend für den in unserer Gesellschaft herrschenden Geist, und wenn wir jetzt mit diesen Kleinigkeiten nicht fertig würden, wie sollen es unsere Machthaber werden, nachdem alles erst mal großgewachsen ist! Er antwortete mir in seinem mir so verhaßten spöttischen Tone, den wir Russen so gern anschlagen, mit einer Anekdote, die sehr gut paßte und die ich aus Rücksicht auf mein Amt nur dir allein erzählen kann: Ein Offizier kam einst in ein Quartier, wo er im Nebenzimmer ein wunderschönes Mädchen entdeckte. Er war von ihr so entzückt, daß er, wie das im Regiment Brauch ist, seinen Burschen rief und ihn fragte: ›Wie könnte ich wohl die Bekanntschaft dieser Schönen machen?‹ Der Bursche überlegte, und da er im Begriff war, Kohlen in den Samowar zu legen, rief er plötzlich: ›Hier riecht's nach Rauch!‹ Der Offizier sprang auf und stürzte in das Zimmer seiner Nachbarin: ›Meine Gnädige, hier bei Ihnen riecht es nach Rauch. Ich komme, Sie und Ihre Schönheit aus dem Feuer zu retten!‹ Auf diese Weise machte er die gewünschte Bekanntschaft. Der Bursche aber erhielt ein Geldgeschenk und einen Schnaps. Als der Frauenjäger nach einiger Zeit in ein neues Quartier kam, wo er ebenfalls eine schöne Dame entdeckte, jedoch nicht nebenan, sondern im gegenüberliegenden Hause, -- sagte er wieder zu seinem Burschen: ›Verhilf mir zu ihrer Bekanntschaft!‹ Der aber wußte nichts anderes zu antworten, als sein altes ›Hier riecht's nach Rauch!‹ Da erkannte der Offizier, daß er sich zu Unrecht auf den Verstand seines Helfershelfers verlassen hatte und die erwünschte Bekanntschaft durch ihn nicht machen konnte. Jetzt merke, was das für ein Gleichnis ergibt: bei uns geziemt es sich für einen aufgeklärten Mann, daß er ungläubig sei, seines Vaterlandes spotte, die Menschen verachte, die Heiligkeit der Familienbande nicht gelten lasse, in seinen Mitteln nicht wählerisch sei; jene Schöne jedoch, die äußere Zivilisation, haben wir leicht gewonnen; allein jetzt gilt es, eine andere Schöne kennen zu lernen, jetzt, wo wir geistige Selbständigkeit zeigen sollen, ... aber da sitzt die Schöne drüben am Fenster, und die Frage ist, wie kriegen wir sie? Da sehnen wir uns wohl und seufzen: ›Ach, wie könnten wir am leichtesten ihre Bekanntschaft machen?‹ Aber der ungeschickte Bursche weiß darauf nichts zu sagen, als: ›Hier riecht's nach Rauch!‹ Doch was nützt es uns, wenn es nach Rauch riecht?«
»Ja,« sagte Natalia Nikolajewna und seufzte.
»Das ist es eben! Begreifst du es auch? Wer ist denn nun der Maniak? Ich, der ich alles klar sehe und mich deswegen beunruhige, oder jene, denen es ebenso klar ist, die sich aber den Kopf nicht weiter darüber zerbrechen: ›Wir kommen noch so durch, und hinterher mag's gehn, wie es will!‹ Heißt das nicht: ›Hier riecht's nach Rauch!‹ Nicht wahr, meine Liebe?«
»Ja, Liebster, das Mädel stellt wohl den Samowar auf,« sagte Natalia Nikolajewna mit schläfriger Stimme.
Da begriff Tuberozow, daß er die ganze Zeit in die Luft gesprochen hatte, die keine Ohren für ihn hatte, und er senkte lächelnd sein weißhaariges Haupt.
Er gedachte der Worte, die einst die verstorbene Bojarin Marfa Plodomasowa zu ihm gesprochen: »Und bist du denn nicht einsam? Was sagt denn das, daß du eine gute Frau hast, die dich liebt? Was dich quält, wird sie doch nicht verstehen. Und so ist jeder, der weiter sieht als sein Bruder, einsam inmitten der Seinigen.«
»Ja, einsam, unsagbar einsam!« flüsterte der Alte. »Und es ist am stärksten zu fühlen, wenn man am innigsten verlangt, es nicht zu sein; denn ... mag ich nun ein Maniak sein oder nicht ... ich habe beschlossen, das nicht länger zu dulden, und was ich beschlossen, das vollbringe ich auch.« Leise stand der Alte vom Bette auf, um die Schlafende nicht zu stören, segnete sie mit dem Zeichen des Kreuzes, stopfte dann seine Pfeife und ging in den Hof hinaus, um sich vor dem Hause niederzusetzen.
Achtes Kapitel.
Tief in Gedanken versunken saß der alte Mann. Die dünnen Tabakswölkchen, die sich von seinem weißen Schnurrbart lösten und in der Luft zerflatterten, glänzten bernsteinfarbig im Lichte der aufgehenden Sonne. Die Hühner flogen von ihren Stangen herunter, kamen aus dem Stall, schüttelten sich und strichen ihr Gefieder. Jetzt klang von der Brücke die Lindenholzflöte des Hirten herüber, am Ufer klirrten die leeren Eimer, mit denen ein barfüßiges Weib nach Wasser ging; überall hörte man die Kühe brüllen, und die eigene Dienstmagd des Propstes kam gähnend, das Zeichen des Kreuzes über dem weitaufgerissenen Munde machend, aus dem Stall und trieb die Kuh mit einer Gerte vor sich her. Drinnen am Fenster sang der Kanarienvogel aus voller Kehle.
Im vollen Glanze war der junge Tag erschienen.
Vom Dom her ertönte der erste Glockenschlag.
Vor dem Pförtchen erschien eine junge Zigeunerin mit einem Kinde an der Brust, einem zweiten auf dem Rücken und dreien, die sich an ihre zerlumpten Kleider klammerten.
»Gib mir was, frommer Vater, gib mir was, du Glücklicher, Segensreicher!« bettelte sie den Propst an.
»Was soll ich dir geben, du Unglückliche, Ungesegnete? Meine Frau schläft, und ich habe kein Geld bei mir.«
»Gib mir etwas, was du nicht brauchst, dafür soll dir Ehre und Glück werden.«
»Was brauche ich denn nicht? Halt! du hast recht gesprochen! Ich hab' hier etwas, was ich nicht brauche!«
Und Tuberozow ging ins Zimmer und brachte seine sämtlichen Pfeifen heraus, den perlengestickten Tabaksbeutel und die Blechschachtel, in welche er die Asche zu schütten pflegte. Alles gab er der Zigeunerin und sagte:
»Da, du Zigeunerweib, bring das deinem Mann, ihm steht es besser zu.«
Natalia Nikolajewna schlief noch immer. Der Propst schrieb sich die Schuld zu, weil er sie durch seine lange Abwesenheit und seine Reden am Einschlafen gehindert hatte. Zwar hatte sie ihm nicht zugehört, aber ihre Ruhe hatte er doch gestört.
Er ging in den Stall und gab seinen zwei kleinen braunen Pferden selbst die doppelte Portion Hafer. Dann wollte er leise über den Hof ins Haus, als er plötzlich den Botengänger des Akziseeinnehmers Biziukin durch das Pförtchen kommen sah, welcher ein Buch unter dem Arm hatte.
Der Propst nahm das Buch, schlug es auf und wurde ganz rot im Gesicht. Im Buch lag ein Schreiben mit folgender Aufschrift: »An den Propst des Stargoroder Kirchspiels, Oberpfarrer Sawelij Tuberkulow.« Das Wort »Tuberkulow« war flüchtig durchstrichen und darüber geschrieben »Tuberozow«.
»Es wird um sofortige Empfangsbestätigung gebeten,« sagte der Bote.
»Wer hat drum gebeten?«
»Der Sekretär des angereisten Beamten.«
»Der kann warten.«
Der Propst fühlte, daß die Sache nicht so harmlos war. Er merkte, daß man ihn herausfordern wollte und auch schon ein Mittel gefunden hatte, ihm beizukommen.
»Was kann das sein? Es ist noch so früh ... Sie scheinen die Nacht nicht geschlafen zu haben, nur um eine Gemeinheit auszuhecken ... ja, Leute, die nichts zu tun haben!«
Mit solchen Gedanken beschäftigt, trat Tuberozow in sein vom Sonnenglanz durchflutetes Wohnzimmer, setzte seine große silbergefaßte Brille auf und öffnete den interessanten Brief.
Neuntes Kapitel.
Das fatale Schreiben war ein höchst formloses Dokument, in jenen unangenehmen, vieldeutigen Ausdrücken abgefaßt, an denen die Kanzleisprache so reich ist. Es stellte an den Propst Tuberozow »konfidentiell« das Ersuchen oder die Forderung, beim Regierungsbeamten Bornowolokow zu erscheinen »zwecks Abgabe näherer Erklärungen über einige wichtige Punkte, sowie auch über das anstößige und unpassende Betragen des Diakons Achilla Desnitzyn.«
»Ei zum Donnerwetter, sollte das nicht ein dummer Scherz sein? ... Wollen sie sich jetzt auf diese Weise über mich lustig machen?! Aber nein, das ist kein Scherz! Da steht's: Tuberkulow ... Mein Name ist in der offenkundigen Absicht, mich zu kränken, so verdreht worden. Und dann: »das anstößige und unpassende Betragen des Diakons Achilla.« Was bedeutet das alles, wo will man hinaus? Um ihnen den Spaß zu verderben und keinen Fehler zu begehen, wollen wir uns an die Methode des Abwartens halten, die einzig richtige in unklaren Fällen.«
Der Propst nahm die Feder und schrieb unter das formlose Dokument: »Der Propst Tuberozow hält sich, da er über die Vollmachten der ihn zu sich auffordernden Person nicht unterrichtet ist, nicht für verpflichtet, der Aufforderung Folge leisten zu müssen.«
Darauf legte er das Blatt in denselben Umschlag, in dem er es erhalten hatte, und schrieb quer über die Adresse: »Zurück an den, dessen Titel und Würden ich nicht kenne.«
Nachdem er das Paket wieder in das Quittungsbuch gelegt hatte, ging er hinaus und gab es dem Boten. Dem langen Subdiakon Pawliukan, der inzwischen gekommen war, befahl er, den Wagen zu schmieren und in einer Stunde zu einer Fahrt ins Kirchspiel bereit zu sein. Dann schickte er die Magd nach dem Diakon Achilla.
Unterdessen war Natalia Nikolajewna aufgestanden und machte sich, nachdem sie sich mehrmals bei ihrem Gatten wegen ihres gestrigen Einschlafens entschuldigt hatte, eifrig daran, sein Reiseköfferchen zu packen. Höchst erstaunt war sie aber, als er auf ihre Frage, wohin sie den Tabak legen solle, kurz antwortete, er habe das Rauchen aufgegeben, und sich dann gleich dem eben eingetretenen Diakon zuwandte.
»Ich muß gleich eine Amtsreise machen und habe dich kommen lassen, um dich noch einmal zu warnen,« begann er, doch Achilla unterbrach ihn sofort.
»Schönsten Dank, Vater Propst, aber ich bin schon gewarnt.«
»Das hat nicht viel zu sagen und macht mir keine Sorge. Jedenfalls bitte ich dich nur, wenigstens in meiner Abwesenheit etwas solider zu sein.«
»Ja, Vater Propst, jetzt ... Auch wenn Ihr kein Wort gesagt hättet, es ist doch schon alles aus.«
Tuberozow blieb vor ihm stehen und sah ihn mit einem scharfen, durchdringenden Blick an. Gestalt und Gesicht des Diakons sahen nicht gerade vorteilhaft aus. Die dichten, natürlichen Locken machten den Eindruck einer schief aufgesetzten Perücke: die rechte Seite der Stirn war viel zu weit entblößt, die linke fast bis zum Auge verdeckt.
Der Propst dachte nach, was denn wohl noch mit dem unvorsichtigen Diakon geschehen sein mochte, dieser aber sagte, die Augen starr auf den Hut gerichtet, den er in der Hand hin- und herdrehte:
»Ich habe schon gestern, Vater Propst ... gleich nachdem ich von der Biziukinschen heimgekommen war ... denn wir waren alle vom Polizeichef noch dorthin gegangen ... zu meiner Bedienerin gesagt: ›Nein,‹ sagt' ich, ›Esperance, der Vater Sawelij hat recht: der Starke rühme sich nicht seiner Kraft und baue nicht auf seine Macht.‹«
Statt ihm zu antworten, ging der Propst auf den Diakon zu und strich die Haare zurück, welche die linke Seite seines Gesichtes so übermäßig bedeckten.
»Nein, Vater Sawelij, hier ist nichts, aber da,« sagte Achilla leise und schob die Hand des Propstes auf seinen Nacken.
»Schäme dich, Diakon,« sagte Tuberozow.