Die Klerisei

Part 15

Chapter 153,733 wordsPublic domain

»Recht so. Sie sind ein Prachtkerl, Prepotenskij!« lobte ihn Termosesow, und da in diesem Augenblick die Hausfrau wieder eintrat, wandte er sich an sie: »Hören Sie, er gefällt mir ausnehmend, und wenn er mich mit dem Popen Tuberozow bekannt macht, so nenn' ich ihn einen ganz klugen Kopf.«

»Ich kann ihn nicht ausstehn und rate Ihnen nicht, seine Bekanntschaft zu machen,« stammelte Warnawa, »wenn Sie es aber für nötig halten ...«

»Es ist sehr nötig, lieber Freund.«

»Dann kommen Sie heute mit zum Abendessen beim Polizeichef, dort lernen Sie unsere ganze Gesellschaft kennen.«

»Schön. Ich geh überall hin. Aber ich muß doch eingeladen sein.«

»Ach, das ist ganz leicht zu machen,« fiel ihm der Lehrer ins Wort. »Ich werde sofort zum Polizeichef gehen und ihm im Namen von Daria Nikolajewna mitteilen, sie bäte um Erlaubnis, abends ihren Petersburger Gast mitzubringen.«

»Prepotenskij, komm in meine Arme!« rief Termosesow, und als der Lehrer aufstand und auf ihn zuging, küßte er ihn. Dann drehte er ihn linksherum und sagte: »Geh und handle!«

Stolz und seines Ruhmes nun völlig sicher, nahm Warnawa seine Mütze und ging. Nach einer Stunde, die Termosesow dazu benutzt hatte, der Biziukina klarzumachen, daß man keinen Dummkopf merken lassen dürfe, für wie dumm man ihn halte, kam der Lehrer mit der Botschaft zurück, Porochontzews wären sehr erfreut, die Herrschaften heute abend bei sich zu sehen.

»Und was den Kleinbürger Danilka betrifft, den Sie kennen lernen wollten,« fügte er endlich hinzu, »so habe ich ihn bereits ausfindig gemacht. Er steht draußen vor dem Tor.«

Termosesow belobte Warnawa nochmals für seine Findigkeit, stand auf und bat den Lehrer, ihn an irgendeinen stillen Ort zu führen, wo er ungestört mit Danilka reden könne.

Prepotenskij führte Ismail Petrowitsch in die leere Kanzlei des Akziseeinnehmers und stellte ihm dort den Kommissar vor.

»Guten Tag, Bürger,« begrüßte ihn Termosesow. »Wie hat Sie der hiesige Diakon neulich morgens beleidigt?«

»Er hat mich gar nicht beleidigt.«

»Gar nicht? Sagen Sie mir alles frei und offen, wie dem Popen in der Beichte, denn ich bin ein Freund des Volkes, kein Feind. Der Diakon Achilla hat Sie gekränkt?«

»Nein, er hat mich nicht gekränkt. Wir haben das schon unter uns erledigt.«

»Wie kann man das erledigen? Er hat Sie doch am Ohr durch die Stadt gezerrt!«

»Was ist denn dabei? Das sind ja nur Dummheiten.«

»Wieso Dummheiten? Eine Beleidigung ist es. Bedenken Sie, Bürger, er hat Sie am Ohr gerissen!«

»Es war aber doch nur Scherz. Darin finden wir keine Beleidigung.«

»Wie, Bürger? Ist es möglich, so etwas nicht als Beleidigung anzusehen? Er soll es doch vor allem Volke getan haben!«

»Ja freilich.«

»Da müssen Sie doch eine Klage einreichen.«

»Wem denn?«

»Nun, dem Fürsten, der mit mir gekommen ist.«

»Schon recht.«

»Also wollen Sie klagen oder nicht?«

»Worauf soll ich denn klagen?«

»Er kann zu hundert Rubel Strafe verurteilt werden.«

»Das stimmt.«

»Sie sind also einverstanden. So ist's recht, Prepotenskij! Setz dich und schreib, was ich dir diktieren werde.«

Und Termosesow diktierte eine Beschwerde an Bornowolokow, kurz, aber gehaltvoll; auch der Propst war darin nicht vergessen: er hätte der Lynchjustiz des Diakons Vorschub geleistet und dem Kläger sogar gesagt, daß die ihm zuerteilte Lektion wohlverdient gewesen.

»Nun unterzeichne, Bürger!« Und Termosesow stopfte Danilka die Feder gewaltsam in die Hand, aber der »Bürger« erklärte plötzlich, er wolle nicht unterschreiben.

»Was? Sie wollen nicht?«

»Nein, ich bin damit nicht einverstanden.«

»Was soll das heißen? Teufel noch einmal! Erst schweigst du, und nachdem man dir die Beschwerde gratis aufgesetzt hat, willst du nicht unterschreiben!«

»Nein, ich will nicht.«

»Man soll dir wohl noch einen Rubel geben, damit du unterschreibst? Das ist zu viel verlangt, mein Lieber. Sofort unterschreibst du!«

Termosesow packte den Widerspenstigen wütend beim Kragen und zerrte ihn zum Tisch.

»Ich ... wie es Eurer Gnaden gefällt ..., aber ich unterschreibe nicht,« stotterte der Kleinbürger und ließ die Feder absichtlich fallen.

»Ich will dich lehren! Wie's Eurer Gnaden gefällt! Und wenn es mir nun gefällt, deiner Gnaden ein Dutzend mal in die Fresse zu hauen?«

Der Bürger fuhr entsetzt zurück und stammelte:

»Euer Hochwohlgeboren, erbarmen Sie sich, zwingen Sie mich nicht! Meine Klage wird doch zu nichts führen!«

»Warum nicht?«

»Ich hab' schon einmal klagen wollen, als der fürstliche Verwalter Glitsch mich mit Nesseln auspeitschen ließ, weil ich auf die Wette des Polizeichefs hin sein Pferd stehlen wollte. Damals rieten alle mir ab. Klage nicht, Danilka, sagten sie, denn dann kommt es zu einer großen Untersuchung, und dann sagen wir alle, daß du längst schon in Sibirien sein müßtest. Ja, und ich kannte mich selber zu gut, um zu wissen, daß ich kein Recht mehr habe, meine Ehre zu verteidigen.«

»Wie du über deine Ehre denkst, das kommt hier gar nicht in Betracht.«

»Und die hiesigen Herren Beamten wissen auch ...«

»Deine hiesigen Herren Beamten mögen wissen, was sie wollen, wir sind aber keine hiesigen, wir sind aus Petersburg. Verstehst du das? Aus der Residenz, aus Petersburg! Und ich befehle dir: sofort unterschreibst du, du gottverdammtes Luder, ohne alle Widerrede, sonst ... sonst fliegst du auch ohne Untersuchung nach Sibirien.«

Und der bärenstarke Termosesow drückte mit der Rechten die Hand und mit der Linken die Kehle des Kommissars so kräftig zusammen, daß Danilka im Nu rot wurde, wie ein gekochter Krebs, und kaum noch hörbar röchelte:

»Um Gottes willen, lassen Sie mich los! Ich unterschreibe ja alles!«

Ächzend und hustend setzte er seine Krakelfüße unter das Gesuch.

Termosesow steckte das Papier in die Tasche, hielt Danilka die Faust unter die Nase und sagte drohend:

»Bürger, wenn du dich irgendwie vor der Zeit verplapperst, daß du dich beschwert hast ...«

Danilka, der immer noch hustete, machte nur eine abwehrende Bewegung mit der ganz erstarrten Hand.

»... Dann schlag ich dir die ganze Fratze zu Brei, multipliziere die Wangen, subtrahiere die Nase und verwandle die Zähne in Brüche!«

Der Kleinbürger winkte mit beiden Händen ab.

»Jetzt hast du aber genug gekrächzt! ~Allez, marchez~ zur Tür hinaus!« kommandierte Termosesow, schob den Haken von der Tür zurück und gab Danilka auf der Schwelle einen so kräftigen Stoß, daß er über den an das Haus angebauten Hühnerstall hinwegflog und auf den warmen Rasen zu sitzen kam. Er sah sich nur noch einmal um, spuckte aus und rollte dann auf allen vieren zum Tor hinaus. Er hustete nicht einmal mehr.

Prepotenskij war von dieser Kraftprobe so entzückt, daß er laut applaudierte.

»Was fällt dir ein?« fragte Termosesow.

»Sie sind stärker als Achilla! Jetzt brauch' ich ihn nicht mehr zu fürchten!«

»Das brauchst du auch nicht.«

Drittes Buch.

Erstes Kapitel.

Als Termosesow und seine Genossen beim Polizeichef erschienen, hatte Tuberozow schon eine Stunde abseits von den übrigen Gästen mit dem Adelsmarschall Tuganow geplaudert. Der alte Propst brachte dem vornehmen Gaste wieder all die Klagen vor, welche wir in seinem Tagebuche gelesen haben, -- und erhielt die alten Scherzworte zur Antwort.

»Was soll aus dieser Zerrüttung noch werden?« fragte der Propst und runzelte die Brauen. Der Adelsmarschall aber erwiderte ihm lachend:

»Wer kann wissen, was noch werden wird, mein Lieber?«

»Ohne Ideale, ohne Glauben, ohne Achtung vor den Taten der großen Vorfahren ... Das ... das muß Rußland zugrunde richten.«

»Nun, wenn es zugrunde gehen soll, wird es eben zugrunde gehen,« sagte Tuganow gleichgültig und stand auf. »Aber weißt du, -- gehen wir wieder zu den Gästen. Unser Gespräch führt doch zu nichts. Du bist ein Maniak.«

Der Propst trat einen Schritt zurück und sagte gekränkt:

»Wieso bin ich ein Maniak?«

»Was drängst du dich den Leuten auf und läßt niemand seine Ruhe? Ideal! Glauben! Was soll man tun, guter Freund, wenn die Zeit dafür vorüber ist?«

Tuberozow lächelte, seufzte leise und antwortete, nicht die Zeit des Glaubens und der Ideale sei vorüber, sondern die Zeit der +Worte+.

»Nun, so vollbringe +Taten+, Freund.«

»Auch Taten sind noch nicht genug.«

»Was brauchen wir denn?«

»Großtaten.«

»So vollbringe Großtaten. Aber in welcher Art?«

»Im Geiste der Kraft, im Wehen des Sturmes. Daß die, so das Feuer löschen wollen, selber von der Flamme ergriffen werden.«

»Ja, ja, du willst wieder streiten. Halt lieber Frieden, Vater.«

»Parmen Nikolajewitsch, ich höre so viel von diesem Frieden reden. Aber wie soll man Frieden schließen mit einem, der gar nicht um Pardon bittet? So ein Frieden taugt nicht viel, und unsere Altvordern sagten nicht umsonst: ›Eh du den Gevatter nicht verprügelt hast, kannst du ihm keinen Friedenstrunk reichen‹.«

»Ohne Prügel geht's bei ihm nicht.«

»Gewiß nicht, Freund.«

»Du bist noch der richtige Seminarist.«

»Ich will auch gar nicht den großen Herrn spielen.«

»Sag mal, willst du durchaus leiden? Das tut man nicht einer Kleinigkeit wegen. Spare deine Kräfte für eine bessere Sache.«

»Sparsame Leute gibt es ohne mich genug. Ich muß meine Pflicht erfüllen.«

»Der letzte wäre ich, der dich abhielte, deine Pflicht zu erfüllen, wie dein Gewissen sie dir vorschreibt. Geh hin und versuch es, die Schamlosen zu beschämen. Wenn du es kannst, heißest du Hans. Aber jetzt laß uns zu den Gastgebern gehen. Ich muß bald fort.«

Der Propst folgte ihm. Er versuchte sich zusammenzunehmen, war aber sehr entmutigt. Er hatte etwas ganz anderes von dieser Zusammenkunft erwartet, ohne sich wohl selbst sagen zu können, was eigentlich.

Zweites Kapitel.

Die beiden alten Herren saßen schon in dem kleinen Wohnzimmer, als die Hausfrau Warnawa und Termosesow hineinführte. Die Mehrzahl der andern Gäste befand sich im Saal. Man plauderte, spielte Klavier und versuchte zu singen. Die Biziukina, welche sich sonst überall zu Hause fühlte, hatte nicht den Mut, ihren Kavalieren ins Wohnzimmer zu folgen; da ihr andererseits die Gesellschaft der Damen nicht sympathisch war, nahm sie nahe der Tür Platz.

Das Wohnzimmer war ein schmaler Raum. Auf dem Sofa vor dem Tisch saßen Tuganow und Tuberozow, während der sanfte Benefaktow, Darjanow und der Kreisadelsmarschall Plodomasow auf Stühlen Platz genommen hatten. Achilla stand hinter einem leeren Sessel und stützte die Hand auf die Lehne. Die Biziukina bemerkte, wie Termosesow das Zimmer betrat, sich höchst ehrerbietig verneigte, und -- was wohl keiner für möglich gehalten hatte -- plötzlich auf Tuberozow zuschritt und um seinen Segen bat. Am meisten erstaunt darüber war wohl Vater Sawelij selbst. Er wußte im ersten Augenblick nicht recht, was er tun sollte, und als er dem Gast den erbetenen Segen erteilte, sah man ihm die Verwirrung deutlich an. Als Termosesow aber seine Hand küssen wollte, verlor der Propst so vollkommen die Fassung, daß er mit einer schnellen, energischen Bewegung Termosesows Hand nach unten zog und so fest drückte und schüttelte, als wäre es die Hand seines besten Freundes.

Termosesow bat auch Zacharia um seinen Segen, und der sanfte Benefaktow erwies sich diesmal findiger als Tuberozow. Er erteilte dem Gast nicht nur den Segen, sondern schob auch ganz ungeniert sein gelbes Händchen an den Mund des Abenteurers.

Einmal im Zuge, ging Termosesow nun noch auf Achilla zu, um sich von ihm auch segnen zu lassen. Aber dieser machte einen gewandten Kratzfuß und meinte:

»Ich bin bloß Diakon.«

Hierauf drückten sie einander die Hände und Achilla lud Termosesow ein, es sich in dem Lehnsessel, hinter dem er stand, bequem zu machen. Termosesow jedoch lehnte diese Ehre höflich ab und setzte sich auf den zunächst stehenden Stuhl, während Prepotenskij, den hergebrachten Anschauungen seiner »Richtung« treu bleibend, sich möglichst weit entfernte, um gegenüber der weitgeöffneten Saaltür Platz zu nehmen.

Hiermit wollte er erstens andeuten, daß er mit der Gesellschaft im Wohnzimmer nichts gemein habe, und dann konnte er von seinem Platz aus die Biziukina sehen, welche alles hören sollte, was er sagte. Der Lehrer empfand die dringende Notwendigkeit, sein Ansehen wieder zu heben, welches durch das Erscheinen Termosesows stark beeinträchtigt worden war, und wartete auf eine günstige Gelegenheit, Streit vom Zaun zu brechen und der Biziukina, wenn auch nicht die Überlegenheit seines Geistes, so doch wenigstens die Reinheit seiner Überzeugung zu beweisen. Und da derjenige, welcher Streit sucht, in jedem Wort einen willkommenen Anlaß erblickt, so brauchte Warnawa auch nicht lange in Schweigen zu verharren.

Drittes Kapitel.

Beim Eintreten der neuen Gäste erzählte der Adelsmarschall Plodomasow dem Propst gerade von den jüngsten Reformen im Kirchenwesen.

»Seine Eminenz ist ein Mann von großen Geistesgaben,« meinte der Propst.

»Und auch ein großer Humorist,« bemerkte Tuganow. »Wir haben hier einen ungeheuer arroganten Gendarmenoffizier, der sich einbildet, alles zu können.«

»Das ist immer so, die Gendarmen können alles,« fiel Prepotenskij ein, ohne daß man auf ihn achtete.

»Dieses Herrchen hatte in Erfahrung gebracht,« fuhr Tuganow fort, »daß bei unserm Bischof noch nie jemand zu Mittag gespeist hätte, -- und wettete im Klub mit dem Polizeimeister, er werde schon mal bei dem Alten essen. Ausgerechnet muß der Bischof Wind davon bekommen.«

»O weh, o weh!« sagte Zacharia gedehnt.

»Besagter Kavallerist macht also Seiner Eminenz seinen Besuch am frühem Morgen und geht einfach nicht fort. Als es bereits sechs Uhr vorüber ist, kann er's natürlich vor Hunger nicht mehr aushalten und will sich verabschieden. Aber der schweigsame Bischof, der ihm die ganze Zeit zugehört hatte, ohne selbst zu reden, meinte sehr freundlich: ›Wollen Sie nicht zum Essen bleiben?‹ Na, denkt er, die Wette ist gewonnen! Aber der Bischof ließ ihn noch eine Stunde hungern, ehe es zu Tische geht.«

»Das war doch unnütz,« warf Zacharia ein, »ganz unnütz.«

»Warten Sie nur. Sie treten also ins Eßzimmer ein. Der Bischof bleibt vor dem Gottesbilde stehen und beginnt zu beten, -- ein Gebet, dann noch eins, und ein drittes. -- Es vergeht wieder eine ganze Stunde und der hungrige Gast ist fast dem Verenden nahe. ›So, nun kann das Essen aufgetragen werden,‹ sagt Eminenz endlich. Und zwei winzige Teller mit Erbsensuppe und Zwieback werden gebracht. Als sie verzehrt sind, erhebt sich der Bischof wieder und sagt: ›Danken wir jetzt dem Herrn, der uns gesättigt hat.‹ Das ward dem Kriegsmann denn doch zu viel, und während der Bischof betete, schlich er sich unbemerkt aus dem Zimmer. Der Alte erzählte es mir gestern: ›Dieser Geist läßt sich durch nichts austreiben, es sei denn durch Beten und Fasten,‹ schloß er.«

»Er ist ein Mann von Geist und von feinem und angenehmem Benehmen,« sagte Tuberozow, dem diese Anekdötchen wenig Freude zu machen schienen.

»Ja, aber er klagt und jammert auch, es gäbe keine Leute. ›Wir fahren über ein tiefes Meer,‹ sagt er, ›auf schwankem Schiff mit trunkenen Matrosen. Gott bewahre uns vor einem Sturm.‹«

»Ein bitteres Wort,« warf Tuberozow ein.

»Übrigens,« begann Tuganow von neuem, »meinte er, Euere Stadt mache ihm keine Sorgen. ›Ich habe dort zwei Popen,‹ bemerkte er, ›der eine ist klug und der andere fromm.‹«

»Der Kluge ist Vater Sawelij,« bestätigte Zacharia.

»Wieso meint Ihr, daß gerade Vater Sawelij der Kluge sei?«

»Weil ... weil er weise ist,« erwiderte Zacharia verlegen.

»Und Vater Zacharia ist in die zweite Reihe gerückt,« fiel der Diakon ein.

Tuberozow sah mit einem mißbilligenden Kopfschütteln zu ihm hinüber.

Um seine Taktlosigkeit wieder gut zu machen, fuhr Achilla schnell fort:

»Seine Eminenz haben den Vater Zacharia fromm genannt, weil sich noch nie jemand über den Vater Zacharia beschwerte.«

»Ja, beschwert hat sich noch niemand,« seufzte Zacharia.

»Der Vater Sawelij aber ist ein unruhiger Kopf,« scherzte Tuganow.

Dieser Augenblick erschien dem Lehrer willkommen, und er warf schnell ein, die unruhigen Köpfe unter der Geistlichkeit seien die Denunzianten; das religiöse Gewissen aber müsse frei sein. Unvorsichtigerweise antwortete Tuganow darauf, Gewissensfreiheit sei allerdings notwendig und es sei sehr zu bedauern, daß man sie in Rußland noch nicht habe.

»Ja, und unsere arme Kirche wird deshalb von allen Seiten mit unverdienten Vorwürfen überschüttet,« fügte Tuberozow hinzu.

»Worüber habt Ihr Euch denn zu beklagen?« fiel ihm Prepotenskij lebhaft ins Wort.

»Wir beklagen uns über die Unduldsamkeit,« erwiderte Tuberozow trocken.

»Ihr leidet darunter ja nicht.«

»O doch. Bitter leiden wir. Ihr predigt laut und frei, den Glauben solle man abschaffen, und es geschieht euch nichts dafür. Wenn aber wir auch nur ganz leise sagen, es wäre besser, eure Lehren würden nicht überall verkündigt, so ...«

»Ach -- so meint Ihr das!« unterbrach ihn der Lehrer. »Ihr wollt gegen uns hetzen, damit man uns den Garaus macht.«

»Nein, Ihr wollt uns den Garaus machen.«

Prepotenskij wußte nicht, was er antworten sollte. Leugnen wollte er es nicht, fürchtete sich jedoch, es einfach zuzugeben. Tuganow half ihm aus der Schwierigkeit und erklärte, der Vater Propst sei nur ungehalten darüber, daß es Leute gebe, die es sich zur Aufgabe machten, schlichte Herzen um ihren Glauben zu bringen.

»Am meisten aber bekümmert mich, daß es ihnen gelingt, weil man ihnen Vorschub leistet.«

Prepotenskij lächelte.

»Es gelingt,« sagte er, »weil der Glaube ein Luxus ist, der dem Volk sehr teuer zu stehen kommt.«

»Wohl nicht teurer als der Suff,« sagte Tuganow kühl.

»Ja, aber die neuen Menschen,« -- fing der Lehrer wieder an.

»Taugen nichts, und eben deshalb ist der Teufel los.«

»Weil die Spione ihnen ins Handwerk pfuschen.«

»Ach wo! Einfach Halunken sind es.«

»Halunken?«

»Jawohl. Immer noch, wenn es irgendwo eine Gärung gegeben hat, haben sich zu guter Letzt Halunken der Bewegung bemächtigt, weil sich im Trüben gut fischen läßt. Da hat man sich bei uns so lange mit diesen ... Nihilisten -- so heißen sie doch wohl -- geplagt. Erst schlug sich die Regierung mit ihnen herum, Gesellschaft und Presse sind heute noch nicht mit ihnen fertig geworden, -- Schluß mit ihnen machen werden aber die Halunken, die sich ihnen zum Schein anschließen, um ihnen später den Hals umzudrehen, und dann kommt die große Wendung der Dinge.«

Prepotenskij warf einen ängstlichen Blick auf die Biziukina. Es verwirrte ihn, daß Tuganow seine kühnen Tiraden so einfach in nichts auflöste, wie der Frühlingsnebel die Schneeflecken auf dem Felde verschlingt. Warnawa suchte Hilfe und wandte seine Blicke deshalb Termosesow zu, welcher aber nicht zu ihm hinüberschaute. Der Diakon Achilla, der schon lange vergeblich versuchte, dem Lehrer durch Zeichen zu verstehen zu geben, daß er schweigen solle, rief jetzt laut:

»Halt den Mund, Warnawa Wasiljewitsch, es ist langweilig!«

Der Lehrer geriet in Wut, besonders als auch Tuganow sich von ihm abgewandt hatte. Er wollte deshalb die Bombe zum Platzen bringen.

Viertes Kapitel.

Prepotenskij sprang von seinem Platz auf und lief auf Tuganow zu, der sich wieder mit dem Propst unterhielt.

»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche ... Aber ich ... ich stehe für die Freiheit.«

»Ich auch,« sagte Tuganow und neigte sich wieder zum Propst.

»Lassen Sie mich doch ausreden!« rief der Lehrer.

Nun wandte sich Tuganow ihm zu.

»Wissen Sie, daß die Freiheit nicht gegeben wird, sondern genommen?« fragte Warnawa.

»Nun und --?«

»Wer soll sie denn nehmen, wenn die neuen Menschen nichts taugen?«

»Die Entwicklung der Dinge wird sie nehmen.«

»Also wird sie doch genommen und nicht gegeben. Ich habe recht. Ich sagte es: sie wird genommen werden.«

»Das sagt man dir doch auch!« rief ihm Achilla zu.

»Aber das ist doch meine Meinung: sie wird genommen werden!«

»Hat denn jemand etwas anderes gesagt? Parmen Semenowitsch spricht ja die ganze Zeit davon,« unterstützte plötzlich Termosesow den Diakon und suchte dabei den Namen Tuganows möglichst deutlich und im herzlichsten Ton auszusprechen.

»Für mich wird's aber Zeit,« sagte Tuganow leise und erhob sich, um in den Saal zu gehen, aber der Lehrer überfiel ihn von neuem.

»Noch ein Wort,« drängte er. »Mir scheint, es ist Ihnen unangenehm, daß jetzt alle gleich sind.«

»Nein, es tut mir leid, daß nicht alle gleich sind.«

Prepotenskij stockte einen Augenblick. Dann sprach er:

»Das ist doch eine Tatsache, alle müssen gleich sein.«

»Parmen Semenowitsch sagt Ihnen das ja: alle müssen gleich sein,« mischte sich nun Termosesow hinein, der neben Tuganow getreten war und den Lehrer von ihm fortzudrängen sich bemühte.

»Aber erlauben Sie,« -- er suchte von der andern Seite heranzukommen, wo ihm aber Achilla den Weg vertrat.

»Laß doch,« sagte er, »du redest doch bloß dummes Zeug.«

»Erlauben Sie, seien Sie so gut,« wehrte sich Prepotenskij und versuchte nun einen Frontangriff. »Ich meine bloß: Ihnen gefällt es wohl in England, weil da die Lords sind ... Sie sind unzufrieden, daß die Standesprivilegien aufgehoben sind?«

»Sind sie das?«

»Geh weg, du weißt nichts,« stieß Achilla den Lehrer zur Seite, aber dieser lief noch einmal um Tuganow herum und versuchte einen zweiten Frontangriff.

»Über jedes Ding kann man verschiedene Meinungen haben.«

»Was wollen Sie eigentlich von mir?« rief Tuganow lachend.

»Ich meine, man kann verschieden urteilen.«

»Bloß, daß ein Urteil vernünftig ist und das andere dumm,« mischte sich Termosesow wieder hinein.

»Sagen wir lieber: gerecht und ungerecht,« bemerkte Tuganow in versöhnlichem Tone.

»Auch Gott kennt nur eine Wahrheit,« rief der Diakon.

»Zwischen zwei Punkten kann man nur eine gerade Linie ziehen,« sagte Termosesow.

Prepotenskij geriet außer sich.

»Was ist denn das? So kann man ja gar nicht reden!« rief er. »Ich bin allein unter lauter Kriechern und Heuchlern. Da habt ihr leichtes Spiel. Ich weiß nur eines: ich achte nichts Althergebrachtes.«

»Das eben ist althergebracht. Wann hat man bei uns je Achtung vor der Geschichte gehabt?«

»Weißt du was? Sei jetzt ganz still, du Schaf,« sagte Achilla in freundschaftlichstem Tone. Die Biziukina wandte sich verächtlich vom Lehrer ab, Termosesow versuchte noch einmal, ihn zur Seite zu schieben und trat ihm dabei auf den Fuß, so daß der Lehrer, der sich in der Aufregung leicht versprach, laut aufschrie:

»Au! Sie haben mir auf mein liebstes Hühnerauge getreten!«

Das »liebste Hühnerauge« rief ein schallendes Gelächter hervor, während dessen sich Tuganow von der Hausfrau verabschiedete.

Schellen erklangen und ein Sechsgespann frischer Postpferde fuhr den Tuganowschen Reisewagen vor das Haus. Wenn Prepotenskij sich noch rehabilitieren wollte, mußte es sofort geschehen, hastig riß er sich von Achilla und Termosesow los, die ihn festhalten wollten, und hüpfte auf seinem »liebsten Hühnerauge« zu Tuganow, indem er rief:

»Und ich werde doch immer weiter gegen den Adel und für das Naturrecht kämpfen.«

Tuganow drehte sich in der Tür um und sagte zu Warnawa:

»Die natürlichste Lebensform ist doch ... das Leben der Pferde da, die mich gleich fortschaffen sollen. Aber sehn Sie, man spannt sie vor den Wagen, damit sie einen Edelmann ziehen.«

»Und wird sie unterwegs noch mit der Peitsche bearbeiten, daß sie fixer vorwärts kommen,« fiel der Diakon ein.

»Das Vieh wird immer geschlagen,« pflichtete Termosesow ihm bei.

»Wieder fallen alle über einen her!« schrie der Lehrer, »aber ich lasse nicht ab!«

»Dann bist du also ein Stänker,« sagte Achilla.

»Du rufst den Abgrund gegen den Abgrund auf,« bemerkte Zacharia.

»Wißt Ihr denn, was das heißt: der Abgrund ruft den Abgrund herbei?« erwiderte Warnawa voller Wut. »Das heißt: ein Pope ladet den andern zu Besuch!«

Diese Äußerung erregte ein helles Gelächter, das durch den Saal ertönte. Nur Tuberozow zog die Brauen zornig zusammen, riß krampfhaft an dem Bande seines Brustkreuzes und ging in das Wohnzimmer zurück.

»Der Alte ist ganz zum Maniak geworden,« sagte Tuganow, ihm nachblickend.

»Leider Gottes. Er liest die Zeitungen und regt sich auf und klagt und seufzt und kann über nichts mehr ruhig sprechen,« antwortete Darjanow.