Part 14
Zu den Ohren der verliebten Biziukina war aus dem Kabinett längst schon bald ein sanftes Entenplätschern, bald ein wildes Spritzen und seltsames Gurgeln gedrungen. Plötzlich jedoch war alles still geworden und immer noch zeigte sich Termosesow nicht. Hatte er denn wirklich so viel mit diesem wortkargen Fürsten zu reden? Oder schlief er? ... Das konnte der Fall sein, denn die Reise mußte ihn ermüdet haben. Oder las er vielleicht? Was konnte er lesen? Und was brauchte er zu lesen, wenn er selbst klüger war als alle Bücherschreiber? ... Aber während sie so grübelte, ging die Tür auf und auf der Schwelle erschien Jermoschka mit einer Waschschüssel voll Seifenwasser. Er schloß die Tür nicht hinter sich, so daß Daria Nikolajewna ins Zimmer hineinsehen konnte. Ganz hinten am Fenster entdeckte sie die schmächtige Figur des Fürsten. Dicht vor ihm, etwas näher zur Tür, erhob sich der fleischige Torso Termosesows. Beide, der Revisor und sein Sekretär, waren im Negligé. Bornowolokow in Beinkleidern und einem schneeweißen Hemde aus holländischer Leinwand, über das sich kreuzweise die zwei roten Streifen der seidenen Hosenträger legten. Sein kleines blondes Köpfchen war glatt gekämmt, und er bemühte sich, es mit Hilfe einer Metallbürste noch mehr zu glätten. Termosesows Gestalt zeigte sich in ihrer ganzen plastischen Vollendung, der Kragen seines Hemdes war aufgeknöpft und die weit über den Ellbogen aufgeschürzten Ärmel ließen die muskulösen, dicht behaarten Arme deutlich erkennen.
Mit diesen Armen hob Termosesow ein langes russisches Handtuch, an dessen Enden rote Hähne gestickt waren, und bearbeitete damit seine sich wild sträubenden nassen Haare aufs kräftigste.
Aus der Energie, mit welcher der liebenswürdige Ismail Petrowitsch dieses Geschäft betrieb, ließ sich ohne weiteres erraten, daß die fröhlichen, machtvollen und ungenierten Fiorituren, die eben noch durch die geschlossene Tür bis in den Saal gedrungen waren, von Termosesow herrührten, während Bornowolokow nur wie eine Ente zischen und plätschern konnte. Der zurückkehrende Jermoschka, welcher die Tür zuschlug, zerstörte das holde Bild.
Aber Termosesow hatte genügend Zeit gehabt, um das Feld mit seinem Adlerblick zu überschauen, und er ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen, die Hausfrau durch sein Erscheinen ohne den Fürsten zu erfreuen. Er warf schnell seinen weiten Mantel über seine höchst unvollkommene Toilette und stieß den armen Jermoschka, ihn am Ohr packend, ins Vorzimmer hinaus mit den Worten:
»Daß du deine Nase hier nicht zu zeigen wagst, bis ich dich rufen werde!«
Dann schloß er die Tür zum Kabinett, in dem sich der Fürst noch befand, und setzte sich in seinem immerhin recht seltsamen Kostüm ungeniert neben die Hausfrau.
»Hören Sie mal, Biziukina, so geht das nicht, Herzchen,« fing er an und faßte sie ohne weiteres bei der Hand. »Sie haben Ihren Lausbuben gar zu sehr verwöhnt. Ich nannte ihn ein Ferkel, weil er dem Fürsten die Ärmel beplantscht hatte, worauf er mir: ›Meine Mutter ist keine Sau, sondern eine Frau!‹ antwortete. Daran sind Sie natürlich schuld, Sie haben ihn so emanzipiert, nicht wahr?«
Und mit völlig veränderter Stimme fuhr er zärtlich fort: »Sie sind es? Ja? Sagen Sie -- ja?« Dieses Ja wurde in einem Ton gesagt, der das Herz der Biziukina erschauern machte. Sie begriff, daß die gewünschte Antwort gar nicht der gestellten Frage galt, sondern einer unausgesprochenen, deren heimlicher Sinn sie durch seinen Realismus geradezu erschreckte, und darum schwieg sie. Aber Termosesow ließ nicht locker.
»Ja oder nein? Ja oder nein?« drängte er mit wachsender Ungeduld.
Zu langem Überlegen war keine Zeit. Die Biziukina sah Termosesow ängstlich an und begann schüchtern:
»Ja, ich weiß n...«
Aber Termosesow unterbrach sie hart:
»Ja!« rief er. »Ja! Und damit genug! Weiter brauchst du mir nichts zu sagen. Gib mir dein Händchen. Gleich auf den ersten Blick habe ich erkannt, daß wir zueinander gehören, und eine andere Antwort habe ich von dir nicht erwartet. Jetzt keine Zeit verloren! Beweise mir deine Liebe durch einen Kuß.«
»Wollen Sie nicht ein Glas Tee?« stammelte Daria Nikolajewna, als ob sie diese Worte nicht gehört hätte.
»Komm mir nicht mit solchen Geschichten! Ich bin kein Teekessel, sondern ein Dampfkessel.«
»Dann ist Ihnen Wein vielleicht lieber?« flüsterte Daria, sich von ihm losmachend.
»Wein?« wiederholte Termosesow. »Du bist süßer als Myrrhen und Wein!« Und damit zog er Madame Biziukina an sich. »Laß uns verschmelzen in seligem Kusse«, flüsterte er und schloß ihr rotes Mündchen mit seinen Pferdelippen.
»Jetzt aber sag mir mal, warum bist du eine so renitente Monarchistin?« fragte er unmittelbar nach dem Kusse, die Hand der Dame seinen Augen nähernd.
»Ich bin gar nicht Monarchistin,« beteuerte die Biziukina hastig.
»Wem gilt denn deine Hoftrauer? Dem Maximilian von Mexiko?«
Und Termosesow wies lachend auf die schwarzen Streifen an ihren Fingernägeln, schob sie zur Seite und sagte: »Geh, wasch deine Hände!«
Daria Nikolajewna wurde feuerrot und war nahe daran zu weinen. Sie hatte sonst immer tadellos saubere Nägel. Sie eilte in ihr Schlafzimmer, wusch dort die Hände und kam lächelnd zurück.
»So,« sagte sie, »jetzt bin ich wieder Republikanerin, ich habe ganz weiße Hände.«
Der Gast aber drohte ihr mit dem Finger und meinte, der Republikanismus sei nur ein dummer Spaß.
»Was brauchen wir uns um die Republik zu kümmern?« sagte er. »Man kann damit bös reinfallen. Aber ich habe die photographischen Bildnisse sämtlicher regierender Herrschaften mit. Soll ich sie dir schenken, daß wir sie hier an die Wand hängen?«
»Ich habe sie ja selbst.«
»Wo sind sie denn? Wohl versteckt? He? Ich schwör's beim Satan selber, daß ich's erraten habe: du erwartetest unsern Besuch aus Petersburg, und um mit deinem Liberalismus zu prahlen, hast du sie versteckt! Dumm ist das, mein Töchterchen, sehr dumm! Bring sie mal fix her, ich hänge sie dir wieder auf.«
Die ertappte Einnehmersfrau wurde wieder bis an die Ohren rot, holte aber die eingerahmten Bildnisse aus dem Tischkasten heraus und brachte auf Termosesows Befehl Hammer und Nägel, worauf der Gast sich gleich an die Arbeit machte.
»Ich denke, wir bringen sie gleich hier an dieser Wand an,« sagte er, mit dem Finger durch die Luft fahrend.
»Wie Sie meinen.«
»Was nennst du mich immer noch Sie, wenn ich dich duze? Du sollst du sagen. Und nun gib mal die Bilder her.«
»Die hat alle mein Mann gekauft.«
»Sehr richtig von ihm, daß er die Obrigkeit hochachtet! Die Herren Minister hängen wir alle hier unten nebeneinander auf. Her damit! Wer ist das? Gortschakow. Der Kanzler. Ausgezeichnet! Er hat Rußland gerettet! Sehr nett von ihm! Dafür wird er als Erster aufgehängt.«
Als alle Bilder an der Wand befestigt waren, ergriff Termosesow die rechte Hand der Biziukina und drückte sie an seine Brust.
»Nicht wahr, ich habe ein heißes Herz?« fragte er, ihre Verlegenheit ausnutzend.
Aber Daria Nikolajewna riß ihre Hand los und erwiderte zornig: »Sie werden aber zu frech.«
»Tä--tä--tä--tä--! Zu frech! Ganz und gar nicht ›zu‹, sondern gerade, wie sich's gehört,« spottete Termosesow und legte den andern, freien Arm um ihren Leib.
»Sie sind ein ganz unverschämter Mensch! Sie vergessen, daß wir uns kaum kennen,« schrie Daria Nikolajewna entrüstet und riß sich von ihm los.
»Ich bin nicht unverschämt und ich vergesse auch nichts! Termosesow ist bloß klug, schlicht, natürlich und praktisch -- weiter nichts. Termosesow denkt einfach so: wenn du ein vernünftiges Frauenzimmer bist, dann weißt du, warum du mit einem Mann so intim redest, wie du mit mir geredet hast; weißt du aber selber nicht, warum du dich so benimmst, dann bist du eine Gans und es hat keinen Sinn, dich schonend zu behandeln.«
Madame Biziukina wollte natürlich klug sein.
»Sie sind sehr schlau,« sagte sie, das Gesicht abwendend.
»Schlau! Was braucht's hier Schlauheit? Ja, wenn du mich liebst oder ich dir gefalle ...«
»Wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich Sie liebe?«
»Laß doch das Flunkern!«
»Nein, ich rede die Wahrheit. Ich liebe Sie gar nicht und Sie gefallen mir nicht im geringsten.«
»Quatsch keinen Blödsinn! Du liebst mich nicht? Nein, laß dir mal ganz was anderes sagen: ich fühle dich und verstehe dich und will dir offenbaren, wer ich bin, aber nur, wenn wir ganz allein und ungestört sind.«
Daria Nikolajewna schwieg.
»Verstehst du, wie ich es meine? Damit wir einander ganz kennen lernen, müssen wir mal zusammenkommen ... Ein Rendezvous -- verstehst du -- natürlich zu politischen Zwecken.«
Daria Nikolajewna schwieg wieder. Termosesow seufzte, ließ ihre Hand leise los und sagte:
»O ihr Weiber im heiligen Rußland! Und ihr wollt es noch den Polinnen gleichtun! Nein, meine Lieben, mit denen nehmt ihr es noch lange nicht auf! Gebt den Ismail Termosesow einer Polin, sie würde nicht von ihm lassen und in Gemeinschaft mit ihm den Ararat auf den Kopf stellen!«
»Die Polinnen sind ganz was anderes,« sagte Daria Nikolajewna.
»Warum?«
»Sie lieben ihr Vaterland und wir hassen unseres.«
»Was ist denn dabei? Die Feinde der Polinnen sind also alle Feinde der Unabhängigkeit Polens und eure Feinde sind alle russischen Patrioten.«
»Das ist wahr.«
»Nun, wer ist also hier dein schlimmster Feind? Nenn ihn mir und du sollst sehn, wie er die ganze Schwere der Hand Termosesows spüren wird!«
»Ich habe viele Feinde.«
»Nenn mir die schlimmsten! Die allerschlimmsten!«
»Die schlimmsten sind zwei.«
»Die Namen dieser Unseligen! Die Namen!«
»Der eine ist ... der hiesige Diakon Achilla.«
»Es sterbe der Diakon Achilla!«
»Der andere ist der Propst Tuberozow.«
»Wehe dem Propst Tuberozow!«
»Hinter ihm steht die ganze Stadt, das ganze Volk.«
»Nun, und was tut das? Termosesow kennt die Obrigkeit und fürchtet daher keine Stadt und kein Volk.«
»Die Obrigkeit ist nicht sehr gut auf ihn zu sprechen.«
»Nicht gut zu sprechen? Um so leichter kommen wir ihm an den Kragen. Jetzt aber merke dir nur folgendes: Gewinn mich lieb und werde mein, Herodias!«
Madame Biziukina küßte ihn ohne Bangen.
»Das war ehrlich!« rief Termosesow, und nachdem er sie ausgefragt hatte, was sie von ihren Feinden Tuberozow und Achilla zu leiden gehabt, drückte er ihr lächelnd die Hand und ging in das Kabinett zurück, wo sein Gefährte die ganze Zeit über geblieben war.
Zehntes Kapitel.
Der durchlauchtige Gefährte Termosesows lag in einem weißen Jackett auf dem für ihn aufgeschlagenen Bette, hatte die Füße mit einem leichten Plaid zugedeckt und schien mit geschlossenen Augen vor sich hin zu träumen.
Termosesow wollte sich überzeugen, ob sein Vorgesetzter schlafe oder sich bloß schlafend stelle, darum trat er leise an das Bett, beugte sich über das Gesicht des Fürsten und nannte ihn beim Namen.
»Schlafen Sie?« fragte er.
»Ja,« antwortete Bornowolokow.
»Was soll das heißen? Wenn Sie mir antworten, können Sie nicht schlafen.«
»Ja.«
»Das ist also ein Blödsinn.«
Termosesow begab sich zu dem zweiten Sofa, warf seinen Mantel ab und streckte sich ebenfalls aus.
»Während Sie sich hier rekelten, habe ich schon sehr viel geleistet,« sagte er, sich zurechtlegend.
Bornowolokow antwortete wieder nichts als »Ja«, es war aber ein ganz besonderes Ja, sozusagen ein neugieriges Ja, das eher wie eine Frage klang.
»Jawohl, ja! Ich kann sagen, daß ich einige für uns sehr bedeutsame Entdeckungen gemacht habe.«
»Mit dieser Dame?«
»Die Dame? Die ist eine Sache für sich. Erinnern Sie sich aber noch, was ich Ihnen sagte, als ich Sie in Moskau auf der Sadowaja fing?«
»Ach ja!«
»Ich sagte: ›Eure Durchlaucht, gnädigster Fürst! So geht man mit alten Kameraden nicht um, -- daß man sie nämlich fallen läßt. Nur Lumpen handeln so.‹ Habe ich Ihnen das gesagt oder nicht?«
»Ja, Sie haben das gesagt.«
»Aha, Sie erinnern sich noch! Nun, dann müssen Sie sich auch noch erinnern, wie ich Ihnen meine Gedanken weiter entwickelte und bewies, daß Sie als unser heutiger Prinz Egalité nicht das Recht haben, auf Ihre Herkunft und Ihre bevorzugte amtliche Stellung zu pochen und über uns alte Montagnards, Ihre einstigen Freunde, die Nase zu rümpfen. Ich habe Ihnen das alles haarklein auseinandergesetzt.«
»Ja, ja.«
»Schön! Sie verstanden, daß mit mir nicht gut Kirschen essen ist, und zeigten sich sehr nachgiebig. Dafür lob' ich Sie. Sie begriffen, daß Sie mich nicht so am Wege liegen lassen durften, denn Hunger ist ein böser Berater, und einem Hungrigen fällt alles mögliche ein. Termosesow hat zudem noch ein vorzügliches Gedächtnis und einen scharfen Riecher. Als Sie noch ein feuerroter Umstürzler waren, wußte er schon, daß Sie bestimmt mal Kehrt machen würden.«
»Ja.«
»Sie beschlossen, mich als Ihren Sekretär mitzunehmen ... Das heißt, um der Wahrheit die Ehre zu geben und Sie nicht durch Schmeichelei zu kränken, Sie entschlossen sich nicht selbst dazu, sondern ich zwang Sie, mich mitzunehmen. Ich machte Ihnen Angst, ich könnte Ihre Korrespondenz mit gewissen Freunden an der Weichsel bekannt geben.«
»Ach!«
»Tut nichts, mein Fürst, seufzen Sie nicht. Was ich Ihnen damals in Moskau auf der Sadowaja sagte, als ich Sie am Rockknopf festhielt und Sie vor mir davonlaufen wollten, das sag' ich Ihnen auch heute wieder: seufzen Sie nicht und jammern Sie nicht, daß Termosesow über Sie gekommen ist. Ismail Termosesow wird Ihnen noch einen großen Dienst leisten. Sie und Ihre gegenwärtige Partei, in der keine solchen Halunken zu finden sind wie Termosesow, sondern viel feinere Kunden, gründen Zeitungen und suchen auf diese oder jene Art Fühlung mit dem Volk zu gewinnen.«
»Ja.«
»Das wird Ihnen aber nie gelingen.«
»Warum nicht?«
»Weil ihr ungeschickt seid. Die Patrioten erkennen euch sofort an den Klauen, packen euch am Schopf und schmeißen euch auf die Gasse hinaus.«
»Hm!«
»Jawohl! Aber laßt ihr die Zeitungen schwimmen und haltet euch an Termosesow, so deichselt er euch die ganze Geschichte glänzend. Seien Sie mein Märchenprinz Iwan, so will ich Ihr grauer Wolf sein.«
»Ein Wolf sind Sie schon.«
»Das ist es eben. So ein grauer Wolf schafft Ihnen die goldmähnigen Rosse und den Feuervogel und die Prinzessin und setzt Sie zu guter Letzt auf den Königsthron.«
Und damit sprang der graue Wolf von seiner Lagerstätte auf, lief an das Bett seines Prinzen Iwan und sagte leise:
»Rücken Sie mal ein bißchen zur Wand, ich will Ihnen was ins Ohr flüstern.«
Bornowolokow gehorchte, und Termosesow setzte sich auf den Bettrand, legte seinen Arm um den Fürsten und fing mit leiser Stimme an:
»Versetzen Sie mal der Kirche eins. Da steckt das Gift! Jagt ihren Bonzen mal einen heilsamen Schrecken ein.«
»Ich verstehe nichts.«
»Das Christentum macht die Menschen doch gleich, nicht wahr? Es hat doch Staatsmänner genug gegeben, die in der Übersetzung der Bibel in die Volkssprache eine Gefahr sahen. Nein, das Christentum ... man kann es sehr leicht ... wissen Sie, in gefährlichem Sinne auslegen. Und solch ein Ausleger kann jeder beliebige Pope sein.«
»Das klingt ganz plausibel.«
»Na also. Danken Sie Ihrem Schicksal, daß es Ihnen Termosesow gesandt hat! Ich stelle Ihnen einen Bericht zusammen, daß sogar Ihre Feinde Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen und Sie für ein administratives Genie erklären.«
Termosesow dämpfte die Stimme noch mehr und fuhr fort:
»Erinnern Sie sich noch, wie wir schon hier in der Gouvernementsstadt auf dem Heimweg aus dem Klub mit dem Kanzleivorsteher sprachen, und wie er einen freisinnigen Popen erwähnte, welcher sogar frech gegen Seine Exzellenz geworden sei?«
»Ja.«
»Daran haben Sie natürlich nicht gedacht, daß dieser Pope Tuberozow heißt und daß er hier, in dieser Stadt amtiert, wo Sie sich auf dem Lotterbette rekeln und nichts über ihn zu melden imstande sein werden.«
Bornowolokow fuhr in die Höhe und fragte, aufrecht auf dem Bette sitzend:
»Wie können Sie wissen, was der Kanzleivorsteher mir gesagt hat?«
»Sehr einfach. Ich ging damals leise hinter Ihnen. Es ist gut, wenn man Sie immer im Auge behält. Aber das ist jetzt Nebensache. Wir müssen unsere Taktik zuerst an diesem Tuberozow erproben und seine Gemeingefährlichkeit, wie überhaupt die Gemeingefährlichkeit derartiger unabhängiger Charaktere unter den Geistlichen erweisen. So kommen wir zu dem logischen Ergebnis, daß die Religion überhaupt nur als ein Zweig der Verwaltung geduldet werden kann. Sobald aber der Glaube als wirklicher Glaube auftritt, ist er gefährlich und muß eingeschränkt, muß unter Kontrolle gestellt werden. Diesen Gedanken werden Sie als Erster verkünden, und man wird ihn stets in Verbindung mit Ihrem Namen wiederholen, wie man die Gedanken eines Macchiavelli und Metternich wiederholt. Sind Sie zufrieden mit mir, mein Herr und Gebieter?«
»Ja.«
»Und geben mir Vollmacht zu handeln?«
»Ja.«
»Wie soll ich dieses Ja verstehen? Heißt das, daß Sie es ebenfalls wollen?«
»Ja, ich will es.«
»Also! Manchmal heißt Ihr Ja nämlich zugleich Ja und Nein.«
Termosesow erhob sich vom Bette seines Gebieters und sagte:
»Wir armen Sklaven können nicht lange untätig sein. Uns hat keine gütige Fee die Mittel in die Hand gegeben, vom Nihilisten im Handumdrehen zum Satrapen zu werden. Ich sorge für Sie, aber auch für mich. Ich mag nicht mehr hungern. Wo immer ich mich auch zeige, immer heißt's ›ein Roter‹ -- und niemand will mich nehmen.«
»Waschen Sie sich weiß.«
»Wo soll ich die Seife hernehmen?«
»Warum haben Sie sich nicht in Petersburg als Spion gemeldet?«
»Ich hab's versucht,« antwortete Termosesow ungeniert, »aber wir leben in einem realistischen Zeitalter: alle einträglichen Stellen waren schon besetzt. Man muß sich erst irgendwie bewährt haben, wurde mir gesagt.«
»So bewähren Sie sich doch.«
»Geben Sie mir Gelegenheit, zu zeigen, was ich kann. Sonst fang' ich, bei Gott, mit Ihnen an.«
»Vieh!« zischte Bornowolokow.
»M--m--m--mu--u--uh!« brummte Termosesow ganz laut.
Bornowolokow sprang auf, faßte sich entsetzt an den Kopf und rief:
»Was soll das noch?«
»Was? Das schwarze Vieh brüllt, weil es fressen will, und es bittet das weiße, es etwas höflicher zu behandeln,« sagte Termosesow ruhig.
Bornowolokow knirschte vor Wut mit den Zähnen und drehte sich schweigend zur Wand.
»Aha! So ist's schon besser! Zähme deinen Zorn, edler Fürst, und bilde dir nicht so viel darauf ein, daß du weiß bist, sonst mal' ich dich so schön an, daß du grau-gelb-grün schimmern wirst und im Schatten blau mit schwarzen Pünktchen. Vergiß nicht, daß ich dir als Zuchtrute mitgegeben bin; ich bin der Dorn in den Blättern deines Kranzes. Trage mich mit Ehrfurcht.«
Der gemarterte Bornowolokow unterdrückte einen Seufzer und stellte sich schlafend. Der triumphierende Sieger aber schlief wirklich ein.
Elftes Kapitel.
Daria Nikolajewna war mit ihrer gesamten Dienerschaft eifrig bemüht, ihren Appartements das frühere Aussehen wiederzugeben. An den Wänden reihte sich bald wieder Bild an Bild, vor den Kamin stellte sie einen kostbaren Schirm, auf den Kamin selbst eine schwarze Marmoruhr mit einem Perpendikel in Gestalt eines Sternes, über die Tische breiteten sich neue kostbare Decken; Lampen, Porzellan, Bronzen, Statuetten und allerlei Kleinkram bedeckten jeden freien Platz im Salon und Schlafzimmer, so daß die Wohnung bald an das Logement einer reichen Halbweltdame erinnerte, die sich von ihren Verehrern die unnützesten Dinge ohne Sinn und Verstand hatte schenken lassen.
Noch als die Arbeit im besten Gange war, erschien unerwartet der Lehrer Prepotenskij und war völlig verblüfft. Natürlich konnte er diesen »Schick« nicht billigen. Als aber Daria Nikolajewna, die ihn gar nicht beachtete, die Unverschämtheit hatte, den Dienstboten zu befehlen, in Gegenwart des Lehrers die Überzüge von den Möbeln abzunehmen, da wurde es ihm zu viel, und er fragte:
»Und Sie schämen sich nicht?«
»Ganz und gar nicht.«
»Das ist einfach unverschämt!« rief Prepotenskij, setzte sich in eine Ecke und nahm ein neues Buch vor.
In diesem Augenblick hörte man Termosesow im Nebenzimmer husten. Kurz entschlossen meinte die Biziukina:
»Gehn Sie raus!«
Das kam so unerwartet, daß sogar Prepotenskij den harten Sinn dieser Worte nicht begriff und die Dame ihren Befehl wiederholen mußte.
»Raus?« fragte der verblüffte Lehrer noch einmal.
»Ja. Ich wünsche Sie nicht mehr in meinem Hause zu sehn.«
»Meinen Sie das im Ernst?«
»Vollkommen im Ernst.«
Im Zimmer der Gäste wurde es wieder laut.
»Gehn Sie bitte hinaus, Prepotenskij,« rief die Biziukina ungeduldig. »Hören Sie? Hinaus!«
»Aber ich bitte Sie, ich störe doch gar nicht.«
»Doch, Sie stören!«
»Ich kann mich ja bessern.«
»Sie sind unverbesserlich,« widersprach die Hausfrau ungeduldig und suchte den Gast von seinem Platze zu vertreiben.
Allein auch Prepotenskij zeigte sich als Mann von Charakter und verlangte ruhig, aber fest eine Erklärung, warum sie ihn für unverbesserlich halte.
»Weil Sie ein kompletter Esel sind!« schrie endlich die Biziukina ganz außer sich.
»Ah, das ist etwas anderes,« sagte Prepotenskij aufstehend. »In diesem Falle bitte ich nur um Rückgabe meiner Knochen.«
»Fragen Sie Jermoschka danach. Ich hab' ihm befohlen, sie hinauszuwerfen.«
»Hinauszuwerfen!« schrie der Lehrer und stürzte in die Küche. Als er nach einer halben Stunde zurückkam, war Daria Nikolajewna bereits in einer so blendenden Toilette, daß der Lehrer, als er sie erblickte, sich am Ofen festhalten mußte, um nicht umzufallen.
»Ah, Sie sind noch nicht fort?« fragte sie streng.
»Nein, ich bin nicht gegangen und kann nicht gehn ... denn Ihr Jermoschka ...«
»Nun?«
»Er hat die Knochen an einen Ort geworfen, daß für mich keine Hoffnung mehr ...«
»O, ich sehe, Sie wollen hier noch lange predigen!« rief die Biziukina in wildem Zorn, packte den Lehrer bei den Schultern und stieß ihn ins Vorzimmer. In demselben Augenblick ging die Tür des Kabinetts auf und Termosesow erschien auf der Schwelle.
Zwölftes Kapitel.
»Bah! Bah! Bah! Was bedeutet denn das?« fragte er die Biziukina und rieb sich die verschlafenen Augen.
»Ach, gar nichts, das ist ... ein dummer Mensch, der früher bei uns verkehrte,« antwortete sie und ließ den Lehrer los.
»Weshalb soll er denn jetzt hinausgeworfen werden? Was hat er denn getan?«
»Nichts, gar nichts,« sagte Prepotenskij.
Termosesow sah ihn an und fragte:
»Wer sind Sie denn?«
»Der Lehrer Prepotenskij.«
»Wodurch haben Sie die Dame verletzt?«
»Durch nichts, durch gar nichts.«
»So kommen Sie her, ich will Sie versöhnen.«
Prepotenskij kam sofort zurück.
»Weshalb nennen Sie ihn eigentlich dumm?« fragte Termosesow die Hausfrau und hielt dabei den Lehrer an beiden Händen fest. »Ich kann es nicht finden.«
»Ja, versteht sich, Sie können mir glauben, ich bin gar nicht dumm,« sagte Warnawa lächelnd.
»Ganz richtig, und das Verhalten unserer Frau Wirtin Ihnen gegenüber kann ich nicht billigen. Aber zum Zeichen der Versöhnung soll sie uns Tee geben. Ich trinke gern ein Glas Tee, wenn ich geschlafen habe.«
Daria Nikolajewna ging hinaus, um den Tee zu bestellen.
»Na, und Sie, Herr Lehrer, nehmen Sie Platz und plaudern wir ein bißchen. Ich sehe, Sie sind ein guter Kerl, mit dem sich leben läßt,« begann Termosesow, als er mit Warnawa allein war, der ihn in fünf Minuten in sein ganzes trauriges Schicksal daheim und draußen eingeweiht hatte. Nichts wurde vergessen, weder die Mutter, noch die Totengebeine, noch Achilla, noch Tuberozow, bei dessen Namen Termosesow seine Aufmerksamkeit verdoppelte. Endlich erzählte der Lehrer auch noch von der Vormittagsschlacht des Diakons mit dem Kommissar Danilka.
Bei diesem Bericht räusperte sich Termosesow, klopfte Prepotenskij auf das Knie und sagte leise:
»Also, Herr Professor, ich beauftrage Sie hiermit, mir morgen früh diesen Kleinbürger unbedingt herbeizuschaffen.«
»Den Danilka?«
»Ja, den der Diakon beleidigt hat.«
»Das ist ja eine Kleinigkeit.«
»Also her mit ihm!«
»Morgen in aller Frühe ist er hier.«