Die Klerisei

Part 13

Chapter 133,548 wordsPublic domain

Der Diakon, der schon alle fünf Finger der linken Hand eingebogen hatte, sann einen Augenblick nach, indem er den Vater Zacharia scharf ansah, dann öffnete er die linke Faust, um nun die Finger der Rechten einzubiegen, und meinte:

»Ja, man kann auch zum Moses Ugrinos beten.«

»Bitte weiter.«

»Gegen die Trunksucht -- zum Märtyrer Bonifatius.«

»Und zum Moses Murinos.«

»Wie?«

»Zum Bonifatius und zum Moses Murinos,« wiederholte Vater Zacharia.

»Ganz recht,« stimmte der Diakon ihm bei.

»Bitte weiter.«

»Zum Schutz gegen bösen Zauber -- zum heiligen Märtyrer Cyprianus.«

»Und zur heiligen Justina.«

»So hört endlich auf mit Eurem Vorsagen, Vater Zacharia!«

»Wenn's aber doch mit russischen Buchstaben deutlich gedruckt steht: und der heiligen Justina.«

»Schön, sei's drum! Und der heiligen Justina. Um Wiedergewinnung gestohlener Gegenstände und um Rückkehr entflohener Knechte (der Diakon betonte jedes einzelne Wort) -- zu dem Theodor Tyron, dessen Gedächtnis wir am siebzehnten Februar feiern.«

Jedoch kaum hatte Achilla sein letztes Wort gleich einem Trompetensignal herausgeschmettert, als auch schon Zacharia mit derselben leisen und leidenschaftslosen Stimme in der Aufzählung fortfuhr:

»Und zum heiligen Johannes dem Krieger, dessen Gedächtnis wir am zehnten Juli feiern.«

Achilla riß die Augen weit auf und schrie:

»Jetzt fällt mir's ein, ja, man kann auch zu Johannes dem Krieger beten.«

»Aber weshalb habt Ihr denn eine ganze Stunde gestritten, Vater Diakon?« sagte Nikolai Afanasjewitsch, ihm zum Abschied sein Händchen entgegenstreckend.

»Daß mir sowas passieren mußte! Ich hatte die Duplikate vergessen, deshalb stritt ich,« verteidigte sich der Diakon.

»Das ist genau wie im Sprichwort, werter Herr: ich suche meine Mütze und habe sie auf dem Kopfe. Meinen ehrerbietigsten Gruß, Vater Diakon.«

»Ich suche meine Mütze! ... Ach, du Kleiner!« grinste Achilla, kriegte den Zwerg am Rockschoß zu packen und setzte ihn auf seine Hand, indem er rief:

»Der ist ja so leicht wie eine Flaumfeder!«

»Laß sein,« befahl Vater Tuberozow.

Der Diakon stellte den Zwerg wieder auf den Boden und bemerkte scherzend, in Anbetracht seiner Leichtigkeit sei es unmöglich, ihn nach Gewicht zu verkaufen. Doch der Propst, den das vorlaute Gebaren des Diakons schon zu ärgern begann, wandte ein:

»Weißt du, wen man nach Gewicht schätzt?«

»Nun, wen?«

»Den Wicht.«

»Schönsten Dank!«

»Bitte sehr, recht gern geschehen.«

Der Diakon wurde verlegen, fuhr mit seinem Baumwolltaschentuch über den haarigen Filz seines Hutes und brummte:

»Ihr könnt auch nie und nirgends ohne Politik auskommen!«

Und schritt mit gekränkter Miene zur Tür hinaus.

Bald begannen sich auch die andern Gäste zu verabschieden und gingen ein jeder seines Weges.

Den Zwerg und seine Schwester trug der bronzebeschlagene Wagen schnell von dannen, Tuberozow aber nahm seinen Weg in Begleitung desselben Darjanow, mit dem wir ihn im Häuschen der Hostienbäckerin Prepotenskaja gesehen haben, langsam über die Brücke.

Als sie das jenseitige Ufer erreicht hatten, machten sie einen Augenblick Halt. Von alter Erinnerung überwältigt meinte der Propst:

»Ist es nicht seltsam, daß dieses alte Märchen, welches uns der Zwerg erzählt und das ich schon so oft gehört habe, daß dieses kindliche Märlein von den Stricknadeln der Alten mich nicht nur erfrischt, sondern auch beruhigt hat nach all der Aufregung, in welche mich die jüngste Wirklichkeit versetzt hatte? Ist das nicht ein deutlicher Beweis dafür, daß ich alt geworden bin und in der Vergangenheit zu leben beginne? Aber nein, das ist es nicht. Ich bin von klein auf so gewesen. Mir fällt eben ein Erlebnis ein: als Student kam ich einmal in das Dorf, in dem ich meine Kindheit verbrachte und sah, wie man die alte Holzkirche niederriß, um an ihrer Stelle ein neues schönes Gotteshaus aus Stein zu errichten ... Damals brach ich in Tränen aus.«

»Warum denn?«

»Es war mir leid um das hölzerne Kirchlein. Einen schönen, lichten, neuen Tempel will man in Rußland bauen, und die Enkel, die darin beten werden, werden sich freuen an der Fülle von Licht und Wärme, -- und dennoch tut es weh, wenn die alten Balken ohne Erbarmen auseinandergezerrt werden.«

»Ja, lohnt sich's denn wirklich, etwas zu bewahren aus jener alten Zeit, die nichts Besseres wußte, als mit Stricknadeln zu klappern und sich an Zwergenhochzeiten zu erfreuen?«

»Ja, sehen Sie mal, ärmlich genug ist das ja, -- und doch fühlte ich etwas vom russischen Geiste darin. Ich gedachte der alten Bojarin und mir wurde so wohl und frei dabei, und das scheint mir der schönste Lohn für meine Pietät. Lebt in gutem Einvernehmen mit eurem alten Märchen, ihr jungen russischen Leute! Solch ein altes Märchen ist ein wunderbares Ding! Wehe dem, der in seinem Alter keines hat! Euren Ohren klingt das Klappern der alten Stricknadeln eintönig, mir aber erzählt es süße Mären! ... O wie gerne möchte ich in Frieden mit meinem alten Märchen sterben!«

»Das wird ja wohl auch so werden.«

»Wie soll man das wissen? Wie soll man wissen, wer es sein wird? Aber erlauben Sie, -- was ist denn das?« unterbrach der Propst sich plötzlich und sah nach einer Staubwolke, die sich auf dem Berge zeigte und einen mit drei Pferden bespannten Reisewagen, in dem zwei Männer saßen, begleitete. Der eine von ihnen war groß, fleischig, schwarz, mit feurigen Augen und einer unverhältnismäßig großen Oberlippe; der andere klein, glatt rasiert, mit einem völlig leidenschaftslosen Gesicht und hellen, wässerigen Augen.

Der Wagen mit den Fremden fuhr schnell über die Brücke und bog auf dem anderen Ufer links ab.

»Was für unangenehme Gesichter,« sagte der Propst und wandte sich ab.

»Wißt Ihr auch, wer das war?«

»Gott sei Dank, nein.«

»Dann kann ich es Euch zu Eurer Betrübnis sagen. Es ist der Regierungsbeamte Fürst Bornowolokow, welcher seit einiger Zeit hier erwartet wird. Ich habe ihn sofort erkannt, obgleich ich ihn lange nicht gesehen habe. Richtig, sie halten vor dem Biziukinschen Hause.«

»Sagen Sie, bitte, welcher von beiden ist Bornowolokow?«

»Links, der Kleine, ist Bornowolokow.«

»Und der andere?«

»Wohl sein Sekretär. Auch eine Berühmtheit eigener Art.«

»Ein tüchtiger Jurist?«

»Hm! Davon habe ich eigentlich nichts gehört. Aber wegen irgendeiner Studentengeschichte wurde er einmal zu Festungshaft verurteilt.«

»Um Gottes willen! Wie nennt sich dieser Mann?«

»Ismail Termosesow!«

»Termosesow?«

»Ja, Termosesow; Ismail Petrowitsch Termosesow.«

»Himmel, was für Leute unser Zar in seine Dienste nimmt!«

»Wie meint Ihr das?«

»Aber, ich bitte! Dies Gesicht, diese Lippen, und auf Festung hat er gesessen und ist wieder freigekommen, und Termosesow heißt er auch noch.«

»Das ist entsetzlich, nicht wahr?« rief Darjanow laut lachend.

Sechstes Kapitel.

Wir müssen nun, unter dem Zwange der Verhältnisse, welche den Gang unserer Chronik bedingen, den Stargoroder Propst für einige Zeit verlassen, um die Bekanntschaft eines ganz anderen Kreises derselben Stadt zu machen. Wir treten in das Haus des Akzisebeamten Biziukin, in dem die längst erwarteten Petersburger Gäste soeben eingetroffen sind: der Fürst Bornowolokow, ein alter Studiengenosse des Akziseeinnehmers, welcher irgend etwas revidieren oder einführen soll, und sein Sekretär Termosesow, ebenfalls ein alter Bekannter und Gesinnungsgenosse Biziukins. Es ist vormittags und der Postwagen, welcher die Gäste nach Stargorod gebracht hat, macht eben vor dem Hause Halt.

Biziukin selbst war nicht zu Hause, und so mußte ihn seine Gattin vertreten. Diese interessante Frau, die sich viel mit Politik beschäftigte, sah dem Besuche des Gastes nicht ohne innere Bewegung entgegen. Sie wollte sich ihm von ihrer besten und vorteilhaftesten Seite zeigen, und war vom frühen Morgen darauf bedacht, daß ihr Haus den besten Eindruck auf die Ankommenden mache. In aller Frühe prüfte sie sämtliche Gemächer und fand, daß eigentlich nichts ihrem Wunsche entsprach. In der Mitte des reinlichen, freundlich möblierten Wohnzimmers blieb sie stehen und dachte verzweifelt:

»Nein, das ist zum Tollwerden! Hier sieht es ja genau so aus, wie bei Porochontzews oder bei Darjanows oder beim Postmeister, -- mit einem Wort, wie überall, vielleicht etwas besser. Die Uhr auf dem Kamin, diese Armleuchter, und da steht das Klavier ... Nein, das darf unmöglich so bleiben, um dieser Kleinigkeiten willen will ich nicht die Verachtung der modernen Männer auf mich laden. Ich weiß, wie man moderne Männer der Tat aufnimmt! Ja, aber, wo soll ich hin mit all dem Kram? Soll ich alles hinauswerfen? Das wäre doch zu schade. Die Sachen werden verderben, sie haben Geld gekostet. Und was nützt es, sie hinauszuwerfen, wenn ringsherum ... Im Schlafzimmer zum Beispiel die Spitzengardinen ... Na ja, ins Schlafzimmer werden die Gäste ja nicht hineinschauen ... Ich bringe nur meines Mannes Zimmer in Ordnung!«

Und damit rief die junge Beamtenfrau ihre Dienstboten und ließ sie sofort alles ihrer Meinung nach Überflüssige aus dem Arbeitszimmer ihres Gatten auf den Speicher bringen, so daß nichts weiter übrigblieb als ein Tisch, ein Stuhl und zwei Sofas.

»Ausgezeichnet,« dachte die Biziukina. »Wenigstens ein Zimmer im Hause, das anständig aussieht.«

Sie machte noch zwei große Tintenflecke auf den Schreibtisch und stieß den Spucknapf in der Ecke um, so daß der Sand sich über den Fußboden streute. Aber o Himmel, als sie wieder in den Saal zurückkehrte, bemerkte sie, daß sie das Allerärgste fast übersehen hätte: an der Wand hing ein Heiligenbild!

»Jermoschka! Jermoschka! Schaff sofort dies Heiligenbild hinaus ... ich will es in die Kommode legen!«

Das Bild wurde fortgeschafft und die besorgte Hausfrau begab sich in ihr Boudoir, öffnete einen großen Nußbaumschrank, wählte aus ihrer reichhaltigen Garderobe die allerschlechtesten Stücke, rief ihr Dienstmädchen und ließ sich ankleiden.

»Marfa, du liebst die Herrschaften wohl gar nicht?«

»Warum sollte ich sie nicht lieben?«

»Warum solltest du nicht? Nun so, ganz einfach! Wofür sollst du sie denn lieben?«

Das Mädchen wußte nicht, was es antworten sollte.

»Was haben sie dir denn Gutes getan?«

»Gutes, nichts, gnädige Frau.«

»Nun, du dumme Person, dann kannst du sie auch nicht lieben, und in Zukunft bitt' ich dich, die dummen Redensarten ›zu Befehl‹ und ›gnädige Frau‹ und so weiter gefälligst zu lassen. Sag einfach ›ja‹ und ›nein‹ und ›was‹ und ›warum‹. Verstanden?«

»Zu Befehl.«

»Zu Befehl!? Kannst du nicht einfach ›ja‹ sagen?«

»Warum denn, gnädige Frau?«

»Weil ich es so wünsche.«

»Zu Befehl.«

»Schon wieder? Ich hab' dir doch eben erst befohlen: einfach ›ja‹ und ›nein‹ zu sagen.«

»Ja. Aber es wird mir sehr schwer, gnädige Frau.«

»Schwer? Um so leichter wird dir's später werden. Alle werden einmal so sprechen. Hörst du?«

»Zu Befehl.«

»Zu Befehl! Pack dich, dumme Gans! Ich schmeiß dich raus, wenn du mir noch einmal so antwortest. Einfach ›ja‹ -- und mehr nicht. Bald wird es überhaupt keine Herrschaften mehr geben; verstehst du? Überhaupt keine mehr! Sie werden bald alle ... in Stücke gehackt. Verstanden?«

»Ja,« sagte das Mädchen, um sie irgendwie loszuwerden.

»Jetzt geh und schick mir den Jermoschka her.«

»Nun ist aber noch etwas unbedingt nötig. Ich muß eine Schule hier haben.« Und Madame Biziukina gab ihrem Jermoschka zehn kupferne Fünfkopekenstücke und befahl ihm, möglichst viele Straßenjungen herbeizuschaffen. Er sollte jedem von ihnen sagen, daß er von ihr noch einen zweiten Fünfer bekommen würde.

Nach zehn Minuten kehrte Jermoschka in Begleitung einer ganzen Horde zerlumpter Gassenbuben zurück.

Die Biziukina gab jedem fünf Kopeken, ließ sie im Kabinett ihres Mannes Platz nehmen und sagte zu ihnen:

»Jetzt werde ich euch unterrichten und dafür kriegt jeder noch einen Fünfer. Ist's euch recht so?«

Die Jungen rümpften die Nase:

»Na ja, warum nicht?«

»Wir verstehen doch nicht, aus Büchern zu lesen,« sagte einer von den Klügeren.

»Ich will euch ein Lied lehren, da braucht ihr keine Bücher.«

»Na, wenn's ein Lied sein soll, ist's uns recht.«

»Jermoschka, setze dich auch dazu.«

Jermoschka setzte sich und hielt verlegen die Hand vor den Mund.

»Also jetzt singt ihr alle mit.«

»Aus der Schmiede kommt der junge Schmied.«

Die Buben sangen nach, so gut sie konnten.

»Heil!« sang Madame Biziukina vor.

»Heil!« wiederholten die Kinder.

»Und drei scharfe Messer trägt er unterm Rock! Heil!«

In diesem Ausblick hob Jermoschka den Kopf, sah aus dem Fenster und rief:

»Es kommt Besuch, gnädige Frau!«

Die Biziukina ließ das Lineal fallen, mit dem sie den Takt geschlagen hatte und stürzte in den Saal.

Siebentes Kapitel.

Der Fürst Bornowolokow und sein Sekretär Termosesow erschienen. Bei genauer Betrachtung machten sie einen viel interessanteren Eindruck, als sie Tuberozow bei ihrer flüchtigen Begegnung vorgekommen waren.

Der Revisor selbst sah wie ein eingeschlafener Stichling aus. Er war klein, mit gesträubten Haaren, breiten Schultern und Augen, über denen ein feuchter, schläfriger Schleier lag. Er schien zu nichts fähig und zu nichts brauchbar. Er war eben kein Mensch, sondern ein schläfriger Stichling, der sich in allen Meeren und Seen herumgetrieben hatte, nun aber eingeschlafen und so mit Tang bewachsen war, daß in ihm nichts mehr glühte und leuchtete.

Termosesow dagegen erinnerte an einen Kentauren. Er war riesengroß, wie es nur ein Mann sein kann, aber der Bau seines mächtigen Körpers hatte etwas Weibliches. Die Schultern waren sehr schmal, die Hüften übermäßig breit und voll wie Pferdeschinken, die Knie fleischig und rund, die Arme dürr und sehnig; der Hals lang, aber nicht mit stark hervortretendem Adamsapfel, wie bei den meisten hochgewachsenen Menschen, sondern mit einer Vertiefung, wie bei einem Pferde. Um den Kopf flatterte eine mächtige Mähne nach allen Seiten; das Gesicht, mit einer langen, armenischen Nase und einer unverhältnismäßig großen Oberlippe, die schwer auf der untern lastete, war von sehr dunkler Färbung; die Augen waren braun mit tiefschwarzen Pupillen, der Blick scharf und klug.

Die Biziukina beobachtete alles durch das Fenster, ohne von den Fremden gesehen zu werden, und zermarterte sich das Hirn, wer von den beiden wohl der Revisor Bornowolokow und wer Termosesow sei. Endlich kam sie zu dem Schlusse, der Große müßte unbedingt der Fürst Bornowolokow sein, denn er hatte eine Mütze mit einer Kokarde auf dem Kopfe, der andere im Reitfrack und dem bunten Mützchen aber war sicher Termosesow, der unabhängige Mann, der in einem ganz freien Dienstverhältnis zum Fürsten stand. Allein noch eine zweite Frage quälte die Hausfrau: wie sollte sie die Gäste empfangen? Sollte sie ihnen entgegengehen? Das wäre gar zu zeremoniell gewesen. Nichts tun, dasitzen und warten, bis sie kommen? ... Das wirkte zu gezwungen! Ein Buch vornehmen? Ja, das wäre das Richtigste, das Natürlichste!

Und sie ergriff das erste beste Buch, blickte aber noch einmal darüber hinweg durch das Fenster und bemerkte, daß Termosesow, den sie für Bornowolokow hielt, ziemlich schmutzige Hände hatte, während ihre wohlgepflegten, müßigen Hände rein waren, wie weißer Schaum.

Sofort nahm Madame Biziukina etwas Erde aus einem auf dem Fensterbrett stehenden Blumentopf, zerrieb sie zwischen ihren Handflächen und setzte sich mit ihrem Buche auf einen Stuhl in der Nähe des Fensters, die Beine übereinanderschlagend.

In diesen Augenblick ließ sich im Hausflur eine fröhliche, recht freundliche Baßstimme vernehmen, und in das Vorzimmer traten beide Gäste: zuerst Termosesow und hinter ihm Fürst Bornowolokow.

Achtes Kapitel.

Die Hausfrau saß da und rührte sich nicht. Es fiel ihr jetzt erst auf, wie unpassend den Gästen der Blumentopf auf dem Fensterbrett erscheinen mußte, und so verwirrt sie auch war, sie hatte doch noch Zeit zu überlegen, wie man ihn wohl am leichtesten aus dem Fenster hinausbefördern könnte. Dieser Gedanke beschäftigte sie so lebhaft, daß sie sogar die erste Frage überhörte, mit der sich einer der beiden Gäste an sie wandte, wodurch sie tatsächlich den Eindruck einer ganz in ihre Lektüre vertieften Person hervorrief.

Termosesow musterte sie über die Schwelle mit einem scharfen Blick und wiederholte seine Frage.

»Wer sind Sie? Vielleicht Frau Biziukina selbst?« fragte er, ruhig in den Saal eintretend.

»Ich bin Frau Biziukina,« antwortete die Hausfrau, ohne aufzustehen.

Termosesow ging auf sie zu:

»Ich bin Termosesow, Ismail Petrowitsch Termosesow, ein Schulkamerad Ihres Mannes, mit dem ich später wegen einer Dummheit auseinanderkam; und dies ist der Fürst Afanasij Fedosejewitsch Bornowolokow, Regierungsbeamter und Revisor aus Petersburg. Wir wollen hier allen die Hölle heiß machen. Guten Tag!«

Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie ergriff sie, während sie mit der andern das Buch auf die Fensterbank legte und bei dieser Gelegenheit den Blumentopf umstieß, so daß er auf die Straße kollerte.

»Was ist das? Sie haben Ihre Blume zum Fenster hinausgeworfen?«

»Das hat nichts zu sagen. Es war keine Blume. Nur Gras zum Auflegen auf Schnittwunden. Aber es taugt auch schon nichts mehr.«

»Selbstverständlich taugt es nichts. Wer legt heute noch Gras auf Schnittwunden! Aber vielleicht gibt es noch solche Esel. Wo ist denn Ihr Mann?«

Die Biziukina sah den Revisor an, der ohne ein Wort zu sagen auf dem kleinen Sofa Platz genommen hatte, und erwiderte Termosesow, ihr Mann sei nicht zu Hause.

»Nicht zu Hause? Na, macht nichts, wir sprechen uns noch. Wir waren dicke Freunde, bis uns eine Dummheit auseinanderbrachte. Aber ich muß offen bekennen, Sie passen nicht zu diesem Mann. Nein, wirklich ganz und gar nicht, darüber ist kein Wort zu verlieren. Er ist ein Hohlkopf, weiter nichts, und es ist sein Glück, daß Sie ihm zu dieser Stelle in der Akzise verhelfen konnten. Sie aber sind ein Prachtkerl, der alles ganz famos gedeichselt hat, -- dem Mann die Stelle verschafft und -- fein ist's hier bei Ihnen!« fügte er hinzu, indem er mit einem schnellen Blick alle vom Saale aus sichtbaren Räume der Wohnung musterte. Als er in dem allen Schmuckes beraubten Kabinett die Kinderschar bemerkte, die sich an der Schwelle drängte, meinte er:

»Ah, so etwas wie eine Schule haben Sie auch hier. Schäbig genug ist das Zimmerchen, aber als Schulraum geht's noch an. -- Zu was Deubel unterrichten Sie die Lausebande eigentlich?« schloß er plötzlich schroff.

Die Biziukina geriet in Verlegenheit, aber Termosesow half ihr selbst darüber hinweg. Er ging auf die Jungen zu, faßte einen von ihnen unter das Kinn und fragte: »Na? Verstehst du Erbsen zu mausen? Lern's, mein Junge, und wenn sie dich nach Sibirien expedieren, mag mein Segen dich begleiten. Lassen Sie sie laufen, Biziukina! Marsch nach Hause, ihr Halunken! Fix ans Erbsenstehlen!«

Die Jungen kamen langsam einer nach dem andern aus dem Kabinett und zogen im Gänsemarsch durch den Saal. Dann ging es in beschleunigtem Tempo durch das Vorhaus und über den Hof.

»Wozu all diese Schulen? Nichts als Zeitvergeudung!«

»Das finde ich auch,« sagte die Hausfrau kleinlaut.

»Versteht sich. Bekommen Sie eine Unterstützung?«

»Nein. Wo sollte die auch herkommen?«

»Warum nicht? Andere bekommen sie doch! -- Und das ist wohl Ihr Früchtchen?« fragte er, indem er auf den herausgeputzten Jermoschka zeigte, der eben eingetreten war. Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich an den Jungen:

»Geh mal, mein liebes Goldsöhnchen, und sag dem Dienstmädchen, daß wir uns waschen wollen.«

»Das ist gar nicht mein Sohn,« sagte die Hausfrau verlegen.

Aber Termosesow hörte es nicht. Er glaubte nun einmal, den Sohn der Hausfrau vor sich zu haben, und hielt dieser eine Predigt, wie und wozu sie ihn erziehen solle.

»Bereiten Sie ihn für den Staatsdienst vor. Daß er nur keine literarischen Neigungen kriegt! Sehn Sie mich an. Ich dürfte eigentlich gar nicht Staatsbeamter sein, aber durch Hintertüren und auf Hintertreppchen hab' ich mich doch rangeschlängelt. Jawohl! Und bin doch früher selbst Nihilist gewesen und ärgerte mich sogar über Ihren Mann, als er Akzisebeamter wurde. Dumm war das! Warum soll unsereins nicht Staatsbeamter sein? Als Beamter kann man sich beliebt machen, als Beamter hat man Geld, als Beamter gewinnt man Einfluß, -- das ist etwas ganz anderes als die blöde Schriftstellerei. Dort muß man noch Talent haben, hier aber wird es nur störend empfunden. Als Staatsbeamter kann ich die Leute sortieren. Was bist du für ein Kerl? -- Du kommst hierher. Und du bist so einer? -- Du kommst dahin. Du bist keiner von den unsern? So zwing' ich dich, ersticke dich, zerbreche dich, -- und der Staat muß mich dafür bezahlen. -- Na, was starren Sie mich so an? Es kommt Ihnen wohl sonderbar vor, was ich da aus der Praxis erzähle?«

Die verblüffte Hausfrau schwieg, der Gast aber fuhr fort:

»Ihr richtet hier Schulen ein, -- na ja, wenn man sich an die landesübliche Schablone der roten Hähne halten wollte, müßte man das loben, aber Termosesow als praktischer Mensch tut das nicht. Termosesow sagt: Zum Teufel mit den Schulen, sie sind vom Übel; wenn das Volk zu lesen versteht, nimmt es die heiligen Bücher vor. Sie glauben, die Bildung gehört zu den zerstörenden Elementen? Keineswegs. Sie ist ein aufbauendes Element, wir aber wollen vor allem zerstören.«

»Es heißt doch aber, eine Revolution wäre jetzt bei dem Bildungsstand unseres Volkes nicht möglich,« wagte die Hausfrau einzuwerfen.

»Zu was Teufel brauchen wir sie denn, die Revolution, wenn es auch ohne Revolution ganz nach unsern Wünschen geht? Aber sehn Sie, da steht Ihr Söhnlein und spitzt die Ohren. Warum erlauben Sie ihm zuzuhören, was die Erwachsenen reden?«

»Das ist gar nicht mein Sohn,« sagte die Dame.

»Nicht Ihr Sohn? Wer ist es denn?«

»Ein Diener.«

»Ein Diener! Und so herausstaffiert! Fix, Waschwasser, du Teufelsbraten!«

»Ist schon fertig,« antwortete Jermoschka schroff, wie es ihm vorgeschrieben war.

»Warum hast du es denn nicht gleich gesagt? Marsch hinaus!«

»Das ist nun ein wahrhaft kluger Mensch,« dachte Frau Daria Biziukina, als sie wieder allein geblieben war, und starrte unverwandt nach der Tür, durch die Termosesow hinausgegangen war. »Alle andern sind so streng, -- dies kann man nicht und das soll man nicht, hier aber ist alles erlaubt, alles möglich, und doch fürchtet dieser Mann sich vor nichts. Mit so einem Mann zu leben wäre leicht; ja es wäre süß, sich ihm zu unterwerfen.«

Der arglistige Fremde hatte das Herz Darias völlig erobert. Alles an dem Gaste begann ihr zu gefallen. Was hatte er für eine Stimme! Wie stark war er! Überhaupt, -- was war er für ein Mann! ... Wie entzückend war er! Kein Seladon, wie ihr Gatte; kein Trantopf, wie Prepotenskij, -- nein, er war entschlossen, unbeugsam, ein ganzer Mann ... Der würde nie nachgeben! Er war wie der Sturmwind ... er kommt ... reißt fort ... vernichtet ...

Wo bist du nun, du armer Akziseeinnehmer? Juckt dir nicht schon die Stirn wie einem jungen Böcklein, dem die Hörner wachsen wollen?

Neuntes Kapitel.