Part 11
»Aber nicht mit Ladenjungen vor dem Tor!« rief Tuberozow und schlug mit dem rechten Zeigefinger drohend gegen die linke Handfläche. »Geh jetzt deines Weges und hab' Acht auf dich,« schloß er. »Es kommt eine neue Ordnung, es wird ein neues Gerichtsverfahren eingeführt, es kommen neue Gebräuche, nichts soll mehr im Verborgenen bleiben, sondern alles offenbar werden; dann werde ich dich nicht mehr schützen können.«
Nach diesen Worten trat der Propst mit seinem großen Fuß auf einen Strohstuhl und langte vorsichtig den gelben Käfig mit dem Kanarienvogel herunter.
»Pfui! Daß Gott sich erbarme! Da hab' ich den Glauben verteidigen wollen und wieder war's ein Reinfall!« brummte Achilla vor sich hin, als er das Haus des Propstes verlassen hatte und mit schnellen Schritten auf ein kleines gelbes Häuschen zuging, aus dessen offenen Fenstern ein ganzer Haufen blonder Kinderköpfchen herausguckte.
Der Diakon stieg eilig die Verandastufen hinauf, trat ins Vorhaus und öffnete, nachdem er mit der Stirn erst gegen den Querbalken gerannt war, die Tür zum Wohnzimmer.
In dem niedrigen Raume ging der dürre, winzige Zacharia im Leibrock, die Hände auf dem Rücken, eine lange silberne Kette auf der eingefallenen Brust, auf und ab.
Achilla betrat dieses Haus mit einem ganz anderen Gesicht und in ganz anderer Haltung, als das des Propstes. Die Verwirrung, in der er sich befunden hatte, als er das Haus Tuberozows verließ, war geschwunden, und schon erfüllten ihn eitel Milde und Güte.
»Nun, Vater Zacharia! Nun, Brüderlein, liebes ... Nun!« begann er ungeduldig in der Tür.
»Was gibt's?« fragte Zacharia mit sanftem Lächeln. »Was drehst und windest du dich so?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, begann der dürre Pfarrer wieder auf- und abzulaufen.
Der Diakon brach erst in ein lustiges Lachen aus und rief dann:
»Ach, Freundchen, hat das wieder eine Kopfwäsche gegeben! Ach, Vater, sogar der Schädel tut mir weh von der Seife. Kann ich mal fix einen kippen?«
»Einen kippen? Schön! Aber wer hat dich denn vorgekriegt?«
»Wer sonst als der Justizminister!«
»Vater Sawelij!«
»Eben der! Es ist eine ganz ungewöhnliche Sache, Vater Zacharia. Ich wollte mich verdient machen, aber er hat alles herumgedreht, durcheinandergeschmissen. Erzählen läßt es sich gar nicht.«
Aber nachdem der Diakon sich gesetzt und das ihm auf einem Teller präsentierte Gläschen Branntwein geleert hatte, erzählte er Vater Zacharia doch die ganze Geschichte seines Konflikts mit Danilka und mit Tuberozow in allen Einzelheiten. Zacharia hüpfte währenddem unausgesetzt im Zimmer hin und her und blieb nur stehen, um bald den einen, bald den andern der herumhuschenden Blondköpfe aus dem Wege zu räumen. Als der Diakon seine Erzählung beendet hatte, brummte Zacharia, das Ende seines dünnen Bartes zwischen die Lippen geklemmt, bedeutungsvoll: »Ja, ja, ja, aber das tut nichts.«
»Ich kann mir's nicht anders denken, als daß er erzürnt ist und ...«
»Und was noch? Packt euch raus, ihr Bälger! Also was noch?« fragte Zacharia, die Kinder zur Seite schiebend.
»Daß es unpolitisch von mir war, die Pfeife zu erwähnen,« erklärte der Diakon.
»Ja natürlich ... versteht sich ... zum Teil mag auch das ... Weg mit euch, ihr Bälger! ... Übrigens glaube ich, daß er nicht so sehr unzufrieden mit dir ist ... Er ist vielmehr ... nehme ich an ... Wollt ihr wohl Platz machen, ihr Bälger! ... Ich meine, daß er in seinem Herzen ... verstehst du?«
»Betrübt ist?« sagte der Diakon.
Vater Zacharia fuhr sich mit der kleinen Hand über die Brust, zog ein saures Gesicht und sagte:
»Empört ist.«
»Gepeinigt,« entschied Achilla. »Ich weiß, der Lehrer Warnawka bringt ihn immer in Zorn, aber ich nehme mir den Warnawka noch einmal ordentlich vor -- -- und so weiter.«
Und ohne sich in weitere Auseinandersetzungen einzulassen, verabschiedete sich der Diakon und ging.
Auf dem Heimwege traf er Danilka und hielt ihn an:
»Sei so gut, lieber Danilka, und zürne mir nicht. Wenn ich dich gestraft habe, so geschah es nur in Erfüllung meiner Christenpflicht.«
»Ihr habt mich vor dem ganzen Volke gekränkt, Vater Diakon,« antwortete Danilka in einem Tone, der zwar noch immer beleidigt, aber doch auch schon ein wenig nach Friedensbereitschaft klang.
»Nun, was willst du mir dafür tun, daß ich dich gekränkt habe? Ich weiß, daß es eine Kränkung war, aber wenn ich streng bin ... Ich habe es ja nicht aus Frechheit getan. Schon im vorigen Jahr, als ich dich ertappte, wie du im Vorhause beim Polizeichef das Meßgewand des Propstes angelegt hattest und den Weihwasserwedel schwenktest, sagte ich zu dir: ›Du kannst über die Schrift philosophieren, soviel du willst, Danilka, von der Wissenschaft verstehe ich selbst nicht viel, aber den Ritus darfst du mir nicht antasten.‹ -- Hab' ich das gesagt oder nicht?«
Danilka schüttelte widerwillig den Kopf und brummte:
»Vielleicht habt Ihr so was gesagt.«
»Nein, mein Lieber, keine Winkelzüge! Gestehen sollst du! Ich hab' es deutlich ausgesprochen: den Ritus nicht antasten, und damit basta! Und warum sagte ich das? Weil es unser Lebensinhalt ist, unsere Wesenheit, deshalb hast du auch deine Finger davon zu lassen. Hast du mich verstanden?«
Danilka drehte sich nur zur Seite und lächelte. Ihm selbst war es furchtbar komisch vorgekommen, als der Diakon ihn am Ohr durch die ganze Stadt zerrte, und die andern Kleinbürger, welche Zeugen dieser Szene waren, hatten, im Scherz und mühsam das Lachen verbeißend, dem Diakon ebenfalls übermäßige Strenge vorgeworfen.
»Ihr seid zu streng, Vater Diakon! Ihr seid übermäßig streng,« hatten sie ihm gesagt.
Achilla machte nach dieser Bemerkung ein nachdenkliches Gesicht, und mit einem tugendhaften Seufzer seine Hände auf die Schultern der beiden zunächst stehenden Kleinbürger legend, meinte er:
»Streng, sagt ihr? Ja, gewiß bin ich streng, da redet ihr wahr. Aber dafür bin ich auch gerecht. Wenn nun diese Sache vor den Friedensrichter käme? Da ginge es doch viel schlimmer. Er knöpft einem sofort drei Rubel zum Besten der Kinderbewahranstalten ab.«
»Wer weiß? Mancher Friedensrichter gibt einem dafür noch einen Rubel Trinkgeld.«
»Na siehst du wohl! Ich weiß, daß ich gerecht bin, mein Lieber.«
»Gerecht? Ach nein, Vater Diakon, Eure Gerechtigkeit ist nicht weit her!«
»Wieso?«
»Weil doch der Danilka gar nicht so viel Schuld hat. Er hat doch nur wiederholt, was der gelehrte Mann ihm sagte. Wenn's nach Recht ginge, müßtet Ihr den Lehrer Warnawa zur Vernunft bringen. Er hat uns das erklärt, Danilka hat bloß gezweifelt, ob der Lehrer recht hat und der Regen von selber durchs Naturgesetz gekommen ist, oder ob ihn doch der Bittgottesdienst hervorgerufen hat. Wenn Ihr den Lehrer durchgewalkt hättet, so wäre das nur recht und billig gewesen.«
»Den Lehrer?!« Der Diakon breitete die Arme weit aus, schob die Lippen rüsselförmig vor, stand einen Augenblick vor den Kleinbürgern und flüsterte dann: »Gerecht? Ja, die Gerechtigkeit verlangt es ... Aber Vater Sawelij will es nicht ... und also ist es unmöglich ...«
Zweites Kapitel.
Mehrere Tage waren vergangen. Tuberozow hatte sich überzeugt, daß seine Befürchtungen, die unbändigen Taten des Diakon Achilla könnten noch ein gerichtliches Nachspiel haben, unbegründet waren. Alles ging gemütlich seinen gleichen Gang. Die Leute suchten Abwechslung in ihr eintöniges Leben zu bringen, indem sie sich zankten, um sich wieder zu versöhnen, und sich versöhnten, um sich wieder zanken zu können. Nichts drohte die allgemeine Ruhe zu stören. Im Gegenteil, dem Propst ward ein wunderschöner Tag beschieden, der ihm nichts als Freude brachte. Es war dies der Namenstag der Frau Stadthauptmann, der sehr bald auf jenen Tag folgte, an dem Achilla in seinem Glaubenseifer den öffentlichen Skandal mit dem Kommissar Danilka hervorgerufen hatte. Als alle Gäste der Pastete des Herrn Polizeichefs die gebührende Ehre erwiesen hatten, rief der Hausherr, welcher zufällig ans Fenster getreten war, plötzlich laut seiner Frau zu:
»Ach du lieber Gott! Sieh nur, Frau, was für Gäste wir bekommen!«
»Wer kommt denn da?« fragte die Frau.
»Sieh mal selber nach.«
Die Hausfrau, und mit ihr alle anwesenden Gäste, stürzten ans Fenster, und nun sah man, daß sich ein mächtiges Dreigespann kräftiger brauner Pferde vorsichtig den Berg herunter bewegte, fast wie ein dreiköpfiger Drache, der auf dem Bauche kriecht. Das mittlere Pferd bläht sich auf und strampelt, wie ein alter General, der einem Untergebenen eine Pauke halten will. Die Seitenpferde sausen bald, wie Ulanenkornetts auf dem Ball, die ein Gegenüber suchen, bald drängen sie sich an das Mittelpferd, wie Schafe im Regen. Das rote Glöcklein schlug manchmal mit dem Ring gegen den Rand, dann schien es wieder wie festgeklebt und schwieg; nur die Schellen klirrten dumpf. Jetzt war der dreiköpfige Drache unten angelangt und breitete sich aus. Die Rücken der Pferde wurden sichtbar, der Schweif des einen Seitenpferdes wehte hoch im Winde; auch eine Mähne flog empor; die Pferde hielten gleichmäßigen Trab und der Wagen polterte über die Brücke. Deutlich sah man das vergoldete Krummholz mit eingeätzten Ornamenten und den großen altertümlichen, bronzebeschlagenen, gitarrenförmigen Wagen, auf dem nebeneinander, wie auf einem Sofa, zwei kleine Geschöpfe, ein weibliches und ein männliches, saßen; der Mann in einem dunkelgrünen Kamelot-Mantel und einer großen Mütze aus haarigem Plüsch, die Frau in einem schlafrockartigen Mantel aus himbeerfarbenem ~Gras-de-Naples~ mit einem lila Samtkragen und einer Haube mit braunen Bändern.
»Mein Gott, das sind ja die Plodomasowschen Zwerge! -- Nicht möglich! -- Sehen Sie doch selbst! -- Ja, richtig! -- Gewiß doch! Da -- Nikolai Afanasjewitsch hat uns schon bemerkt. Sehen Sie, er grüßt! Und jetzt nickt auch Maria Afanasjewna.«
So tönte es erfreut von allen Seiten. Die Gastgeber beeilten sich, für die Ankömmlinge das Frühstück wieder auftragen zu lassen, und die Anwesenden richteten die Blicke gespannt nach der Tür, durch die die kleinen Leute eintreten mußten.
Voran schritt ein altes Männlein, nicht größer als ein achtjähriger Knabe, gefolgt von einem alten Frauchen etwas größeren Wuchses.
Das Männlein war ganz Sauberkeit und Wohlanständigkeit. Auf seinem Gesicht war nichts von gelben Flecken oder Runzeln zu sehen, wie sie gewöhnlich die Gesichter von Zwergen entstellen. Er hatte eine sehr wohlproportionierte Gestalt, einen kugelrunden Kopf, der ganz mit weißen, kurzgeschorenen Haaren bedeckt war, und kleine braune Bärenaugen. Die Zwergin machte keinen so angenehmen Eindruck wie ihr Bruder. Ihre Gestalt war schwammig, um den Mund spielte ein Zug von Dummheit und Sinnlichkeit und die Augen blickten stumpf.
Der Zwerg Nikolai Afanasjewitsch trug trotz der heißen Jahreszeit warme Tuchstiefel, schwarze Beinkleider aus haarigem Flauschstoff, eine gelbe Flanellweste und einen braunen Frack mit Metallknöpfen. Seine Wäsche war von tadelloser Sauberkeit und seine Wangen stützten sich auf eine stramm gebundene, hohe Atlashalsbinde. Die Zwergin trug ein grünes Seidenkleid mit großem Spitzenkragen.
Als Nikolai Afanasjewitsch ins Zimmer getreten war, legte er zuerst die Händchen an die Hosennaht, drückte dann die Rechte mit der Mütze ans Herz, machte einen Kratzfuß und schritt etwas breitbeinig gerade auf die Hausfrau zu.
»Unser gnädiger Herr Nikita Alexejewitsch Plodomasow und der gnädige Herr Parmen Semenowitsch Tuganow,« sagte er mit leiser und eintöniger Greisenstimme, »haben uns in ihrem eigenen und im Namen ihrer Frau Gemahlin befohlen, daß wir als ihre Diener Ihnen, gnädige Frau Olga Arsentjewna, ihren Glückwunsch darbringen. -- Schwesterlein, wiederholt es,« wandte er sich an die neben ihm stehende Schwester, und als diese mit ihrer Gratulation fertig war, machte Nikolai Afanasjewitsch vor dem Polizeichef ebenfalls einen Kratzfuß und fuhr fort:
»Und auch Ihnen, gnädiger Herr Woin Wasiljewitsch, und der ganzen geehrten Gesellschaft einen herzlichen Glückwunsch zum frohen Familienfest. Und ferner habe ich, gnädiger Herr, Ihnen zu melden, daß mein gnädiger Herr und Parmen Semenowitsch Tuganow, die mich und meine Schwester als Gratulanten hierher gesandt haben, es gütigst zu entschuldigen bitten, daß sie ihren Glückwunsch durch uns unwürdige Knechte darbringen lassen; aber sie können leider über ihre Zeit nicht verfügen. Sie wollen sich heute abend noch persönlich deswegen entschuldigen.«
»Parmen Semenowitsch will herkommen?« rief der Polizeichef.
»Mit meinem gnädigen Herrn Nikita Alexejewitsch Plodomasow, der sich auf der Durchreise nach Petersburg hier aufhält, und um Vergebung bittet, wenn er im Reiseanzug erscheint.«
Der Gesellschaft bemächtigte sich bei dieser Mitteilung eine leichte Erregung, welche der Zwerg benutzte, um auf Tuberozow zuzugehen und seinen Segen entgegenzunehmen. Dabei sagte er leise:
»Parmen Semenowitsch bittet, Ihr möchtet heute abend auch hier sein.«
»Sag' ihm, Lieber, ich würde kommen,« erwiderte Tuberozow.
Der Zwerg empfing dann auch von Zacharia den Segen. Der Diakon Achilla ergriff die Hand des kleinen Mannes, der sich ehrerbietig vor ihm verbeugte und dabei lächelnd sagte:
»Ich bitte Euch nur, werter Herr, versucht Eure Heldenkraft nicht an mir.«
»Ist er denn so kräftig, Nikolai Afanasjewitsch?« scherzte der Hausherr.
»Er gibt gern Proben seiner Kraft,« antwortete der Alte. »Aber lohnt es sich an einem Krüppel?«
»Wie steht's mit der Gesundheit, Nikolai Afanasjewitsch?« fragten die Damen, welche den Zwerg von allen Seiten umringt hatten und seine Händchen drückten.
»Ach was Gesundheit, meine werten Damen! Es ist ein Spott und eine Schande! Wie ein Ferkelchen bin ich geworden. Der Sommer ist längst da, -- und ich friere beständig.«
»Sie frieren?«
»Ei freilich. Schauen Sie mich bloß an. Ich bin ja ganz in Hasenwolle eingenäht. Aber was ist daran auch verwunderlich, werte Herrschaften? Ich unnützer Mensch habe doch schon die Achtzig hinter mir.«
Nikolai Afanasjewitsch wurde von allen Seiten mit Fragen überschüttet. Man setzte ihn an den Tisch, reichte ihm die Speisen. Er antwortete allen klug und gewandt, rührte aber von den Speisen nichts an: er äße längst schon sehr wenig, und auch dann nur höchstens ein leichtes Gemüse. »Aber die Schwester wird essen,« sagte er, sich zu dieser wendend. »Eßt nur, Schwesterlein, eßt. Geniert Euch nicht. Wollt Ihr aber ohne mich nicht essen, dann bitte ich Olga Arsentjewna um etwas Möhrenfüllung aus der Pastete hier auf dieses kleine Tellerchen ... So ist's recht. Danke schön, danke! Was brauch' ich überhaupt noch zu essen? Ich kann ja gar nichts mehr. Nicht einmal einen Zwirnstrumpf bring' ich mehr ordentlich fertig. Und früher konnte ich doch viel besser stricken als die Schwester, sogar ~Broderies anglaises~ verstand ich zu flechten; aber jetzt lasse ich beständig die Maschen fallen.«
Der Propst sah dem Zwerge mit glücklichem Lächeln in die Augen:
»Wenn ich dich betrachte, Nikolai, so denke ich an ein lieber altes Märchen, mit dem man sterben möchte.«
»Ach, Väterchen, unser liebes Märchen ist vor uns heimgegangen.«
»Vergißt du sie nicht schon, deine Herrin? Die Bojarin Marfa Andrejewna?« fragte, sich ihm nähernd, der Diakon Achilla, welchen der Zwerg immer noch ein wenig zu fürchten schien.
»Zum Vergessen bin ich schon zu alt, Vater Diakon, ich denke lange schon daran, daß es für mich Zeit wird, ihr in jener Welt wieder zu dienen,« erwiderte er leise und sich halb dem Diakon zukehrend.
»Sie war eine trostreiche Frau, diese Alte,« sagte der Diakon, ohne seine Rede an eine bestimmte Person zu richten.
»In welchem Sinne trostreich? Wie meinst du das?« fragte Tuberozow.
»Spaßig war sie.«
Der Propst lächelte und machte eine abwehrende Handbewegung. Nikolai Afanasjewitsch aber fiel Achilla ins Wort und sagte sehr bestimmt:
»Keine Spaßmacherin war sie, sondern eine wirkliche Trösterin, werter Herr.«
»Was belehrst du ihn, Nikolai! Erzähle lieber, wie sie dich erbittert hat. Und wie sie dann alles wieder zum Besten kehrte,« rief der Propst.
»Ach, Hochwürden, das ist eine so alte Geschichte.«
»Er weiß von dieser seiner Erbitterung mit so viel Wärme zu erzählen,« wandte sich Tuberozow an die Gäste.
»Ja, Väterchen, sie, meine gnädige Herrin, verstand es, einen Menschen so zu erbittern und dann so zu trösten, wie nur ein Engel Gottes zu trösten vermag,« fiel der Zwerg sofort ein.
»Nun, so erzähle doch.«
»Ja, Nikolascha, erzähle, erzähle!«
»Nun, werte Herrschaften, ob Sie sich über mich lustig machen oder ob es Sie wirklich interessiert, -- wenn die ganze Gesellschaft es wünscht, so will ich mich nicht widersetzen und Ihnen die Geschichte erzählen.«
Und er begann.
Drittes Kapitel.
»Es war kaum ein Jahr, nachdem meine gnädige Herrin mich von meiner früheren Herrschaft gekauft hatte. Ein Jahr in bittern Schmerzen lag hinter mir. Ich war von meiner Heimat und von meinen Lieben für immer getrennt. Natürlich ließ ich meinen Kummer nicht merken. Es war jedoch vergebens, denn die Selige hatte ihn längst erraten. Als nun mein Namenstag kam, geruhte sie mir zu sagen:
›Was soll ich dir denn zum Namenstage schenken, Nikolai?‹
›Mütterchen,‹ sag' ich, ›was brauch' ich Narr noch beschenkt zu werden? Ich bin auch so völlig zufrieden.‹
›Nein,‹ geruhte sie zu sagen, ›einen Rubel sollst du wenigstens haben.‹
Natürlich wagte ich nicht zu widersprechen und küßte ihr die Hand:
›Vielen Dank, Euer Gnaden!‹ sprach ich nur.
Und setzte mich wieder auf das Fußbänkchen gegenüber ihrem Sessel und strickte meinen Strumpf weiter. Nach einiger Zeit fragt sie wieder:
›Was wirst du mit dem Rubel anfangen, Nikolai, den ich dir morgen schenken will?‹
›Den schicke ich bei Gelegenheit meinem Vater.‹
›Und wenn ich dir zwei schenke?‹
›So bekommt mein Mütterchen den zweiten.‹
›Und wenn es drei werden?‹
›Dann soll auch mein Bruder Iwan Afanasjewitsch einen haben.‹
Da schüttelte sie den Kopf:
›Du hast aber viel Geld nötig, wenn du alle bedenken willst! Das kannst du, so klein wie du bist, ja dein Lebtag nicht verdienen.‹
›Dem lieben Gott hat es gefallen, mich so zu schaffen,‹ antwortete ich und fing leise zu weinen an. Mein Herz krampfte sich zusammen, wissen Sie, ich ärgerte mich selbst über meine Tränen und doch mußte ich weinen. Sie aber, die Selige, guckte und guckte mich an, bis sie auf einmal mir schweigend winkte: ich fiel ihr zu Füßen und sie legte meinen Kopf auf ihren Schoß, und ich weinte nun erst recht und sie weinte auch. Dann stand sie auf und sprach:
›Haderst du nie mit dem lieben Gott, Nikolai?‹
›Wie soll ich mit dem lieben Gott hadern, Mütterchen? Niemals tu ich das.‹
›So wird Er dich auch trösten.‹
Und er hat mich wirklich getröstet.«
Als der Zwerg in seiner Erzählung so weit gekommen war, fingen seine dünnen Augenlider plötzlich heftig zu zucken an, er sprang hastig von seinem Stuhl auf, lief in eine Ecke, wischte sich dort mit einem weißen Tüchlein die Augen und kehrte mit verschämtem Lächeln auf seinen Platz zurück. Nachdem er sich wieder gesetzt hatte, begann er mit einer ganz anderen, feierlichen Stimme:
»Ich war früh aufgestanden, werte Herrschaften, war ganz leise mich waschen gegangen, denn ich schlief ja zu Füßen ihres Bettes, hinter einem Schirm auf einem Teppich. Dann war ich in die Kirche gegangen, um beim Vater Alexei einen Dankgottesdienst nach der Frühmesse zu bestellen. Wie ich nun, werte Herrschaften, in die Kirche komme, gehe ich geradewegs nach dem Altar, um vom Vater Alexei den Segen zu empfangen, und sehe, daß Vater Alexei ein so seltsam frohes Gesicht macht und mir so herzlich zur großen Freude gratuliert. Ich bezog das natürlich auf den Festtag und auf meinen Namenstag. Aber was sollte nun kommen, meine lieben und werten Herrschaften! Ich trete auf den linken Altarflügel hinaus, -- und sehe plötzlich mitten im Volke mein Mütterlein und meinen Vater und meinen Bruder Iwan Afanasjewitsch. Den Vater und die Mutter fand ich in der Menge nicht gleich heraus, aber der Bruder Iwan Afanasjewitsch ... der war ja der reine Gardehusar. Ihn sah ich sofort. Erst dachte ich, es wäre eine Vision! Denn ich hatte mich an diesem Tage so sehr nach ihnen gesehnt. Aber nein, es war keine Vision! Ich sah meine Mutter -- sie war eine Bäuerin -- bitterlich weinen und dachte, sie habe ihre Herrschaft um Urlaub gebeten und den weiten Weg gemacht, um ihr Kind wiederzusehen. Natürlich wollte ich den Gottesdienst nicht stören und ging wieder in den Altarraum zurück. Wie ich aber nach Schluß der Messe heraustrete, da erblicke ich vor dem Betpult mit dem Heiligenbilde Marfa Andrejewna selber; und hinter ihr meine Schwester Maria Afanasjewna, die Sie hier sehen, meine Eltern und meinen Bruder. Ich gehe auf Marfa Andrejewna zu, um sie zu begrüßen. Sie aber schiebt mich leise mit der Hand beiseite und sagt:
›Geh erst und begrüße deine Eltern.‹
So begrüßte ich den Vater, die Mutter, den Bruder, unter Tränen. Nur meine Schwester Maria Afanasjewna weinte nicht, denn sie hat einen besseren Charakter. Ich aber bin so schwach, daß ich immer weinen muß. Nun traten wir aus der Kirche heraus und meine gnädige Herrin nimmt ein Beutelchen aus der Tasche -- ich hatte selbst gesehen, wie sie diesen Beutel strickte, aber ich wußte natürlich nicht, für wen er bestimmt war -- und sagt zu mir: ›Nun beschenke die Deinigen, Nikolascha.‹ Ich greife in den Beutel, dem Vater gab ich einen Silberrubel, der Mutter einen Silberrubel, dem Bruder Iwan Afanasjewitsch einen Rubel. Es waren lauter ganz neue Rubel! Im Beutel aber lagen noch vier Rubel. ›Wer soll denn die noch bekommen, Mütterchen?‹ frage ich meine gnädige Herrin. Aber da sehe ich schon den Verwalter Dementij, der mir meine Schwägerin und ihre drei Kinder zuführt, alle in langen Röcken. Dank der großen Gnade meiner Herrin konnte ich auch sie noch beschenken, ehe wir aus der Kirche alle zusammen nach Hause gingen. Vor dem Herrenhaus bemerkte ich drei Wagen, mit den Gutspferden meiner gnädigen Herrin bespannt. Die beiden Pferdchen meines Bruders waren hinten angebunden, und das ganze Gepäck der Eltern und des Bruders lag auf dem Wagen. Dies machte mich ganz verwirrt, und ich wußte nicht mehr, was ich sagen sollte. Marfa Andrejewna war die ganze Zeit mit dem Vater Alexei vorausgegangen und hatte von der Ernte gesprochen und mich anscheinend gar nicht beachtet. Jetzt aber, wie sie eben die Verandastufen hinauf will, wendet sie sich nach mir um und geruht also zu sprechen: ›Hier hast du einen Freibrief, mein braver Knecht, deine Eltern und dein Bruder nebst Kindern sind von mir losgekauft.‹ Und damit schob sie mir das Papier hinter die Weste ... Das war zu viel für mich ...«
Nikolai Afanasjewitsch hob die Hände bis zur Höhe seines Gesichts und sagte:
»›Du!‹ rief ich wie wahnsinnig, ›du willst mich durch das Übermaß deiner Güte ganz erdrücken!‹ Es schnürte mir die Kehle zusammen, meine Schläfen hämmerten, vor meinen Augen zuckten bunte Flämmchen, und ich fiel bewußtlos vor dem Wagen meines Vaters nieder, den Freibrief an die Brust gedrückt.«
»Ach du, Alter! So viel Gefühl hast du!« rief der Diakon Achilla gerührt und schlug Nikolai Afanasjewitsch auf die Schulter.
»Ja,« fuhr der Zwerg fort, nachdem er sich den Mund gewischt hatte. »Ich kam erst nach neun Tagen wieder zu mir, denn ich war an einem schweren Fieber erkrankt. Und wie ich mich umschaute, sah ich meine gnädige Herrin zu Häupten meines Bettes sitzen: ›Vergib mir um Christi willen, Nikolascha,‹ sprach sie, ›ich verrücktes Frauenzimmer hätte dich beinahe umgebracht!‹ So ein gewaltiger Mensch war sie, die gnädige Bojarin Plodomasowa!«
»Ach du allerliebster Alter!« rief wieder der Diakon Achilla und packte den Zwerg scherzend an einem Knopfe seines Fracks, diesen scheinbar abreißend.
Der Kleine faßte schweigend nach dem Knopf, und als er sich überzeugt hatte, daß er heil und ganz an seinem Platze geblieben war, meinte er: