Die Klerisei

Part 10

Chapter 103,798 wordsPublic domain

»Gewiß, gut ist er schon. Ich will auch nichts Böses von ihm sagen. Ich war seine glückliche Mutter, und er war früher so gut gegen mich, bis er in die Philosophieklasse kam. Damals, wenn er zu den Ferien nach Hause kam, ging er auch in die Kirche, und ich führte ihn zum Vater Sawelij, und der Vater Sawelij war freundlich gegen ihn und half ihm auch in diesem und jenem, -- bis es dann plötzlich über ihn kam, ich weiß selbst nicht wie und woher: er fing an, den Weisen zu spielen. Seitdem wurde es mit jedemmal, wenn er aus dem Seminar kam, schlimmer und schlimmer. Sagen Sie, was Sie wollen, ich kann es mir nicht anders erklären, als daß er behext ist. Vater Zacharia hat mir neulich aus dem ›Familienblatt‹ vorgelesen, wie ein Sohn aus gutem Hause vom Teufel besessen war, so daß zehn Mann nicht mit ihm fertig werden konnten. Gerade so ist es mit Warnawa auch.«

Die Alte sprang auf, schlüpfte in die Küche, wischte sich dort die Tränen aus den Augen, kam wieder ins Zimmer zurück und berichtete weiter:

»Ich will es Ihnen nur gestehen, ich gebe ihm jeden Tag geweihtes Wasser zu trinken. Er weiß natürlich nichts davon und merkt es nicht. Ich geb's ihm aber. Es hilft nur leider nichts, und eine Sünde ist es auch. Vater Sawelij sagt immer wieder, er verdiente, irgendwohin nach Taschkent verschickt zu werden. Warum soll man es denn nicht noch einmal mit Güte versuchen? denke ich. Er aber meint, mit Güte sei da nichts zu machen, weil ihm alle natürlichen Gefühle fremd sind. Aber wenn auch, mir ist es doch leid um ihn.« Und die Hostienbäckerin verschwand wieder.

»So ein unglückliches Wesen,« sagte die junge Frau leise.

»Ja, freilich,« stimmte Darjanow ihr bei. »Und der Rüpel spielt noch Komödie und kommt nicht mal zum Essen.«

»Gehen Sie doch noch mal hinaus und holen Sie ihn.«

»Er ist ja so störrisch wie ein Pferd und wird nicht kommen.«

»Das wollen wir doch sehen. Sagen Sie ihm, ich befehle es, ich sei Agent der Geheimpolizei und wünschte ihn sofort hier zu sehen, widrigenfalls ich Meldung mache, daß er nach Petersburg zu ziehen beabsichtige.«

Darjanow lachte und ging hinaus, um Warnawa zu holen. Inzwischen hatte der Lehrer seine Schätze in Sicherheit gebracht, und da die Arbeit seinen Appetit mächtig angeregt hatte, fiel es ihm nicht leicht, sich charakterfest zu zeigen und die Aufforderung zum Essen zurückzuweisen.

Um den freiwilligen Märtyrer aus seiner schwierigen Lage zu bringen, beugte sich der Abgesandte an sein Ohr und flüsterte ihm mit geheimnisvoller Miene zu, was die Serbolowa gesagt hatte.

»Sie Spionin!« rief Warnawa und wurde ganz rot.

»Ja.«

»Und vielleicht --«

»Was?«

»Vielleicht auch Sie ...«

»Ja, ich auch.«

Warnawa drückte ihm freundschaftlich die Hand:

»Ich danke Ihnen, daß Sie kein Geheimnis daraus machen.«

Dann ging er mit reinem Gewissen zum Mittagessen.

»Ich muß Ihnen ja gehorchen ...«

Fünfzehntes Kapitel.

Der Plan war also gelungen. Warnawa hatte jetzt einen Vorwand zum Essen zu kommen, ohne seiner Würde etwas zu vergeben. Er trat ins Zimmer mit der Miene eines unglücklichen Opfers feindlicher Gewalten und setzte sich an das schmale Ende des Tisches, Darjanow gegenüber. Zwischen ihnen, an der Längsseite, nahm Alexandra Iwanowna Platz, während die vierte Seite frei blieb. Die Hostienbäckerin selbst setzte sich fast nie mit ihrem Sohne zu Tisch, und auch jetzt begnügte sie sich damit, die Gäste zu bedienen, ohne mitzuessen. Die Alte war entzückt, ihren gelehrten Sohn wiederzuhaben, Freude und Kummer wechselten auf ihrem Antlitz, ihre Augenlider waren gerötet, die Unterlippe zitterte leise und ihre alten Füßchen gingen nicht, sondern liefen in großer Hast, wobei sie unausgesetzt bemüht war, sich so zu stellen und zu wenden, daß man ihr Gesicht nicht sehen konnte.

Die Gäste suchten durch allerlei Listen die Alte zum Bleiben zu bewegen, und lobten ihre Kochkunst. Aber die Gute wies alles Lob zurück und meinte, sie verstünde nur die allereinfachsten Speisen zu bereiten.

»Aber gerade diese einfachen Speisen schmecken uns ausgezeichnet.«

»Ach, wie sollen sie schmecken! Bloß gesund sollen sie sein, sagt man. Aber Gott weiß, ob dem wirklich so ist. Warnawa ißt doch immer, was ich gekocht habe, -- und sehen Sie ihn bloß an: ganz wie leer ist er.«

»Hm!« brummte Warnawa, sah die Mutter vorwurfsvoll an und schüttelte den Kopf.

»Ach Gott, was willst du wieder? Wirklich, Warnawa, du bist leer.«

»Sagt das doch noch einmal!« knurrte der Lehrer.

»Es ist doch nichts Kränkendes, Warnascha! Milch trinkst du morgens bis zur Unendlichkeit; Tee mit Weißbrot nimmst du auch bis zur Unendlichkeit; Braten und Grütze auch, -- aber wenn du vom Tische aufstehst, bist du wieder leer bis zur Unendlichkeit. Das ist doch sicher eine Krankheit. Ich sage dir schon, lieber Sohn, hör' auf mich ...«

»Mutter!« unterbrach sie der Lehrer zornig.

»Was ist denn dabei, Warnascha? Ich sage dir, wenn du frühmorgens aufstehst, mußt du beten: ›Herr Gott, fülle meine Leere‹ -- und dann erst essen ...«

»Mutter!« rief Warnawa noch lauter.

»Was ärgerst du dich denn, Närrchen? Ich sage dir, du mußt beten: ›Herr Gott, fülle meine Leere‹ und dann ein Stückchen geweihte Hostie essen, denn, Sie müssen wissen,« wandte sie sich an die Gäste, »ich hole mir immer für ihn und für mich je ein Stückchen von der Hostie aus der Kirche, damit wir einst drüben in demselben Zelt sind. Aber er will es nie essen. Warum?«

»Warum? Ihr wollt wissen, warum? Schön! Weil ich mit Euch nirgends zusammen sein will, weder in dieser noch in irgendeiner andern Welt!«

Ehe noch der Lehrer diese Worte gesprochen hatte, erbleichte die Alte. Sie zitterte so, daß die beiden Fayenceteller, welche sie in der Hand hielt, ihr entglitten und klirrend in Scherben zersprangen.

»Warnascha,« rief sie, »du sagst dich los von mir?«

»Ja, ja, ja, ich sage mich los! Ihr seid mir auch hier schon zuwider, und mich verlangt nicht im mindesten darnach, Euch noch in jener Welt auf dem Halse zu haben.«

»St! St! St!« suchte die Alte bitterlich weinend ihn zu unterbrechen, und fing an, dicht vor seinem Gesicht in die Hände zu klatschen, damit sie seine furchtbaren Worte nicht höre. Jedoch Warnawa schrie viel lauter, als seine Mutter klatschte. Da stürzte sie zum Heiligenbild und rief außer sich, mit den gespreizten Fingern ihrer mageren Hände fuchtelnd:

»Höre ihn nicht, Gott, höre ihn nicht, höre ihn nicht!«

Und dann fiel sie schluchzend in der Ecke vor dem Bilde zu Boden.

Diese traurige und ganz unerwartete Szene hatte alle Anwesenden in Erregung versetzt, ausgenommen Prepotenskij. Der Lehrer blieb völlig ruhig und aß mit seinem gewöhnlichen, nie versagenden Appetit. Die Serbolowa war aufgestanden und der Alten, welche aus dem Zimmer stürzte, gefolgt. Darjanow sah durch die offene Tür, wie die Hostienbäckerin Alexandra Iwanowna umarmte. Er stand auf, schloß die Tür und stellte sich ans Fenster.

Prepotenskij aß ruhig weiter.

»Wann fährt Alexandra Iwanowna nach Hause?« fragte er, gemächlich kauend.

»Sobald die Hitze nachläßt,« antwortete Darjanow trocken.

»Erst!« sagte Prepotenskij gedehnt.

»Ja, Tuberozow will sie hier noch aufsuchen.«

»Tuberozow? Bei uns? In unserem Hause?«

»Ja, in Ihrem Hause. Aber er kommt nicht zu Ihnen, sondern zu Alexandra Iwanowna.«

Darjanow stand während dieses Gespräches mit dem Rücken zu Prepotenskij und blickte in den Hof hinaus, aber bei den letzten Worten wandte er sich um und fügte mit einem kaum merklichen Lächeln hinzu:

»Es scheint, Sie haben eine Mordsangst vor Tuberozow.«

»Ich? Ich Angst vor Tuberozow?«

»Ja freilich. Es sieht so aus, als wäre sogar Ihre Nase ganz grün geworden, wie ich sagte, er wolle hierher kommen.«

»Meine Nase grün geworden? Ich versichere Sie, das kommt Ihnen nur so vor. Wie wenig ich ihn fürchte, will ich Ihnen heute noch beweisen.«

Mit diesen Worten erhob sich Prepotenskij und ging hinaus. Der Gast ahnte nicht, was für kühne Gedanken in diesem Augenblick im verzweifelten Gehirn Warnawas keimten und reiften. Der geneigte Leser aber soll es im nächsten Kapitel erfahren.

Sechzehntes Kapitel.

Nachdem er das Zimmer verlassen, schlüpfte Prepotenskij in eine kleine Scheune, entledigte sich seiner Oberkleider und kletterte auf den Heuboden. Mit großer Anstrengung schob er zwei Deckbretter auseinander und kroch durch den ziemlich engen Spalt in einen kleinen, von außen verschlossenen Speicher. Bunt durcheinander lagen dort Töpfe und Bütten, an der Decke hing ein Schinken, auf Stöckchen waren Bündel von Bohnenkraut, Pfefferminz und Dill gespießt. Der Lehrer ließ alle diese Gegenstände unberührt. Er stieg auf eine hohe Truhe aus Tannenholz mit schrägem Deckel und holte einen großen, leicht gewölbten Trog herunter, der so blank wie das Schaufenster eines Spiegelgeschäfts gescheuert war. Mit dem Trog kroch er wieder in die Scheune zurück, wo er die unseligen Totengebeine sehr geschickt versteckt hatte.

Niemand dachte daran, dem Lehrer nachzuspüren, er aber war es schon so gewohnt, seine »Lage« für »gefährdet« zu halten, daß er sich nirgends sicher fühlte. Immer mußte er sich verkriechen und verstecken, weil er dachte, sonst wäre es ihm unmöglich, sein Unternehmen zu beginnen und im geeigneten Augenblick mit allem Pomp zur Ausführung zu bringen.

Eine Stunde mochte seit Warnawas Verschwinden vergangen sein, und es begann zu dämmern, als der Ring an dem wackeligen Pförtchen der Prepotenskijschen Behausung klirrte.

Tuberozow war gekommen. Warnawa hörte in seiner Scheune, wie unter dem festen Tritt des beleibten Propstes die Stufen des alten Holztreppchens knarrten und sich bogen, und wie der Gast die Serbolowa und die alte Hostienbäckerin begrüßte.

»Nun, meine liebe Witwe von Nain, was macht dein gelehrter Sohn?« wandte sich Vater Sawelij an die Alte, die eben den kleinen weißen Tisch auf die offene Veranda hinaustrug, wo die Gäste den Tee trinken sollten.

»Mein Warnascha? Gott weiß, Vater Propst. Er hat wohl Angst bekommen und sich irgendwo vor Euch versteckt.«

»Du lieber Himmel, was hat er denn von mir zu fürchten? Er sollte sich lieber mehr um sich selber kümmern und vorsichtig sein,« und Tuberozow erzählte Darjanow und der Serbolowa von den nächtlichen Abenteuern Achillas.

»Wer hat ihn darum gebeten? Wer hat es ihm befohlen?« fragte der Alte und antwortete selbst: »Niemand! Er hat es ganz für sich allein beschlossen, mit Warnawa Wasiljewitsch abzurechnen, und die ganze Stadt haben sie in Aufregung versetzt.«

»Habt Ihr es ihm denn nicht befohlen, Vater Propst?« fragte die Alte.

»Wie käme ich dazu, solche Dummheiten zu befehlen?« erwiderte Tuberozow und fing von anderen Dingen zu reden an. So verging noch eine halbe Stunde und die Gäste brachen auf. Warnawa war immer noch unsichtbar, aber als der Wagen der Serbolowa vorfuhr, flog die Pforte der Scheune, in welcher der Lehrer sich verborgen hielt, weit auf, und langsam und feierlich schritt Warnawa Prepotenskij auf die erstaunten Gäste zu.

Er trug seine gewöhnliche Kleidung und hielt in beiden Händen hoch über seinem Haupte den neuen Waschtrog, den er der Mutter geraubt und in dem jetzt in schönster symmetrischer Anordnung die wohlbekannten Gebeine lagen.

Ehe noch jemand begreifen konnte, was die Erscheinung des Lehrers mit dieser seltsamen Trophäe zu bedeuten hatte, war Prepotenskij bereits majestätisch an der Veranda vorübergeschritten, hatte dem dort stehenden Tuberozow die Zunge gezeigt und war dann über den Friedhof auf die Straße hinausgegangen.

Die Hostienbäckerin zitterte am ganzen Leibe, kaute krampfhaft an den Spitzen ihrer fest zusammengedrückten Finger und flüsterte:

»Was hat er da? Was trägt er durch die Stadt?«

Als sie es endlich begriffen hatte, heulte sie laut auf und stürzte mit einer Geschwindigkeit, die man ihren Jahren gar nicht zugetraut hätte, dem Sohne nach. Die Alte hüpfte und hopste, wie gewisse Vögel, die, bevor sie auffliegen, erst einen Anlauf nehmen müssen. Trotzdem Warnawa langsam schritt, erschien es fraglich, ob die Hostienbäckerin selbst bei diesem schnellen Tempo imstande sein werde, ihren Sprößling einzuholen, der schon am entgegengesetzten Ende der Straße angelangt war. Allein ein unerwartetes Ereignis, durch das die ganze Prozession und die Verfolgung eine völlig neue Wendung nehmen sollte, trat ein.

Irgendwo von oben her ertönte plötzlich ein lautes und lustiges:

»Hallo! Hurra! Nicht hauen! Nicht hauen! Nicht hauen!«

Die Zeugen dieser Szene sahen sich nach der Richtung um, aus welcher das Geschrei kam, und erblickten auf dem Vorsprung eines der Nachbardächer einen zerlumpten Kerl, der in der Hand eine dünne Stange hielt, wie sie Taubenzüchter brauchen, um ihre Tümmler aufzuscheuchen. Dieser Schreier war der Ausrufer und das Faktotum von Stargorod, der Proletarier und beschäftigungslose Kleinbürger Danilka, den sie in der Stadt den »Kommissar« nannten. Er war just mit seinen Tauben beschäftigt und benutzte die Gelegenheit, um spaßeshalber auch den Lehrer zu erschrecken. Diesen Zweck erreichte er vollkommen, denn kaum hatte Prepotenskij den Warnungsruf vernommen, so schlug er sofort ein schnelleres Tempo an und stürmte wie ein gehetztes Reh vorwärts. Aber während er einer Gefahr zu entgehen hoffte, lief er einer andern, weit schlimmern in die Arme; denn an der nächsten Wegkreuzung tauchte vor den entsetzten Blicken des Lehrers in Riesengröße -- er schien heute viel gewaltiger als gewöhnlich -- der grimme Diakon Achilla auf.

Wie sagt das Sprichwort? Links die Backpfeife und rechts der Rippenstoß.

Siebzehntes Kapitel.

Kaum hatte der arme Lehrer den Diakon erblickt, so knickten seine Knie kraftlos zusammen. Doch schon im nächsten Augenblick reckten sie sich wieder auf wie Sprungfedern, und mit drei mächtigen Sätzen legte er eine Entfernung zurück, die ein normaler Mensch in zehn Sprüngen nicht hätte überwinden können. Dadurch schien Warnawa gerettet, denn er befand sich jetzt gerade unter dem Fenster der Gattin des Akziseeinnehmers Biziukin, und zu seinem großen Glück stand die aufgeklärte Dame selbst am offenen Fenster.

»Nehmen Sie dies!« rief Prepotenskij ganz außer Atem.

»Ich werde verfolgt von Spionen und Pfaffen!«

Bei diesen Worten schob er den Trog mit den Knochen zum Fenster hinein, er war aber selbst so erschöpft, daß er sich nicht mehr rühren konnte und an die Mauer lehnen mußte. Im selben Augenblick stand auch schon Achilla, ebenfalls ganz außer Atem, neben ihm und packte seinen Arm.

Sein Blick traf mitten auf der Straße zwei aus dem Staube emporragende menschliche Rippen. Sich zu Prepotenskij wendend sagte er:

»Warum hebst du deine Astragalusse nicht auf?«

»Tretet beiseite, dann will ich sie aufheben.«

»Gut, ich will zurücktreten,« -- und der Diakon ging an das Fenster, stellte sich auf die Zehenspitzen, guckte ins Zimmer hinein und fuhr fort:

»Hören Sie mal, Frau Rätin, Sie tun sehr unrecht, wenn Sie sich für diesen Lehrer so ins Zeug legen.«

Statt der erwarteten Antwort der »Rätin« erschien der liberale Akziseeinnehmer Biziukin selbst am Fenster und hielt dem Diakon den kahlen Schädel des Skeletts vor Augen.

»Sei mal so gut und lege das Ding fort, sonst werde ich böse,« entgegnete Achilla höflich. Von innen ertönte nur ein höhnisches Gelächter, und der Einnehmer ließ den Schädel laut und schauerlich mit den Zähnen klappern.

»Ich schlag euch alle zu Brei,« brüllte Achilla, indem er mit beiden Händen einen mächtigen Stein packte, der neben dem Fundament lag und gut zwei Zentner wiegen mochte. Im selben Augenblick, als er mit flammenden Augen dieses ungeheure Geschoß emporhob, um es gegen seine Widersacher zu schleudern, fiel ihm von hinten jemand in den Arm, und eine bekannte Stimme rief gebieterisch:

»Laß liegen!«

Es war Tuberozow. Mit strengem Gesicht, schwer atmend und zitternd vor Erregung stand Propst Sawelij vor ihm. Achilla gehorchte. Noch einen zornigen Blick aus seinen vor Wut geröteten Augen warf er auf den Einnehmer, dann schleuderte er den Stein mit solcher Wucht zur Seite, daß er einen Zoll tief in den Boden drang.

»Geh nach Hause,« flüsterte ihm Sawelij zu und wandte sich selbst zum Gehen.

Achilla widersetzte sich auch diesem Befehl nicht und schlich leise und niedergeschlagen, wie ein sonst artiger Schulbub, der bei einem dummen Streich ertappt worden ist, von dannen.

»Gott, was für eine alberne und ärgerliche Geschichte,« sagte Tuberozow, mühsam nach Luft schnappend, zu Darjanow, der ihn inzwischen eingeholt hatte.

»Macht Euch keine unnützen Gedanken, die Sache wird weiter keine Folgen haben.«

»Wieso keine Folgen? Die Folge wird sein, daß Achilla vor Gericht kommt. Haben Sie denn nicht gehört, was er schrie, als er mit dem Stein drohte? Er wollte sie alle zu Brei schlagen!«

»Ihr werdet sehen, alles löst sich in Wohlgefallen und Lachen auf.«

»Nein, das glaube ich nicht. Hier gibt es nichts zum Lachen. Es handelt sich um eine große Dummheit, die gemeine Menschen zu ihren Zwecken ausnutzen können.«

Der Propst beschleunigte seine Schritte und eilte nach Hause, indem er mit seinem langen Stabe zornige Zickzacklinien durch den Straßenstaub zog.

Im nächsten Buche unserer Chronik werden wir sehen, was für Folgen diese Begebenheit hatte und wer von den beiden Propheten im Recht war.

Zweites Buch.

Erstes Kapitel.

Der Tag des heiligen Methodius von Pesnosch war vorüber und der erwachende Morgen verhieß einen heiteren und stillen Tag.

Tuberozow, von der Messe zurückgekommen, saß beim Tee, auf demselben Sofa, auf dem er nachts geschlafen, und vor demselben Tisch, an dem er seine Memorabilien geschrieben hatte. Die Pröpstin bediente ihren Gatten, um dessen Ruhe sie so besorgt war, daß sie ihm alles an den Augen abzusehen suchte und nicht wagte, durch irgendeine Frage seine ernsten Gedanken zu stören. Flüsternd befahl sie dem Dienstmädchen, die beiden Pfeifen des Propstes mit Shukowschem Knaster zu stopfen und sie in den Ständer in der Ecke zu stellen, und dann setzte sie sich ihm gegenüber und wartete, das Kinn auf die Hand gestützt, bis der Propst das erste Glas geleert habe und ein zweites verlangen würde.

Aber ehe es so weit war, wurde ihre Aufmerksamkeit durch einen ungewöhnlichen Lärm ganz in der Nähe des Hauses abgelenkt. Man vernahm hastige Schritte und wirre Stimmen, die sich hin und wieder zu wütendem Geschrei verdichteten. Die Pröpstin schaute zum Fenster ihres Schlafzimmers hinaus und sah, daß Lärm und Geschrei von einer Menschenmenge herüberdrangen, welche sich mit großer Hast geradewegs auf ihr Haus zu bewegte.

»Was kann das sein?« dachte die Pröpstin, ging ins Wohnzimmer zurück und sagte ihrem Manne:

»Sieh doch, Vater Sawelij, was da für eine Menge Leute kommt.«

»Leute gibt es viel, meine Liebe, aber es sind keine Menschen darunter,« antwortete Sawelij ruhig.

»Nein, du solltest wirklich hinaussehen, es sind ihrer furchtbar viele.«

»Laß sie doch rumlaufen, soviel sie wollen; gib mir lieber noch ein Gläschen Tee.«

Die Pröpstin nahm sein Glas, füllte es, reichte es ihm und trat wieder ans Fenster. Der lärmende Haufe war verschwunden. Nur drei oder vier aus ihm standen noch herum und blickten mit offenkundiger Verlegenheit nach dem Tuberozowschen Hause.

»Um Gotteswillen, brennt es nicht irgendwo bei uns, Vater Sawelij!« rief die Pröpstin und stürzte entsetzt ins Zimmer ihres Gatten, aber schon an der Schwelle blieb sie stehen und begriff endlich, was eigentlich geschehen war.

Die Tür zum Wohnzimmer ging lärmend auf und in der Wohnstube des Propstes erschien der Diakon Achilla, und dicht hinter ihm, feuerrot und ganz verwirrt, der Kommissar, welchen Achilla fest am Ohr hielt.

»Vater Propst,« begann Achilla, indem er Danilka losließ und die Hände dem Propst entgegenstreckte.

Tuberozow segnete ihn.

Hierauf trat auch Danilka vor Sawelij hin und nahm den Segen in Empfang.

Nachdem dies geschehen war, packte der Diakon ihn wieder fest am Ohr, riß ihn zwei Schritte zurück und fing an:

»Stellt Euch vor, Vater Sawelij, eben gehe ich die Straße entlang, da höre ich laut reden. Ein paar Kleinbürger sprechen vom gestrigen Regen, den uns der liebe Gott auf unseren Bittgottesdienst gesandt hat, -- und jener dort« -- Achilla stieß den Zeigefinger seiner linken Hand dem ängstlich zwinkernden Danilka gerade in die Nase -- »wagt zu widersprechen!«

Tuberozow hob den Kopf.

»Denkt nur, er behauptete,« fuhr der Diakon fort und zog Danilka näher zu sich heran, »er behauptete, der Regen, den wir vorige Nacht nach dem Bittgottesdienst gehabt hätten, sei gar nicht infolge des Gottesdienstes gekommen.«

»Woher weißt du denn das?« fragte Tuberozow trocken.

Danilka schwieg verlegen.

»Denkt doch bloß, Vater Propst! Er behauptet, der Regen sei einfach kraft eines Naturgesetzes gekommen.«

»Zu welchem Zwecke hast du die Betrachtungen angestellt?« fragte Tuberozow.

»Ein Zweifel regte sich in mir,« antwortete Danilka bescheiden.

»Zu zweifeln hat ein so kompletter Ignorant, wie du, überhaupt nicht, und also hat der Täter seinen Lohn dahin. Du hast bekommen, was du verdientest. Und nun hinaus aus meinem Hause, du Schwätzer.«

Nachdem der Freigeist Danilka auf diese Weise an die Luft befördert war, nahm der Propst wieder am Teetisch Platz, trank sein Glas schweigend aus, und als er damit fertig war, wandte er sich an den Diakon Achilla. »Und du, Vater Diakon, -- hast du die Absicht, noch lange so zu wüten? Hab' ich dich nicht ermahnt, deine Hände davon zu halten?«

»Es geht nicht, Vater Propst; ich konnte mich nicht bezwingen; ich wollte Euch schon längst davon Mitteilung machen, wie er -- denkt nur -- immer gegen die Gottheit und gegen die Schrift redet.«

»Und da mußtest du dich vor allem Volke mit ihm prügeln?«

»Und wenn's auch vor allem Volke war, -- was ist denn dabei, Vater Propst? Ich bin ein Diener des Altars und muß an jedem Ort für meinen Glauben eintreten. Der heilige Nikolaus hat dem Ketzer Arius auch vor allem Volke eins ausgewischt ...«

»Du bist aber nicht der heilige Nikolaus,« fiel ihm Tuberozow ins Wort. »Du bist eine simple Krähe, verstehst du, und als solche hast du dich nicht um Dinge zu kümmern, die dich nichts angehen. Was hast du mit deinem Knüppel so zu fuchteln? Du hast wohl vergessen, daß ein Knüppel zwei Enden hat? Du verläßt dich immer auf deine Kraft, du Dromedar!«

»Das tu ich.«

»Tust du's? Nun, so tu es lieber nicht. Nicht deine Kraft hat dich gerettet, sondern das da,« -- sagte der Propst und zog den Diakon am Ärmel seiner Kutte.

»Wollt Ihr mir das zum Vorwurf machen, Vater Propst? Ich bin mir der Würde meines Amtes bewußt.«

»So? Du bist dir der Würde deines Amtes bewußt?«

Mit diesen Worten trat der Propst dem Diakon einen Schritt näher, schlug sich mit der flachen Hand auf das Knie und flüsterte:

»Ist es Euch vielleicht bekannt, Vater Diakon, wer mit den Handlungsgehilfen vor dem Kolonialwarenladen sitzt und Zigaretten raucht?«

Der Diakon wurde verlegen und erwiderte hastig:

»Ja, gewiß hab' ich, Vater Propst ... Ich kann's nicht leugnen ... Aber das geschah nur aus Unvorsichtigkeit, Vater Propst, wirklich nur aus Unvorsichtigkeit.«

»Seht nur, ihr Leute, was wir für einen feinen Diakon haben, wie famos er die Zigaretten zu drehen versteht.«

»Nein, wirklich, Vater Propst, nicht deswegen war es. Was hätt' ich mich groß damit zu rühmen? In bezug auf das Tabakskraut sind auch andere geistliche Personen nicht sehr enthaltsam.«

Tuberozow maß den Diakon von Kopf bis zu Fuß mit einem sehr vielsagenden Blick, dann warf er den Kopf zurück und fragte:

»Was willst du damit sagen? Daß der Propst auch Tabak raucht, nicht wahr?«

Der Diakon war so verlegen, daß er nichts zu erwidern vermochte.

Tuberozow wies mit der Hand nach der Zimmerecke, wo seine drei Pfeifen standen.

»Was rauche ich wohl, Vater Diakon?«

Der Diakon schwieg.

»Habt die Güte, mir Antwort zu geben. Was rauche ich? Rauche ich Pfeifen?«

»Ihr raucht Pfeifen,« antwortete der Diakon.

»Pfeifen? Ausgezeichnet. Und wo rauche ich sie? Rauche ich sie zu Hause?«

»Ihr raucht sie zu Hause.«

»Manchmal rauche ich auch eine bei guten Freunden, die ich besuche.«

»Ihr raucht auch manchmal bei guten Freunden.«