Die Kauzburg

Part 9

Chapter 93,944 wordsPublic domain

»Das ist selbstverständlich, und müßig hier sein hätte sie nicht gekonnt, das liegt nicht in ihr, und so habe ich sie mir auch nicht erzogen. Aber daß ich den Aufenthalt meiner Tochter nicht als Geschenk annehmen kann, werden Sie sich selbst sagen, also bitte überlegen Sie es sich, und sagen Sie mir morgen Bescheid.«

Dann schwieg er wieder.

Nach einer Weile sagte er: »Ich danke Ihnen, daß Sie sich bereit erklärten, meine Tochter so lange unter Fräulein Bartels Schutz bei sich aufzunehmen. Freilich, wenn ich gewußt hätte, ... doch nein, Erika hat mich gebeten, Ihnen nichts darüber zu sagen, also mag es schon so bleiben, und so sage ich Ihnen nur meinen besten Dank.«

»Und Sie wollen Erika mitnehmen, und was soll aus ~mir~ werden und aus dem Kinde?« rief ich aufspringend.

Ruhig und prüfend lag sein Blick auf mir. Der Mann hier war freilich ein anderes Gegenüber als der Domherr mit seiner bösen Schuld.

Das Päckchen mit Papieren hatte ich Erika sofort nach unserer Heimkehr mit dem Kinde in die Kauzburg zurückgeben müssen. Ich hatte sie gebeten, nur einen Blick hinein tun zu dürfen. Vergeblich natürlich gebeten! Das Kind war ja mein geworden, in meinem sicheren Besitz, also — mußten die Papiere ungelesen vernichtet werden. Keine Macht der Erde hätte an ihrem Versprechen, das sie Mariannen gegeben hatte, etwas ändern können. Aber ich war überzeugt davon, daß der Domherr schwere Schuld an Mariannen hatte. Ich war überzeugt, daß Marianne, das arme, auf des Klosters Schwelle ausgesetzte Kind der Straße, ~sein~ Kind war. Was war ~meine~ Schuld dagegen? Ein Stäubchen nur gegen einen Berg!

Der Mann der Heide aber stand wie ein wirklicher König vor mir, wenn ein reines und vornehmes Innenleben den König macht, wie man so gerne und so falsch oft glaubt.

»Wie meinen Sie Ihre Worte, ich verstehe Sie nicht? Was aus Ihnen und dem Kinde werden soll, wenn ich Erika mit mir nehme?« sagte er langsam. »Was hat meine Tochter damit zu tun?«

»Hat Ihnen Erika nicht gesagt, was sie der Mutter des Kindes versprochen hat?« rief ich.

»Nein«, sagte er. »Was hat sie der Mutter des Kindes versprochen? ... Ach, ... da kommt sie ja selbst, ... ist gut, daß du kommst, Erika ... was hast du ihr versprochen? Hast du gehört, worum es sich handelt?«

»Ja, Vater«, sagte sie, nichts weiter.

Er sah sie fragend an. Dann mich.

»Bitte wollen Sie mir nun dieses Versprechen nennen, von dem meine Tochter nichts gesagt hat?«

»Vater«, sagte Erika und trat zu ihm hin.

»Schweige jetzt, da du vorhin deinem Vater nicht geantwortet hast«, wies er sie freundlich, aber entschieden ab.

»Sie hat der Sterbenden in ihre erkaltende Hand hinein versprochen, ihrem armen Kinde eine treue Mutter zu sein«, sagte ich, und meine Stimme bebte. Ich kämpfte ja um das Glück meines Lebens.

»So?« ... sprach er, und seine Stirn zog sich zusammen. Seine Augen sahen auf die Tischplatte, und so stand er lange Zeit und sprach kein Wort.

Es war lautlos still in der Stube.

Ein paarmal weinte das Kindchen im Schlafe, weinte sich aber immer wieder schnell in sein ruhiges Schlummern zurück.

»So?« ... sagte er noch einmal.

»Wiederhole, was du der Toten in ihre Hand hinein versprochen hast, Erika«, wandte er sich dann an sie.

Es war, als ob er Zeit, viel Zeit brauchte, um sich in das, was er soeben gehört hatte, hineinzufinden.

»Ich habe der Sterbenden in die kalt werdende Hand hinein unter Anrufung Gottes versprochen, diesem Kinde hier für alle Zeit eine treue Mutter zu sein, mein Vater«, sprach sie, ohne zu stocken, mit tiefer, leiser, treuer Stimme. Ihre Augen, mit denen sie ihren stumm dastehenden Vater ansah, schimmerten feucht.

»So?« ... sagte der Heidkönig zum dritten Male und fuhr sich mit seiner rechten Hand über die Stirn.

Eine Ewigkeit schien mir’s zu sein, ehe er weitersprach.

»Und wie gedenkst du dieses Versprechen einzulösen?« fragte er.

— Was wird sie antworten?

»Ich will das Kind mit mir nehmen auf den Heidhof, Vater«, sagte sie.

Er schwieg. Ein paar Schritte machte er auf den Wagen zu, in dem das Kind schlief, und blickte auf das schlafende, lächelnde Gesichtchen hinab.

»Das Versprechen, dieses Versprechen an deine Mutter ...« murmelte er zu dem Kinde.

Als ob das Kind ahnte, daß es sich um Sein und Nichtsein handelte, denn ein Nichtsein würde es wohl werden, wenn man diesem Geschöpfchen Erika nehmen würde, — das Mariandel in seinem Korbwagen wachte auf, rieb sich mit den Fäustchen die Augen und fing zu schreien an.

Es klang, als ob ein Junghäslein klagte. Da drehte sich der Heidkönig um. Eine tiefe Röte lag auf seiner Stirn. Finster sahen seine Augen aus; tief gefurcht seine Stirn.

»Es ist nicht anders,« hub er zu sprechen an, während Erika das Kind hochnahm und beruhigte, »es ist nicht anders; jeder Mensch muß halten, was er verspricht. Lebte dieses Kindes Mutter noch, so würde ich mich an ihrem Sterbebett niederknien und sie bitten: lege ~nicht~ diese bittere Schwernis auf die jungfräulichen Schultern meines Kindes und nimm dieses Versprechen zurück. So aber bleibt es bestehn wie des Petrus Fels. Erika, ich erlaube dir, dein Versprechen einzulösen. Du darfst morgen dieses Kind mit in den Heidhof nehmen. Halt,« wehrte er sie ab, »ich bin noch nicht zu Ende. Klar muß alles werden. Auch« — wandte er sich an mich — »zwischen Ihnen und mir und ... der Erika.«

Er schwieg eine ganze Zeit, dann sprach er weiter, ruhig, ernst und nachdenklich:

»Ich bin nur ein einfacher Mann, ich habe mein ganzes Leben in einsamer Heide zugebracht, und so habe ich nichts von der Welt und ihrem Tun und Treiben kennengelernt. ~Hätte~ ich’s, vielleicht dächte ich so, wie viele denken mögen über die Unzucht und Unkeuschheit. Ich kann aber nur so darüber denken, wie ich eben denke. Und so sage ich Ihnen denn: nie wird meine Tochter meinen väterlichen Segen dazu erlangen, daß sie einen Mann zum Ehemann nimmt, der so wie Sie der Vater eines unehelichen Kindes ist. Ich sage ~Ihnen~ das und sage es ~dir~, Erika. Meine Augen sehen scharf wie des Wanderfalken Augen, wenn es sich um meine Tochter, um mein einziges Kind handelt. Und ich habe gesehn, daß Erika Ihnen zugetan ist und Sie der Erika. Laß mich reden, Kind,« wehrte er seine Tochter wiederum ab, »was ich hier sage, ~muß~ gesagt werden, damit alles für alle Zeit klipp und klar ist. Wollen Sie leugnen,« sagte er zu mir gewandt, »daß Sie sie liebgewonnen haben, nachdem Sie erkannt haben, daß es ein keusches, braves unverdorbenes Heidekind ist?«

»Nein, ich leugne es nicht!« rief ich, »Erika ist der gute Geist dieses Hauses, sie ist mein guter Geist geworden, ich weiß nicht, was aus mir werden soll, wenn ich sie für immer verliere.«

»Sie sind ein ~Mann~«, sagte der Heidkönig, »~seien~ Sie ein Mann! Ein Mann muß stets wissen, was werden soll, und hätten Sie das früher gewußt und bedacht, so ständen Sie jetzt keusch und in allen Ehren vor mir, und ich würde Ihnen meine Tochter nicht weigern. Aber Sie werden und müssen einsehn, daß ich so handeln muß, wie ich jetzt handle, und ich denke, daß Sie mir nichts in den Weg legen?«

Ich hörte die tief verborgene Besorgnis aus seiner Stimme? O, er wußte, daß ich in Erikas Liebe zu dem Kinde und in ihrem Mitleide mit mir, dem Vater dieses Kindes, starke, gefährliche Bundesgenossen hatte!

Sollte ich sie brauchen? Sollte ich mich hinwerfen vor ihr, ihre Knie umfassen und immer wieder bitten: »Bleib, du guter Geist dieses Hauses, ach, bleibe!?«

Da tönte wieder seine Stimme.

»Geben Sie sich keiner falschen Hoffnung hin,« sagte er, und mir war, als habe er in meiner Seele gelesen, »Erika wird nie einem Manne angehören wollen, der ein Kind sein eigen nennt, zu dem er sich erst bekennen mußte, ehe es vor den Menschen sein Kind werden konnte. Unsere Frauen und Mädchen in der einsamen Heide denken darüber streng. Nicht wahr, Erika?«

Ich hielt den Atem an.

Sie schwieg.

Da vertiefte sich die Furche in der Stirn des Alten. »Wie, Erika, du schweigst? Hab’ ich dich deshalb aus dem Heidhofe hierher gehen lassen, damit der Schmutz deine reine Seele vergiftet?«

»Ich denke ~so~, wie du denkst, Vater«, sagte die Heidkönigstochter und sah in Scham auf das Kind in ihrem Arm herab. »Ich habe aber einer Sterbenden mein Wort gegeben, Vater. Und ...« Sie sah ihn nun bittend an.

»Das sollst du halten, meine Tochter«, unterbrach sie der Heidkönig.

»Das Kind darfst du mit in den Heidhof nehmen, und zwar für ein Jahr. Dann ist es aus dem gröbsten heraus, und wir können es seinem Vater ohne Sorge wieder zurückgeben. So hast du dein Versprechen gelöst und bleibst trotz allem mein reines Kind der Heide.«

»Sind Sie damit einverstanden?« wandte er sich an mich.

»Ich bin’s«, erwiderte ich, denn die Hoffnung zog wie ein Lichtstrahl in mein Herz.

»Ja, ich bin’s und danke Ihnen, daß Sie das erlauben! Was sollte sonst werden jetzt mit mir und dem Kinde?«

»Gut, so sind wir einig. Nur mache ich zur Bedingung, daß Sie vor Ablauf dieses Jahres Ihren Fuß nicht über die Schwelle des Heidhofes setzen.«

Ich blickte hinüber, wo Erika mit meinem Kinde stand. Ich sah, wie sie erblaßte, wie ihre Augen angstvoll und in voller Frauenliebe auf mir ruhten, ich sah aber auch, daß irgend etwas in diesen braunen Augen stand, das mir zurief: »Gehe auf diese Bedingung ein, harre aus und hoffe!«

»Darf ich wegen des Kindes ab und zu an Ihre Tochter schreiben?« fragte ich.

Er dachte lange nach.

»Man kann einem Vater solche Bitte nicht abschlagen,« sagte er dann; »darf er an dich schreiben, Erika, und willst du ihm antworten?«

»Ja, Vater«, erwiderte sie.

»Nun gut, so mag’s sein«, sprach er. »Und nun wissen wir voneinander, was wir wissen mußten, bevor ich von hier wieder abreise«, sagte er zu mir. »Ich halte Sie trotz der schweren Verfehlungen für einen braven Mann. Sehn Sie zu, daß Sie sich in Ihrem Kinde eine brave Tochter erziehn, so wird das Unrecht gesühnt, daß diesem Kinde das Leben gab. Jetzt will ich’s Ihnen auch offen sagen: es hat mich gefreut, daß Sie sich so offen zu dem Kinde bekannt haben. Hätten Sie’s nicht getan, so hätte ich nicht den Dank über meinen Mund gebracht dafür, daß Sie damals Fräulein Bartel erlaubten, Erika herzunehmen. — Bis morgen also.«

Bis morgen also!

Es ist spät am Abend. Die andern schlafen, ich aber bin noch wach und wandere ruhelos in meiner Stube auf und ab. Bis morgen also!

O, wäre ewig diese Nacht! Gäbe es doch kein Morgen! So behielte ich sie in diesem Hause, so hätte ich wenigstens das Gefühl: sie ist noch hier.

Sie und mein Kind.

»Eine schwere Verfehlung«, hatte der Mann gesagt. Keiner hat mir so ruhig, so schlicht und so wahr meine Sünde vorgehalten, als dieser Mann!

Ach, Marianne, du bist nun tot, und nun geht auch deine Schuld auf meine Rechnung über.

Nun muß ich alles auf mich nehmen und kann nicht sagen: »Mann, sie hat doch ~auch~ schuld. Sie hatte doch ~mehr~ schuld als ich!« — Du bist tot: Was würde er sagen, hätte ich so von einer Toten gesprochen!

Nein, Marianne, ich werde deine Ruhe nicht stören. Aber, so es wirklich ein Jenseits gibt, an das du doch auch immer glaubtest, so mache ~deinen~ Teil der Schuld gut, wirf dich hin vor Gottes Thron und flehe ihn an, daß des Heidkönigs Tochter nicht nur für dieses eine Jahr dem Kindchen eine treue Mutter sei, sondern fürs ganze Leben. Flehe ihn an, daß sie mein Weib wird.

So wirst du gutmachen, was du an mir gesündigt hast in deiner Leidenschaft und Liebe zu mir. Wenn zwei eine Sünde tun, so sind doch ~beide~ Sünder!

Ach, dieser schreckliche Begriff von Sünde!

Festgeschmiedet ist die Menschheit in unheilvolle Fesseln. Nein, nein, nicht unheilvoll!

Gibt es etwas Heiligeres als die Fesseln von Staat und Kirche, die den Mann an ein geliebtes Weib binden?

Sie werden nur unheilvoll durch das Verschulden der Gefesselten ~selbst~.

Fessel! Gefesselt! — — —

Fessellos! Frei! — — —

Freie Liebe! Freie Leidenschaft!

Ich höre mein Kind schreien! — Ach, du armes Häschen, du! Du Kind der freien, fessellosen Leidenschaft!

Denk’, mein armes Häschen, wenn ich mich nicht zu dir bekannt hätte als dein Vater.

Dann hätten sie dich zu einer Nonne gemacht. Nie wären die Freuden, die unschuldvolle Lust des Kindes an dich herangetreten.

Immer hätte man dir als deine Schuld angerechnet, die andere getan haben. Beten und büßen hättest du gemußt für die Sünden deiner Mutter und deines Vaters. Nie hättest du Elternliebe, Mutterliebe kennengelernt, immer hätte es geheißen: Du bist ein Kind der Sünde, du kannst nur durch Gebet in den Himmel kommen.

O, du mein armes Häschen du! —

Freie Liebe! Freie Leidenschaft!

Tausendmal müßten es alle bedenken, bevor sie in freier Liebe, in freier Leidenschaft alle Schranken durchbrechen! Und doch auch wieder: Wie menschlich, wie jammervoll menschlich ist es! Wir ~haben~ doch unsere Leidenschaft, unsere Liebe! ~Warum~ haben wir sie denn? Wenn sie Sünde ist und alles, was aus ihr zum Leben kommt, das Kind der Sünde ist? Da gehst du nun, leuchtender Mond in stiller Frühlingsnacht, deine hohe, ruhige, immer und immer gleiche Himmelsbahn! Du wirst von so vielen als schönes, mild lächelndes Licht gepriesen und besungen.

Was bist du denn in Wahrheit! Nichts als ein gefühllos kalter Stern im großen Weltall. Du lächelst dasselbe Lächeln, wenn unter dir ein Mord geschieht, du lächelst dasselbe Lächeln, wenn unter deinem verbergenden bleichen Glanz zwei Menschen in Leidenschaft sich befinden und diese Leidenschaft dann lebenslang ein armes Menschenwurm büßen muß, du lächelst dasselbe Lächeln ~heute~ — und ~morgen~ verlassen die beiden mein Haus!

Man weiß, du bist nichts weiter als ein kalter Stern, und doch kann man sich dir nicht entziehn.

Auch heute, wo ich mich aus dem Fenster lehne und in die glanzumflossene, stille Silbernacht mit dem Schmerz der Trennung schaue, bist ~du~ es, kalter nichtssagender Gesell dort oben, der in mein Herz die Abgeklärtheit dieses Schmerzes senkt.

Morgen abend um diese Zeit!

Da ist sie schon im Heidhofe, fern von mir in der fernen Heide. Mein Kind aber ist bei ihr. Und daß sie es hat, das spinnt Fäden, fein wie von Spinnenfleiß gesponnene Fäden von der Heide bis hier in meine Kauzburg hinein. Dann muß ich dich ~wieder~ bitten, dich, den kalten Gesellen Mond, der so verträumten Glanz auf unsere Erde ausgießt, — ich muß dich bitten, mit deinem Silberglanze diese Fäden zu erfüllen, so werde ich sie sehen. Was unsichtbar von Seele zu Seele sich spinnt, wird sichtbar werden im weichen Silberglanz des Mondes.

Und sorgen will ich, daß diese Fäden nicht zerreißen.

Schreiben in die Heide will ich ihr; schreiben, wie einsam ich wieder bin und wie verlassen. Immer mehr will ich in ihre Seele das Mitleid mit mir pflanzen. Immer mehr will ich ihre Liebe wecken für das Kind. So wird das Gespinst der Fäden immer haltbarer, immer fester. Bis es unzerreißbar sein wird. Dann klettere ich daran hoch, hinein bis ins kleine Fensterlein ihres Heidhofstübchens. Heidkönig, ich nehme den Kampf mit dir auf! Ich sage dir Krieg an bis aufs Messer um deine Heidkönigstochter!

Ein Königstöchterlein gibt man nicht so leicht auf. Und ein Heidkönigstöchterlein erst recht nicht! Aber ein Jahr, ein ganzes, volles, langes Jahr! Ein Jahr, daß dreihundertundfünfundsechzig Tage hat und ebenso viele einsame Nächte! Und Nächte sprechen lauter zu dem einsamen Menschen als Tage.

Die Nächte sprechen durch ihre Stille so laut zur dürstenden Menschenseele.

Wie wird meine Seele nach dir dürsten, du treues, liebes Königstöchterlein!

Ein Königreich wirst du mir schenken, und dieses Königreich bist du.

In tiefen, abgrundtiefen Schlaf möchte ich mich ein Jahr lang versetzen und aufwachen erst zur Stunde, da ich vor dir stehe und du vor mir.

Und zwischen uns das Kind.

Doch nein, nein. Wir werden uns ja schreiben! Wach muß ich bleiben und treu im Wachen! —

Morgen bist du in deiner Heide, Heidkönigstochter. Der Frühling empfängt dich, blühn und duften wird es aus tausend, vielen tausend Blumen, wenn du, die Königin der Heideblumen, heimkehrst zur Heide.

Die Bienen werden summen und gelben Pollenstaub an ihren Beinchen verschleppen, von Blüte zu Blüte werden sie naschend und nippend fliegen und heimgeleiten dich, du Königin aller Heideblüten.

Die Schmetterlinge werden ihre zarten Flügel spannen, im flimmernden Sonnenschein ihr buntes Farbenspiel entfalten, und in dein braunes Haar werden sie sich niederlassen, weil du die Königstochter der Heide bist.

Der Heidkönig wollte nicht, daß ich ihn und seine Tochter zur Bahn brachte.

So blieb ich denn in der Kauzburg zurück.

Fräulein Bartel begleitet sie ein Stück Weges noch auf der Bahn und kommt morgen früh zurück. Sie wollte mein kleines Mariannchen auf ihren Arm nehmen, aber Erika ließ es nicht zu.

Sie nahm mein Kind in ihre Arme. Wie geborgen wird das kleine Geschöpfchen sein. Viel geborgener, als ich es bin.

Kaum hatte sich das Tor der Kauzburg hinter ihnen geschlossen, da riß ich meinen Gaul aus dem Stall. Gesattelt war er. Ich schwang mich hinauf, und fort ging’s wie die wilde Jagd querfeldein an die Bahngleise heran. Ein paar Minuten vor dem Zuge war ich an Ort und Stelle. Draußen, gerade dort, wo der Wald anfängt, riß ich meinen Gaul zusammen. Er stand wie eine Mauer dicht an den Bahnschienen.

Und da kam der Zug, ganz langsam, wie die Kleinbahnzüge es tun, heran. Mein Waldhorn hatte ich schon am Munde. Klar klang sein schwermütig-fröhlicher Ton dem Zuge entgegen. Kaum erklangen die ersten Töne, so bog sich das Kind der Heide weit hinaus.

Sie kannte ja mein Waldhorn, und oft hatte ich des Abends Volkslieder auf ihm geblasen.

Weit bog sie sich heraus. Ihr braunes Haar spielte im Winde. Aus ihren Augen blinkten die Tränen, und mit einem Blick der Liebe sah sie mich an wie nie zuvor.

»Lebe wohl, auf Wiedersehen!« rief sie mir zu, als sie so nahe an mir vorbeifuhr, daß sie mich fast mit ihren Fingerspitzen erreichen konnte, die wie ein Hauch über mein Gesicht glitten.

Schon war der Zug um die Waldbiegung verschwunden.

Ich aber blies weiter das alte Lied vom Scheiden und Meiden, und der Wald trug lang und bang das Echo zurück.

Dann sprang ich jählings herunter vom Gaul. Ins Gras warf ich mich, und über mir in den grünen Wipfeln der Bäume klangen die Blätter aneinander und flüsterten leise, ganz leise: »Lebe wohl, auf Wiedersehen!«

Einen blühenden Erikazweig brachte mir Fräulein Bartel mit: »Von Erika, das schickt sie Ihnen.«

Liebe Erika!

Haben Sie herzlichen Dank für Ihren Brief. Sie hätten mir sicher viel eher geschrieben, wenn Sie gesehn hätten, wie ich Tag für Tag dem Briefträger entgegeneilte, wenn er die kleine, steinüberwölbte Pforte, durch die Sie so oft ein und aus gegangen sind, öffnete und seine rotstreifige Mütze sich zeigte.

Die Vögel haben längst ihre Nester gebaut, schon hat abgeblüht der Flieder, das Korn schießt schon in seine Halme. Der Sommer naht, ist eigentlich schon da, und endlich, endlich heute der ersehnte Brief.

Dem Dürstenden eine Wasserspende. Ach, ich war gleich dem Dürstenden in weiter, öder Wüste. Aber nun bin ich in der Oase. Die Palmen rauschen über mir, die Quelle sprudelt, ringsum ist Wüste, doch ~ich~ bin geborgen.

Haben Sie Dank, Heidkönigstöchterlein, daß Sie aus Ihrem Brunnen mir den Krug zum Trinken reichten.

Ein tiefer Brunnen ist’s, aus dem Sie Wasser schöpfen, und wie ein reiner Bergquell ist sein Inhalt.

Die Heide muß den Bergen gleichen, denn auch in ihr herrschen Einsamkeit und Reinheit.

Dreimal schon habe ich Ihren Brief gelesen, dreimal des tiefen Brunnens silberklares Wasser ausgeschöpft, und nun ich wiederum ins Lesen komme, wird mir der Trunk zum neuen Labsal wieder.

Also dem kleinen Mariannchen geht es gut? Wie könnte das anders sein, wo das Kind in Ihnen eine so treue Mutter gefunden hat. Und Ihr Vater, der Heidkönig, kann gar nicht mehr ohne das Kind sein? Das sind zwei schöne Botschaften, die mir die Heide sendet. Die dritte schöne, schönste Botschaft atme ich aus den Blumen ein, die das Heidkönigstöchterlein zwischen die Seiten des Briefes legte. Frisch sind die Blumen wieder aufgeblüht in der Vase mit Wasser, die neben mir steht. Sie duften den frischen Heideduft mir zu. Er schwebt durchs Zimmer, haftet sich an mein Gewand, von draußen flimmert sommerliche Abendsonne durchs offene Fenster herein, die Meisen hör’ ich zirpen, den Pirol locken und die Finken schlagen. Lieg’ ich in stiller Heide? Kommt dort nicht durch das blühende, schöne Heidekraut die Tochter der Heide gegangen? Neigt sie nicht den Kopf mir zu? Glänzt nicht aus ihren Augen lautere Treue? Streift sie mit sanfter Hand nicht über meine Stirn?

Ich bin einsam, Erika, unendlich einsam.

Seitdem die Heideblume nicht mehr in meiner Kauzburg blüht, seitdem sie mit meinem Kinde, das nun an ihrem Herzen zur kleinen Heideblume erblühn wird, fortzog in die Heide zurück, bin ich einsam.

Ich will keines Menschen Mitleid.

Ich verachte das Mitleid der Menschen.

Ein einziges Mitleid aber will ich mir erhalten, will es ausdehnen so weit, daß die ganze Heide um den Heidhof davon träumt und in stillen Träumereien davon erzählt, solange erzählt, bis Ihr Herz ganz davon erfüllt wird. Das Mitleid in einem Mädchenherzen öffnet wie ein Schlüssel die Pforte zur Kammer der Liebe. Und die Liebe vermag den unübersteigbaren, winterharten Berg zum stillen, grünen Tale umzuwandeln.

Wird für mich das stille Tal ergrünen?

Leben Sie wohl, Erika. Grüßen Sie mir mein Kind, es soll seine kleinen Arme um Ihren Hals schlingen und soll wie ein kleiner Engel sein, der zwei Herzen mit seinem silbernen Hammer fest zusammenschmiedet für alle Ewigkeit. Grüßen Sie auch den Heidkönig. Er riß uns auseinander, aber ich kann nicht anders: Ich will ihm grollen und zürnen und vermag es nicht. Er hat ganz recht, dieser stolze, schlichte Mann: Erst die Buße reinigt und erst das Fegefeuer öffnet uns den Weg zum Himmel. Meine Buße habe ich und mein Himmel ist ein Königstöchterlein, das wie eine Madonna mit dem Kinde durch die Blüten der braunen Heide schreitet.

Ihr

einsamer Freund.

_N. B._ Ich habe meine Versetzung nach Schlesien erbeten. Wenn es mir doch glückte. Ich bin ein solcher Heimatmensch und hänge an der Heimat wie eine Fledermaus tagsüber in der Räucherkammer hängt.

Mich stören hier auch die Erinnerungen und ... die Menschen. Kürzlich rief ein Kuckuck statt Kuckuck immerfort: Erika, Erika, Erika. Ich hab’s deutlich gehört. Und Sie werden lachen, wenn Sie das lesen. O, Sie böses, süßes Heidekind, Sie!

Daß du dich so riesig freust, liebe alte Mutter!

Feste der Freude willst du feiern über die Rückkehr des verlorenen Sohnes? Liebe Mutter, du lächelst. Ich sehe in deinem lieben Muttergesicht die kleinen Runzelchen und Fältchen, die dein Gesicht so schön machen. So wunderschön, wenn aus ihnen tausend liebe Mutterlächeln strahlen. Du schreibst mir: »Ich will Dich bei Deiner Rückkehr ins liebe schlesische Heimatland feiern, wie man den verlorenen Sohn bei seiner Heimkehr feiert; freilich warst Du mir in einem ganz anderen Sinne ein ›verlorener Sohn‹: Nur weil Du fern warst, viel zu fern von einer so alten Frau, als ich eine bin, nur darum mir verloren, Du lieber Sohn.«

Ach, liebe Mutter, wenn du wüßtest, wie nahe daran ich war, der biblische verlorene Sohn zu sein. Was wirst du sagen, wenn du alles weißt? Und wissen mußt du es! Wie werden deine Augen ratlos in Herzensangst blicken, wenn ich dir sagen werde: »Ich bin Vater eines Kindes!« Wirst du dieses Kind als Enkelkind aufnehmen? Bei deinen gläubig-strengen, durch die Tradition geheiligten Grundsätzen?

Wie leid tut es mir, dir diesen Kampf nicht ersparen zu können.

Bereite noch ~keine~ Feste vor für den »verlorenen Sohn«, liebe Mutter!

Erst wenn du weißt, daß es eine Zeit gab, wo er wirklich der verlorene Sohn war, dann, ja dann nimm ihn ans mütterliche Herz und laß ihn dort die Feste feiern, die deine Mutterliebe ihm bereiten wollte.

Man verwächst mit einem Ort, an dem man längere Zeit geweilt hat, ohne daß man es merkt.