Die Kauzburg

Part 10

Chapter 103,969 wordsPublic domain

Erst die Abschiedsstunde macht es uns bewußt. Als ich meinen Wunsch erfüllt sah und nach Schlesien versetzt war, überkam’s mich im ersten Augenblick fast wie ein Schreck. Auf einmal sah ich manches, was ich bis jetzt nicht gesehn hatte.

Wie schön, wie selten schön ist doch dieser Blick über den alten Kirchhof hinüber weit in das Flußtal hinein. Wie eigenartig doch die Kauzburg selbst!

Wie traut mir diese hohen Räume, in denen ich mich erst so ungemütlich fühlte!

Ob wohl in Schlesien Buntspechte im Forstgarten sein werden wie hier? Ob dort wohl auch im Frühling die Nachtigall ihr einsam schönes Nachtlied im Garten singen wird? —

Am Abend ging ich zum Grabe Mariannens. Auch hier ein Abschied. Von vielem.

Als ich vom Grabe aufsah, erblickte ich den Domherrn am Fenster stehend. Krank sah er aus, schwer leidend. Ich glaube, dies Grab, an dem ich stehe, hat’s ihm angetan. Als meine Augen auf ihn fielen, machte er eine Bewegung, als wollte er rasch ins Dunkle des Zimmers zurücktreten. Dann aber blieb er stehen. Langsam, ganz langsam beugte er sich hinaus. Und dann sagte er mit verschleierter Stimme zu mir: »Ich werde über diesem Grabe wachen und es pflegen. Ist es nicht schön gepflegt? Daneben ... daneben ...«

Da brach er ab, denn eine Nonne ging quer über den Kirchhof.

Ich grüßte hinauf, als ich ging.

Er grüßte zurück und sah mir nach, bis sich die Pforte hinter mir schloß.

Also ~doch~ ein Herz unter dem gestickten Priesterkleid.

»Daneben ... daneben ...«

Ich wußte, was er meinte.

Neben Mariannens Grab wird bald ein anderes sein. Dann ist auch ~er~ tot. Mich wird’s nicht stören, komm’ ich im nächsten Jahre zu ihrem Grab. Denn die Toten haben alles hinter sich; auch ihre Sünde. Die Erde entsündigt. Sie gleicht aus, was ungleich war. Ein bißchen Erde ~mehr~, nichts anderes. Soll man einem Teilchen der Erde zürnen, die für uns alle der gleiche Schoß ist?

Auch das heidnische, steinerne Käuzchen nehme ich nicht mit nach Schlesien. Ich traue diesem Käuzchen nicht! Wer weiß, ob nicht böse Geister daran schafften. Und ich habe mir das Unglück ins Haus getragen mit ihm.

Heruntergeschafft habe ich’s wieder und vor den Eingang des unterirdischen Ganges gestellt. Dort mag es stehen und den Gang in das stille Tal verschließen wie früher. —

Ich benutzte den Nachtzug nach Schlesien. Fern flammte das Abendrot über dem Himmel, als ich das Städtchen verließ. Mit was für Gedanken! An Vergangenheit, an Zukunft. Was hat mir ~jene~ gebracht, was wird mir ~diese~ bringen? Wie mit blinden Augen müssen wir kommenden Tagen entgegengehn. Nie weiß man, was der nächste Tag uns bringt. Was sag’ ich, ... Tag! ... Die nächste Stunde, der nächste Augenblick. In Kleinigkeiten können wir das blinde Schicksal meistern, in großen Dingen nicht.

So bin ich denn in meinem Schlesien wieder!

Daheim! In der alten Heimat!

Ihr Bäume habt meine Knabenjahre beschützt, ihr Bäume legtet ~mir~ den Traum der Jugend in mein Herz. ~Dich~, du mein grüner, heimatlicher Wald!

Dich selbst! Du warst mein Jugendtraum und bist es noch und wirst es bleiben allezeit.

O rauscht nur, ihr alten Kiefern! Hinknien will ich mich an den Waldbach, der aus dem hellen Felde zum dunklen Walde fließt, hinknien, wo einst des Knaben Höslein ihre Löcher kriegten. Wo einst der Knabe sprang und rutschte auf den Ästen, das Eichhorn jagte und die Krähennester ausnahm, da will ich heute knien.

Und dankbar sein für meine Rückkehr in die Heimat.

Ach, Heimat, Heimat! Was alles birgt doch dieses eine einzige Wort!

Eine Welt für sich. Eine volle, ganze Welt. Umragt von hohen Mauern gegen alles Fremde, gegen kalte, fremde Herzen, kalten, fremden Händedruck.

Eine Welt voll Sonne, die das Herz erwärmt, voll Licht, das durch die Adern strömt wie goldner Glanz und goldenklarer Strom, ach, eine Welt auch von Erinnerungen, von Trauer auch um euch, ihr lieben Toten, die ihr nicht mehr seid. — — Dort diese Kiefer kenne ich so gut!

Wie oft hab’ ich auf diesem starken Ast, der sich als stärkster aus dem Wipfel in die Breite streckt, gesessen und aufgepaßt aufs Wild, das in die Felder trat; des Abends. Der rote Sonnenball war immer im Versinken, da trat der starke Rehbock aus der jungen Dickung und warf mißtrauisch seinen gehörn-geschmückten Kopf hoch auf.

Links drüben ein paar Ricken mit einem jungen Böckchen. Kaum zeigte sich’s, hui, war der Starke wie ein vom Bogen straffgeschnellter Pfeil hinter ihm her! Die Eifersucht! Die liebe Eifersucht!

Hier hoppelte ein Häschen in das Feld. Vorsichtig, Männchen machend, mit den Löffeln wackelnd, bald hierhin, dorthin schnuppernd, endlich ganz beruhigt in seinem lieben Hasenherz, nun rasch mit ein paar Sätzen hinüber in den Klee. Der schmeckt ihm wie uns ein Gläschen guter Wein. —

Ein schlichtes Forsthaus unweit des Oderstromes ist meine schlesische Oberförsterei.

Aus den Fenstern im Dachgiebel kann ich das Wasser des Stromes sehen.

Ruhig fließt er dahin. Wildenten schnattern im Schilfe. Und schwirren pfeifenden Fluges hoch, umkreisen mein Forsthaus und lassen sich brausend im Schilfe wieder ins Wasser hinab.

In meinem jetzigen Forsthause gibt’s keine hohen Räume, in denen Ritter und Mönche hausten. Aber auch keinen unterirdischen Gang mit Steinkäuzchen und heidnischen Denkmälern gibt’s. Klar wie die Sonne am lichten Sonntag ist alles in meinem Haus.

Von Ruhe spricht alles hier, — fern von der Welt, der Wald ringsum, der stille, hohe Wald, — ja, von Ruhe.

Nun hab’ ich, was ich stets ersehnte: ein Forsthaus in schlesischer Heimat.

Nun ist die Heimat wieder mein.

Mein erster Brief aus der Heimat soll in den Heidhof eilen zu dir, Heidkönigstochter.

Liebe Erika!

Mein erster Brief aus Schlesien, meiner Heimatprovinz, soll zur Heidkönigtochter eilen! Eile, mein Brief, oh, eile! Bedenke, bald ist der Sommer hin, bald flattert das Laub von den Bäumen, bald, bald wird’s schneien, und dann kommt das Frühjahr! Im Frühjahr darf ich doch ~selbst~ in die Heide! Meinst du, mein Brieflein, daß ich dann ~schreibe~?! O nein, dann eile ich selbst, so wie du heute eilen sollst! Dann zieh’ ich dem Frühling entgegen, der in der Heide für mich blüht ... Ja, dann ... Mein Königstöchterlein, dein König sendet dir seinen ersten Heimatgruß! Ein großer Strom fließt in ruhiger Majestät an meinem Forsthaus vorbei. Die großen Segelschiffe gleiten auf und nieder.

Die Oder trägt sie alle. Und führt sie alle an ihr Ziel. Wie eine Mutter die Schar der Kinder.

Im Mondschein stehe ich gerne am lieben Oderstrom. Wenn die Schiffe lautlos herangleiten, die weißen Segel vom silbernen Mondglanz umflossen, dann ist’s mir, als ob sie mir aus der stillen, fernen Heide das Heidkind bringen sollten.

Erika, wie werde ich des Frühjahrs harren! Wie werde ich aufpassen, wenn die erste Schwalbe am Giebelfenster zwitschern wird. Wie werde ich auf den Kiebitz lauern, auf das Schnepflein am Waldrand drüben.

Wenn der Frühling im Lande sein, wenn sein strahlendes, holdes Antlitz uns anlächeln wird, dann werde ich rüsten zur Fahrt in die Heide. ~Aus~ der Heimat werde ich ~in~ die Heimat fahren. So lockt mich die Heide. Ich kam so froh hierher und bin so ernst und still, seitdem ich hier bin.

Warum wohl, Heidekind, warum?

Ach, weil mir immer mehr und mehr die Heidkönigtochter fehlt! Weil immer mehr mein Herz sich nach ihr sehnt. Doch still davon. Was man so ganz im Herzen hat, das duldet keine Worte. Das liegt verschlossen wie in einer Kammer. Wie Gold in einem goldenen Schrein.

Grüßen Sie mir mein Kind, liebe Erika. Mein Kindchen, bist Du Dir denn auch bewußt, daß Du mein Fürbitter sein sollst?

Als ich in die Fremde zog, sah ich, bevor ich um die Ecke bog, das liebe, alte Muttergesicht am Erkerfenster. Ich sah, wie es sich an die Scheiben preßte und dem Sohn nachsah. Die guten, alten Mutteraugen. Die so treu wie es nur Mutteraugen können, auf das Kind herabsehn. Und heute, als ich aus der Fremde wiederkam, zurückkehrte in die alte Heimat, sah ich, wie damals, das liebe, alte Muttergesicht am Erkerfenster. Wie ein Sonnenschein flog es über dieses liebe, alte Gesicht, als ich um die Ecke bog. Und doch stand eine Wolke über der Sonne oben am Himmel. Ach, eine Wolke stand auch über mir. Über dem heimkehrenden Sohne.

Noch ahnst du nichts, liebe Mutter. Noch ist für dich der heimkehrende Sohn derselbe Sohn, der er war, als er in die Fremde ging. Wie ein verlorener Sohn wurde ich empfangen. »Du bist mir doch wiedergeschenkt, richtig wiedergeschenkt, mein Junge, jetzt, wo Deine Oberförsterei so nah von hier liegt«, meinte sie lächelnd, als sie mich immer und immer wieder mit ihrer runzligen Hand streichelte. Diese alte, zitternde Hand. Ich hatte ihr nun schon so viel erzählt von meiner jetzigen Oberförsterei und der früheren. Kein Wort bis jetzt von dem Schweren, das ich erlebt hatte, nichts bis jetzt von Marianne, nichts von dem Kinde, nichts von Erika.

»Du verschweigst mir die ganze Zeit, seit du bei mir bist, etwas, mein Junge. Darf es deine alte Mutter nicht wissen?« Ich erschrak, als sie in ihrer mütterlich besorgten Weise diese Frage tat. Wie scharf sieht doch eine Mutter ins Herz des Kindes!

»Ich verschweige dir etwas, Mutter?«

»Ja, du verschweigst mir etwas, Sohn. Dich bedrückt etwas, sage es mir doch, vielleicht kann ich dir helfen.«

Da zog ich behutsam das Bild des kleinen Mariannchens, meines Töchterleins, aus meiner Brusttasche.

Sie folgte aufmerksam meinen Bewegungen. »Was hast du denn da, lieber Sohn?« fragte sie mit einer sie so gut kleidenden Neugierde. »Was ich hier habe, Mutter? Ei, hier ist das, was ich dir verschwiegen habe.«

»Also hatte ich recht, ja, ja, eine alte Mutter fühlt es, wenn das Kind, und wenn das Kind auch so ein großer Sohn ist, Kummer hat.«

»~Kummer~, Mutter?«

»Ja, Kummer, lieber Sohn«, sagte sie.

»Ich fühl’s, fühl’s ganz deutlich.«

»So sieh dir doch einmal dieses Bild an, Mutter«, bat ich.

»Ei, was für ein liebes, liebes Kindchen ist es! Wer ist denn das Geschöpfchen? Und wie es lacht und seine Ärmchen vorstreckt, ach wie allerliebst, gewiß das Kind von einem deiner Freunde, lieber Sohn!« rief sie und sah voll Freude auf das Bild.

»Sieh’ es dir recht genau an, Mutter«, bat ich. Sie sah auf.

»Nanun, du tust ja ganz merkwürdig, Junge. Was machst du denn für ein Gesicht? Ist wohl tot, gestorben, das herzige Kind?«

»Nein, Mutter, es lebt. Das Kind lebt, Mutter«, sagte ich leise.

Da blickte sie noch einmal scharf auf das Kindergesicht. »Es lebt, das Kindchen«, sprach sie mir langsam nach und sah von dem Bilde wieder auf mich.

»Mutter,« sagte ich, »ahnst du denn nicht, wem das Kind gehört?«

Wie eine große Angst kam’s in ihre Augen. Wie eine große, ratlose Angst.

»Ja, wie soll ich denn das ahnen, lieber Sohn«, sprach sie, und ihre Stimme zitterte.

»Sag’, Mutter, wenn dieses unschuldige Kind nun mir, deinem Sohn gehörte?«

»Fritz!« rief sie und starrte mich an.

»Mutter, es ist ~mein~ Kind. Ich bin der Vater des kleinen, herzigen Mariannchens, dessen Bild du in der Hand hältst«, sagte ich ruhig. »Muß ich dich und dein Dasein, du armes Kind, denn sogar vor meiner ~Mutter~ entschuldigen?« dachte ich bitter, als ich sah, wie fassungslos, wie entgeistert die alte Frau dasaß.

Unwillig wandte ich mich fort.

Da hörte ich, wie sie leise in ihr Taschentuch hineinschluchzte.

»Mutter!«

Und ich kniete vor ihr, sie nahm die alten Hände, die mich vor vielen Jahren getragen hatten, von ihren weinenden Augen und streichelte immer und immer wieder mein Haar. »Du armer Sohn, du armer Sohn«, sagte sie, nichts anderes. Da erhellte ein Licht meine Seele: »Diese alte Frau fühlt in diesem Augenblick alles Leid nach, was ich heimlich vor den Augen aller anderen nur mit mir selbst durchgekämpft habe, bevor ich zu dieser Ruhe gekommen bin.« Und während ich vor ihr kniete und sie abwechselnd auf das Bild der kleinen Marianne blickte und mir das Haar aus der Stirn strich, erzählte ich ihr.

Erzählte ihr von der Mutter des Kindes, von ihrem goldenen, schimmernden, schönen Haar, ihrem lilienweißen, feinen Gesicht und ihrem sanften Sterben an diesem Kinde.

»Wo ist das Kind?« fragte sie, und es war rührend für mich, wie schamhaft die alte Frau das fragte.

Da erzählte ich ihr von der anderen, die ich nun liebte. Anders liebte, als ich die erste geliebt hatte. Und ~diese~ Liebe verstand meine alte Mutter. Ich fühlte ordentlich, wie es immer mehr und mehr von ihrer Seele wich. Diese Bergeslast um den Sohn. Den verlorenen Sohn.

Ich erzählte ihr von Erika, dem Heidkönigstöchterlein, von der Heide und dem einsamen Heidhofe in der Heide. Auch vom Heidkönig warf ich nebenbei einiges dazwischen.

Aber, wer kann ein Mutterherz täuschen!

»Er will sie dir nicht geben und wird sie dir nicht geben, wegen diesem hier«, sagte sie betrübt und zeigte auf das Bild der kleinen Marianne.

»Nein, er gibt sie dir nicht. Und das wird schlimm sein für dich, mein armer Sohn.«

»Ach, Mutter, ich denke, er wird nachgeben«, meinte ich und legte in meine Worte viel Zuversicht.

»Nein, er gibt ~nicht~ nach«, sprach sie still vor sich hin. »Nach allem, was du mir erzählt hast, gibt er seine Tochter nicht. Und ... du darfst ihm deshalb nicht zürnen, lieber Sohn«, setzte sie zaghaft hinzu.

»Sieh mal, es ist doch nun einmal eine große Sünde. Aber habe keine Angst, ich werde dich losbeten, ja, das werde ich. Einer so alten Mutter zuliebe wird dir der liebe Gott schon verzeihn.«

Ich lächelte vor mich hin.

»Lache ~nicht~ darüber, mein Junge. Ich weiß ja, Ihr jungen Männer von heute seid nicht mehr so gottesfürchtig, wie ihr sein solltet. Da muß halt die Mutter für den Sohn ~mit~beten.«

»Tu es, du liebe, alte Mutter«, sagte ich und gab ihr einen Kuß auf die Stirn. »Es kann mir nur nützen, wenn du es tust.«

Und schon, als ich am selben Nachmittage von einigen Gängen in der Stadt nach Hause kam, fand ich meine Mutter eifrig im Gebetbuche betend am Fenster sitzen.

Sie hatte sich offenbar nun schon mit dem Gedanken vertrauter gemacht, daß ihr Sohn der Vater der kleinen Marianne war, die so vergnügt aus dem Bilderrahmen die betende Großmama anlächelte.

»Wie wirst du es denn nun machen mit der Erika und dem Kindchen?« fragte sie.

»Hinfahren werde ich und mir beide holen«, sagte ich.

Sie seufzte.

»Du gibst dich so bestimmten Hoffnungen hin«, warnte sie ängstlich.

»Mutter, ~laß~ mir diese Hoffnungen! Die muß ich behalten, weil sie mich aufrecht halten. Ich klammere mich an die Hoffnung, daß Erika meine Frau werden wird, wie der Schiffbrüchige an die letzte Planke.«

»Und wenn sie ~nicht~ deine Frau wird und der Vater sie dir verweigert? Würdest du’s verwinden?«

Ich schwieg lange, ehe ich antwortete. Erst voll ausdenken mußte ich diesen Gedanken. »Verwinden nicht, aber ich habe ein Kind, und die Sorge um dieses Kind legt mir die schwere Pflicht auf, weiter zu leben und weiter zu arbeiten, Mutter.«

Da stand die alte Frau auf, langte nach dem Bildchen meiner kleinen Marianne und sagte leise:

»Sei gesegnet, du liebes, du mein liebes Enkelkind, du.«

»So darf ich dir das Kind bringen, wenn ich es wieder habe, Mutter?«

»Ja, mein Sohn, bringe es der Großmutter.«

— — — — Mariannchen, seit heute hast du eine Großmutter! Eine Großmutter hast du, mein kleines Mariannchen, und deine Großmutter wird Strümpfe stricken für deine strampelnden Füße, und Jäckchen und Kleidchen für dein kleines Menschenkörperlein.

So fahre ich also in die Heide. Am Heidbahnhof erwartete mich ein hochbeiniger, einfacher Heidewagen.

Zwei wohlgenährte Schimmel davor. Es dauerte gar nicht lange, so war ich mitten drin in der weiten Heide.

Ringsum ein Blühen und Duften im Flimmerglanz der Abendsonne.

An stillen Teichen kam ich vorüber. An weißen Birken, deren zarte Zweige mit ihrem hellgrünen Blattschmuck leise schaukelten.

An dunklen Wacholderstauden, die ernst wie Schildwachen standen. Und weit in der Ferne sah ich den Schäfer auf der Heide und vor ihm die Heidschnucken grasen.

Scharf hob sich seine Gestalt in dem langen, dunklen Rock vom Glanz des Abendhimmels ab.

Süß duftete das Lupinenfeld, an dem mich der kleine Wagen im mahlenden Sande langsam vorüber brachte, vorbei an der alten, zerzausten Kiefer mit dem aufwuchernden Baumgezweig um ihren Stamm; so kam ich näher und näher dem Heidhofe, wo meine Heideblume blüht. Immer purpurner wurde das Abendrot, immer schöner der Blütenreichtum. Und hier, ganz dicht am Wagen das Edelweiß der Heide, die liebliche Immortelle!

Also, das ist deine Heimat, Heidkönigstochter! Hier bist du als Kind durch die Blüten gesprungen, hier hast du geträumt und gesonnen, hier bist du zur Jungfrau geworden. Um dich allein die Keuschheit dieser unendlichen Heide. Unberührt von dem Branden der Welt. Deine Welt, du stille Tochter der Heide, ist das Haus, in dem du mit fleißigen Händen waltest. Mit treuem Herzen, mit ewig gleichem Pflichtgefühl still und fromm und mit der Fröhlichkeit im Busen, die sich nie laut verkündet, die aber wärmt und reinen Glanz um sich verbreitet.

Wie diese Heide hier.

Von weitem sah ich inmitten der braunen Heide eine weiße Gestalt stehn.

Klar hob sie sich ab in dem vergoldenden Glanz der Abendsonne.

Wie Purpurglut lag es um sie und um das Kind auf ihrem Arm.

»Ich will aussteigen, halt, steht, ihr Rößlein des Heidkönigs!« — — — —

»So, nun fahrt zu, ich gehe zu Fuß bis zum Heidhof, dort den Fußweg quer durch die Heide.« Und so ging ich ihr entgegen, nach der ich mich heiß gesehnt hatte Tag und Nacht und wieder Nacht und Tag. Und die Tage und Nächte dieses langen Jahres sind langsam geschlichen, so unendlich langsam —. Sie kommt mir entgegen, bringt mein Kind mir zu! Klopf’ nicht so heftig, mein Herz! — Wer weiß, ob sie dir entgegengehen wollte. Ob es nicht ein bloßer Zufall ist, daß sie diesen Fußsteg geht.

Ein Zufall? Ein bloßer Zufall? Törichter, furchtsamer Gesell, du weißt es, und dein Herz weiß es, daß es kein Zufall ist!

Jetzt konnte ich fast ihr Gesicht erkennen. Ach, wie blüht die Heide so seltsam schön, wie duften die vielen tausend Heideblüten so seltsam süß an diesem Abend. Wie seltsam schön flimmert und glänzt es um mich herum. Kein Wunder, wenn die Heidkönigstochter durch ihre Heide geht.

Immer näher kamen wir uns.

Kein Berg, kein Tal lag zwischen uns, nur die weitsichtbare, stille, summende Heide.

Die Luft war so klar, und dicht über der Ebene lag es so voller Flimmerglanz, daß wir uns schon ganz deutlich sahen, obwohl wir noch weit voneinander gingen. Wir dachten, ganz nahe schon beieinander zu sein, und waren noch weit entfernt.

»Erika!« sagte ich gar nicht laut, und hätte es auch gar nicht laut rufen können in diesem Augenblick. Sie schritt unentwegt weiter, sie hatte es nicht gehört und konnte es wegen der Entfernung, die uns trennte, auch nicht hören.

Ich sah, wie sie das Kind hoch auf ihrem Arm mir entgegenschwenkte, sah, wie das Kind jubelte und die kleinen Hände aneinanderpatschte, hörte aber keinen Laut. Mir war, als hätte eine Traumwelt mich eingesponnen. Wie ein Schlafwandler kam ich mir in dieser weiten Heide vor.

»Erika!« rief ich nun, so laut ich konnte, und siehe es war Wirklichkeit, was mir entgegenkam, kein Traum.

Deutlich hörte ich das Jubeln des Kindes. Da hätte ich hinknien können in die blühende, seltsame Heide und ihr danken, daß sie wirklich um mich herum blühte, daß ihre Blüten so schön waren, und daß die Heidkönigstochter wirklich mir, mir ganz allein entgegenkam.

Und nun stand sie vor mir, und ich stand vor ihr. Keins sprach ein Wort. Aber das Kind lachte und angelte nach mir. Nach seinem Vater, den es doch gar nicht mehr kannte nach diesem langen Jahr.

Sie reichte mir das Kind, und als es an meinem Halse hing, umfaßte ich auch sie und sagte leise: »Erika, nun bin ich bei dir in der Heide.«

Da schlang sie ihre Arme um mich, und ich bog mich herab und küßte erst sie auf den noch unberührten Mädchenmund, und dann das Kind auf sein rosiges, halboffenes Mündchen. So standen wir beide mit dem Kinde auf unseren Armen im versinkenden Goldglanz der Sonne.

Und um uns blühte die Heide.

Weit, unendlich weit lag die Welt von uns ab. Wir brauchten keine Welt. Wir selbst waren uns unsere Welt.

Meine ganze Welt waren nur diese beiden Menschen hier in der einsamen Heide.

»Erika,« sagte ich zu ihr, die treu und still und voll Liebe zu mir aufsah, »Erika, bist du nun mein?«

Da ging ein Zucken durch ihren Körper.

Sanft löste sie sich aus meinen Armen, trat etwas auf die Seite und sah mich prüfend an.

»Ich kann deinen Blick aushalten, Erika,« sprach ich, »immer werde ich deinem Blick standhalten können bis zum Tode, glaube es mir.«

»Ich sehe es, und ich weiß es und wußte es, ehe du kamst, Lieber,« erwiderte sie; »aber du weißt, wie mein Vater darüber denkt.«

»Dein Vater? Der Heidkönig?« fragte ich erschrocken; »wird er denn auch jetzt noch nicht seine Einwilligung geben zu unserer Vereinigung?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Das hatte ich nicht gedacht und nicht erwartet«, sagte ich betrübt.

»Du kennst uns Heidleute nicht,« sprach sie ernst; »sieh, auch ich hätte noch vor Jahresfrist für unmöglich gehalten, daß ich einst einwilligen würde, wirklich deine Frau zu werden. Aber dies eine Jahr der Trennung hat viel umgewandelt in mir. Das Jahr der Trennung und das Kind hier. Immer mehr fühlte ich von Tag zu Tag, wie meine Liebe zu dir wuchs, immer mehr fühlte ich, das ich nun gerade zu dir, dem Einsamen, Unglücklichen — denn du bist nicht glücklich, Lieber, auch wenn du’s dir nicht merken läßt — gehöre, immer kleiner erschien mir deine Schuld, immer mehr sah ich nun, wie brav und ehrlich du die Folgen deiner Verfehlung auf dich nahmst, und wie du dich über alles Reden hinweg zu deinem Kinde bekanntest, und immer mehr wuchs auch meine Liebe zu deinem mutterlosen, verlassenen Kinde. Und wenn ich mit dem kleinen Mariannchen über die Heide ging und um mich der Frieden und die Ruhe der Heide lagen, um mich die Bienen summten und die Schmetterlinge flogen, nach denen dein Kind vergnügt mit den Händchen haschte und glücklich dabei auf meinen Armen krähte, um mich der Sonnenglanz strahlte, unter dem diese einsame Gotteswelt träumte, da hielt ich Einkehr in mich, und diese Einkehr hier draußen in der stillen Heide hat mir viel, recht viel gesagt. Sie sagte mir, daß niemand, auch der beste Mensch nicht, vor einem Fehler sicher ist, ja, sie sagte mir, daß gerade oft die besten Menschen einen Fehler tun und ihn bereuen müssen. Denn bist du nicht der beste Mensch? Und hast du nicht deinen Fehler bereut und nach bester Kraft gutgemacht?«

»Erika«, sagte ich erschüttert.

»Laß mich noch reden, Lieber, es ist nötig, daß ich alles sage, was ich dir sagen wollte. Ich bin entschlossen, deine Frau zu werden. Gott wird verhüten, daß ich ohne den Segen meines Vaters aus dem Heidhof in das Haus des Mannes ziehen sollte, dem ich mich verpflichtet habe, in Treuen sein Weib zu werden. Ich weiß, ich würde das nie verwinden können, und in der Heide würde ich meine frohen Mädchenträume zurücklassen. In dein Haus brächte ich eine tiefe Trauer des Herzens. Darum, Lieber, bitte ich dich, überlege es dir ernst und prüfe alles, bevor du ein Weib nimmst, dem des Vaters Segen fehlt. Ich ~muß~, wenn du mir winkst, mit dir gehn. Meine Liebe zu dir, dem Manne, dem das Weib folgen und alles andere verlassen soll, treibt mich dazu und mein Wort, das ich Mariannen gab. Wie sollte ich denn anders diesem Kinde eine treue Mutter sein? Und nun komm. Der Heidhof erwartet dich.«

»Wenn doch ein Wunder geschähe, daß deinem Vater seinen Sinn wandelte«, sagte ich traurig und schritt mit schwerem Schritt neben ihr.

»Eine tiefe Trauer des Herzens,« hatte sie gesagt; ja, durfte ich sie denn gegen ihres Vaters Willen, ohne seinen Segen, gewaltsam lösen aus dem Heidhofe? —

So standen wir bald vor der Tür des Heidhofes. Der Abendsonne letztes, versprühendes Leuchten zitterte über dem Gehöft, ach, alles Schöne vergeht und läßt uns nur ein letztes Leuchten zurück. Da tat sich die Tür auf, und der Heidkönig stand auf der Schwelle.