Part 23
Auf einmal fuhr einer jener entsetzlichen Blitze herab, die den ganzen Himmel in Stücke zu reißen scheinen. Ein fürchterlicher Schlag folgte, der kaum fünf Sekunden andauerte. Die Häusermauern zitterten bis zu den Giebeln hinauf. Eine Totenstille trat im ganzen Umkreis ein. Mittlerweile erschallte aus einer engen Nebengasse (der Brunnengasse) ein langgezogener Schrei. Mehrere Schreie folgten. Die Leute an den Fenstern deuteten angstvoll in die Höhe und wandten die Blicke von dem Schauspiel auf der Gasse ab. Zugleich mit dem Blitz waren die großen, elektrischen Bogenlampen an der Straßenkreuzung erloschen, so daß einen Augenblick lang eine fast drückende Dämmerung den Platz füllte, die durch den Wind förmlich auf- und abbewegt zu werden schien. Dann fiel eine lange, schmale Feuergarbe aus der Höhe herab, ähnlich dem plötzlichen Aufflackern eines Strohfeuers, nur dunkler, purpurner, und zugleich wurde das Horn des Wächters auf dem Henkerturm hörbar; die Menschen fingen an zu schreien, zu heulen, mit den Händen zu deuten, liefen dahin, dorthin, die Offiziere schrien, die Pferde der ausgerückten Eskadron begannen scheu zu werden und der Chevauxlegerhauptmann rief, ohne sich um die brennende Kirche zu kümmern, man solle den Kerl, – er meinte Agathon Geyer, – augenblicklich niederschießen. Eine grauenhafte Verwirrung entstand. Im Innern der Kirche hatte sich ein ganzer Knäuel von Menschen um den Altar gedrängt und starrte empor. Der Blitz war durch die Kirche gefahren und mehrere leblose Körper lagen auf den Steinfließen ausgestreckt. Das mystische Halbdunkel des Raumes begann allmählich einer satten Helligkeit zu weichen mit unruhigen, gespenstisch flackernden Schatten. Dabei blieben die bemalten Glasfenster dunkel, hinter ihnen lag graue Nacht, denn die Brandflut kam aus der Höhe. Viele zwängten sich mit Schreien und Rufen herein, heulten nach der Feuerwehr; von draußen war ein förmliches Wogen eines fast verzweiflungsvollen Getöses vernehmlich. Dazu tönte schauerlich die Glocke vom Turm, dem brennenden; es schien, daß der Glöckner, der keinen Ausweg sah, dessen Weg nach unten in Flammen stand, es schien, daß er mit der Anstrengung der Todesangst am Glockenstrang riß, während rote und trübe Flammen, Rauch und Funken um ihn emporschlugen und einen Schein weit hinauswarfen auf öde Felder.
Agathon stand bleich wie ein Leintuch. Er streckte die dünnen Hände empor und von den weißen, mageren Armen glitt der Rockärmel zurück. Die am Altar gestanden, scharten sich bang um ihn, und jetzt kamen drohende oder warnende Stimmen, die Zurück und Hinaus riefen, auch hörte man das Gerassel auffahrender Feuerwagen, während die Glocke im Turm ganz rasend wurde und lauter hell gellende Hilfeschreie von sich gab. Agathon blickte in das versteinerte Gesicht eines der Leblosen unter ihm und der Kampf der vergangenen Wochen wurde ihm in diesem Augenblick leuchtend gegenwärtig. Wie er in Winkeln und Verstecken die Nächte hingebracht; wie er einsam auf den Landstraßen geirrt, trank- und speiselos; wie er die kalten und stürmischen Tage an sich hatte vorbeisausen lassen, wie trotzdem in einer unbezähmbaren Kraft seine Liebe zum Leben gewachsen war; wie seine Vergangenheit lautlos und stimmenlos versunken war, ein Nichts; wie sein Auge schärfer wurde für die Zeit und für die Menschen; wie er überall Geducktheit und Unfrohheit gewahrte, Hangen und Kämpfen mit einer langsam erstarrenden Religion, deren reine Züge längst verwischt waren, Unoffenheit, Duckmäuserei, geheime Empörungslust. Und je einsamer er ward da draußen, je feuriger wurden seine Phantasien von einer gewaltsamen Wandlung, und er dachte, daß nicht nur das Alte stürzen müsse, damit das Neue komme, sondern daß es gestürzt werden müsse. Er dachte, daß die Städte zerstört, niedergerissen werden, verlassen werden müßten, damit der Mensch wieder sich selbst finde, und je mehr Agathon sein ganzes Selbst aufgab in den beengenden Träumen, je mehr wurde ihm auch der Geist des Christentums zur lebenden Gestalt, die mit feindseligem Arme stand und ihm den Weg versperrte; und dahinter, einem Gespenst gleich, klein und zäh, heuchlerisch und gewandt, der Jude, jetzt mehr als je bereit, den alttestamentarischen Mantel abzuwerfen und in das neuere Kleid des ehedem geächteten Nazareners zu schlüpfen. Aber Agathon dachte dies nicht eigentlich, sondern schwelgte in glühenden Träumen, seine jugendliche Phantasie saugte sich fest an den Brüsten des Lebens. Und wie er sich Herr über die Kräfte der Natur fühlte, empfand er auch Macht über die Menschen. Er dachte, als er jetzt eine bebende Menge sich um ihn drängen sah, daran, wie die Kinder ihm gefolgt, als wären sie durch einen Zauberruf angelockt, wie ihm die Bauern Essen und Trank gegeben, ohne daß er darum gebeten. So berührte er mit der Hand den Körper eines der vom Blitz Hingestreckten, während die Kommandorufe der Feuerwehrleute erschallten, das Militär dem fessellosen Zudrang Neugieriger Einhalt that, das Dach eines benachbarten Hauses vom Feuer ergriffen wurde, die Glocke des Turmes schwächer, gleichsam hinsterbend erschallte, die Dämmerung in der Kirche einer hellen Brunst wich und ein halb wahnsinniger junger Priester in die Flammen stürzte, die auf den Altar herabgefallen waren, um das Allerheiligste zu retten. In diesem Moment bewegte der leblos Daliegende die Hand; Agathon, selbst bestürzt, wich zurück, Rufe wurden laut, die Kirche müsse geräumt werden; vor dem Portal stand ein Dekan und hob beschwörend die Hände, Gebrause und Zischen der Spritzen erschallte; da stieg Agathon auf eine Bank und gellte hinaus in den Raum mit einer Stimme, als ob es gälte, über den ganzen Erdkreis hinzuschreien:
„Laßt sie brennen, die Kirche!“
Er sah viele Gesichter unter sich verzerrt und lauernd zu ihm aufblicken, elende, sorgenvolle Stirnen, Munde mit kriechendem, fast flehentlichem Ausdruck, Kinder sogar, deren kranke Glieder er zu empfinden glaubte, und es war, als könne er durch das ganze Elend der Welt hindurchblicken, über die ganze reich verknotete Schnur des Daseins, die in die Abgründe Geburt und Tod verläuft, und er schrie noch einmal: „Laßt sie brennen, die Kirche!“ Er hatte das Gefühl, als sähe er alle Menschen sterbend nach ihm schauen, und er dünkte sich wie der Vater eines neuen, freien, Gott-losen Geschlechts. Der fanatische Priester stürzte auf ihn zu und wollte ihn herunterreißen; seine fahlen, asketischen Wangen zitterten vor Gier, aber die Menge schützte Agathon. Die Gefahr nahm zu; Agathon riß eine brennende Leiste vom Altar, hielt sie hoch wie eine Fackel und wandte sich dem Thore zu, gefolgt, umringt von einem erregten Schwarm.
Die Glocke hatte aufgehört zu läuten.
Fünfzehntes Kapitel
Agathon verlor sich bald unter der vor Erregtheit wie wahnsinnigen Volksmenge. Obwohl viele ihm nachstürzten, obwohl ein Offizier mit dem Säbel nach ihm deutete und ein berittener Gendarm das Pferd nach ihm lenkte, verlor er sich bald in fernere Gassen. Sinnend ging er weiter, den Blick stets ins Unbestimmte geheftet, wie von einem Räderwerk fortbewegt, durch Gassen, die er nicht kannte, die leer waren, in denen die Schritte hallten, an Häusern vorbei, die zu zucken schienen, sich zu besinnen schienen, ob sie ihm den Weg versperren sollten. Der Himmel war licht geworden, – ungewöhnlich licht, schien es Agathon; flimmerlose Sterne waren angeheftet wie Perlen, die Milchstraße war wie der Rauch aus einem Bäckerschlot, die Bäume der Alleen standen wie Lanzen am Weg, erleuchtete Fenster im Weiten waren wie große Blutstropfen, durch die ganze Natur ging es wie ein Recken, Sichaufrichten. Dann lag die Stadt im Rücken, eine vielgezackte Silhouette, ein Knäuel Unglück, schwarz, ungeheuerlich starr, still, greifbar deutlich, in der Mitte ein glühender Fleck, eine beginnende Säule: der Brand, der im Verlöschen war, da oder dort ein Loch, da oder dort ein Fabrikschlot wie ein riesenhafter Finger. Dann nahm ihn der Wald auf; groß, dicht, leer von allen Geräuschen der Welt, eine drückende, zentnerschwere Finsternis. Hier atmete Agathon auf. Er legte sich aufs Geradewohl hin; obwohl es sehr kühl war, mehr als kühl, verfiel er sofort in einen bleiernen Schlaf, schlief weiter, als der Tag graute, weiter als es Abend wurde und wiederum Nacht und that erst die Augen auf, als ein klares, kleines Stück Mond im Hinabsinken begriffen war. Er preßte die Hände gegen die Schläfen und meinte, vierzehn Jahre lang geschlafen zu haben, fühlte sich freier, mutiger, reicher an Hilfskräften, an Vertrauen, an Überzeugung. Er starrte eine Weile hinein in den Wald, empfand dann Hunger, erhob sich, erblickte bald das freie Feld, sah den Schmausenbuk unweit im bläulichen Nachtdunst und die Burg sich erheben über der Stadt.
Er hatte kein Geld, um in einer Schenke etwas zu sich nehmen zu können. Er hatte auch bisher kein Geld gehabt. Die Leute hatten ihm gegeben, mehr als er gebraucht, um satt zu werden. Sie wurden durch seine Person und sein Wesen in hohem Grade für ihn eingenommen. Er hatte eine außerordentliche Milde, zu lächeln. Er war sehr schön und sehr groß. Auch der einfachste Mann konnte seine tiefen Leidenschaften, sein mächtiges Herz, seinen überlegenen Mut, die Wildheit seiner Wünsche ahnen. Seine saft- und kraftvolle Jugend sehnte sich nach Thaten. Seine Seele war nicht mehr niedergedrückt durch den Gedanken einer einzigen, furchtbaren Macht im Himmel. Dadurch erklärten sich seine kühnen Wünsche, seine stolze Haltung. Nie grübelte er, sondern träumte nur. Sein Blick hatte etwas von dem unbestimmten Blick eines Pferdes edler Rasse.
Er kam in die Stadt zurück. Wieder leere Gassen, dunkle Fenster, diese kaum wahrnehmbare Traurigkeit gleich feinem Reif über dem Ganzen. Säulen mit Plakaten, verschlafene Schutzleute, hallende Stundenschläge, hallende Schritte. Eine Stadt ohne König, ohne Wille, ohne Kraft, ohne Leben dachte Agathon, und er fühlte sich einsam. Er dachte an die Menschen hinter all den Fenstern, an die Art ihres Schlafes, ihrer Träume, an die Stärke ihrer Todesfurcht, an ihre Krankheiten, ihre Sorgen. Er kam in eine breite Straße außerhalb des Weichbildes, wo in einem Erdgeschoß drei Fenster erleuchtet waren. Gegenüber befand sich eine Allee, und am Wege war eine Bank. Agathon setzte sich, müde vom Schlaf, hungrig, durstig und doch erwartungsvoll, als ob er jetzt in ein neues Leben träte nach diesem vierzehnjährigen Schlaf. Die gelbe Portiere des einen erleuchteten Fensters färbte sich mit Bildern, schwankend und gleitend, die dahinglitten wie Wolken am blauen Himmel. Nebenan hinter dem Busch rieselte das Wasser eines Brunnens vertraulich und leise. Plötzlich erschien unter den unwirklichen, hingeträumten Bildern des Vorhangs ein Schatten, dann wurde der Vorhang aufgezogen, das Fenster geöffnet, und eine weibliche Gestalt erschien in seinem Rahmen. Dann knirschte das Thor, die Gartenthüre kreischte und ein Offizier, fest umhüllt mit dem Mantel, schritt über die Straße. Agathon hatte sofort die Gestalt am Fenster erkannt.
Die Luft war lau, klar und unbewegt. Sie verkündete den Frühling. Sie schien aufzusteigen aus dem Erdboden wie ein warmer Brodem, umwand Baum und Stein, kroch an Häusermauern empor bis zum Mond. Agathon ging hinüber gegen das Fenster, das bei seinem Nahen geschlossen wurde, – langsamer als es geöffnet worden war. In diesem Augenblick fühlte sich Agathon verlassen. Das Schließen des Fensters glich für ihn einem höhnischen Zurückweisen. Er blickte an seinen Kleidern herab, sie waren in schlechtem Stand; seine Stiefel waren zerrissen. Aber dennoch waren die Frühlingslüfte in der Welt und außerdem hatte man den Karneval mit seiner freilich etwas hilflosen Lustigkeit.
Er ging weiter und die Nacht erschien ihm starrer, so daß selbst das ferne, ununterbrochene Bellen der Hunde nicht mehr in ihr widerhallte. Nach einer Stunde vielleicht kam er wieder an dasselbe vornehme Haus, vor dasselbe Fenster, und wieder war das Fenster geöffnet und Jeanette lehnte weit heraus, den Kopf auf beide Arme gestützt, spähte hinein ins Finstere, war unbeweglich, und ihr Gesicht erschien bleicher als selbst die bleiche Mauer des Hauses. Agathon blieb stehen und grüßte hinauf. Sie fuhr zusammen, veränderte ihre sphinxhafte Haltung und stieß einen dumpfen Schrei aus. Dann schlug sie die Hände zusammen und rief Agathons Namen.
Einige Minuten später war er im Zimmer. Sie selbst hatte ihm geöffnet und saß nun vor ihm, während er stand, seine Blicke in einen Spiegel geheftet hielt und über sein eigenes Gesicht erstaunt war. Jeanette blickte ihn forschend, überrascht, beinahe unterwürfig an.
„Ich weiß alles,“ sagte sie. „Wie hast du das wagen können? Hattest du nicht Furcht?“
„_Was_ weißt du?“ erwiderte Agathon befremdet.
„Und wie wagst du es, Agathon, noch in der Stadt zu sein? Sie suchten dich ja. In den Zeitungen steht es, alle Welt spricht davon. Alle möglichen Verbrechen sollst du begangen haben. Ein ganz gefährlicher Mensch sollst du sein.“
„Aber wie konnten sie meinen Namen wissen?“ fragte Agathon nachdenklich.
„Ich weiß nicht. Es wollen dich einige erkannt haben. Darunter auch ein gewisser ... Goldsticker, ein Schriftsteller oder ... Ja, der Schriftsteller hat deinen Namen genannt.“
„Ach, Gudstikker! Natürlich, es war eine That für ihn. Aber wie geht’s dir?“
„Nein, dir. Was hast du getrieben? Mein Gott, wie siehst du aus! Ich muß dich jedenfalls bei mir verbergen. Nun erzähle.“
Agathon wußte nichts zu erzählen. Er berichtete flüchtig, wie von gleichgültigen Dingen und wurde allmählich unruhig.
Jeanette brachte ihm zu essen. Es war schon spät in der Nacht. Schweigend blickte sie ihn an. Agathon fragte noch einmal, wie es ihr gehe, aber sie schüttelte den Kopf. Sie trug ein Nachtgewand aus blauer Seide mit Spitzen um den Hals und an den Handgelenken. Dies gab ihrer ganzen Erscheinung etwas Ruhiges und Vornehmes und ihrem Gesicht einen friedlichen, kindlichen Ausdruck. Sie wandte den Blick nicht von Agathon, der plötzlich unter der Glut ihrer Augen erblaßte und das Glas, das er in der Hand hielt, sinken ließ. Dies schien sie aufzurütteln. Sie lachte und erzählte das und das, von ihrem Leben in Paris; daß sie nächstens in die Residenz gehen würde, weil der König sie zu sehen wünsche; daß sie inzwischen zu Ruf und Ruhm gekommen sei; sie erzählte Episoden, schien begeistert von dem heitern, bunten Leben, das sie führte, das sich ihr täglich in neuen vergnüglichen Bissen darbot. Es war zuletzt, als ob sie phantasiere, so sehr geriet sie in Hitze über das freudig Schäumende, Wohlschmeckende dieses Daseins. Dann ging sie plötzlich zum Klavier und begann zu spielen, trotz der tiefen Nacht, gleichsam zum Trutz der ganzen Bürgerschaft, spielte leicht, duftig, aber auch leichtfertig, endigte mit Mißtönen, die klangen, als ob sich jemand auf die Tasten setzte, schlug krachend den Deckel zu, lachte mit ihrem knirschenden Lachen in die Richtung des Fensters, nachdem sie sich auf dem Sessel umgedreht hatte. Ganz unmotiviert spielte sie nun auf ihre pikanten Abenteuer an, und als sie schwieg, machte sie den Eindruck einer abgehetzten Läuferin. Ihr Kopf war nach hinten gebeugt, ihre Lippen ein wenig geöffnet, die Adern des Halses klopften stürmisch, so lehnte sie gegen das mattglänzende Ebenholz des Klaviers, die Ellbogen nach rückwärts auf den Deckel gestemmt und sah in die Höhe. „Bist du müd?“ wandte sie sich zu Agathon. „Wenn du müd bist, kannst du in dein Zimmer gehen.“ Sie schaute ihm fremd und befangen ins Gesicht. Agathon mußte aufstehen. Sein Herz wurde weit und weiter, hatte nicht Raum mehr.
„Ich liebe nämlich die Nacht,“ sagte Jeanette leise. „So sitzt man da und denkt aller seiner Sünden. Liebst du nicht deine Sünden, Agathon?“ Wieder traf ihn dieser Blick, der gleichsam aus ihrer geöffneten und flammenden Seele zu kommen schien. „Weißt du, ich möchte dumm sein,“ fuhr sie fort. „So dumm, daß ich nicht wüßte, wie man lügt; so dumm, daß ich Respekt vor den Männern hätte, so dumm, daß ich fromm wäre. Dann würde ich beten. Ich würde beten ... na, das ist gleich. Nun will ich tanzen. Setze dich dort in die Ecke. Das Licht müssen wir dämpfen. So.“
Sie tanzte, indem sie leise dazu sang oder vielmehr summte. Sie tanzte mit schwermütigen Bewegungen, die unwillkürlich an das Hingleiten eines Körpers auf ruhigem Wasserspiegel erinnerten. Aller Spott war aus ihrem Gesicht gewichen, die Augen waren halbgeschlossen, beschattet durch die langen, roten Wimpern, die Arme hatten das Kleid gefaßt. Agathon schaute lange hin, und es war so, daß er bald meinte, das Blut müsse aus ihrer Brust sickern bei diesem schmerzlichen und düstern Ringen ihres Körpers. Plötzlich, der Übergang war so grell wie der von der Dunkelheit zur Feuerhelle, reckte sie sich auf; ihr Gesicht erhielt ein frivoles Leben und nun tanzte sie den _goignade_, einen altfranzösischen Tanz voll wollüstiger Exstase. Agathon biß die Lippen zusammen, ihm schwindelte. Sie war völlig entfesselt, jauchzte dabei und schwang die Röcke. Als sie fertig war, lächelte sie flüchtig, nickte und sagte kühl, Agathon solle in das Zimmer nebenan, das für ihn gehöre. Damit ging sie. Agathon wartete lange Zeit, aber sie kam nicht wieder. Er betrat das Nebenzimmer, ließ aber die Thüre offen, damit er das Licht sehen könne, legte sich in den Kleidern aufs Bett, faltete die Hände unter dem Hinterhaupt und verblieb so mit offenen Augen, bis der Morgen anbrach.
Dann erhob er sich und trat zum Fenster. Er war beunruhigt, erregt, und mit dem Wachsen des Tages nahm seine Erregung zu. Er fand nicht Ruhe in diesen kostbar ausgestatteten Räumen; es schien ihm, als sei seine Seele zusammengeschrumpft. Als Jeanette spät am Vormittag erschien, erstaunte er über die Veränderung an ihr. Sie war müde; die Haut ihrer Wangen war etwas schlaff, der Blick hart, ihre Bewegung mühsam, ihre Worte kalt. Bisweilen brach die Erstarrung in einer heftigen Geste, in einem circenhaften Blick. „Hast du geschlafen?“ fragte sie.
„Wessen Blut steckt eigentlich in dir?“ fuhr sie unvermittelt fort. „Ich kenne keinen von den Leuten, bei denen du aufgewachsen bist, der mit dir zu vergleichen wäre. Und auch sonst –“. Sie stand auf, stellte sich hinter seinen Stuhl, legte beide Hände auf seine Schultern, so daß er den Kopf zurückbog, um sie zu sehen, und sie fragte, indem sie ihre Augen tief in die seinen bohrte: „Hast du die Kirche in Brand gesteckt, Agathon?“
Agathon machte sich los von ihr und entgegnete langsam: „Wolltest du, daß ich es gethan hätte?“
Sie schwieg finster. „Es ist wahrscheinlich, daß es der Blitz gethan hat,“ sagte sie dann mit einem seltsam boshaften Ausdruck. Sie standen sich eine Weile stumm gegenüber, endlich meinte sie spöttisch lächelnd: „Aber du mußt andere Kleider bekommen, trotzalledem. Bist du zornig?“ fügte sie erschrocken und demütig hinzu, als sie die Röte auf seiner Stirn gewahrte. „Ich will dir etwas sagen. Ich werde alle Thüren zusperren, meine Dienstboten fortschicken, die Rollläden schließen und Nacht sein lassen.“ Alles dies sagte sie fast kühl, hinwerfend. Agathon vermochte kaum klar zu werden.
„Daß wir beide Juden sein müssen!“ rief sie aus, als sie sich in einen Winkel gesetzt hatte. „Ich fühle das ganze Alter des Judentums auf meinen Schultern und alle seine Verbrechen, alle seine Leiden. Ich habe alle seine Fehler in mir; ich bin der pure Verstand und die pure Schwäche. Ich bin grüblerisch und scheu, feig und frech, ich liebe die Nacht und das Orgelspiel und bin gern geistreich, wie du siehst. Und du, was bist du eigentlich? Wie kommst du zu uns mit deiner reinen Stirn? Du sollst ja auch ein Wunderthäter sein. Ja, ich spüre es. Wenn du willst, bin ich deine Magd. Das habe ich dir schon einmal versprochen. So werden alle Worte wahr. Mein Gott, mein Gott, wie kann man so viel reden! Der reine Brunnen Versiegenicht.“
Agathon lächelte. „Brunnen Versiegenicht. Ein Lieblingswort von Bojesen.“
„Bojesen ... lieber Gott, ja.“
„Du kennst ihn?“
„Ja doch. Warum soll ich Bojesen nicht kennen.“
„Er ist sehr interessant.“
„Gewiß, sehr. Alle Männer sind interessant. Vor der That.“ Sie lachte. Plötzlich ging sie, nahm Agathons Kopf zwischen beide Hände, zog ihn mit einem gewaltsamen Ruck herab und küßte ihn auf die Lippen. Fast zugleich aber ließ sie ihn wieder los und starrte ihn an, bleich, mit weiten Augen. „_Diese_ Lippen!“ flüsterte sie bewegt. „Du hast noch nie ein Weib geküßt?“ Langsam ergriff sie seine Hand, beugte sich und küßte auch sie. Agathon dachte an Monika, die einst ein gleiches gethan. Warum?
„Was bist du? Was willst du?“ fragte sie ihn nach einem langen Schweigen.
„Was ich will, das ist zu schwer für Worte. Was ich will ... Den Menschen den Himmel nehmen und ihnen die Erde geben, Jeanette, das ist alles, was ich will. Freilich, viele haben schon die Erde, aber nur die Erde ohne den Himmel, sie wissen, daß der Himmel fehlt. Verstehst du? Sie müssen die reine Erde haben, ohne Kreuz, ohne Abfall, ohne Verzicht, ohne Abrechnung mit einem Droben. Ja, es ist mir jetzt klar. Sie haben bloß Genüsse und Schmerzen. Aber es ist wie mit dem Vogel im Käfig. Er hat keine Freude, auch beim schönsten Futter nicht und wenn es der bequemste, vergoldetste, mildeste Käfig von der Welt ist. So ist der Himmel ein Käfig für die Menschheit geworden. Und das ist so lang her, daß sie gar nicht mehr das Gitter gewahren und meinen, sie könnten fliegen. Aber solange ein einziges Gebet auf der Welt ist, können sie nicht fliegen. Ich will die Stäbe zerbrechen, Jeanette, oder nur einen, ein anderer nach mir zerbricht vielleicht mehr. Und wenn auch dann das Dach herunterstürzen und viele zermalmen wird, das schadet nichts. Nur die Großen, die Unterdrücker werden dann zermalmt, Simson der Thäter und die Philister werden zermalmt, aber die Gefangenen werden frei und werden ein neues Geschlecht gründen.“
Sein bleiches Gesicht spiegelte sich strahlend in den Bewegungen der Seele. Jeanette sah ihn an und vergaß seine Jugend, wie alle, die mit ihm sprachen. Ein reiner Strom umfloß sie, der Strom reiner Gefühle. „Und was willst du thun für diese Idee?“ fragte sie, mühsam lächelnd. „Sterben natürlich, wie alle diese Schwärmer.“
„Sterben? Nein, leben.“
Ihre Augen trafen sich. Agathon wandte sich ab vor ihrem Blick.
„Schwärmer! Schwärmer! Gütiger Himmel, wohin träumst du? Aber ich liebe dich, Agathon; ich liebe dich seltsam. Und was denkst du dir unter dieser ‚Freude‘ da? Auch so ein Wort wie viele Worte. Nicht?“
„Es müßte so ein griechischer Glanz sein, der von einem zum andern strahlt. Man dürfte nichts mehr verehren, nicht mehr die Natur, weil man selbst die Natur, selbst ein Stück Wald, ein Stück Meer ist, der Lehrer müßte Freund sein und vieles andere. Alles ohne Trunkenheit, verstehst du, Jeanette, ohne Gelehrsamkeit, jedes Ding eine Welt und die Welt ein Ding. Alle Juden müßten ausgerottet werden, nicht der Körper, aber der Geist, denn aller Glaube ist Judentum. Immer werden die Juden, auch die Christen sind Juden, immer werden sie neue Götter bringen. Immer werden sie eine neue Art von Heiland bringen. Warum lächelst du? Ja, es ist wahr. Siehst du, jetzt kann die Menschheit ihre Kinderschuhe verlassen und der liebe Gott kann eine andere Erde großsäugen. Dann ist das Leben nicht mehr wie ein unverdientes Geschenk oder wie eine unverdiente Strafe. Dann giebt es keine Todesfurcht mehr, keine Verbrechen mehr, dann wird alles größer, unermeßlich größer. Aber ich kann nicht das Eigentliche sagen, ich kann dir nicht das Bild schenken, Jeanette.“
Ein langes Schweigen entstand.