Die Juden von Zirndorf

Part 10

Chapter 103,775 wordsPublic domain

Sie lachte nervös und fuhr fort, Agathon zu putzen. Sie legte ihm eine weiße Stickerei um den Hals, gab ihm rote Saffianschuhe, in die er kaum hineinkam, weiße Handschuhe, eine rote Schärpe und eine Art Soldatenmütze. Dann nahm sie eine Puppe aus ihrem Schrank, wickelte sie in Seidenpapier, nahm Agathon bei der Hand und zog den Erstaunten und Willenlosen, der nicht begriff, was mit ihm vorging, durch das dunkle Zimmer zur Treppe, über die Stufen hinab, bis sie mit ihm unter der Saalthür stand, die der Lakai mit einem Gemisch von Respekt und Verdutztheit eifrig aufstieß. Mit blitzenden Augen sah Jeanette in das bunte Treiben der Gäste. Nicht einmal die Haare hatte sie geordnet. Sie hingen ebenso wild und ordnungslos um die Stirn wie vorher.

Der Baron kam rasch und fragte mit einem finstern Blick auf Agathon, wo sie so lang bleibe und was der Unfug bedeute. Alle hätten schon nach ihr gefragt. Jeanette zuckte die Achseln, sah ihn gar nicht an, ging in die Mitte des Saales, wo die Herren sie mit leisem Händeklatschen und mit gedämpften, gleichsam kosenden Beifallrufen empfingen. Die Damen zogen sich naserümpfend zurück. „Also meine Herren,“ begann Jeanette, „hier ist der General und Preisrichter. Er hat zu dem Zweck eine rote Schärpe. Er ist mein Freund. Ich habe für jeden von euch eine Aufgabe. Wer sie löst, darf mich küssen!“

„Bravo!“ rief der Chorus schmeichelnd.

„Ich hoffe, mein Bräutigam giebt mir die Erlaubnis –?“

„Wird nicht gefragt,“ murmelte der Chorus ergeben.

„Der Preisrichter soll meinen Bräutigam kennen lernen. Salomon! – Sa–lo–moon!“

Ein alter, grinsender, gebückt gehender Mensch mit brauner Perücke und gefärbtem Bart schob sich einher. Er hatte ein süßliches Lächeln, das bald wohlwollend, bald neckisch, bald traurig wurde, ohne den Ausdruck des Süßlichen zu verlieren. Mit einem tiefen, ironischen Bückling stellte Jeanette den Greis vor. „Salomon Hecht, Witwer.“ Ihrem Vater, der sie beiseite ziehen wollte, warf sie einen langen, drohenden Blick zu, so daß er kopfschüttelnd abließ und ängstlich harrte, was kommen sollte.

Herren und Damen standen lauernd im Halbkreis um das junge Mädchen. Es war eine ziemlich ungemischte Gesellschaft: jüdische Kaufleute mit den üblichen Formen der Bärte und den glatten, pomadisierten Haaren. Juden von der Presse mit dem spitzfindigen, alles hinnehmenden, alles entschuldigenden Lächeln, der schmalen Tournüre und den tänzelnden Schritten. Juden vom niederen Beamtendienst mit dieser überhobenen Wichtigkeit und dem unerschütterlichen Ernst. Jüdische Ärzte und Advokaten mit gleichsam stechenden Manieren, voll Höflichkeit und Gesuchtheit. Alle Gesichter verrieten Intelligenz, aber nur jene Intelligenz des Augenblicks, die von den verborgenen Werten der Dinge nichts weiß, die an der Stunde festklebt, mit der Stunde rechnet und die Augen schließt, wenn die Nacht kommt. Alle Gesichter hatten etwas Überlebtes, etwas von dem Abgeglühtsein, wie es das gemeine Leben mit sich bringt; das Edlere war verwischt von der Freude an flüchtigen Genüssen, von der Verachtung des wahren Ernstes, von Frivolität und der Sucht, den Tag leicht zu nehmen. Sie alle trugen Fräcke und tadellose Wäsche, aber darin lag etwas seltsam Anachronistisches, das sich in Worte nicht fassen läßt. Die Geschäftsleute hatten das Übergewicht, das ist klar. Sie fühlten das Geld in ihrer Tasche klimpern und waren überzeugt von den höchsten Eigenschaften dieser Macht: wie Sklaven, die heuchlerisch ihre Gewalt verstecken und sich auf die Stunde freuen, wo sie die Krallen zeigen dürfen.

Jeanette nahm ihre Puppe und ein langes Stück Bindfaden, dessen eines Ende sie um den Porzellanhals der Puppe schnürte; dann stellte sie sich auf einen Stuhl, und mit erstaunlicher Geschicklichkeit warf sie das leichte Spielzeug so gegen die Decke, daß die Schnur in einem stählernen Haken im Plafond hängen blieb. Dann zog sie unten, so daß die Puppe etwa drei Meter vom Boden entfernt, schweben blieb. „So meine Herren!“ rief Jeanette und zog die Brauen bald hoch, bald auseinander wie eine Katze. „Jetzt müssen Sie springen! Anlauf ist die Schwelle des Salons. Absprung vom Rand des Teppichs. Wer die Puppe mit den Fingern erreicht und herabziehen kann, ist Sieger. Wenn mehr als einer siegt, müssen die Betreffenden noch einmal springen. Niemand darf sich ausschließen, das ist die einzige Bedingung.“ Und sie warf stolz den Kopf zurück und verschränkte wartend die Arme.

Alle traten zurück und sahen sich ratlos an. Viele lächelten schwerfällig, einige wandten sich vorsichtig zur Thür. „Die Lakaien schließen die Thüren!“ gellte Jeanette erregt. Unwilliges Murmeln ward laut. Der Baron ging energischen Schritts zu seiner Tochter und wollte reden. Sie schnitt ihm das Wort ab. „Eine Silbe, Vater, und ich erkläre meine Weigerung, mich mit dem Schwein zu verloben,“ flüsterte sie ihm zu. Der Baron setzte sich an den Tisch und bohrte wütend in seiner Nase. Die Damen gingen bleich, mit halbgeschlossenen Augen und sozusagen mit gerümpften Schultern in den Nebenraum. Einige jüngere Herren begannen die Sache heiter zu nehmen, vielleicht um nicht für feig zu gelten, vielleicht aus Furcht vor Jeanettens spöttischer Zunge. Der Lieutenant, nach dem alle mit den Blicken suchten, war spurlos verschwunden. Endlich begann Elias Heumann, das „Tuchgeschäft“ mit einer möglichst harmlosen Miene zu springen; er suchte sich den Anschein zu geben, als springe er eben probeweise, um die Sache in einem um so scherzhafteren Licht erscheinen zu lassen. Aber nicht nur, daß das Tuchgeschäft sich kaum einen Zoll vom Boden erhob, nein es fiel auch noch am Rand des Teppichs hin und humpelte keuchend in eine Ecke, um sich während einer Viertelstunde der Betrachtung des sanften Sternenhimmels zu widmen. Agathon lachte; aber das Lachen starb auf seinen Lippen, als er in die Augen des Barons sah, in denen ein unheimliches Feuer glühte; er biß die Zähne zusammen, und plötzlich mußte er an die arme, niedere Stube zu Haus denken, und das gelbe Gesicht seiner Mutter stieg wie aus einem Schattengewühle auf. Und er verlor sich selbst: aus diesen Schatten erhoben sich Generationen, Greise und Greisinnen, die mit müdem Kopfschütteln vorbeigingen.

Jeanette klatschte und nun sprang Nathan Kirschbaum, das Bankgeschäft, rot im Gesicht, mit unterlaufenen Augen und plumpste wie ein junger Hund auf das glatte Parkett. Dann sprang die Hopfenhandlung Alois Cohn nebst Theilhaber, das Viehgeschäft Eduard Steinam, die Kurzwarenfabrik René Reinemann, der Feuilletonist Moritz Goldbach. Es war grotesk, wenn sie in der Luft den Arm ausstreckten, die Beine anzogen, den Kopf zwischen den Schultern versteckten, und dann gänzlich zerschmettert, gleichsam platzend vor Scham und Menschenhaß wieder an der Erde anlangten. Dazu wurde nun sehr wenig gelacht, die Gesichter wurden immer finsterer und endlich als schon niemand mehr springen wollte, trat der Baron mit einem heiseren „Jetzt ist es genug!“ dazwischen. Da setzte sich Jeanette, die bis dahin ernst geblieben war, in einen Sessel und fing an zu lachen, daß alle sich bestürzt umblickten. Es war etwas Hysterisches, etwas Bitteres und Tragisches in diesem Lachen. Dann hörte sie ebenso plötzlich auf, ging zu Agathon, riß ihm die Lappen ab, mit denen sie ihn geputzt und rief ihm herrisch zu: „Springen Sie!“ Agathon, überrascht durch das plötzliche Sie, rührte sich erst nicht. Doch nahm er schließlich gar keinen Anlauf, sondern schnellte sich gewandt von den Fußballen in die Höhe, ergriff die Puppe und riß sie herab.

„Gott sei Dank! Endlich ein Mann!“ rief Jeanette, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn auf den Mund mit einer geheimnisvollen und durchdringenden Glut. Ihre Lippen waren feucht, ihre Haare waren feucht und knisterten dennoch und ihr Atem war heiß wie ihre Hände.

Ein eisiges Schweigen war entstanden. Agathon schauderte bis ins Herz bei ihrem Kuß. Dann wurde Jeanette heftig zurückgerissen und der Baron, in maßloser Wut, stand mit geballten Fäusten hinter ihr, während der Bräutigam daneben furchtsam lächelte. „Was willst du?“ flüsterte Jeanette.

Der Baron wurde schneebleich. „Ich will dich aus dem Haus peitschen lassen,“ sagte er bebend.

„Ich will _auch_, daß du mich peitschen läßt, hörst du? Das kannst du nur einmal, aber wenn ich das Schwein da heirate, bin ich für immer gepeitscht. Ich will einen Mann haben und keinen Getreidesack und keinen Geldschrank und keine zehnprozentigen Aktien. Verstehst du das nicht? Verstehst du nicht, daß ich nicht unter diesen abgegriffenen Papierseelen da verkehren mag? Seid ihr denn Menschen, was? Sagt doch selbst! Was soll ich denn anfangen mit diesem Schwein in der Nacht, wenn ich von Männern träume, die nicht ein paar matte Nachtlichter im Kopf haben, sondern Augen, Augen, Augen –? Wenn ihr nur das wollt, was ihr wollt, dann handelt! Verhandelt euern letzten Flederwisch im letzten Kehrichtfaß, und für das andere geb’ ich mich nicht her wie eure hochmütigen Weiber, die mich jetzt anglotzen wie eine Hexe. Da! da habt ihr und mich laßt zufrieden! da! da! da!“ Und sie ging hin, weiß wie Kalk, warf die kostbare Broche ins Kaminfeuer, die Armreife, die Ringe an den Fingern, riß die Spitzen über der Brust entzwei und öffnete mit einem Ruck die Knöpfe der Taille. Da stürzte Löwengard mit unartikuliertem Schreien auf seine Tochter, nahm sie in die Arme und wollte sie forttragen, hinaustragen. Sie wehrte sich wild, und in dem Kampf fiel sie hart zu Boden. Die Damen eilten herbei, – jammernd, scheltend, der Bräutigam suchte aus dem Kaminfeuer erst mit entblößtem Arm, dann mit der Schaufel die Kostbarkeiten herauszuholen, viele wandten sich feig und finster nach der Thüre, der Lakai sah mit eigentümlichem Lächeln in den von schwüler Luft erfüllten Raum, und auf einmal blieben alle regungslos stehen.

Der jetzt hereintrat, ohne daß der Lakai auch nur versucht hätte, ihn abzuhalten, war ein Greis von mehr als neunzig Jahren. Er hatte etwas wie eine große, seltsame Ruine; etwas in seinem Gesicht, das man unvergänglich nennen möchte: so einen Schimmer von wandelloser Milde und Güte. An Gliedern riesenhaft, in den Augen jenes Funkeln, das man zuweilen bei alten Männern sieht, die die Jugend müde hinwanken sehen und selber niemals müd zu werden scheinen, so kam er herein und Agathon lächelte auf seine stille Weise, wie ein Kind, das an den Wendepunkt eines Märchens gelangt ist, wo die wohlbekannte gute Fee kommt, um die Verwicklung zu lösen. Jedermann auf den Dörfern kannte den Gedalja Löwengard von Roth in seinen ärmlichen Lumpen.

Der Alte ging also ohne weiteres auf seinen Sohn zu, stutzte aber, als er dessen Gesicht sah, das von verräterischer Scham erfüllt war, ließ die halbausgestreckte Hand wieder sinken und nahm ruhig Platz. Da er nun sah, daß der Sohn sich seiner schämte, sagte er nichts, sondern sah lächelnd und nickend vor sich hin. Dann nahm er die Hand des „Barons“, zog ihn zu sich nieder, deutete ein paarmal auf das Kaminfeuer und sagte nach jedem Wort pausierend: „So hat’s Gott gewollt.“ Der Baron machte sich verlegen los, warf dem Lakaien einen zornigen Blick zu, den dieser achselzuckend hinnahm und trat mit einem betretenen Lachen zu seinen Gästen, die sich wie eine Phalanx vor ihm aufgepflanzt hatten. Jeanette kroch auf den Knieen zu dem Greis hin, streichelte seine großen Hände und sagte: „Großvater, was hast du denn? Warum kommst du denn so spät noch zu uns?“ Mit einer scheuen und beschwichtigenden Geste wandte sie sich nun zu den andern und sagte: „Er weint.“

Der alte Gedalja packte schnell ihre Hand und lispelte ihr zu: „Sag’s ihnen nicht. Sie wollen nicht sein gestört. Und mein Sohn hat vergessen, daß ich nicht habe zu kaufen einen Frack. Hat er vergessen, daß ich bin arm. Heut abend ist abgebrannt ganz Roth. Der Herr hat mich wollen gedenken lassen, daß es mir gegangen is zu gut im Leben. Sei ruhig, sei ruhig, ich sag’s bloß dir. Mei Haus, mei Hof, mei bisla Vieh, nebbich, alles is hin.“

Bald wußten es alle im Saal. Der Feuilletonist schlug mit einem boshaften Seitenblick auf den Baron vor, man solle sammeln. Übrigens brach die Gesellschaft rasch auf, und der Baron, verstört, verzweifelt, verfluchte sich und seine Tochter und vermochte kaum einen oberflächlichen Anteil an dem Unglück seines Vaters zu nehmen, dem er ein Zimmer zum Schlafen anweisen ließ. Dann forderte er Jeanette auf, mit ihm zu kommen. Agathon hörte ihn schreien; er wurde immer heiserer, schien um sich zu schlagen ... Der Lakai suchte ein vertrauliches Gespräch mit Agathon anzuknüpfen; seine Worte klangen widerlich zurück von den Wänden des verödeten Saales. Agathon schlich beschämt in seine Kammer, warf sich angekleidet aufs Lager und fiel sofort in einen schweren Schlaf.

Am Morgen hörte er vom Hausgesinde, daß Fräulein Jeanette verschwunden sei. Agathon fühlte sich darüber glücklich, ohne zu wissen warum. Die Luft war kühl, scharf und gleichsam gereinigt, als er zur Schule ging. Die Welt schien neu. Am Morgen hat alles nur ein Auge nach dem Licht hin; alles hat Zweck, Bedeutung, Form und Rundung. Besonders an diesen neblichen Oktobermorgen; alles ist mit Frieden gesättigt, die Dächer glänzen, die Sonne taucht langsam auf mit kupferigem Glanz, der Rauch erhebt sich kerzengerade, jeder Schornstein scheint sich zu brüsten im Gefühl seiner Pflichterfüllung. Die Mägde haben weiße Schürzen, und das knattert ordentlich, wenn sie zum Markt gehen. Die Bäckerbuben pfeifen Lieder, die man nirgends sonst gehört hat; sie halten jeden Ton lang aus, besonders in der Höhe. Über die große Brücke rauscht und rollt der Schnellzug, aus dem rätselhafte, übernächtige Gesichter in die weite, überschwemmte Ebene schauen. Dann saust der Zug herein, die Schranke am Dambacher Weg ist geschlossen, ganze Reihen von Ochsen stehen da und warten gutmütig. Und zwischen den Häusern verschwindet der Zug, rasselnd, polternd, pustend, und Agathon hört, wie er mit schrillem Pfiff am Bahnhof hält, und seine Sehnsucht eilt hin und steigt ein, um in ihr geheimnisvolles Vaterland zu fahren. Er geht gerade am Haus des Abraham Porkes vorbei, der Millionen besitzt und der als edler Menschenfreund bekannt ist; über eine halbe Million hat er für das Waisenhaus vermacht. Es giebt viele Dinge, die Agathon bewundert, und er liebt die Menschen. Die Wandlung, die er seit kurzem durchgemacht, kommt ihm merkwürdig vor. Er weiß, daß es neu ist, was er fühlt, aber er will sich nicht durchforschen. Es ist, als ob man in seinem Herzen etwas baue, und er will warten bis es fertig ist. Er denkt an jenes erste Bild der Stationen, wo der nackte Jüngling mit einer Zange dem Heiland die Dornen von der Dornenkrone nimmt. Und wie er daran denkt, erschrickt er, bleibt stehen und lauscht. Aber es pfeifen nur die Bäckerjungen in ihrem monotonen Diskant.

In der Schule hörte er nichts von dem was gelehrt wurde, hatte nichts gelernt, eine wichtige Lektion nicht geschrieben, wurde in den Strafbogen eingeschrieben, ohne daß er sich einen Gedanken darüber gemacht hätte. Er begriff nicht, warum er tote Wissenschaft in sich hineinstopfen solle, da es doch des frischen Lebens genug gab. Aber er begriff die Verachtung, in der die meisten Lehrer bei den Schülern stehen; es gilt nicht der Person, sondern dem Amt. Draußen war die Freiheit, der Wald, unbegrenzt, dunkel, voll von Erlösungen für den, der sie sucht; aber die Schule wollte, daß man nichts anderes wolle als die Schule. Das ließ ihn den Lehrer verachten und seine Handwerkerart, die großen, feierlichen Dinge der Geschichte so hinzusagen, als ob es nichts wäre, Mythologie zu lehren, als ob es gälte, ein Adreßbuch durchzulesen. An diesem Morgen begann Agathon plötzlich durch ein wunderbares Spiel seiner Seele zu sehen, wie wenn ein Brett von den Augen seiner Seele genommen wäre. Und diese große Umwälzung beschäftigte ihn sehr, so daß seine Wangen ab und zu erbleichten. Nur _ein_ Lehrer war es, an dem er mit abgöttischer Verehrung hing, an den er mit keinem Hauch von Kritik zu rühren wagte. Es war nichts an ihm als das, wie er die Wissenschaft der Chemie vor den Schülern zerlegte, so daß auch der Blöde und der Boshafte aufmerksam wurden. Er griff gleichsam mit seinem Arm hinein in die Nacht der Natur, oder in die Feuer der Natur und holte ihre Rätsel hervor, die er trotz aller Erläuterungen Rätsel und Wunder sein ließ vor den Augen seiner Zuhörer. Er that nicht wichtig mit der Wissenschaft und spielte nie mit ihr, machte auch nichts „Interessantes“ daraus, sondern eher etwas Heiliges. Da stand er hinter seinen Retorten und Röhren wie einer, der im Tempel steht und im Begriff ist, einen Gott zu predigen, dessen ganze Schönheit und Größe nur er selbst kennt. Nie ging er auf die tote Formel ein, wie ein junger Priester, der die gedruckten Gebetbücher verachtet und sein eigenes Gebet haben will und hat. So war Erich Bojesen.

Da Agathon Geyer nun nicht um die Welt aufmerksam werden wollte, nahm „Professor“ Schachno die Gelegenheit wahr, ihn die „Braut von Korinth“ fünfmal abschreiben zu lassen. Agathon lächelte.

Fünftes Kapitel

Als Stefan Gudstikker mit dem kleinen Knaben, der immer still vor sich hinschluchzte, das Innere des großen, hallenden Gebäudes betreten hatte, hörte das Schreien wieder auf. Doch in einem jener Energieanfälle, die oft über ihn kamen und durch die er in seiner Achtung gewann, beschloß er, der Sache auf den Grund zu gehen. Und er stieg die Treppe hinan, wurde nachdenklich gestimmt durch den feierlichen, ja düsteren Stil des Hauses, schüttelte den Kopf über die mangelhafte Beleuchtung, machte seine Glossen zu dem großen, bemalten Glasfenster, das den Propheten Japhta mit seiner Tochter zeigte, in einer naiven und herzlichen Darstellung, die an Cranach und seine Schule mahnte. Auf dem großen Korridor war es still und öde. Er öffnete die nächste Thüre, wobei sich das Bürschchen ungeduldig zwischen seine Beine drängte, um auch etwas zu sehen, und hatte einen großen, weißgetünchten, fast finsteren Saal vor sich, in welchem Bett an Bett stand, wohl dreißig oder vierzig wie in einer Kaserne, und über jedem der weißen Tücher schaute ein kaum weniger weißes Knabengesicht hervor, mit geschlossenen Augen, geschlossenen Lippen, angestrengten Lippen, die sich zu bemühen schienen, Seufzer zurückzuhalten. Eine dumpfe Luft schlug heraus wie aus einer Katakombe und Gudstikker schloß schnell die Thüre, stand ratlos da und sah die Augen des zerlumpten Knaben verehrungsvoll und flehend auf sich ruhen. Da ertönte wieder das Schreien: lauter, klarer und eindringlicher. Der Kleine rang stumm die Hände und das Eckige und Verzweifelte in der Gebärde trieb Gudstikker mehr an als Worte.

In einem schmalen, matt erhellten Raum saß der Schammes mit einer blauen Brille, riesenhaften Filzschuhen, einer dicken Uhrkette und einer Art Kaftan und nickte schläfrig; und wenn ihn sein Gegenüber, der Wohlthäter Abraham Porkes anredete, fuhr er auf, machte ein devotes Gesicht und kehrte dann wieder an die Grenze des Schlummers zurück. In der Mitte des Raumes war ein Knabe von vielleicht dreizehn Jahren auf ein Brett mit Riemen festgeschnallt, und wenn der Schammes, das Rohr in der Hand, mit seinem devoten Gesicht emporschnellte, schlug er zugleich mit dem Rohr klatschend auf den Rücken des Knaben. Dieser öffnete dann den Mund zu einem Schrei, der lang hinhallte und langsam erstarb, worauf er in eine schmerzliche Starrheit verfiel. Dies alles hatte etwas Gespensterhaftes und Stefan Gudstikker hätte lachen müssen, wenn er nicht sofort das Gesicht dieses Knaben gesehen hätte, das sich mühsam emporhob: ein feines, reines Gesicht, mit einer Lieblichkeit, die nur den frühen Schmerzen zukommt, mit einer unerfahrenen Gläubigkeit. Schwarze Locken fielen in die Stirn, auf die deutlichen Brauen, unter denen hilflos fragende Augen hervorschimmerten mit jenem Knabenblick, der manchem erfahrenen Mann etwas zu denken giebt. Kaum sah der kleine Bursche an Stefans Seite das Unglück seines Freundes, als er auf ihn zustürzte und, da er mit den Ärmchen nicht hinaufreichte, bitterlich zu weinen anfing.

„Ruhig! was ist hier los?“ sagte der Wohlthäter in sanftem Baß.

„Ruhig, was ist hier los?“ wiederholte getreulich der Schammes und zeigte einen wahren Schwertfischzahn, der wie eine Schaufel aus der Unterlippe hervorragte.

„Wo kommt ihr her?“ fragte der Wohlthäter und schaute seine dicken Finger an, als wären sie durch die Erscheinung der Fremden beschmutzt.

„Wo kommt ihr her?“ fragte der Schammes und versteckte seinen Zahn, so gut es ging.

Stefan Gudstikker erwiderte nichts, nahm sein Messer, durchschnitt die Riemen und hob den Knaben herab. „Ignazle, guts Ignazle“, flüsterte der Kleine mit der Betonung einer Mutter. „Siehst mich nit? Thut’s weh?“

„Ruhig!“ donnerte Abraham Porkes. „Was erlauben Sie sich, junger Mann!“

„Ja, was erlauben Sie sich!“ sagte der Schammes mit einer unbeschreiblichen Stimme und schneuzte sich in ein blaues Tuch mit thalergroßen, roten Flecken.

„Was hat der Junge gethan?“ fragte Gudstikker mit einer Hoheit, die ihn selbst überraschte und sehr befriedigte.

„Er huldigt der Unzucht, verstehen Sie, und das muß bestraft werden. Da alle andern Mittel vergebens sind, muß er bestraft werden. Seine Mutter selbst hat ihn hergebracht, – kurz und gut, was haben Sie hier zu suchen und dieser nichtsnutzige Bengel da?“

„Ja!“ machte der Schammes und sah streng aus.

Gudstikker lachte. „Wollen Sie mir das Kind überlassen?“ fragte er dann. „Ich werde ihn heilen. Er interessiert mich.“

„Sind Sie Jude?“

„Nein.“

„Dann bedaure ich. Bedaure lebhaft.“

„Aber Herr Kommerzienrat! Sie, bei Ihrer Vernunft und Bildung! Sie kennen ja auch meine Mutter, Elise Gudstikker. Es kann Ihnen ja gleich sein. Und wenn Sie ihn wieder verlangen, können Sie ihn haben.“

„Ja, wenn Sie glauben,“ meinte Porges unentschieden. „Gut“, sagte er dann, „auf acht Tage; vorausgesetzt, daß nichts geschieht, was unsere Religion – na, also gut, der Junge weiß das schon selbst. Adieu junger Mann, machen Sie’s gut, grüßen Sie Ihre Mutter. Sie gefallen mir!“

Gudstikker ging heim mit den zwei Knaben. Der Zerlumpte konnte sich nicht trennen und überhäufte das Judenkind mit Liebkosungen. Gudstikker zog die Schultern hinauf und lachte in sich hinein. Er wußte, daß die beiden froh waren, den Knaben los zu sein.

Zu Hause angelangt, fand er seine Mutter unpäßlich. Sie lag auf dem Sofa, sah etwas kummervoll aus, forderte ihn aber gar nicht auf, zu erklären, wie er zu den Kindern komme. Sie kannte seine Art, eigenwillig und schnell zu handeln, gut genug. Sie kannte auch seine redselige und mitteilsüchtige Natur zu sehr, um sich neugierig zu zeigen. Ihrer apathischen und lebensweisen Art war das fremd. Ihr Leben bewegte sich hin und her zwischen Seufzen und gleichgültig gewährendem Lächeln, dabei hatte sie jene eigentümliche Strenge, die dem Blick etwas Unwiderstehliches giebt, einen Blick, von dem man glaubt, daß er den Körper wie Glas durchdringe. Den jüdischen Knaben sah sie an, lachte leise und hart, betrachtete seine langen, feinen, dünnen Finger, das abgesetzte Handgelenk, nickte Stefan zu, legte sich ruhig wieder hin und sah mit spöttischem Lächeln in die Lampe.

„Können sie hier schlafen, Mutter? Oder in der Kammer?“

Der Judenknabe, den sein kleiner Kamerad aus Gott weiß welchem Grund Ignazle nannte, während er Sema Hellmut hieß, sprach kein Wort. Aber er schien alles tief in sich aufzunehmen, was er sah und hörte, dem träumerischen Spiel seiner Augen nach zu schließen. Diese einfache und gemütliche Stube mit dem weißen Kachelofen, der fortwährend leise in sich hineinbrummte, die Nacht draußen mit dem einförmigen Flußgerausche, die stille Lampe, die alten Bilder an den Wänden, er besah es mit scheinbar verächtlicher Gelassenheit, doch mit einer gewissen inneren Unruhe. Er schien gar nicht empfänglich zu sein für die unaufhörlichen Liebkosungen seines Freundes, doch tauchte bisweilen sein Blick angstvoll in den des kleinen Zerlumpten.