Die Juden von Zirndorf

Part 1

Chapter 13,751 wordsPublic domain

Die Juden von Zirndorf

Von demselben Verfasser:

_Melusine._ Roman 1896.

_Schläfst du Mutter?_ Novelle 1896.

Die Juden von Zirndorf

Roman

von Jakob Wassermann

Paris, Leipzig, München Verlag von Albert Langen 1897

Vorspiel

Gemächlich schwebt die Zeit hin über die Länder und über die Geschlechter, und wenn sie auch Städte zertritt und Wälder zerstampft und neue Städte und neue Wälder hinwirft mit gleichgültiger Gebärde, so vermag sie doch dem heimatlichen Boden niemals seine Lieblichkeit zu rauben oder seine Rauhheit, kurz jene Gestalt und jenes Antlitz, womit die Heimat ihren Sohn erfüllt, indem sie ihn gleichsam als ihr Eigentum in Anspruch nimmt und ihm auf den Weg seines Lebens nur diese Worte zur Mitgift wählt: aus meinem Thon bist du gemacht.

Die süße und einschmeichelnde Linie des Horizonts, die von den Mauern Nürnbergs über Altenberg nach der Kadolzburg zieht, hat sicherlich im Lauf der Jahrhunderte keinerlei Veränderung erlitten; es sei denn, daß ein gewitterreicher Sommer eine einsame Pappel gefällt, oder daß eine ungestüme Überschwemmung einen stillen Fichtenhain mit fortgerissen hätte. Dort, wo Rednitz und Pegnitz zusammenfließen, haben freilich die letzten zweihundert Jahre den Flor der Wälder vernichtet, aber weiter hinüber, jenseits der alten Feste mit ihren Steinbrüchen und ihren dunklen Tannen, dehnt sich der fränkische Gau seit Urandenken als eine weite, breite, friedliche, fruchtbare Ebene, wo das Korn gedeiht und die Kartoffel gedeiht und der Mohn blüht und die weiße Rübe reift.

Aber in jenem stillen Winkel zwischen den beiden Strömen haben die Kriege des siebzehnten Säkulums dem natürlichen Schmuck des Bodens gar sehr Abbruch gethan. In den dreißiger Jahren befand sich hier das große Lager der Schweden, und der geängstigte Bauer fand seine guten Äcker mit Blut gedüngt. Schnellfüßig hastete der Kriegsschrecken durch Franken und die kurfürstlich Onolzbachischen und die Nürnbergischen sahen sich gleicherweise gedrängt, Mut und Gottvertrauen nicht fahren zu lassen. Lange Jahre gingen hin, bis die zertretenen Felder wieder zu ihrer natürlichen Fruchtbarkeit erwuchsen, und selbst nach dem Friedensschluß lag noch manches Stück Land verödet. Überall zeigten sich Spuren frecher Feindeshände. Unweit der Kapelle Karls des Großen, die am Schießanger in Fürth steht, ragt ein mächtiger Steinhaufen in die Höhe, und man sagt, die Schweden hätten ihn aufgerichtet als ein Wahrzeichen ihrer Siege. Nämlich jeder Stein bedeutet ein geplündertes Haus. Langsam entfaltete sich der Frieden wieder; gleichsam schüchtern wuchs er heran und sah mit ungläubigen Augen ins ebene Land der Regnitz hinauf. Das Volk begann zu vergessen und es kam die Zeit, wo schon die Väter und die alten Veteranen von den Schrecken der Schlacht erzählten, und sie ließen sich die Mühe wahrlich nicht verdrießen, all die Fährlichkeiten, die sie erlitten, phantasievoll auszuschmücken, und was sie an Heldenthaten von andern vernommen, sich selbst zuzuschreiben. So war es Kriegerbrauch seit Kriege bestehen, und die von Franken waren mit ihrer Zunge immer ein wenig mehr Helden als mit ihrem Arm. Der Krieg gewinnt an Buntheit und an Frohheit, wenn ihn die Jahre fortgetragen haben, und gar mancher erzählt schmunzelnd von jenen Gräueln, die ihn einst erzittern ließen bis in seine tiefste Seele.

Auf jenem Schwedenstein bei der Kapelle befand sich auch unter vielem anderem Gemäuer ein gut zubehauener Granitblock, welcher mit seltsamen und fremdländischen Lettern bemalt war. Es war eine jüdische Inschrift auf einem Grabmonument, und die Schweden hatten ihn vom Gottesacker der Juden gestohlen und ihn hier unter die Steine rechtgläubiger Christen geworfen. Kein Christ wagte es, den Stein zu entfernen, denn ein großes Befremden ging von ihm aus und seinen verschnörkelten Lettern, und sie hatten Furcht, daß sie dem Bann eines Zauberspruchs verfallen möchten, wenn ihre reine Hand den verruchten Judenblock berührte. Mehr als drei Jahrzehnte lag der Grabstein so; wollte man seine Inschrift in die Sprache jener Zeit übersetzen, so lautet sie: Der schöne Joseph, den man nur gern angesehen, unsere Augen-Lust ist nicht mehr vorhanden. Jetzt sind ihm der Gabriel und Michael als Hüter zu seiner rechten und linken Hand zugegeben worden. Die Jahre seines Lebens waren wenig und boeß. Er brachte sie nicht höher als auf siebzig. Er war ein solcher Regent, der wie Barak und Deborah, das Volk mit großem Ruhm regieret. Er suchte seine Lust in dem Studieren, sein Sterben war wie seine Geburt, nemlich ohne Sünde. Als seine Seele am fünften Tag in der Woche von ihm geschieden, hörte man Heulen und Weinen. In Bamberg ist er freudig gestorben, den achtundzwanzigsten Tag des Sivans. Jetzt ist dies die Zeit, da wir vor Jammer und Herzeleid unsere Kleider zerreißen und unsere Augen Thränen fließen lassen. Nach seinem Abscheiden hat man ihn zu Fürth zur Grabesruhe gebracht. Seine Seele soll gebunden sein in das Bündelein der Lebendigen mit der Seele Abrahams, Isaaks und Jakobs und der Sara.

Lange Zeit hindurch war es der Kummer der Juden, einen Stein aus ihrem Heiligtum solcher Entweihung preisgegeben zu wissen. Sie glaubten auch, die Seele des Joseph Gabriel, des Naphtali Sohn, hätte keine Ruhe und wandle allnächtlich klagend zum Schwedenstein. Denn auch sie wagten nicht, den Stein zu entfernen, weil der Schwedenstein als eine Art von Friedens-Symbol galt, und jede Beschädigung einer Vorbedeutung neuen Krieges gleichgeachtet wurde. Schwer trug der Bürger und der Bauer noch an Kriegeslasten, und viele ließen vom Pfaffen ein Bittgebet um langen Frieden sprechen.

So stand also das Grabmal der Juden unter ungleichartigen Genossen wie ein Fremdling aus weiter Ferne. Es sprach eine unbekannte Sprache und seine edlere Form ließ es zu besserem Dienst berechtigt erscheinen. Es blickte nicht hinaus auf die Ebene, sondern sah herein gegen die niederen Häuser und in die krummen, winkeligen Gassen von Fürth. Und unfern rauschte der Fluß hinunter ins Bistum Bamberg, und wenn er im Herbst die gelben Fluten zum Uferrand und noch weit darüber hinauswälzte, so mußten stets einige Linden am Schießanger ihr Leben lassen. Das Wasser brach sie wie dürre Zweiglein und trieb sie ins Mainland hinab, innig gesellt mit Balken und Astwerk und Hausgeräten und allerlei seltsamen Dingen, die der wildgewordene Strom aus der guten Stadt Nürnberg mit sich führte.

Wenn der Stein des Joseph Gabriel an Gottesfrieden verlor, so gewann er hingegen an Weltweisheit und Kenntnis der Dinge und Menschen. Ernst besah er sich das Treiben der Leute, die um ihn herumwandelten wie die Sperlinge um einen gedeckten Tisch; Gewitter und Schneegestöber, Regen und Sonnenhitze, er hielt sie mit gleicher Geduldigkeit aus, und wenn die sanfte Nacht seine graue Stirn beschattete, so schien darauf noch ein süßer Abglanz der letzten purpurnen Sonnenröte zu haften oder ein Vorglanz des kommenden Morgenrots. Denn die Sonne strahlt diesem Erdstrich beim Aufgang und beim Niedergang mit einer unerhörten Glut, welches die Gelehrten dem Dünstereichtum des Landes zuschreiben.

Fest, Tanz und Kirmesspiel waren von jeher üblich bei den Fränkischen, die einen leichten Sinn haben und ihre Pfennige gern zum Schenkwirt tragen. An einem Kirchweihtag im Oktober, siebzehn Jahre nach dem großen Friedenspakt, – wie jubelte das Volk auf dem Schießanger, wie schwangen sich die Mädchen zum Tanz und wie lustige Weisen spielten die Zigeuner und Spielleute! – ging ein alter Mann, nachdem er lange Zeit nachdenklich vor der jüdischen Inschrift am Schwedenstein gestanden, gegen den Anger zu. Der Abend sank schon herab und der Himmel war von einem matten Rot getränkt. Blaue Schatten fielen auf den rauschenden Fluß und Schmiedehämmer tönten von fernen Gassen her, und der schrille Laut verklang erst weit draußen in den Wiesen. Dann setzte wieder die Musik ein: Orgel und Fiedelbögen und die Maultrommel und die Wasserpfeife. Die Buben lachten und sprangen wilder als je um die alten Bäume, und die Mädchen hatten glänzendere Augen an diesem festlichen Tag. Die Nürnberger Kaufleute boten niegesehene Waren aus und die Seiltänzer und Taschenspieler und die Zigeuner versprachen Wunder an Kunst zu bieten. Als die Dämmerung herabsank, befestigte man Pechfackeln an die Stämme und die fahrenden Häuser der Komödianten, und der schwere, braune Rauch erhob sich in weiten Wellungen und zog hinüber gegen den Strom, zog über die Wiesen hin, und einzelne tolle Funken sprangen knisternd in die Lindenäste. Die dumpfe Glut gab den Gesichtern der Menschen ein abenteuerliches Farbenspiel und die Sterne am Himmel verblaßten für jeden, der sich in diesem Leuchtkreis befand. Der alte Jude hielt die rechte Hand wie einen Schirm über die Augen und blickte finster und forschend in das heitere Getümmel. Sein Gesicht war von grünlich-weißer Färbung und ein roter Bart floß mager um Wangen und Kinn, so daß er nur eigentlich eine Art von Rahmen bildete und dem Gesicht etwas Fremdes, etwas erschreckend Deutliches verlieh. Dann waren seine Augen: die braunen Sterne irrten unruhig in dem geröteten Weiß umher, und bisweilen erweiterten sich die Pupillen so rasch wie die eines Raubtiers. Es waren die Augen der Juden, – voll Hast, voll Unfrieden, voll von unbestimmtem Flehen, von einer gedrückten Innigkeit, bald in Leidenschaft flackernd, bald in Schwermut alle Glut verlierend, die Augen des gehetzten Tieres, das angstvoll und kraftlos die Blicke dem Verfolger zuwendet, oder in bebender Sehnsucht hinausstarrt in das reiche, ferne Land der Freiheit. „Das Volk ist wild,“ murmelte er, „da tanzen sie und blasen Schalmeien und morgen schon wird Gott ein Gericht halten, daß es unerhört sein wird.“ Er blieb stehen, verbeugte sich tief nach Osten und lispelte ein kurzes Gebet durch die schmalen Lippen.

Unter den Linden des Angers tanzte ein Zigeunermädchen einen seltsamen Tanz aus der Heimat und zwei Burschen spielten die Geige dazu. Eine Menge von Zuschauern hatten sich im weiten Kreis versammelt, und das düstere Licht der Fackeln machte alle Augen größer und lichtreicher und gab den Gesichtern ein neues, fremdes Leben. So ist es immer in den Tagen Remigius, Leodegar und Lukretia in Fürth; da erwachen die Menschen aus dem drückenden Traum ihrer Sorgen und eine gütige Sonne lacht ihnen ins Herz.

Nach der Zigeunerin kam ein junges Mädchen von großer Schönheit langsam in die Mitte des Kreises. Wunderlich irrten schmale Schatten auf ihren bleichen Wangen und auf ihrer Stirn, und sie war schlank wie jene Frauen, die man damals zu Florenz malte. Ein langes Gewand floß an ihrem Leib herab, und sie begann, ohne die Arme zu bewegen, ohne die Augen vom Boden zu erheben, mit klagender Stimme ein Recitativ:

Ich weiß nicht, wo’s Vögelein ist, Ich weiß nicht, wo’s pfeift. Hinterm kleinen Lädelein, Schätzlein, wo leist?

Es sitzt ja das Vögelein Nicht alleweil im Nest, Schwingt seine Flügelein, Hüpft auf die Äst’.

Wo ich gelegen bin, Darf ich wohl sagen. Hinterm grün Nägeleinstock Zwischen zwei Knaben.

Doch weshalb sang sie dies so leise und melancholisch? Ihre Lippen zitterten und sie senkte den Kopf tief gegen die Brust. Der Harlekin kam und äffte sie, aber sie blieb starr wie eine Bildsäule; der Narr begann an ihr herumzuschnuppern und erklärte endlich grinsend, das sei ein feines Aschenputtel für sein Ehegespons. Er wollte sie eben umfassen und davontragen, da kam ein Ritter in glänzender Rüstung, um sie zu befreien. Und der Hanswurst verwandelte sich und stand nun in seiner wahren Gestalt da: als der Teufel. Er kämpfte nun mit dem Ritter und als er nahe daran war, zu siegen, zog jener ein weißes, elfenbeinernes Kruzifix heraus und hielt es dem Bösen hin. Der Satan stieß ein schreckliches Geheul aus und sprang in großen Sätzen davon.

Da trat aus einer Lücke in dem Kreis der Zuschauer der alte Jude, stieg über die abschließende Bank hinweg und sein langer Kaftan flatterte im Abendwind, als er auf das blasse Mädchen zuschritt. Sie schlug ihre Augen zu ihm auf und schüttelte sich plötzlich wie im Fieberfrost; seine Blicke bohrten sich gleich Nadeln in sie ein und sie las etwas in dem flackernden Feuer dieser Augen, das lange und lange schon ihre Seele mit seltsamer Furcht, mit grüblerischer Furcht erfüllt hatte. Es war, als ob ihre Seele auf einmal von frühen Erinnerungen der Kindheit ergriffen würde und darüber tief erschüttert wäre. Auch die Angst war darin zu lesen vor dem Unbegreiflichen dieser plötzlichen Klarheit, der Schrecken über die gespenstige Erscheinung des rotbärtigen Juden. Er hatte seine Finger um ihren Arm gelegt, daß sie wie Spangen sich schlossen und er blickte sie unverwandt an, – so, als ob er einen Wunsch, einen unwiderstehlichen Befehl tief in ihr Herz zu senken wisse, so daß kein Mensch daran zu rühren vermochte. Die Musik schwieg, der Lärm in der nahen Runde dämpfte sich zum Gemurmel, viele empfanden ein zielloses Grauen, viele nur Neugier und Erwartung; den Fluß hörte man rauschen und den Wind durch die Bäume streichen. Er warf gelbe Blätter herab und eine leichte Kühlnis ging herbstahnend über den Anger. Der Jude beugte sich nieder und murmelte in des Mädchens Ohr: „Gedenkst du noch an den Feuerbrand in deiner Heimat, Zirle? An den Vater, an die Mutter, an die Brüder und an alle andern, die tot sind? Zirle, denkst du’s noch?“ – Unaufhörlich flossen die Thränen über des Mädchens Wangen und es schaute völlig verloren in eine vergangene Nacht hinein. Und der Alte fuhr fort, zu ihr zu reden: „Um die Mitternacht des nächsten Vollmonds mußt du zu mir kommen; du wirst dann Zacharias Naar zu finden wissen, wo es auch sei. Den Messias verkündige ich, dem die geheimnisvollen Tiefen der Wesenheiten offenbar geworden sind.“

Jetzt begann ein unwilliges Murren sich über die Störung des Festes und der Fröhlichkeit zu erheben. Zacharias Naar wandte sich ab von dem Mädchen und schritt bald darauf langsam dem Ausgang des Angers zu. Niemand kannte ihn. Alle wichen ihm aus und schnell lief ein Wort von Mund zu Mund: Ahasverus. „Ja, ja, er laufft umher wie der tolle Judt,“ sagte ein ganz verschrumpftes, gebücktes Weib und schnüffelte mit der dünnen Nase in der Luft umher. Sie wisse ein Sprüchlein, erzählte sie mit ihrer klirrenden Stimme den jungen Leuten, die sie umstanden:

Der Jud’ Ahasverus weit und breit Vor alters und vor dieser Zeit Bekannt, geht nun durch alle Welt, Red’t alle Sprachen, veracht’ das Geld. Was er von Christo reden thut, Kannst hören hie, doch mit Unmut. Veracht ihn nicht, laß wandern hin, Weil Gott ihm geben solchen Sinn: Daß er von Christo, seinem Sohn Red’t alles Guts; doch laß ich schon Dein Urteil selbst, wie es mag seyn, Gott sieht und kennt das Herz allein. Was im Herzen verborgen ist, Bringt Wort heraus zu jeder Frist.

Zacharias Naar schritt durch die dunklen Straßen des Orts zum Tempel der Juden. Dort war noch Gottesdienst, denn es war der Vorabend des Versöhnungsfestes. Bald stand er unbeachtet unter der Menge der Gebetemurmelnden, den Tallis um die Schultern und starrte mit glühenden Augen gegen den Altar. Keine friedliche Feststimmung herrschte in diesem Raum. Jeder schien seinem Gott für sich zu dienen, und bisweilen entstand ein unbestimmter Lärm, in dem sich eine schreiende oder keifende Stimme abhob. Ein dumpfer Höhlengeruch erfüllte das Gotteshaus; es roch nach altem Leder, nach alten Gewändern, nach Rauch und faulem Holz. Kinder standen umher und glotzten mit stumpfsinniger Andacht in Bücher mit gebräunten Blättern. Der Raum glich einem unterirdischen Gemach für Verschwörer, einer Büßerklause für Asketen, denn nichts von Lebensfreude und nichts von Gottesfreude war hier zu finden. Die Lichter qualmten und wer aus freier Luft hereinkam, glaubte alsbald zu versinken, tief hinein in eine schwüle Schlucht, wo man einem strengen Gott finstere Gebete brachte.

Das letzte Kaddisch war beendet; alle rüsteten sich schon zum Aufbruch. Da schritt Zacharias Naar dem Altar zu und erhob die Hand: ein Zeichen, daß er zu reden wünsche. Es wurde still und aller Augen wandten sich dem Fremdling zu. Der begann, – nicht laut und scheinbar mehr für sich selbst. Er sprach zuerst in hastig hingeworfenen Worten von der Niedrigkeit und Erbärmlichkeit des jüdischen Volkes; von der Unterdrückung, die es erlitten und von der Zerstreuung in alle Teile der Welt. Dann, als er gewiß war, daß alle aufmerksam lauschten, wurde seine Stimme lauter, sie verlor den Ton des Hingeworfenen, und seine Augen begannen zu blitzen. Er rief den alten Gott der Juden an, der Verheißung auf Verheißung gehäuft und die Armut über sein erwähltes Volk geschüttet habe und die Qualen der Heimsuchung, ärger als zur Zeit der ägyptischen Plagen. Es wurde totenstill. Selbst die kalten Mauern schienen zu lauschen und diese Worte mit Begierde einzusaugen. Der Redner fuhr fort: „Der Zorn des Herrn ist entbrannt wider sein Volk, und er streckt seine Hand wider sie aus und er schlägt es, so daß die Berge erzittern und ihre Leichen wie Kehricht mitten auf den Straßen liegen. Haben sie uns nicht beschuldet: ihr vergiftet unsere Brunnen? haben sie nicht unsere Brüder hingeschlachtet zu Tausenden? Haben sie nicht geschrien: ihr nehmt das Blut unserer Kinder zum Opfer beim Passahfeste? Ihr nehmt das Blut und braucht es für eure schwangeren Weiber? haben sie uns nicht ausgewiesen aus ihren Städten und unsere Häuser verbrannt? und unsere Güter geraubt? Müssen wir nicht vogelfrei dahinwandern und viele finden keine Hütte, wie Kain, der seinen Bruder erschlug? Haben sie uns nicht aufs Rad geflochten und den Henkern im Land preisgegeben wie krankes Vieh? nicht unsere Kinder verbrannt, nicht unsere Weiber geschändet und als die Pest kam, nicht schlimmer unter uns gewütet, denn die Pest? Bei alledem hat sich der Zorn des Herrn nicht gewandt. Doch jetzt, jetzt wird er ein Panier aufrichten dem Heidenvolk aus der Ferne und wird ihm pfeifen vom Ende der Erde und siehe, eilends, flugs kommt es. Kein Matter und kein Strauchelnder ist darunter; nicht giebt es sich dem Schlummer noch dem Schlafe hin; auch springt nicht der Gurt seiner Lenden, noch zerreißt der Riemen seiner Schuhe. Die Hufe seiner Rosse sind wie Kiesel zu achten und seine Räder wie der Sturmwind. Gebrüll hat’s wie die Löwin und brüllt wie die jungen Löwen und knurrt und packt den Raub und trägt ihn davon und niemand vermag zu retten. Und es wird über Juda dröhnen wie Meeresdröhnen und blickt er auf das Land hin, siehe da ist angsterregende Finsternis und das Licht ward dunkel in dem Gewölbe darüber. Nahet euch, ihr Heiden, um zu hören, und ihr Völker, merket auf! Es höret die Erde, was sie erfüllet, der Weltkreis, und alles, was ihm entsproßt. Denn einen Groll hat der Herr auf alle Heiden, er hat sie bestimmt für die Schlachtung und ihre Erschlagenen werden hingeworfen, und ihre Leichen, – aufsteigen soll ihr Gestank, und es sollen die Berge zerfließen von ihrem Blut. Die Sterne sollen zerbröckeln und wie ein Pergamentum soll der Himmel zusammengerollt werden. Aber unsere Trift soll lustig sein, frohlocken soll unsere Steppe und blühen wie die Narzisse. Sie soll blühen, ja blühen und frohlocken, frohlocken und jubeln! Die Herrlichkeit des Libanon wird ihr geschenkt und die Pracht des Karmel. Stärkt die erschlafften Glieder und die wankenden Kniee macht fest! Sagt zu denen, die bekümmerten Herzens sind, seid stark! Aufgethan werden die Augen der Blinden und die Ohren der Tauben geöffnet! Dann wird wie ein Hirsch der Lahme springen und jubeln die Zunge des Stummen. Denn seht: ein Mann ist aufgestanden in der kleinasiatischen Stadt Smyrna, das ist der wahre Messias und das Himmelreich ist nah! Ja, ich sehe eure Blicke leuchten und eure Hände beben! Habt ihr ihn nicht rufen hören von den Gestaden des Mittelmeers? Ein neues Erlösungswerk geht ihm voran und Olam ha Tikkun wird erstehn. Das göttliche Wesen hat er allein erkannt, Sabbatai Zewi! Sammelt euch, Brüder, richtet euch empor, richtet eure Weiber empor, lehrt eure Kinder seinen Namen aussprechen und eure Waisen tröstet mit seinem Wort! Im Jahre 5408 der Welt begann die Erlösungszeit zu tagen, und in diesem Jahre hat sich Sabbatai Zewi uns offenbart. Wunder über Wunder hat er verrichtet und die Juden Kleinasiens und der Türkei jauchzen ihm zu.“

Ein furchtbarer Tumult unterbrach den Redner. Lange schon war die Kunde von dem Ereignis nach Franken gedrungen, aber stets waren es nur dunkle Laute gewesen, geheimnisvolle Andeutungen, von wandernden Mönchen, von wandernden Juden oder gar von Zigeunern hergetragen. Es war gleichsam nur das dumpfe Geräusch eines sehr fernen Wetters gewesen, das die Gemüter wohl in nächtlicher Stille und Träumerei zu ergreifen vermag, aber das Licht des Tages machte zweifeln und ungläubig. Zum ersten Male nun war es wie ein Trompetenstoß in die Ohren der Juden gefahren, wie ein heller, schmetternder Schlachtruf, ein Klirren mit tausend Schildern und tausend Schwertern, ein wahrer Auferstehungsschrei. Es wurde leuchtend um ihre Augen, rings herum wurde es Tag, das bange Los der Unterdrückung schien einem Ende nahe: Sonne, Freiheit, göttliches Auserwähltsein zu großen Dingen, Glanz und Freudigkeit und verzückte Sehnsucht, – als eine wundervolle Erfüllung tausendjähriger Glaubensdienste. In ihre bedrückten Seelen fuhr es wie der Aufruf zu einer neuen Weltordnung; Knaben sahen sich zu Männern geworden, die Männer ballten ihre Fäuste und es rieselte ihnen kalt und heiß über den Rücken. Und als der erste Taumel sich gelegt, drängten sie sich um den Fremden, bestürmten ihn um Einzelheiten und lauschten atemlos. Vergessen war die Stunde der Heimkehr, vergessen die Gebote des Fasttags; die Weiber drängten sich aus ihren Verschlägen und hörten mit erhitzten Wangen zu. Und sie sahen ihn in ihrer Phantasie förmlich lebendig werden, den geheimnisvollen Propheten von Smyrna, der am hellen Tag der Geschichte wie ein glühendes Meteor hingewandelt ist und, ergriffen von lurjanischer Mystik, das Ende der Zeitalter herbeizuführen glaubte. Zacharias Naar erzählte, völlig versunken und hingegeben wie ein Träumender: wie Sabbatai seinen Leib kasteite und Sommer und Winter, bei Tag oder bei Nacht, im Meer badete. Wie sein Leib von den Seebädern einen Wohlgeruch erhielt und sein Auge klar davon wurde. Niemals hatte er ein Weib berührt und obwohl er zwei Frauen vermählt worden war, mied er sie und verstieß sie bald. Ernst und einsam war sein Wesen, und er hatte eine schöne Stimme, mit der er die kabbalistischen Verse oder seine eigenen Verse sang. Das Jahr 1666 bezeichnete er als das messianische Jahr; den Juden sollte es eine neue Herrlichkeit bringen und sie sollten nach Jerusalem zurückkehren. Seine Seele ergab sich jauchzend dem süßen Rausch des Gottesbewußtseins. Man hatte ihn von Smyrna verjagt, aber dann brach das glimmende Feuer zur großen und verheerenden Flamme aus. Seine Demütigung war seine Größe geworden und seine Verklärung. Er ließ zu Salonichi ein Fest bereiten und vermählte sich in Gegenwart seiner Freunde feierlich mit der heiligen Schrift: Thora, die Himmelstochter, wird mit dem Sohn des Himmels in unzertrennlichem Bund vereinigt. Fünfzig Talmudisten speisten an seiner Tafel und kein Armer ging hungrig von seiner Thüre. Er vergoß Ströme von Thränen beim Gebet, und Nächte lang sang er bei hellem Kerzenlicht die Psalmen. Er sang auch Liebeslieder. Er sang das Lied von der schönen Kaisertochter Melliselde:

Aufsteigend auf einen Berg Und niederschreitend in ein Thal, Kam ich zur schönen Melliselde In des Kaisers Krönungssaal. Mild kam sie einher Mit flutendem Haar Und ihr Antlitz milde, Süß ihre Stimme war; Ihr Antlitz glänzte wie ein Degen, Ihr Augenlid wie ein Bogen von Stahl, Ihre Lippen, das waren Korallen, Ihr Fleisch wie Milch so fahl.