Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen

Part 7

Chapter 73,354 wordsPublic domain

1. Unter allen Ständen, die da werden Angetroffen auf unserer Erden, Ist, zweifelsohne, wie bekannt, Der Wittwenstand der betrübteste Stand.

2. Wo der Mann, als das Haupt des Weibes, Fehlt, da steht es um die Pflege des Leibes Und um die ganze Haushaltung schlecht, Und nicht das Geringste geht zurecht.

3. Die Einkünfte werden nach und nach vermindert, Die unentbehrliche Nahrung wird verhindert, Und gleich wie in einem Jammerthal Ist Angst, Noth, Elend überall.

4. Frau Jobs hat dies auch, leider! erfahren, Denn sie merkte, daß gleich in den ersten Jahren Alles im Hause den Krebsgang ging, Und sie arm an zu werden fing.

5. Hieronimus nun hat dazu freilich Das Seinige beigetragen getreulich, Denn er lebte in müßiger Ruh, Aß gut und trank noch besser dazu.

6. Indessen ward doch nun auf die Dauer Der guten Wittwe solche Wirthschaft zu sauer, Und ihr Hieronimus gereichte fast Der Oekonomie zur größten Last.

7. Er hat es auch selbst eingesehen, Daß es nicht länger gut werde gehen, Und erkundigte sich also weit und breit Um eine andre Gelegenheit.

8. Wie nun gewöhnlich die Dummen und Frommen Am allerbesten in der Welt fortkommen, So bot auch bei einem Edelmann Sich abermal für ihn eine Stelle an.

9. Dieser Herr lebte auf dem Lande In einem trefflichen ruhigen Stande, Und verzehrte als ein biedrer Cavalier Seine großen Einkünfte mit Pläsir.

10. Er that in seiner Jugend einige Züge Im damaligen siebenjährigen Kriege, Doch lag er meistens in Garnison Und schonte so viel möglich seine Person.

11. Indeß ward er bald dieses Lebens müde, Denn er haßte Krieg und liebte Friede, Und hielt folglich als ein tapfrer Mann Unterthänig um seinen Abschied an.

12. Jedoch fand er noch immer viel Vergnügen, Oft zu reden von verschiedenen Siegen, Und wie er einmal von ohngefähr Auf der Flucht beinahe gefangen wär'.

13. Uebrigens war er geneigt zu spaßen, Schoß auch wol auf der Jagd einen Hasen, Trank bei der Tafel Burgunderwein Und lebte ohne Gemahlin allein.

14. Er war also, in soweit, ein Junggeselle, Doch war bei ihm, an der Gemahlin Stelle, Eine Kammerjungfer, die früh und spat Die nöthigen Bedürfnisse besorgen that.

15. Er sparte als Greis den Rest seiner Kräfte Und bekümmerte sich um keine Geschäfte, Sondern ein treues Bedienten-Paar Besorgte, was zu besorgen war.

16. Der eine war ein schlauer, alter, Treubefundener Hausverwalter, Und der andre Herr Bediente war Ein also genannter Secretar.

17. Der Verwalter war noch am Leben Und befand sich beim Dienste nicht uneben, Denn er sorgte klug und weislich Wenig für'n Herrn und viel für sich.

18. Der Secretar war vor einigen Tagen Weil er todt war, zu Grabe getragen, Und also und dergestalt fand Sich diese wicht'ge Bedienung vacant.

19. Nun war der Verwalter ein alter Bekannter Von Hieronimi Eltern, und darum wandt' er Als ein treuer dienstfertiger Mann Alle Müh' für Hieronimus an,

20. Und hat ihn sehr kräftig recommandiret, Ihn darauf in Persona präsentiret Bei der Jungfer und beim alten Herrn Als einen fähigen Secretärn.

21. Es hat auch seine Person für allen Der Kammerjungfer nicht übel gefallen, Drum versprach sie ihm steif und fest Bei dem Herrn zu reden das Best'.

22. Er schien ihr beim ersten Anblick schon besser Als der vorige Schreiber, sein Antecesser; Denn Hieronimus war stark und lang, Der vorige aber war mager und krank.

23. Alldieweil er nun, wie gesaget, Der Kammerjungfer, als der Hauptperson, behaget, So gab auch der alte Herr sofort Dazu sein Fiat und adliges Wort.

24. Um ihm desto mehr Gnaden zu erweisen, Mußte er sogar diesmal mit ihm speisen, Und der Herr sprach mit freundlicher Stimm' Nach geendigter Mahlzeit zu ihm:

25. »Seine Pflicht soll darin bestehen, Daß Er nach Vieh und Gesinde muß sehen, Und als der geheime Secretär Schreibe, was etwa zu schreiben wär'.

26. Wird Er nun diese seine Amtspflichten Als ein braver Schreiber ausrichten; So geb' ich Ihm dafür alle Jahr Vierzig harte Reichsthaler baar.

27. Gefällt Ihm diese Bedingung, so bleib Er Bei mir, ^sub titulo^ als Hausschreiber, Und ich verspreche Ihm, wenn Er treu, Noch manche Accidenzien dabei;

28. Doch muß Er niemals probiren, Mit der Kammerjungfer zu haseliren; Denn solchen Unfug leide ich durchaus nicht, Das sage ich Ihm trocken ins Gesicht.

29. Der letzverstorbene Hausschreiber Sah gerne Mädchen und junge Weiber, Und es ward mir sogar kund, Daß er mit meiner Jungfer gut stund.

30. Ich hätte ihn prostituiret Und ohne viele Umstände cassiret; Weil er aber klein war und schwach, So sah ich ihm noch den Fehler nach.

31. Das Mädchen ist zwar schlau und witzig; Aber dabei verzweifelt hitzig, Und wie mir gar manchesmal däucht, Zu allerlei schlimmen Sachen geneigt.

32. Vor fünf Jahren, unvermuther Weise, Traf ich sie an auf einer Reise; Und ihr lustiges Wesen gefiel mir, Machte also meine Jungfer aus ihr.

33. Er wird übrigens, ohne zu fragen, Leicht schließen, was ich hiemit will sagen; Denn einmal vor allemal sage ich nu, Halte Er mit Amalien nicht zu!«

34. Hieronimus wäre nicht klug gewesen, Wenn er nicht, ohne viel Federlesen, Auf obige Bedingung geworden wär' Sehr gern der geheime Secretär.

35. Er trat also sein Amt an geschwinde, Und sah täglich nach Vieh und Gesinde, Schrieb auch auf öfters und viel, Was etwa zu notiren vorfiel.

36. Zum Exempel: eingekommene Pächte, Ausgegebenes Lohn für Mägde und Knechte, Der geschossenen Hasen und Rebhühner Zahl, Oder wenn man den Herrn bestahl;

37. Oder was der Hausadvocat bekommen, Oder der Richter extra genommen, Oder was auf dem Markte indeß Man gelöset an Butter und Käs'.

38. Oder wenn etwa der Hausschneider Der frommen Amalia ihre Kleider Unten und oben weiter gemacht, Oder die Kuh ein Kalb gebracht.

39. Oder wenn die Jungfer Unpäßlichkeit wegen Zur Ader gelassen, oder krank gelegen, Oder ein Huhn geleget ein Ei; Ausgaben und Einkünfte mancherlei.

40. Wenn auch etwa Briefe zu schreiben waren, So ließ der alte Herr, all's Schreibens unerfahren, Dem Herrn Secretär auch diese Müh', Und Hieronimus besorgte treulich sie.

41. Mit Hilfe von Talanders Briefsteller Ward er in Briefen fertiger und schneller, (Und dieses zwar gar in kurzer Zeit) Als je ein Schulmeister in der Christenheit.

42. In den übrigen Stunden ging er müßig, Aß, trank und schliefe überflüssig, So, daß er dieses Secretariat Sich lebenslänglich gewünschet hat.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Wie dem Secretär Hieronimo curiose Sachen vorkamen, und er weggejagt wurde.

1. Geneigter Leser! unsre alten Vorfahren Waren gewiß keine dummen Narren, Sie hatten vielmehr oftermal Einen klugen und gesunden Einfall.

2. Und sie haben in ihrem Leben Den Nachkommen viel gute Lehren gegeben, Mancher stets wahr befundener Spruch, Zeiget noch ihre Weisheit genug.

3. Es ist auch itzo fast in allen Landen, Unter andern ein altes Sprüchwort vorhanden, Dessen Gewißheit und Wahrheit man Noch täglich vor Augen sehen kann.

4. Nämlich: _wenn Einer soll können tragen Eine Last von lauter guten Tagen, So muß er mit sehr starkem Gebein Von der Natur versehen sein._

5. Dieses alten Sprüchworts Wahrheit Zeiget sich auch mit großer Klarheit Im gegenwärtigen Kapitel, schon früh, An dem Exempel Hieronimi.

6. Dieser lebte gleich einem Fürsten, Brauchte weder zu hungern, noch zu dürsten, Schlief früh ein und erhub sich spät Nach ruhigem Schlaf vom Federbett.

7. Es mangelte ihm folglich an keinem Stücke; Doch es war, zu seinem Ungelücke, Bewußtermaßen die Jungfer da, Welche er täglich verliebt ansah.

8. In ihren Mienen und ganzem Wesen Schien er deutlich zu können lesen, Daß sie in ihn den Secretär Ebenfalls sterblich verliebet wär'.

9. Oft auch, wenn er sie ganz nahe Mit Aufmerksamkeit ins Gesicht sahe, So that der Gedanke bei ihm entstehn, Als hätt' er sie vormals mehr gesehn.

10. Trotz dem Verbote des alten Herren Wagt' er's nun, ihr die Liebe zu erklären, Und so wurden sie bald so vertraut, Als wären sie Bräutigam und Braut.

11. Doch, in Gegenwart des alten Herren, Schien er ihrer gar nicht zu begehren, Und er nahm sich vor allem Verdacht Weislich und, so viel möglich, in Acht.

12. Aber, ohne desselben Willen und Wissen, Brachte in allerlei Scherzen und Küssen Manches geheimes Stündelein um Amalia mit dem Hieronimum.

13. Dieses des Hieronimi gutes Betragen That dem Mädchen trefflich behagen, Denn für die leere Schmeichelei Des Herrn hielt sie der Schreiber frei.

14. Er bekam auch dafür viel schöne Dinge, Dosen und Hemder, Schnallen und Ringe, Tücher, Manschetten, Strümpfe, Handschuh, Halsbinden, Mützen und mehr dazu.

15. Einst hatte er bei ihr, von Amts wegen, Ein Schreibergeschäfte abzulegen, Und da reichte sie ihm sogar Ein fürtreffliche Sackuhr dar.

16. Er hat sie gar dankbarlich angenommen, Doch gleich, als er sie in die Hand bekommen, Rief er: Potz tausend Element! Diese Sackuhr habe ich gekennt.

17. Amalia ward zwar betroffen, Doch gestund sie ihm sofort offen- herzig, sie habe von einem Student Sie ehmals erhalten zum Präsent.

18. _Wie's doch so wunderlich pflegt zu gehen, Das kann man itzo deutlich hier sehen,_ Erwiderte Hieronimus; _sicherlich! Dieser Studente war ich._

19. Und nunmehr haben sich beide besonnen, Daß schon vor fünf Jahren ihre Bekanntschaft begonnen, Und aus der gestohlnen Sackuhr Machte die Jungfer itzt Schnack nur.

20. Und sie haben beide herzlich gelachet Und über den Possen sich lustig gemachet, Daß nunmehr in die rechte Hand Sich die vermißte Uhr wieder fand.

21. Uebrigens war es kein sonderlich Wunder, Daß die Jungfer nicht im Hieronimus jetzunder, Als Candidaten und Secretär, Den vorigen Studenten kannte mehr.

22. Indessen machte diese lächerliche Affaire, Daß sich beide von nun an noch desto mehre, Zum Possen des alten Edelmanns, Geliebet haben von Herzen ganz.

23. Ihr Umgang ward also auf die Dauer Täglich vertrauter und genauer, Und ihr Löffeln und Buhlerei Trieben sie fast offenbar und frei.

24. War die Jungfer im Keller und Garten, So that der Herr Schreiber ihr aufwarten, Und in Küche, Kammer und Stall Folgte er nach ihr überall.

25. Sogar, wenn sie etwa nicht, von Pflichtwegen, Den alten Herrn mußte wärmen und pflegen: So brach sich Hieronimus den Schlaf ab, Und ihr nächtliche Visiten gab.

26. Auch bei dem Schreiben und Notiren That Amalia ihm treulich assistiren, Und befand sich ohne Unterlaß Bei ihm, wo er stand oder saß.

27. Sie gab ihm auch manch schönen Leckerbissen Von des Herren Tafel heimlich zu genießen, Und vom Kälberbraten und Wildpret Bekam er immer die Nieren und Fett.

28. Sie brachte ihm noch dabei unter- weilen manche Flasche Burgunder Heimlich aus dem Kellerhaus, Und Hieronimus trank sie aus.

29. So verstrichen in lauter Wollust die Tage Des Hausschreibers Hieronimi, und ich sage, Daß kein hochwürdiger Herr Prälat Jemals besser gelebet hat.

30. Es konnte sich aber dergestalten Dies Leben nicht lange so verhalten, Denn der alte gnädige Herr Merkte den Handel mehr und mehr.

31. Und anstatt daß er sonst gelachet, Hat er nun saure Gesichter gemachet, Und er gab deutlich genug zu verstehn, Die Sache müsse nicht länger so gehn.

32. Zum Ueberfluß führte er noch in aller Güte Dem Herrn Secretären zu Gemüthe, Daß, wenn er Amalien nicht künftig vermied, So ertheilte er ihm den Abschied.

33. Hieronimus versicherte auf seine Ehre, Daß nichts Schlimmes vorgegangen wäre, Und er wollte lieber hinfort Mit Amalia reden kein einziges Wort.

34. Wenn Er das thut, so kann Er bleiben, So lange Er will, und bei mir schreiben Lebenslang, als mein Secretär! Erwiderte nun der alte Herr.

35. Obgleich nun seit diesem Augenblicke Hieronimus die verliebten Tücke Mit der Jungfer heimlicher trieb, Und desto fleißiger notirte und schrieb:

36. So hat sich dennoch nach einigen Tagen Ein sonderlich Abenteuer zugetragen, Als der alte Herr, Abends spät, Schlaflos sich herumwälzte im Bett.

37. Und deßwegen, wie er wol zu thun pflegte, Einen Besuch bei Amalien ablegte, Damit sie durch ihre Freundlichkeit Ihm vertriebe die Schlaflosigkeit.

38. Da geschah alsbald ein groß Wunder; Denn er fand daselbsten itzunder, Daß schon Hieronimus, der Secretar, Bei der Jungfer im Bettlein war.

39. Himmel! Tausend Element! Potz Velten! Da ging es an ein Fluchen und Schelten, Und es wurde noch in derselbigen Nacht Hieronimus aus dem Hause gejagt.

40. Es half hier weder Bitten noch Flehen, Das Abenteuer war nun einmal geschehen, Und selbst die Kammerjungfer sogar Gerieth fast drob in große Gefahr.

41. Doch ihre listigen Schmeicheleien Thaten sie diesesmal noch befreien, Aber dem unglücklichen Candidat Zu helfen, war nun weiter kein Rath.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimus bei einer frommen Dame in Dienste kam, welche eine Betschwester war, und seiner in Unehren begehrte, und wie er von ihr weglief.

1. Die von Amalien erhaltenen Gaben, Hemder, Ringe, Schnallen ^et caetera^ haben Zwar wol noch eine kurze Zeit Den Hieronimus aus der Noth befreit.

2. Nachdem aber Alles verkauft und verzehret, Was ihm die gute Jungfer hatte verehret, So mußte er wieder ^nolens volens^, Zur Vermeidung Hungers und Elends,

3. Und um nicht vor Kummer zu sterben, Sich um eine neue Versorgung zu bewerben, Und sich desfalls irgendwo nun In eine gute Bedienung thun.

4. Nun lebte auf einem einsamen Schlosse Eine verwittibte Dame, die eine große Also genannte Betschwester war, Sie war alt und hatte schon graues Haar.

5. Brachte darum mit Beten und Singen, Und lauter andern geistlichen Dingen, Als eine sehr große Heiligin, Schon einige Jahre des Lebens hin.

6. Sie litte nicht die allermindeste Sünde An und bei ihrem sämmtlichen Gesinde, Und versammelte sie täglich zweimal, Zum Singen und Gebet, in ihrem Saal.

7. Sie bestrafte bei ihnen auf liebreiche Weise Das kleinste Vergehn mit Entziehung der Speise, Und hielte viel vom Fasten und Kastei'n Und von einem halben Nösel Branntewein.

8. Da nun, ohne Zweifel, zu zweien Sich besser läßt trinken und kasteien, Auch überhaupt in Gesellschaft Man singen kann mit größerer Kraft:

9. So hatte sie schon längst sich umgesehen, Einen frommen Menschen auszuspähen, Welcher ihr, sowol spät als früh, Möcht' leisten geistliche Compagnie.

10. Es waren nun zwar viele frommen Müßiggänger zu ihr gekommen, Und hatten, wie sich's ziemt und gebührt, Die geistlichen Dienste geofferirt;

11. Aber bisher hatte keiner von allen Das Glücke gehabt, ihr zu gefallen, Denn bald schien ihr der eine zu alt, Bald der andre zu jung noch, und bald

12. War einer zu mager, bald einer zu schwächlich, Bald einer ein Krüppel, oder sonsten gebrechlich, Bald einer stumm, taub, scheel oder blind, Oder ein häßliches Weltkind.

13. Hieronimus that es endlich wagen, Seine Dienste ihr anzutragen Als geistlicher Assistent, und, siehe da! Er gefiel ihr, sobald sie ihn sah.

14. Denn er war weder krank noch schwächlich, Weder stumm, taub, blind oder gebrechlich, Weder zu jung und weder zu alt, Auch eben nicht von magrer Gestalt.

15. Seine halbgeistliche Kleidung und Perücke Gefiel auch der Alten im Augenblicke, Und er versicherte derselben geschwind, Daß er wäre kein Weltkind.

16. Er mußte also bei so gestalten Sachen Die erste Probe noch heute machen, Und er wohnte mit großem Geschrei Der frommen, singenden Versammlung bei.

17. Hat auch, mit einem ernsthaften Wesen, Aus der Hauspostill eine Predigt gelesen Und that alles mit besonderm Anstand, Daß die Dame Vergnügen drin fand.

18. Durch ihn ward ihr frommer geistlicher Eifer Tagtäglich dann immer fester und steifer, Und ihr ohnedem geistlicher Sinn Mehr und mehr erbauet durch ihn.

19. Sie ließ sich auch von dem frommen Candidaten In allen ihren Handlungen leiten und rathen, Und so ward in kurzer Zeit hier Hieronimus der Liebling von ihr.

20. Wenn er sich zuweilen auch etwa verginge, Und sich ungeistlicher Dinge unterfinge: So übersah sie doch immer dies Als eine menschliche Schwachheit gewiß.

21. Er brauchte auch, ^pro poena^, solchergestalten Das sonst eingeführte Fasten nicht zu halten, Sondern er bekam vielmehr zum Trost Lauter leckere und gesunde Kost.

22. Champagner, Kaffee und Chocolade, Liqueurs, Mandelmilch, Limonade Bekam der fromme Hieronimus, Auch täglich zu trinken im Ueberfluß.

23. Er lebte also, mit einem Worte, Sehr vergnügt an diesem heiligen Orte, Wo er blos nur aß und trank, Und zuweilen las und sang.

24. Das Schlimmste war, daß er der frommen Dame Fast gar nicht aus den Augen kame; Denn sie hatte zu bilden im Sinn Einen recht frommen Menschen aus ihm.

25. Wenn er bei ihr im Canapee saße Und aus einem frommen Buch was vorlase: So streichelte sie das fromme Schaf, Und rief entzückt aus: das ist brav!

26. Oft schmiegte sie sich an seine dicken Wangen, Wenn sie mit einander ein Lied sangen, Und so lagen sie Arm in Arm, Und sangen so rührend, daß Gott erbarm!

27. Bei einem so vertraulichen Wandel, Merkte zuletzt Hieronimus den Handel, Daß es der alten Dame nun Um etwas mehr, als Singen zu thun.

28. Ob dieser so wichtigen Entdeckung Ueberfiel ihn eine heftige Schreckung. Und ob solcher großen Gefahr Saß er da fast sprachlos und starr.

29. Als er sich von der ersten Bewegung Erholet, dachte er, mit vieler Regung, An das vormals genossene Glück Mit der schönen Amalie zurück.

30. Diese war schön, lieblich und ohne Mängel, Die Dame hingegen häßlich, wie ein schwarzer Engel, Gelb, zahnlos, kahl, hager und grau, Kurz, eine unerträgliche Frau.

31. Nun hätte er sich sollen drücken Und in die Umstände einstweilen schicken, Und die Sache mit der alten Frau Nicht eben nehmen so genau;

32. Allein dies wollte ihm nicht passen, Er hatte also freiwillig sie verlassen, Und so blieb dann hinfort die Dame allein Mit ihrem Gesangbuch und Branntewein.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimus ein schlimmes und ein gutes Abenteuer hatte, und wie er einmal in seinem Leben eine kluge That verrichtet hat.

1. Hieronimus, ehe und bevoren Er die Abreis' von der alten Wittwe erkoren, Hat mit einem Beutel voll Geld sich schön Aus dem Kasten der Dame versehn.

2. Denn dafür, daß er gesungen und gebetet, Und von frommen Dingen geredet, Und die Caressen gehöret an, Mußte er billig ja etwas han.

3. Mit diesem Gelde that er nun wandern Von einer schönen Stadt zur andern, Und indem er also herumgeirrt, Lernte er kennen manchen Wirth.

4. Traf er etwa hin und wieder Schöne Quartiere und lustige Brüder, Oder eine gute Wirthin im Haus, So ruht er gemeinlich einige Tage aus.

5. Es hat sich aber einsmals begeben, Daß er auf seiner Wanderschaft gar eben, Als es schon war Nachmittags spat, In einer großen Schenke abtrat.

6. Es war das allerbeste Wirthshaus in Schwaben, Man konnte viel fordern und wenig haben, Und der Wirth war ein redlicher Mann, Schrieb gerne mit doppelter Kreide an.

7. Da waren ebenfalls, grade heute, Noch angekommen zwei fremde Leute, Welche Hieronimus, der Kleidung nach, Für reisende Handelsmänner ansach.

8. Zwaren hat gleich einer von ihnen Ihm, von Person, etwas bekannt geschienen, Wenn nur ein großes Pflaster nicht Verstellet hätte das halbe Gesicht.

9. Diese Herren haben gesellschaftlich indessen Mit dem Hieronimus getrunken und gegessen, Und in kurzem richtete drauf Hieronimus mit ihnen Freundschaft auf.

10. Denn der Mann mit dem Pflaster im Gesichte Erzählte manche spaßhafte Geschichte, Theils geschehen, und theils erdacht, Worob sich Hieronimus fast krank gelacht.

11. Auch Hieronimus hat ihnen erzählet Seine Begebenheit, und nichts verhehlet, Wie es alles gegangen wär' her, Als er war bei der Betschwester.

12. Sie haben über diese wunderlichen Sachen Ebenfalls recht herzlich müssen lachen, Und Hieronimus, bei dieser Gelegenheit, That mit dem eroberten Gelde breit.

13. Nachdem nun lustig und guter Dinge Der Tag dermaßen zu Ende ginge; So eilte Hieronimus Abends spät, Trunken vom Wein und Lachen, nach Bett.

14. Er war kaum in tiefen Schlaf begraben, Als sich die beiden Herren zu ihm begaben, Und sie nahmen fein säuberlich Den Beutel mit dem Gelde zu sich.

15. Als Morgens spät Hieronimus erwachte, Und gar nun nicht an was Böses gedachte, So fand er, beim Ankleiden von ohngefähr, Den Geldbeutel verschwunden, die Tasche leer.

16. Zwaren sahe er hier anfänglich Die Sache nicht eben für verfänglich, Sondern als eine Kurzweile an, Welche die lustigen Kaufleute gethan.

17. Als er aber nach ihnen fragte, Und der Herr Wirth ihm sagte: Es wären schon in aller Früh Diese Herren stille gereiset von hie.

18. Da gehub er an zu lamentiren Und großen Jammer und Klagen zu führen, Und für Ungeduld blieb fürwahr, In dem Kopfe kein einzig Haar.

19. Ob seinem ängstlichen Klagen und Harmen That sich der fromme Wirth bald erbarmen, Und hat für Alles, was er verzehrt, Weiter nichts, als seinen Rock begehrt.