Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen

Part 6

Chapter 63,214 wordsPublic domain

6. Wisse auch, daß eine runde Perücke Auf den geistlichen Kopf sich besser schicke; Denn diese lässet ehrwürdig und wohl, Ein struppichtes Haar und Zopf läßt toll.

7. Ich habe also mir vorgenommen, Um zu lassen den Schneider kommen, Damit dir dieser ein schwarzes Kleid Und einen Mantel noch mache heut.

8. Auch ist der Perückenmacher bestellet, Damit er, wenn es dir gefället, Zu deines Kopfes künftiger Zier Eine Perücke bringe dir.

9. Das wird ein ehrbares Ansehen dir geben, Es ist aber auch nöthig daneben, Daß du hinfüro nicht mehr so fluchst, Sondern auch geistlich zu leben suchst.

10. Hieronimus hörte zwar etwas spröde Seines alten Vaters vernünftige Rede, Doch ließ er sich endlich ebenfalls Alles gefallen und bereden all's.

11. Man sah ihn darauf, eh der Tag noch vergangen, Im schwarzen Kleide und Perücke prangen, Es war auch ein weißes Krägelein da, Gemacht von der Mutter ^manu propria^.

12. Geistlich staffirt vom Kopf bis zu'n Füßen, That er nun den Eltern kund und zu wissen, Daß er, zu predigen in dieser Livrei, Am künftigen Sonntag gesonnen sei.

13. Er hat sich auch treu des Versprechens entledigt, Und am folgenden Sonntag gepredigt, Und ohne einen sonderlichen Anstoß Ward er glücklich der Predigt los.

14. Denn, wie oben, Kapitel sechszehn, gehöret, Hatte ein Freund ihm eine Predigt verehret, Diese kam ihm vortrefflich zur Hand, Weil er sie ganz auswendig verstand.

15. Sie war gar vortrefflich componiret, Mit vielen erbaulichen Sprüchen gezieret, Und so voll vom gelehrten Tand, Daß sie Hieronimus selbst nicht verstand.

16. Auch sein äußerer Anstand war prächtig, Seine Arme und Hände bewegte er mächtig, Und der Stimme starker Tenor Drang den Zuhörern stattlich ins Ohr.

17. Es wurde übrigens von vielen hundert Zuhörern seine Predigt bewundert, Viele stießen die Köpfe an Und sagten: »das gibt ein ganzer Mann!

18. Wer Henker hätte das denken sollen, Daß so was einst hätte werden wollen Aus des Jobsens dummen Hieronimus? Er erregt ja Verwundernuß!«

19. Auch waren alle Verwandten gegenwärtig, Gafften Hieronimus an, der so fertig, Als hätte er längst gestanden im Amt, Sie erbauen konnte allesammt.

20. Aber, ich vermag nicht das Entzücken Der beiden guten Eltern auszudrücken, Denn sie hielten nun beiderseits Ihn für den größten Redner bereits.

21. Als nun der Gottesdienst verrichtet, Ward ein groß Freudenmahl angerichtet, Und in Senator Jobsens Haus Kamen alle Verwandten zum Schmaus.

22. Da hat man, während dem Mittagsessen, Nichts zu Hieronimi Lobe vergessen, Und man trank öfters zu dieser Zeit Aus großen Gläsern seine Gesundheit.

23. Es ward auch zu denselbigen Stunden Von der ganzen Versammlung für gut befunden, Daß bei obwaltenden Umständen nunmehr, Zu des Hieronimus größerer Ehr,

24. Er es nächstens müsse wagen Und sich zum Candidaten lassen schlagen, Damit er in optima Forma hie Werde Candidatus Ministerii.

25. Zwar wäre es dieserhalb wol vonnöthen Vorerst vors Examen hinzutreten, Doch bei der gezeigten Gelehrsamkeit Hätte dieses keine Schwierigkeit.

26. Um so mehr, da der hiesige Pfarrer schwächlich Wäre, so könnte Hieronimus gemächlich Und ohne allen Zank und Geschrei Antreten die erledigte Pfarrei;

27. Wenn es nämlich bald glücklich gelünge, Daß der Pfarrer den Weg alles Fleisches ginge, Denn seine kränkliche Constitution Ließe dieses fest hoffen schon.

28. Hieronimus vermochte so viel Gründen und Flehen Nunmehro nicht länger zu widerstehen, Er gab also, obgleich ängstlich genung, Dazu seine Einwilligung.

29. Er leerete übrigens zwar mit Vergnügen Manches großes Glas in starken Zügen, Doch wenn er ans künft'ge Examen gedacht, So hat ihm dieses ein Grausen gemacht.

30. Endlich suchte er seine traurigen Grillen Durch einen tüchtigen Rausch zu stillen, Obgleich sein Mißfallen der alte Jobs Bezeigte, durch ernsthaftes Schütteln des Kopfs.

Neunzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus zum Candidaten examinirt ward, und wie es ihm dabei erging.

1. Indeß ist es beim Entschlusse geblieben, Und nach wenigen Wochen hat man verschrieben Die ganze hochehrwürdige Klerisei Zu Hieronimus Examen herbei.

2. Jedoch, wie ihm ob solcher Gefahre, Des nahen Examens zu Muthe ware, Und sein gemachtes ängstliches Gesicht, Dies alles begreift der Leser nicht.

3. Es wäre also solches zu schildern vergebens. Die fürchterlichste Stunde seines Lebens, Nahte nunmehro endlich herzu; Ach! du armer Hieronimus, du!

4. Nenne mir nun, Jungfer Muse, die Namen Der geistlichen Herrn, welche zum Examen Aus jeder Gegend der Schwäbischen Welt Am bestimmten Tage sich eingestellt.

5. Der erste war der _Herr Inspector_, In der Lehre stark wie ein andrer Hector, Ein stattlicher dickgebauchter Mann; Man sah ihm gleich den Inspector an.

6. Seine Verdienste schafften ihm diese Würde; Er trug übrigens seines Amtes Bürde Geduldig und mit gar frohem Muth Und aß und trank täglich gut.

7. Nach ihm kam der _geistliche Assesser_, Ein Mann von Person zwar etwas größer, Doch an Körper und Waden dünn Und von etwas mürrischem Sinn.

8. Er triebe nebst der geistlichen Sache Verschiedene Stücke aus dem ökonomischen Fache Und trank nur Bier und schlechten Wein, Denn seine Einkünfte waren klein.

9. Auch Herr _Krager_, ein Mann von hohen Jahren, In den Kirchenvätern sehr wohl erfahren, Die er, so oft die Gelegenheit kam Seinen Satz zu erweisen, hernahm.

10. Auch Herr _Krisch_, ein Mann von guten Sitten, Ungemein stark in Postillen beritten; Wobei er sich so gut und noch besser befand Als der beste Pfarrer im Schwabenland.

11. Auch Herr _Beff_, ein weidlicher Linguiste, Und im Leben und Wandel ein ziemlicher Christe, Im Vortrag ein ewiges Einerlei, Doch niemals gegen Orthodoxei.

12. Auch Herr _Schrei_, stark in der Rede, Weder in Gesellschaft noch auf der Kanzel blöde, Lebte übrigens munter und frisch Mit seiner Köchin exemplarisch.

13. Auch Herr _Plotz_, ein Mann wie ein Engel, Er hatte zwar in der Jugend viele Mängel, Nachdem er aber sein Amt trat an, Ward er ein gar frommer Mann.

14. Er hielte seine hochgeliebte Gemeine Von allen Lastern und bösem Wesen reine, Und strafte zur Zeit und zur Unzeit Alle und jede, doch nach Gelegenheit.

15. Auch Herr _Keffer_, nie müde in Lehr' und Strafen, Er nahm sich treulich an seiner Schafen, Doch fande sich in der Heerde sein Mancher hartnäckige Bock mit ein.

16. Oft war er, um sie zurechte zu führen, Er deshalb genöthiget zu processiren, Denn er verstand die Jura, in der That, So gut als der beste Advocat.

17. Außer diesen obengenannten kamen Noch mehr geistliche Herren zum Examen, Die ich nicht alle Mann für Mann Sogar genau mehr nennen kann.

18. Als nun die ganze geistliche Schaare Der hochehrwürdigen Herren beisammen ware, So setzten, ^praemissis praemittendis^, Sich alle um einen großen Tisch.

19. Hieronimus trat mit Zittern und Zagen Vor die sämmliche Gesellschaft der weißen Kragen Und scharrete ihnen demüthig den Gruß. O weh dir! o weh dir! Hieronimus!

20. Zuvorderst erkundigten die Examinatores Sich nach seinen bisherigen Sitten und Mores Und fragten ihn bald, ob er auch hätt' Ein Zeugniß von der Universität?

21. Hieronimus, ohne sonderliche Umstände, Gab das Attest in des Inspectors Hände, Welcher dasselbe alsbald dann luß; O weh dir! o weh dir! Hieronimus!

22. Es war zwar, wie oben schon angeführet, In Latein und Griechisch concipiret, Folglich zu lesen ein schweres Stück; Doch verstand zu allem Ungelück

23. Der Inspector etwas von den Sprachen, Um hier die nöthigste Dollmetschung zu machen; Denn für jeden andern geistlichen Herr War die Uebersetzung zu schwer.

24. Damit nun hier nichts möge fehlen, Will ich dem geneigten Leser erzählen, Was eigentlich in dem Attestat Von Wort zu Wort gestanden hat.

25. Zuerst Name und Titel vom Professer Und in drei Buchstaben etwas größer Wünschte er, durch ^L. B. S.^ dem ^Lectori Benevolo Salutem^!

26. _Sintemal und immaßen drei Jahre Und einige Wochen hieselbst ware Herr Hieronimus Jobsius Als Theologiä Studiosus;_

27. _Derselbe aber abzureisen nunmehro Ernstlich ist gesonnen, und dero- halben um ein schriftlich Attestat Mich geziemendermaßen bat:_

28. _So habe ich nicht unterlassen können, Ihme solches schriftliches Zeugniß zu gönnen: Daß derselbe alle viertel Jahr Bei mir einmal im Collegio war._

29. _Ob er sich sonst des Studirens privatim beflissen, Wird ihm wol sagen sein eigen Gewissen, Dann in diesem schriftlichen Bericht Behaupte und zeuge ich solches nicht._

30. _Und von seinem sonstigen Betragen Wäre zwar nicht viel Gutes zu sagen, Allein die christliche Liebe will, Daß ich davon schweige still._

31. _Uebrigens wünsch' ich ihm auf alle Weise Hiedurch eine glückliche Abreise, Und der gütige Himmel leite ihn Künftig zu allem Guten hin!_

32. Was man für große Augen gemachet, Und daß Herr Hieronimus nicht gelachet, Als man den Inhalt fand dergestalt, Ein solches begreifet der Leser alsbald.

33. Indeß ist es für diesmal geschehen, Daß man die Sache hat übersehen, Und man redete von dem Attest Aus christlicher Erbarmung und Liebe das Best'.

34. Denn die Herren dachten weislich zurücke, Daß sie auch wol viele lustige Stücke Auf Academien getrieben vor dem; Man schritte also weiter ^ad rem^.

35. Der Herr _Inspector_ machte den Anfang, Hustete viermal mit starkem Klang, Schnäuzte und räusperte auch viermal sich Und fragte, indem er den Bauch strich:

36. _Ich, als zeitlicher ^pro tempore^ Inspector, Und der hiesigen Geistlichkeit Director, Frage Sie: ^Quid sit Episcopus?^_ Alsbald antwortete Hieronimus:

37. Ein Bischof ist, wie ich denke, Ein sehr angenehmes Getränke Aus rothem Wein, Zucker und Pomeranzensaft Und wärmet und stärket mit großer Kraft.

38. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes; Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern ^secundum ordinem^.

39. Nun hub der _Assessor_ an zu fragen: _Herr Hieronimus! thun Sie mir sagen, Wer die Apostel gewesen sind?_ Hieronimus antwortete geschwind:

40. Apostel nennet man große Krüge, Darin gehet Wein und Bier zur G'nüge, Auf den Dörfern und sonst beim Schmaus Trinken die durstigen Bursche daraus.

41. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes, Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern ^secundum ordinem^.

42. Nun traf die Reihe den Herrn _Krager_ Und er sprach: _Herr Candidat! sag' Er, Wer war der heilige Augustin?_ Hieronimus antwortete kühn:

43. Ich habe nie gehört oder gelesen, Daß ein andrer Augustin gewesen, Als der Universitätspedell Augustin, Er citirte mich oft zum Prorector hin.

44. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes, Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern ^secundum ordinem^.

45. Nun folgte Herr _Krisch_ ohn Verweilen Und fragte: _Aus wie vielen Theilen Muß eine gute Predigt bestehn, Wenn sie nach Regeln sollte geschehn?_

46. Hieronimus, nachdem er sich eine Weile Bedacht, sprach: die Predigt hat zwei Theile, Den einen Theil Niemand verstehen kann, Den andern Theil aber verstehet man.

47. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes, Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern ^secundum ordinem^.

48. Nun fragte Herr _Beff_ der Linguiste: _Ob Herr Hieronimus auch wol wüßte, Was das hebräische Kübbuz sei?_ Und Hieronimus antwortete frei:

49. Das Buch, genannt Sophiens Reisen Von Memel nach Sachsen, thut es weisen, Daß sie den mürrischen Kübbuz bekam, Weil sie den reichen Puff früher nicht nahm.

50. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes, Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern ^secundum ordinem^.

51. Nun kam auch an den Herrn _Schreie_, Den Hieronimus zu fragen die Reihe, Er fragte also: _Wie mancherlei Die Gattung der Engel eigentlich sei?_

52. Hieronimus that die Antwort geben: Er kenne zwar nicht alle Engel eben, Doch wär ihm ein blauer Engel bekannt Auf dem Schild an der Schenke, zum Engel genannt.

53. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes, Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern ^secundum ordinem^.

54. Herr _Plotz_ hat nun fortgefahren Zu fragen: _Herr Candidate! wie viel waren ^Concilia oecumenica^?_ Und Hieronimus antwortete da:

55. Als ich auf der Universität studiret, Ward ich oft vor's Concilium citiret, Doch betraf solches Concilium nie Sachen aus der Oeconomie.

56. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes, Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern ^secundum ordinem^.

57. Nun folgte Herr _Keffer_, der geistliche Herre, Seine Frage schien zu beantworten sehr schwere, _Sie betraf der Manichäer Ketzerei, Und was ihr Glaube gewesen sei?_

58. Antwort: Ja, diese einfältigen Teufel Glaubten, ich würde sie ohne Zweifel Vor meiner Abreise bezahlen noch, Ich habe sie aber geprellet doch.

59. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes, Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern ^secundum ordinem^.

60. Die übrigen Fragen, welche man proponiret, Lasse ich hier aus Mangel des Raums unberühret; Denn sonst machte das Protocoll Wol mehr als sieben Bogen voll.

61. Sintemal man noch Vieles gefraget, Worauf Hieronimus die Antwort gesaget Auf obige Weise Stück vor Stück Aus Dogmatik, Polemik und Hermeneutik.

62. Imgleichen sonst noch manche Sachen Aus der Kirchenhistoria und Sprachen, Und was man einen geistlichen Mann Sonst wo zur Prüfung noch fragen kann.

63. Ueber alle Antworten des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes, Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern ^secundum ordinem^.

64. Als nun die Prüfung zu Ende gekommen, Hat Hieronimus einen Abtritt genommen, Damit man die Sache nach Kirchenrecht In reife Ueberlegung nehmen möcht':

65. Ob es mit gutem Gewissen zu rathen, Daß man in die Klasse der Candidaten Des heiligen Ministerii den Hieronimum aufnehmen könn'.

66. Es ging also an ein Votiren, Doch ohne vieles Disputiren Ward man einig alsobald: Es könne zwar dermal und solchergestalt

67. Herr Hieronimus es gar nicht verlangen, Den Candidaten-Orden zu empfangen, Jedoch aus besondrer Consideration Wollte man stille schweigen davon.

68. Es hat auch wirklich in vielen Jahren Kein Fremder davon etwas erfahren, Sondern Jedermann hielt früh und spat Den Hieronimum für einen Candidat.

Zwanzigstes Kapitel.

Wie der Autor gar demüthiglich um Vergebung bittet, daß das vorige Kapitel so lang gewesen und wie er verspricht, daß das gegenwärtige Kapitel desto kürzer sein sollte. Ein Kapitel, wovon die Rubrik länger ist, als das Kapitel selbst, und welches, unbeschadet der Geschichte, wol hätte wegbleiben können.

1. Ich bitte um Verzeihung alle, die mich lesen, Daß voriges Kapitel so lang gewesen, Dabei soll auch dieses Kapitelein, Lieber Leser! desto kürzer sein.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Wie Vater Jobs der Senator dem Hieronimo eine Strafpredigt halten thät, und wie er vor Verdruß stirbt.

1. Nun hätte man sollen das Lärmen sehen, Was da in Jobsens Hause geschehen, Weil es, wie gesagt, nicht allerding Mit dem Examen nach Wunsche ging.

2. Aber was that denn des Hieronimi Vater? Lieber Leser! du magst wol fragen: was that er? Er gerieth drob in gar großen Grimm, Und sagte zu seinem Sohne: »du Lüm-

3. mel! hab' ich drum so viel angewendet Und ganze Hände voll Geld verschwendet, So daß fast worden zum armen Mann, Und habe itzt nur Verdruß daran?

4. Hättest du fleißiger gestudiret Und dich rechtschaffener aufgeführet, So wärst du itzo nunmehro hie Ein Candidatus Ministerii!

5. Und bekämest bald eine gute Pfarre; Aber du bist nun ein ungelehrter Narre, Der nichts von der Theologie versteht Und sein Leben lang brodlos geht!

6. Deine Mutter und ich hofften beide An dir zu erleben viele Freude, Und nun haben wir bittern Verdruß Ob dich bösen Hieronimus!

7. Alles was du vormals mir geschrieben, Als hättest du die Studia getrieben, Und wärest von allen der Fleißigste, Sind lauter Lügen, wie ich nun seh.

8. Auch was du vom Privatissimo Und zehn Stunden im Collegio, Von der Professoren Zufriedenheit, Vom Theetrinken in der Einsamkeit;

9. Item, von den vielen gelehrten Dingen, Wovon dir der Kopf wollte zerspringen, Vom Meditiren bis in die Nacht Und sonst noch etwa hast vorgebracht;

10. Auch daß dein Magen vom vielen Sitzen und Lesen Geschwächet und verdorben gewesen, Das alles ist, wie sich's nun befind't, Nichts gewesen, als Lügen und Wind.

11. Hätte ich doch ehmals unsers frommen Rectors guten Rath angenommen, Der es deutlich genug sagte mir: Es würde niemals etwas Gutes aus dir!

12. So wäre das viele Geld ersparet Und manches Kapital rund bewahret, Das du, böser, unnützer Knecht! Auf der Universität verzecht.«

13. So war ungefähr die Predigt beschaffen, Die der Alte hielte, den Sohn zu bestrafen, Und er hätte im ersten Affect, Fast den Hieronimus mit Prügeln bedeckt.

14. Weil indessen Zürnen und Schelten Für die Gesundheit zuträglich ist selten, So fiel auch den guten alten Mann Gleich eine heftige Krankheit an.

15. Denn er litte oft in gesunden Tagen Vom schmerzlichen Podagra viele Plagen; Sein Rathsherrnstand, guter Appetit und Ruh Disponirten den Körper dazu.

16. Nun aber verließen ihn plötzlich die Schmerzen Und das Podagra trat ihm zum Herzen, Und nach vierundzwanzig Stunden Zeit Wanderte er aus der Zeitlichkeit.

17. Alles im Hause rang nun die Hände Und des Klagens und Jammerns war kein Ende, Daß Hieronimus selbst sogar Kaum darüber zu trösten war.

18. Der Leser möchte vielleicht gähnen, Wenn ich diese traurigen Scenen Näher beschrieb, ich lasse drum nun Den Senator Jobs in Frieden ruhn.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimus beinahe ein Informator eines jungen Barons geworden wäre.

1. Obgleich nunmehro schon vierzehn Tage Der alte Senator Jobs im Grabe lage; So dachte doch noch dann und wann Die Wittwe Jobsen an den seligen Mann.

2. Hieronimus bekam indessen sein Futter Bisher noch zu Hause von der Mutter, Und hätte in solchem Müßiggang Zugebracht gerne sein Leben lang;

3. Wenn ihm nicht wäre der Vorschlag geschehen, Sich nunmehro anderswo umzusehen, Wo er in der Zukunft bequem Seinen Unterhalt gebührlich hernähm.

4. Denn die Hoffnung, eine Pfarre zu bekommen, War dem armen Schelm gänzlich benommen, Nachdem die gelernte Predigt einmal Gehalten war auf den Dörfern überall.

5. Sintemal nun manche große Geister Ihr Glücke gemacht als Hofmeister, So fiel es auch dem Hieronimus ein, Irgendwo Hofmeister zu sein.

6. Das Glück schien ihm nicht ungeneiget, Denn es hat sich ohngefähr gezeiget Nach etwa dreier Monate Zeit Für ihn eine schöne Gelegenheit.

7. Denn ein benachbarter Herr von Adel Suchte einen Informator ohne Tadel, Für billige Kost und acht Gulden Lohn Bei dem jungen Baron, seinem einzigen Sohn.

8. Religion, Sitten, fünferlei Sprachen, Schreiben, Rechnen und dergleichen Sachen, Philosophie, Physik, Geographie, Mathematik, Historie, Poesie,

9. Zeichnen, Musik, Tanzen, Fechten, Reiten ^Et caetera^, waren blos die Kleinigkeiten, Welche für die acht Gulden Lohn Lernen sollte der junge Baron.

10. Es ließen also Ihro Gnaden Den Candidaten Hieronimus zu sich laden, Und fragten: ob er für die acht Gulden Lohn Uebernehmen wollte die Information?

11. Hieronimus antwortete: Gnädiger Herre! Das Informatoramt ist sauer und schwere, Und es wären acht Gulden schier Viel zu weniges Lohn dafür;

12. Doch, um Eure Gnaden zu gefallen, Entschließe ich mich sofort zu allen, Und nehme den jungen Herrn Baron Gleich in meine Information.

13. Der Handel war also nun getroffen, Bis sich zuletzt wider alles Verhoffen Noch eine kleine Schwierigkeit fand, Welche bloserdings darin bestand:

14. Ob auch Hieronimus in den verlangten Sachen Die erforderliche Probe könne machen, Welche für die acht Gulden Lohn Lernen sollte der junge Baron?

15. Da hat sich aber balde gewiesen, Daß Hieronimus von allen diesen Sachen selbst nichts gewußt, die von Ihm lernen sollte der junge Baron.

16. Er ward also in Frieden entlassen, Und zog wieder heim seine Straßen, Und verwünschte die Information Zum Henker, mit dem jungen Baron.

17. Ihro Gnaden aber suchten kreuz und queere, Ob ein andrer aufzutreiben wäre, Welcher für die acht Gulden Lohn Uebernähme die Information.

18. Ob er für die acht Gulden bis zu heutigen Stunden Einen solchen gelehrten Informator gefunden, Ist etwas, das ich nicht sagen kann, Es geht mich auch in der That nichts an.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimus ein Hausschreiber ward bei einem alten Herrn, welcher eine Kammerjungfer hatte, mit Namen Amalia, und wie er sich gut aufführte bis im folgenden Kapitel.