Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen

Part 3

Chapter 33,360 wordsPublic domain

5. Weil ich nun die preiswürdige Gabe Zu dichten vom Sanct Apoll erhalten habe, So habe, statt daß man sonst in Prosa erzählt, Dafür einen sehr schönen Reim erwählt.

6. Wenn ich aber nach rechtem Maß und Ehle, Gleich nicht Alles, wie's sich ziemt hätte, erzähle, So weiß doch der _geneigte Leser_ schon, Daß man so was nennt _Volkston_.

7. Von meinem Aeltervater Hans Sachsen Ist mir die Kunst zu reimen angewachsen, Drum lieb' ich so sehr die Poesie Und erzähl' Alles in Reimen hie.

8. Man brauchet gar nicht darob zu spotten, Die Verse meines Vetters, des Wandsbecker Boten, Bleiben gewiß noch weit zurück Hinter den Versen aus meiner Fabrik.

9. Ich habe mich zugleich emsig bemühet, Wie der _geneigte Leser_ mit Augen siehet, Daß das Büchlein, wie sich's gebührt, Mit schönen Figuren würde geziert.

10. Konnte aber nicht neue Kupfer bekommen, Hab' sie also anderswoher oft genommen, Doch passen selbige von ohngefähr, Wie man findet, genau hierher.

11. Sind zwar nicht Chodowieckis Gemächte, Können jedoch, wie ich fast gedächte, Noch immer, wie jene gut genug, Durch die arge Welt helfen das Buch.

12. Und ob die Bilder gleich nicht sind die feinsten, So sind die Verse ja auch nicht die reinsten; Und darum ist's ja löblich und gut, Daß eins mit dem andern harmoniren thut.

13. Nun, mein Büchlein, ich will's nicht hindern, Geh, ohne mich, zu den Menschenkindern; Manches Büchel, nicht besser als du, Eilt ja jährlich den Messen zu!

14. Hiemit will ich förmlich nun legen, Kraft meiner Finger und von Autors wegen, Als dein zärtlicher Vater gar mildiglich Meinen Segen, liebes Büchlein! auf dich.

15. Der Himmel wolle dich fein lange bewahren, Vor Kritiken, Motten und Fidibus-Gefahren, Und was etwa noch sonst für Noth Denen gedruckten Büchelchen droht!

16. Du müssest in- und außerhalb Schwaben, Deinem Vaterlande, viele Leser haben; Damit Schrift, Papier und Druckerei Nicht, Gott behüte mich! verloren sei.

17. Allen und Jeden, die lesen und bezahlen, Melde meinen Gruß zu tausend Malen, Und jedem hochweisen Herrn Recensent Vermelde insonders mein Compliment.

18. Sag' ihnen, doch demüthig, wie sich's gebühret, S' hätten gepriesen und gerecensiret Manches geringe Büchlein hoch, Viel elender geschrieben als du noch.

Zweites Kapitel.

Von den Eltern unsers Helden und wie er geboren ward, und von einem nachdenklichen Traum, den seine Mutter hatte.

1. Eh' ich weiter gehe, muß ich etwas melden Von den beiden Eltern unsers Helden, Auch noch ein oder anders Wort, Von seinem wahren Geburtsort.

2. Und zwar war es ein Städtlein in Schwaben, Wo seine Eltern gewohnet haben, Alda sein Vater, Hans Jobs, ohne Gefahr _Erster_ ehrwürdiger Rathsherr war.

3. Er war reich, hatte Schafe, Kühe und Rinder, Auch außer unserm Helden noch viele Kinder, Sowol von männlich- als weiblichem Geschlecht, Und lebte übrigens schlecht und recht.

4. Hatte dabei einen kleinen Weinhandel, War aufrichtig im Leben und Wandel, Und sowol im Rathhaus als daheim fromm, Dabei auch ein großer Oekonom.

5. Er war von Religion ein ächter Lutheraner, In der Philosophie aber nicht Kartesian- noch Wolfianer, Weil er überhaupt weder _Kartes, Wolf_ oder _Kant_ Noch sonst eigentlich Philosophie verstand.

6. Jedoch hatte er ein wenig studiret Und ein Jahr lang das Gymnasium frequentiret, Wußte folglich in so weit viel mehr Als sonst gewöhnlich ein hochweiser Rathsherr.

7. Er lieh gern Dürftigen und Elenden, Wenn sie Etwas hatten zu verpfänden, Nahm höchstens zwölf Procent davon Und war sehr dick und klein von Constitution.

8. Aß übrigens und trank nach Appetite Und bei seinem phlegmatischen Geblüte, Rauchte er manche Pfeife Tabak, Und fand am Zeitungslesen Geschmack.

9. Doch oft litte er von überlaufender Galle An einem starken podagrischen Anfalle, Doch hinderte ihn dieses niemals nicht Zu verrichten als Rathsherr seine Pflicht.

10. Die Mutter war von ehrsamem Stande, Die beredtsamste Frau im ganzen Schwabenlande, Groß und hager und tugendsam Und so sanftmüthig als ein Lamm.

11. Doch, wie es in den allermeisten Ehen Leider! nicht selten pfleget zu geschehen, Hatte sie im Hause dann und wann, Bei Gelegenheit, die Hosen an.

12. Dies gab nun zwar, wie leicht zu gedenken, Zuweilen kleine Händel und Gezänken; Im übrigen aber liebte sich Dieses theure Paar gar zärtlich.

13. Sie hatten nun seit etlichen Jahren Die Geburt mehrerer Kinder schon erfahren, Doch geschahe es abermals zur Hand, Daß sich Frau Jobs wieder schwanger befand.

14. Als sie nun nach etwa neun Monaten sahe, Daß die Zeit ihrer Entbindung sich nahe: So machte gedachte Frau Jobs alsbald Zur Niederkunft die gehörige Anstalt.

15. Ehe ich aber nun weiter hier dichte, Erzähl' ich erst eine besondere Geschichte, Oder einen Traum dieser Frau vielmehr, Welcher allerdings gehört hieher.

16. Die Erfahrung lässet manches Mal sehen, Daß die Träume gewiß nicht zu verschmähen, Lieber Leser! das glaube mir, Du siehst davon ein Exempel hier.

17. Einst nämlich lag Frau Jobsen im Bette, Und es kam ihr im Traum vor, als hätte Sie ein gewaltiges großes Horn, Statt eines kleinen Kindleins, geborn.

18. Dieses Horn nun tönte und krachte So mächtig, daß sie darob erwachte, Und sie hat, seitdem sie erwacht, Oefters darüber nachgedacht.

19. Eine Frau, welche sie über die Deutung gefraget, Hat ihr damals zu ihrem Troste gesaget: Es zeige deutlich der Traum an, Daß ihr Kind werde ein gewaltiger Mann.

20. Und daß seine Stimme ihn würde ernähren, Er würde sie als Pfarrer lassen hören; Denn das beweise klärlich und schön Das große Horn mit seinem Getön.

21. Doch wir wollen uns hieran nicht kehren, Die Zukunft wird die Bedeutung wol lehren, Wenn das Kind zu seinen Jahren wächst. Ich schreite nun wieder zum Text.

22. Die Mutter legte nun Windel und Hemder Zurechte, und am dreißigsten September Wurde dieselbe zu rechter Zeit Durch die Geburt eines Knäbleins erfreut.

23. Welch ein Vergnügen gab dies dem Vater! Himmel! wie freute sich der Senater! Und wie sprang er nicht, als er da Das artige Büblein zur Welt sah.

Drittes Kapitel.

Wie Frau Kindbetterin Jobsen einen Besuch von ihren Freundinnen bekam, und was Frau Gevatterin Schnepperle dem Kinde geprophezeit hat.

1. Frau Jobsen war also, wie eben gesprochen, Mit dem jungen Jöbslein in den Wochen, Er selbst lag eingewickelt neben ihr da, Schlief, und wußt' nicht, wie ihm geschah.

2. Wie voll Jubel Alles im Hause gewesen, Das läßt sich nicht Alles genau lesen; Verwandte und Nachbarn nahmen am Heil Auch, wie leicht zu erachten ist, Theil.

3. Täglich war in der Wochenstube Lärmen, Als wenn im Maimonate Bienen schwärmen Und es ging immer sum, sum, sum Ums Wochenbette lustig herum.

4. Es waren jetzt genau drei Tage, Seitdem die Mutter im Wochenbette lage, Als zum Kaffee auf den Nachmittag, Ein ganzer Schwarm Frauen ihr zusprach.

5. Und zwaren von allen diesen Madamen, Die auf den Kaffee zu Frau Jobsen kamen, Zeichnete sich bei dem braunen Schmaus Frau Schnepperle durch Beredsamkeit aus.

6. Der Vater des Jöbschens war ihr Vetter; Zuerst sprach die Gesellschaft vom Wetter Und von dergleichen Sachen mehr, Die wichtig sind in das Kreuz und die Quer.

7. Darauf forschte man, wie sich Frau Kindbetterin befinde? Erkundigte sich auch nach dem jungen Kinde: Ob's mit Appetit den Futterbrei Genösse und fein stille sei?

8. Man that ihm hierauf nach der Reih' die Ehre, Hob es auf, rühmte seine Größe und Schwere, Und bewunderte einmüthig weit und breit Seine mehr als gemeine Artigkeit.

9. »Meine hochgeehrte Frau Base!« Schnatterte Frau Schnepperle, etwas durch die Nase, »Das Kind wird wahrlich ein gelehrter Mann, Ich seh's ihm an seinem Gesichte an.

10. Habe neulich ein schönes Buch gelesen, Als ich auf der Rathsbibliothek gewesen, Welches von der Kunst Physiognomei Handelt, und was davon zu halten sei;

11. Darin stunden schrecklich viele Gesichter, Gelehrte, dumme, fromme Bösewichter, Silhouetten von feiner und schlimmer Gestalt, Auch Köpfe von Thieren, jung und alt.

12. Wenn ich etwa nicht unrecht gesehen, So glaub' ich daraus zu verstehen, Daß ein solches verkehrtes Gesicht Viel zukünftiges Genie verspricht.

13. Und wollte schier gewiß versichern: Das Kind geht einst um mit Büchern; Und ist wol gar zum Pfarrer bestimmt, Wenn es künftig zu Jahren kümmt.

14. Seine starke Stimme scheint es anzuzeigen, Daß es einst werde die Kanzel besteigen.« (Notabene: Der kleine Jobs schrie hier just, Gerade als wenn er es hätte gewußt.)

15. Die Frau Schnepperle sprach noch viel Worte, Sie gehören aber nicht an diesen Orte. Alle Frauen fielen mit großem Geschrei Der Rede der klugen Frau Schnepperle bei.

16. Nachdem nun die Visite war zu Ende, Reichten sie alle der Frau Jobsen die Hände, Dankten für alle genossene Ehr' Und gingen hin, wo sie gekommen her.

17. Die Wöchnerin bekam zwar vom Lärm Kopfschmerzen, Nahm aber die Rede der Frau Schnepperle zu Herzen; Zumal da diese im Ruf stand, Als wäre ihr was von der Magie bekannt.

Viertes Kapitel.

Wie das Kindlein getauft ward, und wie es _Hieronimus_ genannt ward.

1. Als noch einige Tage waren vergangen, Schien das Kind die Taufe zu verlangen, Indem es immer erbärmlich schrie Und seiner Mutter machte viel Müh'.

2. Es half davor weder Brust noch Süppchen Noch ein im Munde gestecktes Zuckerpüppchen, Sondern es rief in einem fort, Daß Niemand hören konnt' sein eigen Wort.

3. Man machte drum in Senator Jobsens Hause Anstalten zum Kindtaufenschmause Und schleppte der Speisen mancherlei Zum morgenden Tractamente herbei.

4. Auch wurden Torten, Kuchen und mehr Sachen Zum Nachtische bereitet und gebachen, Auch an Wein, und Tabak und Bier War gewiß kein Mangel hier.

5. Gevattern, Freunde und Verwandte, Hebamme, Nachbarn und Bekannte Stellten sich darauf artig und fein, Zur gehörigen Stunde ein.

6. Auch Küster und Pfarrer mit dem Formulare, Wie leicht zu gedenken ist, da ware; Imgleichen ein ganzer hochweiser Senat Sich zeitig dabei eingefunden hat.

7. Es waren auch sonst noch viele Gäste Auf diesem großen und hohen Feste, Und ich sag' es zu Jobsens Ehr': Es ging Alles fein ordentlich her.

8. Jedoch that sich ein Disput erheben, Was man dem Kind für einen Namen wollt' geben: Heinz, Kunz, Matz, Peter oder Hans, Diez, Jost, Hermann oder Franz.

9. Von diesen sonst schönen Namen allen Wollte keiner allgemein gefallen, Und es würde gewiß noch zuletzt Haben nicht geringe Händel gesetzt.

10. Der Pfarrer aber, als ein kluger Herre, That den Ausspruch, daß es rathsam wäre, Bei diesem Zwist im Kalender zu sehen, Was am Geburtstag möcht' für ein Name stehen.

11. Es ward also, ohne weiter zu fragen, Vom Küster der Kalender aufgeschlagen, Und man fand darauf ohne Müh' Den Namen des heiligen Hieronimus hie.

12. Solcher kluger Rath hat gleich Allen, Sowol Gevattern, als Eltern gefallen; Und man faßte also in pleno den Schluß, Das Kind sollte heißen Hieronimus.

13. Nachdem nun der wichtige Handel geschlichtet, Ward der Actus vom Herrn Pfarrer verrichtet, Und zwar nach dem gewöhnlichen Fuß, Und nun hieß das Kind _Hieronimus_.

14. Alles Uebrige ging ruhig und schöne, Pfarrer und Küster thaten sich recht bene, Und es wurde fast die halbe Nacht Gegessen, getrunken, geraucht und gelacht.

Fünftes Kapitel.

Womit sich das kleine Kind Hieronimus beschäftiget hat.

1. So lang Hieronimüschen in Windeln geblieben, Hat er sich die Zeit damit vertrieben, Daß er schlief, aß, sog oder trank, Oder zuhörte der Mutter Wiegengesang.

2. Und zwar schlief, aß, sog und trank er nicht minder, Als sonst zu thun pflegen zwei oder drei Kinder; Wurde dabei recht fleißig gewiegt, War aber bei dem allen noch nicht vergnügt.

3. Sondern lärmte schier oft ganze Tage Und erhub in der Wiege bittere Klage, Als wenn ihn was Großes hätte gequält, Obgleich dem Schreier gar nichts gefehlt.

4. Einige kluge Leute wollten behaupten, Als wenn sie nicht ohne Ursache glaubten, Daß etwa eine Behexerei (Mit Respect zu melden) im Spiele sei.

5. Drob ward oft der Arzt herbeigeführet Und die Hebamme consuliret, Und manches Rhabarbartränklein Auch wol Mohnsaft gegeben ein.

6. Er war also seiner Mutter fast beschwerlich, Indeß befand er sich dabei gar herrlich, Wuchs, und ward mit jedem Augenblick Fett, groß, mächtig, stark und dick.

7. Vater und Mutter hatten also beide An diesem lieben Kinde viele Freude, Und gaben manchen herzlichen Kuß Ihrem kleinen Hieronimus.

8. Mehr hab' ich von den ersten drei oder vier Jahren Des kleinen Jöbschen nicht können erfahren. Beschließe also dies Kapitel hiemit Und thue zum folgenden den Schritt.

Sechstes Kapitel.

Thaten und Meinungen des Hieronimus in seinen Knabenjahren, und wie er in die Schule ging.

1. Von den andern Kinderjahren unsers Helden Kann ich zwar ebenfalls nicht viel melden, Sintemal die Laufbahn des Lebens sein Bishero gewesen noch eng und klein.

2. Gefolglich ist von seinen Thaten und Werken Eben nichts Sonderliches anzumerken; Jedoch blieb immer, so lang er noch jung, Essen und Trinken seine Hauptbeschäftigung.

3. Er hatte aber sonst noch viele gute Gaben, Spielte lieber mit Mädchen als mit Knaben, Zankte und neckte auch oft beim Spiel Und machte der losen Streiche viel.

4. Auch lernte er ohne sonderliche Mühe Lügen, Fluchen und Schwören frühe, Und hat dadurch in der Nachbarschaft Bei andern Kindern viel Erbauung geschafft.

5. Er schluckte und naschte ebenfalls gerne, Aß Obst, Rosinen und Mandelkerne, Und kaufte für sein bekommenes Geld Die leckersten Sachen von der Welt.

6. Mit seinen Geschwistern konnt' er sich nicht vertragen, Aber sein Vater that ihn nie schlagen, Und seine Mutter, die gute Frau, Nahm auch selten Alles so genau.

7. Auch war er viel größer als andre Kinder, Keiner seinesgleichen sprang und lief geschwinder, Und kein einziger war so stark als er, Und wer ihn erzürnte, den nahm er her.

8. Da es ihm nun nicht fehlte an Kräfte, So verrichtete er manche Hausgeschäfte, Holte zuweilen Futter fürs Vieh Und unterzog sich der Oekonomie.

9. Oder er ritte die Pferde in die Tränke, Oder er holte Bier aus der Schenke, Brachte auch manches frische Ei, Aus dem Hühner- und Gänsstall herbei.

10. War auch sonst ein guter dummer Junge, Hatte dabei eine starke kräftige Lunge, Und predigte oft auf der Bank aus Scherz. Dies alles ging seinen Eltern ans Herz.

11. Denn sie sahen mit innigstem Vergnügen Solche Talente im Hieronimus liegen, Und dachten sehr oft in ihrem Sinn, Da stecket gewiß ein Pfarrer in.

12. Besonders die Mutter, wenn sie daran dachte, Was ihr vormals Frau Schnepperle sagte, Und an ehmals gehabten Traum, Wußte sich für Freude zu lassen kaum.

13. Denn Alles schien sich zusammen zu schicken Und die Sache natürlich auszudrücken; Und wenn sie dieses erwoge, so war Der künftige Pfarrer hier offenbar.

14. Er wurde also und dergestalten Fleißig zur Schule angehalten, Welches doch Hieronimo übel gefiel, Denn er war viel lieber beim Spiel.

15. Und die Bücher waren ihm zuwider, Er warf sie oft auf die Erde nieder, Und bei dem Lumpen A, B, C, D, That ihm immer der Kopf weh.

16. Zwar der Präceptor that sich bemühen Ihn zu allem Guten zu erziehen, Und er und die Ruthe in Compagnie Arbeiteten fleißig an seinem Genie.

17. Dieser Mann hatte vorzügliche Gaben Zu erziehen muthwillige Knaben, Und auf ihre Hosen und Rock Spielte sehr oft sein mächtiger Stock.

18. Nach vielem Bemühen und sauerm Schweiße Gelang's des Mannes herkul'schem Fleiße, Und Hieronimus buchstabirte bald, Als er ohngefähr war zehn Jahr alt.

19. Wie alt er aber eigentlich gewesen, Als er fertig das Deutsche konnte lesen, Das weiß ich eigentlich in der That Nicht so genau und accurat.

20. Da er nun zu größern Jahren gekommen, Ward er aus der Deutschen Schule genommen, Und, um zu lernen das Latein, Geschickt in die Lateinische Schule hinein.

21. Wie es ihm nun daselbst ergangen, Und was er Gutes sonst angefangen, Dieses stell' ich dem Leser hier In dem folgenden Kapitel für.

Siebentes Kapitel.

Wie der Knabe Hieronimus in die Lateinische Schule kam, und wie er da nicht viel lernte.

1. Hieronimus, um weiter zu studiren, Fing nun an ^Mensa^ zu decliniren, Trieb auch sonst jedes nöthige Stück Aus der lateinischen Grammatik.

2. Lernte danebst manche Vocabel auswendig, Indeß ging doch Alles sehr elendig; Denn das verwünschte Lauselatein Wollte nicht in seinen Kopf hinein.

3. Beim Conjugiren und beim Syntaxis, Und bei der lateinischen Praxis Da war vollends der Henker los, Und er bekam manchen Rippenstoß.

4. Denn der Rector, als ein Hypochondriacus, Schonte gar nicht den Hieronimus, Und prügelte oft, als wäre er toll, Dem armen Knaben das Leder voll.

5. Bei dieser peinlichen Lehrmethode Grämte sich der Junge fast zu Tode, Und wünschte oftmal in seinem Sinn Den mürr'schen Rector zum Henker hin.

6. Zwar spielte er ihm wieder heimlich viel Possen Für die Schläge, welche er von ihm genossen, Und der Mann hatte manchen Verdruß Ob dem muthwilligen Hieronimus.

7. Denn seine Papiere und große Perücke Riß er ihm incognito oft in Stücke, Und that auch sonst noch dem braven Mann Alles gebrannte Herzeleid an.

8. Auch brachte er seine Schulkameraden Viel und manchmal in bittern Schaden, Weil er sich mit keinem vertrug Und sie öfters zu Boden schlug.

9. Auch weder ihre Kleider, noch ihre Bücher Waren vor seinem Muthwillen sicher, Und er spielte viel Schabernack, Meistens von bösem Nachgeschmack.

10. Wenn auch einer etwa sich übel betragen, Thät er ihn gleich beim Rector verklagen; Dann ging's über den armen Buben her Und er freuete sich drob sehr.

11. Der Schule übrigens überdrüssig Ging er zu Hause größtentheils müßig, Und so verstrich allmählich die Zeit In unnützlicher Unthätigkeit.

12. Vom Griechischen will ich gar nichts sagen, Denn das wollte ihm nimmer behagen. Und beim barbarischen Typto, Typteis, Kam Hieronimus über und über in Schweiß.

13. Er dachte also klüglich: das sei ferne, Daß ich solch kauderwelsches Zeug lerne; Und was nun noch das Hebräische betrifft, Dieses floh er vollends als Gift.

14. Er machte also gar wenig Progressen. Außer im Lügen, Schwören, Trinken und Essen, Auch etwa in Erfindung eines Fluchs Ward der Knabe fein stark und wuchs.

Achtes Kapitel.

Wie die Eltern des Hieronimus mit dem Rector und mit andern Freunden zu Rathe gingen, was sie aus dem Knaben machen sollten.

1. Nachdem nun der Knabe achtzehn Jahre Und noch etwas darüber alt ware, Auch wirklich schon eines halben Kopfs Größer war, als der alte Hans Jobs;

2. Fingen die Eltern an nachzusinnen, Was nun ferner mit ihm zu beginnen, Denn es war jetzt die höchste Zeit Und die Sache von äußerster Wichtigkeit.

3. Vor Allen that man den Rector fragen, Was derselbe vom Knaben möchte sagen, Und wozu er das meiste Geschick Haben möchte zum künftigen Glück.

4. Dieser Mann nun wollte nicht heucheln Noch den Eltern mit leerer Hoffnung schmeicheln, Drum sagte er ihnen gleich rund heraus: »Aus dem Knaben wird nichts Rechtes aus.

5. Das Studiren ist wahrlich nicht seine Sache; Drum ist's am klügsten gethan, man mache Einen hiesigen Rathsherrn aus ihm, Oder thu' ihn sonst wo zum Handwerke hin.

6. Ich habe es mannichmal in den Schulstunden Zu meinem höchsten Leidwesen gefunden, Daß in ihm nichts Besonders sitzt, Welches einem ehrsamen Publico nützt.«

7. Diese Rede hat den Eheleuten Jobsen, Wie leicht zu schließen ist, heftig verdrobsen; Drum hörten sie solche mit Verachtung an, Und hielten den Rector für 'n dummen Mann.

8. Es wurden nun mehr Freunde zu Rathe gezogen, Und die Sache vernünftiger ^pro et contra^ erwogen, Und 's ging in der Versammlung gerade so her, Als wenn der alte Jobs zu Rathhause wär'.

9. Nämlich, nach etwa drittehalb Stunden Ward ein Mittel zur Vereinigung funden: _Man stellte weislich auf 'n neuen Termin Die Sache zur nähern Erwägung dahin._

Neuntes Kapitel.

Wie die Zigeunerin Urgalindine auch wegen des Hieronimus um Rath gefraget ward, welche die Kunst ^Chiromantia^ verstand.

1. Die Gesellschaft war nun kaum in Frieden Aus Rathsherrn Jobsens Hause geschieden, So führte das Glück von ohngefähr Eine alte Zigeunerin her.

2. Sie war von einem uralten Stamme, Urgalindine war ihr Name, Und Aegypten ihr eigentliches Vaterland, Und die Mutter ehemals als Hexe verbrannt.

3. Sie konnte der Menschen Thun und Wesen Deutlich in den Strichen der Hände lesen, Sagte auch manches so deutlich vorher, Als wenn's wirklich schon geschehen wär'.

4. Manches Mädchen hat sie recht sehr erfreuet, Wenn sie ihm nahe Hochzeit geprophezeiet, Und den Bräutigam so klärlich genannt, Als hätte sie ihn schon längstens gekannt.

5. Manchen unmuthsvoll wartenden Erben Wahrsagte sie des reichen Onkels Sterben, Und erfreuete solche oft; Denn die Onkels starben unverhofft.

6. Manchen fast verzweifelnden Ehegatten, Welche, leider! böse Weiber hatten Und den Tod derselben gerne sahn, Kündigte sie nahe Erlösung an.