Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen

Part 24

Chapter 242,275 wordsPublic domain

4. Denn es ist durchaus den Verlobten so eigen, Zu sehen den Himmel voll Flöten und Geigen, Und als wäre in dieser argen Welt Alles für sie aufs beste bestellt.

5. Dennoch folget nach geschloßner Ehe Auf den ersten Jubel meist Reue und Wehe, Und nach verschwundnem Rausche denkt man gar: Ich war, als ich heirathete, ein Narr.

6. Zu den Vermählungsfeierlichkeiten Suchte man nun alles vorzubereiten, Und es war wirklich vierzehn Tage hernach Der längst erseufzete Hochzeitstag.

Sechsunddreißigstes Kapitel.

Die Vermählung des jungen Barons und der Esther geht wirklich hier vor sich, wie im Kupfer artig zu sehen ist.

1. Gleichwie der Seefahrer den Tag hoch feiert, Wenn sein Schiff nun in den Hafen steuert, Nachdem er auf der langen nassen Bahn Erfahren manchen Sturm und Orkan;

2. Und wie der Wanderer, wenn's regnet oder schneiet, Oder die Sonne brennet, sich hoch erfreuet, Wenn er Abends, hungrig und müd', Das lockende Schild des Wirthshauses sieht;

3. Und wie nach dreijährigem Wachen und Fleiße, Und vielem nicht fruchtlos vergossenem Schweiße Ein auf der hohen Schul' gewesner Student Sich freuet über seines Studiums End';

4. Und wie der thätige Kaufmann sich baß entzücket, Wenn er beim Schlusse eines Jahres erblicket, Daß er nach richtigem Calcul und Stat Abermal ein Kapital ^in salvo^ hat;

5. So pflegen auch Verlobte nach langem Schmachten Ihren Hochzeitstag freudig zu betrachten, Und der wird nach viel überwundner Hinderniß Nun erst destomehr schmackhaft und süß.

6. Grade so beschaffen, wie ich sage, war es Mit den Gefühlen unsers lieben Brautpaares, Als jetzt des Priesters segnende Hand Sie auf ewig zusammen verband.

7. Von allen merkwürdigen Hochzeitsscenen Dieses Tages will ich nur einer erwähnen; Man sagt, des Herrn Jobs alter Philemon Seie gewesen der Erfinder davon.

8. Nämlich, die Schönhainer hatten seit ein paar Wochen Sich zu einem glänzenden Aufzuge abgesprochen, Und dieser ging dann auch feierlich Am besagten Hochzeitstage vor sich.

9. Drei Tage vor der Hochzeit kündete die Trommel Im Dorfe durch ihr schnarrendes Gerommel Allen Einwohnern, alt und jung, Die Losung an zur Vergaderung.

10. Längst war sie vergessen im Hintergehäuse, War eine ruhige Wohnung der Ratten und Mäuse, Denn im Dorf herrschte seit undenklicher Zeit Stolze Ruhe und Friedlichkeit.

11. Jedoch bei ihrem ungewöhnlichen Alarme Ward alles reg gleich einem Bienenschwarme, Und mit allerlei Unter- und Obergewehr Zog man zum gewählten Waffenplatz her.

12. Jedem Comparenten ward da unverweilet Seine Charge nach Verdienst und Fähigkeit ertheilet, Und der alte Philemon übernahm die Müh' Und übte im Marschiren und Feuern sie.

13. Er verstund gar herrlich das Manövriren; Hatte die Schlacht bei Roßbach helfen verlieren, Denn er war ein ganzes Jahr lang damal Beim Kreiscontingente Corporal.

14. Man sah frühmorgens in zwei Compagnien Die Schönhainer Mannschaft in Parade ziehen Mit Trommel und Pfeife und wehender Fahn', Und den alten Philemon als Oberster voran.

15. Zwei auf dem Schloßplatz aufgepflanzte kleine Kanonen, Geladen mit ein halb Loth schweren Patronen, Gingen zur Losung fürchterlich los, Daß schier erbebt hätten die Fenster am Schloß.

16. Die sämmtliche Mannschaft gab eine Salve, Es war aber eigentlich doch nur eine halbe; Denn manches Gewehr versagte den Schuß, Und ging aufs Commando: »Gebt Feuer!« nicht luß.

17. Doch gab's beim Aufmarschiren und Kriegsgewimmel Ein allgewaltiges Lärmen und Getümmel; Man schrie Vivat! als wäre man toll, Und jeder Jagdhund des Schlosses boll.

18. Es schien, als ob sich alle Elementen Bewegten und in einem Krieg befänden, Und als ob in dem Dorfe Schönhain Wirklich der jüngste Tag bräch' ein.

19. Nach dreimal wiederholten Vivat und Chargiren Ließ man's ganze Heer auf'm Schloßplatz campiren, Und vom Obersten bis zum Musketier Bekam jeder zu essen, und Branntwein und Bier.

20. Als endlich die Nacht hatte angefangen, Ist jeder seines Weges nach Hause gegangen; Auch das Brautpaar entschliche schon früh, Ich weiß nicht, wohin? warum? und wie?

21. Dieses Wohin, Warum, Wie und Weswegen Zu wissen, dran ist uns nichts gelegen; Genug, Esther war von diesem Abend an genau Eine leibhaftige gnädige Frau.

Siebenunddreißigstes Kapitel.

Wie sich die junge gnädige Frau von Ohnwitz beging, und wie sie nach neun Monaten eines Söhnleins genaß.

1. Ich muß es der jungen Frau zum Ruhm nachsagen, Daß sie sich immer gar zärtlich betragen, Und es dem jungen Herren noch zur Zeit, Sie zur Gattin zu haben, nicht gereut.

2. Gar nach schon jetzt verfloss'nen vier Jahren Habe ich nicht das mindeste davon erfahren, Daß der böse Ehegeist Asmodees Angestiftet hätte Streit oder Getös.

3. Sie fanden darin ihr vorzüglichstes Entzücken, Sich durch getreue eheliche Liebe zu beglücken, Und die junge gnädige Frau hatte schon Nach neun Monaten einen kleinen Sohn.

4. Sie ist also, wie man deutlich siehet, Ihrerseits ernstlich drauf aus und bemühet, Daß der Ohnwitzer Nam' besteh' Und sein Stamm nicht so bald vergeh'.

5. Sie hielte nichts von fremden Säugammen, Wie sonst üblich ist bei vornehmen Madammen, Sondern glaubte, ihn von eigner Milch Zu ernähren, sei menschlich und bill'g.

6. Sie blieb dabei nicht allein viel gesünder, Sondern ihre Reize wurden eher größer als minder; Denn eine so süße schuldige Mutterpflicht Schadet der Gesundheit und Schönheit nicht.

7. Auch die Kleinen pflegen baß zu gedeihen, Daß sich Gott und Menschen drob erfreuen, Auch der sonstige Nutzen dabei Ist unwidersprechlich noch mancherlei.

8. Sie ward auch in allem übrigen Verhalten Für'n Muster einer braven Dame gehalten, Und jeder Schönhainer Unterthan Betete sie gleichsam als ihre Göttin an.

9. Noch immer führete sie das Steuerruder Der Oekonomie bei ihrem lieben Bruder, Und hielte auf dem großen Gute Schönhain Alles fein ordentlich, sauber und rein.

10. Ihre Schwiegereltern thut sie höchlich ehren, Handelt in allem nach ihrem Rath und Begehren, Und diese lieben sie dafür fast mehr, Als wenn sie ihre leibliche Tochter wär'.

Achtunddreißigstes Kapitel.

Wie Herr Jobs seine Schildburger Verwandten reichlich bedenket, und Schwester Gertrud den Schösser heirathet.

1. Man denke aber nicht, als ob indessen Herr Jobs seine andre Verwandten hätte vergessen; Er hat vielmehr sie auch kräftig itzt Mit Gelde in Schildburg geunterstützt.

2. Zum Exempel: Er ließ große Kapitalen Per Wechsel an seinen einen Bruder auszahlen, Und dieser wurde schleunig also Aus 'nem Krämer ein großer Kaufmann ^en gros^.

3. Auch sein ält'ster Bruder ward durch ihn glücklich, Denn sein geiziges Weib starb augenblicklich Für übermäßigem Freudenschreck, Als sie sah die übersandten Geldsäck'.

4. Sein Herr Schwager, der Schildburger Küster, Bekam gleichfalls einen großen Tornister Voll von Geschenken und Geld, und ward gleich Reicher als ein Küster im römischen Reich.

5. Die andre Schwester brauchte auch dem Alten Nun länger nicht zu dienen und hauszuhalten, Denn Herr Jobs machte ihr Jahr ein Jahr aus Eine ansehnliche Rente zu verzehren aus.

6. Seine noch übrige Schwester, die _Gertrüde_, Ein Frauenzimmer von sehr gutem Gemüthe, Invitirte er zu sich nach Schönhain, Um ihm in der Wirthschaft behilflich zu sein.

7. Versprach auch sonst, sie heute oder morgen Reichlich und christbrüderlich zu versorgen; Sie gab also ihre bisherige Geschäfte dran, Und kam verlangtermaßen bald drauf an.

8. Nun war zwar besagte Schwester Gertrüde Eben nicht mehr in der besten Jahrblüte, Aber doch für's Haus, Bette und Tisch Noch ziemlich munter, gesund und frisch.

9. Auch nicht unangenehm im Umgange; Drum währte es auch zu Schönhain nicht lange, Daß der Schösser, der sich Wittwer befand, Anhielte um ihr Herze und Hand.

10. Was vormals mit Procrater _Geyer_ geschehen, Das konnte niemand ihr weiter ansehen, Drum willigte Herr Hieronimus drin, Und sie ward richtig Frau Schösserin.

Neununddreißigstes Kapitel.

Wie man allerseits wegeilet; die adlige Gesellschaft nach Ohnwitz und der Autor nach dem Ende des Büchleins. Sehr traurig zu lesen.

1. Zwar der Franken siegreiche Kriegsheere Verbreiteten sich weiter gleich dem flutenden Meere, Und wohin sie kamen, ward Knall und Fall Ueberall alles egal und kahl.

2. Aber auf dem sichern Schönhainer Gute War man freudig und bei gutem Muthe, Und durchlebte ein paar Jahre Zeit In ununterbrochener Einigkeit.

3. Indessen ward durch einen Separatfrieden Das Schicksal von Ohnwitz glücklich mit entschieden, Und der alte Herr und Frau von Ohnwitz Kehrten zurück nach ihrem vorigen Sitz.

4. Sie fanden da fast alles jämmerlich zerstöret, Und die Güter zum Theil vernichtet und verheeret, Indessen ward doch durch Herrn Jobsens Geld Alles bestmöglichst wieder hergestellt.

5. Aber die junge Frau nebst ihrem Barone Blieben beim Herrn Jobs mit ihrem Sohne, Weil sich dieselbe vor der Hand Abermals einer Niederkunft nahe befand.

6. Sie kam auch glücklich zum zweitenmal wieder Mit einem lieben jungen Barönlein nieder, Und man nannte dasselbe nach seinem Ohm Und Pathen in der Taufe Hieronom.

7. Nach den zurückgelegten Kindbetterwochen Sind auch sie nach Ohnwitz aufgebrochen, Aber der Abschied vom guten Schönhain Ging ihnen beiden durch Mark und Bein.

8. Herr Jobs hat auf herzliches Bitten Sie auf der Reise nach Ohnwitz beglitten, Und übergab zur einstweiligen Obhut Sein Gut dem Schwager Schösser und der Gertrud.

9. Denn auch er konnte dem Trieb nicht widerstehen, Seine lieben Ohnwitzer mal wieder zu sehen, Und sein Herz blutete, als er fand Ihren dermaligen traurigen Zustand.

10. Er gab ihnen gerne die nöthigsten Gelder Zur Reparirung der Häuser und verdorb'nen Felder, Kaufte ihnen Schafe, Pferde und Küh' Und unterstützte aufs mildeste sie.

11. Seitdem ihn der Krieg von da vertrieben, War die Pfarrstelle unbesetzet geblieben, Aber sie war vom Herrn von Ohnwitz jetzt Wieder durch 'nen trefflichen Mann besetzt.

12. Das that Herrn Jobs ungemein gaudiren, Denn es wollte sich ja hinfort nicht mehr gebühren, Daß er die Pfarrstelle wieder übernähm' Und als Herr von Schönhain nach Ohnwitz käm'.

13. Als er ein paar Wochen noch da verweilet, Hat er wieder nach seinem Schönhain geeilet; Aber dieser sehr bittere Abschied Erschütterte innerlich sein Gemüth.

14. Eine Ahndung wollte schier bei ihm entstehen, Als würde er Ohnwitz nie wieder sehen, Doch er ergab sich endelich drein, Und kam glücklich wieder an zu Schönhain.

Vierzigstes Kapitel.

Wie Herr Hieronimus zum zweiten Mal von Freund Hein einen Besuch bekam, welcher für diesmal länger dauert als der erste.

1. Wir Menschen pflegen in unsern Erdensachen Manche kluge Pläne und Entwürfe zu machen, Aber ein unvermutheter Querstrich Ist uns gar oft daran hinderlich.

2. Auch Herr Jobs gedachte mit seinem Vermögen Noch vielfältig zu stiften Nutzen und Segen, Und auf seinem lieben Gute Schönhain Sich eines längern Lebens zu freun.

3. Aber es hat ihn neulich wider alles Verhoffen Eine grassirende böse Krankheit betroffen, Und er selbst prophezeite im ersten Anfang Sich davon einen tödtlichen Ausgang.

4. Er befahl ernstlich auf seinem Krankenlager _Drei_ Dinge seiner Schwester und seinem Schwager: _Erstlich_, daß man ihn ja nicht eher begrüb', Bis er wirklich faul zu werden anhüb';

5. Man sollte während der Zeit mit ihm experimentiren, Ob sein Leichnam etwa sich wieder würde rühren, Und es sollte bei demselben Tag und bei Nacht Fünf Tage lang jemand halten die Wacht.

6. _Zweitens_, ihn dann ohne Leichengetümmel Begraben unter Gottes freien Himmel, Und neben Amaliens Leichenstein, Bei den Linden, sollte sein Begräbniß sein.

7. _Drittens_, sollte nach seinem erfolgten Absterben Kein Gezänk entstehen zwischen seinen Erben, Sondern sie sollten brüder- und schwesterlich Darein alle egal theilen sich.

8. Man war bemüht, diesen seinen letzten Willen In allen drei Stücken pünktlich zu erfüllen; Denn er beschloß nun wirklich seinen Lebenslauf Und stund zum zweiten Mal nicht wieder auf.

Ende.

Anmerkungen zur Transkription

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden ^so^ und Fettdruck wurde #so# markiert.

Einfache Anführungszeichen wurden durch ">" und "<" ersetzt.

Die variierende und oft den Reimen angepasste Schreibweise des Originals wurde weitgehend beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden, teilweise unter Verwendung weiterer Ausgaben des Textes, wie hier aufgeführt korrigiert (vorher/nachher):

[S. 81]: ... Und da reichte sie im sogar ... ... Und da reichte sie ihm sogar ...

[S. 89]: ... Diese Herren stille gereiset von hie, ... ... Diese Herren stille gereiset von hie. ...

[S. 95]: ... 22. Zwar wollte ihm anfangs das Schulleben ... ... 22. Zwar wollte nun anfangs das Schulleben ...

[S. 101]: ... Ihm Dorfe Ohnewitz gegeben. ... ... Im Dorfe Ohnewitz gegeben. ...

[S. 104]: ... Die Zeit, wenn der Patron vereiset wär'. ... ... Die Zeit, wenn der Patron verreiset wär'. ...

[S. 113]: ... 26. Wit muntern Jünglingen und artigen Knaben ... ... 26. Mit muntern Jünglingen und artigen Knaben ...

[S. 126]: ... In manchen Sachen, wärend der Zeit ... ... In manchen Sachen, während der Zeit ...

[S. 132]: ... Jokob Böhme und Aristoteles, ... ... Jakob Böhme und Aristoteles, ...

[S. 157]: ... Vielleich macht nun irgend ein Verleger sein Glück ... ... Vielleicht macht nun irgend ein Verleger sein Glück ...

[S. 202]: ... 12. Deine Schwester grüßt dich zu hundertausend malen, ... ... 12. Deine Schwester grüßt dich zu hunderttausend malen, ...

[S. 203]: ... Auch spricht man von mancher Behexeri, ... ... Auch spricht man von mancher Behexerei, ...

[S. 213]: ... Engeland und so weiter besehn. ... ... Engelland und so weiter besehn. ...

[S. 220]: ... Als wär' er in der Kirche das große Wort. ... ... Als wär' er in der Kirche, das große Wort. ...

[S. 247]: ... Und es auf unsern Lumpenerdenplanet ... ... Und es auf unserm Lumpenerdenplanet ...

[S. 259]: ... Der Ausgsburgischen Confession. ... ... Der Augsburgischen Confession. ...

[S. 296]: ... Dir und mir auch wol gleicheviel sein. ... ... Dir und mir auch wol gleiche viel sein. ...

[S. 300]: ... So viel ihm möglich, behielflich wär'. ... ... So viel ihm möglich, behilflich wär'. ...

[S. 301]: ... Durch die Brandspitze der Moral und Vernunft ... ... Durch die Brandspritze der Moral und Vernunft ...

[S. 303]: ... Saßen folglich, wie billig war, apart. ... ... Saßen folglich, wie billig war, a part. ...

[S. 309]: ... 16. Da sagt man zum Exempel statt Koroline Line, ... ... 16. Da sagt man zum Exempel statt Karoline Line, ...

[S. 329]: ... Kinderlos und ungleich verwitibt. ... ... Kinderlos und ungleich verwittibt. ...

[S. 336]: ... Ein Brief von Mamsell Esther an Herrn Herrn Jobs, worin viele ... ... Ein Brief von Mamsell Esther an Herrn Jobs, worin viele ...

[S. 366]: ... Manche kluge Plane und Entwürfe zu machen, ... ... Manche kluge Pläne und Entwürfe zu machen, ...