Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen
Part 22
Wie Herr Jobs eine alte bekannte Freundin antrifft. Eine wunderbare Geschichte.
1. Es haben überall die Vornehmen und Reichen Ihre mancherlei eigne Sitten und Gebräuchen, So daß ein gemeiner ehrlicher Mann Sich drin so gar gut nicht finden kann.
2. Zum Exempel: wenn man zu ihnen will gehen, Muß man erst lange im Vorzimmer stehen, Und dann läßt Ihro Gnaden oder Excellenz Einen endlich gnädigst zur Audienz.
3. Ohne diese Bemerkung weiter zu treiben, Mag es meinethalben immer so bleiben; Wenigstens mach' ich jetzt nicht davon Auf gegenwärt'gen Casum Application.
4. Denn als Herr Jobs ins Schloß gekommen Und man sein Begehren kürzlich vernommen, Ließe ihn die Frau Gebieterin Sofort nöthigen in ihr Zimmer herin.
5. Er fand sie im Kanapee einsam sitzend, Nachdenkend den Kopf auf die Arme stützend, Gekleidet in 'nem weißen Négligée, Und vor ihr stund auf'm Tischchen der Thee.
6. Herr Jobs fing an gleich im Hereintreten Seine Entschuldigung und Compliment herzubeten; Sie blickte auf, erhob ein großes Geschrei, Auch Herr Jobs stürzte näher zu ihr herbei.
7. Beide haben sich alsofort erkennet, Sich voll Erstaunen mit ihren Namen genennet; Denn die gute liebe Dame da War des Herrn Jobs alte _Amalia_.
8. Sie ist fast in Ohnmacht dahin gesunken, Herr Jobs taumelte, als wär' er betrunken, Und sowol ihr als ihm erschien Alles vor den Augen blau, gelb und grün.
9. Nach dem ersten sehr angenehmen Schrecken Suchte einer den andern allgemach zu wecken, Und eine trauliche Umarmung war Der Beweis ganz überwundner Gefahr.
10. Mir däucht, ich hör' hier den Leser mich fragen: »Herr Autor, wie kann Er doch so etwas sagen? Er meint gar, Er hätte ein Kind vor, Daß Er uns da macht solchen Wind vor!
11. Haben wir nicht im ersten Theile gelesen, Daß Amalia lange nicht mehr gewesen? Sie starb ja, dem vierunddreißigsten Kapitel nach, Als sie in den Kindbetterwochen lag!«
12. Ich will mich zwar eben jetzt nicht entschuldigen, Bitte aber vorläufig, sich zu geduldigen; Denn was ich erzählte, war ja weiter nicht Als ein damals von mir geglaubtes Gerücht.
13. Zudem hat man ja an Herrn Jobs schon gesehen, Daß Leute sterben und wieder auferstehen, Und in jedem alten und neuen Roman Trifft man noch weit größere Wunder an.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Worin unter anderm die im ersten Theile gestorbene Amalia ihren fernern Lebenslauf erzählet.
1. Sie sind darauf näher zusammen gerücket, Haben sich am Thee und Frühstücke erquicket, Und erfreueten beiderseits sich Des Wiedersehens gar inniglich.
2. Was zwischen beiden vormals war geschehen, Wollen wir nach christlicher Liebe übergehen; Aber jetzt passirte im mindesten nicht, Was nicht hätte können vertragen das Licht.
3. Zwar Herr Jobs hatte nichts verloren, War von guter Positur wie zuvoren, Ja sein Corpus ware vielmehr Seit dem Pfarrerstande ansehnlicher.
4. Aber Amaliens Reize waren verblichen, Seitdem ungefähr jene 15 Jahre verstrichen, Und es sproßte schon hier und dar Auf ihrem Kopfe ein graues Haar.
5. Auch an Körperkräften und Taille War sie nicht die vor'ge schöne Amalie: Vormals war sie rund, roth und dick, Und nun ein leibhaftig Bild der Hektik.
6. Ihre Augen, vormals glänzend von Liebe, Waren nun eingefallen, dunkel und trübe, Und in ihrer ganzen Physiognomie Herrschte eine stille Melancholie.
7. Nicht allein gegen Herrn Jobs war sie sehr gütig, Sondern auch im ganzen Wesen sanftmüthig, Und sie ertrug ihr körperliches Leid Ohne Murren und Verdrießlichkeit.
8. Sie fühlte täglich die Kräfte mehr schwinden, Hatte längst bereut ihre vorigen Sünden, Und brachte nun in völliger Gewissensruh' Ihre noch übrigen Lebenstage zu.
9. Eigentliche sogenannte Liebessachen Waren also nicht weiter bei ihr zu machen; Auch Herr Jobs fand längst nicht mehr Geschmack An jedem unschicklichen Liebesschnack.
10. Er mußte jedoch die Versicherung ihr geben, Nicht weiter zu reisen, sondern bei ihr zu leben, Und dieses wünschte sie um desto mehr, Weil er ein geistlicher Doctor wär'.
11. Auch mußte er, ohne das Geringste zu verhehlen, Ihr seine ganze Lebensgeschichte erzählen, Besonders was er von ihrer Trennung an In den letzten funfzehn Jahren gethan.
12. Er that dies auch alles sehr ausführlich, Seine Erzählung war aufrichtig und manierlich, Sodaß Amalia sogleich drin fand, Er sei nun ein Mann von großem Verstand.
13. Die Erzählung selbst können wir gut missen, Sintemal wir seine Geschichte schon wissen, Und man hört ohnedem auf keinen Fall Eine so närr'sche Geschichte gern zweimal.
14. Sie gabe gleichfalls von ihrer Geschichte Folgende kurze aufrichtige Berichte, Seitdem sie aus dem Schauspielerstand Mit einem reichen Herren verschwand:
15. »Der Herr, mit welchem sie davongegangen, Habe geheißen _Herr van der Tangen_; Er habe, als ihre Person ihm gefiel, Ihr Anträge gemachet oft und viel.
16. Aber sie habe gar nicht darnach gehöret Und anfangs mit ihme gar nicht verkehret, Weil sie entschlossen gewesen sei, Ihrem Hieronimo zu bleiben getreu.
17. Erst damals habe sie den Vorsatz gebrochen, Als Herr van der Tangen ihr die Ehe versprochen; Es sei auch am folgenden Tage schon Erfolgt eine heimliche Copulation.
18. Nachdem sie nun gedachten Herrn van der Tangen Einmal im ehlichen Netze habe gefangen, So habe sie mit ihm in der ganzen Zeit Gelebet in treulichster Einigkeit.
19. Sie habe von ihrem Gatten, dem Herrn van der Tangen, Nach zwei Jahren einen kleinen Sohn empfangen, Habe aber auch damals gefährlich krank Gelegen fast sieben Wochen lang.
20. (Notabene: Daher entstand das Gerüchte Von ihrem Tode im ersten Theil der Geschichte; Denn Frau Fama machet zu jeder Frist Immer ein Ding größer, als es ist.)
21. Was im übrigen thate anlangen Die Umstände ihres Gatten, des Herrn van der Tangen, So sei er gewesen der einzige Zweig Des alten Herrn van der Tangen und erschrecklich reich.
22. Er sei zwar gewesen nur vom bürgerlichen Stande, Aber fast der reichste Privatmann im Niederlande, Weil sein seliger Vater in Kauffahrtei Außerordentlich glücklich gewesen sei.
23. Mancherlei Gründe hätten ihn bewogen, Daß er aus seinem Vaterlande weggezogen, Und er hätte auch bald darauf Das Gut Schönhain hier erstanden durch Kauf.
24. Ihre Bekanntschaft mit dem Herrn van der Tangen Habe bewußtermaßen damals angefangen, Als er sich eine Zeit lang in Deutschland Zum Vergnügen auf der Reise befand.
25. Ihre Ehe habe zwölf Jahre lang gewähret, Darauf hätte Freund Hein dieselbe gestöret, Und Herrn van der Tangen zu ihr'm größten Leid Geholet aus dieser Zeitlichkeit.
26. Auch ihr Sohn sei nach fünf Vierteljahren Seinem Vater ins Elysium nachgefahren, Und seitdem lebe sie höchstbetrübt Kinderlos und ungleich verwittibt.
27. Zwar besitze sie jetzt sehr große Güter, Aber doch sei ihr des Lebens Rest bitter, Und sie mache zur großen Reise nach jenseit Sich nun täglich immer mehr bereit;
28. Denn sie empfinde es, daß sie laborire An einem innerlichen Lungengeschwüre, Spüre auch, daß jede gebrauchte Arznei Zu ihrer Heilung unwirksam sei.
29. Sie suche schon längst mit tugendhaften Werken Sich zu einem seligen Abschiede zu stärken, Und gebe als eine bekehrte Sünderin Ihrem Schicksale sich willig hin.«
30. Herr Jobs suchte nun bestmöglichstermaßen Alles dasjenige beisammen zu fassen, Was ein vernünftiger geistlicher Mann In solchem Fall zur Tröstung nur sagen kann.
31. Blieb folglich auf ausdrückliches Verlangen Nun auf dem Gute bei der Frau van der Tangen, Und seine traurige Exulantenschaft Hatte für diesmal ihre Endschaft.
32. Es fand auch wirklich die Frau van der Tangen In des braven Herrn Jobsens Umgang manchen Christerbaulichen Beruhigungsgrund, Den sie vorher nicht so gut verstund.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Wie die Frau van der Tangen dem Herrn Jobs all ihr Vermögen schenket, und wie sie stirbt, und wie Herr Jobs ihr ein Monument errichtet, und wie dieses Kapitel sehr traurig zu lesen ist.
1. Eines Morgens kam mit reputirlichen Schritten Ein bejahrter Herr in den Schloßhof geritten, Und stieg nach geendigtem succesiven Trab Etwas mühsam auf eine nahstehende Bank ab.
2. Er saß auf dem Pferde steif wie ein Schneider, Trug am Leibe altmodische Kleider, Hatte graue wollene Gamaschen an Und ^pro forma^ Sporen ohne Räder dran.
3. Eine Perücke mit einem kleinen Haarbeutel Und ein plattgespitzter Hut deckte den Scheitel, Und an seiner linken Hüfte, etwas hoch, hing Ein langer Degen, der Griff war von Messing.
4. Seine Person schien etwas Wichtiges zu bedeuten, Das merkte man an seinem Wesen schon von weiten, Und er war weder zu mager noch zu fett, Aber übrigens voll Gravität.
5. Er wurde gleich von der Frau van der Tangen Gar höflich bewillkommet und empfangen; Sie schlosse sich sofort mit ihm ein Und blieb bei ihm den ganzen Tag allein.
6. Herr Jobs konnte sich nicht besinnen, Was sie beide beisammen wol möchten beginnen, Und dachte allenfalls, der altfränksche Knab' Sei vielleicht ein fremder Aesculap.
7. Aber er irrte; denn der Herr, welcher heute Mit seinen Gamaschen und dem Spieß an der Seite Den ganzen Tag mit Amalien allein war, War ein ^Caesareus publicus^ Notar.
8. Nachdem derselbige war weggeritten, Ließ Frau van der Tangen Herrn Jobs ins Zimmer bitten; Er fand sie am Pult sitzend und vor ihr Lag ein zusammengefaltnes Papier.
9. Herr Jobs zeigte sich etwas blöde und verlegen, Aber sie lächelte ihm beim Eintritt entgegen, Und als er sich näher bei ihr befand, Reichte sie ihm liebreich die hagere Hand.
10. Sie schien seit dem Geschäfte mit dem Reiter Höchst vergnügt und ungewöhnlich heiter, Und hielte, obgleich mit schwächlicher Stimm', Nun folgende kurze Oration zu ihm:
11. »Schon habe ich es dir gesagt, mein Lieber! Ich geh' nun bald jenseits hinüber, Und habe deswegen vor meinem End' Heute gemachet mein Testament.
12. Schon längstens ware ich von wegen Eines Erben meiner Güter besorgt und verlegen, Denn meines Wissens ist nirgend jemand Mit mir durch Blutsfreundschaft verwandt.
13. Der Gedanke quälte mich vor allen, Daß mein Gut in schlechte Hände könnt' fallen; Ich habe darum mit Wohlbedacht Dich zum Universalerben gemacht.
14. Außer ein paar tausend Lauseducaten ^Ad pios usus^ und andere Legaten, Gehört meine ganze Habe fortan Nur dir, meinem alten Freunde, an.
15. Willst du meine gute Meinung nicht verschmähen, So werde ich ruhig aus dieser Welt gehen, Und du erleichterst mittlerweile mir, So viel du kannst, die Reise von hier.
16. Du wirst aber auch die Freundschaft haben, Mich zu lassen dort bei den drei Linden begraben, Und du pflanzest zu meinem Andenken auch Auf mein Grab eine Laube von Rosenstrauch.«
17. Herrn Jobs flossen hier häufig die Thränen; Er antwortete nur mit Schlucksen und halben Tönen; Acceptirte übrigens utiliter Die vorliegende Donation ohnschwer.
18. Von nun an verließ er seine Freundin fast nimmer, Denn ihr Zustand wurde augenscheinlich schlimmer, Und Frau van der Tangen und Herr Hieronimus Lebten auf brüder- und schwesterlichem Fuß.
19. Er unterließ nichts an Tröstung und Pflege, Suchte ihre Linderung auf alle mögliche Wege, Hat sogar selbst fast in jeder Nacht In ihrem Krankenzimmer gewacht.
20. Endlich war doch alle Hoffnung des Lebens Und alle Mühe und Arznei bei ihr vergebens, Weil Freund Hein wirklich hereinkam Und ihren letzten Athemzug wegnahm.
21. Herr Jobs beklagte ihren Tod aufrichtig, Und sein Schmerz war weder verstellt noch flüchtig, Sondern er hat länger und mehr geweint, Als mancher Mann um seine todte Frau greint.
22. Am Gartenende, dort bei den drei Linden, Kann der geneigte Leser ihr Grab finden, Wenn er etwa von ohngefähr vorbei passirt, Oder nach Schönhain expreß hinspaziert.
23. Ueber ihrem dort nun modernden Staube Steht eine gar niedliche Rosenlaube, Und Vergißmeinnicht und weißen Jasmin Sieht und riecht man da des Sommers blühn.
24. Auch sieht man bei einem marmornen Aschtopfe, Die Figur von einem weißen Todtenkopfe, Dabei steht ein großes lateinisches ^A^, Und es bedeutet solcher Buchstabe: _Amalia_.
25. Herr Jobs ging um dieses Monuments willen Abends und Morgens oft dahin im Stillen, Und da fielen ihm gemeiniglich allerlei Erbauliche und traurige Gedanken bei.
Neunundzwanzigstes Kapitel.
Wie Herr Jobs nun ein reicher Mann war, und wie er sich nach dem Tode der Frau van der Tangen beging.
1. Besage der vorhandenen Annotationsbücher, Fand Herr Jobs 2800000 Reichsthaler sicher Zu Amsterdam, London und Hamburg blank Als Kapitalien stehen in der Bank.
2. Das übrige Gut an Wechseln und Obligationen Betrug mit obigen ohngefähr drei Millionen, Und der Werth von dem Gute Schönhain War, bei meiner Treue! auch nicht klein.
3. Er war bemüht, der Frau van der Tangen letzten Willen, Ratione der Legaten pünktlich zu erfüllen, Und alles übrige in runder Summ' War nun sein rechtmäßiges Eigenthum.
4. Er ehrte zwar dies übergroße Vermögen Als einen unverhofften, nicht verwerflichen Segen, Hielt sich aber doch weder glücklicher Noch größer, als er ware vorher.
5. Er befand sich vielmehr bei seinem Gelde und Gute Lange nicht so behaglich noch bei gutem Muthe, Als er im Ohnwitzer Pfarrstand Sich noch vor einigen Monaten befand.
6. Es ist ihm damals vor andern allen Sein Eintritt in Schönhain eingefallen, Und da gedachte er an das alte Paar, Deren Gast er bei seiner Ankunft war.
7. Um sie in ihrem Alter baß zu erfreuen, Kaufte er eine der schönsten Meiereien, Und gab seiner Baucis und ihrem Philemon Dieselbe für damalige Bewirthung zum Lohn.
8. Er hat auch an seine Schwester Esther geschrieben, Damit sie es wisse, wo er sei geblieben, Und daß sie bei ihm in seinem Schönhain Nächstens würde willkommen sein.
9. Auch seinen Schildburger Anverwandten Und den daselbst wohnenden Bekannten Machte er seinen jetzigen Wohlstand Zu ihrer freudigen Nachricht bekannt.
10. Auch hielt er's für eine der größten Pflichten, Dem Herrn von Ohnwitz sein Glück zu berichten, Bekam aber gar keine Antwort; Denn bekanntlich war der Herr von da fort.
11. Was er sonst Gutes zu Schönhain verrichtet, Davon bin ich nicht genau unterrichtet, Wir sind also nun darauf bedacht, Zu sehen, was seine Schwester Esther macht.
12. Aus folgendem Briefe läßt sich ersehen, Wie auch alle übrigen Sachen sonst stehen, Er lief mit der Post nach Schönhain Als Antwort von Mamsell Esther ein.
Dreißigstes Kapitel.
Ein Brief von Mamsell Esther an Herrn Jobs, worin viele neue Märe enthalten ist, von dem alten Herrn von Ohnwitz, wie auch von dessen Herrn Sohne, und so weiter.
1. »_Mein theuerster Bruder!_ Dein gutes Geschicke Gereicht mir zum größesten Vergnügen und Glücke, Auch noch mehrere Deiner Freunde sind hier Und alle freuen sich herzinnig mit mir.
2. Denn es haben zu Rudelsburg vor einigen Wochen Der alte Herr von Ohnwitz und seine Gemahlin eingesprochen, Und hieselbsten eine sichere Zuflucht Für die Verfolgung der Feinde gesucht.
3. Auch ist vorgestern wider alles Verhoffen Der junge Herr von seiner Reise eingetroffen, Denn ihm ward schon der traurige Zustand Von Ohnwitz an der Grenze bekannt.
4. Entblößt von Geld und andern Nothdürftigkeiten Erwarten sie hier alle zwar bessere Zeiten; Aber ich denke, bei Dir zu Schönhain Werden sie besser als in Rudelsburg sein.
5. Es ist Dir also, mein bester der Brüder! Ihr Besuch angenehm und nicht zuwider? Ein Brief noch von Dir und alle wir Machen uns auf die Reise zu Dir.
6. Tausend Grüße und herzliche Empfehlungen Von der gnädigen Frau und dem alten und jungen Baron. Ich verbleibe, nach altem Gebrauch, Deine treue Schwester bis zum letzten Hauch.«
7. Dieser Brief verursachte gewaltige Regung Bei Herrn Jobs, und ohne lange Ueberlegung Packte er ein Paar tausend Thaler ein Nebst einer Invitation nach Schönhain.
8. Er sandte alles durch eine Staffette, Und als wenn es irgendwo gebrennet hätte, Jug dieselbe Tag und Nacht durch, Bis sie ankam zu Rudelsburg.
9. Ohngefähr nach verstrichenen vierzehn Tagen Trafe in einem gemächlichen Wagen Die Ohnwitzer Familie zu Schönhain Und Mamsell Esther zugleich mit ein.
Einunddreißigstes Kapitel.
Wie Herr Jobs und die herrschaftliche von Ohnwitzische Familia sich des Wiedersehens gefreuet haben, und wie Herr Jobs seinen lieben Gästen alles zum besten gibt, als wäre es ihr pröperliches Eigenthum, und wie man da alle Kriegesplage vergessen hat, und auf einem freundschaftlichen Fuß gelebet hat, und daß es Ueberfluß sei, die Freude des Hieronimus besonders zu beschreiben.
1. Wie man sich des Wiedersehens gefreuet Und zu Schönhain ein jeder gejubeleiet, Und besonders die Freude des Herrn Hieronimus Hier zu beschreiben, wäre Ueberfluß.
2. Er gab seinen angenehmen Ohnwitzer Gästen Alles, was er hatte, dermaßen zum besten, Als wäre zu Schönhain rund herum Alles ihr pröperliches Eigenthum.
3. Man vergaß gerne in dieser fröhlichen Lage Die vorherige erlittene Kriegesplage, Und lebte auf dem Gute des Hieronimus Zusammen auf dem freundlichsten Fuß.
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Fortsetzung des funfzehnten Kapitels, und wie Umstände die Sachen verändern, und wie die Liebe des jungen Barons und seiner Stehre einen guten Fortgang zu gewinnen scheinet.
1. Wir wollen jetzt einmal wieder zurückkehren Zum jungen Herrn von Ohnwitz und seiner Stehren, Damit der geneigte Leser seh', Ob die Liebe noch beim Alten besteh'.
2. Seit Stehrens Rudelsburger Aufenthalte Entstund in dem Romane zwar etwas Halte, Weil auf jeden Brief, den der Baron schrieb, Von Ohnewitz die Antwort ausblieb.
3. Er kam also auf den fatalen Gedanken, Stehrens Liebe möchte vielleicht etwas wanken, Oder, welches gar noch schlimmer sei, Sie möchte ihm völlig sein ungetreu.
4. Nachdem er nun seine Reise hatte geendet, Und sich nach Rudelsburg aus Noth gewendet, Welch Glück, als er unvermuthet da Seine geliebte Stehre hier wieder sah!
5. Ware gleich ihre Liebe einige Zeit gehindert, So war sie doch um kein Quentchen schwer gemindert, Und so fing der abgebrochne Roman Zu Schönhain wieder ^de novo^ an.
6. Manches Spiel mit zärtlich gegnenden Blicken, Heimliches Seufzen, verstohlnes Händedrücken, Einsames Spazieren, abendlicher Convent Bei den Linden und Amaliens Monument,
7. Wandeln Hand in Hand durch blumige Thale, Sich erquicken am keuschen silbernen Mondstrahle, Girren und Tändeln und verliebte Sprach', Hatte alles seinen Fortgang vor wie nach.
8. Der alte Herr hat dies nun zwar gesehen, Ließ es aber diesmal tacite geschehen; Auch die vernünftige gnädige Frau Nahm dies Ding nicht mehr so genau.
9. Denn Umstände pflegen in menschlichen Sachen Mancherlei wichtige Veränderungen zu machen, Und nach dem latein'schen Sprüchwort heißt es: ^Circumstantiae variant res.^
10. Auch Herr Jobs hat dazu stillgeschwiegen, Mochte die Liebenden nicht kränken oder rügen, Und dachte vielleicht in seinem Herzen dabei, Daß es alles so der Wille des Himmels sei.
11. Als der junge Herr noch einmal bei den Alten Um die Einwilligung in seine Liebe angehalten, Nahm man ihm solches so übel nicht mehr, Als man es hatte genommen vorher.
12. Es entstanden doch noch zuweilen abseiten Der gnädigen Eltern einige Schwierigkeiten; Denn ein bürgerliches Mädchen zu trau'n, War ihrem Magen noch schwer zu verdau'n.
13. Herr Jobs ward dieses mehrmalen inne, Und nun kam ihm von ohngefähr im Sinne, Daß er von seinem Vater es mehrmals vernahm, Die Jöbse wären vom altadligen Stamm;
14. Auch daß die Vorfahren mütterlicher Seite Wären gewesen gar ansehnliche Leute, Und davon ein schriftliches Dokument In Schildburg bei seinem Bruder sich fänd'.
15. Er hat darum sofort an ihn geschrieben, Auf Uebersendung der gedachten Schrift getrieben, Und der sandte dann auch des Documents Original ihm nach Schönhain eilends.
16. Es enthielt die Jobsschen Familiennachrichten Und manche drin vorgekommene Geschichten; Ich liefere davon kürzlich und exact Im folgenden Kapitel einen Extract.
Dreiunddreißigstes Kapitel.
Nachricht von der Jobsischen adligen Familie, welche anfangs von Schöps hieß.
1. Erstlich ist zu merken, daß die männlichen Jöbse Anfangs hießen die Herren _von Schöpse_; Draus ward hernach der Name _von Schops_, ^Ex post^ _Schops_ und endlich gar _Jobs_.
2. Aber der Stammbaum der Herren von Schöpse Oder der nachherigen Herren Jöbse War unwidersprechlich sehr alt, Und ihr Geschlechtswappen von guter Gestalt.
3. Denn es ist längst irgendwo zu lesen, Daß in Noahs Arche schon ein Schöps gewesen; Weil aber damals noch Niemand war Baron, So schrieb sich derselbe auch nicht Herr _von_.
4. Ja, wollte man der Geschichte weiter nachspüren, So würde sich leicht der Schöpsen Ursprung verlieren In das allergraueste Alterthum, Vielleicht gar bis ins erste Weltsäculum.
5. Aber dieses genauer auszumachen, Würde zu viel Untersuchung verursachen, Und zu einem ganz completen Stammbaum Der Schöpsenfamilie wäre kaum Raum.
6. So viel ist gewiß, daß die Vorfahren Dieses Geschlechts ansehnliche Personen waren, Und sowol im Lehr- als im Wehrstand Viel wichtige Stellen bekleideten im Land.
7. Die authentisch eingezogenen Nachrichten Aus alten Geschichtschroniken berichten, Daß schon zur Zeit des Majordomus Pipin Mancher Schöpse bei Hofe erschien.