Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen
Part 20
6. Ueberall herrschte feierliche Stille, Nur hier und da zirpte eine Grille, Oder ein wachsamer Kettenhund Machte in ihrem Beruf gehende Diebe kund.
7. In der unermeßlichen weiten Ferne Schimmerten droben tausend freundliche Sterne, Und das azurne Himmelblau Ward durch kein Wölkchen noch Nebel grau.
8. Auf des verflossenen Tages Schwüle Folgte eine sanfte erquickende Kühle; Ich erinnere mich, es war grade just Um die Mitte des Monats August.
9. Das Mondlicht fiel hell durch Ritzen und Fenster, Manches Sonntagskind sah Phantome und Gespenster, Die Eule flog auf die Fledermaus-Jagd, Mit einem Wort: Es war Mitternacht.
10. Wer gewohnt ist, seine Menschenpflichten Des Tages durch gehörig zu verrichten, Und dabei satt gegessen und getrunken hat, Dem ist die Nacht eine wahre Wohlthat.
11. Denn weder sein leerer Magen noch volles Gewissen Plagt ihn mit Drücken und peinlichen Bissen, Und nach ausgezogenem Pantoffeln oder Schuh Kommt er im Bette sofort zur Ruh.
12. Herr Hieronimus hat baß, als manche Großen, In seinem Pfarrstande dies Glücke genossen, Denn kein Hunger noch Gewissensgewicht Drückte seinen Unterleib noch Kopf nicht.
13. Jedoch hat es sich einsmalen zugetragen, Daß er, vielleicht wegen überladenem Magen, Die oben beschriebene Augustnacht Etwas schlaflos hat zugebracht.
14. Er entschloß sich sofort aufzustehen, Und im Garten ein wenig spazieren zu gehen, Um durch diese kleine Motion Zu fördern den Schlaf und die Concoction.
15. Er fand die Hinterthür seines Hauses offen, Und ward davon zwar ein wenig betroffen, Doch glaubte er, die Hausmagd habe dies Vielleicht gethan gestern ^per abus^.
16. Er wandelte im Schlafrock mit langsamem Schritte Ohngefähre bis zu des Gartens Mitte, Wo unfern davon, linker Hand, Sich eine kleine dichte Laube befand.
17. Aber plötzlich ward sein Spazieren unterbrochen, Denn es wurde in dieser Laube laut gesprochen, Und es däuchte sogar, indem er horchte, ihm, Es sei seiner Schwester Esther Stimm'.
18. Er schlich näher, sehr langsam und leise, Ohngefähr wie Katzen nach dem Gerispel der Mäuse, Und hörte drauf im wohlbekannten Ton Auch die Stimme vom jungen Herrn Baron.
19. Er erstaunte natürlicher Weise darüber, Ja sein Erstaunen ging in Erstarren gar über, Als er fürder zur Laube kam, Und den Inhalt des Gesprächs vernahm.
20. Denn er hat da nun deutlich erfahren, Daß man schon seit mehrern Jahren Diese Laube hatte gewählet zu 'nem nächtlichen geheimen Rendezvous.
21. Er hat sogar mit Schaudern vernommen, Daß die Sache sehr weit mit beiden gekommen, Und daß vielleicht eine Entführung gar, Wie es schiene, auf'm Tapete war.
22. Ohne vorerst weiter was anzufangen, Ist er stille zurücke ins Haus gegangen, Um zu überlegen bei kaltem Blut, Wie das böse Ding sei zu machen gut.
23. Wie lang das Rendezvous in der Laube gewähret, Drüber bin ich so genau nicht belehret; Es kann dieses, lieber Leser mein, Dir und mir auch wol gleiche viel sein.
Vierzehntes Kapitel.
Wie Herr Hieronimus mit seiner Schwester ein Kapitel hält, ohne jedoch so niederträchtig zu schimpfen, wie mancher andere in seiner Stelle würde gethan haben und hier anfangs zu lesen ist.
1. »Schämst du dich nicht, du liederliche Metze! Du ^et cetra^! du schmutzige Petze! Ist denn all' Ehre, Reputation und Respect In deinem jungfräulichen Herzen verreckt?
2. Pfui dich! ba! du garstige Esther! Es verdreußt mich zu han eine solche Schwester, Die wider alle Regeln der Moral Treibet ein solch ärgerlich Scandal!
3. Was wird nun 's Publikum davon sagen, Daß sich bei mir so 'n Aergerniß zugetragen? Gibt es nicht für den Pfarrer zu Ohnewitz Wegen seines Amtes Stank und Präjudiz?
4. Ich soll, wird man nun sagen, als Paster Bestrafen andrer Leute Fehler und Laster, Und doch treibt's in meinem eig'nen Haus Meine Schwester so malhonett und kraus!
5. Du hast doch die Kinderschuh schon verschlissen, Müßtest längst weg sein über Tändeln und Küssen, Und bist nach richtiger Rechnung bald Sechsundzwanzig Jahr, oder gar was drüber, alt!
6. Oder meinest du etwa, daß ich es glaube, Daß ein Mädel mit 'nem Buhler allein in der Laube, Besonders zur Nachtzeit, was Gutes üb'? Es heißt ja: Gelegenheit machet Dieb'!
7. Aber warte, ich will es schon verfügen, Daß ihr sollt, ehe ihr's vermuthet, kriegen, Du sowol, als dein verliebter Hasenpfot, Die hunderttausend Element Sakerlot!«
8. So hätte vielleicht mancher in Zorn und Eifer Seine Drohung, Gift, Galle und Geifer Ueber das arme Mädchen ausgeschüt't; Aber das that Herr Pfarrer Hieronimus nit.
9. Er hielt es zwar für's erste nöthige Mittel Mit seiner Schwester zu halten ein geheimes Kapitel, Aber es geschah doch mit möglichstem Glimpf, Ohne alle obige Drohung und Schimpf.
10. Nämlich, Herr Jobs hatte vollbracht unter viel Sorgen Den Rest der Nacht, und entbot gleich am Morgen Die Schwester zu sich nach der Studierstub', Wo er das geheime Examen anhub.
11. Sie vermuthete nur blos häusliche Aufträge, Denn sie glaubte, ihr Bruder hätte durch keine Wege Von ihrer Liebe zum jungen Baron Die geringste Nachricht noch Suspicion.
12. Sie erschien vor ihm etwas schüchtern, Ihr Auge blickte noch ein wenig trübe und nüchtern, Wegen der nächtlichen Assemblee, Und sie war noch im Negligee.
13. Herr Jobs wollte sie nicht zu sehr erschrecken, Noch das erfahrne Abenteuer plötzlich aufdecken, Denn er fürchtete vorerst davon Eine gar zu heftige Alteration.
14. Sprach erst überhaupt von ihrem Lebenswandel, Kam allgemach näher zum Liebeshandel, Ging aber so vorsichtig herum dabei, Wie die Katze um einen heißen Brei.
15. Vorab mußt's ihm am meisten interessiren, Sich ausdrücklich bei ihr zu informiren, Ob bei verloffenen Händeln sie Noch ächt seie im ^puncto puncti^.
16. Da versicherte sie nun unter vielen Thränen, Mit unterbrochnem Schlucksen, Händeringen und Stöhnen, Daß bei aller geschehenen Liebelei Noch ^res integra in puncto puncti^ sei.
17. Ich wette, jedes andre Mädchen hätte Noch alles übrige geläugnet an ihrer Stätte, Nach der wohlerfundenen ^prima regula Juris: si fecisti, nega^.
18. Aber Esther hatte ein zu gutes Herze, Das, gar bei gegenwärtiger Scham und Schmerze, Doch haßte jeden Lug und Betrug, Und für Wahrheit und Tugend schlug.
19. Sie gestund, daß schon seit vier Jahr und sechs Wochen Sich der Baron ehelich mit ihr versprochen, Und daß sonst in allen Züchten und Treun Gemeinet sei ihr geheimes Verein.
20. Zwar kenne sie längst gar wol und wisse Die große Schwierigkeit bei ihrem Bündnisse, Doch habe der Baron und sie oft Auf künft'gen guten Ausgang gehofft.
21. Ihr Gewissen gebe ihr übrigens das Zeugniß, Daß nichts Strafbares sei in diesem Ereigniß, Und daß der Baron sowol als sie Diese Liebe würden quittiren nie.
22. Sie sagte auch noch manches Specielle Ueber die hiebei vorgekommenen Fälle, Kurz, sie that aufrichtig Confession Ueber den ganzen Handel mit dem Baron.
23. Während der Relation ihrer Geschichte Stieg manche Röthe auf in ihrem Gesichte, Und von ihren glühenden Wangen floß Manche Thräne wie 'ne Haselnuß groß.
24. Herr Jobs zeigte ihr mit vernünftigen Gründen, Welche Obstacula vor ihrer Liebe stünden; Obgleich er froh war, als er befand, Daß die Sache selbst nicht noch ärger stand.
Funfzehntes Kapitel.
Wie Herr Jobs den jungen Herrn gleichfalls ^coram^ nimmt; ^item^ wie er Löschanstalten des Liebesbrandes macht, nach den Regeln einer guten Polizei.
1. Als nachher der junge Herr gekommen, Hat Herr Jobs ihn gleichfalls coram genommen, Und erschöpfte seine ganze Redekunst, Um zu löschen seine zärtliche Brunst.
2. Er suchte ihn besonders zu belehren, Daß, wenn er sie auch meinte in allen Ehren, So könne doch seine Schwester nie Für ihn sein eine schickliche Partie.
3. Sintemal nach des Kirchenlehrers _Ovids_ Spruche Besser sei, daß Gleich und Gleiches sich suche, Und im Gegenfalle manch Leid und Unheil Entstehe für den einen oder andern Theil.
4. Gesetzt auch, man könnte in den ersten Tagen Sich gut mit einander begehen und betragen, So wäre nach verfloss'ner Flitterwoch' Immer der Henker los doch.
5. Der junge Baron aber hatte dagegen Viele ^exceptiones^ einzulegen Und zeigte, daß hoch, gering, arm und reich In der Liebe so wie in der Natur sei gleich.
6. Bewies auch aus der Geschichte alter und neuer Häuser, Daß nicht nur Edelleute, sondern auch Kön'ge und Kaiser Aus niedrigem Stande sich eine Braut Mit glücklichem Erfolge hätten angetraut.
7. Bat auch und beschwor ihn, daß er von seiner Seite Ihm kein Hinderniß in der Liebe bereite, Sondern zur Erfüllung des Wunsches vielmehr, So viel ihm möglich, behilflich wär'.
8. Er versprach auch bei seinen gnädigen Eltern Den Consens dereinst herauszukeltern. Aber was that dann Herr Jobs? Je nu! Er schüttelte vor wie nach den Kopf dazu.
9. Und gleichwie man bei guten Polizeianstalten Es überall also pfleget zu halten, Daß bei einer heftigen Feuersbrunst, Wenn sie nicht zu löschen ist durch Kunst,
10. Man das benachbarte Gebäude einreiße Und das brennende selbst zusammenschmeiße, Und so der Flamme Ausbreitung stör', Damit der Brandschaden sich nicht vermehr';
11. So that auch Herr Jobs, als er befande, Daß bei obgedachtem heftigen Liebesbrande Durch die Brandspritze der Moral und Vernunft Wenig Hilfe sei für die Zukunft.
12. Denn er gab von nun an nächtlich und täglich Auf seine Schwester Achtung, so viel ihm möglich, So daß wenigstens der Laubenbesuch Sich bei Nacht und Unzeit etwas verschlug.
13. Aber ein verliebtes Mädchen zu bewachen, Dazu gehören 50 Riesen und 20 Drachen Und eine viermal ummauerte Burg, Und wenn es will, so geht es doch durch.
14. So knüpfte auch die Liebe den Baron und die Esther Bei allen Hindernissen nur enger und fester; Jedoch ward alles von Stunde an In noch strengerm Geheime gethan.
Sechszehntes Kapitel.
Wie die alte Herrschaft zu Ohnwitz ihre silberne Hochzeit feiert mit allen Solennitäten.
1. Wir wollen nun in den närrischen Liebessachen, Auf ein Weilchen eine Pause machen, Und einmal hinüber aufs Schloß gehn, Denn da gibt's was Neues zu besehn.
2. Dort war ein Gewühl, Treiben und Rennen, Als säh' man irgendwo ein Gebäude brennen, Und vom Kammerdiener bis zum Küchenjung' War alles gestimmt zu Laufen und Sprung.
3. Von der Kammerzofe bis zur Viehmagd befande Sich alles geputzt im festlichen Gewande, Und vom Schweinhirten bis zum Leiblakei Prangte jeder in Sonntagslivrei.
4. Alle Schornsteine des Schlosses schmauchten, Mehr als hundert Kochtöpfe dampften und rauchten, Und dreißig Braten, theils zahm, theils wild, Wurden am Feuer gar und mild.
5. Auch viel Flaschen stunden mit allerlei Weine Aus Ungarn, Frankreich, Spanien und vom Rheine, Theils leicht bestöpselt, theils verpitschirt, In zierlicher Ordnung aufrangirt.
6. Ein Chor früh versammelter Violinisten, Flötisten, Hauboisten, Waldhornisten, Saßen bei Schnaps und Notenmusik Und machte im Vorhaus zur Probe ein Stück.
7. Kurz, alle Anstalt schien zu prophezeien Ein großes Triumphiren und Jubeleien; Denn die gnädige Herrschaft feierte heut Ihre sogenannte silberne Hochzeit.
8. Es erschienen zu diesem herrlichen Feste Frühzeitig viele eingeladene Gäste Vom benachbarten Adel, zu Kutsch' und zu Roß, Auf dem freiherrlichen Ohnwitzer Schloß.
9. Der ganze Vormittag ging schier zu Ende Mit Scharrfüßmachen und Küssen der Hände, Und Complimenten und Gratulation, Nach dem gewöhnlichen vornehmen Ton.
10. Mittlerweile ward auf dem gepflasterten Saale Alles bereitet zum hohen Mittagsmahle, Und der Hörner und Trompeten Schall Gab zum Sitzen das frohe Signal.
11. Es wurde da alles recht fürstlich gehalten, Man aß herrlich und trank blos alten; Herr Doctor Jobs, der vor allen mit aß, Sprach's Benedicite und Gratias.
12. Auch konnten an einigen Nebentischen Sich noch andere eingeladene Gäste erfrischen, Sie waren alle nur von Bürgerart, Saßen folglich, wie billig war, a part.
13. Zum Exempel der Hausadvocate, Welcher sein Glas fleißig leeren thate Und nebst dem dicken Justitiar Am ersten von allen berauschet war.
14. Auch einige geistliche Freunde des Hauses, Gleichfalls keine Verächter eines guten Schmauses, Item der herrschaftliche Secretär Und der gnädigen Frauen Leibaccoucheur.
15. Alle leerten, als bekannte brave Zecher, Fleißig ihre gefüllten großen Becher Und tranken im hochedlen Rebensaft Aufs hohe Wohl der gnädigen Herrschaft.
16. Da hatten nun der gnädige Herr und gnädige Frau, beide, Ihren tausend Spaß und übergroße Freude, Denn ein jeder Betrunkner war Auf seine eigne besondre Art ein Narr.
17. Auch ein in der Nachbarschaft wohnender Poete Hatte von dieser bevorstehenden Fête, Durch die Posaune der Fama, Wind, Und verfertigte drauf ein Carmen geschwind;
18. Kam also, kurz vor der Mahlzeit, herbeischleichen, That das Carmen mit tiefster Reverenz überreichen, Und empfing höchst graziös davor Ein Almosen von zwei blanken Louisd'or;
19. Wurde dabei aus überschwenglichen Gnaden Mit an die Nebentafel eingeladen, Saß aber, wie man leicht denken kann, Wegen seines kahlen Rockes, untenan.
20. Man schenkt' ihm oft ein und er ward trunken; Dies erregte nun sehr seine poetischen Funken, Und man transportirte mit guter Manier, Weil er zu laut wurde, ihn vor die Thür.
21. Der Rest des Tages verstrich unter Tanz und Springen Und derlei zeitvertreiblichen schönen Dingen; Abends war schöne Illumination, Wobei man eine Tonne Oel verbronn.
Siebzehntes Kapitel.
Wie der junge Herr das Eisen schmieden will, weil es noch warm ist, und wie es ihm damit nicht nach Wunsch erging.
1. Nach und nach verloren sich vom Balle Gäste und Gästinnen, meist paarweise, alle Stammelten ihren schuldigen Dank; Die meisten waren berauschet und krank.
2. Frau Hochzeiterin und Herr Hochzeiter Waren heute außerordentlich heiter; Doch zweifle ich sehr, ob's ganz so war, Wie heute vor fünfundzwanzig Jahr.
3. Diese Stimmung schien ^in puncto^ und von wegen Seiner Liebe dem jungen Baron sehr gelegen; Denn er dachte, nach dem Sprüchwort sei's gut Das Eisen zu schmieden, wenn's ist in Glut.
4. Er schritt also, obgleich ängstlich und blöde, Bei seinen Eltern zur nöthigen Vorrede, Und bate sie außerordentlich sehr Um ein geneigtes geheimes Gehör.
5. Man ist drauf ins Apartement gegangen, Und da hat der junge Herr den Text angefangen, Und machte ihnen den schrecklichen Brand Seines Herzens zu Mamsell Esther bekannt.
6. Der alte Herr wurde höchst sehr frappiret, Fast hätte ihn die Apoplexie gerühret, Und die gnädige Frau von Ohnewitz Fuhr zusammen, als träf' sie der Blitz.
7. Allgemach hat man sich ein wenig gesammelt, Ihm etwas Zweideutiges als Trost zugestammelt; Denn man merkte aus seiner Sprache wol, Die Sache sei zu ernsthaft und toll.
8. Er ist bald nach dem Schlafgemach geschieden; Die Sache war zwar noch nicht nach Wunsch entschieden, Aber sein Herz war doch ein Centner und mehr Leichter, als es gewesen vorher.
9. Aber seiner Eltern zärtlichen Herzen Erregte diese neue Mär heftige Schmerzen; Denn eine solche bürgerliche Heirath War ihnen eine unverantwortliche That;
10. Ihr Sohn hatte sich seit seinen Kindestagen Immer gehorsam und vernünftig betragen, Nun aber wollte er was fangen an, Was kein Herr von Ohnwitz noch je gethan.
11. Versalzen ware nunmehro bei beiden Die Suppe ihrer heutigen großen Freuden, Und der froh angefangne Hochzeitstag Nahm ein End' mit Schrecken und Ungemach.
12. Aber so geht's: auf einen hellen und frohen Morgen Folgt oft ein Abend neblig und voll Sorgen, Und wo ein Heil'genhaus ist, hat auf der Stell' Nahe dabei der Schwarze eine Kapell'.
13. Was weiter hinter der Gardine passiret Und wie man über die Sache deliberiret, Nämlich wie solche anzugreifen sei, Weiß ich nicht, denn ich war nicht dabei.
Achtzehntes Kapitel.
Enthält allerlei Anstalten, ^pro^ und ^contra^.
1. Herr Jobs ward Tags drauf zu Rath gezogen, Und da hat man alles vernünftig erwogen, Und es folgte zuletzt der Schluß: Weit davon sei gut für'n Schuß.
2. Das heißt: aus Erfahrung hat man oft gelernet, Daß, wenn man Stroh vom Feuer entfernet, Nicht so leicht ein Unglück oder ein Brand In Scheunen und Herzen nimmt überhand.
3. Das Beste sei folglich, die Liebenden zu trennen, Vielleicht würde es dann wol aufhören zu brennen; Weil eine persönliche Abwesenheit Oft tilget die Freundschaft und Zärtlichkeit.
4. Der Baron sollte also nicht lange anstehen, Italien, England und Frankreich zu besehen, Mittlerweile würde er in seinem Gefühl Für Mamsell Esther vielleicht kühl.
5. Eine Signora, Lady oder Marquise, Die das Ohngefähr ihm irgendwo anwiese, Würde in Rom, London oder Pareis Ihn dann vollends bringen ins rechte Geleis.
6. Er hat deswegen von seinen lieben Alten Den Befehl zur Reise vorläufig erhalten; Es ist leicht zu denken, wie delicat Ihm diese Ankündigung schmecken that.
7. Aber um diese Pille zu vergulden, Rieth man ihm, sich wegen Esthers zu gedulden, Bis etwa zu seiner Zurückkunft Frist Einst geschehen möchte, was Rechtens ist;
8. Aller Umgang und ferners Caressiren Müsse indessen zwischen ihnen cessiren. Dieses versprach der Baron nun wol, Doch eben nicht auf Cavaliersparol'.
9. Drum hat er vor wie nach, vor der Abreise, Auf verschiedene klug ersonnene Art und Weise, Meist aber Abends und bei der Nacht Bei Esther einige Augenblicke zugebracht.
10. Das gab dann ein Gewimmer und Lamentiren, Daß es einen Stein hätte mögen erbarmen und rühren; Denn die Trennung ist ein sehr bitteres Kraut Und verwundet der Liebenden Herz und Haut.
11. Es ward auch zu beiderseitigem Erquicken Verabredet, sich fleißig Brieflein zu schicken, Und 'nen ehmaligen Diener des Baron Wählte man zum Liebespostillon.
12. Dieser hatte seit sehr geraumen Jahren Die Kutsche der Herrschaft zu Ohnwitz gefahren Und nun ohnlängstens als Veteran Seine eigne kleine Wirthschaft gefangen an.
13. Schon zu des alten Herren Jugendzeiten Besaß er in Bestellung der Liebesangelegenheiten, Zu aller Menschen Verwundernuß, Eine besondere Fertigkeit und Habitus.
14. Er hieß Jürgen und war nun in allen Ehren Auch willig zu des jungen Herrn Liebesbegehren, Und übernahm in diesem Fall der Noth Gegen gute Geschenke den Briefdepot.
15. Uebrigens qualificirt sich dieser Titel Der Liebesbriefe zu 'nem neuen Kapitel; Ich will darum mit möglichstem Fleiß Alles Nöthige sagen, was ich davon weiß.
Neunzehntes Kapitel.
Dieses Kapitel enthält manche schöne Betrachtung über Liebesbriefe ^in genere^.
1. ^In genere^ ist's um die verliebte Briefsprache Eine curiose und sehr närrische Sache, Denn durchgehends gebraucht man hie Eine eigene besondere Terminologie.
2. Da schlagen oft gar fürchterliche Flammen Ueberm Kopfe der Verliebten zusammen: Und wenn man's eigentlich besieht bei Licht, So brennt's nur auf dem Papier, sonst nicht.
3. Man spricht drin von Sichtodtstechen und Sterben Und von vielem Weinen, wovon die Augen verderben; Und eigentlich verspritzt man doch kein Blut, Und die Augen verbleiben klar und gut.
4. Da läßt man's an Pretiosen nie fehlen, Da sind die Menge Perlen und Juwelen Und süßer Nektar und Ambrosia Und Gold aus Peru und Arabia.
5. Da finden sich Mündchen von Karmin und Korallen, Und Aeuglein heller wie geschliffne Krystallen, Hälse von Alabaster und Elfenbein, Herzen von Demant und Marmorstein.
6. Man spricht von Sympathien und Magneten, Anziehenden Kräften und Elektricitäten, Und bei jedem dieser physischen Dinge hat Eine besondere mysteriöse Deutung statt.
7. Da gibt's Veilchen, Rosen und schöne Nelken, Vergißmeinnichtchen, die nie verwelken, Tausendschön, Maiblümelein, Jasmin, Sonnenblumen und die schwere Meng' Immergrün.
8. Bei etwa geringern Liebesprogressen Spricht man jämmerlich von Myrten und Cypressen, Von Todtenkränzen, Ysop und bitterm Wermuth, Und was man bei Leichen gebrauchen thut.
9. Es kommen auch nach der allgemeinen Regel Drin vor allerlei Gethiere und Gevögel, Vorzüglich die bekannte Philomel' Ist darin des Sommers ohne Fehl.
10. Item, anmuthig girrende Turteltäubchen, Auch Sperlinge, Hänflinge, Männchen und Weibchen, Auch wol ein Zeisig oder Distelfink, Imgleichen mancher bunter Schmetterling.
11. Zuweilen gar grausame Löwinnen Und unbarmherzige Tigerinnen, Aber doch meist manch Schäfchen und Lamm, Sanftmüthig, dumm, geduldig und zahm.
12. Sogar Geschöpfe aus höhern Regionen, Engel und Sylphen zu Millionen, Und selbst der kleine blinde Gott Amor -- Kommen in derlei Briefen oft vor.
13. Sonne, Kometen, Nordlicht und Sterne Gebraucht man in den Liebesbriefen auch gerne; Besonders aber wird der liebe Silbermond Am wenigsten von allen Planeten geschont.
14. Noch tausend und mehr andre Hieroglyphen, Sehr gebräuchlich in Liebesbriefen, Trifft man in jedem bekannten Roman Der ältern und neueren Zeiten an.
15. Man hält es auch nicht für sehr uneben, Seiner Schönen einen zartern Namen zu geben, Oder, ist etwa der Taufname zu dumm, So ändert man ihn wol ganz und gar um.
16. Da sagt man zum Exempel statt Karoline Line, Statt Leopoldine Poldchen oder Dine, Imgleichen Trina statt Katarein, Item Beta statt Elsabein.