Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen
Part 2
In das medicinisch-pädagogische Gebiet fällt Kortums »_Märtyrer der Mode_«; derselbe erschien 1778 _anonym_ zu Wesel bei F. J. Röder. Es ist dies eine kleine, durch den weiten Druck auf 75 Seiten ausgereckte Satire auf die damals und noch jetzt grassirenden Modethorheiten und Lebensgewohnheiten vornehmer Stände, z. B. das Schnüren, Ammenwesen, Erziehung oder besser Vernachlässigung der Kinder durch fremdes Personal u. dgl. Der arme Märtyrer all dieser Moden, der von den ersten Anfängen seines Daseins bis zum Grabe bei all diesen Modekrankheiten schlecht genug wegkommt, erzählt sein Elend selbst. Der Verfasser hat dem Schriftchen nicht ohne Humor kurz und gut folgende »Vorrede an die Leser« vorgesetzt:
»Es wäre zwar Mode, Ihnen erst ein Compliment zu machen und dann zu sagen, was vor hinreichende Gründe ich gehabt habe, diese Geschichte herauszugeben. Allein, zu dem ersten bin ich nicht aufgelegt, und das andere werden Sie schon selbst am Ende der Geschichte lesen. B-ch-m, 1778.«
Durch die letzte Bezeichnung verräth sich der Verfasser zur Genüge; nebenbei gesagt füllt diese bündige Vorrede zwei ganze Seiten.
Im Jahre 1779 erschien seine oben schon berührte populär-wissenschaftlich gehaltene »Anweisung wie man sich vor alle _ansteckende Krankheiten_ verwahren könne«, und 1782 im Verlage der Helwingischen Universitäts-Buchhandlung zu Duisburg die von _Lavater_ angeregte Schrift: »Anfangsgründe der _Entzifferungskunst_ deutscher Zifferschriften.« Beide sind je 114 Seiten stark; die erstere ist für den damaligen Stand der medizinischen Wissenschaft bezeichnend und die letztere ist ebenfalls noch jetzt lesenswerth, sehr instruktiv und verräth eine große Uebung und Sicherheit in der immerhin geistig anregenden Spielerei, Ziffer- und Zeichenschriften zu enträthseln. -- 1789 erschien zu Duisburg die »_Verteidigung der Alchemie_«, welche bereits im Jahre 1791 in Aachen eine zweite Auflage (oder einen Nachdruck) erlebte. Einen glücklichen Griff that endlich der »Arznei-Doctor«, wie er sich meistens betitelt, in seiner »Skizze einer _Zeit- und Literaturgeschichte_ der Arzneikunst von ihrem Ursprunge bis zum Anfange des 19. Jahrhunderts«, welche 1809 zu Unna erschien und 1819 eine zweite Auflage erlebte.
Das Verzeichnis dieser seiner _gedruckten_ Schriften, noch mehr aber eine Uebersicht seines _handschriftlichen_ Nachlasses zeigt die ungemeine Vielseitigkeit und Polymathie des Jobsiadendichters. Medicin, Pädagogik, Jurisprudenz, Naturkunde, Geschichte und Alterthumsforschung, Landwirtschaft, Technologie, Illustrationskunde u. s. w. sehen wir vertreten, und wenn das vorige Jahrhundert, wo die einzelnen Fachwissenschaften noch nicht den riesigen Umfang von heutzutage hatten, den studirten Leuten auch eher den Luxus einer solchen Vielwisserei gestattete, so muß man doch über die geistige Regsamkeit und den Bienenfleiß des Mannes füglich erstaunen. Namentlich zeigen auch die oben schon berührten, 1872 durch Clemens _Ising_ aus dem handschriftlichen Nachlaß zum Druck beförderten »_Nachrichten_ vom ehemaligen und jetzigen Zustande der Stadt _Bochum_«, wie rührig und eifrig der Autor sich umgesehen, Umfrage gehalten, gesammelt und gesichtet haben muß.
Den Ruhm und die Unsterblichkeit seines Namens hat Kortum jedoch auf einem Gebiete errungen, wo er sie selbst wol nicht erwartet hatte, auf dem Gebiete der _Poesie_, der komischen Muse. Wie nach seiner Naturanlage zu erwarten stand, fallen in dieses Gebiet auch seine _ersten_ schriftstellerischen Versuche. Gebeten, für die in Wesel erscheinende Zeitschrift »Der Gemeinnützige« und für die »Niederrheinischen Unterhaltungen« Beiträge zu liefern, veröffentlichte er in denselben zunächst Anekdoten und scherzhafte Gedichte. Später folgten, zum Theil selbständig: »Lobschrift auf Herrn Ich.«; -- »Komische Lebensbeschreibungen«; -- »Die seltsamen Begebenheiten der Kinder des Medon und Sincer, ein Märchen nach dem Geschmack des vorigen Jahrhunderts«; -- »Saadi oder der Lebensbalsam, eine arabische Erzählung«; -- »Lebensgeschichte eines Carobuben«; -- Alles kleinere Sachen zum Theil moralisirenden Inhalts in humoristisch-satirischer Behandlung. Den »Märtyrer der Mode« (Wesel, 1778) kann man füglich auch hierher rechnen.
»Die _magische Laterne_, in dreimal dreißig Vorlesungen« erschien 1784 zu Wesel; in dem ersten Dreißig führt der Autor Charakterfiguren von Ständen, Berufsclassen und moralischen Eigenschaften, wie Geizige, Stutzer, Modenärrin u. s. w. vor; im zweiten Dreißig erscheinen Personen und Vorfälle aus der biblischen Geschichte des alten Testaments, und im dritten Dreißig will der Verfasser zeigen, »was zu uns'rer Zeit geschah.« Er führt darin als _lebende_ Zeitgenossen vor: Joseph II., Friedrich d. Gr., Katharina II., erwähnte die Reise von Papst Pius VI. nach Wien 1782, den nordamerikanischen Freiheitskampf 1777-1783, die heldenmüthige Vertheidigung Gibraltars durch Elliot 1779-1782, das Auffliegen Montgolfier's 1783 u. s. w. Wenn daher ein Berufsgenosse des Jobsiadendichters, Dr. _Müller_, im Jahre 1878 einen Neudruck des kleinen Zeitspiegels in Knittelversen veranstaltet hat (Frankfurt a. M., Druck von G. Horstmann) und als eigenen Versuch unter der Ueberschrift »Fünfzig Jahre später« eine Darstellung des Krieges von 1870/71 anfügte, so ist das ein colossaler historischer Schnitzer und wäre »Hundert Jahre später« beinahe richtig gewesen. Auch schätzt sich der Herausgeber in der Vorrede glücklich, die »magische Laterne« gleichsam neu entdeckt zu haben, irrt sich in dem Geburtsjahre Kortums um etwa 30 Jahre, ebenso in dem Geburtsorte, schreibt den Namen fälschlich »Kortüm« und ist der Neudruck durch viele sinnstörende Druckfehler entstellt. Dem Jobsiadendichter selbst aber wäre vielleicht ein Dienst damit erwiesen worden, wenn die Laterne vergessen geblieben wäre. -- Weitere poetische Erzeugnisse Kortums, welche allerdings erst nach der Jobsiade erschienen, sind: »_Adams Hochzeitsfeier_, ein komisches Gedicht«, (Wesel, 1788), und »_Elisabeth Schlunz_, ein Anhängsel zur Jobsiade«, (Hamm, 1819).
Keins dieser vielen Geisteskinder hat jedoch den Verfasser überlebt, alle fielen bald nachher der verdienten Vergessenheit anheim, und nur ein einziges sichert dem fruchtbaren Schriftsteller für immer einen Namen in der deutschen Literatur, die allberühmte »_Jobsiade_« oder, wie der Titel der ersten Ausgabe ausführlich und genau lautete:
»Leben, Meynungen und Thaten Von _Hieronimus Jobs_, dem Candidaten, Und wie Er sich weiland viel Ruhm erwarb, Auch endlich als Nachtswächter in _Sulzburg_ starb.
Vorne, hinten und in der Mitten Gezieret mit schönen Holzschnitten. Eine Historia lustig und fein In neumodischen Knittelverselein.«
Der in diesem Titel inhaltlich resumirte _erste_ Theil der Jobsiade bildet ein abgeschlossenes Ganzes und erschien im Jahre 1784 _anonym_ in Münster und Hamm bei Philipp _Perrenon_. Der Druck war jedenfalls schon im Jahre 1783 vollendet, wenigstens trägt das in meinem Besitze befindliche Handexemplar des Dichters dessen eigenhändige Namenszeichnung und darunter die Jahreszahl 1783. Das Titelbild von dem besungenen Helden zeigt die Unterschrift: »_Hieronimus Jobs_, lutherischer Candidat der Theologie und Nachtswächter zu _Sulzburg_ in Schwaben ^Aetat: XL.^« Aus dem »_Sulzburg_« der ersten Ausgabe ist in späteren Ausgaben »_Schildburg_« geworden, welches an die bekannten Streiche der »Schildbürger« von Schilda (Schildau) bei Torgau, dem sächsischen Abdera, erinnern oder diesen Ort bedeuten soll. Dem Autor ist es übrigens nie eingefallen, sein Werk als »grotesk-komisches Heldengedicht« zu bezeichnen; in der ersten Ausgabe fehlt jede weitere Bezeichnung, und erst später, als die ferneren Theile erschienen, gab er allen drei Theilen den Gesammttitel: »Die _Jobsiade_, ein komisches Heldengedicht in drei Theilen.« Die Bezeichnung »burlesk« würde ziemlich richtig sein, denn die Dichtung erhebt sich nicht über die niedere Komik.
Verleitet durch den Beifall, den dieser erste Theil der Jobsiade, zwar nicht ohne anfänglichen Tadel und Widerspruch, schließlich gefunden, fügte der Dichter noch einen _zweiten_ und _dritten_ Theil hinzu; durch einen höchst unwahrscheinlichen Hokuspokus ließ er den im ersten Theile als Nachtwächter verstorbenen Hieronimus wieder aus dem Grabe hervorgehen und machte aus dem mißrathenen Taugenichts erst einen musterhaften Pastor und dann gar einen reichen Dorfdynasten. Alle drei Theile erschienen unter dem gemeinsamen Titel »Jobsiade« 1799 zu Dortmund in dem Mallinckrodt'schen Verlage. Die dritte Auflage besorgte Kortum im Jahre 1806, und von der vierten, welche in seinem Sterbejahre 1824 erschien, hat er noch die Revision des ersten Theiles selbst vorgenommen. Neben diesen rechtmäßigen Ausgaben erschien noch zu Lebzeiten des Dichters eine Menge von Nachdrucken.
Geben wir zur Beurtheilung der Jobsiade zunächst das Wort dem Literarhistoriker _Heinrich Kurz_. Derselbe sagt darüber, Band III. p. 307a: »Großen Beifall fand und findet noch immer die Jobsiade und zwar mit vollem Recht. Denn wenn sich die Dichtung auch nur im niedrigsten Grade des Niedrigkomischen bewegt, so hat auch dieses seine _volle Berechtigung_, wenn der Dichter es nur mit vollem Bewußtsein beherrscht und durchführt. Und daß dieses hier der Fall ist, wird Niemand bezweifeln wollen, der das Gedicht gelesen hat. Die Jobsiade verdient schon deshalb Anerkennung, weil in ihr Alles zusammenklingt: Charaktere, Begebenheiten, Darstellung, Sprache, Versmaß, Alles bewegt sich im gleichen Gebiete des Niedrigkomischen; nirgends wird der allgemeine Charakter unterbrochen oder gestört. Aber was der Jobsiade noch größeren, wahrhaft _poetischen Werth_ gibt, das ist die _Wahrheit_, die ihr zu Grunde liegt. Wenn auch im burlesken Gewande, ist das Leben der deutschen Spießbürger und Philister, der deutschen Gelehrten und Pedanten in einer noch gar nicht so lange verschwundenen Zeit meisterhaft und in der vollsten Wahrheit geschildert; ja selbst das burleske Gewand ist keine Andichtung des Verfassers, sondern dem Leben abgelauscht. Es ist freilich schade, daß der Dichter noch einen Theil (resp. zwei) hinzufügte, in welchem Jobs, der scheintodt im Grabe gelegen, ins Leben zurückgerufen wird, nun ein neues Dasein beginnt und ein Muster von einem Pastor wird; allein abgesehen davon, daß man diese Fortsetzung als selbständiges Ganzes betrachten muß, und die poetische Einheit und Wahrheit des ersten Theiles dadurch also nicht beeinträchtigt wird, so möchten wir darin eine treffliche Satire auf die damaligen Dramen erblicken, in denen das Tragische durch einen unpoetischen Umschwung oder an den Haaren herbeigezerrte innere Unmöglichkeiten zu glücklichem Ende geführt wurde. Wie der erste Theil, so ist übrigens die Fortsetzung reich an glücklichen Einzelheiten, und wenn auch keine dem in seiner Art classischen Examen oder dem eben so trefflichen Briefe des Candidaten Jobs gleichkommt, so sind doch manche Stellen äußerst glücklich, so z. B. die Verspottung der damals herrschenden Empfindsamkeit.«
Gleich günstig urtheilt über die Jobsiade _W. Lindemann_ in seiner »Geschichte der deutschen Literatur«, Buch XI., der sie geradezu als das eigentliche und einzige komische Heldengedicht der neueren deutschen Literatur bezeichnet. Auch er hält die Fortsetzung für eine Schädigung des ersten Theils; durch dieselbe gehe das komische Interesse auf Nebenpersonen über.
Nicht zum geringsten Theil verdankt der Verfasser diese Wirkung dem gewählten _Versmaße_ und der _Illustration_ der einzelnen Scenen durch die allerklotzigsten und unbeholfensten Bilder. Die drollige Willkür, mit welcher der Verfasser seine seitdem oft, jedoch selten mit Glück nachgeahmten Knittelverse allen rhythmischen Gesetzen zum Hohn handhabt, die Naivität, mit der er den Leser schadlos hält, indem er erklärt:
»Es werden zwar in den Reimen manche Strophen Auf zu wenigen Füßen hinkend angetroffen, Es sind aber auch manche Strophen wieder dafür Länger, und mit zu viel Füßen laufend allhier,«
der glückliche Griff, mit welchem er häufig durch die Wahl eines verkehrten Casus oder einer falschen Form dem ausgedrückten Gedanken einen komischen Beigeschmack gibt und ihn so gleichsam zur erheiternden Caricatur umwandelt, das Alles verleiht den mitten aus dem Leben gegriffenen und lebenswarm dargestellten Vorgängen, außer dem _inhaltlichen_ Interesse, auch noch den packenden Reiz der _originellen Form_. In richtigem Salondeutsch ausgedrückt, würde mancher Gedanke ohne Eindruck an dem Leser vorüberziehen; im Gewande der Kortum'schen Knittelverse aber prägt er sich dem Gedächtniß unauslöschlich ein und bleibt darin haften für immer.
Ein Pendant zu dem gewählten Versmaße bilden die _Illustrationen_. Eine Jobsiade, auf Velinpapier gedruckt und mit feinen Holzschnitten versehen, wäre gar keine richtige Jobsiade mehr; sie verlöre viel von ihrer Wirkung und ihrem eigenthümlichen Reize. Wer erinnert sich nicht mit Freuden des Autors, der wie ein zweiter Evangelist Lucas an seinem altmodischen Schreibtisch sitzt, seinem Büchlein den väterlichen Segen gibt und eine lange irdene holländische Pfeife vor sich liegen hat, oder der Schaar schnatternder Enten, die als Gevatterinnen bei der »Senaterin Jobsen« Kindbettvisite machen, oder des steifen Reiters, der dem Reitersmann auf den Tabakpäckchen von Bönniger oder A. B. Reiter gleicht wie ein Ei dem andern und obendrein oft angebracht ist, wo er paßt wie Pilatus in's Credo? Wie bezeichnend und hochkomisch ist nicht die Darstellung, »wie es mit Jobsens Gelehrsamkeit beim Abgange von der Universität bewandt war, fein artig in gegenwärtigem Kupfer vorgestellt«: ein leerer Rahmen ohne Inhalt? Wie stolz und dreist sieht der Hahn in die Welt, der in dem neuen A-B-C-Buche von Hieronimus Jobs ein Nest mit einem großen Ei hinter sich hat, »gleichsam als hätt' er es selbst gethan«, wie glotzäugig verkündet die Nachteule den nahen Sturm in Ohnewitz, wie bezeichnend ist nicht der geschwätzige Papagei als Einführung in das Kapitel, in dem Amalie ihren nicht sehr erbaulichen Lebenslauf erzählt: »ein langes Kapitel, weil eine Frauensperson spricht; accurat hundert Verse?« Gleich gelungen sind die Porträts der beiden Advocaten Schluck und Schlauch, die Silhouette und daran geknüpfte physiognomische Studie von Fräulein Esther, und das Titelbild zum dritten Theile, die beiden Liebenden in der Laube, wo »sie tranken des Mondes Silberschein und das Flimmern der lieben Sternelein«, ist der reinste Hohn auf die verliebte Mondscheinschwärmerei.
Die Bilder hat der Verfasser offenbar selbst entworfen; übrigens sind die kleinen, egal großen, mit Eckstein, Schüppen und Herz versehenen Bildchen mit den Beischriften Hogier, Hector, Judith so wie die inschriftslosen Bilder von dem jungen Baron und Esther ursprünglich Clichés von damaligen rohen Spielkarten.
Der Beifall, den die Jobsiade im großen Publikum fand, wurde anfangs von den Kritikern und Recensenten nicht allgemein getheilt; überhaupt ist Kortum, wie viele Stellen der Jobsiade zeigen, auf diese Herren herzlich schlecht zu sprechen. Namentlich wußte ein Recensent in der »Allgemeinen Deutschen Bibliothek«, (LIV. 72 ff.) nicht Worte genug zu finden, um »diese Mißgeburt, diesen Bastard der Komik, diese heillose Reimerei« gebührend an den Pranger zu stellen. Alles sei darin zu finden, heißt es, nur nicht Witz, Ironie, scherzhafte Laune, Satire und treffende Charakteristik; überhaupt sei eine gröblichere, pöbelhaftere Darstellung in der ganzen deutschen Literatur nicht zu entdecken. Wahrscheinlich war dieser grimmige Recensent ein Berufsgenosse des verunglückten Studiosus Hieronimus, der durch solche maßlose und einseitige Kritik den seinem Stande vermeintlich angethanen Schimpf recht kräftig auswetzen wollte. Das erste Kapitel des zweiten Theiles, welches als Vorrede anzusehen ist, ergeht sich ausführlich über die Aufnahme, die der erste Theil gefunden. Eine sehr schmeichelhafte Besprechung findet sich im damaligen »Reichsanzeiger«, Jahrgang 1787, Nr. 123, Seite 1331. Wie Alles, was über das gewohnte alltägliche Geleise hinausgeht, sich nicht ohne Widerspruch Bahn bricht, so errang auch die Jobsiade, welche so ganz von dem hergebrachten Genre der zünftigen Poesie abwich, den allgemeinen Beifall nicht ohne Anfeindung. Gerade die günstige Aufnahme aber, welche der erste Theil trotzdem fand, war die Veranlassung, daß der Dichter die weiteren Theile folgen ließ; vielleicht mochte er, älter und ruhiger geworden, dabei auch beabsichtigen, Manches wieder gut zu machen, was er im ersten Theile am Stande der Theologen gesündigt hatte.
Ueber seine _Absicht_ bei der Abfassung der Jobsiade sagt der Dichter im ersten Kapitel des dritten Theiles, er habe ein Scherflein dazu beitragen wollen, verdrießliche, trübe Stunden zu verjagen, habe nebenbei nützliche Winke und Kleinigkeiten zu verbreiten gesucht, »und wo ich Dummheit und Bosheit fand, gab ich wol 'nen Hieb en passant«. Trotz mancher anstößigen Stellen ist die Jobsiade im Grunde moralisch und moralisirend. Kortum will durch seine Satire bessern; er moquirt sich über Leben und Leute, weil er sie anders wünscht; er sucht dem spießbürgerlich genügsamen Philisterthum, welches ihn langweilte, wie dem sich spreizenden Pedantenthum, das ihn ärgerte, den Garaus dadurch zu machen, daß er beide in ihrer Lächerlichkeit hinstellte; seine komische Muse ist die eines launigen Sittenrichters, der durch beißenden Spott bessern will. Wenn er dabei oft zu unverblümt die nackte Wahrheit sagt, so muß man bedenken, daß die Jobsiade keine Lectüre für junge Mädchen ist und sein soll, und ferner seinen _Stand_ und sein _Zeitalter_ berücksichtigen. Seinen Stand, denn der Beruf des Arztes bringt es oft mit sich, daß er über delikate Verhältnisse kein Blatt vor den Mund nimmt, und sein Zeitalter, denn das vorige Jahrhundert war allerdings nicht prüde, aber trotzdem wol moralisch gesunder und besser wie die zimperlich thuende, blasirte Gegenwart.
Mag der gelehrte, ideale Aesthetiker die Jobsiade kritisiren, weil ihr derber Witz nicht salonfähig ist, mag der Moralist mit Recht Manches daran auszusetzen haben: die Jobsiade ist ein _Volksbuch_ geworden, sie ist das versifizirte Lesebuch, in dem man Alles finden kann, und jedes andere Volk würde auf solch' reiches Produkt der Komik stolz sein; hat doch der Candidat Jobs, der unter allgemeinem Schütteln des Kopfes von dem gelahrten Consistorio in Schwaben examinirt wurde, selbst in _Amerika_ vor der Yankee-Kritik sein Examen ruhmvoll bestanden. In amerikanisch-englischen Knittelversen erschien er als:
»^The life, opinions, actions and fate^ ^Of Hieronimus Jobs, the candidate,^ ^And how he whilome won great renown^ ^And died as night-watch in Schildebourg town.^«
Ferner hat das Buch der Malerei Stoff zu mancher bedeutenden Kunstleistung gegeben; es sei hier nur an die drei großen Oelgemälde des Malers _Hasenclever_ erinnert »Jobs im Examen«, »Jobs als Schulmeister«, und »Jobs als Nachtwächter«, die sich sämmtlich unter Nr. 33, 34 und 35 in der Gemälde-Galerie des Herrn _Ravené_, Wallstraße 93, zu _Berlin_ befinden.
Zum Schluß kommen wir noch auf die interessante Frage: Sind die in der Jobsiade vorkommenden Personen und Geschichten lediglich dichterische Erfindung oder liegen ihnen _wirkliche Persönlichkeiten_ und _Thatsachen_ zu Grunde? Jedenfalls steht zunächst fest, daß nach dem Erscheinen des ersten Theiles sich manche Personen getroffen fühlten und dem Dichter das mit altbochumer Offenheit vorgeworfen wurde. Dafür spricht auch die Entschiedenheit, mit welcher Kortum sich in den Einleitungskapiteln der beiden letzten Theile gegen die Insinuation verwahrt, er habe »überall satirisirt oder gar personalisirt«. Er behauptet.
»Nun kann ich aber, bei meiner Treu und Ehren! Jedermänniglich laut und offen erklären, Daß ich von persönlicher Beleidigung frei, Und für Niemand das Büchel anstößig sei.
Wer sich also in Zukunft etwa würde vergessen Und mir absurde Absichten beimessen, Den erkläre ich hiermit rund Für einen et cetera und bösen Leumund!!«
Wenn wir nun auch dem Dichter diese Erklärung, die er mit zwei !! am Ende bekräftigt, auf das Wort glauben, so ist doch zu bedenken, daß alte Leute in Bochum versichern, den leibhaftigen Hieronimus Jobs und dessen Brüder noch gekannt zu haben, und daß ein in »denen Studiis verunglückter Bochumer Bruder Studio« Namens _Boi_, zu besagtem Hieronimus Porträt gesessen habe. Kortum habe den Namen desselben rückwärts gelesen, die körperkräftige Gestalt und viele »Meinungen und Thaten« seien aber diesem »verbummelten Studenten« abgelauscht. Als Stammhaus des weiland Hieronimus Jobs wird das Haus auf der oberen Marktstraße Nr. 8, den alten Bochumer noch jetzt als _Flügel-Boi_'sches Haus bekannt, mit aller Bestimmtheit bezeichnet. Ferner soll in dem arg mitgenommenen »Doctor Schneller« ein ärztlicher Concurrent des Dichters versteckt, und in den beiden Advocaten Schluck und Schlauch auf damalige Personen angespielt sein. Uebrigens schonte _Kortum_ auch seinen eigenen ärztlichen Stand keineswegs, wofür die Dichtung zahlreiche Belege bietet.
Die obige Versicherung des Dichters und diese Angaben lassen sich aber sehr gut vereinigen. Man schildert nur das lebenswahr und frisch, was man selbst innerlich oder äußerlich erlebt und durchgemacht hat. Wer sich von der geistigen Werkstatt eines Dichters eine Vorstellung machen kann, wird wissen, daß derselbe seinen rein erfundenen Gestaltungen entweder Züge, Einzelheiten, wirklich erlebte und bekannte Vorfälle unterlegen muß, oder daß er umgekehrt zur Unterlage, gleichsam zum Gerippe eines Charakters sich eine bestimmte Person nimmt, diese idealisirt, nach Anlage des Charakters freie Erfindungen anfügt, kurz Gestalten liefert, die einzelne bekannte Züge tragen, trotzdem aber völlig geistiges Eigenthum des Dichters sind. In beiden Fällen sagt der oberflächliche Leser, das soll _der_ und _der_ sein, und wenn er Züge oder zufällige Aeußerlichkeiten von sich selbst zu finden glaubt und im empfindlichen neunzehnten Jahrhundert lebt, kommt er wol gar dazu, den armen Poeten zu verklagen. Jedenfalls aber darf Bochum, in dem die Originale noch nicht ganz ausgestorben, stolz darauf sein, ein Original wie Hieronimus Jobs hervorgebracht zu haben.
_Bochum_ in Westfalen.
#Friedrich Schnettler.#
Leben, Meinungen und Thaten von Hieronimus Jobs, dem Candidaten,
und wie Er sich weiland viel Ruhm erwarb, auch endlich als Nachtwächter zu Schildburg starb.
Vorn, hinten und in der Mitten Geziert mit schönen Holzschnitten, Eine Historia lustig und fein In neumodischen Knittelverselein.
Erster Theil.
Hieronimus Jobs, lutherischer Candidat der Theologie und Nachtwächter zu Schildburg in Schwaben.
Erstes Kapitel.
Vorrede, und der Autor hebt an, die Mähr von Hieronimus Jobsen seliger zu beschreiben, und er gibt seinem Büchlein den väterlichen Segen.
1. Euch und mir die Zeit zu vertreiben, Geneigte Leser! will ich itzt schreiben, Eine extrafeine Historiam Von _Hieronimus Jobs_ lobesam.
2. Mit welchem sich in seinem Leben Viel gar Wunderbares hat begeben Und welcher sowol in Glück als Gefahr Ein rechter curioser Hieronimus war.
3. Zwaren wäre Vieles von ihm zu sagen, Der Leser möchte aber nicht Alles können tragen, Und Papier und Raum wäre für der Meng' Seiner Abenteuer zu eng.
4. Zwaren weiß ich von ihm viele Data; Ich erzähl' aber nur die _vornehmsten_ Fata, Und was er von seiner Geburt an _Merkwürdiges_ hat gethan.