Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen
Part 19
15. Es schien doch, als könn' er seine melanchol'schen Grillen Am besten damit wegjagen und stillen, Wenn er ein bischen spazierte aus Nach dem Ohnewitzer Pfarrerhaus.
16. Sintemal nun für junge, kränkliche Naturen Die Heirathen oft sind die zuträglichsten Curen, So fielen auch seine gnäd'gen Eltern für ihn Auf diese besondre Art von Medicin.
17. Es waren aber im District von rund um einigen Meilen Viele mannbare sehr artige Freiinnen und Fräulen, Welche wol eine schier baldige Heirath Gleichfalls gehalten hätten für 'ne Wohlthat.
18. Ihm ward also von den Eltern dringend empfohlen, Sich ein Fräulein daher bald heimzuholen, Und sie gaben ihm gerne im voraus, wenn's Nur ritterbürtig sei, ihren Consens.
19. Denn sie hielten große Stücke auf ihren Adel, Der war auch bisher blieben ohne Tadel, Und von allem unsaubern bürgerlichen Blut Noch unvermischt und durchaus kerngut.
20. Alles andre hielten sie für Kleinigkeiten, Welche bei Convenienz-Ehen nichts bedeuten; Es war ihnen sogar durchaus einerlei, Ob die künftige Schwiegertochter reich oder arm sei.
Achtes Kapitel.
Wie man den jungen Herrn, um ihn zu curiren, mit der Fräulein Judith verheiraten will, und wie er diese Medicin nicht nehmen will.
1. Es wohnte aber an der Ohnewitzer Grenze Eine freiherrliche Wittwenexcellenze Auf einer alten, ehmals festen Burg, Welche jetzt verfallen war durch und durch.
2. Ihre Ahnenzahl war längst übervollwichtig, Und der Stammbaum bis zur Wurzel ächt und richtig: Aber (nichts ist ja vollkommen in der Welt) Es fehlte ihr am Besten: an Geld.
3. Sie hatte deswegen nicht viel zu verzehren, Aber erzog doch in allen Züchten und Ehren Eine einzige Fräulein Tochter zart, Sehr reizend und von englischer Gemüthsart.
4. Sie war eine ächte Perle des Landes, Sehr geehrt wegen ihrer Schönheit und ihres Verstandes, Und mancher Cavalier hatte wol Appetit Zu der angebeteten Fräulein Judith.
5. Aber weil diese sonst nicht verwerfliche Sachen Doch das Wesentlichste bei der Heirath nicht ausmachen, So hatte auch eigentlich keiner dafür Sinn, Sie zu wählen zu einer Gemahlin.
6. Sie fuhr oft, in Ermang'lung 'ner ordentlichen Kutsche, Nach Ohnwitz mit ihrer Mutter in 'ner schlechten Birutsche, Weil sie daselbst sehr dick und groß stand, War auch von Noah her noch etwas verwandt.
7. (Denn ich bemerke solches nur beiläufig, Die Ohnwitzer _Vons_ befanden sich sehr häufig Unter dem Adel überall hier und da Zerstreuet im Lande Germania.)
8. Sie weilten daselbst gemeinlich viele Tage, Vergaßen ^pro tempore^ ihre sonst dürftige Lage, Aßen und tranken allda wohlgemuth Und befanden sich auch im übrigen gut.
9. Ihre sämmtlichen mitgenommenen Domestiken Konnten sich gleichfalls daselbst mal erquicken; Es war zwar ihrer keine große Schaar, Sondern ^in toto^ nur ein einziges Paar.
10. Nämlich: Johann, Jäger und zugleich Kutscher, Gärtner, Kellermeister und Schuhputscher, Geheimer Kammerdiener, Lakei, Friseur, Und bei Ihro Excellenz sonst noch allerlei mehr.
11. Nebst dem das 46jährige Käthchen, Sie war Köchin und zugleich Kammermädchen, Flickte die Strümpfe und kehrte die Flur, War Viehmagd und zugleich ^Dame d'atour^.
12. Sogar das Pferdegespann, zwei magere Gerippe, Wieherte froh zu Ohnewitz an der Krippe, Denn sie aßen da, vom vielen Fasten matt, Im Marstall in Hafer und Häcksel sich satt.
13. Auch der Fräulen Judith Schooßhund, ein schmächtiger Pudel, Aße sich da bald rund wie eine Nudel, Bekam Suppe, Braten und fettes Butterbrod, Und vergaß alle seine vorige Noth.
14. Der junge Herr sahe von Kindesbeinen An gern die Judith zu Ohnwitz erscheinen, Und auch sie spielte und tändelte schon Als Kind gerne mit dem jungen Baron
15. Auch in ihren Jünglings- und Mädchenjahren Thaten sie noch gern sich zusammen paaren, Ja man sahe auch später ^ex post^ Auf der alten Liebe noch keinen Rost.
16. Indeß seit Herr Jobs die Pfarre bekommen, Hat sich der junge Herr ganz curios benommen; Denn er zog sich mit guter Manier, Unvermerkt, nach und nach zurücke von ihr.
17. Papa und Mama hätten allenfalls gern gesehen Eine Mariage zwischen beiden entstehen; Denn sie liebten, wie gesagt, die Fräulen Judith Wegen ihrer Artigkeit und dem guten Gemüth.
18. Allein der junge Herr wollte davon nichts hören, Suchte überhaupt alle Vermählung abzukehren Ob er gleich an und für sich eben zwar Kein Feind des schönen Geschlechtes war.
19. Den Schlüssel zu allen diesen Curiositäten Und zu der Brunnquelle der Leibesnöthen Des jungen Herrn und der Mamsell Esther Zeigt das folgende Kapitel näher.
Neuntes Kapitel.
Wie eine Liebschaft sich angesponnen hat zwischen dem jungen Herrn und der Jungfer Esther.
1. Wir müssen jetzt auf einige Augenblicke In der Geschichte wieder ein wenig zurücke, Und fangen nachher aufs neue dann, Wo wir eben aufhörten, wieder an.
2. Möchte wol wagen eine ansehnliche Wette, Daß mancher es längst schon gemerket hätte, Oder es wenigstens doch jetzo begreift, Daß das Ding auf 'ne Liebesgeschichte ausläuft.
3. Schon habe ich wohlbedächtlich im zweiten Theile, Kapitel 33, suchen vorzubereiten Den geneigten Leser auf den Roman, Der sich mit dem jungen Herrn und Esther anspann.
4. Nun wollen wir, um methodisch zu gehen, Stück vor Stück ordentlich besehen, Wie alles vom ersten Anfang Nahm den gewöhnlichen Romangang.
5. Schon auf der Akademie hatte der Baron viele Dunkele angenehme Vorgefühle Für Esther, und gab dem Hieronimus, Wenn er nach Haus schrieb, an ihr 'nen Gruß.
6. Denn mit Bücherschreiben und Verlieben Wird manches seltne Abenteuer getrieben; Beides kostet heuer wenig Müh', Und man kommt dazu und weiß nicht wie?
7. Und weil Hieronimus seine Schwester sehr schätzte, Und an ihrem Andenken sich sehr ergötzte, So sprach er von ihr dem Baron oft vor, Und das hob sein Gefühl noch mehr empor.
8. Als sie nachher selbst nach Ohnwitz gekommen, Hat seine Liebe mehr überhand genommen, Und flammte und brannte lichterloh, Aerger als Flachs und lichtes Stroh.
9. Denn sie hatte ein Gesichtchen wie ein Engel, Eine Taille schlank wie ein Rohrstengel, Rabenschwarzes Haar, einen schönen Mund, Und Wangen ^et caetera^ zart und rund.
10. Er mußte es sofort bei sich gestehen, Daß er so ein Mädchen noch nie gesehen, Und durch ihren himmlischen Verstand Ward er vollends noch ärger verbrannt.
11. Er hielte zwar lange seine verliebte Grillen Für sich allein, incognito und im Stillen, Und wagte es durch Liebeserklärung nicht, Von sich zu wälzen das schwere Gewicht.
12. Auch Esther, als sie zuerst den Baron sahe, Wußte nicht recht, wie und was ihr geschahe; Denn ein unbekanntes Etwas innerlich Bemächtigte ihrer gewaltsam sich.
13. Sie hatte noch nie eigentlich geliebet, War auch in Romanenlectüre nicht geübet, Sonst hätte sie es wol gleich gewußt, Was da so wurmte in ihrer Brust.
14. Nach und nach entwickelten sich ihre Triebe, Wuchsen, und sie merkte, es sei die Liebe, Und sie gestand sich, sie hätte nie gesehn Einen jungen Herrn so artig und schön.
15. Aber sie suchte die Gefühle zu bestreiten, Und die aufwachsende Liebe auszureuten; Jedoch sahe sie immer den jungen Herrn, Wenn er zu ihnen ins Pfarrhaus kam, gern.
16. Und oft, wenn sie ihn in der Nähe erblicket, Ward ein aufsteigender Seufzer in ihr zerdrücket, Und es ging hervor aus ihres Herzensschrein Manchmal ein gewagtes Wünschlein klein.
17. Allein sie war bemüht in kältern Augenblicken, Alle diese Wünsche in der Geburt zu ersticken; Denn als 'ne vernünft'ge Person gedachte sie: Die Wünsche würden doch realisiret nie.
18. Freilich für 'nen Herrn solch hohen Standes, Einz'gen Sohn des reichsten Cavaliers des Landes, War sie zur Abkühlung für's adlige Blut, Nur höchstens allenfalls als Maitresse gut.
19. Aber sie ware seit ihrer frühen Jugend Eine Bewahrerin unverdorbener Tugend, Und hätte so was selbst keinem Königssohn Für jährlich Lohn von tausend Ducaten gethon.
20. Auch der junge Herr konnte sich nicht bequemen, Die Sache auf einem solchen Fuße zu nehmen; Denn er hielte es für eine große Sünd', Zu verführen andrer Leute Kind.
21. Auch hätte er alles in der Welt lieber Gesehen gehen darunter und darüber, Als seinem lieben Freunde Hieronimus Zu machen einen so bittern Verdruß.
22. Er wußte aber mit vollkommenster Ueberzeugung Seiner freiherrlichen Eltern Ekel und Abneigung Gegen jede Beschmutzung des Stands Durch eine niedrige Mesalliance.
23. Saße folglich mit seinen zärtlichen Gefühlen Gleichsam geklemmt zwischen zweien Stühlen, Und so ginge er lange und trug sich stumm An seiner Liebe fast lahm und krumm.
24. Was sonst ^hinc inde^ noch passiret, Wird in jedem Romanbuche recitiret, Darauf beziehe ich mich, weil jedermann Es umständlich und genau da lesen kann.
Zehntes Kapitel.
Wie die Liebschaft weiter gehen und zu einer förmlichen Liebeserklärung kommen thut.
1. Indessen konnt' es nicht immer so sein und bleiben, Amor mußte das Spiel weiterhin treiben, Und so kam's binnen einem Vierteljahr Zu einer Liebeserklärung baar.
2. In welcher Form dergleichen Erklärungen geschehen, Kann man in Romanbüchern gleichfalls nachsehen; Denn sie besonders zu beschreiben hier, Verdürbe nur die Zeit und 's Papier.
3. Daß der Baron am ersten sich erkläret, Sich Esther aber anfangs sehr gewehret, Und alles geschah mit herzbrechendem Weh, Versteht sich von selbst als latus per se.
4. Den Zeitpunkt, in welchem er's erst gewaget, Und ihr sein Herzensanliegen geklaget, Weiß ich nicht genau, doch mein' ich, es sei Ohngefähr gewesen anfangs Mai.
5. Denn in diesem wonniglichen Monate Geschehen Liebesanträge früh und spate, Theils an Toiletten, theils in Büschen, theils im Stall, Von jungen Herrn bis zu Kater und Nachtigall.
6. Esther hörte zwar mit vielem Entzücken Den schönen Baron so zärtlich sich ausdrücken, Und wurde innerlich so tief gerührt, Als hätte sie _Mesmer_ magnetisirt.
7. Aber sie führte ihm vorab zu Gemüthe, Daß ihr bürgerliches und sein adliges Geblüte Zu einem ernsthaften Liebesverein Sich so wenig fügten, wie Wasser zu Wein.
8. Und sie gegen jede andre Art der Verbindung Und unerlaubte Leidenschaft und Empfindung, Bei aller sonstigen Seelenharmonie, Hätte eine ewige Antipathie.
9. Um sich also der Liebe zu entschlagen, Suchte sie allerlei Vernunftgründe vorzutragen, Jedoch mittlerweile sie also sprach, Floß aus ihren Aeuglein ein Thränenbach.
10. Sie hatte noch allerhand gewöhnliche Ausflüchte, Theils von größerm, theils geringerm Gewichte, Fügte auch manches von der Untreu Und dem Wankelmuthe des männlichen Geschlechts bei.
11. Er aber versicherte hoch und theuer: Er sei kein Lügner oder Alltagsfreier, Und noch vielweniger wolle er Ueber ihre jungfräuliche Unschuld her.
12. Schwor gar, daß die Bäume hätten mögen krachen: Bei Cav'lierparol' und derlei zuverlässigen Sachen, Er würde seine heftige Liebe und Sie, So lange er athmete, quittiren nie.
13. Redete auch von Verzweiflung, Degen und Pistolen, Von Halsbrechen, ja gar von Teufelholen Und andern Dingen, welche rührend schön In _Werthers_ Leiden beschrieben stehn.
14. Von diesen so fürchterlichen Schwüren Ließ sich Esther endelich rühren; Denn sie dachte, sie möcht' den verliebten Baron Sonst wirklich bringen zur Desparation.
Eilftes Kapitel.
Wie aus obgedachter Liebschaft endelich gar ein Siegwartsfieber entstehet.
1. Die Liebe des Barons und der Mamsell Esther Wurde nun tagtäglich stärker und fester, Nachdem man auf der schlüpfrigen Liebesbahn Den ersten und schweresten Schritt gethan.
2. Schon gleich auf die wechselseitigen Entschlüsse, Sich ewig zu lieben, folgten einige Küsse, So wie nach dem gemeinen Sprüchwort auf A B, Wie schon die Kinder wissen, folgt das C D.
3. Man hat alle Gelegenheit wahrgenommen, Oft bei einander und zusammen zu kommen, Und der junge Herr hatte fortan nun Immer was im Pfarrhaus zu thun.
4. Es traf sich bei seinen Besuchen auf der Pfarre, Daß Herr Jobs meistens nicht zu Hause ware, Oder daß er auf seiner Studierstube saß, Und für sich andächtig studirte oder las.
5. Aber der artige, liebe, junge Herre Bat ausdrücklich, daß man ihn ja nicht störe, Viel weniger daß er es übel nahm, Wenn Herr Jobs nicht 'runter zu ihm kam.
6. Denn die eigentlichen importanten Sachen, Welche er im Pfarrhause hatte auszumachen, Gehörten wenigstens das meiste mal In des Gott Amors Cameral.
7. Auch Jungfer Esther hat fast alle Wochen Mehrmals ins herrschaftliche Schloß eingesprochen, Wenn etwa ein Geschäft sie dazu veranließ, Und hatte sie kein Geschäft, so machte sie's.
8. Man conferire über diesen besondern Titel Die Verse 9 bis 16 im fünften Kapitel, Woselbst ich schon lang und breit beschrieb, Wie der Baron seine Besuche betrieb.
9. Um ja im Liebeswandel nichts zu versäumen, Thaten sie gar des Nachts von einander träumen, Und da wurde dann, was des Tages passirt, Des Nachts weitläufiger ausgeführt.
10. Er, um seiner noch besser zu gedenken, Ueberreichte ihr manche schöne Geschenken, Zum Beispiel: einen herrlichen Brillantring, Und viele andre Galanterie-Ding'.
11. Weil es ihr aber an Golde und Juwelen Vielleicht dermalen mochte fehlen, So flochte sie ihm dafür fein und rar Einen Ring von ihrem eignen Haar.
12. Er gab ihr auch eingefaßt im goldnen Rahmen Sein Portrait, nebst dem Zug von seinem Namen, Nahm dagegen beim Lichte an der Wand Ihre Silhouette mit eigner hoher Hand.
13. Viele Liebende müssen sich bequemen, Mit solchen Kleinigkeiten vorlieb zu nehmen, Denn eine Copie ist doch allenfalls Ein Behelf in Ermanglung des Originals.
14. (Apropos! ich will einmal probiren, Drüber ein bischen zu physiognomisiren, Denn in diesem tiefsinnigen Studium Bin ich so wenig als Herr _Lavater_ dumm.)
15. »Man sieht in dem etwas zurückstehenden Hute Gar deutliche Züge vom Edelmuthe, Und es zeugt die gerundete große Stirn Vom drinliegenden guten Gehirn.
16. Die etwas hervorstehenden Augbraunen Beweisen ein Mädchen von muntern Launen, Und das Näschen, etwas mehr stumpf als spitz, Zeigt eine künftige Frau von Ohnewitz.
17. Das hier kaum bemerkbare Backengrübchen Beweiset ein immer freundliches Liebchen, Und der ein wenig geöffnete Mund Machet süße Gesprächigkeit kund.
18. Die ein wenig hängende Unterlippe Zeigt an, daß sie sei keine Xantippe, Sondern daß etwas Hang zur Schwärmerei In ihrem sanften Temperamente sei.
19. Die nette Ründung und das Pünktchen am Kinne Deutet auf etwaigen Hang zur Minne, Und die ziemliche Stärke des Hinterkopfs Zeiget deutlich an eine noch _Jungfer_ Jobs.
20. Das hangende Haar auf Nacken und Rücken Scheint ein ^je ne sais quoi^ auszudrücken, Und des Halses und der Brust Contour Deutet auf eine gute Natur.«
21. Der Baron machte also, wie leicht zu ermessen, In seiner Liebe erstaunliche Progressen, Verfertigte auch manches Schäfergedicht, Wo beim Lesen einem das Herz schier bricht.
22. Oft wandelten sie in einsamen Feldern, Oder spazierten in schattigen Wäldern Hand in Hand und Arm in Arm, Und wurden inner- und äußerlich warm.
23. Auch an sanft rieselnden Silberbächen Pflegten sie über ihre Liebe sich zu besprechen, Und, siehe da, ihr zärtlichs Gespräch ergoß Sich so sanft und glatt, wie der Bach floß.
24. Oder sie sanken aufs weiche Moos nieder, Hörten des Hänflings und andrer Vögel Lieder, Und ahmten ihnen in der zärtlichen Klag', So viel als es nur menschmöglich war, nach.
25. Am zärtlichsten waren ihre Wechselgefühle Auf den Wanderschaften in der Abendkühle, Bei dem melodisch rührenden Schall Der Philomel', sonst genannt Nachtigall.
26. Sie saßen auch in mancher Abendstunde Unterm blauen Himmel mit offnem Munde, Tranken des Mondes Silberschein Und das Flimmern der lieben Sternelein[1].
27. Oder sie saßen und liebelten in der Laube, Wie ein trauter Tauber und eine zärtliche Taube, Und dann schmolzen ihre Herzen stracks In einander wie Unschlitt und Wachs.
28. Oder sie weilten in der abgelegnen Grotte, Spielten daselbst fast den _Werther_ und die _Lotte_, Und hantierten und koseten so süß, Wie vielleicht Adam und Eva im Paradies.
29. Kurz, das Liebesleben ging je länger je lieber, Ward endlich ein ordentliches Siegwartsfieber, Denn diese gar närrische Krankheit Grassirte ohnedem damals weit und breit.
30. Oft traf der Baron sein Mädchen bei der Toilette, Einmal überraschte er sie gar im Bette, Jedoch bei aller dieser verdächtigen Liebschaft Behielte Esther ihre Jungferschaft.
31. Ueberhaupt versichere ich's hoch und theuer: So groß auch ware ihrer Liebe Feuer, So ward doch dadurch in der Tugendpflicht Kein unglücklicher Brand angericht't.
32. Bei allem dem war die Aussicht ihrer Liebe Im ganzen genommen sehr neblig und trübe, Denn man kam mit allem diesen Spiel Doch nicht zum reellen Zweck und Ziel.
33. Denn Hieronimus konnte dies Bündniß nicht billigen, Die gnädigen Eltern noch weniger einwilligen, Es blieb also blos bei den Präliminarien, Ohne im Hauptartikel weiter zu gehn.
34. Da kann man nun leicht bei sich gedenken, Wie sehr das den guten Kindern mußte kränken, Und wie allgemach ein heimlicher Gram Bei dem einen und der andern überhand nahm.
35. Der arme junge Herr, wie weiland _Werther_, Besuchte einsame melancholische Oerter, Und die noch ärmere Esther weinte baß In der Einsamkeit ihre Aeugelein naß.
36. Indessen war nichts übrig, als sich zu fassen Und das Ende dem Schicksale zu überlassen, Und man kam darinnen überein, Sich auf künft'ge bessere Zeiten zu freun.
37. So kann man nun hier das Räthsel lösen, Was die Kapitel 6 und 7 beschrieb'ne Krankheit gewesen, Von der kein studirter Arzt den Grund fund, Und noch weniger sie curiren kunnt.
[Fußnote 1: Man sehe das Titelkupfer zum dritten Theile.]
Zwölftes Kapitel.
Wie die Buhlschaft ganz incognito getrieben ward, ohne daß wenigstens der Herr Pfarrer Jobs etwas davon merken kunnt.
1. Es geht den Liebhabern wie den Gaudieben, Beide pflegen ihr Gewerb im Geheimen zu üben; Und nach dieser wohlhergebrachten Manier Verfuhren auch unsre Liebenden hier.
2. Herr Hieronimus hat in einigen Jahren Vom ganzen Handel nicht 's mindeste erfahren; Denn, nach dem Sprüchwort, gewöhnlich sind Die Menschen in den nächsten Sachen blind.
3. Aber Esthers Mutter war pfiffiger und schlauer, Und sie merkte es endlich und auf die Dauer, Daß ein verliebtes Geschäfte vorging; Denn sie kannt' noch aus alter Erfahrung das Ding.
4. Sie ließ, ohne die Sache selbst zu verstärken, Sich doch gegen andre davon nichts merken; Denn sie übertraf an Verschwiegenheit Alle andre Frauen, alt und jung, weit.
5. Auch im Dorf war schon lange ein Gerüchte Von des Barons und der Esther Liebesgeschichte, Und es hatte sogar fast jedes Kind Von den geheimen Händeln Wind.
6. Selbst die alte Herrschaft merkte diese Händel, Und aus manchem verstohlnen Getändel, Was ihr Herr Sohn mit Esther gemacht, Schöpften sie allgemach Verdacht.
7. Zwar hielten diese ihre verliebten Blicke In Gegenwart der Schloßherrschaft möglichst zurücke, Und ratione ihres Betragens und Gesichts Hätt' man sollen denken: mir nichts, dir nichts.
8. Aber Verliebte können just in allen Fällen Nicht andre täuschen und sich immer verstellen; Das Ding währet höchstens eine Zeitlang, Denn Naturtrieb gehet vor Zwang.
9. Besonders erregten die Besuche und Gänge Nach dem Pfarrhause, wegen ihrer Menge, Aufmerksamkeit und gerechten Argwohn Ueber Jungfer Esther und den jungen Baron.
10. Aber daß es Ernst sei mit dieser Minne, Stieg ihnen nie zu Gedanken oder zu Sinne, Vielmehr glaubten beiderseits sie, Es sei nur 'ne spaßhafte Galanterie.
11. Der alte Herr wußte aus jüngern Zeiten, Wie wenig dergleichen Buhlschaften bedeuten, Denn er hatte selbst manchen temporellen Roman Mit unadligen Mädchen gesponnen an.
12. Und die gnädige Frau that mit allem Vertrauen Auf die hochadlige Gesinnung ihres Sohnes bauen, Der nie durch eine Mesalliance Verdunkeln würde des Geschlechtes Glanz.
13. Hatte übrigens einen baumstarken Glauben, Der Herr Sohn würde Esthern ihr Kränzchen nicht rauben, Sondern daß alles nur abgesehn sei Auf eine platonische Löffelei.
14. Man ließ also diese Liebesgeschichten, Ohne den Herrn Jobs davon zu benachrichten, Als ein Bagatell auf sich beruhn, Wie wir dann vor der Hand auch thun.
Dreizehntes Kapitel.
Wie Herr Jobs die Liebenden in der Laube attrapiren that, zur Nacht und Unzeit.
1. Phöbus hatte vollbracht auf gewöhnliche Weise Um die Erde herum seine Tagereise, Und die Postpferde schon abgeschirrt, Und die Räder für morgen eingeschmiert.
2. Verschlossen waren Kramläden und Buden, Sowol bei beschnittenen als christlichen Juden, Und im Dachstübchen im Hinterhaus Blies ein Philosoph sein Thranlämpchen aus.
3. Auf den Schneidertischen lagen pêle-mêle Gestohlne Lappen, Scheere und Ehle, Und müßig in des Schreiners Werkstätt' Säge und Hobel auf halbfert'gem Brett.
4. Vom Armenwächter bis zum Staatsminister, Vom Erzbischof bis zum Hundeküster, Vom Profoß bis zum General hinzu, Hatte alles von der Amtspflicht Ruh.
5. Gott Morpheus streuete Schlummerkörner, Luna zeigte ihre glänzenden Hörner, Und manchem abwesenden Ehemann Ward ein Horn zu Hause zugethan.