Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen
Part 17
18. (Denn die eigentlichen geistlichen Amtsbrüder In der Nähe kümmerten sich nicht um die Lieder, Sondern ihnen war es vielmehr lieb, Wenn's fein beim alten Gesange blieb.
19. Denn da brauchten sie nicht sich zu incommodiren, Das neue Gesangbuch durchzustudiren, Und sie stießen so auch beim gemeinen Mann Nicht wegen vermeinter Ketzerei an;
20. Weil man schon in einigen Gemeinden gesehen, Daß dadurch viele Unruhen geschehen Und man sich manches Geschenk entzog, Was sonst für den Pfarrer in die Küche flog.)
21. Da hat sich endlich die Gemeinde geresolviret Und zu Ohnwitz das neue Gesangbuch eingeführet, Und die ganze Sache nahm behend Ein vergnügtes und vernünftiges End'.
Dreiunddreißigstes Kapitel.
Wie sich Ehren Jobs im guten Wohlstande bis dato befindet, und wie seine Mutter starb, und wie seine Schwester ihm gut haushält.
1. Ehren Jobs befand sich immer im Wohlstande Und ward bald berühmt im ganzen Lande, So daß manche ansehnliche Stadt Ihn zum Pfarrer verlanget hat.
2. Aber er schlug aus alle Vocationen, Entschloß sich bis ans Ende zu Ohnwitz zu wohnen, Und bleibet auch, seinem Entschlusse getreu, Bis auf die jetzige Stunde dabei.
3. Er hätte auch schon können werden Professer, Aber er steht sich als schlichter Pfarrer weit besser, Weil meistens ein Professoriat Viel Arbeit und wenig Einkünfte hat.
4. Auch einige ansehnliche Provinzen ernennten Ihn schon lange zum Superintendenten; Allein er zieht wieder den simpeln Pastor Jedem großen Superintendenten vor.
5. In manchem gedruckten gut recensirten Werke Bewies er in der Gelehrsamkeit seine Stärke; Jedoch schrieb der Autor Hieronimus Aus Bescheidenheit immer als Anonymus.
6. Von seinem ehmaligen A-b-c-Buche waren In Ohnwitz noch hie und da Exemplaren; Diese kaufte er, wo er sie fand, Und opferte sie dem Vulkan zur Hand.
7. Wollten manche Autoren sich dies wol merken Und eben so thun mit ihren frühern Werken; So handelten sie wahrlich weislich und klug, Denn man hat der elenden Bücher genug.
8. Viele Gesellschaften nützlicher Künste, Nahmen ihn wegen seiner großen Verdienste, Auf in ihre hochgelehrte Zahl, Und machten ihn förmlich zu ihrem Sodal.
9. Auch eine der berühmtesten Akademien Krönte gratis sein gelehrtes Bemühen, Und sandte ihm mit großem Compliment Das ^Doctoris Theologiae^-Patent.
10. Auch hat der Fürst ohne sein Wissen und Begehren Ihn mit Consistorialrathstitel thun beehren; Er hat zwar alle diese Ehren nicht veracht't, Aber doch davon nie Gebrauch gemacht.
11. Seine Mutter hat leider nur vier Jahre Vergnügt durchlebt bei ihm auf der Pfarre, Und er hat immer als treuer Sohn sie Geliebt und gepfleget spat und früh.
12. Sie war sehr geplagt mit hysterischen Schmerzen, Hatte öfters Drücken am Magen und Herzen, Und längst schon traf man keinen einzigen Zahn In ihrem Munde zum Beißen mehr an.
13. Drum verschlang sie meist die Speisen ungekauet, Diese wurden also nicht gehörig verdauet; Das erregte nun manche Indigestion, Und Wassersucht war endlich die Folge davon.
14. Auch ward die Frau leicht zum Aerger beweget Und so die Galle heftig oft erreget, Denn, um 'ne Nadel oder ein Ei, Erhub sie manchmal Zetergeschrei.
15. Der Kümmelbranntwein konnt' zwar oft lindern Und ihr Magen- und Herzweh augenscheinlich mindern, Denn er trieb die Winde ^salva venia^ in die Höh', Und curirte, wie sie sagte, das »historische« Weh.
16. Drum machte sie's, wie viel andre alte Frauen, Welche sich oft ärgern und nicht gut verdauen, Nämlich, weil sie sich dabei so wohl befand, Hatte sie den Branntweinskrug immer zur Hand.
17. Sie hätte gerne noch länger hier geweilet, Aber der Sensenmann hatte mit ihr geeilet, Und weil es dann nicht anders konnte sein, So schlief sie als 'ne gute Christin ein.
18. Man wollte sie in der Kirche bei der Orgel begraben, Das wollte Herr Hieronimus aber absolut nicht haben; Denn er glaubte, der Kirchhof sei schicklicher zu Der abgestorbenen Leiber Ruh'.
19. Er hat deswegen auch nachdrücklich befohlen, Daß, wenn Freund Hein ihn dereinst würde abholen, Man auch an ihm gleichfalls bei Leibe nicht In der Kirche vollstrecke die letzte Pflicht.
20. Darin ist er nun billig hoch zu rühmen; Denn für ein Gotteshaus will's sich nicht geziemen, Daß darin garstiger Leichengestank Die Zuhörer mache übel und krank.
21. Er hat sogar gethan vernünftige Vorschläge, Daß man den Kirchhof auswärts des Dorfs verlege, Damit nicht etwa 'ne zu nahe Gruft Seuchen bringe und verpeste die Luft.
22. Besonders pflag er noch immer dran zu denken, Daß man ihn einst hatte wollen lebendig versenken, Er war also fleißig darüber aus, In Ohnwitz zu errichten ein Leichenhaus.
23. Weil aber solches Gebäude gegenwärtig Wegen allerlei Hinderniß schwerlich wird fertig, So macht er sich es zur strengsten Pflicht, Die Todten vor'm fünften Tag zu begraben nicht.
24. Sintemal wir vom Erzbischof _Willigis_ lesen, Welcher eines Rademachers Sohn gewesen, Daß er zum Andenken ein Wagenrad Zu Mainz sich zum Wappen gewählet hat:
25. So ließ auch er, um des vorigen nicht zu vergessen, Noch sich seines jetzigen Standes zu übermessen, In seinem Musäo über der Thür vorn, Malen ein großes Nachtwächterhorn.
26. Damit hat er andern ein Exempel gegeben, Daß man sich im Glücke nicht müsse überheben; Denn gewöhnlich thut einer groß und dick, Wenn ihn aus dem Staube hebet das Glück.
27. Seine Schwester geht jetzt im 23ten Jahre Und ist noch immer bei ihm auf der Pfarre, Sie liebt ihn und hält ihm trefflich Haus, Sieht auch noch immer schön blühend aus;
28. Ist gefolglich zum Heirathen nicht verdorben, Deswegen haben viel Freier um sie geworben, Aber sie fand noch keinen bequem, Daß sie ihn zu ihrem Manne nähm'.
29. Einige wollen unmaßgeblich meinen, Als thät es manchmal nicht undeutlich scheinen, Daß der junge Herr Baron von Ohnewitz hätt' Absicht auf sie fürs Ehebett.
30. Wenigstens ist sie sehr gut von ihm gelitten, Und hat wegen ihrer Artigkeit und guten Sitten, Es auf dem freiherrlichen Ohnwitzer Schloß Auch beim Herrn und der gnädigen Frau gar groß.
31. Alle Ohnwitzer mögen sie gut leiden, Denn sie behandelt sie freundlich und bescheiden, Erkundigt sich bei ihnen nach Kindern und Vieh, Nach Knechten und Ochsen, und Mägden und Küh'.
32. Bauern, welche für die Küche was präsentiren, Pflegt sie mit Tabak und Schnaps zu regaliren, Und die Bäurinnen bekommen den Thee, Oder, wenn's Präsent der Müh' werth ist, Kaffee.
33. Uebrigens ist gewiß, daß in keinem Dorfe nirgends, Weder im römischen Reiche noch sonst irgends, So gute und vernünftige Leute sind, Als man sie jetzt zu Ohnewitz find't.
34. Da sieht man, wie schön eine geistliche Heerde Unter guter Anführung gebildet werde; Indeme hier das Sprüchwort eintraf: Wie der Hirte ist, so ist das Schaf.
Vierunddreißigstes Kapitel.
Zeiget kürzlich, wie sich alles weit besser hier gereimet habe, als im ersten Theile.
1. Ich kann mich mit der Geschichte von Hieronimi Leben Dermalen nun nicht weiter abgeben, Sondern lasse ihn im vergnügten Besitz Der schönen Pfarre zu Ohnewitz.
2. Sintemal wider jedes Denken und Verhoffen, Im zweiten Theile alles besser eingetroffen, Als es vormals im ersten Theile geschah; Denn nun ist die Erfüllung von allem da,
3. Was der Traum der Frau Jobs ihr geprophezeiet, Und Frau Schnepperle gephysionomeiet, Und Frau Urgalindine gesaget wahr; An allem fehlt nicht ein einziges Haar.
4. Indessen muß man doch darum nicht trauen Und auf dergleichen Vorbedeutungen bauen; Denn ich sage es und bleibe dabei, Es ist Aberglauben und Dummerei.
5. Wir wollen uns vielmehr zum Beschluß bemühen, Aus der Geschichte einige Lehren zu ziehen; Denn ein solch Büchlein ohne Moral Schließt sich zu trocken und schmecket zu schal.
6. Ob noch ein dritter Theil künftig werde erscheinen, Will ich weder bejahen noch verneinen, Doch glaub ich, ein geehrtes Publikum hat An den zwei Theilen schon genug und satt.
7. Sonst läßt sich von Herrn Jobs künftigem Betragen Noch manches, theils Lustig's, theils Ernsthaftes, sagen, Welches ich mir dann auch in der Still' Zum möglichen Gebrauch notiren will.
8. Da könnte es mir dann auch vielleicht gelingen, Seine Schwester Esther gut unterzubringen: Auch machte vielleicht der Franken Revolution Bei seinem Schicksal eine Diversion.
9. Kurz, an Stoff zum Lügen und zum Erzählen Würde es mir schwerlich auch künftig nicht fehlen, Und zu einem solchen Knittelgedicht Gehört auch eben kein Kopfbrechen nicht.
Fünfunddreißigstes Kapitel.
Hier folgt zum Beschluß die Moral und das Buch nimmt ein trocknes Ende.
1. ^Pro primo^ kann man überhaupt hieraus sehen, Daß oftmals sonderbare Dinge geschehen, Und es auf unserm Lumpenerdenplanet Kraus und bunt durcheinander geht.
2. Denn wenn wir die sämmtlichen Avantüren Des Hieronimi vernünftig ponderiren, So finden wir, daß in keinem Roman Etwas Curiosers geschehen kann.
3. ^Pro secundo^ kann man hier erfahren Den Unterschied der jüngern und ältern Jahren, Und wie wahr das gemeine Sprüchwort spricht: Der Verstand kommt oft vor dem Alter nicht.
4. Denn Hieronimus war vormals in seiner Jugend Eben kein Liebhaber der Gelehrsamkeit und Tugend, Bis er, als Schwabe, nach 40 Jahr, Ein vernünft'ger und gelehrter Mann erst war.
5. ^Pro tertio^ muß man niemals verzagen In trüben und finstern Elendstagen, Weil im künftigen Lebenslauf Die Glückssonne sich oft kläret auf.
6. Denn als Hieronimus im Nachtwächterstande, Ja gar als Todter im Sarge sich befande, Ging es ihm traurig und schlecht, nachher Ging es ihm desto angenehmer.
7. ^Pro quarto^ wirkt ein vermeintes Ungelücke Manchmal günstige Aenderung im Menschengeschicke, Und aus Dornen sprießen sehr oft Gleichsam Rosen hervor gar unverhofft.
8. Denn der Schlaf, drin Hieronimus drei Tage gelegen, Gereichte ihm zu seinem Glücke und Segen, Und sein ganzer Charakter und Verstand Wurde dadurch gleichsam umgewandt.
9. ^Pro quinto^ notiren wir uns hier die Lehre, Daß Wohlstand, Reichthum, Glück und Ehre Oft von einer ohngefähren guten That Ungesucht ihren ersten Ursprung hat.
10. Denn hätte Hieronimus auf der Reise den reichen Herren Nicht gefunden sich gegen die Räuber wehren Und ihm seinen Beistand geleistet darob, So wär' er vielleicht jetzt noch so arm wie Job.
11. ^Pro sexto^ muß man die große Pflicht betrachten, Daß man keinen Menschen dürfe verachten, Wenn ihn auch das Schicksal verächtlich neckt, Weil man nicht weiß, was hinter ihm steckt.
12. Denn wer hätte im _ersten Theil_ es sagen wollen, Daß Hieronimus der Mann hätte werden sollen, Der er, wie ich hoffe, mit guter Art, _Im jetzigen zweiten Theile ward_.
13. ^Pro septimo^ läßt sich nicht undeutlich merken, Groß Glück sei nicht immer Folge von Müh' und Werken, Sintemal es oft mancher im Schlaf Ohn alles sein Zuthun und Mühe antraf.
14. Denn hätte Hieronimus kein Opiat genommen Und wäre nicht dadurch in Todesschlaf gekommen, So wär' auf ihn von niemand reflectirt, Noch Herr von Ohnewitz zu ihm geführt.
15. ^Pro octavo^ läßt sich finden und verstehen, Wie gut und ersprießlich alle Sachen ergehen, Wenn man nicht nur in Wort sondern auch That Reiche Patronen und Freunde hat.
16. Denn wäre Herr von Ohnewitz, wie wir gelesen, Nicht sein wahrer Gönner und Freund gewesen, So bekleidete er jetzt nicht im Wohlstand Die reichste Pfarrstelle im ganzen Land.
17. ^Pro nono^ ist es eine sehr geringe Mühe, Daß man daraus noch manche andre Lehre ziehe, Und das mögen nach bestem Gefallen nun Die hochgeehrten Leser allenfalls selbst thun.
18. ^Pro decimo^ will ich nur noch den Rath ertheilen, Sich nie im Urtheilen zu übereilen, Sondern daß jeder das ^Respice finem^, So wie ich jetzt, sich zur Regel hinnehm'.
Leben, Meinungen und Thaten von Hieronimus Jobs, Excandidaten,
Exnachtwächter, Ohnwitzer Expfarrherr und endlich zu Schönhain gar Herr.
Abermals mit viel schönen Gebilden: Nachtstücken, Porträten, Monumenten und Schilden; Verfertigt von des Autors eigner Hand Nach Poussin, Raphael, Rubens und Rembrand.
Dritter Theil.
Erstes Kapitel.
Wie der Autor noch einmal den Gaul Pegasus zäumet und ihn nach der Hippokrene reitet, welche ist eine Poetenschwemme in der Landschaft Boetia. Nebst mancherlei Präliminarien zum dritten Theile der Jobsiade.
1. Noch einmal will ich den Gaul Pegasus zäumen, Und um 'nen dritten Theil zusammen zu reimen, Reiten in die Tränke Hippokrene hinein, Und damit soll es dann Punktum sein.
2. Weil seit dem zweiten Theil von Hieronimi Leben Sich manche Veränderung mit ihm hat begeben; Denn in der Welt überhaupt wechselt's sich, Besonders in unsern Tagen, gar wunderlich.
3. An meinem guten Willen soll es nicht fehlen, Alles ausführlich und anmuthig zu erzählen, Und mit diesem dritten Theile steht Also die Jobsiade complet.
4. Auch viel hübsche in Holz geschnittene Bilder, Monumente, Porträte, Wappenschilder, Imgleichen ein gar niedliches Nachtstück, Siehet man hier aus neuer Fabrik.
5. Mit dem zweiten Theil bin ich, wie ich vernommen, Bei den Lesern ziemlich gut weggekommen, Und das machte natürlicher Weise dann, Daß ich gleich den dritten zu fabriciren begann.
6. Zwar konnte freilich mein Büchlein allen Und jeden nicht eben gleich gut gefallen; Allein, daß nicht allen alles gefällt, Ist ja, wie bekannt, so der Lauf der Welt.
7. Ich wollt' auch nicht für alle und jede schreiben; Wer's nicht lesen will, kann's ja lassen bleiben, Mancher ist doch, der die Finger darnach leckt, Was einem andern so delicat nicht schmeckt.
8. Es kommt leider auf unserm Erdenrunde Manche trübe und verdrießliche Stunde, Theils durch eigne, theils durch fremde Schuld; Davon entstehen im Herzen Ungeduld,
9. Finsterniß in der Seele, Grillen im Hirne, Runzeln auf den Wangen, Furchen auf der Stirne, Im Systeme der ^Vena porta Symptomata hipochondrica^,
10. Gallenkrankheiten und allerlei Malheuren, Welche nach und nach die Kräfte zerstören, Und endlich heißt's: Ade Partie! Er ist gestorben und nicht mehr hie!
11. Da wollt' ich nun gern ein Scherflein beitragen, Um einige dergleichen trübe Stunden zu verjagen; Wahrlich, dieses und etwas anders nicht, War bei der Jobsiade meine Absicht.
12. Ich selbst habe, indem ich sie geschrieben, Mir manche Grillen aus dem Kopfe vertrieben, Und wenn ich war bei dieser Reimerei, Ging mir oft das Hypochonder vorbei.
13. Ist mein Zweck erreicht, so wird's mich erfreuen, Und mein Büchlein soll mich nicht gereuen, ^Posito^, es enthielt' solches auch nur Eine blose Palliativkur.
14. Nebenbei suchte ich nützliche Kleinigkeiten, Wo es geschehen konnte, hier und da zu verbreiten, Und wo ich Dummheit und Bosheit fand, Gab ich wol 'nen Hieb ^en passant^.
15. 'S kann sein, daß ein oder andrer griesgrammet, Und mich wegen dieser Hiebe hart verdammet Und denket: Ich glaube sicherlich, Der hämische Autor meinet mich.
16. Ich für mein Theil aber kann's vertragen, Daß er dieses möge gedenken oder sagen; Denn ich versicher's ihm ins Gesicht: Ich meine nur seine Handlungen, ihn nicht.
17. Ich lasse es übrigens auch gern geschehen, Daß Recensentenwetter über mich ergehen, Denn der Autor'n Haut ist bekanntlich dick Und fragt heuer nicht viel nach Kritik.
18. Aber dem unbedeutenden Gekläffer Kleiner Geister und elender Käffer Gehe ich mitleidig und lächelnd vorbei, Und achte nicht auf das leere Geschrei.
19. Alles, worüber man etwa kritisiret, Hab ich mir schon selbst zu Gemüthe geführet; Denn ich fühl' es unerinnert gar wohl, Das Ding ist nicht ganz wie es sein soll.
20. Ich will auch forthin mit Knittelversschreiben Die Zeit nicht mehr mir und andern vertreiben, Und nehme hiemit förmlich von Den geneigten Lesern Dimission.
Zweites Kapitel.
Darin wird ausführlich gehandelt von dem braven Betragen des Herrn Jobs in seinem Pfarramte.
1. Welch schönes Exempel in Lehr' und Leben Herr Pfarrer Jobs den Ohnwitzern gegeben, Das haben wir, obgleich kurz und in Eil', Schon gesehn Kapitel 32 im zweiten Theil.
2. Es glich ihm im ganzen Schwabenlande Kein Amtsbruder an Frömmigkeit und Verstande, Und keiner streuete so wie Er Den Samen des Guten um sich rund her.
3. An seinen vortrefflichen Kanzelgaben Konnten nicht blos die Ohnwitzer sich laben, Sondern auch aus der Ferne durch Dick und Dünn Ging man Sonntags, um ihn zu hören, hin.
4. Denn seine Reden waren kräftig und rührend, Seine Spruchbeweise ächt und überführend, Und Ausführung und Application Alles im populären Ton.
5. Seine Antecessores im Pfarramte Hatten geschriebene Predigten für gesammte Sonntage im ganzen Jahr, Auch für jedes hohe Fest ein paar.
6. Da brauchten sie also sich nicht zu geniren, Um auf neue Predigten zu studiren, Sondern sie hielten jene, Jahr aus Jahr ein, Von Neujahr bis zu den unschuldigen Kinderlein.
7. Auch für außerordentliche Begebnissen, Copulationen, Taufen und Begräbnissen, Hatten sie in ihrem Pulte früh und spat Einige hübsche Reden im Vorrath.
8. Diese wußten sie dann nach Standesgebühren, Nach Proportion der Zahlung zu extendiren; Denn wo es nur wenig Gebühren gab, War die Rede meist etwas schal und knapp.
9. Einige trieben ihre Kunstgriffe noch weiter, Und nahmen sogar als rüstige Reiter, Aus der Postille sich dann und wann Sonntags eine Predigt zum Vorspann.
10. Herr Pfarrer Jobs hatte aber gar nicht nöthig Seine Predigten zu haben vorräthig, Denn sein geistiges Rednertalent War, wie wir schon wissen, excellent.
11. Er brauchte nur einmal am Aermel zu rütteln, So konnte er gleich 'n halb Dutzend heraus schütteln; Das heißt: Ihre Verfertigung that gar nicht weh, Er konnte sie machen ^ex tempore^.
12. Ohne sich an gewöhnliche Texte zu binden, Pflegte er immer solche zu wählen und zu finden, Welche die Gelegenheit oder sonst'ges Bedürfniß Ihm als nützlich für die Leute anwies.
13. Seine Bibliothek war schön und auserlesen, Größer als je bei einem Dorfpfarrer gewesen, Jedoch unter allen seinen Büchern traf man Keine einzige Postille an.
14. Wenigstens in seinen öffentlichen Reden und Lehren Ließ er nie etwas Heterodoxes hören, Und er wiche keinen Fingerbreit von Der Augsburgischen Confession.
15. Er vergab sich nicht die allerkleinsten Partikeln Von den einmal beschwornen Schmalkald'schen Artikeln, Und daran handelte er klüglich gewiß, Denn er vermied dadurch manches Aergerniß.
16. Zwar war er Punkto der symbolischen Bücher Hier und da nicht so ganz feste und sicher, Doch hielt er sich bei solchem Dubium Gegen andere gewöhnlich dumm.
17. Wenn ein Schaf seiner Heerde abwärts wiche, Oder auf verbot'nen Wegen herumschliche, So war er immer auf seiner Hut, Und lockte es wieder mit Pfiffen der Sanftmuth.
18. Er betrachtete im Strafen keine Personen, Achtete nicht auf Stand, Würden und Connexionen, Sondern schor jedes Ohnwitzer Schaf und Lamm Unparteiisch über _einen_ Kamm.
19. Obgleich diejenigen, welche Bockstreiche machten, Ihm ansehnliche Küchengeschenke brachten, Nahm er sie drum nichts desto weniger Privatim unter vier Augen her.
20. Der Herr Amtmann so wie der Küchenschreiber, Der erste Schulze so wie der Kühtreiber Galten ihm alle insoweit eins, Denn er schonte, wo's nöthig war, keins.
21. Selbst der gnädigen Frau und dem gnädigen Herren Gab er scharfe Vermahnungen und derbe Lehren, Wenn er etwa an ihrem Seelenzustand Eine Kleinigkeit auszuflicken fand.
22. Doch pflegte er niemals öffentlich zu schmälen, Und jeden Unfug des Sonntags zu erzählen, Schlug auch nie im geistlichen Eifer und Wuth Seine Hand und das Kanzelbänkchen caput.
23. So gewann er vollkommene Liebe und Vertrauen Im Dorfe bei allen Mannen und Frauen, Und sein gutes Gerüchte erschall Im ganzen Lande rund überall.
24. Die Ohnwitzer alle, Grobe und Feine, Alte und Junge, Große und Kleine, Wären allenfalls gerne kühn Aus Liebe durch's Feuer gelaufen für ihn.
25. Die Bauern machten gemeinlich schon von ferren Einen Kratzfuß für den lieben geistlichen Herren, Und jede Bäu'rin war schnell und fix, Wenn sie ihn sahe, mit ihrem Knix.
26. Ja sogar die kleinen Mädchen und Knaben, Wenn Herr Jobs ihnen begegnete, gaben Ihm mit allem möglichen Anstand Verehrungsvoll und freundlich die Kußhand.
27. Ehmals waren leider die Ohnwitzer Kinder Erzogen schlimmer wie Böcke und Rinder; Aber seit Pfarrers Hieronimi Zeit Lernten sie Zucht und Ehrbarkeit.
28. Denn er machte es zur Pflicht bei ihren Alten, Sie fleißig zu Schulen und Sitten anzuhalten, Und ließ es seinerseits auch ermangeln nicht An 'nem guten christlichen Unterricht.
29. Er gab öfters in der Schule Visiten, Um bei dem Dorfschulmeister zu verhüten, Daß seine künftige Pädagogei Nicht so pedantisch wie vormals sei.
30. Denn ehmals gab's von der Ruthe und dem Bakel Auf'm Hintern und Rücken manchen blauen Makel, Oft wurden gar Rippen und Arme krumm, Und die Kinder vom Lernen vollends dumm.
31. Diesen Uebeln in der Schule auszuweichen, Pflegten sie vormals gerne vorbei zu schleichen, Und sie sahn das in die Schule Gahn Als ihr größtes Kreuz und Unglück an.