Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen

Part 15

Chapter 153,272 wordsPublic domain

65. Vorgestern haben sie »Doctor Fausts Leben,« Gestern die »Heilige Genoveva« gegeben, Und am heutigen Abend gibt man Die gräßliche Tragödie von »Don Juan.«

66. Was nun noch betrifft deine hiesigen Verwandten, Freunde oder sonstigen Bekannten, So ist da des Dinges noch mancherlei, Was dir zu wissen angenehm sei.

67. Deinen Successor, den bewußten Nachtwächter, Findet die ganze Bürgerschaft je länger je schlechter, Denn er thut meistens die nächtliche Pflicht So recht, wie es sich gehöret, nicht.

68. Er kann lange nicht so gut wie du ehmals blasen, Singet auch etwas undeutlich durch die Nasen, Deswegen spricht man durchgehends hier Noch immer mit allem Ruhme von dir.

69. Herr Schneller pflegt sich oft bei mir zu erkünden, Wie es stehe mit deinem Wohlbefinden; Er curirt noch immer frisch drauf los Und purgirt mit seinen Pillen Klein und Groß.

70. Vetter Kaspar hat gestern den Ehbund erneuert Und seine goldne Hochzeit hoch gefeiert, Doch über die Freude, die da regiert, Haben sich viele Bürger moquirt;

71. Weil mancher guter Ehemann wol eben Solche Jubelei nicht verlangt zu erleben, Denn die Zeit kam ihnen zu lang an Mit seinem theuren Ehegespann.

72. Der junge Kunz hat 'ne Erbschaft erworben Von 'nem reichen Onkel, welcher gestorben. Und was dieser geizig zusammen gescharrt, Verzehrt jener nun mit guter Art:

73. Er hält Kutschen, Pferde und Maitressen, Beschäftigt sich täglich mit Spielen, Trinken und Essen, Und ist für 100 Reichsgulden baar Neulich geworden ein Hofrath gar.

74. Ich leide zuweilen mancherlei Schmerzen Bald im Kopf, bald im Magen, bald am Herzen, Bald geht's mir im Leibe rundherum, Herr Schneller nennt's: ^Malum historicum^;

75. Ich kann aber gemeinlich diese Plagen Mit 'nem Schlückchen Kümmel oder Anis verjagen, Deswegen nehm' ich Abends und Morgens davon Gewöhnlich eine etwaige Portion.

76. Dein zweiter Bruder zieht fleißig auf Kirmsen und Messen, Ihm fehlt es nicht am nöth'gen Unterhalt und Essen; Denn er führet noch immer lobesam Seinen kleinen Nürnberger Puppenkram.

77. Er hat sollen Rathmann hieselbst werden, Fürchtet aber die rathhäuslichen Beschwerden, Denn man geht alle vierzehn Tage 'rauf, Und sitzt da und sperrt das Maul weit auf;

78. Und die etwa damit verbundne Ehre Lohnet kaum, daß man sich drum beschwere, Denn außer einem Hasen und 'nem Viertel Wein, Bringet der ganze Dienst nichts ein.

79. Dein ält'ster Bruder mit dem häßlichen Weibe Sucht sich auswärtig allerlei Zeitvertreibe; Denn er hat zu Hause sein Kreuz An seines Weibes Gesicht und Geiz.

80. Was betrifft deine ält'ste Geschwister, So lebt diese mit ihrem Gatten, dem Küster, Noch immer in ehlicher Einigkeit, Ausgenommen dann und wann 'ne Kleinigkeit.

81. Er hat andershin einen Ruf bekommen, Aber denselben weislich nicht angenommen, Denn sein hiesiger Dienst nährt ihn treu Und er wird reich und porculent dabei.

82. Deiner Schwester Gertrud ihren wackern Knaben Vom Procrater Geier, hat man vor Kurzem begraben; Uebrigens lebt besagte Schwester Gertrud Als Putzmacherin hieselbst wohlgemuth.

83. Schade, daß der Junge nicht mehr am Leben! Er hätte auch einst 'nen guten Procrater abgegeben; Denn er war an Einfällen sehr schlau Und im Fordern und Nehmen fix und gau.

84. Die andre Schwester hat noch beim alten Wittwer treulich bisher ausgehalten, Und als eine wack're Haushälterin Pflegt sie ihn noch immer und wärmet ihn.

85. Was endlich betrifft deine jüngste Schwester, So ist sie noch immer die vorige gute Esther, Sie nimmt vorlieb mit geringer Kost Und gereichet mir zur Stütze und zum Trost.

86. Möchte wünschen, daß 'nen reicher und vornehmer Mann käme Und das Mädel zu seiner Ehegattin nähme; Denn, findet sich nicht eine gute Partie, So heirathet sie, wie sie versichert, nie.

87. Denn sie ist gar nicht aufs Mannsvolk beflissen, Hält nichts von Tanzen, Pfänderspielen und Küssen, Ist auch, wie sonst die meisten Mädchens, nicht Aufs leidige Romanenlesen erpicht.

88. Judex Squenz ist vom Fürsten cassiret, Weil er oft zu parteiisch hat judiciret; Hier trügt also vom Krug das Sprüchwort nicht: Er geht so lange zu Wasser, bis er bricht.

89. Ich hätte dir zwar gern mehr wollen schreiben, Lasse es aber bei diesen paar Zeilen diesmal verbleiben; Vielleicht, ob Gott will, schreibe ich schier- künftig etwas ausführlicher dir.

90. Alle Freunde und Lieben lassen dich herzlich grüßen, Und weil die Post abgeht, will ich eilig schließen. Ich verbleibe immer mit dem zärtlichsten Sinn, Deine liebe Mutter _Wittwe Jobs Schnaterin_.

91. Ich muß noch eben zu deinem Ergötzen Ein kleines Postscriptchen hier nachsetzen, Denn es fehlet mir, dem Himmel sei Dank! hier Weder an Zeit, noch Tinte, noch Papier.

92. Gevatter Theis ist vor anderthalb Wochen In den Ehstandskittel förmlich gekrochen, Die Hochzeit war lustig, doch höre ich heut, Die ganze Affaire sei ihm schon leid.

93. Nichte Trine hat von ihrem lieben alten Kobus neulich ein Kind erhalten, Doch durchgehends glaubet und denket man, Daß er selbst wenig darzu gethan.

94. Herrn Thums seine Porzellanfabrikaten Wollen bisher noch nicht recht gerathen, Denn es fehlet an guter Erde nicht nur, Sondern auch an Arbeitern und Glasur;

95. Ueberhaupt scheinen vernünftige Dinge und Fabriken In unserm Städtlein nicht recht zu gelücken; Ob's am Klima oder sonst wo fehlt, Lasse ich an seinen Ort gestellt.

96. Man will eine Lesegesellschaft hier errichten Von Historien und anmuthigen Gedichten, In dem Verzeichniß finde ich mit Den »Eulenspiegel« und »Gehörnten Siegfried.«

97. Der alte Schmudel aus dem Hebräerorden Hat's Judenthum quittirt und ist Christ geworden; Dagegen bei uns manch sogenannter Christ Ein unbeschnittner Jude längst war und ist.

98. Der Kaffee ist im Preise sehr hoch gestiegen, Dies erregt allgemeines Mißvergnügen, Denn in diesem ausländ'schen Product Wird hier mancher Gulden verschluckt.

99. Ich höre, man will deine Thaten und dein Leben In Dortmund verbessert und vermehrt herausgeben, Denn sowol lust'ge als ernsthafte Herrn Lesen von dir und deinen Thaten gern.

100. Herr Schlauch wird, wie ich von Herrn Schneller vernommen, Bald die Schwindsucht an den Hals bekommen. Ich schließe nunmehr vergnügt und bin ^Ut supra^ _deine Mutter Schnaterin_.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Wie der junge Herr mit Hieronimus die Welt besehen soll und der Schulmeister ^loci^ einen unvorgreiflichen Reiseplan überreichen that.

1. Jetzt ist es wieder hohe Zeit zu besehen, Wie die Affairen auf dem Schlosse zu Ohnwitz stehen, Und was nach einigen Tagen allda Weiter wegen Hieronimus geschah.

2. Daß ihn die gnädigste Herrschaft aufs beste tractirte Und auf alle menschenmögliche Weise flattirte, Wer das nicht ohne mein Erinnern sähe ein, Der müßte ein Einfaltspinsel sein.

3. Auch will ich nichts von den Geldgeschenken, Welche ihm der alte Herr machte, gedenken, Auch nicht sagen, daß er davon in Eil' Seiner Mutter gesandt einen ansehnlichen Theil.

4. Ich will vielmehr ^ad rem^ fortfahren und sagen, Daß man nach verstrich'nen Willkommstagen Faßte einen ganz nagelneuen Entschluß Wegen des jungen Barons und Hieronimus.

5. Den jungen Herren in seinen Vollkommenheiten Noch zu verfeinern und weiter auszubreiten, Beschloß dessen gnädiger Herr Papa, Mit Consens der gnädigen Frau Mama:

6. Ihn einige Zeit durch die Welt zu lassen reisen; Hieronimus könnt' dann ihn ferner begleiten und unterweisen, Und Deutschland, Frankreich, Italien, Engelland und so weiter besehn.

7. Die Sache wurde mit Muße erwäget, Und der Reiseplan sehr herrlich angeleget, Vom Hofmeister Hieronimus, so wie auch von Dem alten und jungen Herren Baron.

8. Auch im Dorfe entstund viel vernünftiges Discuriren Ueber die Reise und wie solche zu vollführen; Unter andern gab der Schulmeister einen Plan Sonntags Nachmittags in der Schenke an.

9. Der ward bald von einem Viertelhundert Bauern angestaunt und als gelehrt bewundert; Doch ob er so ganz nach der Geographie Richtig sei gewesen, behaupte ich nie.

10. Erst sollte der junge Herr Franken und Schwaben besehen, Von da weiter ins heilige römische Reich gehen Durch die Moldau und Wallachei Bis an die Grenze der Türkei.

11. Ferner seine Route durch die Schweiz nehmen Nach Siebenbürgen, Polen, Schweden und Böhmen, Und sorgen, daß er von da aus bequem Durch Dänemark weiter ins Ungerland käm'.

12. Von da nach Norwegen, Preußen und Westphalen, Aber zu Wasser von da nach Frankreich dermalen, Und nehmen dann in Hamburg oder Calais Nach England hin 'ne Chaise und neues Relais.

13. Von England könne er nach einigen Zeiten Ein bischen hinüber nach Spanien reiten, Und er sähe dann auf diesen Fall Noch unterwegens das Land Portugal.

14. Von da müsse er nach Venedig kutschiren, Und wenn er da sei, weiter spazieren Nach Moskau, quer durch Sicilia, Von da nach Schottland und Hibernia.

15. Von da könne mit Extrapostpferden Die Reise leicht fortgesetzt werden Nach Italien bis zur Stadt Rom, Um zu besehn den Sanct-Peters-Dom.

16. (Aber dem heiligen Vater den Pantoffel zu küssen, Davon wollte der Schulmeister durchaus nichts wissen, Weil er, als ein noch crasser Protestant, Im Papste den leidigen Antichrist fand.)

17. Von Rom aus könne er nach Liefland gehen Und bei dieser Gelegenheit Malta besehen: Von da führ' er mit der Post nach Lappland, Und von da auf einige Tage nach Brabant.

18. Er könne ^en passant^ bei der ottomannischen Pforten Eben anklopfen, aber dann bald von dorten Nach Holstein und Neapolis reisen thun Und daselbst einige Tage ausruhn.

19. Aber alsdann etwa nach Siberien wandern Und von da aus über Wien zu Schiffe nach Flandern, Und so hätte er dann, auf die kürzeste Weise beinah Besehen das ganze Europia.

20. Wenn er nun auf dickbesagte Weise Vollbracht hätte die vorhabende Reise, So käm' er durch den großen Ocean Endlich zu Ohnewitz wieder an.

21. Es ist aber nicht blos beim mündlichen Vortrag geblieben, Sondern der Schulmeister hat den Plan sauber abgeschrieben; (Die Beschreibung selbst in Currentschrift nur, Aber Länder und Städte mit großer Fractur.)

22. Demnächst dem gnädigen Herrn, der eben zur Tafel saße Und gerade damals den dritten Ortolan aße, Ueberreichet in eigener Person Mit unterthänigster Devotion.

23. Man hat darüber allerlei Glossen gemachet, Sich fast das Zwerchfell zerschüttelt und zerlachet, Und jeder, der den Plan las, nahm Davon abschriftliche Copiam.

24. Die Reise selbst ward jedoch nicht vorgenommen, Weil ein mächtiges Hinderniß dazwischen gekommen, Was aber dies für ein Hinderniß war, Macht das 25te Kapitel klar.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimo aufgetragen ward, zum Spaß eine Reisekarte nach dem Plan des Schulmeisters anzufertigen; welche hier im saubern Kupferstich mitgetheilet wird.

1. Hierauf wurde Hieronimo aufgetragen, Den Homann'schen Atlas nachzuschlagen, Und zum Spaß nach des Schulmeisters Plan Eine Reisekarte zu fertigen an.

2. Sobald man sich also von der Tafel erhube, Ging Hieronimus auf seine Studierstube, Verfertigte die Zeichnung ohne Müh' Und überreichte des andern Morgens sie.

3. Herr von Ohnewitz ward davon außerordentlich munter Und sein Frühstück ging desto besser herunter; Ich aber habe dies saubere Stück ^Ex post^ erhalten im Original, zum Glück.

4. Ich will sie im Kupferstiche beifügen, Sowol zum Nutzen als auch zum Vergnügen Aller etwa künftig Reisenden, Welche Europia wollen besehn.

5. Sie zeiget, trotz den besten Postkarten, Die kürzesten Wege und leichtesten Fahrten, Wie man von jedem Orte gleich Reisen kann aus einem ins andere Reich.

6. Sie ist sehr gemächlich zu verstehen; Denn der große Fleck, den wir in der Mitte sehen, Ist Deutschland, und der dicke Punkt drein, Soll dermalen der Ort Ohnewitz sein.

7. Hieraus kann man nun ohne Kopfbrechen Die Lage der übrigen Länder leicht berechnen; Zum Exempel: die 3 Klexe oben gegen linker Hand, Bedeuten Irland, Schottland und England.

8. Das Land unten gegen der linken Seiten, Sollen die Reiche Spanien und Portugal bedeuten, Und der Stiefel fast unten da Ist das berühmte Italia.

9. Oben gegen rechts ist's Land der Siberiter, Drunter gegen das Mittel wohnen die Moskowiter, Und noch drunter sieht man zierlich und schön Die Ottomannische Pforte stehn.

10. Die vornehmsten hierauf verzeichneten Länder, Haben zierlich und accurat punktirte Ränder, Und um die Jungfer Europa rund her Siehet man nichts als Himmel und Meer.

11. Um diese Karte noch nützlicher zu machen, Hätte man zwar noch allerlei nöthige Sachen Darauf gerne, wie sich's gebührt, Zum Behuf der Reisenden gezeigt und notirt;

12. In specie deutliche Handweiser Auf die vorzüglichsten Wirthshäuser, Und wie der brave Mann jedes Orts heißt, Wo man für sein Geld bestens trinkt und speist.

13. Denn den meisten Herren Passagieren Pflegt dieses am mehresten zu interessiren; Denn sie nehmen sich ja selten die Zeit, Zu untersuchen andre Merkwürdigkeit.

14. Indessen habe ich von solchen schönen Dingen In der Karte nichts können anbringen, Denn der Stich davon ist gar zu fein Und der Raum selbst dazu zu klein.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Hieronimus soll Pastor werden. Item, Beschreibung seiner Pfarre.

1. Siehe da! es starb der Pfarrer zu Ohnewitz plötzlich. Dieser Vorfall ist zwar ganz entsetzlich Unglaublich und sehr curios, Aber doch in Romanen kein Wunder groß.

2. Der Ehrenmann hatte noch Abends vorher gehalten Eine gute Mahlzeit von Schinken und kalten Hammelbraten, mit Salat und Selerei, Und ein Rebhühnle verzehrt dabei.

3. Auch seine täglich gewohnte zwei Rastadter Mäßle Getrunken aus dem alten Rheinweinfäßle; War also, Gottlob! weder krank noch voll, Sondern befand sich bis dahin gesund und wohl;

4. Und seine Constitution schien versprechen zu wollen, Daß er ein alter Mann hätte werden sollen; Denn er war sehr stark und corpulent, Und dacht' an nichts weniger als an sein End'.

5. Er hatte erst kaum 4 oder 5 Jahre Lang genossen die Ohnwitzer Pfarre, Und diese schlug bei dem lieben Mann, Ratione seiner Gesundheit, trefflich an;

6. Um so mehr, da er vorher auf dem Lande Lange in einer schmächtigen Pfarre stande, Dabei blieb dann sein Bauch und Kinn, Wie leicht zu schließen ist, mager und dünn.

7. Aber sobald er nach Ohnwitz gekommen, Hat er augenscheinlich zugenommen, Und die Nase, vorher blaß und spitz, Ward bald roth und rund zu Ohnewitz.

8. Schade also, daß so schnell und behende Der Tod mit ihm machte ein Ende, Und ihn aus diesem Jammerthal Transportirte in den Freudensaal!

9. Die gnädige Herrschaft lag noch im tiefen Schlafe, Als diese Nachricht im Schlosse eintrafe, Denn es war noch früh und höchstens nur Des Morgens um 9 oder 10 Uhr.

10. Doch der junge Herr und Hieronimus waren schon lange Auf einem unterhaltenden Spaziergange; Denn sie glaubten dem Sprüchwort fest: ^Aurora musis amica est.^

11. Sie fanden nach geendigtem Spazieren Um halb 12 Uhr die Herrschaft dejeuniren, Und Herr von Ohnwitz, als er Hieronimum sah, Rief ihm laut zu: »Victoria!

12. Ich gratulire Ihm zur Ohnwitzer Pfarre!« Hieronimus stund da vor Erstaunen wie ein Narre, Und wußte nicht eigentlich, ob dies da Aus gnädigem Spaß oder Ernst geschah.

13. Aber er ließ sich bald näher überführen, Daß es Ernst sei mit dem Gratuliren, Und für Spaß ihm hier nicht Noth sei, Sintemal der Pfarrer wirklich todt sei.

14. Nun überlege einmal der Leser mit kaltem Blute, Wie da dem Hieronimus geworden zu Muthe, Als er so urplötzlich unverhofft da Zum Pastor sich metamorphosirt sah.

15. Denn diese Pfarrei war einträglich und wichtig, Und trug jährlich ganz gewiß und richtig, Ohne die Accidentien, rein Blanke 900 Gulden ein.

16. Die Accidentien waren gleichfalls ansehnlich, Etwa 100 Gulden ^pro^ Jahr gewöhnlich; Also kamen nach der Summa Summarum draus Des Jahrs circa 1000 Gulden zu Haus.

17. Davon ließ sich nun sehr gemächlich leben, Auch zum Sparpfennig etwas aufheben; So daß sich kein Pfarrer im ganzen Land So reputirlich als der Ohnwitzer stand.

18. Wenn etwa andre dorfgeistliche Herren Sich von ihrem kleinen Dienstchen mußten kümmerlich nähren Und bei Wasser, oder höchstens Koventbier, Krumm liegen und verdursten schier,

19. Und kaum hatten, was sie am nöthigsten brauchten, Aus kurzen Tabakspfeifen ihren Kneller rauchten, Und bei Sauerkohl, Kartoffeln und Erbsenbrei, Sungen die erbärmlichste Litanei;

20. Da befand sich hingegen ein Ohnewitzer Paster Bei seiner langen Pfeife mit virginischem Knaster Und einem gut gefüllten Weinfaß Und Schinken, Braten und Wildpret, baß.

21. Dabei thät er in mächtig großem Ansehen, Wie ein Klosterguardian, bei seinen Amtsbrüdern stehen, Und bei der Synode oder bei dem Convent, Bekam er das größte Compliment.

22. Selbst wenn er auf dem freiherrlichen Schlosse Visiten gab und Mahlzeiten genosse, So saß er aus Regard während der Mahlzeit Der gnädigen Frau immer nahe zur Seit'.

23. Der vorige Pfarrer wußte sowol Junge als Alten Vorzüglich in Furcht und Respect zu halten, Und behauptete überall, spat und früh, Seine Oberautorität in der Parochie;

24. Und bei vorfallenden Kindtaufenschmäusen, Oder bei Hochzeiten, oder bei Leichenspeisen, Saß er oben an und führte immerfort, Als wär' er in der Kirche, das große Wort.

25. Wer nicht wollte ganz nach seiner Pfeife tanzen, Den pflegte er verblümt auf der Kanzel zu kuranzen, So daß ihm Hören und Sehen verging, Und er aus Angst ein neues Leben anfing.

26. Er befand sich zwar weder kränklich noch gebrechlich, Sondern gut bei Leibe, war aber sehr gemächlich: Drum hielt er sich einen Candidat als Caplan, Welcher die Pfarrdienste für ihn gethan;

27. Aber Copulationen, Taufen und derlei Pflichten Pflegte er doch gewöhnlich in persona zu verrichten; Wenigstens wohnte er der Schmauserei, Welche dabei vorfiele, bei.

28. Er war übrigens in der Lehr' weder Heterodoxe, Noch im gemeinen Umgang ein knurrender Ochse, Sondern führte seine Ohnwitzer Schäfelein Auf 'ner Weide vom ketzerischen Unkraut rein;

29. Und seine Gemeinsgliederinnen, Besonders junge, wurden oft innen Seiner guten Laune, denn der lose Pastor Machte ihnen manch Späschen, doch in Ehren, vor.

30. Kurz! ein Ohnwitzer Pfarrer lebt wie ein Engel, Hat wenig Arbeit, denn sein Kirchensprengel Ist nicht weitläuftig sondern klein und eng, Und der Communicanten ist 'ne geringe Meng'.

31. Er kann im Schlafrock, Pantoffeln und Nachtmützen Im Großvaterstuhl fast den ganzen Tag sitzen, Und verrichten gewissenhaft allesammt, Was da vorfällt in seinem Pfarreramt.

32. Nur des Sonntags einmal zu kanzliren, Alle Vierteljahr ein Paar zu copuliren, Nebst Taufen, Begraben und ein bischen Kinderlehr', Dieses ist alles und sonst kein Haar mehr.

33. Das Dorf selbst ist sehr herrlich gelegen, Ueberall blühet und lachet der Segen, Und alles, was die ländliche Natur Schönes hat, zieret Ohnwitzens Flur.

34. Weiden, Wälder, Gebüsch und Gesträuche, Schattige Haine, glatte Bäche und Teiche, Wiesen, Obstgärten, Hügel und Thal, Garten und Feld, wechselt ab überall.

35. Da kann mit Vögelfangen und Fischereien, Sich der Pfarrer nach Gefallen zerstreuen, Wenn ihn etwa ein sauers Amtsgeschäft Zu sehr angegriffen und entkräft't;

36. Oder auch manchem Kirschvogel, Rebhuhn und Hasen, Das Lebenslicht auf der Jagd ausblasen; Denn er hat Vogelfang, Jagd und Fischerei, Nebst Taubenflug bei seiner Pfarre frei.

37. Wenn er sich dabei gut insinuiret Und die Bauern nicht zu sehr cujoniret, So kann er mit Frau und Kinderlein Bei einem oder andern täglich Gast sein.

38. Wir wollen also, was wir ohn' unsern Schaden auch können, Dem Hieronimus sein künftiges Glücke gönnen, Und in dem folgenden Kapitelchen Mit ihm ins geistliche Examen gehn.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimus in dem Examen gut bestand und mehr wußte als seine Examinaters.

1. Ehe er die Pfarre wirklich konnte antreten, War der Ordnung wegen, ein Examen von nöthen, Und er meldete sich bald darum Beim hochwürdigen Ministerium.

2. Es geschah mit allen Umständen, wie sonst bräuchlich. Hieronimus betrug sich diesmal unvergleichlich, Und beantwortete Augenblicks Jeden Artikel frei und fix.

3. Das erregte nun bei sämmtlichen Examinatoren Ein mächtiges Spitzen ihrer ansehnlichen Nasen und Ohren, Weil ihnen noch nie ein Fall war bekannt, Daß ein Ordinandus so gut bestand.

4. Die Herren konnten ihn nichts mindeste fragen, Oder er wußt' ihnen gleich alles vollkommen zu sagen, Ja, es fand sich, daß er weit mehr verstund, Als jeder von ihnen ihn fragen kunt.

5. Keiner brauchte nun nach der Antwort auf die Fragen, So wie ehmals im Examen, _Hem! Hem!_ zu sagen; Sondern es hieß nun: ^Domine Hieronime! Respondisti bene benissime!^

6. Sie fragten zwar mitunter einfältige Fragen, Worauf ein Schulkind hätte Antwort können sagen, Wie's wol mal im Examen ergeht, Wenn man beim Exam'nator gut steht.

7. Doch einige wünschten ihn zu fangen durch verfängliche Fragen, Sie konnten ihn aber dadurch nicht ins Bockshorn jagen; Gaben ihm also sämmtlich den Ruhm Als 'nen hochgelehrten Theologum.