Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen

Part 14

Chapter 143,326 wordsPublic domain

3. Denn er erinnerte sich mit erneuerten Schmerzen, Wie sehr ihm das Exil damals gegangen zu Herzen, Und was er alles seit seiner Flucht Sonst noch erfahren hatt' und versucht.

4. An seinem Beispiel läßt sich greifen mit beiden Händen, Wie wunderlich die menschlichen Fata sich oft wenden; Vormals jug man ihn mit Prügeln fort Und nun erscheint er als Hofmeister dort.

5. Als sie endlich in den Schloßplatz gefahren, Demnächst aus dem Wagen gestiegen waren, Und Herr von Ohnwitz seine Dame embrassirt, Hat er ihr seinen Gast bald präsentirt.

6. Sie hat ihn beim ersten Anblick wieder erkennet, Ihn ihren alten Freund und Erretter genennet, Und ließ hierauf den frohen Hieronimus Allerhöchstgnädigst zum Rockkuß.

7. Aber nun ging's aufs neue an ein Fragen, Was sich wol alles mit ihm habe zugetragen? Wo er gestecket, und warum er Nicht eher nach Ohnwitz gekommen wär'?

8. Man sagt, Damen wären überhaupt neugierig, Drum war auch diese Dame alles zu wissen begierig, Und wirklich erfuhr auch die gnädige Frau Von ihm alle passirte Dinge genau.

9. Sie hat ihn herzlich ob seinen Schicksalen bedauert, Besonders über die Flucht von Ohnewitz getrauert, Und daß man mit so grobem Ungestüm So unschuldig damals begegnet ihm.

10. Aber über einige ihm arrivirte Sachen Wollte sie auch fast sich zu Tode lachen; Besonders machte es ihr große Lust, Daß seine Frau die Zeche bezahlen gemußt.

11. Uebrigens hat sie von ihrem Gemahl vernommen, Daß Hieronimus nach seinem Tode mehr Verstand bekommen, Und deswegen stimmte sie auch gern bei, Daß er Hofmeister des jungen Herren sei.

12. Er ward noch baß auf dem Schlosse von Jungen und Alten, Als im 27ten Kapitel des ersten Theils, Vers 9 und 10 gehalten, Und er hatte niemals, weder vorher noch hernach, In seinem Leben so gute Tag'.

13. Aber mancher Ohnwitzer Flegel von Bauer Sah über seine Ankunft sehr scheel und sauer, Denn sie dachten aufs neue daran, Was ihnen Fiscus seinetwegen gethan.

14. Der brave Hieronimus aber schlug sich Alle ehemalige Schmach aus dem Sinn und betrug sich Gegen Reiche und Arme, Alt und Jung, Vor wie nach mit Klugheit und Mäßigung.

15. Der junge Herr Baron ward ihm bald gewogen, Denn er war sehr artig und gut erzogen, Und hatte dabei weit mehr Verstand, Als sonst meistens ein junger Herr vom Land.

16. Auch hatten, sowol sein nicht ungelehrter Herr Vater, Als auch sein bisheriger geschickter Informator, Mit Ernst auf seine Bildung bedacht Ihm alle seine Kenntnisse beigebracht.

17. Nun ließ sich Hieronimus von dem jungen Herren In vielen nöthigen Sachen unvermerkt belehren, Also legte er nach und nach, in Sprachen und Humanioribus, einen guten Grund.

18. Auch so lang sein Aufenthalt zu Ohnwitz gewähret, Hat er fleißig mit allerlei Büchern verkehret, Und manchesmal die ganze liebe Nacht Auf der Schloßbibliothek studirt und gewacht.

19. Zur Erholung spazierte er dann und wann mit seinem Eleven In Feld, Wald, oder nach den Bauerhöfen, Und da lernte er beiläufig noch manches Stück Aus der Oekonomie und der Physik.

20. Mit dem jungen Herrn von Ohnwitz zu ziehen Abgeredetermaßen nach Akademien, War endlich die bestimmte Zeit da Und man machte die Präparatoria.

21. Westen, Nachtmützen, Strümpfe, Halstücher, Hemden, Schlafpelze und mancherlei Bücher, Packte man ein im Ueberfluß, Sowol für den jungen Herrn als Hieronimus.

22. Kisten und Koffer waren fast schier zu enge, Denn von allem war da die schwere Menge, Doch billig zieh ich allem übrigen vor Die mitgegebenen 500 Louisd'or.

23. Ein Lakei mußte sie zur Bedienung begleiten. Wir lassen sie nun in Gottes Namen fahren oder reiten, Genug, Baron, Hieronimus und der Lakei Kamen glücklich an auf der Akademei.

Zwanzigstes Kapitel.

Seine diesmaligen Studia und glückliche Beendigung derselben.

1. Diesmal hat Hieronimus sich trefflich aufgeführet, Tag und Nacht emsig gelernet und studiret, Und er versäumte in seinem Studium Nicht ein einziges Collegium.

2. Er hat sogar oft Trinken und Essen Und andre Bedürfnisse vernachlässigt und vergessen, Saß manchmal da, hörte und sahe nicht, So sehr war er aufs studiren erpicht.

3. Er ward zwar oft von andern Studenten vexiret, Bei Gelegenheit auch wegen seines Alters cujoniret; Allein, er als ein vernünftiger Mann Achtete das nicht, und that gar nicht übel dran.

4. Wenn aber einige, die seinen ehmaligen Stand kannten, Ihn den Nachtwächter von Schildburgs Zion nannten, So ärgerte er sich doch heimlich oft drob, Denn er fand den Spaß zu gemein und zu grob.

5. Die Beschreibung seines Studirens will ich unterlassen Und nur hiemit in Kürze alles zusammenfassen: Er lebte ganz nach dem Gegenfuß Des vormaligen fidelen Burschen Hieronimus.

6. Er hatte den Beifall aller seiner Lehrer, War von allen ihr fleißigster Zuhörer, Und nach weniger Jahre Müh' War er wirklich viel gelehrter als sie.

7. Auch an seinem Eleven sah er nichts als Freude; Und so endigten nach drei Jahren rühmlich beide, Der eine das ^Studium juridicum^, Der andere das ^theologicum^.

8. Ich mag es diesmal nicht weitläuftig beschreiben, Wie es dagegen viel andre Studenten thaten treiben; Denn dies ist alles schon, wie man nach kann sehn, Im 13ten Kapitel des ersten Theils geschehn.

9. Mit den lobvollesten Testimoniis versehen Endigten sie nun in Gesundheit und Wohlergehen Den wohlgeführeten Burschenlauf Und machten sich beide gen Ohnewitz auf.

10. Sie langten daselbst an wohlbehalten, Fanden alles und jedes noch bei dem Alten, Nicht das Geringste war verändert alldo, Sondern alles wie vorher ^in statu quo^.

11. Aber sie wurden stattlich aufgenommen und empfangen, Denn die gnädige Frau Mama trug längst Verlangen Nach ihrem so zärtlich geliebtesten Sohn, Den seit drei Jahren nicht gesehnen Baron.

12. Weder seine Gesundheit noch seine Sitten Hatten sich verschlimmert noch sonst gelitten, Wie's doch meist auf der Universität Bekanntlich den jungen Leuten sonst geht.

13. Es war vielmehr seine Statur etwas vergrößert Und sein äußerer Anstand verschönert und verbessert, Und die gnädige Frau Mama konnte, traun! Sich kaum satt an ihm lecken, küssen und schaun.

14. Auch der alte Herr war voll Entzücken Ueber seinen Sohn in allen und jeden Stücken; Besonders fand er ihn hochgelehrt und klug, Denn er sprach überall wie ein Buch.

15. Daß Hieronimus an diesem freundlichen Willkommen Auch einen nicht geringen Antheil genommen, Weil er den jungen Herrn gehofmeistert so, Das versteht sich ^ex eo ipso^.

16. Da war im freiherrlichen Schlosse ein prächtiges Leben; Ein Tractament ward fürstlich angerichtet und gegeben, Und gleichsam wie zu Frankfurt bei der Kaiserwahl, Sprang roth und weißer Wein im Speisesaal.

17. Ja es ging, ^sans comparaison^, dem jungen Barone, Wie in der Geschichte jenem verlornen Sohne, Als dieser wiederkam mit reuigem Muth Aus dem Bordell und von der Schweinehut.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Ein braves Kapitel; enthaltend Geld und einen Brief des Hieronimi an seine Mutter.

1. Ich lasse Hieronimum nun auf'm Schlosse weilen und walten, Denn er kann es da recht gut aushalten, Und mache aus seinem letzten Studentenstand Noch etwas Rühmlich's von ihm bekannt.

2. Er konnte in gedachten seinen Studierjahren Vieles vom Hofmeistergehalte ersparen, Und hatte sicher alle Quartal Uebrig ein 60 Gulden Kap'tal.

3. Dieses wußte er nicht besser anzuwenden, Als es seiner Mutter nach Schildburg zu senden, Und solches thate er dann auch baar Richtig und rein alle Vierteljahr.

4. Aus dem Inhalte vom folgenden Briefe, Welcher mir von ohngefähr in die Hände liefe, Erhellt es dem geneigten Leser zur Genüg', Daß ich die Wahrheit rede und nicht lüg'.

5. »_Geliebte Mutter!_ meine kindlichen Pflichten Schuldigermaßen gegen Euch zu verrichten, Sende ich gegenwärtig abermal 60 Gulden zum gewohnten Quartal.

6. Wollte Euch herzlich gerne mehr senden, Habe aber diesmal nichts weiter in Händen Und bin selber bis aufs nächste Kap'tal, Das ich von Ohnwitz erhalte, schier kahl.

7. Hoffe jedoch, es werde heut oder morgen Der Himmel mich irgendwo als Pfarrer versorgen, Und dann sollt Ihr, geliebte Mutter mein! Lebenslang bei mir zugleich versorget sein.

8. Ihr könnt nicht glauben, wie sehr mich's noch kränke, Wenn ich meinen vormaligen Jugendlauf bedenke, Und wie ich Euch dadurch gar zuletzt In die schofelsten Umstände versetzt.

9. Gott halte Euch gesund und bei langem Leben, Da will ich dann alles Ernstes mich bestreben, Daß alles wieder werde gut gemacht, Was ich verdorben und durchgebracht.

10. Mit meinem Studiren geht's, Gottlob! ziemlich, Auch mein Eleve beträgt sich höchst rühmlich; Herr von Ohnewitz freuet sich sehr darob Und gibt uns beiden oft schriftlich sein Lob.

11. Neuigkeiten wollte ich Euch gerne schreiben; Allein, was die Musensöhne hier machen und treiben Ist meistens nicht von gar großem Gewicht Und interessirt Euch sonderlich nicht.

12. Ich bin immer gesund an Leib und Gemüthe Und erhalte von des alten Herrn von Ohnewitz Güte, Zu jeder vierteljährigen Frist, Was mehr als zum Bedürfniß hinreichend ist.

13. Ich mache mir also noch die kleine Freude Und sende, etwa zu einem neuen Kleide, Beiliegende 2 Louisd'or für Schwester Esther, im besondern Papier.

14. Uebrigens beharre ich bis an mein Ende, Nebst einem großen und zärtlichen Complimente An meine Schwester vom jungen Baron, _Euer treuer und gehorsamer Sohn._«

15. Auf die vorgedachten rührenden Zeilen Schrieb, ohne lange damit zu verweilen, Die alte Frau Jobs, die Senatorin, Ihrem guten Sohne folgende Antwort hin.

16. Sie enthält gar viel und mancherlei Sachen; Will drum draus ein neues Kapitelchen machen, Man würde sonst, weil der Brief etwas lang, Beim Durchlesen desselben müde und bang.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Worin länglich die Antwort der Frau Wittwe Schnaterin Jobs zu lesen, auf den Brief ihres Sohnes.

1. »_Mein geliebtster Sohn!_ An dich zu schreiben Konnte ich nicht lassen unterbleiben, Besonders rührte es mich, daß du Mir wieder 60 Gulden sandtest zu.

2. Alles ist mir richtig gekommen zu Handen, Und ich habe aus deinem Briefe verstanden Deine Herzensgüte und Zärtlichkeit, Und das hat mich mehr als das Geld erfreut.

3. Zwar ist mir letztes sehr gut zu statten gekommen, Denn Geld gereicht immer zum Nutzen und Frommen; Aber deine gutartige Kindlichkeit Geht, so wahr ich 'ne ehrliche Wittfrau bin! weit.

4. Ich hab' mich vormals freilich sehr müssen behelfen Und nach dem nöthigsten Unterhalt kümmerlich gelfen, Und, wahr ist's, aus Ungeduld Gab ich dir davon oft alleine die Schuld.

5. Allein, alles ist längst vergessen und vergeben, Denn du erleichterst mir und unsrer Esther das Leben, Schickst uns so viel Geld, und seitdem Leben wir gemächlich und sehr bequem.

6. Ehmals schmachteten wir in Frost und Hitze, Aßen kaum satt Wasserschnell, Brei und Grütze, Trunken nur Kofent und kahlen Thee, Und in der Haushaltung war lauter Weh.

7. Uns borgte weder Schuster, Weber noch Schneider Die nöthigen Schuhe, Leinwand und Kleider, Und in unsrer Wohnung überall War's durchlauchtig wie in 'nem Nothstall.

8. Zwar suchten deine Schwester und ich uns mit Ehren Durch fleißige Handarbeiten zu ernähren, Allein, wir kamen damit nicht weit In dieser so hoch schwer theuern Zeit.

9. Esther hätte zwar extra was können acquiriren, Denn viele junge Herren suchten sie zu verführen, Doch weil sie ihnen keine Audienz gab, So zogen sie mit der langen Nase ab.

10. Nun aber sind wir frei von Nahrungssorgen, Brauchen nicht mehr zu darben und zu borgen, Und danken den frohen Lebensgenuß Dir, mein geliebter Hieronimus!

11. Der Himmel wolle ferner dich beglücken Und dir einst eine fette Pfarre zuschicken; Dann beschließ' ich, wie du es schreibest mir, Meine alten Tage, so Gott will, bei dir.

12. Deine Schwester grüßt dich zu hunderttausend malen, Denn sie kann deine brüderliche Lieb' nicht anders bezahlen, Und sie bedankt sich hiemit herzlich vor Die ihr gesandten zwei schönen Louisd'or.

13. Apropos! was soll ich eigentlich daraus schließen, Daß der junge Herr Baron sie so zärtlich läßt grüßen? Ich hoffe, er hat doch wol auf sie nicht Eine besondere unlautere Absicht?

14. Nun will ich zu verschiedenen Neuigkeiten, Welche hieselbst vorgefallen sind, schreiten; Sie sind zwar meist unangenehm und schlecht, Aber doch alle authentisch und ächt.

15. Das Gewitter hat vor etwa vierzehn Tagen In Herrn Advocaten _Schlucks_ Garten eingeschlagen, Davon sind viele Bäume zerknickt, Und das Lusthaus ist gleichfalls zerstückt.

16. Man hat dies als eine Vorbedeutung angesehen Dessen, was drei Tage hernach geschehen, Da der liebe Mann, gesund und guter Ding, Plötzlich den Weg ^ad patres^ ging.

17. Er hat zwar keine Kinder, die um ihn trauern, Auch glaub' ich nicht, daß seine Erben ihn bedauern, Denn er saß sehr warm in der Woll' Und hat seine Kisten von Thalern voll.

18. Man hat ^ex post^ vieles gesagt und geplaudert, Wofür einem die Haut grauset und schaudert, Nämlich es ginge gedachter Herr Schluck Bei hellem Mittag herum als Spuck.

19. Einige haben ihn gesehn durch dem Fensterglase Mit seiner Brille auf der großen Nase, Und sein Advocatengewand Leuchtend wie höllischer Feuerbrand;

20. Und in seinem Hause höret man Jammer und Gepolter, Als läg' einer auf der peinlichen Folter; Und er rasselt mit Ketten an der Thür; Gott bewahre jeden Christenmenschen dafür!

21. Man hat einen Währwolf hier kürzlich gesehen In Gestalt eines großen Hundes herumgehen; Auch spricht man von mancher Behexerei, Welche hieselbst geschehen sei.

22. Ich aber wollte schier gewiß darauf wetten, Daß die Seher und Erzähler sich geirret hätten; Denn in Schildburg trau' ich keinem einzigen Mann Es zu, daß er die Kunst des Hexens kann.

23. Der vorige Winter war hieselbst sehr strenge, Es gab Schnee, Schloßen und Eis in Menge; Melde mir, ob vielleicht dorten bei dir Der Winter gleichfalls so streng war als hier.

24. Man hat auch damals mit Schrecken gesehen Am Himmel ungewöhnliche Zeichen stehen, Und es schosse daselbst wunderlich überall Am Firmamente heftiger Feuerstrahl;

25. Davon glauben nun billig die Schildburger Leute, Daß es ein Unglück für unser Städtlein bedeute; Doch Herr Schneller sagt, es bedeute dies nicht, Sondern das Ding würde genannt Nordlicht.

26. Indeß hat man doch aus der Zeitung gesehen, Daß vielleicht ein Krieg werde entstehen; Und, gib Acht, so wahr ich ehrlich bin! Unser Schildburg kommt dann auch mit drin.

27. Die Ernte ist dies Jahr sehr gut gediehen, Weil der Himmel günstiges Wetter dazu verliehen; Hoffentlich wird dann der liebe Branntwein und 's Brod Wolfeil und mindert die Hungersnoth.

28. Aber dagegen sind die Weinlesen Desto kümmerlicher in diesem Herbst gewesen; Denn die Stöcke standen meistens kahl, Und der Most ist theils sauer, theils schal.

29. Dieses macht denn nun wol leider heuer Den guten Wein noch seltner und theuer, Und die vielen lustigen Zecher allhier Müssen sich dann helfen mit Wasser und Bier.

30. Den hiesigen Kirchthurm will man ausbessern Und die Kirche selbst etwas vergrößern; Denn man sagt, unsers Städtleins Christenheit Habe sich vermehret seit kurzer Zeit.

31. Einige hartnäckige Herren Consistorialen Wollen aber nicht einwilligen, vielweniger was zahlen, Man hofft aber die Kosten zu bringen herbei Durch eine Collectensammelei.

32. Freilich, der Kirchthurm ist sehr verfallen und zerborsten, So daß Eulen und Dohlen drin hausen und horsten, Aber für die wahren Christen, die hier sein, Ist, wie mir däucht, die Kirche selbst nicht zu klein.

33. Seitdem unsre Herren jene Verordnung gaben, Hat man keinen lebendigen Menschen wieder begraben; Da sieht man, was ein gescheidtes Mandat Für wohlersprießliche Folgen hat.

34. Sonst, wenn unsre Herren was commandiren, Pflegt niemand den Befehl zu vollführen, Weil ihre Obrigkeitsautorität Nicht gar weit bei der Bürgerschaft geht.

35. Unser Fürst ist neuerdings durch's Städtel passiret, Da hat die Bürgerschaft das Gewehr gepräsentiret, Und mit Trommel und Fahne und großer Pracht Ein kostsplitterlichen Aufzug gemacht.

36. Nur ein einziger that beim Feuern und Schießen Unvorsicht'ger Weise sein Leben einbüßen; Sonst ging alles, zu Schildburgs Ehr', Ohne sonderliches Unglück her.

37. Unser alter Pfarrer hat's Zeitliche gewechselt, Man hat zwar 'nen neuen herausgedrechselt, Doch bei der angestellten Pfarrerwahl Geschah, wie gewöhnlich, viel Zank und Scandal.

38. Herr Lippel Schnack, unser dicker Bürgermeister, Wird tagtäglich älter, dümmer und feister, Und bekommt jetzt zum verdienten Arbeitslohn Aus der Kammerkasse eine Pension.

39. In der Stadt und auf'm Lande herrscht eine Seuche, Da gibt es also natürlich manche Leiche; Doch an Oertern, wo keine Aerzte sind, Sterben sie nicht so häufig noch so g'schwind.

40. Im vor'gen Jahr hat sich's Unglück zugetragen, Daß ein Mensch jämmerlich ward todtgeschlagen, Und der ergriffene Thäter kam Dafür ein Vierteljahr zur Vestung lobesam.

41. Es ist alles jetzt sehr dürftig und theuer, Dennoch sinnet man auf Vermehrung der Steuer; Denn man versteht sich hieselbst eben so Aufs leidige Plusmachen als anderswo.

42. Nachbars Minchen hat einen kleinen Knaben, Ich hab ihn als Pathin aus der Taufe gehaben, Wer sie eigentlich gebracht hat zu Fall, Erzählt man sich ^sub rosa^ überall;

43. Es ist als wär's Unglück in unserm Städtchen Mit den jungen mannbaren Dirnen und Mädchen; Denn es trägt sich zu fast alle Monat, Daß eins eine Tochter oder 'nen Sohn hat.

44. Man hält fleißig hier Bälle und Assambleen Und thut sich da recht herrlich und lustig begehen; Doch vielleicht folgt einst dieser freudigen Sach' Bei manchen der hinkende Bote nach.

45. Man hat das Rathhaus kürzlich renoviret Und in der Polizei manches repariret; Zum Exempel: man ist nun von Bettelei, Doch weiß Gott, wie lange es dauert, frei.

46. Auch hat man sehr lange nichts gehöret, Daß irgend die Nachtruhe wäre gestöret, Durch Einbruch oder nächtliche Dieberei; Das macht gleichfalls die gute Polizei.

47. Item, man gibt fleißig Acht auf Maß und Gewichte, Nimmt Bäcker, Krämer und Brauer in Brüchte, Wenn etwa Brod und Waare nicht gehörig schwer Oder das Bier zu leicht und zu dünne wär'.

48. Man hat auch durchgehends die Stadtstraßen Mit neuen Steinen wieder pflastern lassen, Weil das neue Pflaster vom vorigen Jahr Nicht zum Besten gerathen war.

49. Die Stadtthore hat man abgebrochen Und solche aufs neue künftig zu bauen versprochen, Man kaufte auch gern eine neue Kirchuhr, Hätte man dazu das Geld nur.

50. Die Schloßwarte will man demoliren, Und die Steine anderweitig emploiren, Und damit das Obere von selbst folgen kann, Fängt man mit der Abbrechung von unten an.

51. Einige andere nöthige Ausbesserungen Hat man dem Meistfordernden verdungen; Denn es sieht leider elend und kraus Mit andern öffentlichen Gebäuden aus.

52. Man probirte bei dieser greulichen Hitze Sehr oft unsre große Brandspritze; Denn man hat gefunden, wenn Brand entsteht, Daß sie meistens nicht richtig geht.

53. Man hat noch kürzlich in diesen Tagen, Einige junge Männer zu neuen Bürgern geschlagen, Und für die übermorgende Nacht Oeffentlich angesagt eine Gaudiebsjagd.

54. Neulich fiel ein Kind in den großen Stadtbrunnen, Und ist drin kaum dem Ertrinken entrunnen; Da hat man nun gleich die Cautel erdacht, Und den Brunnen vernagelt und zugemacht.

55. Weil man sich im Finstern auf der Straße leicht verletzet, So hat man alle sechs Schritt Nachtlaternen gesetzet; Aber noch zur Zeit fehlet es an Dem nöthigen Fond zu Oel oder Thran;

56. Denn aus den ehmaligen publiken Kapitalen Läßt sich seit langen Jahren nichts bezahlen; Man sagt, es wäre alles Stuck vor Stuck, Sowol Kapitale als Zinsen caduc.

57. Man hat der Bürgerei zum Besten vor 14 Tagen Die Stadtbleiche verkäuflich losgeschlagen, Und das Plätzchen, wo sonst der Galgen stand, Ist gemacht zu schönem Ackerland.

58. Das Rathhaus wird an den, der's Meiste bietet, Nächstens verpachtet oder auf 8 Jahr vermiethet; Nur ein Zimmerchen bleibt vacant davon, Um drin zu verrichten die Session.

59. Man bezeiget vielen guten Willen, Die Stadtgräben zu verschütten und auszufüllen, Weil doch ohnehin ein jedermann Ins offne Städtel 'reinkommen kann.

60. Ein fremder Spitzbub ward gestern attrapiret, Den hat man zur Strafe durch alle Straßen geführet Mit einer großen Kappe mit Schellen dran, Und ihn dann wieder seines Weges laufen lan.

61. Einige Bürger gehn Nachts fleißig patroulliren, Um etwa verborgene Diebe aufzuspüren, Und melden es immer durch der Klapper Getön, Woher sie kommen und wohin sie gehn.

62. Es ist befohlen, daß jeder vor seiner Thür fleißig putze, Weil die Straßen beständig stinken von Mist und Schmutze; Denn es gibt, wie dir bekannt ist, allhie Viele Kühe, Schweine und andres Vieh.

63. Man spricht von noch mehr Projecten im hiesigen Staate, Allein sie beruhn noch blos heimlich im Senate, Welcher mit aller Anstrengung und Macht Aufs Wohl der Bürger tagtäglich bedacht.

64. Hier ist angekommen eine Puppenspielerbande, Die schleppet gewaltig viel Geld aus dem Lande, Vornehme und Geringe gehen täglich viel Um zu besehen das herrliche Spiel;