Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen

Part 13

Chapter 133,322 wordsPublic domain

5. Gleichwie nun gemeinlich die Landpfarrer haben Wenig Bücher und Geld, aber viel Mädchen und Knaben; So traf auch dies bei ihren Eltern ein, Denn sie war das Kind an der Numero neun.

6. Sie lernte frühzeitig beten, lesen und schreiben Und allerlei nützliche Hauskünste treiben; Sie nähte, strickte, wusch und spann Und nahm sich der Küche und des Stalles an.

7. Sie wurde sogar von ihren lieben Alten Fleißig zu Landarbeiten angehalten, So daß sie des Morgens so fix und rasch Wie ein gelernter Drescher drasch.

8. Sie besaß dabei die ruhmwürdige Tugend, Daß sie gerne schon früh in der Jugend Mit den Dorfjungen schäkern that; Denn sie war nicht stolz noch delicat.

9. In der Ernte und beim Weinlesen Hatte sie recht ihr Treiben und Wesen, Ueberwarf sich mit manchem Buben zum Spaß Und wälzte sich herum im Heu und Gras.

10. Sie übertraf in Stärke der Knochen und Glieder Alle ihre übrigen Schwestern und Gebrüder; Und darum nannte man sie allgemein Des Herrn Pfarrers starke Katharein.

11. Sie war mit Schönheit zierlich ausgerüstet, Bei guter Taille und ziemlich bebrüstet, Und darum brauchte ihr Mieder und Gesicht Falsche Ausstopfung und Schminke nicht.

12. Bis ins achtzehnte Jahr ist sie Jungfer gewesen, Da sie dann eines kleinen Kindleins genesen, Welches aber gleich nach der Geburt starb, Folglich nichts Sonderliches an ihr verdarb.

13. Sie hätte bei dermaß bewandten Sachen Wol einmal ihr Glück durch Heirathen können machen, Wenn's ihr nur nicht am Gelde gefehlt, Welches man beim Heirathen fürs Nöthigste hält.

14. Ihr ist dabei noch das Unglück begegnet, Daß ihr Vater bald drauf das Zeitliche gesegnet, Und da fand sich beim Inventar, Daß wenig oder nichts vorhanden war.

15. Denn außer einigen alten Perücken und Postillen, Abgetragenen Röcken, zerbrochnen Stühlen und Brillen, War beim Nachlaß des Seligen Kaum etwas zu finden noch zu sehn.

16. Dabei ergaben sich noch einige Schulden Von etwa 120 bis 130 Gulden, Drum so hieß es bei Wittwe und Kindern dann: Jedes helfe sich, so gut es kann.

17. Die Wittwe blieb bis an ihr Ende im Dorf wohnen, Nährte sich redlich von Buttermilch, Pfannkuchen und Bohnen, Und was sonst die Bauern ihr noch, aus Respect Für den Wohlseligen, kümmerlich dargestreckt.

18. Mit unsrer Katharine ging es etwas besser; Denn Schildburgs Nachtwächter, des Hieronimi Antecesser, Der sie nach seinem Geschmacke befand, Knüpfte mit ihr das ehliche Band.

19. Er brauchte gar nicht lange um sie zu freien, Denn sie that ihn gleich mit ihrer Hand erfreuen, Und eh' er sich ihrer Einwilligung versah, Sprach sie über Hals und Kopf: Ja!

20. Aber schon in den ersten Ehstandstagen, Wollte ihm dies Bündniß so recht nicht mehr behagen, Denn des Olim Pfarrers Katharin Fuhr beim geringsten Anlaß her über ihn,

21. Und die sonst üblichen Flitterwochen Wurden wider alle Gewohnheiten schnell abgebrochen, So daß der arme junge Mann da Eigentlich nicht wußte, wie ihm geschah.

22. Ueberall that sie den Herrn im Hause spielen, Und ließ es ihn tagtäglich empfinden und fühlen, Daß sie die Tochter einer Dorfpfarrei, Er aber nur ein Halunke von Nachtwächter sei.

23. Indessen mußte er sich in die Umstände fügen, Und unter ihren großen Pantoffel geduldig schmiegen, Bis ihn endlich von allem Kreuz und Leid, Der so oft gewünschte Tod befreit.

24. Wie nachher Hieronimus Jobs gekommen Und sie mit dem Nachtwächterdienst zugleich übernommen, Dieses wissen wir allerseits Aus dem 36ten Kapitel des ersten Theils bereits.

25. Ihm ging's mit ihr nicht besser als seinem Antecesser; Ja sein Elend war gewissermaßen schier größer; Denn es ging fast kein Tag vorbei Ohne Haarcollation und Prügelei.

26. Sie verstund sich trefflich aufs Beißen und Kratzen, Uebertraf in dieser Kunst manche Hunde und Katzen, Machte oft die Augen geblaut und blund Und des armen Mannes Nase und Haut wund.

27. Auch alle Einkünfte und geringen Gewinnste Von seinem blutsauern Nachtwächterdienste, Versoff Olim Pfarrers Katharein Theils in Kaffee, theils in Branntewein.

28. Und wenn er dem nächtlichen Berufe nachginge, Trieb sie manche sich nicht geziemende Dinge, Und gleichwie in einem Taubenhaus Flog einer ein und der andre aus.

29. Da brauchte dann vom Abend bis zum lichten Morgen, Hieronimus für keine Hörner zu sorgen; Denn es verstrich keine einzige Nacht, Oder es wurde ihm ein neues gemacht.

30. Wenn er sich dann durstig und müd gesungen und gewachet Und nunmehro sich wieder nach Hause gemachet, Fand er zur Erquickung, Gott erbarm's! Weder Thee, Kaffee, noch sonst was Warm's.

31. Wollte er etwa zuweilen bei hellem Tage, Ein wenig ausruhn von seines Amtes Plage, So hieß es: »Heraus aus dem Schlaf und der Ruh', Du infamer fauler Räkel und Schlingel du!«

32. Und so war in diesem Hause gewöhnlich Ein Tag dem andern, wie ein Ei einem Ei ähnlich, Und des Pantoffels monarchisches Regiment Hielte weder Maß, Ziel, noch End'.

33. Doch lief auch dem Hieronimus zuweilen die Galle über, Und dann ging's kraus und bunt, drunter und drüber, Und die Frau bekam dann oft ein Bagatell Von ihrem Ehemann wieder aufs Fell.

34. Denn zuweilen dacht' er an des Pfarrers Lehre Bei der Copulation: daß der Mann Herr wäre, Und so übte er das gebührliche Recht im Haus Nebst dazu gehöriger Execution aus.

35. Aber niemals konnte es ihm doch gelingen, Seine theure Ehehälfte ganz zur Raison zu bringen, Und der Handel lief immer so ab, Daß er wieder die ersten guten Worte gab.

36. Mancher andrer hätte indeß, ohne zu erkalten, Diese Lebensart so lange nicht ausgehalten, Denn es weiß leider mancher Ehemann, Wie eine böse Frau einen quälen kann.

37. Es war dem Hieronimo folglich nicht zu verdenken, Daß seiner Frauen Tod ihn nicht thäte kränken, Er war vielmehr herzlich erfreuet und froh Und sange darob: ^in dulci jubilo^.

Zwölftes Kapitel.

Wie Hieronimus der Wittwer sich sehr vernünftig betrug. Ein rares Kapitel.

1. Wittwer Hieronimus lebte nun auf diese Weise, Wie in Abrahams Schooße und im Paradeise, Suchte anderswo seinen Zeitvertreib, Aß, trank, und pflegte seinen Leib.

2. That auch seit seinem damaligen Auferstehen, In allen Stücken sich sehr vernünftig begehen, Und erlangte im ganzen Lande herum Wegen seines Abenteuers Bekanntschaft und Ruhm.

3. Er blieb auch bei dem eisenfesten Fürnehmen Alle Begierde zur neuen Heirath zu bezähmen; Denn er dachte: Wer sich einmal verbrannt, Kennet das Feuer und hütet die Hand.

4. Zwar schien es ihm an Gelegenheit nicht zu fehlen, Sich eine neue Gattin zu auserwählen, Denn er war ledig und kinderlos Und dabei rüstig, stark und groß;

5. Auch erst alt etwas über 40 Jahre, Jetzt auch gescheidter als er vormals ware, Uebrigens befand sich Hals, Kehle und Lung' Zum Singen und blasen noch kräftig und jung;

6. Hatte folglich alle Eigenschaften und Qualitäten, Welche Wittwen und Mädchen beim Heirathen vonnöthen; Allein vergeblich war jeder Versuch, Er blieb Wittwer und dran that er vernünftig und klug.

7. Nun verrichtete er auch mit dem andern Wächter, seinem Collegen, Sein Amt cum applausu, mit Frucht und mit Segen; Zuweilen aber machte der Nahrungsneid Eine kleine Collision und Uneinigkeit.

8. Er sang vor wie nach: »Bewahrt das Feuer, das Licht und eure Töchter;« Allein sein College, der andre Nachtwächter, Stimmte aus Caprise einen andern Ton, Und machte folgende Variation:

9. »Hört ihr Herren, was ich euch hiemit sage, Verwahrt des Nachts sowol als bei Tage, Das Feuer, das Geld und eure Weiber wol, Sonst geht es überall schlecht und toll,

10. Und es entstehen Feuersbrünste und Hörner, Concurse, Bankerotte und was ferner Alles daraus für Unheil erwächst« -- Das Uebrige ließ er beim alten Text.

11. Doch um dergleichen geringe Kleinigkeiten Sich ernstlich zu hassen und mit einander zu streiten, Wäre, traun, gewesen ganz überlei, 'S geschah ja doch alles zum Frommen der Bürgerei.

Dreizehntes Kapitel.

Potz Blitz! da kommt der Herr von Ohnewitz.

1. Es kamen fast täglich viele Damen und Herren Gen Schildburg hin, aus der Nähe und von Fernen, Um den besondern Mann persönlich zu sehn, An welchem jenes Wunder geschehn.

2. Da bekam er dann, wie leichtlich zu gedenken, Von ihnen manche ansehnliche Geschenken, Und dies brachte ihm weit mehr Gewinnst Als der karge halbe Nachtwächterdienst.

3. Er lebte also sehr reputirlich, Aß, trank und kleidete sich manierlich, So daß er sich dabei so glücklich befand, Als ein Bürger im Priester-Johannisland.

4. Einsmal ließ sich bei unserm Geschichtshelden Ein hochansehnlicher reisender Herr melden, Und so bald sie einer den andern sahn, Himmel, wie staunten sie beide sich an!

5. Der Herr sah hier vor sich seinen ehmaligen Retter, Hieronimus ^vice versa^ seinen alten Wohlthäter; Da hieß es: »Ist Er's, Herr Hieronimus? Potz Blitz!« -- »Ja ich bin es! Sind Sie's, Herr von Ohnewitz?«

6. Ueber 16 Jahre waren schon verstrichen, Seitdem Hieronimus von Ohnwitz war entwichen, Und es hatte seit dieser Zeitstation, Sich manches verändert in beider Person.

7. Dennoch erkannte man sich plötzlich jetzunder, Und da sahe man recht seinen blauen Wunder, Denn wer hätte jemals kaum So etwas zu denken gewagt im Traum?

8. Den eigentlichen Willkomm hab' ich nicht gesehen, Will also seine Beschreibung übergehen, Und melden im folgenden Kapitel nur Wie die Hauptgeschichte ferner fortfuhr.

Vierzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus dem Herrn von Ohnewitz seine Geschichte treulich erzählet, mit Uebergehung desjenigen, was ihm unerheblich dünkte.

1. Erst hub an Hieronimus seine Geschichten Dem Herrn Patron ganz unterthänig zu berichten, Und machte den ersten Anfang von Der Ohnewitzer Rebellion:

2. Wie da sowol die Alten als die Jungen So unsäuberlich mit ihm umgesprungen, Und er mit großer Lebensgefahr, Den wüthigen Bauern entgangen war.

3. Ferner, wie er auf der Reise zum Herrn Patron nach Bayern Herumgetrieben sei von manchen Abenteuern, Und wie er demnächst auf seiner Flucht Manchen Unbill erlitten und versucht.

4. Doch die Geschichte mit Amalien überging er Als ganz unerheblich, dagegen fing er Ferner von seinem Theaterstand an Zu erzählen, und was er dann weiter gethan.

5. Wie er nämlich nach seiner Heimat gekommen, Den vacanten Nachtwächterdienst übernommen Und gewacht und gesungen früh und spat; Item von seiner Heirath.

6. Auch von seinem Abschiede von der Erden, Und wie er habe sollen wirklich begraben werden, Aber wie ihn aus Freund Heins Klauen noch hätt' Herrn Schnellers Geschicklichkeit errett't.

7. Wie drauf seine Frau vom Schreck erblasset, Welche Sentenz im Proceß man abgefasset Und dieser traurigen Dinge noch mehr. Die Erzählung selbst ging ohne Thränen nicht her.

8. Als er nun damit war gekommen zu Ende, Schlug Herr von Ohnwitz für Erstaunen in beide Hände, Und erzählte im folgenden Kapitel drauf Von der Ohnwitzer Geschichte den weitern Verlauf.

Funfzehntes Kapitel.

Scharfe Gerechtigkeitspflege in Ohnewitz.

1. Als er von der Reise damals zurückgekommen, Habe er des Breitern mit Unwillen vernommen, Was da in seiner Abwesenheit Gewesen für Unordnung und Streit;

2. Darauf alle Ohnwitzer lassen förmlich citiren, Und durch Fiscum genau inquiriren, Welche da alle an dem großen Unheil Gehabt hätten Part und Antheil.

3. Habe demnächst über Junge und Alten Ein unbarmherziges Gerichte gehalten Und den Ohnewitzer unerhörten Fall Durchaus behandelt als criminal.

4. Man habe ihn durch vielfältiges Suppliciren Zwar versucht zu besänftigen und zu rühren; Allein er wäre vor wie nach die Bahn Der strengsten Gerechtigkeit gegahn.

5. Denn bei solchen und derlei Revolutionshändeln Lange zu zaudern und ängstlich zu tändeln, Halte er gar nicht für dienlich und gut; Besser sei Entschlossenheit und ernster Muth.

6. Er hätte gern gesehen, daß man nach aller Strenge Die allerschlimmsten Bellhämmel aufhänge, Und nach dem peinlichen Halsgericht Den Handel mit Strick und Schwert geschlicht't.

7. Aber um die Scharfrichterkosten zu ersparen, Habe er wollen etwas gelinder verfahren, Weil doch ohnehin zu dieser Frist Das Hängen fast aus der Mode ist.

8. Indessen habe er die ^Auctores Rixae^ Tüchtig lassen blasen in die Büchse, Und mit dieser Uebung der Gerechtigkeit Zugleich das Interesse Fisci erfreut.

9. Auch weil alle übrigen ^Socii Rixae^ Verdient hätten, daß Fiscus sie brav wixe, So hätte auch jeder von ihnen den Lohn Erhalten nach gehöriger Proportion.

10. Um die nöthigen Exempel zu statuiren, Habe er die ärmeren Teufel lassen incarceriren, Und solche zehn Wochen bei Wasser und Brod Hungern lassen fast bis auf den Tod.

11. Die Schlimmsten wären mit Willkomm und Abschied entlassen, Und, jedoch ^salva fama^, gejagt auf fremde Straßen, Und ihr ganzes Gut und Vermögen sei Cassirt zum Behuf der Kasse der Canzlei.

12. Denn sie auf die Vestung zu condemniren, Habe sich nicht können fügen noch gebühren, Weil im ganzen Ohnwitzer Land Sich weder Stadt, geschweige Vestung befand.

13. Nachdem aber jeder gebührliche Strafe erhalten, Habe er wieder seine Gnade lassen walten, Und mit landesväterlicher Hulde sie Erfreuet durch völlige Amnestie.

14. Einige würden's jedoch lebenslang fühlen Und nie wieder so strafbare Rollen spielen; Denn manche Familie wäre herab Durch Fiscum gebracht an den Bettelstab.

15. Nach einigen publicirten Warnungsmandaten, Wäre nun wieder in den Ohnewitzer Staaten Alles in Ordnung, Friede und Ruh'. Ich der Autor wünsche Glück dazu.

Sechszehntes Kapitel.

Bei welcher guten Gelegenheit Herr von Ohnewitz nach Schildburg gekommen, thut der Autor hier aufrichtig erzählen.

1. Gleich darauf ist auf des Herrn Patrons Verlangen, Hieronimus mit ihm in sein Logis gegangen, Um daselbst bei einem Gläslein Wein Sich des Wiedersehens desto mehr zu freun.

2. Denn gemeinlich läßt sich unterm Trinken und Zechen Vernünftiger und vertraulicher mit einander sprechen, Und mancher sonst gar trockne Discur Bekommt da gleichsam eine andre Natur.

3. Herr von Ohnewitz sagte, mit der gegenwärtigen Reise Verhalte es sich eigentlich auf folgende Weise: Eine alte Tante im Schwabenland, Welche sich sehr schwach und kränklich befand,

4. Wollte noch vor ihrem Gott gefälligen Absterben, Herrn von Ohnwitz, ihren Pathen, einsetzen zum Erben, Entbote also schleunig den Herrn Cousin In dieser Absicht nach Schwabenland hin.

5. Sobald nun die gedachte liebe Tante Diese Nachricht ihrem lieben Cousin sandte, So ermangelte derselbe nicht, Ihr zu entrichten die christanverwandtliche Pflicht,

6. Um zu erhalten ihren letzten frommen Segen; Denn sie besaß ein großes Vermögen, Theils ^in Natura^, theils auf'm Papier, Nebst Möbeln, Juwelen und Silbergeschirr.

7. Nun lauerten zwar lange auf ihr Absterben Im Schwabenlande andre Collateralerben; Jedoch der Herr Pathe von Ohnwitz allein Sollte nach ihrem letzten Willen der Erbe sein.

8. Er hatte sie höchst schwach angetroffen, So gar daß sie, wider alles Verhoffen, Drei Tage nach gemachtem Testament, Heimfuhre aus diesem Elend.

9. Herr von Ohnewitz, den ihr Betragen sehr rührte, Besonders als er sah, daß sie agonicirte, Drückte ihr persönlich die Augen zu Und wünschte ihr eine angenehme ewige Ruh.

10. Nachdem er drauf in Kurzem alles das Seine Von dieser Erbschaft gebracht hatte ins Reine, Kehrte hochgedachter Herr von Ohnewitz Wieder zurück nach seinem freiherrlichen Sitz.

11. Und da mußte, zu beiderseitigem Vergnügen, Es das Schicksal so wunderbar drehen und fügen, Daß Herr von Ohnwitz in seinem Retour, Durch Schildburg bei dieser Gelegenheit fuhr.

12. Weil nun bekanntlich die Gastwirthe in Schwaben Besondre Fertigkeit im Schneiden und Erzählen haben, So machte auch Herrn von Ohnwitz Wirth zur Hand Ihn mit des Hieronimi Geschichte bekannt.

13. Folglich läßt sich nun ohne Lügen und Mühe, Die im dreizehnten Kapitel erzählte Entrevüe Erklären, und daß solche geschehen sei Ohne Wunderwerk und ohne Hexerei.

Siebzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus mit dem Herrn von Ohnewitz reiset und sein Abschied von seinen Freunden in Schildburg, ^item^ von Herrn Judex Squenz.

1. Nachdem nun diese Erzählung war abgebrochen Und man noch manches andre gesagt und gesprochen, Legte der reiche Herr Patron folgenden Plan Zu Hieronimi künftigem Glücke an:

2. Vorab sollte er wieder mit ihm nach Ohnwitz reisen, Bei ihm auf dem Schlosse wohnen und speisen, Und dann könnte man ferner warten und sehn, Was zu seiner Versorgung möchte geschehn.

3. Diese Offerte that Hieronimo gaudiren; Denn ohne lange zu complimentiren, Empfahl er sich zur hohen Gewogenheit Und war zu allem unterthänigst bereit.

4. Nun war am Reisewagen was zu bessern und zu putzen; Diesen Aufenthalt suchte Hieronimus zu benutzen. Er ging vorerst und nahm mittlerweil' Abschied von seinen Freunden in der Eil'.

5. Um sich aber zur Abfahrt desto besser zu berathen, Schenkte ihm der Herr Patron einen Beutel voll Ducaten; Diesen ließ aber der gute Hieronimus Halb seiner Mutter und jüngsten Schwester zum Abschiedsgruß;

6. Gab auch der Mutter noch alle seine Habe zum Erbe. Der Abschied war übrigens traurig, bitter und herbe; Sie hing lange weinend an seinem Hals Und seine Schwester Esther ebenfalls.

7. Den Proceß mit dem Nachtwächter, seinem Collegen, Schlug er nieder und wünschte ihm allen Segen, Und in seinem Beruf Wachsamkeit und Geduld; Bezahlte auch den größten Theil der Proceßschuld.

8. Auch Herrn Schneller that er freundlich begegnen, Unterließ nicht ihn nochmals für seine Rettung zu segnen, Und dieser gab ihm auf die Reise noch mit Eine große Flasche voll Aquavit.

9. So letzte er sich zärtlich mit allen seinen Freunden, Vergab seinen ehmals nächtlichen Schwägern und allen Feinden; Aber dem Herrn Judex Peter Squenz Wünschte er noch heimlich die Pestilenz.

10. Nunmehr hat er sich höchlich vergnüget Wieder zum Herrn Patron ins Quartier verfüget. Alles war fertig, man trank noch ein Glas, Stieg ein in den Wagen und reisete fürbaß.

Achtzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus mit dem Herrn von Ohnewitz auf der Reise ist, und was sich da zugetragen hat, weil er vernünftig befunden ward.

1. Auf der Reise ist ihnen nichts Sonderliches passiret, Außer was jedem Reisenden durch Deutschland arriviret, Und was zu bemerken die Mühe nicht lohnt, Weils längst so jeder Passagier gewohnt.

2. Nämlich hier und da bei Nacht leuchtende Irrgeister, Und bei Tage viele grobe Postmeister; Meist schlechte Wege und langsame Post; In den Quartieren magre, doch theure Kost;

3. Verfallene Nachtherbergen, aber drinnen Gutherzige Mägde und freundliche Wirthinnen, Wo man um manchen baaren Thaler Geld Auf feine und grobe Art wird geprellt;

4. Kalte Stuben; alte Schlafstätten; Zur nächtlichen Ruhe unreine Betten, Wornach, wenn's sonst nicht schlimmer noch geht, Doch ein wenig Jucken der Haut entsteht;

5. Statt guter Pferde elende Schindmären; Ueberall Zölle, Schlagbäume und Barrieren; Scharfer Krätzer, statt gutem Wein; Und was derlei Kleinigkeiten mehr sein.

6. Sie vertrieben sich auf die bestmöglichste Weise Die Zeit auf ihrer langwierigen Reise, Und ein gut gefülltes Flaschenfutt'ral Kam ihnen dabei zu statten mannichmal.

7. Ueber viele ihnen vorkommende Sachen Wußte Hieronimus seine Anmerkungen zu machen; Und der staunende Herr von Ohnewitz fand Darin überall großen Witz und Verstand.

8. Einmal that er den Finger an die Nase legen Und schien lange genau etwas zu erwägen, Bis er plötzlich das Stillschweigen brach Und Folgendes zu Hieronimo sprach:

9. »Lieber Hieronimus! höre Er, was ich von Ihm halte: Ich sehe, Er ist vernünftig und nicht mehr der Alte, Und finde Ihn im Gehirn und Verstand Ganz und gar gleichsam umgewandt;«

10. (Hieronimus machte hier sehr ehrerbietig Einen Bückling und erwiderte: »Sie sind sehr gütig!« Doch diesen Umstand erzähle ich hie Nur gleichsam als in Parenthesi.)

11. »Der Himmel gebe ferner dazu sein Gedeihen, So wird mich solches sehr herzlich erfreuen! Denn ich bin von fest entschlossnem Sinn Noch etwas Rechtes zu machen aus Ihm.

12. Meinen Sohn, den ich will lassen studiren, Soll Er auf die Universität als Hofmeister führen, Ich schieße gerne die Kosten all' her Und geb' Ihm 400 Gulden und mehr.

13. Indem Er dann diese Bedienung verwaltet, Kann Er, denn Er ist noch nicht veraltet, Allda das ^Studium theologicum^ dann Wieder anfangen gleichsam von vorne an;

14. Und wenn Er einst, wie ich hoffe, hochgelehret, Wieder von der Academie zurücke kehret, So geb' ich, bei meiner hochadligen armen Seel'! Ihm zu Ohnwitz die erste vacante Pfarrstell'.«

15. Hier wollte Hieronimo für Freude das Herz brechen; Nur stammelnd vermochte er Folgendes zu sprechen: »Tausend Dank -- Ach ja -- gnädiger Herr Patron! Will gern Hofmeister sein bei Ihrem Herrn Sohn.«

Neunzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus zu Ohnewitz ankam, und wie er mit dem jungen Herrn als Hofmeister nach der Universität reiset, und so weiter.

1. Ich habe von der Reise nichts weiter zu sagen, Als daß man ohne Anstoß nach einigen Tagen, Ins Ohnewitzer Territorium kam Und die Reise ein glückliches Ende nahm.

2. Als sie aber beide dem Dorf waren nahe Und Hieronimus den Kirchthurm zu Ohnewitz sahe, Liefe ihm über die Haut der Schweiß Kalt wie im Wintermonate das Eis.