Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen
Part 11
6. Hinter dem geistlichen Herrn im Trauerornate, Folgten sämmtliche Glieder vom Magistrate; Jeder Mann, und noch mehr jede Frau Beobachtete Rang und Etikette genau.
7. Der Pfarrer schien noch während dem Marschiren Seinen wohlgewählten Leichtext zu studiren, Und Küster und Schulkinder sangen jämmerlich Das bekannte Lied: »_Herzlich thut mich_« &c.
8. Die Reihe der Leidträger war ungewöhnlich Lang, und der Zug traurig und ansehnlich; Fast jeder weinte und manchen Flor Sah man flattern vom langen Ohr.
9. Denn kein Nachtwächter seit undenklichen Zeiten, War so beliebt gewesen bei allen Leuten, Und jeder, der ihn kannte, behauptete kühn: Daß er gestorben, sei mordschade um ihn.
10. Der armen Wittwe ihr Leid schien am größten Und man vermochte sie kaum zu trösten; Obgleich sie noch war gesund, frisch und jung Und allenfalls zur dritten Ehe gut genung.
11. So kam der Leichenzug im langsamen Trabe, Zum Kirchhofe bei dem schaudervollen Grabe, Und man machte feierlich alsobald Zur Einsenkung des Sarges die Anstalt.
12. Da hub der Pfarrer, im Peroriren nicht blöde, Erst an zu sagen eine stattliche Leichenrede, Worin er, wie Recht ist, mit großem Lob Anfangs die Verdienste des Sel'gen erhob:
13. »Wie daß er in seinem ganzen Wandel und Wesen, Ein getreuer Nachtwächter des Städtleins gewesen, Und daß er dafür im Grabe nun Nach so langem Wachen, könne friedlich ruhn.«
14. Er hatte aber noch gar nicht lange gesprochen, Da wurde er durch ein Geräusch unterbrochen, Und ehe er mit dem Exordium Zu Ende kam, ward er plötzlich stumm.
15. Dies große Geräusch, Stöhnen, Pochen und Prallen, That aus dem Sarge des weiland Jobs schallen; Jeder stutzte und spitzte das Ohr Und manches Haar sträubte sich hoch empor.
16. Himmel, was gab dies für ein Spectakel! Alles schrie laut: Mirakel, Mirakel! Alt und jung, Küster und geistlicher Herr, Flohn, als ob Feuer hinter sie wär'.
17. Alle und jede erschreckte die Meinung: Es spuke hier eine Gespenstererscheinung; Denn im Schwabenland war man in dem Stück Der Aufklärung noch etwas weit zurück.
18. Da flogen im Fliehen Flöre und Tücher, Trauermäntel, Alongeperücken und Bücher, Hauben, Haarbeutel, Handschuh umher, Und plötzlich wurde der Kirchhof schier leer.
19. Aber Herr _Schneller_, seit geraumen Jahren In Heilkunde und Physik weidlich erfahren, Welcher zum Glücke dem Sarge nah stand, Merkte sogleich, wie die Sache bewandt.
20. Er schrie laut zu dem fliehenden Haufen, Man möchte nicht so erschrecken, noch weglaufen, Denn das Ding wäre nicht so arg. Er warf indessen den Deckel vom Sarg.
21. Als dieses von Herrn Schneller geschehen, Hat man mit großer Verwunderung gesehen, An Bewegung der Hände, des Leibes und Kopfs, Den wieder auflebenden Nachtwächter Jobs.
22. Dieser Vorfall ist zwar sonderbar zu hören, Indeß läßt er sich ganz natürlich erklären, Weil der gute Hieronimus zwar Todt schien, aber nicht eigentlich todt war.
23. Jener Doctor hatte ihm auf Tod und Leben Ein seinsollendes Lebenselixir eingegeben, Welches aber, als ein starkes Opiat, Drei Tage lang seine Wirkung that.
24. Man hatte ihn also und dergestalten In seinem Schlafe für wirklich todt gehalten. Dieses Beispiel lehret nun jedermann, Wie leicht man sich am Tode irren kann.
25. Man sagt, es hätte schon andre Fälle gegeben, Daß man ohnmächt'ge Menschen, bei noch leben- digem Leibe, aus Irrthum hab' Zu frühzeitig gebracht in die Erde hinab.
26. In unsern Tagen ist's also 'ne rühmliche Mode, Daß man vorsichtig ist bei der Menschen Tode, Und daß nun niemand mehr in die Erde sinkt, Bis er, ^salva venia^, faul ist und stinkt.
27. Beiläufig führ' ich dies jedem zu Gemüthe, Damit man überall ein Unglück verhüte; Denn ein jeder ehrlicher Biedermann Könnte sonst mal erschrecklich laufen an.
28. Auf Herrn Schnellers Veranstaltung faßten Nun die Träger den Sarg mit dem weiland Erblaßten, Trugen ihn geschwinde ins nächste Haus, Zogen die Todtenkleider ihm aus,
29. Und Herr Schneller, der rüstige Bader, Schlug ihm drauf tüchtig eine Ader, Rieb Stirn und Schläfe mit Salmiak, Und setzte ein Klistier von Rauchtabak.
30. Der Leib ward mit warmen Tüchern frottiret, Die Nase mit Essig und Spiritussen geschmieret, Und so kehrte Hieronimus zum Glück, Bald wieder ganz ins Leben zurück.
31. Er hat sich darauf seit diesen Stunden, Völlig gut und gesund befunden, Und des Herren Schnellers Arzenei Truge dazu augenscheinlich bei.
32. Nur behielt er noch lange eine blasse Farbe Und am Kopf vom Stoßen im Sarge eine Narbe, _Wurde jedoch von solcher Zeit an Ein sehr vernünftiger und braver Mann._
33. Ob etwa die Herren Psychologen Die Ursach' einer so günstigen Aenderung erwogen, Und ob davon mehr Exempel sein, Dieses zu erfahren sollte mich freun.
Drittes Kapitel.
Worin die Frau Nachtwächterin Jobs plötzlich stirbt, aber Hieronimus selbst sich wohl befindet.
1. Nach dem gemeinen Sprüchwort ist große Freude Gemeiniglich gemischt oder befolgt mit Leide, Und vom lustigen Hopsa und Fröhlichkeit Ist Jammer, Auweh und Trauer nicht weit.
2. Dies Sprüchwort hat auch leider bald nach diesen Geschichten in Hieronimi Hause als wahr sich gewiesen, Wo nur ein Schritt, ja nur ein Haar, Zwischen dem Tode und Leben war.
3. Denn kaum war Hieronimus wieder auferwecket, So ward seine Frau davon so heftig erschrecket, Daß alles Blut im Leibe bei ihr erstarrt Und sie plötzlich eine Leiche ward.
4. Da half weder Aderlassen noch Klystiren; Sie blieb todt, ohne einmal sich zu rühren, Und Herrn Schnellers erhabene Kunst Erschöpfte sich an ihr ganz umsunst.
5. Ob etwa die schnelle Freude sie so verdorben, Daß sie davon so geschwinde gestorben, Dieses, sowol als anders noch mehr, Genau zu erörtern, gehört nicht hieher.
6. Einige haben wollen behaupten und sagen, Als ob Frau Jobs schon in den ersten zwei Tagen Der Wittwenschaft mit einem andern sich Hätte verlobt und eingelassen ehelich;
7. Des erblaßten Gatten Auferstehung aber wäre Nun bei ihr gekommen in die Quere, Und dieser unvermuthete große Schmerz Hätte ihr gebrochen das empfindliche Herz.
8. Allein, es ist Sünde sich so zu übereilen Und von armen jungen Wittwen so lieblos zu urtheilen; Das sicherste, was man davon sagen kann, Ist: der Tod will eine Ursache han.
9. Sie ward nach vier Tagen zur Erde bestattet, Und Hieronimus, zwar noch etwas ermattet, Gab doch mit aller Zärtlichkeit Ihr zur Ruhestatt das Geleit,
10. Froh, daß er diesmal dem Grabe entnommen Und mit dieser Kleinigkeit glücklich davon gekommen; Denn er dachte, besser heißt's: _Heute dir Und nach Gelegenheit erst morgen mir._
Viertes Kapitel.
Allerlei Bewegungen und Reden, welche nach diesen Begebnissen entstanden, und von der Verordnung, welche der Magistrat herausgab, niemand zu begraben, als wenn er todt sei; bei 14 Goldgulden Brüchte zum Behuf der Kämmerei.
1. Das Gerücht von dem geschehenen Abenteuer Verbreitete sich überall wie ein laufend Feuer, Und ward bald durch ganz Schwabenland, Theils mit, theils ohne Zusatz bekannt.
2. Mancher hielt es für eine ersonnene Märe, Was da in Schildburg neulich geschehen wäre, Und jeder nach seiner besondern Manier, Disputirte davon, theils _wider_, theils _für_.
3. Andre erzählten, daß man letzthin habe In Schildburg gebracht einen Mann zu Grabe, Welcher nunmehr in Gespenstergestalt Herumging und erschreckte Jung und Alt.
4. Andre haben sogar behauptet und gesprochen, Er habe, als Geist, seiner Wittwe den Hals gebrochen, Weil sie einen jungen Menschen geküßt; Und was des dummen Zeugs mehr ist.
5. Aber vor allen andern betrug sich Der Magistrat von Schildburg sehr kluglich; Denn sobald der erste Schrecken verschwand, Nahm man das wichtige Geschäft zur Hand,
6. Und that ^in pleno^ deliberiren, Damit nicht künftig was Aehnlich's möge passiren, Und machte ^sub Dato^ _den_ 21ten _Hornung_ Von Wort zu Wort folgende Verordnung:
7. »Sintemal und alldieweil in diesen Tagen Sich der besondere ^Casus^ zugetragen, Daß man jemand beinahe mit Haut und Haar Begraben hätte, der noch lebendig war;
8. Also findet ein hochweiser ^Magistratus Schildburgensis^, daß es ein fürchterlicher ^Status^ Sei, wenn man jemanden steckt ins Loch, Welcher bei diesem ^Actu^ lebet noch.
9. Dergleichen Excessen nun künftig vorzubeugen, Wollen wir alle obrigkeitliche Mühe bezeigen, Und geben hiemit das ernstliche Gebot: Niemand zu begraben, er sei dann todt.
10. Wer sich das Gegentheil läßt kommen zu Schulden, Soll gestraft werden um 14 Goldgulden, Und dieses verwirkte Strafgeld sei Dann für's ^Aerarium^ der Kämmerei.
11. Damit es zu jedermanns Kenntniß mög' gelangen, Soll man dies an der Rathhausthür festhangen, Imgleichen noch sonst hier und dort, An den Kirchen und andern öffentlichen Ort.
12. Auf daß jeder Bürger dasselbe sehe Und sich nach dem Inhalte pünktlich begehe, 'S findet folglich bei diesem Placat Keine Excüse der Unwissenheit statt.
13. ^Datum^ im völligen ^plenissimo magistratu^, ^Coram^ sämmtlichen gegenwärtigen ^Senatu^. ^Affigatur et bublicetur^ ^Et ad Prutacollum notetur^.«
Fünftes Kapitel.
Wie diese Wundergeschichte vom Magistrate protocolliret ward. Item gelehrte Nachricht von der Schildburgischen Chronik.
1. Anfangs vermochte niemand es zu errathen, Was die Herren ohnedem noch vorhatten und thaten, Denn sie hielten nicht lange nachher, Eine Rathsversammlung extraordinär.
2. Drin wurde der Vorfall protocolliret Und von Wort zu Wort geregistriret, Damit dereinst Kind und Kindeskind Dies Wunder zum ewigen Andenken fünd'.
3. Nämlich zwischen manchem von Mäusen zernagten Briefe, Lag wohlverwahrlich im Stadtarchive Ein besonders ehrwürdiges Stück, Genannt Schildburger Chronik.
4. Die Tinte war vor Alter sehr erbleichet, Das Papier von Nässe durch und durch erweichet, Wobei auch der starke schweinslederne Band Sich wurmstichicht und gar zerlumpt befand.
5. Der Titel, welcher noch halb gut geblieben, Zeigte, wer ehmals den Anfang davon geschrieben, Nämlich _Meister Lolf Didrich Lax_, Schildburger Historiograph und Scribax.
6. Von wannen und in welchem Jahr der Autor gewesen, Das konnt' man auf'm Titel leider nicht mehr lesen, Auch _Jöchers_ Gelehrten-Lexikon, Welches ich nachschlug, meldet nichts davon.
7. Darf ich indeß bei dieser dunkeln Sache es wagen, Meine unmaßgebliche Meinung zu sagen: So lebte Meister Lolf Didrich Lax, um S' funfzehnte, sechzehnte oder siebenzehnte Säculum.
8. Man wird es mir auch hoffentlich erlauben, Vor der Hand zu behaupten und fest zu glauben, Wegen der deutschen Schreiberei, Daß er ein Deutscher gewesen sei.
9. Wahrscheinlich hat der, der die Chronik geschrieben, Zugleich das löbliche Schusterhandwerk getrieben; Denn diese rare Antiquität War mit Pechdraht geheftet und genäht.
10. Er war übrigens ein Erzspaßvogel; Denn er führte bald vom Papst, bald vom Großmogel, König Jan Böckels, Knipperdolling und Lipstullian, Anekdoten bunt durcheinander an.
11. Weiters wird man schwerlich von ihm was erfahren, Bis vielleicht andre geschickte Antiquaren Des Autors genaue Biographie Untersuchen und beschreiben spät oder früh.
12. Der Schreibstil war zwar in den meisten Stücken Elendig wie in andern alten Chroniken, Auch war nur drin zu sehn hie und da 'ne Spur Einer mit Tinte gemalten Figur;
13. Aber es war doch drin ausführlich zu lesen, Was in Schildburg von Anfang der Welt Merkwürdig's gewesen, Und wie die Arche Noäh nach der Sündflut Auf dem Alpengebirge Ararat geruht,
14. Und wie die Deutschen von Japhet abstammen, Und zum Theil nach dem Städtchen Schildburg kamen, Als zur babylonischen Thurmzeit Sich die Nationen hin und her zerstreut;
15. Auch von Nimrod dem gewaltigen Jäger, Und Goliath dem renommirten Philister und Schläger; Ferner von Abraham, Isaak und Jakob Und vom geduldigen Mann Hiob;
16. Die Bauzeit der ägyptischen Pyramiden; Nachricht von den Alrunen und Druiden; Und mehr Dinge bald aus alter, bald neuer Zeit, Nach der Umstände und des Reims Gelegenheit;
17. Der Kinder Israels Marsch durch das rothe Meer; Und wie Pharao drin ersoff mit seinem ganzen Heer, Da doch einige Zeit hernach der große Christoph Durch eben dies Meer ging und nicht ersoff;
18. Der Juden in Aegypten erlittenes Bedrängniß; Ihre nachherige babylonische Gefängniß; Salomons Tempelbau, und wie nach der Hand Jerusalem wurde vom Titus verbrannt;
19. Josua's Vertilgung der bösen Canaaniten, Lojola's Stiftung der kreuzbraven Jesuiten, Amerika's Entdeckung von Colon und Vesputs, Aussprüche des weisen Griechen Solon und Chinesen Confuts.
20. Der Hamelschen Kinder Ausgang nach Siebenbürgen, Die Tödtung des Lindwurms durch Ritter Sanct Jürgen, Simsons bekannte lustige Fuchsjagd, Des deutschen Hermanns große Befreiungsschlacht.
21. Auch von Mahomet dem großen Lügenpropheten, Anton von Padua dem frommen Anachoreten, ^Item^ von den heiligen drei Königen Sowol in Mailand als in Köln noch jetzt zu sehn.
22. Noch sonst viel Merkwürdiges von den Hebräern Und von den Wundern unter den Makkabäern, Und was sonst alles noch unbeschwert Genau zur Schildburger Chronik gehört.
23. Daß lange die Türken und Hünen das Land besessen, Welche Heiden gewesen und Menschen gefressen, Bis der heil'ge Bonifaz rund herum Die Schildburger gebracht zum Christenthum;
24. Auch daß Karl der Große sie vollends bekehret, Indem er das Land überall verheeret; Auch wie sein Vetter der große Roland, Das Fechten aus dem Fundament verstand;
25. Auch wie zur Zeit der leidigen Kreuzzüge, Unter Gottfried von Bouillon im heiligen Kriege, Aus Schildburg und dem benachbarten Land, Sich mancher Kämpe beim Heer befand;
26. Wie bald darauf, vor ein paar hundert Jahren, Die Kirchen in Schildburg gebauet waren, Und wer darin, genau Jahr vor Jahr, Küster, Schulmeister und Pfarrer war;
27. Auch was zur Reformationszeit passiret, Wie man sich da geprügelt und disputiret, Und wie drauf mancherlei Ketzerei Erreget öfters Lärm und Geschrei;
28. Auch wann das Rathhaus zu Schildburg aufgeführet Und man drin zum ersten Mal consultiret, Nebst Rechnung der gehabten Kosten bei Der damals geschehenen Schmauserei;
29. Wie der Ort selbst nur im Anfange Ein Dorf gewesen, und erst lange Nach Christi Geburte, erhalten da Vom Fürsten Stadtsprivilegia,
30. Nebst einem Galgen für arme Sünder Zum Behuf ihrer und ihrer Kinder, So daß man zu ewigen Zeiten dran Nur Schildburger Bürger hängen kann;
31. Auch sonst der lieben Bürgerschaft zum Guten Unverbrüchliche besondere Statuten, Welche durch die Länge der Zeit Gekommen außer Gebräuchlichkeit.
32. Es war ferner in dem Buche beschrieben, Was sonst in Schildburg geschehen und betrieben, Alles mit Tag und Datum aufgeführt, Und durch fremde Hände continuirt.
33. Zum Exempel: Blutige Balgereien, Bestechungen und andre Teufeleien Bei Rathmannswahlen; ^item^ Hagelschlag; Stadtprocesse und sonstige Landplag';
34. Die Erscheinung furchtbarer Kometen Mit ellenlangen Schwänzen, welche als Propheten Krieg, Pest, Seuchen und theure Zeit Den armen Schildburgern geprophezeit;
35. Viele schreckliche Sonn- und Mondfinsternisse, Windstürme, Wasserfluten und Regengüsse, Erdbeben, Mißwachs an Korn und Wein, Erzählte die Chronik umständlich und haarklein.
36. Auch waren darin keinesweges vergessen, Alle Schildburgische Criminalprocessen, Besonders wie viel Unholdinnen und Hexen man Nach gehöriger Wasserprobe verbrann;
37. Merkwürdige Todesfälle und Ungelücken, Reparirung der Kirchen, Thoren und Brücken; Verstorbener Betschwestern fromme Stiftung; Der bösen Juden Brunnenvergiftung.
38. Mißgeburten, rathhäusliche Decreten, Kluge Anstalten in allgemeinen Nöthen, (Doch letztere eben nicht interessant) Machte die Chronik gleichfalls bekannt.
39. Auch Scheibenschießen und feierliche Aufzüge, Klage über erlittenes Drangsal im Kriege; Feindliche Durchmärsche und Einquartirung, Contributionen und Fouragirung;
40. Auch Nachrichten von erfolgten Feuersbrünsten, Und berühmten Schildburgern, und erfund'nen Künsten; (Doch von letzten war Verzeichniß und Bericht Weder lang, noch von sonderbarem Gewicht.)
41. So ward dann auch, wie ich oben that sagen, Das erwähnte Wunder in die Chronik eingetragen, Woselbst es jeder neugierige Mann Noch jetzt folgendermaßen lesen kann:
42. »Im tausend siebenhundert und drei und achtzigsten Jahre Starb ein Mann hieselbst und war auf der Bahre, Woselbst er bis an den dritten Tag Als eine leibhafte Leiche lag;
43. Man war schon mit ihm auf dem Gottesacker, Da wurde er wieder lebendig und wacker, Und ward darauf völlig gesund, durch Einen geschickten hiesigen Chirurg.
44. Die klare Wahrheit dieser Begebnissen Bezeugen unterzeichnete ^Subscripti^ auf Pflicht und Gewissen. _Lippel Schnack_, erster Burgermeister und Schenkwirth. _Kunz Jack_, zweiter Burgermeister und Schweinehirt.
45. _Görgel Peter_, erster Rathsherr und Blaufärber. _Michele Krummholz_, zweiter ^dito^ und Gerber. _Hännsle Damm_, Hopfenhändler und Kamerar. _Max Grunz_, Lumpensammler und Archivar.«
46. ^Nota bene!^ es ware hiebevoren ^Altissimum silentium^ bei allen Autoren, Von dieser höchstschätzbaren Antik, Der noch ungedruckten Schildburger Chronik;
47. Ich habe also bei dieser Gelegenheit geeilet Und der gelehrten Welt Nachricht davon ertheilet; Vielleicht macht nun irgend ein Verleger sein Glück Mit dem Drucke der Schildburger Chronik.
Sechstes Kapitel.
Beschreibet die Verdienste des Herrn Schnellers.
1. Ehe wir nun weiter zur Geschichte schreiten, Ist es nöthig den Leser zu bedeuten, Was Herr Schneller gewesen für'n Mann, Durch den Hieronimus dem Tode entrann.
2. Er hatte, wie gesagt, viel und große Verdienste, War erfahren und kannte alle Heilkünste, Uebte sie immer gar fleißig, und Machte Gesunde krank und Kranke gesund.
3. Er hatte in Straßburg die Baderkunst studiret, Und daselbst, ^qua talis cum Applausu^ cursiret; Auch manches pergament'ne Testimonium Mit Siegel dran, erhöhte seinen Ruhm.
4. Er war ungemein berühmt im prakticiren, Durch vomiren, purgiren, klystiren, Scarificir'n und kauterisir'n, Accuschir'n und amputir'n,
5. Saliviren, fomentiren, anatomiren, Pflasterschmieren, und andere iren, Und dieses machte ihn durch ganz Schwabenland Als einen Wunderdoctor bekannt.
6. Keiner that sich so, wie er, auf den Puls verstehen, Keiner konnte, so wie er, das Wasser besehen, Und Keiner sagte so gewiß, wie er, Gesundheit, oder vielmehr den Tod vorher.
7. Keiner war mit der Säge und dem Messer Bei chirurgischen Operationen fixer und besser, Und er nahm bei jedem schicklichen Umstand Sofort die Section vor die Hand.
8. Glücklicher als mancher promovirter Doctor Steckte er oft dem Freund Hein den Stock vor, Und machte also mit aller Gewalt Durch schöne Mittel in der Krankheit Halt.
9. Denn entweder den einen Weg oder den andern Mußten die Patienten in weniger Zeit wandern, Und sie wurden, wie sich's gebührt, Sicher zur Behörde expedirt.
10. Fieber, Schwindsucht, ansteckende Seuchen, Wassersucht, Schlag, Lähmung und dergleichen, Krätze, Wahnsinn, Stein und Skorbut, Curirte er alle, meist kurz und gut.
11. Eine seiner Pillen that mehr Zeichen Als zehn andre Pillen ihres gleichen; Und was er gewöhnlich den Kranken gab, Das führte nach allen Seiten schnell ab.
12. Kurz! seine Arzneien waren durchgehend kräftig, Purgirten wenigstens 40 mal heftig, Und wer sie nahm morgens nüchtern und frisch, Dem ward Magen und Darm so rein wie ein Fisch.
13. Seine Arcana pflegte er selbst zu bereiten, Und verkaufte sie theuer, doch nur reichen Leuten; Von Armen nahm er nur mäß'gen Profit Als ein gewissenhafter Mann beiläufig mit.
14. Und weil sich auch in benachbarten Landen Käufer für seine herrliche Composita fanden, So gab er sie erga 50 Procent davon, Andern zu verhandeln in Commission.
15. Er ersann schlau für seine Arzneimittel Des mehrern Abgangs wegen, prächtige Titel, Obgleich sich meistens es so befand, Daß alles aus simpeln Sachen bestand.
16. Eine Unze vom ^Pulvis aureus Doctoris Schneller^ Kostete bei der Anlage nicht mal 'nen Heller; Denn es war Salz mit Ziegelstein, Zu einem Pulver gerieben gar fein.
17. Sein ^Praeservans contra^ alle Krankheiten, Bestand aus Honig und einigen Kleinigkeiten; Und etwas Eichenrinde mit Fliedermus war Das königliche Restaurativ ^Electuar^.
18. Sein ^Elixir tonicum universale^ Bestund aus Weinessig und gefeiltem Stahle, Und seine ^Essentia stomachalis pretiosa^ Aus Wasser mit abgekochter Menta.
19. Die ^Pilulae purgantes miraculosae^ Bestunden aus Aloe, nebst einer guten Dose Von Jalappenharz und Gummigutt, Elaterium und ^Semen Cataput^.
20. Sein berühmter Trank, die Lebensgeister zu wecken, War der Absud von Haferkörnern und Quecken, Und das Decoct ^ad omnes morbos pectoris^, War eine Brühe von Süßholz und Anis.
21. Das ^Specificum infallibile contra^ Fieberhitze, War eine Mixtur von Salpeter und Gerstengrütze, Und die ^Tinctura contra^ Gicht und Stein, War Terpentinöl mit Branntewein.
22. Das ^Extract imperiale^, die Ausdünstung zu mehren, Bestand aus Bier, gekocht mit Wachholderbeeren, Und sein ^Balsam vulnerar^ für Leib und Seel' War etwas Kampher mit Rüböl.