Die Jobsiade: Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen
Part 10
9. Bald General, bald ein Gemeiner, Bald Kapuziner, bald ein Zigeuner, Bald ein Bettler, bald ein Baron, Bald ein Büttel, bald ein Herr von.
10. Bald Renommist, bald ein Stutzer, Bald Kammerherr, bald Schuhputzer, Bald Passagier, bald ein Wirth, Bald ein Abbé, bald ein Kühhirt.
11. Bald ein Pfarrer, bald ein Küster, Bald ein Dummkopf, bald Polyhister, Bald Monarch, bald Unterthan, Bald Scharfrichter, bald Amtmann.
12. Bei dergleichen Abwechselungen Hat man immer neue Vergnügungen, Und es wird der Lauf der Welt Gar artig dadurch fürgestellt.
13. Wenn wir die aufgetragenen Rollen Nur klug und vernünftig spielen wollen, So lohnt ein Klatschen der Händ' Unsre Actionen am End'.
14. Hingegen wenn wir irgendwo gefehlet, Dann wird die Haut uns voll geschmälet, Und alle Zuschauer im Schauspielhaus Lachen, zischen und pfeifen uns aus.« --
15. Der Stand, liebe Amalia! den Sie da zeichnen, Ist angenehm, ich kann es nicht läugnen, Antwortete darauf mit einem Kuß Der neue Schauspieler Hieronimus.
16. Er ward nun dem Director präsentiret, Und ihm von Amalia recommandiret, Der nahm denn des folgenden Tages drauf Ihn unter die spielende Gesellschaft auf.
Vierunddreißigstes Kapitel.
Wie Hieronimus ein wirklicher Schauspieler ward, und wie ihm Jungfrau Amalia untreu ward und mit einem reichen Herrn davon ging, und wie er auch in Desperation von hinnen ging.
1. Geneigter Leser! jetzt will ich dir sagen, Wie sich Hieronimus im Spielen betragen, Nachdem ihn der Director examinirt Und seine Fähigkeiten probirt.
2. Tartüffische Schurken, verdorbene Priester, Trunkene Studenten, lächerliche Küster, Bange Poltrons, verliebte Schreiber Und dergleichen ähnliche Rollen mehr
3. Spielte er alle sehr manierlich, Denn ihre Rollen waren ihm natürlich, Und er bekam darin jedes Mal Der Zuhörer lauten Beifall.
4. Auch wenn er den Schulmeister hatte, Oder als Autor auf die Bühne trate, So sah man ihm auch dann und wann, Den Schulmeister und Autor leibhaftig an.
5. Hingegen war im ernsthaften Philosophen Für ihn nicht der mindeste Beifall zu hoffen, Auch im zärtlichen Schäferspiel Leistete Hieronimus gar nicht viel.
6. Imgleichen spielte er sehr ungeschicklich Den vornehmen Herrn und war unglücklich So oft er etwas Vernünft'ges bekam, Oder eine sehr lange Rolle nahm.
7. Hieronimi jetzige Tage verflossen Indessen in Vergnügen und unverdrossen Im Arm seiner schönen Schauspielerin, Im Arm seiner lieben Amalie hin.
8. Er hätte, von der Liebe gleichsam berauschet, Mit keinem Könige nunmehro getauschet, Und alle sein Trübsal und Elend Schien nun gekommen zu sein zum End'.
9. Aber leider ist, wie das Sprüchwort heißet, Nicht alles Gold und Silber, was gleißet, Und das unbeständige Glück Zeiget oft unvermuthete Tück'.
10. So erfuhr auch Hieronimus in folgenden Zeiten Bald des Glückes Veränderlichkeiten, Denn, da er's am wenigsten geglaubt, Ward ihm sein größtes Vergnügen geraubt.
11. Und es hat sich mit ihm begeben Der schmerzlichste Vorfall in seinem Leben, Denn es wurde ihm untreu Seine geliebteste Amalei.
12. Nämlich: es traf sich von ohngefähre, Daß ein junger, vornehmer, reicher Herre Einstmals in der Komödia Die schöne Amalia spielen sah.
13. Gleichwie es nun überall Narren gibet, So hat auch er sich in sie verliebet, Und Amalia ware so klug, Daß sie seinen Antrag nicht ausschlug.
14. In ihrer Geschichte können wir es lesen, Daß sie ohnehin sehr geneigt gewesen (Sie war ja eine Frauensperson) Zur oftmaligen Variation.
15. Der reiche Herr that sie oft besuchen, Hieronimus fing drob an zu fluchen, Und hat theils geweint, theils gedroht, Und wünschte sich in der Verzweiflung den Tod.
16. Dadurch ward er aber nur täglich Bei Amalien mehr verhaßt und unerträglich, Und sie sagte ihm bald darauf Ihre Liebe formaliter auf.
17. Da er nun ihren Entschluß vernahm, so hat er Abschied bald genommen vom Theater, Und er ging in äußerster Desperation Wenige Tage nachhero davon.
18. Was indessen Amalia thut anlangen, So ist selbige mit dem Herren davon gegangen, Und soll bei demselbigen zwei Jahre hernach Gestorben sein, als sie im Wochenbette lag.
Fünfunddreißigstes Kapitel.
Wie Hieronimus nach seiner Heimat gen Schildburg gereiset ist und wie er da allerlei Veränderungen fand.
1. Es befande sich nun auf diese Weise Hieronimus abermals auf der Reise, Doch war er gereist kein einziges Mal So mißvergnügt als im gegenwärtigen Fall.
2. Amaliens nie vermuthete Untreue Ware seinen Gedanken stündlich neue, Und er hätte aus Verzweifelung Fast gewagt einen gefährlichen Sprung.
3. Zwar wäre in seinem betrübten Zustande Für ihn beim Herrn Patron im Bayerlande Die beste Zuflucht gewesen wol, Wenn ich mein Gutachten sagen soll.
4. Aber einer, der mit Betrübniß besessen, Pflegt oftermal sich zu vergessen, Und ist gemeinlich zu solcher Zeit Mehrmals ein Thor und nicht gescheidt.
5. Also statt sich andershin zu wenden In seinen gegenwärtigen Umständen, Stellte Hieronimus seinen Sinn Nach seinem Geburtsorte Schildburg hin.
6. Weil ihm nun eben keine Hindernissen Auf der Heimreise sonderlich aufstießen, So ist er, dem Himmel sei gedankt! Wohlbehalten endlich da angelangt.
7. Hier hat er bei seiner Ankunft gesehen, Daß große Veränderungen waren geschehen In manchen Sachen, während der Zeit Seiner so langen Abwesenheit.
8. Seine Mutter war zwar noch am Leben, Aber ihre äußerlichen Umstände standen eben Nicht allzu wohl, sondern jämmerlich Und sie ernährte sich kümmerlich.
9. Einer seiner Brüder war gegangen Den Weg alles Fleisches, einer hat angefangen Einen kleinen Nürnberger Kram, Wovon er seinen Unterhalt nahm.
10. Der älteste Bruder lebte im Ehestande Mit dem häßlichsten Weibe im ganzen Lande, Doch machte das Geld, welches sie besaß, Daß er ihre Häßlichkeit vergaß.
11. Seine älteste Schwester hatte Den Küster ^Loci^ zum Ehegatte, Und dieselbige lebte ziem- lich vergnügt und wohl mit ihm.
12. Die Schwester Gertrud hatte ein Kind vom Procrater Geier, welcher, als er worden war Vater, Sich davon hatte gemacht geschwind Und die Braut verlassen sammt dem Kind.
13. Sie suchte sich so gut als möglich zu ernähren, Hatte vielen Umgang und Verkehren Mit jungen Leuten von reichem Stand, Bei welchen sie ihren Unterhalt fand.
14. Eine andere Schwester war bei einem alten Wittwer, ihn zu wärmen und hauszuhalten; Und auch diese lebte mit ihm insoweit In Friede und guter Einigkeit.
15. Und seine allerjüngste Schwester, Ein blühendes Mädchen, genannt Esther, War noch bisher der Mutter Trost Und bekame von ihr die Kost.
16. Ob nun gleich des Hieronimi Ankunft zware Mutter und Geschwistern angenehm ware, Weil es sehr lange hatte gewährt, Eh sie von ihm gesehn oder gehört:
17. So wollte es sich doch für ihn nicht fügen, Als ein Faulenzer müßig da zu liegen, Man ware also darauf bedacht, Daß er irgend würde untergebracht.
Sechsunddreißigstes Kapitel.
Wie Hieronimus Nachtwächter ward in Schildburg, und wie seiner Mutter Traum und Frau Urgalindinens Weissagung erfüllet ward.
1. Nun ware gerade in diesen Tagen Der Nachtwächter in Schildburg zu Grabe getragen, Und seine Bedienung war bisher Noch unbesetzet, vacant und leer.
2. Da nun in allen gutgeordneten Staaten Man den Nachtwächter nicht kann entrathen, So ward von den Bürgern deliberirt, Damit ein andrer würde ordinirt.
3. Nun fanden sich zwar fähige Subjecte, Denen der entledigte Dienst wol schmeckte, Doch wegen der Stimme starkem Ton Nahm man auf Hieronimus Reflexion.
4. Zwar machten Anfangs einige Personen Dagegen Einwürfe und Objectionen, Als wenn Hieronimus eben nicht sehr Zu dieser Bedienung geschicklich wär'.
5. Denn weil man ihm die Nachrede machte, Daß er lieber schliefe als wachte; So wäre infolglich auf diese Art Das Städtlein nicht gehörig bewahrt.
6. Indessen ward er doch bald einhellig Von der ganzen Bürgerei, förmlich und völlig, So daß am Berufe nichts gefehlt, Zum neuen Nachtwächter erwählt.
7. Jedoch mußte er sich vorhero bequemen Des vorigen Wächters Wittwe zur Frau zu nehmen, Denn der verstorbene selige Mann Nahm sich gar treulich des Städtleins an.
8. Um also seine Treue zu vergelten An der hochbetrübten Wittwe, so stellten Die Bürger die Heirath ihrer Person Als eine ^Conditio sine qua non^.
9. Weil sie nun erst alt war dreißig Jahre Und ihre Person nicht häßlich ware, So nahm Hieronimus den Vorschlag an Und wurde also ihr Ehemann.
10. Es wurden nunmehro Alten und Jungen Die Stunden der Nacht wieder vorgesungen, Denn der neue Wächter Hieronimus Nahme das Horn vor's Maul und blus.
11. Und so oft er die Glocke hörte schlagen, Hub er an Folgendes zu sagen: »Höret ihr Herren in der Still, Was ich euch singen und sagen will:
12. Die Kirchglocke hat so eben Eilf, zwölf, ein, zwei, drei Schläge gegeben, Bewahret, wenn ich euch rathen soll, Das Feuer, das Licht und eure Töchter wohl;
13. Damit sich Niemand etwa verbrenne, Oder sonst Schaden entstehen könne, Und seid sehr wohl auf eurer Hut, Hut, Hut, Hut, Hut, Hut, thut gut.«
14. Er hat sich übrigens stets aufgeführet, Wie's einem frommen Nachtwächter gebühret, Er schlief am Tage desto mehr, Damit er des Nachts fein wachsam wär'.
15. In aller Zeit, da er gewacht und gesungen, Ist es keinmal einem Diebe gelungen, Daß in Schildburg eine Räuberei Irgendwo nächtlich geschehen sei.
16. Und jeder Bürger, wenn er noch so hart schliefe, Erwachte, wenn Hieronimus blies oder riefe, Und seines Horns und Halses Schall Hörte man im Städtlein überall.
17. So hat sich denn alles curios gereimet, Mit dem, was Frau Jobs Kapitel zwei geträumet, Und alles trafe nun haarklein, Bei dem Nachtwächter Hieronimus ein.
18. Auch von dem, was Urgalindine gesaget, Als man sie um das Schicksal des Knaben gefraget, Nach den Gründen der Chiromantia, Ware nunmehro die Erfüllung da.
19. Man konnte, nach nun vollendeten Sachen, Von allem diesem die beste Deutung machen, Wie's dann mit Prophezeiungen überhaupt geht, Daß man selbige hernach erst versteht.
20. Was indessen Frau Schnepperle gesprochen, Als Frau Jobs war mit dem Kind in den Wochen, (Wie Kapitel drei zu ersehn) Das ist vor diesesmal nicht geschehn.
21. Aus demjenigen, was wir nunmehro wissen, Lässet sich gegen Frau Schnepperle schließen, Daß sie in der Kunst der Physiognomei Nicht genug erfahren gewesen sei.
Siebenunddreißigstes Kapitel.
Wie Hieronimus einen Besuch bekam von Freund Hein, der ihn zur Ruhe brachte. Ein Kapitel, so gut als eine Leichenrede.
1. Es ist gewesen schon sehr lange, Wie uns Gelehrten bewußt ist, im Gange, Ein gar kluges Sprüchwort, es hat's Der alte Kirchenvater _Horaz_:
2. _Sowol gegen die Paläste der Großen, Als gegen die Hütten der Armen pflegt zu stoßen Der überall bekannte Freund Hein Mit seinem dürren Knochenbein._
3. Das will eigentlich nach dem Grundtext sagen: Alles, was da lebt, wird zu Grabe getragen, Sowol der Monarch als der Unterthan, Sowol der reiche als der arme Mann.
4. Sintemal Freund Hein pflegt unter beiden Nicht das mindeste zu unterscheiden, Sondern er nimmt alles, weit und breit, Mit der strengsten Unparteilichkeit.
5. Und er pflegt immer schlau zu lauern Sowol auf den Cavalier, als auf den Bauern, Auf den Bettler und Großsultan, Auf den Schneider und Tatar-Khan.
6. Und er geht mit der scharfen Sensen Zu Lakeien und Excellenzen, Zu der gnädigen Frau und der Viehmagd Ohne Distinction auf die Jagd.
7. Es gilt bei ihm gar kein Verschonen, Er achtet weder Knotenperücken noch Kronen, Weder Doctorhut noch Hirschgeweih, Zierathen der Köpfe mancherlei.
8. Er hat bei der Hand tausend und mehr Sachen, Welche ein End' mit uns können machen; Bald gibt ein Eisen, bald die Pest, Bald eine Weinbeere uns den Rest.
9. Bald eine Krankheit, bald plötzlicher Schrecken, Bald Arzeneien aus den Apotheken, Bald Gift, bald Freude, bald Aergerniß, Bald Liebe, bald ein toller Hundsbiß.
10. Bald ein Proceß, bald eine blaue Bohne, Bald eine böse Frau, bald eine Kanone, Bald ein Strick, bald sonstige Gefahr, Wofür uns alle der Himmel bewahr'.
11. Da helfen, um sich zu befreien, Nicht d'Arçons schwimmende Battereien; Denn Freund Hein, der hungrige Schelm, Fürchtet weder Festung, Schild, Degen noch Helm.
12. Der Commandant in den sieben Thürmen, Der Großvezier zwischen hundert Dirnen, So wie Diogenes in seinem Faß Waren alle für ihn ein Fraß.
13. So ist es von jeher gehört und gewesen, Wie wir in den Geschichtbüchern können lesen: Jakob Böhme und Aristoteles, Klaus Narre und Demosthenes,
14. Der ungestalte Aesop und die schöne Weltberühmte griechische Helene, Der arme Job und König Salomon Mußten endlich alle davon.
15. Kaiser Max und Jobs der Senater, Virgil und Hans Sachs mein Aeltervater, Der kleine David und große Goliath Starben alle, theils früh, theils spat.
16. Niclas Klimm und Marcus Aurelius, Cato und Eulenspiegelius, Ritter Simson und Don Quixot, Sind leider nicht mehr, sondern todt.
17. Auch Cartouche und König Alexander, Einer nicht ein Haar besser als der ander', Held Bramarbas und Hannibal, Sie starben alle Knall und Fall.
18. Auch August der Held Polens, Und Karl der Zwölfte mußten volens nolens, So wie der Perser Schach Kulikan, Und der große Czaar Peter dran.
19. Item, Xerxes mit seinem ganzen Heere, Potiphar mit seiner Hausehre, Und der einäugige Polyphem, Und der alte Methusalem.
20. Alle, alle mußten in die schwarze Bahre, Calvin und der Pater von Sanct Clare, Auch der Patriarch Abraham, Und Erasmus von Rotterdam.
21. Auch Müller Arnold und die Advocaten In den weitläufigen preußischen Staaten, Tribonian und Notar April, Der zu Regensburg von der Treppe fiel.
22. Alles, alles sank vor seiner Sichel, Hippocrates Magnus und Schuppachs Michel, Galenus und Doctor Menadie Mit der Salernitanschen Akademie.
23. Keiner konnte seiner Faust entfliehen, Nicht Nostradamus und Superintend Ziehen. Mit Doctor Faust und Träumer Schwedenburg Ging er ohne Umstände durch.
24. Orpheus den großen Musikanten, Molière den Komödianten, Und den berühmten Maler Apell Nahm Freund Hein sämmtlich beim Fell.
25. Auch den Midas mit den langen Ohren, Den Dichter Homerus blind geboren, Den lahmen Tamerlan und Tänzer Vestri; Kein einz'ger von allen entsprang ihm hie.
26. Ach ja, lieber Leser! dies Furchtgerippe Fraß die Penelope, Xantippe, Judith, Dido, Lucretia Und die Königin aus dem Reiche Arabia.
27. Den lachenden Demokrit und den Murrkopf Timon, Gaukler Schröpfer und den Zauberer Simon, Den Sokrates und jungen Werther, fürwahr Jenen als Weisen, diesen als Narr.
28. Selbst Bucephalus und Rosinanten, Und Abulabas den Elephanten, Roß Bayard und Bileams Eselin Nahm Freund Hein zum Morgenbrod hin.
29. Summa Summarum, weder vorn noch hinten Ist in den Chroniken ein Exempel zu finden, Daß Freund Hein etwa irgendwo leer Bei Jemand vorübergegangen wär'.
30. Und was er übrigens noch nicht gefressen, Wird er doch in der Folge nicht vergessen, Sogar, leider! lieber Leser, auch dich, Und was das schlimmste ist, sogar mich.
31. So ward es nun auch gleichergestalten Mit dem Nachtwächter Hieronimus gehalten, Denn auch bei ihm stellte Freund Hein Sich nach vierzig Jahr und drei Wochen ein.
32. Er bekam nämlich ein hitziges Fieber, Das wäre wol nun bald gegangen über, Wenn man's seiner guten Natur Hätte wollen überlassen nur.
33. Jedoch ein berühmter Doctor im Curiren Brachte ihn durch seine Lebenselixiren, Nach der besten Methode gar schön, An den Ort, dahin wir alle einst gehn.
34. Als man ihn nun zu Grabe getragen, Führten die Schildburger große Klagen, Denn seit undenklichen Zeiten her War kein so berühmter Nachtwächter als Er.
Leben, Meinungen und Thaten von Hieronimus Jobs, weiland Candidaten,
der zwar als Nachtwächter zu Schildburg starb, doch endlich die Ohnwitzer Pfarre erwarb.
Ebenfalls so gut es konnte geschehen, Durchgehends mit Holzschnitten versehen, Zum Theil neu und zum Theil alt, Sauber gemacht und wohlgestalt.
Zweiter Theil.
Erstes Kapitel.
Wie der Autor sich und die Leser zum zweiten Theile präparirt mit Complimenten und et cetera's. Als eine Vorrede anzusehen.
1. Hätte es nie können ahnen noch glauben, Daß mir Zeit und Umstände würden erlauben, Von Hieronimus Jobs einen zweiten Band Einem ehrsamen Publikum zu machen bekannt.
2. Denn die Herren Kritiker und Recensenten Machen heuer mit solchen Producten kein' Complimenten, Und verfahren überhaupt bunt und kraus, Wenn ein Autor gibt ein Büchlein 'raus.
3. Drum war auch mir schon bei dem ersten Gange Schier nicht gut zu Muth, sondern herzlich bange, Und ich zoge, so gut es konnte sein, Das Aushängeschild der Autorschaft ein.
4. Mochte auch eben Niemanden groß flattiren, Noch gelehrten Journalisten die Hände schmieren; Denn ich dachte: es falle wie es fällt, Ich schreibe incognito und behalte mein Geld;
5. Und ^posito!^ mein Büchlein würde tüchtig gepeitschet, Weil es so erbärmlich gereimet und gedeutschet; So geht es doch nach löblichem Brauch, Nicht anders bessern Schriftstellern auch.
6. Indeß ist es meinem Kindlein besser ergangen, Als ich's jemals hätt' können wünschen und verlangen, Denn selbst große Leute haben oft und viel Damit gehabt ihre Lust und ihr Spiel.
7. Ein und andrer gab ihm zwar kleine Stöße Und hier und da etwas vor seine Blöße; Jedoch für muthwillige Kinder klein Muß ja billig gute Zucht und Strafe sein.
8. Ich weiß doch, man ist so artig gewesen, Hat meinen Hieronimus Jobs weit und breit gelesen, Und über den Spaß, den er gemacht, Das Zwerchfell geschüttelt und oft gelacht.
9. Man sagt sogar, er wirkte besonder Als ein Specificum gegen das Hypochonder, Und wäre so gut als das beste Laudan Bei dem, der für Sorge nicht schlafen kann.
10. Das will nun wahrlich in unsern Tagen, Die so aufgeklärt sind, viel sagen; Denn manches Buch in Prose und Gedicht, Hat bekanntlich so viele Verdienste nicht.
11. Ich bin dergestalt, auf vielfältiges Bitten, Zur Ausgabe eines zweiten Theiles geschritten, Und behalte drin die gewohnte Reimerei Nach Hans Sachsens schöner Manier, bei.
12. Es werden zwar in den Reimen manche Strophen Auf zu wenig Füßen hinkend angetroffen; Es sind aber auch manche Strophen wieder dafür Länger und mit zu viel Füßen laufend allhier.
13. Darob macht vielleicht mancher Herr Kunstrichter Zwar Grimassen und saure Amtsgesichter; Ich kehr' mich aber dermal wenig oder gar nicht An ein solches ernsthaftes Kunstgesicht.
14. Es werden auch die vornehmsten Geschichten und Dinge, Welche ich allhier bekannt mache und besinge, Wie gebräuchlich im saubern Holzschnitt Zur Anschaulichkeit getheilet mit.
15. Ob Herr _Unger_ in Berlin, oder wer sonst, sie geschnitten, Dies zu untersuchen will ich mir sehr verbitten; Ist die Arbeit nur gut, so liegt nichts dran, Was für ein Holzschneider sie gethan.
16. Zwar hatte ich diesen Theil schon längst geschrieben, Der Druck ist aber versäumet und unterblieben; Denn ich litte leider auch manchen Verdruß Ob des Büchleins, welches ich klagen muß.
17. Nämlich, man hat mir boshafter Weise Schuld gegeben, Als wenn ich in des Hieronimus Jobs Thaten und Leben Ueberall hätte satirisirt, Oder gar personalisirt.
18. Nun kann ich aber, bei meiner Treu' und Ehren! Jedermänniglich laut und offen erklären, Daß ich von persönlicher Beleidigung frei, Und für Niemand das Büchel anstößig sei.
19. Wer sich also in Zukunft etwa würde vergessen Und mir absurde Absichten beimessen, Den erkläre ich hiemit und rund Für einen ^et caetera^ und bösen Leumund!!
20. Ich hoffe, der hochgeneigte Leser nimmt diese Ganz gehorsamste Protestation und Excüse Gütig auf, und so schreite ich dann Weiter, und fange die Geschichte an.
Zweites Kapitel.
Wie der zweite Theil des Lebens von Hieronimus Jobs sich mit seinem Leichenbegängnisse anhebt.
1. Hat man wol je irgend gehört und gelesen, Daß ein Lebensbeschreiber in der Welt gewesen, Welcher den zweiten Theil der Lebensgeschichte anhebt, Da, wo der Held der Geschichte nicht mehr lebt?
2. Dennoch soll dieses, wie wir nun werden sehen, Von mir ohne alles Bedenken geschehen; Ich passire folglich in diesem Fall Für ein leibhaftes Schriftstelleroriginal.
3. Alles, was ich in den folgenden Jahren Von Hieronimus Jobs ferner gehört und erfahren, Das erzähl' ich ohne Umstände getreu, Und thue davon weder etwas ab, noch bei.
4. Indessen was ich nun von ihm singe und sage, Geschiehet freilich nicht immer und alle Tage; Doch ist's auch überall nicht so bestellt Wie im Lande Schwaben und in der Welt.
5. Es gingen fast alle Bürger, arme und reiche, Mit dem wohlseligen Hieronimus in Schildburg zur Leiche, Und es schallte traurig aufs offne Grab Glockengeläute vom Kirchthurm herab.