Die jenische Sprache

Part 9

Chapter 92,672 wordsPublic domain

[Fußnote 178: ([28] auf S. 63.108) S. auch unter »Weinbeere« u. »Weintraube«. _Zus._ mit dem Worte sind (außer _Jahre-_ od. _Krachersäftling_, das in gleicher Weise für Brombeere, Erdbeere, Heidelbeere u. Himbeere gebräuchl. ist) noch das ähnl. _Staubertsäftling_ = Mehlbeere (so daß _Säftling_ also bes. auch die »Beere« bedeutet [vgl. _Wittichs_ Bemerkg. im Text], obwohl es dafür [_ohne_ Zus.] im W.-B. — vielleicht bloß versehentlich — _nicht_ aufgeführt ist) sowie (am _Anf._ stehend) _Säftlingsore_ = Weinberg (s. dazu betr. _Sore_ Näh. unter »Brücke«). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 100 (_Saftling_ = Trauben); _Pfulld. J.-W.-B._ 343 (_Säftling_ = Rebe); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 75 (_Säftling_ = Traube); _Schwäb. Händlerspr._ 487 (ebenso; vgl. im _Pfedelb._ [214]: _Säftlingjole_ = Wein). Der _Etymologie_ nach gehört das Wort natürlich zu unserem gemeinspr. _Saft_; vgl. _Günther_, Rotwelsch, S. 61.]

[Fußnote 179: ([29] auf S. 63.108) a) Mit _Jahre_ = Wald (Forst, Gehölz, auch bes. Fichtenwald) sind (außer _Jahresäftling_) noch folgende _Zus._ gebildet worden: _Jahrekrächerle_ = Haselnuß, _Jahrestöber_ (d. h. »Waldbaum« = Tanne; _Jahreschure_ (d. h. etwa »Waldding«) = Hirsch u. _Jahrestierer_ (d. h. »Waldhuhn«) = Rebhuhn (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeun.). Als _Verbindg._ erscheint _Jahre bosten_ (eigtl. nur »[in den] Wald gehen« [vgl. oben S. 40, Anm. 137]) für das Zeitw. »jagen«. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _W.-B. des Konst. Hans_ 254 (_Jahre_ = Wald); _Schöll_ 271 (_Jaare_); _Pfulld. J.-W.-B._ 346 (_Jahre_; vgl. [339, 341]: _Jahrhegel_ = Förster, Jäger); _Schwäb. Händlerspr._ 488 (_Jre_). Über weitere rotw. Belege sowie die _Etymologie_ (vom hebr. _jaa'r_ = »Wald«) s. d. Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 38, S. 251, Anm. 2; vgl. auch Bd. 42, S. 7 (unter »Jahrhegel«) sowie noch _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 79 (unter »Jare«).

b) Mit _Kracher_ (das in _denselben_ Bedeutgn. wie _Jahre_ gebraucht wird) sind im wes. auch die _gleichen Zusammensetzgn._ gebildet worden, so außer _Krachersäftling_ noch _Kracherkrächerle_ (= Haselnuß), _Kracherstöber_ (= Tanne) u. _Kracherschure_ (= Hirsch); dagegen ist neben _Jahrestierer_ (= Rebhuhn) allerdings nur _Krachergachne_ als Synon. angeführt. Auch _Kracher bosten_ hat den _gleichen_ Sinn wie _Jahre bosten_. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._ 340, 346 (_Krach_ = Holz, Wald); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 77 (_Kracher_ = Wald sowie die geogr. Bezeichg. _Schwarzkracher_ = Schwarzwald); _Schwäb. Händlerspr._ 488 (_Kracher_ = Wald). Über weitere rotw. Belege sowie zur _Etymologie_ (von unserem gemeinspr. Zeitw. _krachen_) s. d. Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 46, S. 11 (u. Anm. 1) u. 12; vgl. auch _Weber-Günther_, S. 181 (unter »Krachet«) u. _Fischer_ Schwäb. W.-B. IV, Sp. 662 (unter »Krachert«).]

anbeten, _anbliblen_[180] [63.109]

anbetteln, _andalfen_, _anderchen_[181]

anbinden, _anschurele_[182]

anblasen, _anschurele_

anbrennen, _den Funk anpflanzen_ (d. h. das Feuer anmachen)[183]

[Fußnote 180: ([30] auf S. 63.109) Mit _blible(n)_ = beten, auch predigen sind ferner noch zusammengesetzt: _nach-_ u. _vorblible(n)_ = nach- u. vorbeten, sodann (mit dem Stamme _blibel-_ [des Zeitworts]) die Substantive _Blibelulma_ = fromme Leute, auch »Stundenleute«, d. h. Methodisten, _Blibelkaffer_, _-moss_, _-kitt_ = »Stundenmann, -frau, -haus« (in gleichem Sinne) und _Blibelschlang_ (eigtl. »Betkette«) = Rosenkranz (s. d. betr. Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr.). _Ableitungen_ sind: das Subst. _Bliblerei_ = Gebet u. das Adj. _bliblich_ = gläubig, heilig (dazu die _Verbdg._ _bliblicher Schuberle_ = heiliger Geist). In dem _verw. Quellenkreise_ hat das Wort nur die _schwäb. Händlerspr._ (in _Lütz._ [214]: _b'lipple[n]_ = beten). Zur _Etymologie_ bietet einigen Aufschluß das veraltete schwäb. _Blippenplapper_, eine »spöttische Ablautbildung« für »Plapperer« (nach _Fischer_, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1206).]

[Fußnote 181: ([31] auf S. 63.109) S. abbetteln.]

[Fußnote 182: ([32] auf S. 63.109) S. abbiegen.]

[Fußnote 183: ([33] auf S. 63.109) Über _Funk_ = Feuer s. abbrennen. Das Zeitw. _pflanzen_ (Grundbedeutg.: machen [daher: _aufpflanzen_ = aufmachen (Spr.)], verfertigen) versieht in Verbindg. mit anderen Wörtern die Rolle eines Aushilfsbegriffs in vielen Fällen, wo im Jenischen keine besonderen Bezeichnungen vorhanden sind (vgl. darüber schon die »Einleitg.« S. 24 sowie m. »Vorbemerkg.«, S. 16, Anm. 40), so z. B. in den Redensarten _grandiche pflanzen_ (d. h. eigtl. »den Großen machen« oder »spielen«) = hoffärtig (aufgeblasen, stolz, übermütig) sein (dagegen: _grandicher pflanzen_ [eigtl. »größer machen«] = verlängern), _Blatt_ (blatt) _pflanzen_ = im Freien übernachten (s. d. Näh. unter »übernachten«), _Strauberts pflanzen_ (eigtl. »Haare machen«) = kämmen, _Bomme_ od. _Keif pflanzen_ (eigtl. »Schulden machen«) = leihen, _Käfferle pflanzen_ = Onanie treiben (s. zur _Erklärung_ Näh. unter diesem Ausdr.), _schofle Falle (-la) pflanzen_ (eigtl. »böse Sachen machen«) = »huren« (s. Näh. unter »böse«); mit _auspflanzen_ ist endlich (als Gegensatz zu dem obigen _den Funk anpflanzen_) gebildet: _d(en) Funk auspflanzen_ = löschen (auslöschen), wonach dann wohl auch das _einfache auspflanzen_ die Bedeutg. von »ausblasen« erhalten hat. Besonderer Beliebtheit erfreut sich aber (ganz wie im Rotwelsch) die Ableitung _Pflanzer_, fem. _-erin_ (= »Verfertiger[in]«) in _Zusammensetzgn._ mit Substantiven als Bezeichnungen für die verschiedensten Berufsarten, insbes. die Gewerbe, so: _Klass-_ od. _Schnellepflanzer_ = Büchsenmacher, _Schures-_ od. _Stiepenpflanzer_ = Bürstenbinder, _Griflengtrittlingpflanzer_ = Handschuhmacher, _Nollespflanzer_ = Häfner, Töpfer, auch Kesselflicker, _Oberman(n)pflanzer_ = Hutmacher (Kappen-, Mützenmacher) od. Kürschner, _Straubertsschurepflanzer_ = Kammacher, _Schottel_ (od. _Schottle-_) _pflanzer_ = Korbmacher, _Rädlengpflanzer_ = Kutschenbauer, Wagner, _Bochdampflanzer_ = Leineweber, Tuchmacher, _Scheinpflanzer_ = Lichtzieher, _Scharflingpflanzer_ = Messerschmied, _Kies-_ od. _Lobepflanzer_ = Münzarbeiter (auch wohl _Bichpflanzer_, argum.: _Bichpflanzerskitt_ = Münzwerkstätte u. zu vgl. _nobis dufter Bichpflanzer_ = Falschmünzer [worüber Näh. auch schon oben S. 105, Anm. 172]), _Hitzlingpflanzer_ = Ofensetzer, _Kritzlerpflanzer_ = Papiermacher, _Dächles-_ od. _Pflotscherpflanzer_ (fem.: _-erin_) = Schirmflicker(in), _Glitschinpflanzer_ = Schlosser, _Trittlingpflanzer_ = Schuhmacher (Schuster), _Sprauspflanzer_ = Stockmacher, _Streiflingpflanzer_ = Strumpfwirker, _Gengle-_ od. _Luberpflanzer_ = Uhrmacher, _Lattepflanzer_ = Waffenschmied, _Schrendepflanzer_ = Zimmermann. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 98 (_Nuschepflanzer_ = Schuhmacher); _Pfulld. J.-W.-B._ 337-339, 342-344 (_pflanzen_ = machen, _toxpflanzt_ = abgerichtet, _krank_ od. _dildi pflanzen_ = einstecken; _Fleppapflanzer_ = Büchermacher, _Tschuripflanzer_ = Messerschmied, _Girchen-_ od. _Nuschenpflanzer_ = Schuhmacher, _Zinkenpflanzer_ = Petschaftfälscher); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 75 (_Pflanzer_ [ohne Zus.] = Schuhmacher); _Schwäb. Händlerspr._ 483, 486, 487 (_Schottelpflanzer_ = Korbmacher, _Stichlingpflanzer_ = Schneider, _Trittlingpflanzer_ = Schuster, _Gänglingpflanzer_ [in _Pfedelb._ (213): _Gluckerspflanzer_] = Uhrmacher; ferner ebenfalls noch in _Pfedelb._ [208, 210-213]: _Krach_ [od. _Hallas_] _pflanzen_ = lärmen, _Bummen pflanzen_ = Schulden machen, _Plamppflanzer_ = Bierbrauer, _Schuberlespflanzer_ = »Geistererlöser« [Tätigkeit des kathol. Pfarrers], aber auch = Teufel, _Obermannpflanzer_ = Hutmacher, _Zainepflanzer_ = Korbmacher, _Dickköpfpflanzer_ = Nagelschmied, _Staudenpflanzerin_ = Näherin, _Kluftenpflanzer_ = Schneider; endl. noch in U. [213]: _Mulumpflanzer_ = Arzt). Zur _Etymologie_ s. d. Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 46, S. 12ff. (wo auch die meisten der oben angeführten Zus. erklärt sind).]

anfangen, _anschurele_[184] [63.110]

anfassen, _anschniffen_[185]

[Fußnote 184: ([34] auf S. 63.110) S. abbiegen.]

[Fußnote 185: ([35] auf S. 63.110) Mit _schniffen_ = anpacken, erfassen, nehmen, holen (Spr.), bes. aber = stehlen (entwenden, rauben, berauben) sind noch zusammengesetzt: _aus-_, _heraus-_ u. _wegschniffen_ = aus-, heraus-, wegstehlen. _Ableitungen_: die Subst. _Schniffer_ = Dieb, Gauner, Räuber (dazu die _Zus._ _Schnifferulma_ = Diebesbande) u. _Schnifferei_ = Diebstahl sowie das Adj. _schniffich_ = diebisch. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._ 337, 339, 345 (schniffen = ausplündern, stehlen, als Subst. _Schniffen_ = Diebstahl); _Schwäb. Händlerspr._ 486, 487 (_schniffen_ = stehlen [ausplündern (s. _Pfedelb._ [208])], _Schniffer_ = Strolch). Übrigens sind die Vokabeln _schniffen_, _Schniffer_ (Nebenf. _schnipfen_ [auch _schnüffen_] u. _Schnipfer_) u. _Schnifferei_ schon dem Rotwelsch des 17. u. 18. Jahrh. bekannt gewesen (vgl. z. B. _A. Hempel_ 1687 [168: _schniffen_ = »mausen«, _Schnifferey_ = »Mauserei«, _ein grandiger Schniffer_ = »ein rechter Erzdieb«, _Hornickel-_, _Trabertschniffer_ = Kuh-, Pferdedieb]; _Waldh. Lex._ 1726 [187-189, 190: alles im wes. ebenso, außerdem noch für Pferdedieb auch _Zußgenschniffer_ u. _Schniffer_ auch = »einer, der das Geld aus der Ficke (Tasche) ziehet«]; _Münchner Deskription_ 1727 [192: _schniffen_ u. das _Schniffen_ oder Rauben]; _Basl. Glossar_ 1733 [202: _schnüffen_ = stehlen]; _Hildburgh. W.-B._ 1753 ff. [288, 231: _geschnipft_ = gestohlen, _Schnipffer_ = »Spitzbub«]; _Körners Zus._ zur _Rotw. Gramm._ v. 1755 [241: _schniffen_ od. _schnipfen_ = stehlen]). Zur _Etymologie_ s. _Landau_ im Schweiz. Archiv für Volksk., Bd. IV, S. 240 vbd. mit _Grimm_, D. W.-B. IX, Sp. 1333 (unter »schnipfen«, Nr. 3). Danach bedeutet _schnipfen_ od. _schniffen_ mundartlich (so z. B. im _Schwäbischen_ [vgl. _Schmid_, Schwäb. W.-B., S. 474]) soviel wie »mit einer schnellen Bewegung etwas wegschnappen, entwenden, listig stehlen«; es ist hauptsächl. auf die oberdeutschen Mundarten beschränkt geblieben; vgl. u. a. noch _Schmeller_, Bayer. W.-B. II, Sp. 578 u. _Hügel_, Wien. Dial.-Lex., S. 143.]

anfragen (fragen), _butschen_[186] [63.111]

Angel, _Schure_[187]

angenehm, _dof_, _duft_[188]

[Fußnote 186: ([36] auf S. 63.111) Mit _butschen_ ist zusammengesetzt _ausbutschen_ = ausfragen, ausforschen, forschen. Es ist sonst m. Wiss. in den Geheimsprachen nicht bekannt. Der _Etymologie_ nach stammt es aus der Zigeunersprache her (s. »Einltg.«, S. 29). Vgl. Näh. bei _Pott_ II, S. 375 (unter »Pchuczav«), _Liebich_, S. 154 u. 198 (_putschawa_ = ich frage, forsche), _Miklosich_, Denkschriften, Bd. 27, S. 41 (unter »phuč«: bei d. deutsch. Zig.: _pučava_ = ich frage, _pučjum_ = Frage usw.), _Jühling_, S. 225 (_putsch_ = frage [Imperat.], _Putschaben_ = die Frage, das Fragen), _Finck_, S. 81 (_p'utš-_, _p'utšew-_ [p'utšej-, p'utšed-] = »fragen, forschen«).]

[Fußnote 187: ([37] auf S. 63.111) S. abbiegen.]

[Fußnote 188: ([38] auf S. 63.111) Das Adj. _dof_ (weit seltener: _duft_ [das in der modern. Gaun.- u. Kundensprache überwiegt]) mit der Grundbedtg. »gut« (dazu Komparat.: _döfer_ = besser) wird in überaus weitem Sinne gebraucht, wie folgende Übersicht der verschiedenen einzelnen Begriffe (bei denen das [gleichzeitige od. alleinige] Vorkommen der Form _duft_ in Klammern angemerkt ist) dartut. Es bedeutet nämlich noch: anständig, anwendbar (auch _duft_), artig, aufrichtig, beliebt, bequem, bieder, brav, brauchbar (nur _duft_; s. d. Verbdgn. unter dies. Worte), dienstfertig, dienstwillig, echt, edel, ehrbar, ehrenhaft, ehrenwert, ehrlich, fein, folgsam, freundlich, friedfertig, frisch (Spr.); geeignet, zufällig, gefühlvoll, geheilt, gemütlich, gemütvoll, genesen, geschmeidig, gesund, getreu, gerecht, geziemend, gnädig, günstig (auch _duft_), gütig, gutmütig, heil, heilsam, herzlich, hochherzig, höflich, hold (auch _duft_), hübsch (auch _duft_), keusch, kostbar, leutselig, lieb, liebenswürdig, lieblich (auch _duft_), liebreich (auch _duft_), nobel (auch _duft_), nützlich, prächtig, sanft, sauber, schamhaft, schön, sittsam, tauglich (auch _duft_), treu, tüchtig (auch _duft_), tugendhaft, unschuldig, verschämt, vortrefflich, vorzüglich, wahrhaft, wohlwollend, willig, züchtig; dazu weiter die Verneinung _nobis dof_ (eigtl. »nicht gut«) = garstig, nichtswürdig, treulos, unecht, unkeusch, unnütz, unrichtig, untauglich, untreu, unzüchtig, wertlos. Sowohl _dof_ wie _nobis dof_ sind dann auch zu Hauptwörtern erhoben worden, und zwar ersteres für »Glück« od. »Pracht«, letzteres für »Trübsal« oder (flektiert: _nobis Dofs_) für »Übel« (vgl. »Vorbemerkg.«, S. 15, Anm. 38). Die Umschreibung _dof diberen_ od. _schmusen_ (d. h. »gut reden«, [von jmd.]), bedeutet »(jmd.) loben«. Ferner sind _dof_ u. _nobis dof_ in Verbindg. mit Substantiven zur Umschreibung zahlreicher Begriffe verwendet worden, für die es im Jenischen an besonderen (selbständigen) Bezeichnungen fehlt (vgl. dazu »Vorbemkg.«, S. 17, 18, Anm. 47 u. S. 19, Anm. 48). So: a) Verbindgn. mit _dof_: _dofer Schmunk_ (d. h. etwa »gutes Fett, Schmalz«) = Butter, _dofer Kies_ (d. h. »schöner Stein«) = Diamant, Edelstein, _dofer Schwimmerling_ (d. h. »schöner Fisch«) = Forelle, _dofer Benges_ od. _Benk_ (d. h. etwa »lieber Bursche«) = Geliebter, Liebhaber u. _dofe Model_ (d. h. »liebes Mädchen«) = Geliebte, Liebhaberin (wogegen bei _dofer Benk_, _Freier_ od. _Fiesel_ im Sinne von »Junker« nach _Wittich_ _dofer_ als Komparativ aufgefaßt werden soll, so daß die Umschreibung soviel wie »_besserer_ Jüngling« od. »_besserer_ junger Mann« bedeute), _dofer Rädling_ (d. h. »schöner Wagen«) = Kutsche, _dofer Lanenger_ (d. h. etwa »schöner [feiner] Soldat«) = Offizier, _dofe Kitt_ (d. h. »schönes Haus«) = Schloß. Durch die Zusammenziehung in _ein_ Wort sind noch _enger_ verbunden worden: _Dofefläderling_ (d. h. »schöner Vogel«) = Pfau (s. dazu schon oben S. 18, Anm. 47) u. _Dofelehm_ (d. h. »gutes [feines] Brot«) = Weißbrot (Gegens. _Schoflelehm_ [d. h. »schlechtes Brot«] = Schwarzbrot); b) Verbdgn. mit _nobis_ (-es) _dof_ od. _duft_: _nobes dofer Glitschin_ (d. h. »kein guter Schlüssel«) = Dietrich (s. d. betr. Analogie in d. Zigeunerspr., vgl. auch schon »Vorbemerkung«, S. 18), _nobis dufter Bich-_, _Kies-_ od. _Lobepflanzer_ = Falschmünzer (s. dazu schon oben S. 105, Anm. 172) u. _nobis dofs Jahne_ = Mißjahr (s. dazu schon oben S. 104, Anm. 170). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 93 (_tof_ = gut); _W.-B. des Konst. Hans_ 256, 259 (_dof_ = gut); _Schöll_ 271 (_tov_ = gut); _Pfulld. J.-W.-B._ 338, 340, 344 (_tofe_ = gut, _töfer_ = besser, _dov_ = schön, _Tofe_ = Biedermann); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 70 (_duft_ [_dov_] = gut); _Schwäb. Händlerspr._ 481, 484 (_dof_ [in _Pfedelb._ (212): _dov_] = gut, schön; in _Pfedelb._ [209]: auch _döver_ = besser). Vgl. auch _Pfälz. Händlerspr._ 437 (_dôf_ od. _tôf_ = gut. Zur _Etymologie_ (vom hebr. _Tôb[h]_ [_tōf_] = »gut«) s. _Groß'_ Archiv, Bd. 50, S. 156; vgl. auch _Weber-Günther_, S. 155, _Seiler_, Lehnwort IV, S. 490, u. _Fischer_, Schwäb. W.-B. II, Sp. 246 (unter »tof«) u. 445 (unter »duft«).]

Angesicht, _Ki(e)bes_ (d. h. eigtl. Kopf)[189] [63.112]

Angst, _Bauser_[190]

[Fußnote 189: ([39] auf S. 63.112) _Ki(e)bes_ (-bis), eigtl. = Haupt, Kopf, Schädel, auch bes. Hinterkopf, ferner noch = Stirn u. Hals findet sich in der Verbindg. _grandicher Ki(e)bes_ = Dickkopf od. Starrkopf (s. dazu schon oben S. 100, Anm. 165), in der längeren Umschreibung _nobis Strauberts auf'm Ki(e)bes_ (d. h. eigtl. »keine Haare auf dem Kopfe«) = Kahlkopf sowie in den folgenden _Zus._: a) _am Anfang_: in _Ki(e)besschlang_ = Halskette, _Ki(e)besstrauberts_ = Haupthaare, Kopfhaare; b) _am Ende_: in _Straubertski(e)bes_ = Lockenkopf, _Vorderki(e)bes_ = Vorderkopf sowie (in übertrag. Sinne) in _Nille-_ od. _Ni(e)seki(e)bes_ = Tollkopf u. _Toberichki(e)bes_ = Pfeifenkopf. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 95 (_Kiebes_ = Kopf); _W.-B. des Konst. Hans_ 254 (_Kibes_); _Schöll_ 272 (ebenso; vgl. _kibesen_ = enthaupten); _Pfulld._ _J.-W.-B._ 341 (desgl.); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 72 (_Gîbes_); _Schwäb. Händlerspr._ 483 (_Kibes_ od. _-bis_; vgl. dazu in _Pfedelb._ [210]: _Kahlkibes_ = Kahlkopf). Vgl. auch _Pfälz. Händlerspr._ 438 (_Kiwes_ = Kopf) u. _Metzer Jenisch_ 216 (_Kibes_ [Kibes] = Kopf). Im _Pleißlen der Killertaler_ 435 ist _Kîvis_ = Verständnis. — Über die sonstigen verschiedenen Formen im Rotwelsch s. _Groß'_ Archiv, Bd. 56, S. 55 u. Anm. 1. Zur (nicht sicheren) _Etymologie_ vgl. _Pott_ II, S. 16, _Günther_, Rotwelsch, S. 36 u. Anm. 1 u. bes. jetzt noch _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 360/61 (»wenn nicht etwa zu zigeun. _chīw_ = »Deckel« [s. _Finck_, S. 68: xīw] … nur zu _Kabas_, rotw. = Kopf [s. schon _Lib. Vagat._ (54)] zu stellen«, wozu mhd. _kabez_, aus lat. _caput_ [Haupt], heranzuziehen, vielleicht mit ablaut. Form _Kibes_, _Kabes_ wie _piff_, _paff_).]

ängstlich, _bauserich_[190] [63.113]

anhalten, _anschurele_[191]

ankaufen, _anbaschen_, _angremen_, _ankemeren_[192]

anklagen, _anschurele_[191]

ankleiden, _a(n)kluften_[193]

[Fußnote 190: ([40] auf S. 63.113) _Bauser_ = Angst (Beängstigung), Entsetzen, Erschrecken, Furcht, Schreck ist vielleicht — ebenso wie das Adj. _bauserich_ = ängstlich, furchtsam, auch als Subst. (für »das Grauen«) gebraucht (vgl. dazu _bauserich sein_ = befürchten, [sich] beunruhigen sowie die Verneinung _nobis bauserich_ = furchtlos) erst eine Ableitung von dem Zeitw. _bausen_ = fürchten. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 92 (_bausen_ = fürchten); _W.-B. des Konst. Hans_ 257 (ebenso, auch: _es baust ihm_ = er fürchtet sich, ferner noch: _Bauser_ = Angst); _Schöll_ 271, 273 (_bausen_ = fürchten, _Bauser_ = Angst); _Pfulld. J.-W.-B._ 337, 343, 344 (_Bauser_ = Angst, Schauer, _bauserich_ = ängstlich, scheu); _Schwäb. Händlerspr._ 479 (_Baußer_ u. _Baußam_ [in _Pfedelb._ (208): _Bausam_] = Angst). Die _Etymologie_ ist unsicher, denn die Hypothesen A.-L.'s (523: Ableitg. vom deutsch. Zeitw. _bauschen_ [pauschen], mhd. _bûschen_, _biuschen_, = »schwellen machen« bzw. spätmhd. u. älternhd. _bûsen_, _bausen_ = »aufschwellen«; s. Näh. bei _Weigand_, W.-B. I, Sp. 171) erscheinen doch wohl zu gewagt. _Fischer_, Schwäb. W.-B. I, Sp. 733 gibt keine Erklärung. Nach gefl. Mitteilgn. von _Dr. A. Landau_ (Wien) soll vor etwa 50 Jahren _Boitsi haben_ = »Furcht haben« in der galizisch-jüdischen Schülersprache gebräuchlich gewesen sein, das wahrscheinlich auf das kleinruss. _bojati sja_ = »sich fürchten«, poln. _bać sie_ (3 Pers. Sing. Praes.: _boi sie_) zurückgeht, doch wagt L. keinen unmittelbaren Zusammenhang dieser Ausdrücke mit dem rotw. _bausen_ anzunehmen.]

[Fußnote 191: ([41] auf S. 63.113) S. abbiegen.]

[Fußnote 192: ([42] auf S. 63.113) S. abkaufen.]

[Fußnote 193: ([43] auf S. 63.113) Das Zeitw. _kluften_ scheint in _Wittichs_ Jenisch nur im _Zus._ üblich zu sein, wie (außer _ankluften_ [wozu _nobis ankluftet_, d. h. »nicht angekleidet«, »unbekleidet« = nackt] noch): _auskluften_ = ausziehen, entkleiden (daher _auskluftet_ ebenfalls = nackt) u. _verkluften_ = verkleiden. Es gehört zu den Subst. _Kluft_ = Kleid (Anzug, Gewand, Tracht), womit auch einige _Zusammensetzgn._ (so: _Kafferskluft_ = Manneskleid, _Lanengerkluft_ = »Montur«, _Begerkluft_ = Sterbekleid) sowie die _Verbdg._ _unterkünftige Kluft_ = Unterkleid gebildet sind. Eine weitere _Ableitg._ (von _Kluft_, bzw. _kluften_) ist dann _Klufterei_ = Kleidung, Bekleidung (Anzug, Gewand), womit ebenfalls wieder zwei _Zus._ vorhanden sind, näml. _Mossklufterei_ = Frauenkleid u. _Kafferklufterei_ = Männerkleider. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 95 (_eine ganze Klufterei_ = »Kleidung von Kopf bis Fuß«); _W.-B. des Konst. Hans_ 253 (_Klufterey_ = die Kleider); _Pfulld. J.-W.-B._ 341 (_Klufterei_ = Kleid, vgl. [337] _Klufting usmalochen_ od. _abketschen_ = auskleiden); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 66, 71 (_Kluft_ od. _Klufterei_ = Kleid, _ankluften_ = anziehen); _Schwab. Händlerspr._ 483 _Kluft_ = Kleid, u. dazu noch in _Pfedelb._ [208, 212]: _Kluftenpflanzer_ = Schneider u. _ankluften_ = anziehen); vgl. auch _Pleißlen der Killertaler_ 435 (_Kliftle_ = Kleid, Anzug) sowie noch _Metzer Jenisch_ 216 (_Klăft_ = Rock). Über die sonstigen Belege u. Formen im Rotw. sowie die _Etymologie_ (vom hebr. _chălîfôt_ = »Kleider, insbes. Feier- od. Ehrenkleider«) s. Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 38, S. 273/74 (unter »Kluftier«) u. d. Anm. verbd. mit Bd. 46, S. 10, Anm. 1. Vgl. auch noch _Seiler_, Lehnwort IV, S. 491 u. _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 508 (unter »Kluft« II) vbd. mit Sp. 435 (unter »Klaffot«).]

ankommen, _anbosten_, _anpfichen_[194] [63.114]

anlachen, _anschmol(l)en_[195]

anmutig, _g'want_[196]

[Fußnote 194: ([44] auf S. 63.114) S. abgehen.]

[Fußnote 195: ([45] auf S. 63.114) Als Zus. mit _schmol(l)en_ = lachen (kichern) findet sich noch _ausschmol(l)en_ = auslachen. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Schöll_ 272 (_schmollen_ = scherzen); _Pfulld. J.-W.-B._ 342 u. _Schwäb. Händlerspr._ 483 (= lachen). Zur _Etymologie_: Da wir heute unter _schmollen_ meist soviel wie »mit mürrischem Stillschweigen unfreundlich sein« verstehen (s. _Weigand_, W.-B. II, Sp. 751), erscheint die in den Geheimsprachen begegnende — fast _entgegen_gesetzte — Bedeutung zunächst auffällig; jedoch handelt es sich hier _nicht_ etwa um eine sog. _Enantiosemie_, d. h. Umkehrung des Sinnes in das Gegenteil (s. _Behaghel_ in d. Z. des Allg. Deutsch. Sprachv., Jahrg. 1905, Sp. 158 gegen _Günther_, Rotwelsch, S. 21, Anm. 14), vielmehr hat _schmollen_ (mhd. _smollen_) anfangs nur die gleichsam »neutrale« Bedeutg. »das Gesicht verziehen« gehabt, aus der sich dann _sowohl_ der Begriff »das Gesicht _zum Lächeln_ verziehen« od. »_lächeln_« (so z. B. noch bei _Schiller_ u. _Uhland_) entwickeln konnte (vgl. d. engl. _to smile_) als auch der uns jetzt geläufige des _mürrischen_ Stillschweigens. Vgl. (außer _Weigand_, a. a. O.) noch v. _Schmid_, Schwäb. W.-B., S. 472 u. _Grimm_, D. W.-B. IX, Sp. 1105/6, Nr. 1.]

[Fußnote 196: ([46] auf S. 63.114) Das Adj. _g'want_ hat in _Wittichs_ W.-B. noch folgende Bedeutungen: anständig, artig, behend, brauchbar, fein, flink, geschickt, geschmeidig, gewandt, nützlich, tauglich, tüchtig; dazu die Verneinung _nobis g'want_ = nichtsnutzig. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _W.-B. des Konst. Hans_ 257, 258 (_e Gwandter_ = »ein Handfester« u. _der gwandtste_ = der Beste); _Schwäb. Händlerspr._ 481 (_gwant_ = gut [in _Pfedelb._ (210, 212): _quant_ = geschickt, gut, schön; ebendas. (212) _Quantheit_ = Schönheit, in _Eningen_ (206, Anm. 1): _Gwanderpenk_ = Schultheiß]); vgl. auch _Pleißlen der Killertaler_ 435, 436 (_gwant_ = gut, schön, _gwanter Jôle_ od. _Plempel_ = Wein) u. _Metzer Jenisch_ 216 (_gewandt_ = gut). Über die sonstigen Belege im Rotw. (s. z. B. schon _Ndd. Lib. Vaget_ [77: _quant_ = »vel eft grot«) u. den Geheimspr. sowie über die _Etymologie_ s. _Weber-Günther_, S. 172 (unter »gewahnd«). Der Ableitung des Wortes vom latein. _quantum_ (s. A.-L. IV, S. 70; _Günther_, Rotwelsch S. 34; _Stumme_, S. 22, 23) steht gegenüber die Auffassung, die darin nichts anderes als unser deutsches »gewandt« erblickt. So u. a. auch _Fischer_, Schwäb. W.-B. III, Sp. 607, der jedoch ausdrückl. bemerkt, daß in Schwaben das Wort (das z. B. auch die Tübinger Studenten gebrauchen) aus der Schriftsprache aufgenommen sein müßte, da das Partiz. zu »wenden« schwäb. _g(e)wend(e)t_ heißt.]

anpacken, _schniffen_ (daher: _schniff' ihn_ = pack' ihn)[197] [63.115]

anreden, ansprechen, _andiberen_[198]

ansagen, _anschmusen_[199]

[Fußnote 197: ([47] auf S. 63.115) S. anfassen.]