Part 8
Das (in der Verbindg. _grandich[er] Flederling_ enthaltene) Adj. _grandich_ (oder _grandig_) hat außer der häufigsten und allgemeinsten Bedeutung »groß« noch folgende: bedeutend, begütert, dick, erwachsen, gewichtig, hoch, hochherzig, lang, mächtig, prächtig, reich, viel, voll, vorzüglich, endlich auch noch »wütend« (doch geht es in _diesem_ Sinne wahrscheinl. auf einen _anderen_ Stamm zurück; s. d. Näh. unten bei der »Etymologie« a. E.); mit vorgesetzter Verneinung (_nobis grandich_) ist es = wenig, winzig, als _Adverb_ gebraucht bedeutet es: oft (häufig), als _Subst._ (_Grandich_): Gewalt, Höhe. Der Komporat. _grandicher_ kommt nicht nur für »größer«, sondern auch für »mehr« (»mehrfach«, »vielmals«) vor. In _Verbindungn._ erscheint _grandich_: a) zuweilen mit einem _Zeitw._, so _grandich¶e¶ pflanzen_ (eigtl. etwa »den Großen spielen«) = hoffärtig (aufgeblasen, stolz, übermütig) sein (wogegen _grandich¶e¶r pflanzen_ nur durch »verlängern« wiedergegeben ist), viel häufiger aber natürlich: b) mit _Hauptwörtern_, und zwar in d. R. (und nicht selten in unmittelbarem Anschluß an die Zigeunersprache) als umschreibender Ersatz für Begriffe, für die es im Jenischen keine besonderen selbständigen Bezeichnungen gibt (vgl. »Vorbemerkung«, S. 17ff.), so [Griechisch: a]) für Sachen im weit. S. (einschl. z. B. Gebäude u. dergl.): _grandiche Jahre-_ od. _Krachersäftling_ (d. h. »große Waldtraube«) = Ananas, _grandiche Duft_ (d. h. »große Kirche«) = Dom (s. d. betr. d. Zigeun.), _grandicher Kies_ (d. h. »großer Stein«) = Felsen (s. d. betr. d. Zigeun.), auch Quaderstein, _grandiche Kitt_ (d. h. »großes Haus«) = Hof, _grandiche Kolbekitt_ (d. h. »großes Pfarrhaus«) = Kloster (s. d. betr. d. Zigeun.), _grandiche Schoflerei_ (d. h. »großes Gericht«) = Kreis- (Land-, Kriminal-) Gericht (s. betr. d. Zigeun. unter »Kreis-« u. »Kriminalgericht«), _grandicher Sins-Obermann_ (d. h. etwa »des großen Herrn- [des Landesherrn] Hut«) = Krone (s. d. betr. d. Zigeun.), _grandiche Lobekitt_ (d. h. »großes Geldhaus«) = Münze, Münzwerkstätte, _grandiche Hegerle_ (d. h. »große Knödel«) = Nudeln, _grandiche Kaflerkitt_ (d. h. »großes Metzgerhaus«) = Schlachthaus, _grandiche Schrende_ (d. h. »große Stube«) = Saal (s. d. betr. d. Zigeun.), _grandicher Spraus_ (d. h. »großes [langes] Holz«) = Stange (s. d. betr. Analog. im Zigeun.); ferner [Griechisch: b]) auch für — mehr od. weniger — _abstrakte Begriffe_; so: _grandich Flu(h)te_ (d. h. »großes« [od. größtes] Wasser) = Meer (vgl. schon oben S. 36, Anm. 126), _grandich Ulma_ (d. h. »viele Leute«) = Menge, _grandich Lanenger_ (»viele Soldaten«) = Heer (s. d. betr. d. Zigeun.), ferner _grandicher Funk_ (d. h. »großes Feuer«) = Feuersbrunst (s. d. betr. d. Zigeun.), _grandich Bogelo_ (d. h. »großer Hunger«) = Heißhunger, _grandich Begerisch_ (d. h. »großes [schweres] Siechtum«) = Schwindsucht, _grandich Schure_ od. _Sore_ (d. h. »viele Dinge«) = Reichtum, Überfluß, Vermögen; sodann [Griechisch: g]) für _Tiere_: so (außer _grandich[er] Flederling_ noch); _grandiche Gachne_ (d. h. »großes Huhn«) = Hahn, _grandich Jerusalemsfreund_ (d. h. »großes Schaf [Hammel]«) = Schafbock, _grandich Babing_ od. _Strohbuzer_ (d. h. »große Gans«) = Schwan (s. d. betr. d. Zigeun.); endlich [Griechisch: d]) für _Menschen_, und zwar: aa) nach deren _Eigenschaften_, wie _grandicher Kaffer_ (d. h. »großer Mann«) = Riese (s. d. betr. d. Zigeun.) bezw. _nobis grandicher Kaffer_ = Zwerg; zu vgl. auch die (wohl als partes pro toto für die Personen _selbst_ gebräuchl.) Bezeichngn. _grandicher Rande_ = Dickbauch, _grandicher Ki(e)bes_ = Dickkopf oder Starrkopf u. _grandicher Giel_ (Grandichergiel) = Großmaul (wobei noch zu erwähnen, daß _solche_ Verbindungen auch als Adjektive gebraucht vorkommen, s. z. B. _grandicher Rande_ = beleibt, wohlbeleibt, bes. auch schwanger, trächtig, _grandicher Muffer_ = großnasig; vgl. auch _grandich Sore_ (s. oben) = vermögend; bb) nach dem _Stande_ od. _Beruf_, wie z. B. _grandicher Sins_ (d. h. »großer Herr«) = Amtmann, Richter (s. d. betr. d. Zigeun.), aber auch Fürst, Herrscher u. dgl. m. (s. d. betr. d. Zigeun.), _grandicher Feberer_ (d. h. »großer Schreiber«) = Schriftgelehrter u. a. m. Auf die weiteren Beispiele _dieser Art_ ist — um Wiederholungen zu vermeiden — ausführlicher erst in der Anm. zu dem Worte »Bischof« eingegangen, da dort _Wittichs_ Bemerkung über die in seinem Jenisch eigentümliche Art steht, die Steigerung von Rangstufen durch Hinzufügung von _grandicher_ (als Komparativ) u. _grandich_ (als Superlativ) vorzunehmen (vgl. S. 101). Als bloße wörtl. Übersetzungen unserer deutsch. Bezeichnungen erscheinen natürlich _Grandicher-Patres_ u. _Grandichemamere_ = Großvater, -mutter. — _Zu vgl._ betr. _grandich_ (aus dem _verw. Quellenkr._): _W.-B. des Konst. Hans_ 256, 259 (_grandig_ = gewaltig, stark); _Schöll_ 271 (_grandig_ = groß, stark, viel); _Pfulld. J.-W.-B._ 339, 340, 342, 344, 345 (_grandig_ = groß, _grandiger Kanoffer_ od. _Gschor_ = »Erzdieb«, _grandiges Schuberle_ od. _Balderle_ = Gespenst, _grandig Flotte_ = Meer, _grandige Kehr_ = Schloß [Gebäude], _grandige Duft_ [od. _Kangeri_ (aus dem Zigeun.)] = Tempel); _Schwäb. Händlerspr._ 481 (_grandig_ = groß); auch dem _Metzer Jenisch_ (216) bekannt. Der _Etymologie_ nach geht das (schon zu Beginn des 17. Jahrh. im Rotw. auftretende) Wort wohl unmittelbar auf roman. Ursprung, und zwar noch eher auf das italien. _grande_ als auf das französ. _grand_, zurück. S. Näh. in _Groß'_ Archiv Bd. 38, S. 270 (unter »Sens«) u. dazu noch _Weber-Günther_, S. 173 (unter »garant«) sowie _Fischer_, Schwäb. W.-B. III, Sp. 790. Nur in dem Sinne »wütend« — wozu das bes. in der bayr. Mundart allgemeiner gebräuchl. _grandig_ = »mürrisch, verdrießlich, übel aufgelegt« u. dergl. zu vergleichen ist — dürfte es wohl auf einen _anderen_ Stamm zurückgehen. S. dazu d. Näh. bei _Fischer_, a. a. O. unter u. zu »grandig«, Nr. 2, c verbd. mit _Schmeller_, Bayer. W.-B. I, Sp. 1003 (unter »Grand«) sowie Sp. 999 (unter »grennen«).]
Affe, _Schure_[166] [63.102]
Affengesicht (Fastnachtsmaske), _Ni(e)sichegiel_, auch _Nilliche-_ od. _Nuschichegiel_ (d. h. »närrisches Maul«)[167]
After, _Bos_[168], _Schmelzer_[169] [63.103]
[Fußnote 166: ([16] auf S. 63.103) S. abbiegen.]
[Fußnote 167: ([17] auf S. 63.103) Über die Adj. _ni(e)sich_, _nillich_ od. _nuschich_ s. d. Näh. schon oben unter »aberwitzig«. _Giel_ bedeutet: Maul (Schnauze), Mund (Lippe), dann auch allgemeiner (gleichsam als pars pro toto) Gesicht, Miene, Signalement (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeunerspr.). Andere _Zus._ bzw. _Verbdgn._ mit _Giel_ sind noch _Grandichergiel_ = Großmaul (s. dazu schon oben S. 100, Anm. 165), _Schmusichergiel_ = Plappermaul sowie _oberkünftiger Giel_ (d. h. eigtl. etwa »Obermaul«) = Gaumen (s. d. betr. Übereinstimmg. m. d. Zig., vgl. auch »Vorbemerkung«, S. 17). _Vielleicht_ dürften als Ableitungen von _Giel_ auch das Zeitw. _giele(n)_ (-la) = (sich) erbrechen, übergeben (auch als Subst. gebr.) u. das Adj. _gielerich_ = übel (»zum Übergeben [Erbrechen] schlecht« [Spr.]) betrachtet werden. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._ 338, 342, 345 (_Giel_ = Maul, _gillen_ = erbrechen, speien); _Schwäb. Händlerspr._ 4841 (_Gîl_ = Mund). Der _Etymologie_ nach gehört das (als rotw. schon im _Lib. Vagat._ [54] bekannte) Wort zu dem bereits mhd. _giel_ = »Maul, Rachen, Schlund« (s. _Lexer_, Mhd. Hand-W.-B. I, Sp. 1011; vgl. auch _Schmeller_, Bayer. W.-B. I, Sp. 892), bildet also »einen der nicht häufigen Fälle der Erhaltung von _Archaismen_ im Rotwelsch« (so: _Fischer_, Schwäb. W.-B. III, Sp. 651; vgl. auch schon _Wagner_ bei _Herrig_, S. 207 u. _Behaghel_ in d. Z. der Allg. Deutsch. Sprachver. Jahrg. 1905, Sp. 158). Das Zeitw. _gil(l)en_ = erbrechen usw. hat _Fischer_, a. a. O., Sp. 658 — freilich nur mit einen Fragezeichen — zu dem hebr. _gilla_ = »enthüllen« in Beziehung gesetzt.]
[Fußnote 168: ([18] auf S. 63.103) Als eine _Zus._ mit _Bos_ = After (Hinterer) könnte vielleicht aufgefaßt werden _Boslem_ = Exkremente (das wäre dann eigtl. — da _Lehm_ auch im _Wittich_'schen Vokabular für »Brot« vorkommt — soviel wie »Afterbrot«). Ebenso scheint ein gewisser Zusammenhang vorzuliegen zwischen _Bos_ u. dem Zeitw. _bosen_ od. _bosme_ = lecken, zu dem möglicherweise die Redensart _jann'_ _mei Bos_ = »leck mich (im A….)« (s. d. W.-B.) den Übergang gebildet hat. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 74 (_Bos_ = Podex [ganze Hinterseite]); _Schwäb. Händlerspr._ 485 (_Boß_ = Podex; vgl. dazu noch in _Pfedelb._ [211]: _muff mei Boß_ = »l. m. i. A.«). Die _Etymologie_ ist unsicher. _Fischer_, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1303 hat das hebr. _bōš_ = »sich schämen« herangezogen, jedoch nur mit einem Fragezeichen. Weniger gesucht erscheint es m. E., in _Bos_ zu erblicken nur eine Abkürzung (nach Art der sog. Aphärese) von der Zusammensetzg. _Schundbos_ u. ä. (wörtl. etwa »Kothaus«, zu _Schund_ = Kot u. dgl. [s. oben S. 41, Anm. 139] u. _Bos_ = Haus, älterer rotw. Form für _Bais_ u. ä., aus dem gleichbed. hebr. _bajit_ [vgl. Archiv, Bd. 38, S. 221, Anm. 1]), die sich zu Anfang des 19. Jahrh. in einzelnen Sammlungen der Gaunerspr. als Bezeichnung für den »Hinteren« findet (so z. B. bei _Karmayer_ 150 [neben _Schandbus_ (138)]; vgl. _Pfister_ 1812 [303: _Schonnboos_] u. _v. Grolman_ 58 u. 63 u. T.-G. 101 [_Schonboos_ u. _Schandbus_ od. _-buß_]).]
albern s. aberwitzig [63.104]
alljährlich, _jedes Ja(h)ne_ (d. h. jedes Jahr)[170]
alltäglich, _jeden Schei_ (d. h. jeden Tag)[171]
[Fußnote 169: ([19] auf S. 63.104) S. Abort.]
[Fußnote 170: ([20] auf S. 63.104) Dieselbe Ausdrucksweise haben auch die Zigeuner (s. _Liebich_, S. 139 u. 174: _hakko bersch_ [d. h. »jedes Jahr«] = alljährlich). — _Jane_ od. _Jahne_ = Jahr findet sich auch noch in den _Verbdgn._ _voriges Ja(h)ne_ = vorjährig u. _nobis dofs Ja(h)ne_ (d. h. eigtl. »kein gutes Jahr«) = Mißjahr (s. d. betr. d. Zigeunerspr.) u. in den Zus. _Ja(h)neschei_ = Jahrestag u. _Neuja(h)ne_ = Neujahr (Spr). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 94 (_Jone_ = Jahr, daher _Jone Gschok_ = Jahrmarkt); _W.-B. des Konst. Hans_ 257, 259 (_Jane_ = Jahr, _Jann_ = Jahre); _Pfulld. J.-W.-B._ 341 (_Jane_ = Jahr). Die _Etymologie_ bleibt zweifelhaft. _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 74 hat hingewiesen teils auf _Jam_ = Tag (in der Form _Jäm[m]chen_ = Jahr [s. dazu schon oben »Einleitg.«, S. 26, Anm. 70]), teils auf das hebr. _schānā_, jüd. _schōnō_ = Jahr, das auch in die Gaunerspr. eingedrungen ist (s. z. B. schon _Christensen_ 1814 [322: _Schone_], u. dann öfter bis zur Neuzeit [vgl. A.-L. 603 u. _Groß_ 492 (_Schono_, _-num_), _Rabben_ 121 u. _Ostwald_ 137 (_Schone_, _-num_)]). Jedoch erscheint es vielleicht am einfachsten, auch hier (gleichwie möglicherweise ja bei _Jäm[m]chen_) nur eine absichtliche Entstellung des Auslauts von »Jahr« anzunehmen.]
[Fußnote 171: ([21] auf S. 63.104) Auch diese Umschreibung ist bei den Zigeunern gebräuchlich (s. _Liebich_, S. 139 u. 174: _hakko diwes_ [d. h. »jeden Tag«] = alltäglich). — Das jenische _Schei_ (od. _Schein_) = Tag (wofür früher _Jamm_ gebräuchlich gewesen [vgl. oben »Einltg.«, S. 26, Anm. 70]), hat noch verschiedene Nebenbedeutungen, so: Helle (auch als Adj. gebr. = hell), Licht (Wachslicht, Kerze), Fackel (Wachsfackel), Ampel, Lampe, Laterne u. endlich Fenster. Mehrere dieser Bedeutungen begegnen auch in den _Zusammensetzungen_ mit dem Worte, so: a) = Tag (nur _ans Ende_ gestellt) in: _Nilliche-_(_Ni[e]siche-_ od. _Nuschiche-_)_schei_ = Fastnacht (vgl. oben S. 39, Anm. 132), _Ja(h)neschei_ = Jahrestag (vgl. oben Anmerkg. 170), _Bäzemeschei_ (eigtl. »Eiertag«) = Karfreitag (s. d. betr. Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr., vgl. auch »Vorbemerkung«, S. 18), _Brandlengschei_ (eigtl. »Kuchentag«) = Kirchweihe, _Flössleschei_ = Regentag, _Bossertschei_ (eigtl. »Fleischtag«) = Sonntag (vgl. schon oben S. 31, Anm. 119); b) = _Licht_ (od. _Lampe_): [Griechisch: a]) _vorangestellt_: in _Scheischure_ (eigtl. »Licht- [od. Lampen-] Ding«) = Docht u. _Scheinpflanzer_ = Lichtzieher; [Griechisch: b]) _ans Ende_ gestellt: in _Schuberleschein_ (d. h. »Gespensterlicht«) = Irrlicht (s. d. betr. die Zigeunerspr.), _Leileschei(n)_ = Nachtlicht, dann aber auch Mond u. Stern (vgl. dazu schon oben S. 37, Anm. 127); c) = _Fenster_: in _Scheiglansert_ = Fensterglas. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _W.-B. des Konst. Hans_ 255, (_Sch¶ai¶springer_ = »Diebe, die bei Tag stehlen«); übereinstimmend damit in der Bedeutg.: _Sch¶ein¶springer_ bei _Schöll_ 269, 270 u. im _Pfulld. J.-W.-B._ 345 (vgl. hier [339] auch noch _Prenzenschein_ = Feiertag, während _Schein_ — _ohne_ Zusatz — [337] so viel wie »Auge« bedeutet); _Schwäb. Händlerspr._ 487 vbd. mit 479, 480, 483 (_Schein_ = Tag, Nebenbedtgn.: Auge, Fenster, Licht; vgl. in _Pfedelb._ [214]: _Bichschein_ = Zahltag). In den übrigen rotw. Quellen findet sich _Schein_ für »Tag« (abges. von der oben erwähnten Zus.) m. Wiss. zuerst bei _Schintermicherl_ 1807 (288), für »Auge« zuerst bei _Pfister_ bei _Christensen_ 1814 (328), dagegen schon im _Basl. Glossar v. 1733_ (201) für »Glas«. Aus den Krämerspr. vgl. noch: _Pfälz. Händlerspr._ 438 (_Schainche_ = Auge, Fenster, Lampe), _Metzer Jenisch_ 216 (_Scheinche_ = Augen), u. _Winterfeld_. _Hausierspr._ 441 (_Scheincher_ = Fenster). Der _Etymologie_ nach gehört das Wort wohl zweifelsohne zu unserem gemeinsprachl. _Schein_ (in dem ursprünglichsten Sinne von »ins Auge fallende Helle«, mhd. _schîn_, ahd. _scîn_ = »Glanz, Helligkeit, Sichtbarkeit« usw. (s. _Weigand_, W.-B. II, Sp. 690/91); vgl. auch A.-L. 597. Über das stammverwandte _Scheinling_ = Auge s. das Näh. unter »Augapfel«.]
Almosen, _Dercherbich_ (d. h. »Bettelgeld)«[172] [63.105]
Amme, _Schwächerlemamere_ (d. h. »Brustmutter«)[173]
[Fußnote 172: ([22] auf S. 63.105) Dieselbe Umschreibung kennt auch die Zigeunersprache; s. _Liebich_, S. 145 u. 174 (_mangamáskero lowo_, d. h. eigtl. »Bettelgeld« = Almosen). — Betr. _Dercher-_ s. das Näh. unter »abbetteln«. Das jenische _Bich_ = Geld (Geldstück, Kupfergeld), Münze, dann auch Barschaft, Gehalt (Sold), Summe kommt in mancherlei _Zusammensetzgn._ vor, so a) _am Anfang_ stehend: [Griechisch: a]) für Personen: in _Bichsins_ = Bankier, aber auch Münzmeister, u. _Bichschenegler_ = Münzarbeiter (auch wohl _Bichpflanzer_, argum.: _Bichpflanzerskitt_ = Münzwerkstätte, vgl. auch noch die Umschreibg. _nobis dufter Bichpflanzer_ [d. h. eigtl. »kein guter Geldmacher«] = Falschmünzer); [Griechisch: b]) für Sachen: _Bichkitt_ = Bankhaus, _Bichschure_ = Geldkasse od. -kasten, _Bichrande_ = Geldsack; b) _ans Ende_ gesetzt: (außer in _Dercherbich_ noch) in _Stradebich_ = Chausseegeld (Pflaster-, Wegegeld), _Schenagelsbich_ = (Arbeits-) Lohn, _Duftbicht_ (eigtl. »Kirchengeld«) = Opfergeld, _Kritzlerbich_ = Papiergeld. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): nur _Schwäb. Händlerspr._ 481 (_Bich_, _Pich_ od. _Spich_ = Geld; dazu [in _Pfedelb._ (214): _Bichschein_ = Zahltag]); die _Pfälz. Händlerspr._ 438 hat die Form _Pech_. Über sonstige Belege im Rotwelsch usw. (wo die Form _Pich_ od. _Picht_ — neben _Bicht_ — vorwiegt) sowie die (nicht sichere) _Etymologie_ des Wortes s. Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 33, S. 279, 280 u. Anm. 1 u. 2 (im Anschluß an A.-L. 583 [unter »Pich«]). — _Fischer_, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1094 gibt keine Erklärung.]
[Fußnote 173: ([23] auf S. 63.105) Auch hiermit (wie schon in der »Vorbemerkung« S. 18 erwähnt) sachlich übereinstimmend die Zigeunerspr.; s. _Liebich_, S. 174 (_tschutschĭnéngĕri_ _dai_, d. h. »die Brustmutter« = Amme; doch wird _dai_ dabei auch wohl weggelassen [s. S. 166, vgl. auch _Finck_, S. 93]). Das jenische Wort _Schwächerle_ = Brust (bes. Weiberbrust), bei Tieren = Euter (daher _Horbogen-_, _Trabert-_, _Groenikelsschwächerle_ = Kuh-, Pferdeeuter, Schweinezitzen), dann auch = Herz, geht zurück auf das Zeitw. _schwächen_ = trinken (saufen, zechen), aber auch = dursten (in der Wendg. _mich schwächert's_). Zu _ersterer_ Bedtg.: _geschwächt_ = betrunken, berauscht, _halbgeschwächt_ = halbtrunken sowie die _Zus._: _ausschwächen_ = austrinken (aber _schwäch' [a]uf_ = trink' aus), _beschwächen_ = betrinken, _ver-_ u. _vorschwächen_ = ver-, vortrinken. Zu beachten ist, daß das (_un_verkleinerte) Subst. _Schwächer_ nur so viel wie »Rausch, Trunkenheit« (auch wohl »berauscht, betrunken«) bedeutet (vgl. »Vorbemerkg.«, S. 13, Anm. 33). Weitere _Ableitungen_ (von _schwächen_) sind dann noch: d. Adj. _schwächerich_ = durstig (Spr.), als Subst. = Durst, u. d. Subst. _Schwäche_ = Tränke, Viehtränke (daher _Trabertschwäche_ = Pferdetränke), _Schwächet_ = Getränk, _Schwächerei_ = Sauferei, Trank, Trinkgelage, Zeche. _Zusammensetzgn._ mit dem Stamm _schwäch-_ (des Zeitworts _schwächen_) sind endlich: _Schwächglansert_, _-nolle_, _-schottel_ = Trinkglas, -schale, -schüssel, alle drei aber auch (allgemeiner) = Trinkgefäß. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 91 u. 100 (_schwächen_ = trinken, _Dobrisch schwächen_ = Tabak rauchen; _es schwächet mich_ = es dürstet mich); _W.-B. des Konst. Hans_ 255, 256, 258, 259 (_schwäche[n]_ = trinken, _z' Schwächet steken_ = zu trinken geben, _Dow're schwäche_ = Tabak rauchen; _es schwächert mi_ = es durstet mich); _Schöll_ 271 (_schwächen_ = trinken, _Schwächer_ = Durst); _Pfulld. J.-W.-B._ 337, 339, 343, 345 (_schwächen_ = trinken, saufen, aussaufen, _verschwächen_ = versaufen [verdr.: erlaufen], _Schwäche_ od. _Schwächer_ = Rausch, _Schwächerei_ = Trunkenheit); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 67, 68, 76 (_schwächen_, _ausschwächen_, _Schwäche_ = Trunk; _Schwäche¶m¶_ = Durst); _Schwäb. Händlerspr._ 487 (_schwächen_, in _Pfedelb._ [208, 209, 212-14]: _ausschwächen_, ferner _Schwäche_ = Trank, _Schwächem_ = Durst, _Schwächere_ = Wirtshaus, _schwecherisch_ = durstig, _Schwächbruder_ = Saufbruder, in _Lütz._ [215] _Schwächer_ = Rausch). Vgl. noch _Metzer Jenisch_ 216, 217 (_schwäche_ = trinken, _beschwächt_ = betrunken). Zur (nicht sicheren, aber vermutl. auf das Hebr. zurückzuführenden) _Etymologie_ s. ausführl. _Groß'_ Archiv, Bd. 43, S. 42 ff. (unter »Schwächer«); vgl. auch _Weber-Günther_, S. 169 (unter »Schwäche«). —
Das zweite (in der Zus. _Schwächerlemamere_ enthaltene) Wort, _Mamere_ = Mutter, findet sich auch noch in der Verbindg. _Patres_ (d. h. Vater) _und Mamere_ = Eltern (s. d. betr. d. Zigeunerspr., die ebenfalls kein eigenes Wort für »Eltern« hat [vgl. auch »Vorbemerkung«, S. 17, Anm. 44]) sowie in den folgenden _Zus._: a) _am Anfang_ stehend: _Mamereglied_, das drei Bedeutgn. hat, nämlich [Griechisch: a]) Oheim (als »Mutterbruder«), [Griechisch: b]) Tante (als »Mutterschwester«), [Griechisch: g]) Neffe (v. mütterl. Seite her; vgl. zu [Griechisch: a] u. [Griechisch: b] betr. die Überstimmg. mit d. Zigeun. Näh. unter »Oheim« u. »Tante«), weiter _Mameregroenikel_ = Mutterschwein; b) ans _Ende_ ges.: _Grandichemamere_ = Großmutter, _Kittmamere_ = Hausmutter, _Schoflemamere_ (eigtl. »schlechte Mutter«) = Stiefmutter. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 96 (_Mam¶ai¶re_ = Mutter), _Schöll_ 271 (_Ma¶mm¶ere_); _Pfulld. J.-W.-B._ 342 (_Mamere_); _Schwäb. Händlerspr._ 484 (wie _Schöll_). Zur _Etymologie_: Nach _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1432 ist das (auch sonst noch im Rotw. vorkommende) Wort — wie übrigens auch schon _Schöll_ 271 vermutet hat — wohl ohne Bedenken herzuleiten vom französ. »_mamère_«. Eine Heranziehung der Zigeunersprache ist daher nicht nötig, wie denn z. B. auch die _Sulzer Zigeunerliste v. 1787_ (251) ausdrückl. das rotw. _Mammere_ dem gleichb. zigeun. _Mamma_ (vgl. _Finck_, S. 71: _máma_) gegenübergestellt hat.]
Ampel, _Schei_ (d. h. mehr das Licht in der Ampel als diese selbst)[174] [63.107]
Amsel, _Schallerfläderling_ (d. h. eigtl. nur Singvogel; vgl. Kanarienvogel)[175]
Amtmann, _grandicher Sins_[176]
Amtsdiener, _Bu(t)z_[177]
[Fußnote 174: ([24] auf S. 63.107) Auch die Zigeunerspr. hat _denselben_ Ausdruck (_momĕlin_) für Licht (Fackel, Kerze) u. Ampel (Lampe, Leuchter); s. _Liebich_, S. 147, 174, 196, 214, 218 u. 219. Im übrigen s. über _Schei(n)_. Näh. schon oben unter »alltäglich«.]
[Fußnote 175: ([25] auf S. 63.107) S. unter »absingen« u. »Adler«.]
[Fußnote 176: ([26] auf S. 63.107) Auch die Zigeunersprache kennt (wie schon in der »Vorbemerkung«, S. 17 erwähnt) diese Umschreibung (eigtl. »großer Herr« für »Amtmann« u. dergl. (s. _Liebich_, S. 127 u. 174: _bāro rai_; vgl. auch _Jühling_, S. 225 [= »Bezirksamtmann«]), desgl. für die Bedeutgn. »Richter«, »Herrscher« u. »Oberherr« (s. d. Vork. im W.-B.), während für die weiteren Bedeutgn. »Fürst« u. »Landesherr« bes. Benennungen bestehen. Über _grandich Sins_ = König (fem. _grandich Sinse_) — wobei _grandich_ als Superlativ zu betrachten — s. d. Näh. noch unter »Bischof«; vgl. auch schon »Vorbemerkung«, S. 17, Anm. 42. _Zusammensetzgn._ mit _Sins_ (od. Sens) = Herr (Edelmann, Gebieter [vgl. fem. _Sinse_ od. _Sense_ = Herrin (Dame, Edeldame) u. d. Dimin. _Sinsle_ = Junker]) sind: a) _im Anfang_: _Sinsekitt_ = Herrenhaus, Herrschaftshaus u. _Sinseschrende_ = Herrenzimmer, während in _Sinsemoss_ = Herrin (Dame, Edeldame) und _Sinsemodel_ = Fräulein doch wohl eher das fem. _Sinse_ steckt; b) _am Ende_ (beliebt bes. als Berufsbezeichngn.): _Begersins_ = Arzt (Doktor), Wundarzt (u. dazu _schofler Begersins_ = Quacksalber, vgl. auch oben S. 98, Anm. 157), _Bich-_, _Kies-_, _Lobesins_ = Bankier (_Bichsins_ auch = Münzmeister), _Fehtesins_ = Quartierherr (fem. _-sinse_ = Quartierfrau), _Sturmkittsins_ = Ratsherr, _Dupfsins_ = Wundarzt, _Näpflingsins_ = Zahnarzt. _Zu vgl._ (aus d. _verw. Quellenkr._): _W.-B. des Konst. Hans_ 254, 259 (_Sinz_ = Herr, _Sinst_ = der regierende Herr); _Schöll_ 272 (_Sens_ = Herr); _Pfulld. J.-W.-B._ 338, 340, 341 (_Sens_ = Herr, _Obersens_ = Beamter, _Senserei_ = Herrschaft, Kanzlei); _Schwäb. Händlerspr._ 482 (_Sens_ = Herr, in U. [213] = Amtsrichter [in _Pfedelb._ (208) dafür: _Seetzer_] u. _Senserei_ = Amtsgericht). Über weitere Belege im Rotw. seit d. 15. Jahrh. (woraus hier bes. erwähnt sei, daß _grandiger Sims_ für »Amtmann« od. »Edelmann« schon bei _A. Hempel_ 1687 [168] vorkommt) sowie über die nicht sichere) _Etymologie_ s. ausführl. _Groß'_ Archiv, Bd. 38, S. 269ff (unter (»Sens«).]
[Fußnote 177: ([27] auf S. 63.107) _Bu(t)z_ bedeutet bes. auch noch Büttel, Polizeidiener, Polizist. Eine _Verbindung_ damit ist _grandicher Bu(t)z_ = Polizeiwachtmeister und (als nochmal. Steigerung) _grandich Bu(t)z_ = Polizeidirektor (s. dazu das Näh. noch unter »Bischof«). _Zusammensetzgn._ damit sind: a) _am Anfang_: _Bu(t)zekeiluf_ od. _-kib_ = Polizeihund; b) _am Ende_: _Dofes-_, _Kittle-_ oder _Lekbu(t)z_ = Gefangenwärter. Eine _Ableitung_ ist: _Bu(t)zerei_ = Polizei (dazu weiter die _Zus._ _Bu[t]zereikitt_ = Polizeiamt). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._ 338 (_Butz_ = »Bettelvogt«); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 63, 73 (_Buz_ = Polizei, _verdeckter Buz_ = Geheimpolizist): _Schwäb. Händlerspr._ 485 (_Butz_ od. _Betz_ [in _Pfedelb._ (212): auch _Buz_] = Polizist; vgl. in _Lütz._ [215]: _Grünlingsbutz_ = Waldhüter). Vgl. auch _Pfälz. Händlerspr._ 437 u. _Metzer Jenisch_ 216 (_Buts_ bzw. _Butz_ = Polizist). Zur _Etymologie_ des (rein deutschen) Wortes sowie über seine sonstigen Belege im Rotw. (in der Form _Putz_ schon seit d. Mitte des 18. Jahrh.) s. ausführl. _Groß'_ Archiv, Bd. 42, S. 10ff u. zu vgl. dazu etwa noch _Fischer_, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1571 (unter »Butz«, Nr. 3, b).]
Ananas, _grandiche Jahresäftling_ od. _gr. Krachersäftling_ (d. h. »die [63.108] große Waldtraube«, abzuleiten von _Säftling_ = Traube[178] und _Jahre_ oder _Kracher_ = Wald[179]). Mit _Jahre-_ od. _Krachersäftling_ werden fast alle beerenartigen Früchte bezeichnet (vgl. Anm. 178 im Anf.).