Die jenische Sprache

Part 6

Chapter 62,608 wordsPublic domain

abessen, _abbiken_, _abbutten_, _abkahla_[133]

[Fußnote 132: ([16] auf S. 63.39) Diese Ausdrücke werden wohl alle drei (am häufigsten aber die beiden ersten) als miteinander _gleich_bedeutend gebraucht, und zwar (außer in der obigen. Bedtg. noch) für: albern, blöde (= blödsinnig), dämlich, dumm, geisteskrank, irrsinnig, läppisch, närrisch, schwachsinnig, töricht, unklug, unsinnig, unvernünftig, unverständig, wahnsinnig. _Zusammensetzungen_ damit sind: _Nillicheschei_ od. _Ni(e)sicheschei_ (d. h. eigtl. »närrischer [oder Narren-] Tag«) = Fastnacht (s. d. betr. Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr.) und _Nillichegiel_, _Ni(e)siche-_ und _Nuschichegiel_ (d. h. eigtl. »närrisches Maul, Gesicht«) = Fastnachtsmaske, dann einerseits noch spezieller = »Affengesicht« (s. d.) als Bezeichnung einer besonderen Art von Fastnachtsmasken, andererseits allgemeiner = Larve oder Maske überhaupt. Die genannten Adjektive sind _Ableitgn._ von den Hauptw. _Nille_, _Ni(e)se_, _Nusche_ = Dummkopf (dummer Mensch), Geck, Narr, Tor, Tropf (dazu die _Zus._: _Nille-_ od. _Ni[e]sekitt_ = Irrenhaus [Narren-, Tollhaus] u. _Nille-_ od. _Ni[e]seki[e]bes_ = Tollkopf). Eine weitere (substant.) _Ableitg._ von _Nille_, _Ni(e)se_, _Nusche_ ist endlich _Nillerei_, _Ni(e)serei_ od. (seltener) _Nuscherei_ = Blödigkeit (d. h. Blödsinn), Dummheit, Kinderei, Irrsinn, Wahnsinn. _Zu vergl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 96 (_Nille_ = Narr); _ebenso_: _Schöll_ 271 u. _Pfulld. J.-W.-B._ 342 (hier [339] ferner das Adj. _nilli_ = einfältig). Zur _Etymologie_: Nach _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 2082 (unter »Nülle« I) ist _Nülle_ (od. _Nille_) = Narr, Dummkopf usw. identisch mit _Nolle_ = dicker Mensch, Einfältiger, das wohl zu _Knoll(en)_, schwäb. auch _G'noll_, _Noll_ = »rundlicher harter Körper«, »zusammenhängende runde Masse« (schon mhd. _knolle_ = »Erdscholle, Klumpen« _und_ »grober, plumper Mensch«; vgl. ahd. _hnol_ = »Erhöhung«, angels. _cnoll_ = »Bergspitze«, engl. _knoll_ = »Hügel«) gehört; s. _Fischer_, a. a. O., Sp. 2055 (unter »Nolle«, Nr. 3) vbd. mit Sp. 541 (unter »Knoll[e(n)]«, bes. Nr. 3c) u. _Weigand_, W.-B. II, Sp. 1080 (unter »Knollen«). Schon A.-L. 578 hat _Nille_ = »Narr, Geck, Spaßmacher« und »penis« gleichfalls auf »Knolle« zurückgeführt. Auch bei der letzteren Bedeutung, die (neben der selteneren von »vulva«) auch sonst volkstümlich ist (s. _Müller_ in d. »Anthropophyteia«, Bd. VIII, S. 4 u. 10, u. _Günther_, ebds. Bd. IX, S. 31, Anm. 2 vbd. mit _Grimm_, D. W.-B. VII, Sp. 980), handelt es sich wohl um dasselbe Wort, denn _Grimm,_ a. a. O. leitet es zwar zunächst von dem Zeitw. _nollen_ (od. _nullen_) = »futuere« her, stellt dieses aber zum mhd. _nol_ = »mons Veneris« (s. Näh. a. a. O., Sp. 879 unter »nollen«). Überhaupt werden die Begriffe »Dummkopf« u. »penis« öfter ja durch denselben Ausdruck wiedergegeben (vgl. z. B. _Schmeller_, Bayer. W.-B. II, Sp. 642 betr. d. Wort »Schwanz«). — Die Bezeichnung _Niese_ = Dummkopf hat _Fischer_, a. a. O., IV, Sp. 2044 vbd. mit Sp. 2050 zu _Nise_ als Kurzform des Eigennamens _Dionysius_ — freilich nur mit einem Fragezeichen — in Verbindung gebracht. Über _Nusche_ wage ich keine Vermutung aufzustellen.]

[Fußnote 133: ([17] auf S. 63.39) S. Abendessen.]

[Fußnote 134: ([18] auf S. 63.39) Das Zeitw. _ruadle(n)_ (-la, ruedle) = fahren ist auch noch enthalten in den _Zus._ _aus-_, _darüber-_, _ein-_, _heraus-_, _nach-_, _um-_ u. _wegruadle(n)_. Es gehört zu dem Subst. _Ruadel_ (od. _Ruedel_) = Wagen, bes. Fahrzeug auf dem Lande, Karren. _Zu vergl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Schwäb. Händlerspr._ 488 (_Rudel_ = Wagen). Das in älteren rotw. Quellen vorkommende Zeitw. _rodeln_ (s. z. B. auch _W.-B. des Konst. Hans_ 259 u. _Schöll_ 272) dürfte wegen seiner Bedeutung (»führen, mit sich führen«) nicht ohne weiteres zum Vergleiche herangezogen werden, jedenfalls dagegen aber _gradeln_ od. _radeln_ = fahren, das z. B. _Schintermicherl_ 1807 (288) u. _Karmayer_ 63 u. 129 haben. Denn seiner _Etymologie_ nach ist das Zeitw. _ruadle(n)_ wohl nur aufzufassen als eine dialektische Färbung von »radeln« (s. dazu _Günther_, Rotw., S. 98, 99, Anm. 118), ebenso wie _Ruadel_ (_Ruedel_) eine solche von »Radel«, Dim. von »Rad«, sein dürfte. Über das Symn. _Rädling_ (-leng) s. Näh. unter »Eisenbahnwagen«.]

abfahren, _abruadlen_[134] [63.40]

abfallen (abwerfen), _abbohlen_[135]

abgeben, _abdogen_ (gib's ab = _dog's ab_)[136]

abgehen (abspringen), _abbosten_[137], _abpfichen_[138]

[Fußnote 135: ([19] auf S. 63.40) Das Zeitw. _bohle(n)_ (-la) = fallen, werfen (Spr.) kommt noch vor in den _Zus._ _ab-_, _auf-_, _einbohlen_ (= einstürzen), _hin-_, _nach-_, _nieder-_, _umbohlen_. _Zu vergl._ (aus d. _verw. Quellenkr._): _Schwäb. Händlerspr._ (in _Pfedelb._ [209, 210]: _bohlen_ = fallen, _nausbolen_ = hinauswerfen). Für »werfen« ist _bohlen_ auch in rotw. Quellen des 19. Jahrh. bekannt (s. z. B. _Pfister_ bei _Christensen_ 1814 [317]; _v. Grolman_ 10 u. T.-G. 133; _Karmayer_ G.-D. 192). _Etymologie_: Nach _Fischer_, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1271 handelt es sich um ein schwäbisches Wort mit der Grundbedeutung »rollen, im Bogen werfen«, ahd. _bolôn_, mhd. _boln_ = »rollen, werfen, schleudern« (_Lexer_, Mhd. Hand-W.-B. I, Sp. 324), das _transit._ u. _intransit._ gebraucht wird, so daß daraus auch die Bedeutg. »fallen« entstehen konnte. Über das stammverwandte _Bolle_ = Kartoffeln s. unter »Bratkartoffeln«.]

[Fußnote 136: ([20] auf S. 63.40) Das einfache _dogen_ (-ga), auch _doken_, kommt vor in dem Sinne von: a) geben (hergeben); b) beschenken; c) schlagen (hauen, fechten). Zu der Bedeutg. unter a) gehören (außer _abdogen_ [s. auch unter »abliefern«]) die _Zus._ _aus-_, _heraus-_ u. _vordogen_ = aus-, herausgeben und vorschießen (leihen), zu der unter c): _zudogen_ = zuschlagen sowie das Subst. _Dokschure_ (eigtl. »Hauding«) = Hacke (s. d. betr. die Übereinstimmung mit der Zigeunerspr.). Als _Ableitg._ ist wohl anzusehen _Doge_ = Schläge (falls nicht etwa = _Doge[n]_ als subst. Zeitwort). In dem bes. _verw. Quellenkreise_ ist das Wort m. Wiss. unbekannt, dagegen kommt es sonst vereinzelt vor im Rotw. des 19. Jahrh. (s. z. B. _v. Grolman_, _Akt. Gesch._ 1813 [312: _Koberment gedockt_ = Schläge gegeben] u. W.-B. 16 u. T.-G. 95 u. 118 [_docken_ = geben, schenken]; _Christensen_ 1814 [320, 331: _tocken_ = geben, _die Vehm tocken_ = die Hand geben]; _Karmayer_ 30 [_docken_ = reichen, geben) sowie in d. _Krämerspr._ (s. _Eifl. Hausierspr._ (491: _geduckt_ = gegeben). Die _Etymologie_ bleibt unklar. Auch _Fischer_, Schwäb. W.-B. II, Sp. 241 (unter »docke[n]«) gibt keine Erklärung.]

[Fußnote 137: ([21] auf S. 63.40) Das Zeitw. _bosten_ (wofür früher _holchen_ gebräuchl. [s. oben »Einltg.«, S. 26]) = gehen, fliehen, folgen, kommen, laufen, spazieren (gehen) kommt noch vor in den _Zus._: _aufbosten_ = auflaufen, _ausbosten_ = ausgehen, auslaufen, _darüberbosten_ = darübergehen, _ei'bosten_ = einlaufen, _herabbosten_ = herabgehen, -laufen, _hinausbosten_ = hinausgehen, _nachbosten_ = nachfolgen, _umher-_, _unterbosten_ = umher-, untergehen, _verbosten_ = verlaufen, _wegbosten_ = weglaufen, _zurückbosten_ = zurücklaufen; ferner in den _Verbindungen_: _schiebes bosten_ = davongehen, sich entfernen, entspringen, entweichen, fliehen, fortgehen (früher dafür _malochen_ [s. »Einltg.«, S. 27]), _schenzieren bosten_ = hausieren gehen, _Jahre bosten_ = jagen (eigtl. [in den] Wald gehen [um zu jagen]), _begerisch bosten_ = lahm gehen, _ins Sauft bosten_ (eigtl. »ins Bett gehen«) = niederkommen, _grandiche Rande bosten_ (eigt. »[mit einem] dicken Bauch gehen«) = schwanger gehen, endl. noch in der längern Umschreibung _Flu(h)te bostet mer herab_ = ich schwitze (s. darüber schon oben S. 36, Anm. 126 vbd. m. S. 17, Anm. 44). Eine _Ableitg._ ist das Subst. _Boster_ = Läufer. _Zu vergl._ (aus d. _verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._ 337, 339, 340, 342 (_posten_ = gehen, _boschen_ = laufen, _auspostet_ = ausgelaufen, _durchbosten_ = durchlaufen, _verposten_ = entfliehen); _Schwäb. Händlerspr._ 481 (_pō̆schten_ [in _Pfedelb._ (210): _boschten_] = gehen, _pl[^æ]te poschten_ [in _Pfedelb._ (209): _boschten_] = fortgehen, durchgehen, in _Pfedelb._ [208/9]: _naus-_ u. _abboschten_ = auslaufen u. durch- od. fortgehen). — Die Form _boschen_ (bôschen) = gehen hat auch schon _v. Grolman_, _Akt. Gesch._ 1813 (312) u. W.-B. 11 u. T.-G. 96, das Subst. _Boster_ findet sich in der Zus. _Leili-Boster_ = Nachtdieb bei _Pfister_ bei _Christensen_ 1814 (325). _Etymologie_: Nach _Fischer_, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1318 bedeutet _poste(n)_ (bošte) im Schwäb. »herumlaufen, kleine Aufträge besorgen« u. ä., eigentl. soviel wie »Postgänge machen«, so daß es also zu unserem Lehnwort _Post_ (aus dem ital. _posta_, mlat. _posta_ = »[Post-] Standort«, aus _posita_, zu lat. _ponere_ [s. _Weigand_, W.-B. II, Sp. 456, vbd. m. _Seiler_, Lehnwort III, S. 186) gehört. Näheres (auch über andere südd. Mundarten) s. ebds. vbd. mit _Grimm_, D. W.-B. II, Sp. 267 (unter »besten«) u. VII, Sp. 2025 (unter »posten«, Nr. 1)]

abgerahmte Milch, _abgeschunde Gleis_[139] [63.41]

abgeschlossen s. abschließen

[Fußnote 138: ([22] auf S. 63.41) Das Zeitw. _pfiche(n)_ = gehen, folgen findet sich noch in den _Zus._ _auspfichen_ = ausbrechen, _herabpfichen_ = herabgehen, _hinauspfichen_ = hinausgehen sowie in den _Verbindgn._ _schiebes pfichen_ = davongehen, fortgehen (entrinnen) und _schenzieren pfichen_ = hausieren gehen. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._ 337, 339, 340 (_pfichen_ = gehen [ausgehen, entfliehen, herumziehen]); _Schwäb. Händlerspr._ 481 (u. _Lütz._ [214] _pfiche[n]_ = gehen, _pficht_ = er ist fort). Die _Etymologie_ des Wortes (das bei _Fischer_, Schwäb. W.-B. nicht angeführt ist) bleibt zweifelhaft. Nur unsichere Hypothesen bei A.-L. IV, 245/46.]

[Fußnote 139: ([23] auf S. 63.41) a) Das in dieser Verbindung enthaltene Wort _Gleis_ = Milch kommt auch noch in folgenden Zus. vor: [Griechisch: a]) am _Anfang_ stehend: in _Gleisnolle_ = Melkfaß (oder Milchtopf, -napf), _Gleisschottel_ = Melkgefäß (eigtl. Milchschüssel), _Gleiskechelte_ = Milchbrötchen (Spr.), _Gleisglansert_ = Milchglas, _Gleisschnall_ = Milchsuppe und _Gleisschund_ (eigtl. »Milchdreck«) = Rahm oder Sahne (dem das obige _abgeschunde Gleis_ entspricht!; [Griechisch: b]) _am Ende_ stehend: _Schmunkgleis_ = Buttermilch. _Zu vgl._ (aus d. _verw. Quellenkr._) _Dolm. der Gaunerspr._ 96 (_Glais_); _Pfullend. J.-W.-B._ (_Gleis_; _Gleiskittle_ = Milchhaus, _Gleispolifska_ oder _-schnalla_ = Milchsuppe); _Schwäb. Händlerspr._ 484 (_Gleiß_); s. auch _Metzer Jenisch_ 216 (_Gleiss_). Zur _Etymologie_ des Wortes (höchstwahrscheinlich von unserem deutsch, _gleißen_, d. h. glänzen) sowie über weitere Belege im Rotw. usw. s. Näh. _Groß'_ Archiv, Bd. 33, S. 256, Anm. 2 verbd. mit Bd. 42, S. 49 (unter »Gleißer«); vgl. auch _Weber-Günther_, S. 177/78 (unter »Klais«) und _Fischer_, Schwäb. W.-B. III, Sp. 689. — b) Zu _abgeschunde_, das ein Zeitw. _abschunden_ voraussetzt, vgl. das ähnliche _einschunden_ = einsalben, einschmieren, während das einfache _schunden_ im W.-B. durch »austreten (schwer«), d. h. cacare, wiedergegeben ist. Es ist (gleich dem Adj. _schundich_ [schondich (Spr.)] = beschmutzt, dreckig, kotig, schmierig, schmutzig, trübe, unflätig, unreinlich, unsauber) _abgeleitet_ von dem Hauptw. _Schund_ od. _Schond_ = Dreck, Kot, Schmutz, Unflat, Unrat, auch spezieller noch Asche, Dünger (Mist), Exkremente, Lehm. Dazu die _Verbindg._ _näpfiger Schund_ = Kalk (worüber das Näh. schon oben S. 17) sowie mannigfache _Zusammensetzgn._, so: a) mit Sch. _am Anfang_: _Schundkitt_ = Abort, _Schundschottel_ = Aschenbecher, _Schundbolle_ = Kartoffeln (eigtl. etwa »Dreckknollen«), _Schundfurschet_ = Mistgabel, _Schundfläderling_ = Mistkäfer (eigtl. »Mistvogel«), _Schundsitzling_ = Nachtstuhl; b) mit Sch. _am Ende_: _Gleisschund_ = Rahm, Sahne (s. oben lit. a), _Flu(h)teschund_ (eigtl. »Wasserdreck«) = Schlamm, _Leilescheischund_ = Sternschnuppe (worüber Näh. schon oben S. 37, Anm. 127). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 89, 92, 93, 97 (_Schund_ = Exkremente, _Schund-Kitte_ = Abtritt, _Schompolle_ [dial. statt: Schundbolle] = »Grundbirnen«, d. h. Kartoffeln; _schunden_ = Notdurft verrichten; vgl. [90]: _beschunden_ = betrügen [also ähnl. wie unser »bescheißen« gebr.; vgl. _Weigand_, W.-B. I, Sp. 213]); _Pfulld. J.-W.-B._ 339, 341, 344 (_Schund_ = Dreck, Kot, Schutt; vgl. auch [342] _Schunplotzer_ = Maurer); _Schwäb. Händlerspr._ 479, 480, 482, 484, 486 (_Schund_ = Dreck, Schmutz, aber auch = Acker, Feld; _schundig_ = dreckig, schmutzig, _Schumbolle_ = Kartoffeln, _Schundplutzer_ oder _Schunplotzer_ [in _Degg._ (215): _Schundblozer_] = Maurer, in U. [214]: _schunde[n]_ = cacare, _beschunden_ [in _Lütz._ (214): _b'schunderle(n)_] = betrügen). S. auch noch _Metzer Jenisch_ 216 (_schunde_ = cacare und _Schund-Bais_ = Abtritt). Zur _Etymologie_ (vom deutsch. Stammwort »schinden«, daher Grundbedg. von Schund eigtl. »Abfall beim Schinden«) sowie über weitere rotw. Belege s. d. Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 47, S. 139.]

abkaufen, _abbaschen_[140], _abbikeren_[141], _abgremen_[142], [63.42] _abkemere_[143]

[Fußnote 140: ([24] auf S. 63.42) Das Stammwort ist _basche(n)_ = kaufen; vgl. _einbaschen_ (Spr.), _verbaschen_. _Ableitungen_ davon sind die Subst. _Bascher_ = Käufer, _Verbascher_ = Handelsbursche, _Verbaschere_ = Handelsfrau. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._ 337, 341 (_baschen_ = kaufen, _verbaschen_ = ausbieten); _Schwäb. Händlerspr._ 487 (_verpassen_ oder _verpschen_ = verkaufen). S. auch _Metzer Jenisch_ 217 (_verpasse_ = verkaufen). Zur _Etymologie_ sowie über weitere Belege im Rotw. (schon 1687: _verpassen_ = verkaufen) s. _Groß'_ Archiv, Bd. 43, S. 62 u. Anm. 1. Der dort (im Anschluß an _Schmeller_, _Paul_, _Kluge_ u. a.) vertretenen Ansicht, die das Wort _paschen_ (= schmuggeln usw.) vom französ. _passer_ oder ital. _passare_ (= »[die Landesgrenze] überschreiten«) herleitet (dafür auch z. B. _Seiler_, Lehnwort III, S. 101 u. Anm. 2), steht noch eine andere gegenüber, die _hebräischen_ Ursprung annimmt; s. darüber Näh. bei H. _Klenz_, W.-B. nach der neuen deutsch. Rechtschreibung, Leipzig 1904, S. 173, Sp. 3 und _Weigand_, W.-B. II, Sp. 379. _Fischer_, Schwäb. W.-B. II, Sp. 1261 (unter »verpaschen« u. »verpassen«, Nr. 4) hat keine Erklärung gegeben.]

ablesen, _abschurele_[144] [63.43]

abliefern, _abdogen_[145]

abmähen, _abschurele_[144]

abnagen, _abnäpfen_[146]

Abort, _Fu(h)lkitt_[147], _Schmelzkitt_[148], _Schundkitt_[149]

[Fußnote 141: ([25] auf S. 63.43) Stammwort: _bikeren_ = kaufen; _Ableitung_: das Subst. _Bikerer_ = Käufer. In den _verw. Quellen_ unbekannt, ebenso m. Wiss. auch sonst im Rotw. Auch über die _Etymologie_ läßt sich nichts Gewisses sagen; ein Zusammengang mit d. Adj. _bikerich_ (s. oben S. 37, Anm. 129) dürfte kaum anzunehmen sein.]

[Fußnote 142: ([26] auf S. 63.43) Mit dem Zeitw. _greme(n)_ = kaufen (erkaufen) sind noch gebildet die _Zus._: _ausgremen_ = auskaufen und _vergremen_ = handeln. Dazu die _Ableitungen_: _Gremer_ = Käufer (_Zus._: _Trabertgremer_ = Pferdehändler), _Vergremer_ = Handelsbursche, _Vergremere_ = Handelsmädchen (_Zus._: _Vergremerskaffer_ = Handelsmann, fem. aber _Vergremmoss_ [= Handelsfrau]). _Zu vgl._ (aus d. _verw. Quellenkr._): _Schwäb. Händlerspr._ 487 (_vergrimmen_ = verkaufen; in _Lütz._ [215]: _kremen_ = kaufen). Die _Etymologie_ ist unsicher. Auch _Fischer_, Schwäb. W.-B. II, Sp. 1200 (unter »verkräme[n]«) und Sp. 1202 (unter »verkrümme[n]« Nr. 2) gibt keinen näheren Aufschluß darüber.]

[Fußnote 143: ([27] auf S. 63.43) Stammwort: _kemere_ = kaufen; vgl. _verkemere_ = verkaufen, handeln. _Ableitungen_: _Kemerer_ = Käufer, Krämer (_Zus._: a) mit K. _vorne_: _Kemererskitt_ = Kauf- oder Krämerladen; b) mit K. _hinten_: _Trabertkemerer_ = Pferdehändler, _Groenikelkemerer_ = Schweinehändler), _Verkemerer_ = Verkäufer, Handelsmann, fem. _Verkemere_ = Handelsfrau (_Zus._ damit: _Verkemerers-Benk_ oder _-Fiesel_ = Handwerksbursche und _Verkemeresmodel_ [sic] = Handelsmädchen [aber _Verkemerskaffer_ = Handelsmann]). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._ 337, 341 (_kimmern_ = kaufen, _verkimmern_ = anbieten). Häufigere Belege im sonstigen Rotwelsch seit dem _Lib. Vagat_ (54, 55). S. Näh. darüber sowie über die (nicht ganz sichere) _Etymologie_ in _Groß'_ Archiv, Bd. 42, S. 58 (u. Anm. 1), 59 (unter »Kümmerer«). Nur Hypothesen bei _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 832, nach welchen d. Ausdr. »kaum zu beurteilen« ist. — Während _verkümmeln_ = verkaufen (s. _Schwäb. Händlerspr._ in _Pfedelb._ [215]) wohl bloß eine Weiterbildung von _verkümmern_ ist (s. auch _Fischer_, a. a. O., Sp. 123), sind dem Stamme nach davon zu sondern die Zeitw. _kündigen_ = kaufen (s. z. B. ähnl. schon: _Dolm. der Gaunerspr._ 94 [_künnigen_]) und _verkündigen_ = verkaufen (s. z. B. auch _Schwäb. Gauner- u. Kundenspr._ 77). Näh. hierüber im Archiv, a. a. O., S. 58, 59, Anm. 1; vgl. auch _Fischer_, a. a. O., Sp. 1204 vbd. mit Sp 1189 (unter »verkenne[n]«).]

[Fußnote 144: ([28] auf S. 63.43) S. abbiegen.]

[Fußnote 145: ([29] auf S. 63.43) S. abgeben.]

[Fußnote 146: ([30] auf S. 63.43) S. abbeißen.]

[Fußnote 147: ([31] auf S. 63.44) _Fu(h)lkitt_ bedeutet (ebenso wie _Schundkitt_) wörtl etwa »Kothaus«, zu _Kitt_ = Haus u. _Fu(h)l_ = Dreck, Kot (Exkremente), Mist. Weitere _Zusammensetzgn._ damit sind noch: a) mit _F. vorne_: _Fu(h)lnolle_ = Nachthafen; b) mit _F. hinten_: _Flu(h)tefu(h)l_ = Schlamm. _Ableitungen_ davon sind: das Subst. _Fu(h)lete_ = »Abweichung« (Diarrhöe) u. das Zeitw. _fu(h)la_ = »austreten (schwer)«, d. h. cacare. _Zu vergl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Schwäb. Händlerspr._ (_Lütz._ [214]: _fīle[n]_ = cacare, _Fīl-kitt_ = Abtritt, _Fīl-nolle_ = Nachttopf). Zur _Etymologie_ (vom zigeun. _fīl_ = Kot, Dünger u. dgl. [vgl. Einleitg. S. 29]), s. _Fischer_, Schwäb. W.-B. II, Spalte 1821 (unter »fīle[n]«) vbd. mit _Pott_ II, S. 391/92, _Liebich_, S. 135, 190, 216, _Miklosich_, Beiträge I/II, S. 10 u. Denkschriften, Bd. 26, S. 238/239 (unter »khul«) u. _Finck_, S. 58. Bei _Jühling_, S. 220 (unter »Chen«) ist auch _fuhlen_ (od fuhla) = »schwer austreten« als zigeun. angeführt. — _Kitt_ bedeutet Haus (Landhaus), ferner: Gebäude, Obdach, Wohnung, auch Käfig od. Stall (für Tiere). Das Dimin. _Kittle_ ist angeführt für: Gartenhaus sowie für Arrest, Gefängnis, Haft oder Kerker; dazu: _im Kittle_ = gefangen. Verbindungen mit _Kitt_ sind: _grandiche Kitt_ (d. h. »großes Haus«) = Hof u. _dofe Kitt_ (d. h. »schönes Haus« = Schloß (vgl. »Vorbemerkung«, S. 19, Anm. 49.) Sehr zahlreich sind die _Zusammensetzungen_, so a) mit _Kitt voran_: _Kittkaffer_ = Hausherr, _Kittpatris_ = Hausvater, _Kittmoss_ = Hausfrau, _Kittmamere_ = Hausmutter, _Kittschenegler_ (fem. _-ere_) = Hausknecht (-magd), _Kittkenluf_ od. _-kib_ = Haushund, _Kittglitschin_ = Hausschlüssel; b) mit _Kitt hinten_ (außer den obigen drei Synon. für Abort) noch: _Schenagelskitt_ = Arbeitshaus, _Dercherkitt_ = Armenhaus, _Bich-_ oder _Lobekitt_ = Bank (d. h. Bankhaus; dazu: _grandiche Lobekitt_ = »Münze«, d. h Münzwerkstätte, Syn.: _Bichpflanzerskitt_), _Ruechekitt_ = Bauernhaus, _Zschorkitt_ = Diebesherberge, _Schlumerkitt_ = Herberge, _Sinsekitt_ = Herren-(od. Herrschafts-)haus, _Finkelkitt_ = Hexenhaus, _Nille-_, _Ni(e)se-_ od. _Nuschekitt_ od. _Hegelkitt_ = Irrenhaus, Narrenhaus (vgl. auch »Tollhaus«), _Kemererskitt_ = Kauf- od. Krämerladen, _Nikel-_ od. _Schnurrantekitt_ = Komödien- od. Schauspielhaus (Theater), _Begerkitt_ = Krankenhaus (Siechenhaus, Spital) od. Leichenhaus (vgl. _grandich Begerkitt_ = Hospital, _Lanenger-Begerkitt_ [eigtl. »Soldaten-Krankenhaus«] = Lazarett), _Bommer-_ od. _Keifkitt_ = Leihhaus, _Kaflerkitt_ = Metzgerhaus (vgl. _grandiche Kaflerkitt_ = Schlachthaus), _Gallach-_ oder _Kolbekitt_ = Pfarrhaus (vgl. _grandich Kolbekitt_ = Kloster [s. d. betr. Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr.], _Buzereikitt_ = Polizeiamt, _Sturmkitt_ = Rathaus (s. Näh. unter dies. Wort), _Klasskitt_ = Schießhaus, _Plauderkitt_ = Schule (auch: Lehrerhaus), _Blibelkitt_ = »Stundenhaus« (d. h. »Versammlungshaus der Methodisten«), _Patriskitt_ = Vaterhaus, _Leilekitt_ = Wachthaus (wörtl. »Nachthaus«), _Pfladerkitt_ = Waschhaus, _Johlekitt_ = Weinhaus, _Schofelkitt_ = Zuchthaus. Während in allen diesen Fällen _Kitt_ mehr oder weniger die Bedeutg. von »Haus« im gewöhnl. Sinne des Wortes hat, erscheint es etwas spezieller gebraucht in den Ausdrücken _Gachne-_, _Stenzel-_ od. _Stiererkitt_ = Hühnerhaus, _Keiluf-_ od. _Kibekitt_, Hundehütte, _Fläderlingskitt_ = Vogelbauer u. _Luberkitt_ = Uhrgehäuse. Mit dem Dimin. _Kittle_ sind gebildet: a) im Sinne von »kleines Haus, Häuschen«: [Griechisch: a]) _am Anfang_: _Kittlekies_ = Backstein od. Dachziegel; [Griechisch: b]) _am Ende_: _Ruchekittle_ = Bauernhäuschen(Spr.), _Begerkittle_ (d. h.»Totenhäuschen«) = Sarg (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeun., vgl. schon »Vorbmrkg.«, S. 18); b) im Sinne von »Gefängnis« u. dergl.: _Kittlebuz_ = Gefangenwärter. _Zu vergl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 89-93, 97, 98, 101 (_Kitt_ = Haus u. _kittlen_ = schlafen; ferner schon mehrere _Zus._ mit _Kitt_ [Kitte], näml.: _Sefle-_ od. _Schund-Kitte_ = Abtritt, _Prinzen Kitt_ = Amtshaus, _Ruochen Kitt_ = Bauernhaus, _Kocheme-Kitt_ = Diebesherberge, _Sturmkitt_ = Rathaus u. _Baiskitt_ = Wirtshaus; mit _engerer_ Bedeutg. von K. noch: _Flotschen-Kitt_ = Fischkasten); _W.-B. des Konst. Hans_ 253-255, 257, 258 (_Zus._: _Ruoche-Kitt_ = Bauernhaus, _T'schorr-Kitt_ = Diebesherberge, _Gallacha-Kitt_ = Pfarrhaus, _Sturm-Kitt_ = Rathaus, _Baiserkitt_ = Wirtshaus, _Schofelkitt_ = Zuchthaus); _Schöll_ 272, 274 (_die Kitteren_ = die Häuser u. _Kitts_ = Herbergen [der »Stappler«]); _Pfulld. J.-W.-B._ 337, 338, 340, 342, 343, 345, 346 (_Kitt_ = Aufenhaltsort, Haus [Bauernhaus]; _Zus._: a) _mit Kitt_: _Bäkerischkitt_ od. _Bollerskitt_ = Krankenhaus, _Kollachekitt_ = Pfarrhaus, _Rauschkitt_ = Strohhaus, _Baiserkitt_ = Wirtshaus, _Schofelkitt_ = Zuchthaus; b) _mit Kit[t]le_: _Schmelzkittle_ = Abtritt, _Gleiskittle_ = Milchhaus); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 67, 69 (_Kittchen_ = Arrest, Gefängnis, _Kittchenbos_ = Arrestaufseher); _Schwäb. Händlerspr._ 479, 482, 488 (_Kitt_ = Haus, Arrest, _Kittle_ = Arrest, _Drîfekitt_ = Arrest od. Zuchthaus, in U. [213]: _Schmelzkitt_ [in _Pfedelb._ (213): _Schmelzkittle_] = Abtritt u. _Derches-_ od. _Mangkitt_ = Bettelhaus; in _Lütz._ [214]: _Fīl-Kitt_ od. _Schofel-Kitt_ = Abtritt [hier letzteres also in _anderem_ Sinne gebraucht als sonst üblich!]). S. noch _Pfälz. Händlerspr._ 438 u. _Metzer Jenisch_ 216 (_Kittche_ = Gefängnis bezw. Arrest). Die _Etymologie_ des Wortes (das schon im Rotwelsch des 17. Jahrh. auftritt [vgl. _Schütze_, S. 74, unter »Kittchen«]) ist noch _nicht_ sicher festgestellt (vgl. _Stumme_, S. 19 sowie _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 426), jedoch erscheint es wohl immer noch besser, _deutschen_ Ursprung zu vermuten (s. Näh. darüber bei _Günther_, Rotwelsch, S. 51 vbd. mit _O. Weise_ in d. Zeitschr. des Allgem. Deutsch. Sprachvereins, Jahrg. XVI [1901], Sp. 328; vgl. auch _Weber-Günther_, S. 177, unter »Kittche«) als (wie neuerdings z. B. wieder _Seiler_, Lehnwort IV, S. 491 u. Anm. 1 in Übereinstimmg. mit A.-L. 558 befürwortet hat) es herzuleiten von dem jüdischen _kissê_ = »Sitz, Sessel«, dessen _Form_ und engere _Bedeutung_ dagegen Bedenken erregen müssen.]