Die jenische Sprache

Part 5

Chapter 52,573 wordsPublic domain

b) _Bossert_ = Fleisch (auch speziell »Wellfleisch«), Braten, erscheint sehr beliebt in allerlei _Zusammensetzgn._ (oder _Verbindgn._) und zwar bes.: [Griechisch: a]) _ans Ende_ gesetzt, so: aa) für die Fleischarten _nach den verschiedenen Tieren_, wie: _Babingbossert_ = Gänsefleisch (_gesicherter Strohbutzerbossert_ = Gänsebraten), _Kibe(n)bossert_ = Hundefleisch, _Stupflengbossert_ = Igelfleisch, _Schmalerbossert_ = Katzenfleisch, _Horbogebossert_ = Kuh- oder Rindfleisch, _Hornikelbossert_ = Ochsenfleisch, _Trabertbossert_ = Pferdefleisch, _Groenikelsbossert_ = Schweinefleisch; ferner bb) für die _Art der Zubereitung_: _eingespronktes Bossert_ = Pökelfleisch, _Hitzlingbossert_ = Rauchfleisch, _Spronkertbossert_ = Salzfleisch, _Schwäzlingbossert_ = Schinken, _Schmunkbossert_ = Speck, _Rondlingbossert_ = Wurstfleisch; cc) für _menschl. Körperteile_: _Näpflingbossert_ = Zahnfleisch; dd) auch im _übertragenen Sinne_: _Koelebossert_ = »Teufelsbraten«; [Griechisch: b]) _am Anfang_ der Zusammensetzg. stehend; aa) für _Gerätschaften_, wie _Bossertschottel_ = Fleischbüchse, _Bossertnolle_ = Fleischhafen; bb) für gewisse _Speisen_: _Bossertblättling_ = Gulasch (eigtl. »Fleischsalat«), _Bosserträsling_ = Leberkäse; cc) _Bossertschei_, d. h. eigtl. »Fleischtag« = Sonntag (s. d. betr. die Übereinstimmung mit d. Zigeunerischen, vgl. auch »Vorbemerkung«, S. 18). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkreise_): _Dolm. der Gaunerspr._ 92, 99 (_Boser_ = Fleisch, Speck); _Pfulld. J.-W. B._ 339, 340, 341 (_Bosert_ = Fleisch, _Schwarzbosert_ = geräuchertes Fleisch, _B. von einem Horboge_ = Kalbfleisch); _Schwäb. Gauner- u. Kundenspr._ 69, 75 (_Bossert_ = Fleisch, _Schmunkbossert_ = Speck); _Schwäb. Händlerspr._ 480 (_Bosset_, _Bôser_ od. _Bôßert_ = Fleisch; dazu noch in _Pfedelb._ [209, 213] bes. _Graunikels-, Hobuchen-, Trappertbossert_ = Schweine-, Kuh-, Pferdefleisch u. _Schmunkbossert_ = Speck sowie in _Lütz._ [213]: _Flīse-bosert_ = Ente). Zur _Etymologie_ (vom hebr. _bsr_, jüd. _bôsôr_ = »Fleisch«) sowie über weitere Belege im Rotw. (seit d. 15. Jahrh.) s. _Groß'_ Archiv, Bd. 46, S. 10 u. Anm. 2; vgl. auch _Weber-Günther_, S. 154 u. _Fischer_, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1316.

c) _Mass_ (im wesentl. gleichbed. mit _Bossert_ gebraucht) erscheint nicht ganz so beliebt in _Zusammensetzgn._, doch findet es sich z. B. (am Ende) in verschiedenen Bezeichnungen von Fleischarten nach Tieren, wie _Babingmass_ = Gänsefleisch (_gesicherter B._ = Gänsebraten), _Tschuggel-_, _Stupfleng-_, _Horboge-_, _Trabertmoss_ = Hunde-, Igel-, Kuh-, Pferdefleisch. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkreise_); _Dolm. der Gaunerspr._ 92, 99 (_Mas_ = Fleisch, Speck); _W.-B. des Konst. Hans_ 245 (_Mass_); _Pfulld. J.-W.-B._ (nur in gewiss. Zusammensetzgn., z. B. [343] _Horboge-Maß_ = Ochsenfleisch); _Schwäb. Händlerspr._ 480 (_Maß_; _Maßfetzer_ = Metzger; in _Pfedelb._ [214]: _Mast_ = Wurst). Vgl. auch _Metzer Jenisch_ 216 (_Mās_ = Fleisch). Zur _Etymologie_: Am wahrscheinlichsten ist es, daß das Wort ins Rotwelsch und die verw. Geheimsprachen unmittelbar aus der Zigeunersprache eingedrungen ist (vgl. »Einleitg.« S. 30), welche _mas_ od. (in Deutschl.) _mass_ (schon altind. _māsa_) in gleicher Bedeutung kennt (s. die Angaben in _Groß'_ Archiv, Bd. 38, S. 257 unter »Masengero« und dazu noch _Finck_, S. 72); doch mag auch das tschechische, ebenfalls gleichbed. _maso_ mit eingewirkt haben. Über das (auf die gleiche indogerm. Wurzel zurückgehende) früher gemein-germanische, jetzt im wesentl. veraltete _Mass_ = »Speise« (»zugemessene, ausgeteilte Kost für die Hausgenossen«, schon ahd. u. mhd. _maz_ [vgl. _Lexer_, Mhd. Hand-W.-B. I, Sp. 2063], got. _mats_, angels. _mete_, engl. _meat_) s. Näh. bes. bei _Grimm_, D. W.-B. VI, Sp. 1721; vgl. auch _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1517 (unter »Mass« II, Nr. 1 u. 2).]

abbeißen, _abnäpfen_[120] [63.33]

abbetteln, _abdalfen_[121], _abderchen_[122]

[Fußnote 120: ([4] auf S. 63.33) Das Zeitw. _näpfen_ bedeutet: beißen, kauen, nagen (daher _abnäpfen_ auch = abnagen), auch jucken. Weitere _Zusammensetzgn._ damit sind (außer _abnäpfen_) noch _ausnäpfen_ = ausbeißen und _wegnäpfen_ = wegnagen, _Ableitungen_ davon: das Adj. _näpfich_ (_-ig_) = bissig (beißend), krätzig, räudig (vgl. die _Verbdg._ _näpfiger Schund_ [eigtl. »beißender Dreck«] = Kalk [s. d. betr. Übereinstmg. mit d. Zigeun.; vgl. auch »Vorbemerkg.« S. 17]) u. das Subst. _Näpfling_ = Zahn, Gebiß (vgl. die Zus. _Ober-_ und _Vordernäpfling_ = Ober- und Vorderzahn sowie _Näpflingsins_ = Zahnarzt u. _Näpflingbossert_ = Zahnfleisch). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkreise_): nur _Schwäb. Händlerspr._ 479 (_näpfen_ = beißen, in _Pfedelb._ [209] = coire, in _Lütz._ [215]: _Näpfling_ = Zahn). Die _Etymologie_ bleibt unklar. Auch _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV., Sp. 1941 hat _näpfen_ = beißen nicht bestimmt erklärt. Über die Bedeutg. _coire_ s. ebds. vbd. mit Sp. 1914 unter »naffze(n)« u. »Naffke« (wozu zu vgl. _Groß'_ Archiv, Bd. 38, S. 233).]

[Fußnote 121: ([5] auf S. 63.33) Das Zeitw. _dalfen_ bedeutet: betteln (begehren, fordern). Weitere _Zus._ damit: _andalfen_ = anbetteln; _Ableitungen_ davon: _Dalfer_ = Bettler u. _Dalferei_ = Bettelei. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 90 (_talfnen_ = betteln); _Schöll_ 273 (_Talfer_ od. _Talcher_ = Bettler); _Pfulld. J.-W.-B._ 336, 337, 338, 340 (_dalven_ = abbetteln, _dalfen_ = betteln, _ausdalfen_ = ausbetteln, _Dalver_ = Armer, _Dalfer_ [Dalcher] = Bettler, _Talfkunde_ = Handwerksbursche); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 67, 68 (_dalfen_ = betteln, _Kaff abdalfen_ = Dorf abbetteln, _Dalfianus_ = Bettler); _Schwäb. Händlerspr._ 480 (_dalfen_ = betteln). Zur _Etymologie_ (wohl vom hebr. _dal_ = »arm«) sowie über sonstige Belege im Rotw. s. die Angaben in _Groß'_ Archiv, Bd. 42, S. 9 (unter »Talfkunde«) vbd. mit Bd. 33, S. 241/42, Anm. 1. Nach _Fischer_, Schwäb. W.-B. II, Sp. 39 ist der Ursprung des Wortes »unklar«.]

abbiegen, _abschurele_[123] [63.34]

abbinden, _abschurele_

[Fußnote 122: ([6] auf S. 63.34) Das Zeitw. _derchen_ erscheint im wes. als Synon. zu _dalfen_ (Bedeutg. also bes.: betteln, ferner begehren, bitten (daher _abderche_ auch = abbitten), [er]flehen, fordern, verlangen); vgl. dazu die _Verbindg._ _derchter Lehm_ = Bettelbrot (wörtl. »gebetteltes Brot«). Weitere _Zusammensetzungen_: _anderchen_ = anbetteln, auch wohl _bederchen_ = bedanken, danken. _Ableitungen_: die Subst. _Dercher_ = Bettler (fem.: -ere) u. _Dercherei_ = Bettelei (auch Gesuch) u. das Adj. _dercherich_ = dürftig (ärmlich, bettelhaft), verarmt, das auch als Subst. gebraucht wird (_Dercherich_ = Mangel, Not). Beliebt sind allerlei _Zus._ mit _Dercher_, so: _Dercherbich_ (eigtl. = Bettelgeld, dann) = Almosen (s. d. betr. Übereinstimmung mit d. Zigeun.), _Dercherulma_ = arme Leute (Bettelleute), _Dercherkritzler_ = Bettelbrief, _Dercherfiesel_, _-kaffer_, _-model_, _-moss_ = Bettelbube, -mann, -mädchen, -frau, _Dercherrande_, _-stenz_ = Bettelsack, -stab. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 90, 93 (_därgen_ = betteln, _Daerge-stozem_ = Handwerksbursche); (_Pfulld. J.-W.-B._ 338 (_türchen_); _Schwäb. Händlerspr._ 479 (_derchen_, in _Pfedelb._ [213] auch: _Dercherkitt_ = Bettelhaus). Die _Etymologie_ ist unsicher (vielleicht zu hebr. _dereq_, jüd. _derech_ = »Straße, Weg«, jedoch ev. mit Einfluß deutscher Wörter); s. Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 38, S. 284/5 u. Anm. 2 u. 3 (unter »Derfen-Schin«); vgl. auch _Fischer_, Schwäb. W. B. II, Sp. 74 u. 159 (unter »därgen« und »derchen«).]

[Fußnote 123: ([7] auf S. 63.34) Das Zeitw. _schurele_ findet sich nur vereinzelt ohne weiteren Zusatz gebraucht, nämlich für »begatten« oder »erzeugen« (wozu der Gebrauch des Hauptw. _Schure_ für »männliches Glied« paßt), dagegen versieht es in _Zusammensetzgn._ die Funktion einer Art von Aushilfszeitw. (vgl. _Wittichs_ »Einleitung«, S. 24 und meine »Vorbemerkung«, S. 16, Anm. 40). So bedeutet z. B. _abschurele_ (außer »abbiegen«) noch: abbinden, ablesen, abmähen, abpflücken, abputzen, abreißen, abschirren, abschneiden, absondern, abwischen und abziehen; ferner _anschurele_: anbinden, anblasen, anfangen, anhalten, anschneiden; _aufschurele_: aufbewahren, aufbrechen, aufdecken, aufheben, aufladen, auflesen, aufmachen, aufsuchen; _ausschurele_: ausbürsten, ausfragen, ausrechnen; _einschurele_: einblasen, einbrechen, einfangen, einfüllen, eingeben, einschneiden, einschnüren, einschütten, einspannen. Zur _Etymologie_: Das Zeitw. ist offenbar eine (aus den sonstigen Geheimsprachen mir nicht bekannte) Ableitung des Hauptworts _Schure_, über dessen Gebrauch als Aushilfswort für die verschiedensten Begriffe, für die es im Jenischen an besonderen Bezeichnungen fehlt, schon in meiner »Vorbemerkung« (S. 16) und in _Wittichs_ »Einleitung« (S. 24) kurz die Rede gewesen. Hier folgt nun eine genaue Aufzählung der einzelnen Fälle. _Schure_ im allgem. = »Ding« (ursprüngl. wohl [wie _Sore_] = »Ware«, obwohl es im Vokabular unter diesem Worte fehlt) kommt vor: a) für sich _allein_ (ohne Zusatz), zunächst: [Griechisch: a]) für mancherlei _Sachen_ (unbelebte Dinge), nämlich: Acker, Angel, Bindfaden, Brecheisen, Brei, Bremse, Brücke, Buch, Bürste, Decke, Deckel, Deichsel, Dorn, Dose, Draht, Eimer, Eis, Eisen, Faden, Fahne, Falle, Gitarre, Gürtel, Puppe (Docke); vgl. das Dimin. _Schurele_ = Brett; ferner bes. noch [Griechisch: b]) für gewisse _Pflanzen_ (Gemüse usw.), so: Binsen, Blume, Bohne, Gurke; [Griechisch: g]) für den _abstrakten Begriff_ »Eid«; [Griechisch: d]) für _menschl. Körperteile_: Achsel, männliches Glied; [Griechisch: e]) für _Tiere_: Affe, Bock, Bremse (? [s. d.]), Dohle; vgl. das Dimin. _Schurele_ = Eidechse; b) in _Zusammensetzungen_: [Griechisch: a]) für _Sachen_ (im w. S.): _Sauftschure_ = Bettuch (»Bett[über]züge«), _Feberschure_ = Bleistift, _Lehmschure_ = Brotschrank, _Rutscherschure_ = Bürsten, Kehrbesen, _Schmunk-Schure_ = Butterfaß (Schmalzfaß), _Scheischure_ = Docht, _Bich-_, _Kies-_ oder _Lobeschure_ = Geldkasse oder -kästen, _Begerschure_ = Gottesacker (Kirchhof), Grab, Gruft, _Straubertsschure_ = Haarnadel, -öl oder Kamm, _Dokschure_ = Hacke, _Niklengschure_ = Harfe, Harmonika, _Nikelschure_ = Klarinette (_Nikleschure_ = Leierkasten), _Stöberschure_ = Obst, _Toberichschure_ = (Tabaks-)Pfeife, Zigarre, _Streiflingschure_ = Strumpfband; [Griechisch: b]) für einen mehr _abstrakt._ Begriff, näml. _Randeschure_ = Bauchgrimmen (Bauchweh); vgl. auch die Verbindung _grandiche Schure_ = Reichtum, Überfluß, Vermögen (vgl. auch »vermögend«); [Griechisch: g]) für ein _Tier_: _Jahre-_ oder _Kracherschure_= Hirsch; [Griechisch: d]) für _Personen_ (Berufe): _Schoffeleischure_ = Gerichtsvollzieher (Spr.), _Groenikelschure_ = Sau- (Schweine-)Hirt, _Jerusalemsfreundschure_ = Schafhirt, Schäfer. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): nur _Schwäb. Händlerspr._ 480, 481 (_Schure_ = Ding, Gegenstand, nur in _Wolfach_ [484] auch = Mund, in _Lütz._ [215] = Ware). Die gaunersprachl. Quellen, bes. der _älteren_ Zeit, haben dafür meist die Form _Sore_ (s. darüber Näh. unter »Brücke«). Über sonstige Formen sowie über die _Etymologie_ des Wortes (vom hebr. _sĕchôr_ = »Handelsverkehr«) s. Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 38, S. 241 u. Anm. 1 u. S. 242 (unter »Sorar«).]

abbitten, _abderche_[124] [63.35]

abbrennen, _abfunken_[125]

[Fußnote 124: ([8] auf S. 63.35) S. abbetteln.]

[Fußnote 125: ([9] auf S. 63.35) Das Zeitw. _funken_ bedeutet brennen (vgl. _funkt_ = brennend, d. h. eigtl. »[es] brennt«), heizen, zünden; vgl. die _Verbindg._ _g'funktes Gib_ = Malz (eigtl. »gebranntes Getreide«, in Übereinstimmung mit der Zigeunerspr. [vgl. schon »Vorbemerkung«, S. 17 sowie unter »Malz«]). Weitere _Zus._ sind: _anfunken_ = anzünden (vgl. dazu _a'gefunkter Spraus_ = Kohle), _ausfunken_ = ausbrennen, verlöschen, _einfunken_ = einbrennen, einheizen, _niederfunken_ = niederbrennen, _verfunken_ = verbrennen, versengen. Das Verbum gehört zu dem Stamme _Funk_ = Feuer (Brand, Flamme, Glut); vgl. die _Verbindgn._ und _Zusammensetzgn._: _Funk anpflanzen_ und _auspflanzen_ = anbrennen und (aus)löschen, _grandicher Funk_ = Feuersbrunst (s. d. betr. d. Übereinstimmung mit der Zigeunerspr.; vgl. auch schon »Vorbemerkung«, S. 17); _Funkkies_ = Feuerstein, _Funkspreisle_ = Zündhölzer. _Ableitungen_: das Subst. _Funker_ = Köhler, Kohlenbrenner (aber das Dimin. _Funkerle_ = Zündhölzer) und das Adj. _funkich_ = feurig. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 90, 100 (_funken_ = brandmarken, _gefunkt werden_ = gebrandmarkt werden, _verfunkt werden_ = verbrannt werden); _Schöll_ 274 (_Funkbruder_ = Brandbettler); _Pfulld. J.-W.-B._ 336, 337, 339, 345 (_Funk_ = Feuer, _funken_ = brennen, feuern, _ab-_, _verfunken_ = ab-, verbrennen); _Schwäb. Gauner- und Kundenspr._ 68 (_funken_ = brennen; _Funkerer_ = Brandstifter); _Schwäb. Händlerspr._ 480, 483, 488 (_Funk_ [in _Pfedelb._ (209, 211): [_Funkert_] = Feuer, Licht, _Funker_ [in _Pfedelb._ (214): _Funkert_] oder _Funkerle_ = Zündholz; in _Degg._ [215]: _Funkspraus_ = Zigarre; in _Pfedelb._ 208, 213]: _funken_ = brennen, _abfunken_ = abbrennen, _anfunke[l]n_ = anbrennen [dieses auch in _Lütz._ (214)], _verfunken_ = verbrennen). Vgl. noch _Pfälz. Händlerspr._ 437 (_Funkert_ = Feuerzeug); _Metzer Jenisch_ 216, 217 (_Funkert_ = Feuer, _funke_ = kochen, sieden). Zur _Etymologie_ der Vokabeln (die sämtl. _deutsch._ Ursprungs sind) s. das Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 42, S. 48 unter »Funker«; vgl. auch _Weber-Günther_, S. 187 (unter »Funkert«), sowie _Fischer_, Schwäb. W.-B. II, Sp. 1832 (unter »Funk« Nr. 3) und Sp. 1833 (unter »Funker«).]

abbrühen (»abschäumen«), _abflu(h)ten_[126] [63.36]

Abend, _Leile_[127], _Ratte_[128]

[Fußnote 126: ([10] auf S. 63.36) Diese Bezeichnung setzt ein Zeitw. _flu(h)ten_ voraus, das aber (für sich _allein_) in _Wittichs_ Vokabular nicht vorkommt. Das Stammwort ist das Subst. _Flu(h)te_ (masc. gen.), hier im Sinne von »Brühe« (s. d.), sonst bes. = Wasser (Bach, Bad, Fluß, Flut, Gewässer, Quelle, See, Strom, Teich), das auch als Adj. (= naß) gebraucht wird. Es erscheint beliebt in Verbindungen, wie _biberischer Flu(h)te_ (_Biberischerflute_) = Eiswasser (eigtl. »eisiges Wasser«), _bostender Flu(h)te_ = laufendes Wasser (und dazu die Redensart: _Flu[h]te bostet mer herab_ = ich schwitze (eigtl. »das Wasser läuft mir herab«, in Übereinstimmung mit der Zigeunerspr. [vgl. das Näh. unter »schwitzen«]) und _grandich Flu(h)te_ (eigtl. »großes [oder größtes] Wasser«) = Meer (vgl. »Vorbemerkung«, S. 19, Anm. 49), namentlich aber in _Zusammensetzgn._, wie a) _am Anfang_ stehend: _Flu(h)tesore_ = Brücke (s. d.), aber auch Wasserfaß, _Flu(h)tekies_ (eigentl. »Wasserstein«) = Insel (s. d. betr. Analogie im Zigeunerischen), _Flu(h)tefläderling_ (eigtl. »Wasservogel«) = Bachstelze, _Flu(h)tekupfer_ = Meergras oder Schilf, _Flu(h)tegroenikel_ = Meerschweinchen, _Flu(h)tefu(h)l_ oder _-schund_ = Schlamm, _Flu(h)tekib_ = Seehund, _Flu(h)tegachne_ oder _-stierer_ = Wasserhuhn, _Flu(h)tenolle_ = Wasserkrug, _Flu(h)terolle_ = Wassermühle; b) _ans Ende_ gesetzt: _Scheinlingflu(h)te_ = Augenwasser, _Flösselflu(h)te_ = Harn (Urin), aber auch Regenwasser, _Pfladerflu(h)te_ = Waschwasser, _Süßlingflu(h)te_ = Zuckerwasser; über _Biberischerflu(h)te_ (in einem Wort geschr.) s. schon oben unter a. Eine weitere _Ableitung_ von _Flu(h)te_ (außer _abflu[h]ten_) ist das Adj. _flu(h)tich_ = feucht, wässerig, auch als Subst. (_Flu(h)tich_ gebr. = Nässe. — _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _W.-B. des Konst. Hans_ 254 (_Flude_ = Wasser); _Pfulld. J.-W.-B._ 337, 342, 346 (ebenso, Bedeutg. auch: Bach; _grandig Flotte_ = Meer); _Schwäb. Händlerspr._ 482, 488 (_Flude_ oder _Flute_, auch _Flôte_ = Wasser, _Fludi_ = Kaffee [in _Pfedelb._ (210) dafür _Schwarzflude_ od. _-floße_]; in _Lütz._ [215]: _flude[n]_ = regnen). Der _Etymologie_ nach gehört das (auch sonst im Rotwelsch bekannte) Wort (vgl. z. B. schon _Basl. Gloss._ 1733 [202: _Flodi_]) wohl zweifelsohne zu unserem deutschen »Flut«. Vgl. _Fischer_, Schwäb. W.-B. II, Sp. 1597 vb. mit _Weigand_, W-B. I, Sp. 564/65.]

Abendbrot (Abendtisch) s. Abendessen [63.37]

Abendessen, _Leilebiken_[129], _z'Leilebutten_[130], _Rattekahla_[131]

[Fußnote 127: ([11] auf S. 63.37) _Leile_ hat die Grundbedeutg. »Nacht«, kommt aber auch spezieller für Mitternacht, sowie ferner (außer für Abend) noch für Dämmerung oder Finsternis vor, sodann als Adj. gebraucht für dunkel oder finster. Auch sind damit ziemlich viele _Zusammensetzgn._ gebildet (und zwar sämtl. so, daß das Wort am _Anfange_ steht), nämlich: _Leilebiken_ = Abendessen (während Nachtessen durch _Leilebikus_ u. _-achilerei_ wiedergegeben), _Leileschenagel_ = Nachtarbeit, _Leileschei(n)_ = Nachtlicht, _Leilesitzling_ = Nachtstuhl, _Leilekaffer_ = Nachtwächter, _Leilekitt_ = Wachthaus, _Leileschrende_ = Wachtstube; bes. interessant sind noch die Umschreibungen _Leilefläderling_ = (eigtl. »Nachtvogel«) = Eule (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeun.; vgl. auch »Vorbemrkg.«, S. 18), _Leileschei(n)_ (eigtl. »Nachtlicht« [s. oben]) = Mond (s. d. betr. Analogie im Zigeun.; vgl. auch »Vorbemerkg.«, S. 18, Anm. 47) oder auch Stern (daher _Leilescheischund_ [eigtl. »Nachtlichtschmutz«] = Sternschnuppe). Zu _vergl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 96 (_Leile_ = Nacht); _W.-B. des Konst. Hans_ 258 (_z' leili schefte_ = »logieren«, _heute leile_ = heut' Nacht); _Schöll_ 271 (_Leile_); _Pfulld. J.-W.-B._ 342 (_Beily_ [vedr. für _Leily_]); _Schwäb. Händlerspr._ 484 (_Laile_ od. [in _Pfedelb._ (211) _Leile_). Vgl. auch _Pfälz. Händlerspr._ 438 (_Laile_). Zur _Etymologie_ (vom hebr. _lail[h]_ = »Nacht«) s. Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 38, S. 229 (unter »Leilest«); vgl. auch noch _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1148/49.]

[Fußnote 128: ([12] auf S. 63.37) _Ratte_, für dieselben Bedeutungen wie _Leile_ (also z. B. auch als Adj. für »dunkel«) gebraucht, kommt in _Zusammensetzgn._ seltener vor, doch findet sich _Rattekahla_ = Abendessen, _Rattebutterei_ = Nachtessen u. die Umschreibg. _Rattefläderling_ = Eule (s. Anm. 127). _Zu vergl._ (aus d. _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 96 (_Ratte_ = Nacht); _W.-B. des Konst. Hans_ 255, 256, 257, 258 (_Ratiginger_ = Nachtdiebe, _Ratte_ = Nacht, _zwei Rattene_ = zwei Nächte); _Schöll_ 272 (_Ratte_); _Pfulld. J.-W.-B._ 342 (ebenso); _Schwäb. Gaun.-u. Kundenspr._ 73 (desgl.); _Schwäb. Händlerspr._ 480 (_ratt[e]_ = dunkel, in _Pfedelb._ [214] auch _Ratte_ = Nacht. in U. [214]: _Rattebutte[n]_ = Nachtessen). Zur _Etymologie_ (vom gleichbed. zigeun. _rat_ oder [in Deutschl.] _ratt_, schon altind. _ratri_) s. die Angaben in _Groß'_ Archiv, Bd. 47, S. 212, Anm. 1, u. dazu noch _Finck_, S. 82.]

[Fußnote 129: ([13] auf S. 63.37) Das (hier substantivisch gebrauchte) Zeitw. _biken_ bedeutet: essen (kauen, schmausen, verzehren); vgl. dazu: _grandich bikt_ = satt (eigtl. »viel gegessen«). Weitere _Zusammensetzgn._: _ab-_, _auf-_, _ausbiken_ = ab-, auf-, ausessen. _Ableitungen_: die Substantive _Bikerei_ = Essen (Frühstück, Gastmahl, Gericht, Mahlzeit, [das] Speisen) oder (in latinis. Form) _Bikus_ = Essen (Gastmahl, Gericht, Kost, Mahlzeit, Schmaus, Speise), beide (namentl. aber das letztere) auch in _Zus._ beliebt; vgl. _Schimmerlingsbikerei_ od. _Flößlingbikus_ = Fischessen, _Strohbuzerbikus_ = Gansessen, _Langohrbikus_ = Hasenessen, _Stupfelbikus_ = Igelessen, _Rondlingbikus_ = Wurstessen; ferner: _Groenereibikus_ = Hochzeitsschmaus, _Begerbikerei_ od. _-bikus_ = Leichenschmaus, _Leilebikus_ = Nachtessen (vgl. oben Anmerkung 127]. Vermutlich dürfen zu _biken_ aber auch noch in Beziehung gesetzt werden das Zeitw. _bikern_ = hungern (_mich bikert['s]_ = mich hungert [wofür _früher_ _mich kohlert_ gebräuchlich gewesen; s. _Wittichs_ »Einltg.«, S. 21]) sowie das Adj. _bikerich_ = gierig, hungrig, dann auch = habgierig, geizig. _Zu vergl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 92 u. 94 (_bicken_ = essen u. _Bicker_ = Hunger); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 69, 74 (_bicken_ = essen, _Bikus_ = Kost, _Bickerle_ = Sparsamer [der nichts gibt]); _Schwäb. Händlerspr._ 480, 482 (_bicken_ = essen, _Bickerei_ od. _Bickus_ = Essen [in _Pfedelb._ (211): _Pickus_ = Kost]; _bikerisch_ = hungrig [in _Pfedelb._ (210)]: _bikerischer Klob_ = Geizhals). Zur _Etymologie_ des (auch sonst im Rotwelsch sowie in den verw. Geheimspr. [z. B. bei den _Pfälz. Händlern_ (437)] verbreiteten) Wortes (wohl jedenfalls vom deutsch. Zeitw. _picken_, älter _bicken_ [so schon mhd. neben _becken_], d. h. eigtl. [zunächst von Tieren gebr.] »mit der Schnabelspitze zufahrend stoßen oder aufnehmen« [_Weigand_, W.-B. II, Sp. 425]) s. Näh. bei _Weber-Günther_, S. 184 (unter »picken«); vgl. auch A.-L. IV, 69 u. 524/25 vbd. m. _Wagner_ bei _Herrig_, S. 227 u. _Fischer_, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1096 (unter »picken«). Die Latinisierung _Pickus_ hat m. Wiss. zuerst _Zimmermann_ 1847 (373, 383) verzeichnet.]

[Fußnote 130: ([14] auf S. 63.38) Das Zeitw. _butten_ wird in _denselben_ Bedeutungen gebraucht wie _biken_ (daher z. B. auch _grandich buttet_ = satt sowie die _Zus._ _ab-_, _auf-_, _ausbutten_). Desgl. entspricht die _Ableitg._ _Butterei_ im wes. den Substantivierungen _Bikerei_ u. _Bikus_, während es in _Zusammensetzgn._ seltener vorkommt (vgl. aber _Matschebutterei_ = Fischessen u. _Rattebutterei_ = Nachtessen (s. oben S. 37, Anm. 128). Über das stammverwandte _Pu(t)lak_ = Hunger s. das Nähere unter »Appetit«. _Zu vergl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 92 (_butten_ = essen); _W.-B. des Konst. Hans_ 258 (ebenso; vgl. [255] _Buttschnurr_ = »Steigbettler«); _Pfulld. J.-W.-B._ 337 (_butten_ = essen, schlucken, _abbutten_ = abfressen); _Schwäb. Händlerspr._ 480 (_butten_ = essen, _Butterei_ = [das] Essen, in U. [214]: _Rattebutte[n]_ = Nachtessen); s. auch _Pleißlen der Killertaler_ (nach _Kapff_ [212]: _butten_ = essen) u. _Metzer Jenisch_ 216 (_butte_). Zur _Etymologie_: Nach A.-L. 528 vbd. m. _Wagner_ bei _Herrig_ 226 ist _butten_ wohl eine Nebenform zu ndd. _biten_ = »beißen« (vgl. schon _Ndd. Lib. Vagat_ [75]: _botten_, wie noch jetzt im _Hennese Flick_ von _Breyell_ [457]). Vgl. auch _Günther_, Rotwelsch, S. 52 sowie (über die Verbreitg. des Ausdr. in den südd. Mundarten) _Fischer_, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1564, Nr. 2, der indessen über die Etymologie schweigt.]

[Fußnote 131: ([15] auf S. 63.38) Auch das (hierin substantivierte) Zeitw. _kahla_ (seltener -le) bedeutet »essen, verzehren«; dazu die _Zus._ _ab-_, _auf-_, _auskahla_. — Mit der _Ableitg._ _Kahlerei_ (im wes. gleichbed. mit _Bikerei_ u. _Butterei_) sind gebildet worden die _Zus._ _Flotschekahlerei_ = Fischessen u. _Groenereikahlerei_ = Hochzeitsschmaus. _Zu vergl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 92 (_kahlen_ = essen); _W.-B. des Konst. Hans_ 259 (_z' kahlet_ = zu essen); _Pfulld. J.-W.-B._ 337, 339, 340 (_kahlen_ = abessen, abfressen, _kohlen_ = essen, _z' viel kahlen_ = überfressen); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 69 (_kahlen_); _Schwäb. Händlerspr._ (U. [214] u. _Lütz_ [214]: _khäle[n]_). Zur _Etymologie_ (aus der _Zigeunerspr._ [vgl. oben »Einleitg.«, S. 30]) s. _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 576 (unter »k¶o¶le[n]«) u. Sp. 165 (unter »k¶a¶le[n]«) (der übrigens auch »eine Mischung« mit dem gleichbed., aus d. _Hebr._ stammenden _achlen_ für möglich hält) vbd. mit _Liebich_, S. 130, 195 u. 241 (_chāwa_ = ich esse, speise), _Miklosich_, Beiträge I/II, S. 22 (unter »khād«) u. Denkschriften, Bd. 26, S. 217/18 (unter »cha«: bei d. _deutsch._ Zig. _chāva_ altind. _khād_), _Jühling_ 220 (_Chalo_ = Fresser, _Chaben_ = Essen, aber _chala_ = es beißt [anders oben »Einltg.«, S. 30), _Finck_, S. 67 (Wurzel: _xā-_).]

aberwitzig, _nillich_, auch _ni(e)sich_, _nu(a)schich_[132] [63.38]