Part 35
[Fußnote 2283: ([1] auf S. 65.71) Schon in meiner »Vorbemerkung« (S. 3) habe ich erwähnt, daß die »Sprachproben« — aus dort näher angegebenen Gründen — nicht unwesentlich gekürzt worden sind. Sie umfaßten ursprünglich 46 Nummern, die auf 35 reduziert werden konnten; außerdem wurden aber auch noch _innerhalb_ einzelner Nummern (s. bes. in Nr. 25) mehrfache Streichungen vorgenommen. Bei der Übersetzung der jenischen Gespräche ins Deutsche habe ich grundsätzlich soweit wie möglich den _Wittichschen_ Wortlaut beibehalten und nur hier und da einzelne Stellen in eine etwas flüssigere Form gebracht. Der jenische Text stellt sich als wichtige Ergänzung zu dem »Wörterbuch« dar, nicht nur durch die Verwendung mancher dort ursprünglich fehlender (und erst von mir mit dem Zusatz »Spr.« hinzugefügter) Vokabeln, sondern namentlich auch insofern, als wir erst hier erfahren, wie die einzelnen Wörter in einer konkreten Satzverbindung gebraucht zu werden pflegen. Während z. B. im Wörterbuch über das _Geschlecht der Hauptwörter_ nur ganz ausnahmsweise etwas zu entnehmen ist, erscheinen sie hier regelmäßig in Verbindung mit dem (bestimmten oder unbestimmten) Artikel, also unter Geschlechtsbezeichnung. Diese aber weicht in zahlreichen Fällen von der in unserer Gemeinsprache üblichen ab (vgl. z. B. _der_ Galm = _das_ Kind, _der_ Funk = _das_ Feuer, _der_ Flu[h]te = _das_ Wasser [vgl. _die_ Flut], _der_ Stichling = _die_ Gabel [aber — in Übereinstimmg. mit dem Deutsch. u. Französ. — _die_ Furschet], _die_ Model = _das_ Mädchen, _die_ Kitt = _das_ Haus usw.). Zuweilen scheint auch der Sprachgebrauch zu schwanken. So findet sich z. B. in Nr. 7 _der_ Sore = _die_ Sache (in Übereinstimmg. u. a. mit dem _W.-B. des Konst. Hans_ [254]), während an einer anderen Stelle (Nr. 26) das Wort als _femin._ gebraucht wird (_pflanzte Sore_ = die gemachte Ware), was auch in der _neueren_ Gaunersprache der Fall ist (vgl. z. B. [Griechisch: Ô] [Griechisch: S] in Z. V, 429 u. _Rabben_ 124). In einzelnen Fällen ist aber _kein_ Artikel gesetzt worden, während wir nach dem deutschen Text einen solchen erwarten würden, so z. B. in Nr. 23 (_Schefft Schnall nobis bibrisch?_ = Ist _die_ Suppe nicht kalt?); Nr. 25 (_Wo schefft Fehte?_ = Wo ist _die_ Herberge?; … _pflanzet Schaffel auf_ = … macht _die_ Scheune auf; _bohlet Säuftling in Rädling_ = tut [eigtl. werft] _die_ Betten in den Wagen; … _pflanzet Strauberts_ = … macht [euch] _die_ Haare), namentlich auch dann, wenn schon ein _anderes_, _mit_ (dem bestimmten od. unbestimmten) Artikel versehenes Hauptwort _voran_gestellt worden; vgl. z. B. Nr. 11 (_Ich schniff' ein Rande und Stenz_ = Ich nehme einen Sack und _einen_ Stock mit); Nr. 19 (_mit der dof Beizere und Beizer_ … = … mit der guten Wirtin und _dem_ Wirt …); Nr. 25 (_Linze die dof Latt und Klass_ = Schau [nur] den schönen Hirschfänger und _das_ Gewehr).
Obwohl sonst — wie beim Rotwelsch — _Grammatik_ und _Syntax_ sich auch beim Gebrauch des »Jenischen« grundsätzlich den allgemeinen Regeln unserer Muttersprache anschließen, enthalten naturgemäß Gespräche, die zwischen Leuten aus dem niederen Volke geführt werden, auch in dieser Beziehung mancherlei Abweichungen von der Schriftsprache.
I. Zunächst seien hierfür zwei (nicht bloß auf einzelne Mundarten beschränkte, vielmehr) wohl durch ganz Deutschland verbreitete Besonderheiten der volkstümlichen Redeweise erwähnt, nämlich:
1. daß »des Nachdrucks halber _Verneinungen doppelt_ (ja dreifach) gesetzt werden können, _ohne einander_ aufzuheben« (_Polle-Weise_, Wie denkt das Volk über die Sprache?, 3. Aufl., Leipzig 1904, S. 108; vgl. Näh. noch bei _R. Hildebrand_, Ges. Aufsätze, Leipzig 1890, S. 214 ff.). _Beispiele_: in Nr. 20 (… _der kemeret nobis keine Stiebe_ … = … der kauft keine Bürsten …) u. Nr. 25 (… _ich spann' nobis kei Kenem_ = … ich sehe keine Laus);
2. die Verwechselung des _Dativs_ u. _Akkusativs_ bei den _persönlichen Fürwörtern_ (also mir statt mich, dir statt dich usw. und umgekehrt). _Beispiel_: in Nr. 16 (_Ich baus' mir_ = ich fürchte mich).
II. Folgende Eigentümlichkeiten sind dagegen auf die _Mundarten_ namentl. die süddeutschen (bayr.-schwäb. Dialekt) beschränkt:
1. der Gebrauch des _Nominativs statt_ des _Akkusativs_ bei Hauptwörtern. Während sich für den _umgekehrten_ Fall (also Gebrauch des Akkus. für den Nomin.), der z. B. auch im Schwäbischen vorkommt (s. _Fischer_, Schwäb. W.-B. II, Sp. 579 unter »ein« Nr. I: das ist ein_en_ gut_en_ Mann) m. Wiss. in _Wittichs_ Jenisch kein Beispiel findet, enthält es für die _zuerst_ genannte Besonderheit — außer einigen unsicheren Fällen (in denen der unbestimmte Artikel _ein_ ev. auch als Akkusativ eines Neutrums aufgefaßt werden könnte) — mehrere _zweifelsfreie_, so z. B. Nr. 11 (… _vielleicht bestiebemer ein Schmaler_ = … vielleicht bekommen wir eine Katze), Nr. 18 (… _spann' sein dofer Oberman_ = … schau seinen schönen Hut), Nr. 24 (… _ich schwäch' ein Stielingsjohle_ = … ich trinke einen Birnenmost; … _schwächt … Gefinkelter_ = … trinket … Branntwein), Nr. 25 (… _ich bestieb' ein Stumpf_ = … ich bekomme einen Zorn; … _der Ruch pflanzt ein linker Giel_ = … der Bauer macht einen wüsten Mund) usw.; 2) der Gebrauch des relat. räuml. Adv. _wo_ statt des Relativpronomens _welcher_ (-e -es) bezw. der (die das), worüber zu vgl. u. a. _v. Schmid_, Schwäb. W.-B. S. 536/37 u. _Schmeller_, Bayer. W.-B. II, Sp. 828 (unter »wo«, lit. c). _Beispiele_: Nr. 21 (… _in dem Mochem, wo man spannt_ = in dem Dorfe, das man ḍ sieht); Nr. 25 (… _Ulme, wo kasperet_ = Leute, die zaubern).
III. _Zum Teil_ gleichfalls auf die _Mundarten_ beschränkt, _zum Teil_ aber auch _allgemein_ volkstümlich erscheinen gewisse (übrigens nur _neben_ den schriftdeutschen Formen auftretende) _Veränderungen_ (namentlich _Kürzungen_) verschiedener (kurzer) Wertgattungen) so: 1) _des_ (bestimmten und [häufiger] des unbestimmten) _Artikels_; s. Nr. 11 (_d' Schmaler_ = die Katzen); Nr. 18 (_in de' Griffling_ = in der Hand; _auf'em Kiebes_ = auf dem Kopfe); Nr. 19 (_vor'm Jahne_ = vor einem Jahre); Nr. 25 (_s' Glied_ = der Sohn; _in's Steinhäufle_ = in die Stadt); bes. aber (betr. a' = _ein_ [einer, eine]; vgl. dazu _v. Schmid_, Schwäb. W.-B., S. 1 u. _Fischer_, Schwäb. W.-B. II, Sp. 578): Nr. 24 _a' jenisches Model_; _a' jenischer Fiesel_); Nr. 25 (_a' Schuberle_; _a' Schafnas'_; _a' Finkelmoss_); 2) des _adj. Zahlpronomens kein_ (-ner, -ne) = _kei'_ (vgl. dazu _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 310); s. Nr. 25 (_kei' Kenem_ = keine Laus); 3) _des besitzanzeigenden Fürworts mein_ (-ner, -ne) = _mei'_; s. z. B. Nr. 11 (_mei' Keiluf_); Nr. 14 (_mei' Patris_); Nr. 15 (_mei' Moss_); Nr. 35 (_mei' Kluper_); 4) _der persönlichen Fürwörter_ in Verbindung mit Zeitwörtern; vgl. z. B. a) _du_ = d'; s. z. B. Nr. 13 (_bis d' umbohlst_ = bis du umfällst); b) _dir_ = _der_; s. Nr. 27 (_Schmusder nobis_ = sag' dir['s] nicht); c) _dich_ = _te_ in der (z. B. in Nr. 20, 25 [öfter] begegnenden) Imperativform _schupfte_ (für: schupf dich) = hör' auf (schweig' still); d) _ihm_ = (e)m; s. Nr. 20 (_ich schmusem's_ = ich sage es ihm); e) _sie_ (Nom. u. Akkus.) = s(e); s. z. B. 23 (_hauretse_ …? = ist sie …?); Nr. 25 (_ich … bukles'_ = ich trage sie); Nr. 28 (_schniffse_ = nimm sie); Nr. 32 (_gneistse lore_ …?); f) _es_ (Nom. u. Akkus.) = 's; s. Nr. 8, 9, 18 (_s' schefft_ od. _s' hauret ein Sins_ = es ist ein Herr; _ich spann's_ = ich sehe es; _er gneist's_ = er merkt es); Nr. 19, 25 (_s' hauret_ = es ist) u. a. m.; g) _man_ = _mer_ (vgl. dazu _v. Schmid_, Schwäb. W.-B., S. 382 unter »mer«, Nr. 1; _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1433 unter »man«; auch _Schmeller_, Bayer. W.-B. I, Sp. 1642 unter »mir«, lit. c); s. Nr. 22 (… _da bestiebtmer nobis_ = … da bekommt man nichts); h) _wir_ = _mer_ oder (etwas seltener) _mir_ (vgl. _v. Schmid_, a. a. O., S. 382 unter »mer«, Nr. 2 u. S. 533 unter »wir«; _Fischer_, a. a. O. IV, Sp. 1433 unter »man« a. E.; _Schmeller_, a. a. O. I, Sp. 1641 unter »mir«, lit. b); _Beispiele_: [Griechisch: a]) für _mer_: Nr. 11 (_bostemer_ = gehen wir; _bestiebemer_ = bekommen wir); Nr. 19 (_ruedlemer_ …? = fahren wir …?; _buttemer_ …? = essen wir …?); Nr. 25 (_Wo schlaunetmer_ = Wo schlafen wir?) u. a. m.; [Griechisch: b]) für _mir_: Nr. 25 (_Dann [Jetzt] pfichet mir in Sauft[linge]_ = dann (jetzt) gehen wir zu Bett; _bostet mir_ = gehen wir; _pflanzet mir Blatt_ = übernachten wir im Freien; _bestiebet mir_ = bekommen wir); i) _ihr_ = _er_; s. Nr. 25 (_durmeter noch nobis?_ = schlaft ihr noch nicht?); Nr. 27 (_haureter?_ = seid ihr?); k) _euch_ = _ich_; s. Nr. 25 (_schupfetich_ = seid still; _der Koele mussich bukele_ = der Teufel muß [soll] euch holen). — Oft werden auch die persönl. Fürwörter ganz weggelassen; s. z. B. Nr. 4 (_hauerst begerisch?_ = bist du krank?); Nr. 6 (_was sicherst?_ = was kochst du?); Nr. 13 (_in Nolle hauret_ = im Krug ist er [näml. d. Most]); Nr. 25 (_spannst nobis_ = siehst du nichts; _dann scheffte schiebes_ = dann gehe ich fort; _pflanze_ = mache ich) u. a. m.
IV. Auch allerlei _Abkürzungen_ durch Weglassung der _Endsilben_ (Buchstaben) _oder_ der _Anfangssilben_ — bei Haupt-, Eigenschafts-, Umstands-, namentlich aber Zeitwörtern — stehen (gleich den Fällen unter III) in Übereinstimmung mit der allgemein oder doch mundartlich üblichen Redeweise des Volkes überhaupt. _Beispiele_: 1) für Kürzung durch Weglassung der _End_silbe -e (-en): a) _bei Substantiven_: Nr. 25 (_a' Schafnas'_); b) _bei Adjektiven_: u. a. Nr. 16 (_die jenisch Moss_); Nr. 19 (_mit der dof Beizere_); Nr. 25 (_in die dof Duft_; _die dof Latt_) usw.; c) _bei Adverbien_: Nr. 11 und öfter (_heut'_ [Leile] = heute [Nacht]; d) _bei Verben_: hier ist dieser Sprachgebrauch für _die erste Person Präsentis_ und _den Imperativ_ so häufig, daß er fast als _Regel_ erscheint, immerhin finden sich in diesen Fällen _auch_ noch die volleren Formen, und zwar zuweilen unmittelbar _neben_ den kürzeren; vgl. z. B. (für die _1. Person Präs._) Nr. 16 (_Ich boste und beschrenk'_ = ich gehe und schließe zu) und (für den _Imperativ_) Nr. 28 (_Pflanz', doge mir ein Funkerle_ = Mach', gib mir ein Streichholz); 2) für Kürzung durch Weglassung der _Anfangssilbe_ (ge-): bei Zeitwörtern (Partizipien): Nr. 17 (_'buttet_ = gegessen); Nr. 25 (_ein'bascht_ = eingekauft; _'pflanzte Sore_ = gemachte Ware; _'dalft_ = gebettelt); Nr. 33 (_'dogt_ = gegeben) usw. Den Übergang dazu vermittelt g' statt ge-; s. z. B. Nr. 24 (_g'schallet_ = gesungen); Nr. 25 (_abg'schunde Gleis_, _g'sprunkt_, _g'hauret_ usw.).
V. Eine spezielle (wohl auch auf _mundartlichen_ Einfluß zurückzuführende) Eigentümlichkeit des _Wittichschen_ Jenisch ist endlich noch der Gebrauch der Endsilbe _-et_ statt des im Schriftdeutsch üblichen _-en_ in mehreren Zeitwortformen, nämlich für den _Infinitiv_, für die _erste_ und für die _dritte Person Pluralis des Präsens_, wofür sich übrigens mehrfache Beispiele auch schon im _W.-B. des Konstanzer Hans_ (»Schmusereyen«) finden, dessen Ähnlichkeiten mit unserem Jenisch ja auch sonst mehrfach auffallen (vgl. schon »Vorbemerkung«, S. 3, Anm. 4, S. 6 u. in _dieser_ Anm. oben S. 73 sowie noch weiter unten die Anm. 2284 zu den »jenischen Schnadahüpfeln«). _Beispiele_: 1) für den _Infinitiv_: a) in _W.-B. des Konst. Hans_: 256 u. 258 (_z' malochet_ = zu plündern; _z' holchet_ = zu laufen); 259 (_z' kahlet und z' schwächet_ = zu essen und zu trinken); b) in _Wittichs Sprachpr._: Nr. 12 (_z' schwächet_ = zum Trinken [zu trinken]); Nr. 21 (_z' biket und z' schwächet_ = zu essen und zu trinken); Nr. 25 (_z' buttet_ = zu essen; _z' dalfet_ = zu betteln); 2) _für die erste Person Plur. des Präs._: a) im _W.-B. des Konstanzer Hans_: 256 (_Holchet mir_ …? = Kommen wir …?); b) in _Wittichs Sprachpr._: Nr. 11 (_vielleicht bestiebemer … und spannet_ = vielleicht bekommen wir … und sehen); Nr. 18 (_dass wir … schmuset_ = daß wir … sprechen); ebds. (_wir pfichet_ = wir gehen); Nr. 19 (_Schwächet und buttemer_ …? = Trinken und essen wir …?); Nr. 20 (_Wir zeinet … und schefften schiebes_ = wir bezahlen … und gehen fort); Nr. 25 (_wir kemeret_ = wir kaufen usw.); ebds. ([schon oben unter Nr. III, 3 lit. h als Belege für den Gebrauch von _mer_ und _mir_ = _wir_ angeführt]: _Wo schlaunetmer?_; _Jetzt pfichet mir in Sauft_; _bostet mir_; _pflanzet mir Blatt_; _bestiebet mir_); 3) für die _dritte Person Plur. des Präs._: a) im _W.-B. des Konst. Hans_: 256 (… _den Kochem, die schiaunet_ = … den Dieben, die schlafen; _S'e schmuset_ = sie sagen; _Jetzt schwächet s'e_ = Jetzt trinken sie); 260 (… _Grandscharrle schefftet lau und Prinzen schefftet lau schofel_ = … Die Hatschier' sind für nichts, und die Herren sind gar nicht scharf); b) in _Wittichs Sprachpr._: Nr. 4 (_Buz und Scharle hauret … dof_ = Polizeidiener und Schultheiß sind … gut); Nr. 25 (_Durmet die Schrawiner?_ = Schlafen die Kinder?; _herles pfichet Ulme_ = hier kommen Leute; _die Horboge hauret am Kaim_ = die Kühe gehören dem Juden) u. a. m. — Die sonst noch vorkommenden Abweichungen von der Schriftsprache bedürfen kaum einer besonderen Hervorhebung oder Erläuterung.]
[Fußnote 2284: ([2] auf S. 65.75) Nach dem Wörterbuch bedeutet _ni(e)sich_ und _nillich_ sowohl dumm als _auch_ verrückt.]
[Fußnote 2285: ([1] auf S. 65.86) Das hier in Verbindung mit »wo« (für »woher«) vorkommende Wort _schureles_ habe ich nicht ins jenisch-deutsche Wörterbuch eingestellt, weil es sehr schwierig erscheint, eine passende Verdeutschung dafür (ohne Rücksicht auf den ganzen Satz) zu geben. (Das einfache »her« würde kaum deutlich genug sein.) In der _schwäbischen Händlersprache in Unterdeufstetten_ (213) ist _schurles_ für »fort!« gebräuchlich. Dahingestellt lasse ich es auch sein, ob dieses Adverb — etwa gleich dem Zeitw. _schurele(n)_ — noch in Verbindung mit dem — einen Aushilfscharakter an sich tragenden — Hauptw. _Schure_ (Schurele) gebracht werden darf oder etwa anders zu erklären ist.]
[Fußnote 2286: ([2] auf S. 65.86) Eine wörtliche Übersetzung dieser Redensart erscheint nicht gut möglich. Ins W.-B. ist sie deshalb nicht mit eingetragen worden.]
VIII. Jenische Schnadahüpfel.[2287]
1.
Ei, g'want sein Kocheme, Denn sie tun nobis als schoren, Wann sie lore Rande füllen Und dof mit der Sore springen. Hei ja! Viva! Grandscharle was pflanzst du da?[2288]
[Fußnote 2287: ([1] auf S. 65.87) _Wittich_ hat hierzu in einer Anmerkung bemerkt, daß er von einer Übersetzung dieser »Schnadahüpfel« abgesehen habe, weil teils ihr Sinn sich leicht mit Hilfe des jenisch-deutschen Wörterbuchs herausbringen lasse, teils dagegen (wie z. B. bei Nr. 3) eine Wiedergabe der jenischen Unflätigkeiten im Deutschen kaum möglich erscheine. Ich kann dem nur beistimmen. Die Gründe, weshalb ich von diesen »Schnadahüpfeln« — trotz ihres groben Inhalts — nichts gestrichen habe, sind in meiner »Vorbemerkung.«, S. 3, 4 angegeben worden.]
[Fußnote 2288: ([2] auf S. 65.87) Die Nummern 1 u. 2 (bezw. 4) der »Schnadahüpfel« stimmen (wie schon in der »Vorbemerkg.«, S. 3, Anm. 4 erwähnt) auffälligerweise dem _Inhalte_ nach _fast ganz_ und auch in der _Form zum Teil_ noch mit »ein paar Strophen aus _Jauner-Liedern_« überein, die sich am Schluß des »_Wörterbuchs des_ _Konstanzer Hans_« von 1791 (bei _Kluge_, Rotw. I, S. 260) abgedruckt finden. Da mir nun _Wittich_ auf eine Anfrage hin versicherte, daß ihm das W.-B. des Konstanzer Hans gänzlich _unbekannt_ gewesen sei, so muß man wohl schlechterdings annehmen, daß es sich hier um alte, bis in die Gegenwart hinein erhaltene Überlieferungen aus der Blütezeit des deutschen Gaunertums handelt, die bei den »jenischen Leuten« nur in der äußeren Form einige Abänderungen erfahren haben. — Von Nr. 1 lautet (nach _Kluge_, a. a. O.) die ältere Fassung folgendermaßen:
Ey lustig seyn Kanofer (die Diebe, Schorne) Dann sia thun nichts als Schofle; Wann sia kenne Rande fülla Und brav mit der Sore springa. Hei ja! Vi va! Grandscharrle, was machst du da?
Zu _Kanofer_, das auch das _Pfulld. J.-W.-B._ 338 (_Kanoffer_ = Dieb; vgl. 339, 343, 345) kennt u. das auch sonst im Rotwelsch vorkommt, s. _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 193, der das Wort in erster Linie zwar zu jüd. _chonef_ = »Heuchler, Betrüger«, _chanufa_ = »Heuchelei« gestellt hat (vgl. dazu auch _Weigand_ im »Intelligenzblatt für die Provinz Oberhessen«, Jahrg. 1846, Nr. 74, S. 300 [unter Nr. 13]), jedoch hinzufügt, daß es »doch (auch) wohl nicht ohne Beziehung zu _ganfen_, stehlen« sei.]
2. [65.88]
Schicksel, was hat auch der Kochem g'schmust? Er hat g'schmust: Wann er vom Schoren pficht, Schefft er gleich wieder zu mir[2289].
3.
Jann mei' Bos, Bos mei' Bos, Pflanz' mei Bos um, Bik' mein Schund, Zehnthalb Pfund, Weil der'n wohl gunnt!
4.
Model, was hat der Fiesel g'schmust, Wo er ist 'bostet zu dir? Er hat g'schmust, wenn er nobis eine andere bestiebt, Bostet er gleich wieder zu mir[2289].
5.
Do' drüben auf'm Bergele Haun i d' Derchermodel karessiert, No' hauret ihrs Schmunkschottele, Der Berg na' g'marschiert.
[Fußnote 2289: ([1] auf S. 65.88) Zu dieser Nummer (sowie auch zu Nr. 4) vgl. die folgende Fassung beim »_Konstanzer Hans_«:
Schicksal, was hot auch der Kochern g'schmußt, Wia er ist abgeholcht von dier? Er hat g'schmußt: Wann er vom Schornen holch, Scheft er gleich wieder zu mier. ]
6. [65.89]
Jenischer Benges, bist nena g'want, I schmelz dir in d'Griffling, No' bohlst da an d' Wand.
7.
Jesses Marerkele, vors Grandscharleskitt Grandscharleskitt, Grandscharleskitt, Wenn du mi' nobis schniffst, No' schmelz d'r in's G'nick. Holdri, Holdra, Holdro!
Nachträge.
Nachträge zu Band 63. _Zu S. 5, Anm. 8_: Die Verallgemeinerung des Wortes _jenisch_ zu der Bedeutg. »klug« findet sich auch schon bei _Thiele_ 259, dem _Fröhlich_ 1851 gefolgt ist.
_Zu S. 19, Anm. 48 a. E._: Mit dem zigeun. _chadschē do parr_, d. h. »gebrannter Stein« = Backstein steht in Übereinstimmg. in _Wittichs_ W.-B. _g'funkter Kies_ = Ziegelstein.
_Zu S. 105, Anm. 173 a. E._: Der (im Anschluß an _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1432) vertretenen Herleitung von _Mamere_ = Mutter vom französischen _ma mère_ steht entgegen, daß die rotw. Quellen ganz überwiegend die Vokabel mit mm (also _Mammere_ od. [wie z. B. _v. Grolman_ 44 u. T.-G. 112 u. andere] _Mammer_) schreiben, woraus zu schließen, daß der Ton auf die _erste_ Silbe zu legen ist. Nach einer gefl. Mitteilung von Dr. _A. Landau_ (Wien) würde es sich deshalb wohl um das in den meisten Mundarten (auch im Schwäbischen [s. _Fischer_, a. a. O.]) bekannte Wort _Mamme_ = Mutter handeln, das mit der Endung -re versehen worden. Zur Erklärung dieses Vorgangs aber vermag allerdings auch _Landau_ nur zu verweisen auf »die polnisch-jüdische verächtliche Bezeichnung für Mutter: _Mammeru_ (mit dem Hauptton auf a und der Pejorativendung -ru)«.
_Zu S. 123, Anm. 229_: Die Vokabel _Ulme_ (-ma) = Leute findet sich in der Form _Ohlen_ und mit der Bedeutg. »Welt« auch bei _Pfister_ 1812 (303); vgl. _Fischer_, Schwäb. W.-B. V, Sp. 55 unter »Olem« vbd. mit I, Sp. 448 unter »Aulem«.
Nachträge zu Band 64. _Zu S. 138, Anm. 539_ (Zeile 5 von unten) ist das _non_ vor _nobis_ zu streichen.
_Zu S. 140, Anm. 550_: Die Beschränkung des Ausdrucks _Mokum_ auf die Bedeutung »Dorf« findet sich auch in der von _H. Weber_ in _Groß'_ Archiv, Bd. 59 veröffentlichten Liste von Wörtern der Kundensprache (s. das. S. 283 vbd. m. S. 266). _Zu S. 174, Anm. 850_: Eine Zusammensetzung mit _Schuberle_ ist auch noch _Schuberleweisling_ (d. h. eigentl. »Geistsonntag« = Pfingsten (worüber das Näh. schon S. 155, Anm. 689 [zu »Feiertag«] angeführt).
_Zu S. 142, Anm. 565 vbd. mit S. 336, Anm. 1454_ ist zu _Flu(h)tegroanikele_ = Meerschweinchen zu bemerken, daß es sich hierbei wohl um eine _Diminutivbildung_ von _Groanikel_ handelt.
_Zu S. 164/165, Anm. 763._ Für _Fünflamme_ = Schürze stellte mir Dr. _A. Landau_ die folgende Etymologie zur Verfügung, die in der Tat weniger gesucht erscheint als die von A.-L. 540 gegebene, der ich mich angeschlossen. Er denkt nämlich an die ältere Bedeutung von _Flamm_ (Flamme) = »Haut, Lappen« (s. _Grimm_, D. W.-B. III, Sp. 1712, Nr. 2), wozu zu vgl. auch französ. _flamme_ — »Lappen, Wimpel, Fähnchen« (vom lat. _flamma_). In den vom D. W.-B. III, Sp. 1714, Nr. 3 zitierten Stellen aus _Musculus_ (»Hosenteufel«) scheint _Flamme_ u. _Hosenflamme_ soviel wie »Hosenlatz« zu bedeuten. _Fünflamm(e)_ wäre demnach aus _Flamm(e)_ analog gebildet wie _Fürfleck_ = »Schurzfell, Schürze« (s. D. W.-B. IV 1, 1, Sp. 727; vgl. _Schmeller_, Bayer. W.-B. I, Sp. 786) aus _Fleck_ (Grundbedtg.: »pannus, Lappen, Fetzen«; s. D. W.-B. III, Sp. 1741, Nr. 1). Vgl. auch _Fürschurz_ u. bes. noch _Fürtuch_ (= »[Weiber-]Schürze«; s. Näh. D. W.-B. IV, 1, 1, Sp. 920/21, Nr. 2).
_Zu S. 180, Anm. 929_: _Gari_ = penis ist (nach _Pollak_ 213) auch noch der neueren _Wiener Gaunersprache_ bekannt.
Nachtrag zu Band 65. _Zu S. 65, Anm. 2262_: In rotwelschen Quellen des 19. Jahrhunderts (so z. B. bei _Pfister bei Christensen_ 1814 [326], _v. Grolman_ 46 u. T.-G. 130 u. _Karmayer_ G.-D. 209) kommt das Wort _Massi(c)k_ auch für »Schwätzer« oder »Verräter« vor. Man könnte dabei an einen Zusammenhang mit dem rotw. _massern_, hebr. _masr_ = »verraten« (vgl. _Günther_, Rotwelsch, S. 76) denken; jedoch kann sich jene Bedeutung auch _ohne dem_ entwickelt haben, da es ja nur begreiflich ist, daß die Gauner, um ihren gefährlichsten Feind, den Verräter, zu bezeichnen, zu den stärksten Ausdrücken greifen.
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Anmerkungen zur Transkription
Dieses Buch ist ursprünglich erschienen als eine Serie von Artikeln in: Groß, Hans (Hrsg.); Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik, F. C. W. Vogel, Leipzig; Bd. 63 (1915), S. 1-46, 97-133, 372-396; Bd. 64 (1915), S. 127-183, 297-355; Bd. 65 (1916), S. 33-89. Die einzelnen Artikel wurden zu einem zusammenhängenden Text vereinigt. Fortsetzungshinweise und Wiederholungen der Zwischenüberschriften wurden entfernt und die »Nachträge« am Ende der jeweiligen Artikel an einer Stelle zusammengefaßt. Seitennummern wurden durch Voranstellung der Nummer des jeweiligen Bandes des »Archivs« ergänzt.
Die Fußnoten mußten vom Fließtext getrennt und durchgängig neu numeriert werden. Auf Grund der großen Anzahl von Fußnoten (2289) und der zahllosen Querverweise zwischen den Fußnoten wurde eine Liste der ursprünglichen Nummern, der entsprechenden neuen Nummern und der zugehörigen Seitennummern zum Vergleich weiter unten angefügt.
Außerdem wurden die Fußnoten mit der ursprünlichen Nummer sowie der Seitennummer markiert.
Einige Seiten enthielten nur Fußnoten. Die entsprechenden Seitennummern wurden entfernt.
Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Fettdruck wurde ¶so¶ markiert.
Offensichtliche Fehler wurden berichtigt, teilweise unter Verwendung der zitierten Quellenliteratur. Eine Liste der Änderungen findet sich weiter unten. Der folgende Fall ließ sich nicht eindeutig klären: Anm. 302, »topor«: Am Ende des russischen Wortes _topor_ (Axt) erscheint im Druck ein Buchstabe, der wie ein kleines b oder das Weichheitszeichen des kyrillischen Alphabetes aussieht, dort aber nicht hingehört (entfernt).
Liste der Änderungen am Originaltext
Die Schreibweise und Grammatik der Vorlage wurden weitgehend beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 63.7]: … jenischem Form, näher aufzuzählen. Mit ziemlicher Sicherheit … … jenischen Form, näher aufzuzählen. Mit ziemlicher Sicherheit …
[S. 63.8]: … berauscht, schofel = schlecht, wo(h)nisch = katholisch; c) das … … berauscht, schofel = schlecht, wo(h)nisch = katholisch; d) das …