Part 3
Hier ist nun die Stelle, wo noch etwas näher auf den Einfluß hinzuweisen ist, den — gerade bei dieser Art von umschreibenden Aushilfs- oder Ersatzbegriffen — die _Zigeunersprache_ geübt hat. Wenn man z. B. _Wittichs_ Glossar mit dem »deutsch-zigeunerischen Wörterbuch« bei _Liebich_ (Die Zigeuner usw. S. 171 ff.) vergleicht, wird man erstaunt [63.17] sein, dort die allermeisten dieser Sprachgebilde — nur eben in _zigeunerischer_ Form — wiederzufinden. Sehr zahlreich sind zunächst die Übereinstimmungen mit den — auch im Jenischen — durch _Verbindungen_ von Substantiven und Eigenschaftswörtern umschriebenen Begriffen, wie z. B.: _grandicher Kaffer_ (zig. bāro gādscho[41]), d. h. »großer Mann« = Riese, _grandicher Sins_ (zig. bāro rai), d. h. »großer Herr« = Amtmann, Richter u. dergl. m.[42], _grandich Babing_ od. _Strohbutzer_ (zig. bāro pāpin), d. h. »große [od. größte] Gans« = Schwan, _grandiche Schrende_ (zig. bāri tattin od. isma), d. h. »große Stube« = Saal, _grandicher Kies_ (zig. bāro parr), d. h. »großer Stein« = Felsen, _grandicher Funk_ (zig. bāro jāk), d. h. »großes Feuer« = Feuersbrunst[43]; _oberkünftiger Giel_ (zig. pralduno mui), d. h. »oberes Maul« = Gaumen, _unterkünftiger Tritt_ (zig. telstuno pīro), d. h. »unterer Fuß« = Fußsohle, _näpfiger Schund_ (zig. danterpáskero tschikk), d. h. »beißender Dreck« = Kalk, _g'funktes Gib_ (zig. chadschēdo gīb), d. h.: »gebranntes Getreide« = Malz, _nobes dofer Glitschin_ (zig. tschi tschātschi glitin), d. h. »kein guter [rechter] Schlüssel« = Dietrich und noch gar vieles andere, wofür hier auf das W.-B. selbst verwiesen werden muß[44]. Ebenso steht es mit derartigen jenischen _Zusammensetzungen_ im e. S. (d. h. der in _einem_ Wort geschriebenen Bildungen aus mehreren Substantiven u. dergl.), nur daß die _Zigeuner_ auch hierbei regelmäßig die Form der lockereren _Verbindung_ (u. zwar meist von Haupt- und Eigenschaftswörtern) kennen. [63.18] Auch dafür nur einige Beispiele, die zugleich die charakteristische Denkweise der braunen Söhne des Ostens besonders ins Licht rücken: _Schwächerlemamere_ (zig. tschutschĭnéngeri dai), d. h. »Brustmutter« = Amme, _Trittgriffling_ (zig. heréngĕro gus[ch]to), d. h. »Fußfinger« = Zehe, _Stöberschmaler_ (zig. rukkéskri mádschka), d. h. »Baumkatze« = Eichhörnchen, _Mufferhorboga_ (zig. nakkéskĕri gurumni), d. h. »nasige Kuh« = Nashorn, _Leile-_ oder _Ratteflederling_ (zig. rattjakro tschirkŭlo), d. h. »Nachtvogel« = Eule, _Begerflederling_ (zig. muléskĕro tschirkŭlo), d. h. »Totenvogel« = Käuzchen, Steineule, _Schmuserfläderling_ (zig. rakkerpáskĕro tschirkŭlo), d. h. »der sprechende Vogel« = Papagei[45], _Koelegroenert_ (zig. bengeskĕri trab), d. h. »Teufelskraut« = Unkraut, _Begerkittle_ (zig. mīleskĕro kēr), d. h. »Totenhäuschen« = Sarg, _Bossertschei_ (zig. [auch], massĕlo diwes), d. h. »Fleischtag« = Sonntag, _Bäzamaschei_ (zig. jāringĕro diwes), d. h. »Eiertag« = Karfreitag, _Bäzemaweisling_ (zig. [u. a. auch] jāringĕro gurko), d. h. »Eiersonntag« = Ostern usw.[46]
[Fußnote 39: ([1] auf S. 63.16) Vgl. auch noch _Lanenger_ (Soldat), sowohl = Infanterist wie Kavallerist (»Husar«), _Begerisch_ = Siechtum im allgem., dann aber bes. auch Fallsucht, Epilepsie.]
[Fußnote 40: ([2] auf S. 63.16) S. daselbst auch über das — gleichfalls eine Art Aushilfsfunktion versehende — von _Schure_ abgeleitete Zeitw. _schurele_ (das bes. in Zus. mit Präpositionen vorkommt); ebends. ferner über den ähnl. Gebrauch des Zeitw. _pflanzen_.]
[Fußnote 41: ([1] auf S. 63.17) Die zigeunerischen Ausdrücke sind im folgenden ausschließlich nach dem Werke von _R. Liebich_ über die Zigeuner angeführt, da von den mir zugänglich gewesenen neueren Wörterbüchern (vgl. unten S. 22) keines eine _deutsch-zigeunerische_ Abteilung enthielt. Ich muß es deshalb aber dahin gestellt sein lassen, ob die sämtlichen hier aufgezählten Bezeichnungen auch wirklich heute noch im lebendigen Sprachgebrauch erhalten sind.]
[Fußnote 42: ([2] auf S. 63.17) S. Näh. noch im W.-B. unter »Amtmann«. Die merkwürdige Art der Steigerung (bei Rangstufen u. dergl.) im _Wittichschen_ Jenisch, wonach über _grandicher_ (als Komparativ aufzufassen) wieder noch das einfache (unflektierte) _grandich_ — als Superlativ — steht, so daß z. B. _grandich Sins_ mehr als _grandicher Sins_, nämlich den König, bedeutet (worüber Näh. noch im W.-B. unter »Bischof«), ist der Zigeunersprache unbekannt.]
[Fußnote 43: ([3] auf S. 63.17) Noch weitere Verbindungen dieser Art mit _grandich_ s. im W.-B. in der Anm. zu »Adler«.]
[Fußnote 44: ([4] auf S. 63.17) Außer Verbindungen von Haupt- und Eigenschaftswörtern gehören hierher auch noch solche von _mehreren Hauptwörtern_, wie z. B. _Patris und Mamere_ (zigeun. o dad te i dai), d. h. »Vater und Mutter« = Eltern, sowie satzartige Umschreibungen für (im Deutschen) einfache Zeitwörter, z. B. _Flu(h)te bostet mer herab_ (zigeun. panin naschēla mande tele), d. h. »(das) Wasser läuft mir herab« = ich schwitze.]
Man könnte nun geneigt sein, anzunehmen, daß _Wittich_, dem ja die Zigeunersprache ganz geläufig ist, einfach die zigeunerischen Umschreibungen ins »Jenische« übersetzt habe. Allein dem steht die Tatsache entgegen, daß in vielen ähnlichen Fällen _keine wörtliche_ Übereinstimmung, vielmehr nur eine gewisse Analogie zwischen »Jenisch« und »Zigeunerisch« besteht[47], ja in manchen sogar auch das nicht einmal, sei es, daß die Zigeuner ihre Umschreibung einem anderen [63.19] Vorstellungskreise entnommen haben als die jenischen Leute[48] oder überhaupt für den betreffenden Begriff ein selbständiges kurzes Wort besitzen, während das im Jenischen nicht der Fall ist[49]. So muß man wohl vermuten, daß infolge des Verkehrs zwischen den Händlern, Hausierern usw. und den Zigeunern aus der Anschauungsweise der letzteren zwar ein sehr beträchtlicher Teil auch bei den ersteren eingedrungen ist, während dagegen ein — immerhin noch ganz stattlicher — Rest des Jenischen sich von diesem Einfluß frei gehalten hat.
[Fußnote 45: ([1] auf S. 63.18) Weitere Bezeichnungen dieser Art für Vögel s. im W.-B. unter »Adler«. Auch dem oben (S. 16) erwähnten _Spronkert-Flössling_ = Hering entspricht das zig. lōndo mādscho, d. h. »gesalzener Fisch«.]
[Fußnote 46: ([2] auf S. 63.18) Über den als _Wortspiel_ zu betrachtenden Ausdruck _Sprauskritzler_ (zig. [u. a. auch] gaschtĕno lil), d. h. »Holzbrief« = Steckbrief s. das Näh. noch in d. Anm. zum W.-B. — Über den Einfluß des _Aberglaubens_, besonderer _Gebräuche_ usw. der Zigeuner auch auf das Jenische s. Näh. im W.-B. unter »Bachstelze« und »Löwenzahn«.]
[Fußnote 47: ([3] auf S. 63.18) So heißt z. B. das Aas im Jensichen _mufiger Bossert_ od. _Mass_ (d. h. »stinkendes Fleisch«), im Zigeun. _mulo mass_ (d. h. »totes Fleisch«), der Pfau im Jenischen _Dofefläderling_ (d. h. »schöner Vogel«), im Zigeun. (u. a. auch) _gisĕwo tschirkŭlo_ (d. h. »stolzer Vogel«), die Wanze im Jenischen _Mufkenem_ (d. h. »Stinklaus«), im Zigeun. _platti_ oder _lōli tochīw_ (d. h. »platte oder rote Laus«), der Mond im Jenischen _Leileschei_ (d. h. »Nachtlicht«), im Zigeun. _rattískĕro kamm_ (d. h. »Nachtsonne«), der Steckbrief im Jenischen (u. a. auch) _lenker_ oder _schofler_) _Kritzler_ (d. h. »schlechter [böser] Brief«), im Zigeun. (u. a. auch) _gālo lil_ (d. h. »schwarzer Brief«) usw.]
Zum Schluß noch einige Bemerkungen über die Einrichtung meiner »Anmerkungen« zu _Wittichs_ »Deutsch-Jenischem Wörterbuch«. Was zunächst deren Reihenfolge betrifft, so habe ich dabei grundsätzlich die Methode beobachtet, daß jedesmal _dort_ zu einer jenischen Vokabel die erforderlichen Erläuterungen gegeben wurden, wo diese _zum ersten Mal_ auftritt, sei es nun für sich _allein_ oder auch nur in einer _Zusammensetzung_ mit anderen Wörtern, sodaß also z. B. unter »Apfelbaum« = _Bommerlingstöber_ — als der ersten Zusammensetzung mit _Stöber_ = Baum — auch alles, was über _Stöber_ zu bemerken, mitgeteilt worden[50], während andererseits unter der Zus. »Baumkatze« = _Stöberschmaler_ (und nicht erst unter »Katze«) die Vokabel _Schmaler_ behandelt worden ist. In ganz derselben Weise wurde auch mit den Verbindungen verfahren. Gleich bei der ersten Vokabel des Wörterbuchs: Aas = _mufiger Bossert_ od. _Mass_ (d. h. eigtl. »stinkendes Fleisch«) [63.20] sind daher z. B. auch _mufig_ und sein Stammwort _muffen_ = riechen (stinken) sowie _Bossert_ od. _Mass_ = Fleisch betrachtet und die _weiteren_ Verbindungen und Zusammensetzungen damit aufgezählt worden[51], wogegen an allen anderen Stellen, wo diese Vokabeln noch wiederkehren, auf »Aas« zurückverwiesen worden ist. Es liegt auf der Hand, daß hierdurch gerade zu Beginn des Glossars die Anmerkungen in Zahl und Umfang reichlich anschwellen mußten, während sie dann weiterhin geringer werden und gegen das Ende zu fast nur noch in Zurückverweisungen bestehen.
[Fußnote 48: ([1] auf S. 63.19) So heißt z. B. im Jenischen der Adler _grandicher Flederling_ (d. h. »großer Vogel« [vgl. oben S. 16]), im Zigeun. dagegen _dui menakro tchírkŭlo_ (d. h. »der doppelhalsige Vogel«, und zwar nach _Liebich_, S. 146 wahrscheinlich deshalb, »weil dem Zigeuner das Bild dieses Vogels zuerst auf dem österreichischen Wappenschilde begegnet ist«), weiter die Tanne im Jen. _Jahre-_ oder _Kracherstöber_ (d. h. »Waldbaum«), im Zigeun. dagegen _mellĕlo ruk_ (d. h. »schwarzer Baum«), der Diamant im Jen. _dofer Kies_ (d. h. »schöner Stein«), im Zigeun. _dikkapáskĕro parr_ (d. h. »durchsichtiger Stein«), der Backstein im Jen. _Kittleskies_ (d. h. »Hausstein«), im Zigeun. _chadschēdo_ od. _lōlo parr_ (d. h. »gebrannter« od. »roter Stein«), der Bleistift im Jen. _Feberschure_ (d. h. »Schreibding«), Im Zigeun. _geschtĕno pōr_ (d. h. »hölzerne Feder«) usw.]
[Fußnote 49: ([2] auf S. 63.19) Vgl. z. B. _grandich Sins_ (eigtl. »größter Herr«) = König (s. oben S. 17, Anm. 42), zig. (meist) _kralo_, _grandiche Gachne_ (eigtl. »große Henne«) = Hahn, zig. _paschno_(-lo) od. _pussin_, _Schofeleiflederling_ (eigtl. »Unglücksvogel«) = Rabe, zig. _korāko_, _grandich Flu(h)te_ (eigtl. »großes [od. größtes] Wasser«) = Meer, zig. _sēro_, _grandiche Kitt_ (eigtl. »großes Haus«) = Hof, zig. _medrīa_, _dofe Kitt_ (eigtl. »schönes Haus«) = Schloß, zig. _filĕzzin_, _dofer Schmunk_ (eigtl. »gutes Fett«) = Butter, zig. _kīl_ u. a. m.]
[Fußnote 50: ([3] auf S. 63.19) Über _Bommerling_ konnte dagegen das Erforderliche schon unter »Apfel« angegeben werden, da ja das _einfache_ Wort vor jeder anderen Zusammensetzg. im W.-B. steht.]
In den Anmerkungen habe ich außer der Übersicht über den jenischen Wortbestand (Stammwort und Ableitungen davon[52], Zusammensetzungen, Verbindungen und Redensarten damit) auch die etwa nachweisbaren _Belege_ in den _stammverwandten_ (rotwelschen oder sonstigen geheimsprachlichen) _Quellen_ zusammengestellt. Dabei mußte indessen grundsätzlich eine gewisse Beschränkung — nämlich auf das schwäbische (bzw. badische) Sprachgebiet — platzgreifen. Es wurden demnach regelmäßig auf etwa vorhandene Parallelen hin geprüft: a) _für das ältere Rotwelsch_: der sog. »_Dolmetscher der Gaunersprache_« (nach einer im Reg.-Archiv zu Sigmaringen befindlichen Handschrift aus dem 18. Jahrh. von Prof. _H. Fischer_ in Tübingen abgedruckt in den »Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Altertumskunde in Hohenzollern«, Jahrg. 38 [1904/5], S. 89 ff.), zitiert: _Dolm. der Gaunerspr._;
das _Wörterbuch des Konstanzer Hans_, 1791 (vgl. näh. Titel u. Abdr. bei _Kluge_, Rotw. I, S. 232 ff.), zitiert: _W.-B. des Konst. Hans_;
die rotwelschen Vokabeln in _Schölls_ »Abriß des Jauner- und Bettelwesens in Schwaben«, 1793 (nach _Kluge_, a. a. O., S. 268 ff.), zitiert: _Schöll_;
das _Pfullendorfer Jauner-Wörterbuch_ von 1820 (s. Titel u. Abdr. bei _Kluge_, S. 336 ff.), zitiert: _Pfulld. J.-W.-B._;
[Fußnote 51: ([1] auf S. 63.20) Und zwar sind diese Aufzählungen der Einfachheit halber — in Übereinstimmung mit der Anlage des W.-Bs. in der Form »Deutsch-Jenisch« — regelmäßig nach der alphabet. Reihenfolge der _deutschen_ Bedeutungen der Vokabeln vorgenommen worden.]
[Fußnote 52: ([2] auf S. 63.20) Wo im W.-B. sich etwa eine Ableitung vor dem Stammworte findet, ist das letztere _dort_ mitbehandelt worden, so z. B. _Schure_ unter »abbiegen« (= _abschurele_) u. nicht erst unter »Achsel«, wo _Schure_ zum ersten Mal selbständig auftritt, _Funk_ = Feuer unter »abbrennen« (_abfunken_), _Ruadel_ = Wagen unter »abfahren« (_abruadlen_), das Zeitw. _muffen_ = riechen, wie schon im Text bemerkt worden, unter »Aas« (= _mufiger Bossert_ od. _Mass_) usw.]
b) für die _Gauner-_ und _Kundensprache der Gegenwart_: [63.21]
F. X. _Mayer_, »Jenisch in der Verbrecherwelt«, in den »Württemb. Vierteljahrsheften für Landesgeschichte«, N. F. Bd. XVI (1907), S. 66 ff., zitiert: _Schwäb. Gaun.- und Kundenspr._;
c) für die _schwäbischen Händlersprachen_:
die Sammlung von _Kluge_ in s. Rotw. I, S. 479 ff., zitiert: _Schwäb. Händlerspr._; dazu die Ergänzungen von:
W. _Zündel_, »Jenisch in Pfedelbach«, in den »Württ. V.-J. H. f. Landesgesch.«, N. F. Bd. XIII (1904), S. 202 ff.[53], zitiert nur durch den Zus.: »_Pfedelbach_« nebst Seitenzahl zu »Schwäb. Händlerspr.«;
Rud. _Kapff_, »Nachträge zu _Kluge_, Rotwelsch I«, in der »Zeitschr. für deutsche Wortforschung«, Bd. X (1908/9), S. 212 ff. Sofern sich diese Nachträge auf die _schwäb. Händlerspr._ beziehen, sind sie nur nach den Namen der betr. Ortschaften (_Unterdeufstetten_, _Lützenhardt_ u. _Deggingen_) abgek. zitiert: _U., Lütz. u. Degg._ nebst Seitenzahl zu »Schwäb. Händlerspr.«.
Berücksichtigt wurden auch noch das (der schwäb. Händlerspr. sehr ähnliche) sog. _Pleißlen der Killertaler_ in Hohenzollern (nach _Kluge_, a. a. O., S. 434 ff. vbd. mit R. _Kapff_, a. a. O., S. 212/13), ferner die (ebenfalls manche Übereinstimmungen usw. enthaltende) _Pfälzer Händlersprache_ (bei _Kluge_, S. 437 ff.), das (_dieser_ wieder verwandte) Jenisch der Handelsleute aus der Gegend von _Metz_ nach _Kapff_, S. 216/17 (zit.: Metzer Jenisch) und ausnahmsweise auch noch sonstige Krämersprachen sowie anderen Gegenden angehörige Sammlungen der Gaunersprache (wie z. B. die stets reichen Aufschluß bietende v. _Grolmans_).
Für die _Etymologien_ der jenischen Vokabeln endlich konnte ich meistens auf die Ausführungen in meinen, in dieser Zeitschr. (Bd. 33 und Bd. 38-56) veröffentlichten »Beiträgen zum Rotwelsch und den ihm verwandten Geheimsprachen« (I, II) verweisen (zitiert einfach: _Groß'_ Archiv [mit Band- und Seitenzahl]), während manches andere in meinen Erläuterungen zu der oben S. 6, Anm. 12 angeführten Abhandlung von H. _Weber_ (zitiert einfach: _Weber-Günther_) enthalten ist. Eine reiche Fundgrube etymologischer Notizen über die Gauner-, Kunden- und Händlersprache in Schwaben bildet sodann H. _Fischers_ »Schwäbisches Wörterbuch« (z. Zt. 4 Bände, Tübingen, 1901-1911). Da dieses groß angelegte Werk jedoch noch [63.22] nicht ganz abgeschlossen ist, wurde für das Fehlende auch das ältere Schwäbische Wörterbuch von Joh. Christ. v. _Schmid_ (2. Aufl., Stuttg. 1844) herangezogen. Mancherlei etymologische Aufschlüsse verdanke ich endlich wiederum der stets freundlichst gewährten Beihilfe von Dr. A. _Landau_ (Wien). — Für die Zigeunersprache habe ich (außer den schon erwähnten Vokabularen von _Liebich_ und _Jühling_(_-Wittich_) sowie den bekannten Werken von _Pott_ und _Miklosich_ [vgl. _Groß'_ Archiv, Bd. 33, S. 225, 231 und Bd. 38, S. 252, Anm. 1]) noch benutzt: Franz Nikolaus _Finck_, Lehrbuch des Dialekts der deutschen Zigeuner, Marburg 1903 (zitiert: _Finck_). Für die Zitierungsart der sonstigen Literatur sei hier auf die Übersicht in _Groß'_ Archiv, Bd. 33, S. 222-232 (nebst den Ergänzungen in Bd. 38 ff.) verwiesen. H. _Groß_, Handbuch für Untersuchungsrichter wurde überall nach der neuesten (6.) Aufl. (München, Berlin und Leipzig 1914) angeführt.
[Fußnote 53: ([1] auf S. 63.21) Hier sind (S. 206, Anm. 1) auch einige Vokabeln angeführt, die bei den Händlern in _Eningen_ (einem von _Kluge_, Rotw. I, S. 479 ff. _nicht_ berücksichtigten Orte) vorkommen. Sie sind in der vorliegenden Arbeit gleichfalls herangezogen worden (zitiert: _Eningen_ [S. 206, Anm. 1]).]
II. Einleitung. (»_Allgemeine Bemerkungen über die jenische Sprache_«). Von _Engelbert Wittich_.
Die vorliegende Arbeit will und kann in keiner Weise auf Sprachforschung — soweit man davon überhaupt bei der jenischen Sprache reden kann — Anspruch erheben, sie soll nur einen bescheidenen Beitrag liefern zur Sprachbereicherung, sozusagen zur Erschließung und Vervollständigung des Sprachschatzes, zur Belehrung für jeden Interessenten. Vielleicht kann sie auch in der Praxis der Kriminal- und Polizeibehörden verwendet werden und ihnen einige Dienste leisten.
Ob die jenische Sprache eine direkte Gaunersprache ist, d. h. eine zu polizeiwidrigen Zwecken erfundene Sprache[54], kann der Verfasser nicht sagen oder beurteilen, denn dazu fehlen ihm alle notwendigen tieferen Kenntnisse[55].
Der Verfasser hat die Sprache unter den »fahrenden Leuten« kennen gelernt, welche mit ihren kleinen zwei- und vierrädrigen, mit Segeltuch [63.23] bedeckten Karren, die gewöhnlich Mann und Frau, Kind und Kegel beherbergen, im Lande umherziehen. Diese Leute, die teils aus dem Württembergischen, teils aus Bayern und Baden, aber auch aus dem Elsaß stammen und in Bayern »Krattler«[56], sonst überall »Jenische« genannt werden (daher auch die Bezeichnung »jenische Sprache«[57]), setzen sich ihrem Berufe nach aus Bürstenbindern, Schirmhändlern, Sieb- und Korbmachern, Kesselflickern (»Keßlern«), Scherenschleifern u. dergl. zusammen.
[Fußnote 54: ([1] auf S. 63.22) Zu dieser Definition des Begriffs »Gaunersprache« durch _Wittich_ vgl. _Günther_, Rotwelsch, S. 2 und Anm. 1 vbd. mit H. _Groß_, Handbuch für Untersuchungsrichter, Bd. I, S. 447 u. Anm. 2.]
[Fußnote 55: ([2] auf S. 63.22) Etwas weiter unten hat der Verf. aber doch seine Ansicht hierüber in ziemlich bestimmter Form geäußert. Vgl. dazu Anm. 58 auf S. 23.]
Früher wurde das Hausiergewerbe vielfach zum verschleierten Bettel benutzt. Ein charakteristisches und wahrheitsgetreues Bild aus der Vergangenheit dieser Leute gibt unter den »Sprachproben« die Skizze »Dächlespflanzerulme« (Nr. 25; vgl. auch die »Schnadahüpfel« am Schluß der Arbeit). Um aber meinem Gerechtigkeitssinne Genüge zu tun und zur Ehre dieser modernen Nomaden, denen die stete Wanderschaft zwar Licht und Luft in reichem Maße, aber auch ein kärgliches und unruhiges Dasein bietet, sei es gesagt, daß der Bettel bei ihnen _heutigen_ Tages nur noch in geringem Umfange oder gar nicht mehr vorkommt, daß sie also im wesentlichen nur ihrem gesetzlich geregelten Wandergewerbe nachgehen. Auch haben es sich die Heutigen bequemer gemacht als es vor Zeiten ihre Väter hatten; sie haben die kleinen Schnappkarren, die sie selbst ziehen mußten, abgeschafft und sich dafür größere, mit einer Plane überspannte oder ganz aus Holz hergestellte Wagen (ähnlich denen der Zigeuner) zugelegt samt einem Rößlein davor. Übrigens gehen diese Gewerbe bedeutend zurück, und die fahrenden Leute verschwinden daher mehr und mehr von der Landstraße; am häufigsten sind sie noch in den Reichslanden und in Bayern anzutreffen.
Meiner, allerdings unmaßgeblichen Ansicht nach ist die jenische Sprache ein gemachtes und ersonnenes Kauderwelsch, dem jedoch kein unerlaubter, geheimer Zweck des jenischen Volkes zugrunde liegt, sondern lediglich das Bestreben, sich vor Uneingeweihten abzuschließen und ihren Jargon als harmlose Handelssprache zu benutzen[58], ähnlich wie es auch die Handelsjuden tun, welche die jenische Sprache ebenfalls verstehen und sprechen.
[Fußnote 56: ([1] auf S. 63.23) S. dazu Näh. im Vokabular unter »fahrende Leute«.]
[Fußnote 57: ([2] auf S. 63.23) Diese Behauptung dürfte dahin zu berichtigen sein, daß umgekehrt der Begriff »jenische _Sprache_« der geschichtlich _früher_ auftretende gewesen ist. Vgl. dazu Näh. oben in meiner »Vorbemerkung«, S. 4 und Anm. 6.]
[Fußnote 58: ([3] auf S. 63.23) In der Fassung dieses Satzes hat sich der Verf. sehr eng an die Ausführungen angeschlossen, die _Liebich_, Die Zigeuner, S. 114 über das Verhältnis der sog. Standes- oder Berufssprachen zur _Gaunersprache_ gegeben hat.]
Beinahe selbstverständlich erscheint es, daß sich die jenische Sprache [63.24] auch durch zigeunerische Wörter bereichert hat, während umgekehrt die Zigeunersprache — die ja eine richtige grammatikalische Sprache und als solche mit der jenischen nicht zu vergleichen ist — aus dieser keine Anleihen gemacht hat. Zwar versteht der Zigeuner fast ohne Ausnahme die jenische Sprache, aber er verschmäht es, das defekte Gefieder der seinigen mit jenischen Federn zu ergänzen und auszuflicken, denn zieren würde er sie dadurch nicht, sondern nur herabwürdigen und schänden[59].
Im Laufe der Zeit haben sich manche Wörter der jenischen Sprache verändert, sind z. B. abgekürzt worden usw., ja es scheint, daß sich auch das zur Zeit noch gebräuchliche Wortmaterial in fortwährender Umgestaltung und die jenische Sprache überhaupt im großen ganzen heute im Rückgange befindet. Die schon veralteten Ausdrücke sowie die Vokabeln zigeunerischen Ursprungs — von denen oben kurz die Rede war — sind vor dem eigentlichen deutsch-jenischen Lexikon noch besonders zusammengestellt worden (s. N. II u. III). Auffallend ist es, daß im Jenischen sehr häufig besondere Ausdrücke für die meisten Tier- und Pflanzengattungen, für Baum- und Straucharten, die doch jeden Tag gesehen werden, fehlen[60], und daß zur Bezeichnung derselben — sowie überhaupt aller Gegenstände (oder auch Tätigkeiten), wofür kein spezieller Name vorhanden ist — die Wörter _Schure_ oder _Sore_ (bei Tätigkeiten das [davon abgeleitete] Zeitw. _schurele_ [oder auch _pflanzen_]) herhalten müssen, auf welche in dieser Beziehung fast Unglaubliches abgeladen wird. _Schure_ oder _Sore_ bedeutet aber zunächst nur eine (die) Sache oder ein (das) Ding ohne irgendwelche genauere Angabe, so daß der richtige Sinn des Wortes lediglich erst aus dem jeweiligen Zusammenhang der Rede zu entnehmen ist. Ein überaus häufig gebrauchtes Wort der jenischen Sprache ist auch _grandich_.
Endlich möchte ich noch hervorheben, daß ich mich beim Aufschreiben dieser Sprache sowohl an das schwäbische Idiom hielt als _auch_ an mein [63.25] Gehör. Daher kommt es, daß ich bald _l¶i¶nzen_, _Rädl¶i¶ng_, _Scheinl¶i¶ng_, bald _l¶e¶nzen_, _Rädl¶e¶ng_, _Scheinl¶e¶ng_ geschrieben habe u. a. m. Nur nebenbei sei bemerkt, daß ich die jenische Sprache gewissenhaft und nach genauer Prüfung eines jeden Wortes aufgeschrieben habe und nicht — aus Büchern! Leicht war es für mich, die Wörter dieser Sprache zu sammeln, aber schwer, sie zu ordnen und zu erklären, was ja selbst dem Fachmann Schwierigkeiten bereiten dürfte. Der Verfasser bittet daher, etwaige Mißverständnisse, Schreibfehler usw., die sich eingeschlichen haben sollten, zu entschuldigen.
[Fußnote 59: ([1] auf S. 63.24) Auch dieser Satz stimmt _fast wörtlich_ mit dem überein, was _Liebich_, a. a. O., S. 114, 115 über das Verhältnis der Zigeunersprache zur _Gaunersprache_ bemerkt hat. — Der _Sache_ nach ist das von _Wittich_ Gesagte übrigens unlängst auch von W. _Zündel_ in den »Württemb. V.-J.-Heften für Landesgeschichte« usw., N. F. Bd. XIII, S. 205 bestätigt worden. (»Auch weist der richtige Zigeuner einen Stammesgenossen, der ihm gegenüber jenische Kenntnisse verwerten will, zurecht: _goi dig hawo jenari_, d. h. ›sieh da, was für ein Jenischer‹«.)]
[Fußnote 60: ([2] auf S. 63.24) Auch hierbei zeigt sich Anschluß an _Liebichs_ ähnliche Bemerkungen über die _Zigeunersprache_ (a. a. O. S. 118).]
Möge die Arbeit gütige Aufnahme finden im Kreise der Leser und Forscher; dann bin ich reichlich belohnt für den darauf verwandten Fleiß.
Stuttgart, im Juni 1914.
_Engelbert Wittich._
III. Verzeichnis veralteter, meist jetzt umgeänderter jenischer Wörter.[61]