Die jenische Sprache

Part 2

Chapter 22,788 wordsPublic domain

[Fußnote 19: ([3] auf S. 63.8) Bloße _Ableitungen von Hauptwörtern_, wie _scheneglich_ = fleißig von _Schenagel_), _schmelemerisch_ = zigeunerisch (von _Schmelemer_), oder _von Zeitwörtern_, wie _begerisch_ = sterblich, krank (von _begeren_), _diberich_ u. _schmusich_ = gesprächig (von _diberen_ u. _schmusen_), sind hier _nicht_ berücksichtigt worden.]

[Fußnote 20: ([4] auf S. 63.8) Über den Gebrauch von _dof_, _molum_, _schofel_ als _Substantive_ s. schon oben S. 7, Anm. 16. — Auch _begerisch_ (s. Anm. 19) kommt als Hauptw. (= Siechtum) vor.]

[Fußnote 21: ([5] auf S. 63.8) Die in Klammern gesetzten Vokabeln halte ich persönlich _nicht_ (od. doch nicht in _erster_ Linie) für hebräischer Herkunft. Näh. s. in den betr. Anmkgn. zum W.-B.]

[Fußnote 22: ([6] auf S. 63.8) Bloße substantivische _Ableitungen von_ (den unter b genannten) _Zeitwörtern_ (wie etwa _Bascher_ = Käufer, _Dercher_ = Bettler, _Sichere_ = Küche u. a. m.) sind hier außer Betracht geblieben.]

Sehr groß erscheint auch der Einfluß der _Zigeunersprache_ auf unser Glossar. Schon die Zahl der mit Sicherheit unmittelbar hieraus übernommenen Vokabeln steht nämlich nur wenig hinter derjenigen der Wörter hebräischer Herkunft zurück, während sie die der sonst in rotwelschen Quellen oder in anderen Krämersprachen etwa anzutreffenden Mengen von Ausdrücken dieser Art erheblich übersteigt. Nur bei dem Jenisch der schwäbischen Händler in _Unterdeufstetten_ macht sich — wie Rudolf _Kapff_ (in der Zeitschr. für deutsch. Wortforschg., Bd. X. S. 214) nachgewiesen — ebenfalls ein stärkerer zigeunerischer Einschlag bemerkbar. Während aber hier die Wörter dieses Stammes immerhin etwa zwei Dutzend nicht übersteigen, sind sie im _Wittich_'schen Vokabular ungefähr auf die doppelte Summe zu schätzen. Da der Verf. in seiner »Einleitung« selber ein genaueres Verzeichnis dieser Vokabeln angefertigt hat, kann hier auf ihre Aufzählung verzichtet werden; jedoch sei der Vollständigkeit halber bemerkt, daß dort einerseits die weiteren Ableitungen von den zigeunerischen Stammwörtern (wie z. B. die Zeitw. _lubnen_ = »huren« und _matschen_ = fischen zu _Lubne_ = Hure und _Matsche_ = Fisch oder das Adj. _bogelich_ = gierig u. dergl zu _Bog[g]elo_ = Hunger) nicht berücksichtigt sind, während andererseits [63.10] einige der aufgezählten Vokabeln auch unmittelbar — nicht erst durch Vermittlung der Zigeuner — aus dem Deutschen oder aus anderen Sprachen ins Jenische eingedrungen sein könnten (Näh. s. in den Anmerkgn. zur »Einleitg.«; vgl. auch gleich weiter unten die Anm. 26). Mit der bloßen Rezeption der äußeren Form erscheint übrigens die Einwirkung des Zigeunertums auf die _Wittich_sche Händlersprache noch lange nicht erschöpft, vielmehr ist auch noch in einer ganzen Reihe von — ihrer _äußeren_ Erscheinung nach dem _Deutschen_ oder _anderen_ Sprachen zuzuweisenden — jenischen Ausdrücken _begrifflich_ die besondere Anschauungs- und Denkweise des Zigeunervolks deutlich wahrnehmbar. Das Nähere hierüber ist aber besser erst weiter unten in anderem Zusammenhange mitzuteilen.

[Fußnote 23: ([1] auf S. 63.9) Ausgenommen solche, die (wie z. B. _kafleren_ = schlachten u. _ei'leken_ = einkerkern) _sicher_ oder (wie z. B. _bosen_ [bosme] = lecken) _vielleicht_ erst wieder von den unter a genannten _Hauptwörtern_ (_Kafler_, _Lek_, _Bos_) _abgeleitet_ sind. S. das Näh. in den einschläg. Anmerkgn. zum W.-B.]

[Fußnote 24: ([2] auf S. 63.9) _Selbständige Eigenschaftswörter_ dieser Art sind nicht vorhanden. Für bloße _adjekt. Ableitungen_ (wie z. B. _dercherich_ = bettelhaft, dürftig von dem Zeitw. _derchen_) sei auf die Anmerkgn. zum W.-B. verwiesen.]

Von sonstigen fremden Sprachen haben nur das _Lateinische_[25] und seine beiden Haupt-Töchtersprachen, das _Französische_ und _Italienische_, etwas breitere Spuren hinterlassen[26], während sich auf das _Slawische_ und auf die _nordischen_ Sprachen mit Bestimmtheit nur ganz wenig zurückführen läßt.[27]

[Fußnote 25: ([1] auf S. 63.10) S. z. B. _Patris_ = Vater, wohl auch _g'want_ = anmutig u. dergl. (von _quantum_) und _Ki(e)bes_ = Kopf (von _caput_) sowie _nobis_ = nicht, das jedoch in _erster_ Linie dem _Italienischen_ zuzuweisen sein dürfte (s. das Näh. im W.-B. unter »Dietrich«), ebenso wie _Vergondert_ = Konkurs und _bosten_ = gehen (vermittelt durch unsere Lehnwörter _Gant_ und _Post_). Auf ältere _Lehnwörter_ aus dem _Lateinischen_ gehen vermutlich noch zurück _Kolb_ = Pfarrer und _Sins_ = Herr (s. das Näh. im W.-B. selbst), während zu _durme_ = schlafen, ruhen, liegen wohl zunächst das Französische (_dormir_) heranzuziehen sein dürfte. Vgl. auch die Latinisierungen auf _-us_ bei Wörtern deutscher oder fremder Herkunft (wie _Bikus_ = Essen, _Rochus_ = Zorn).]

[Fußnote 26: ([2] auf S. 63.10) S. für das _Französische_: _Bommerling_ = Apfel (von _pomme_), _Mamere_ = Mutter(= »_ma mêre_«), _Scharrisele_ = Kirschen (von _cerises_), ferner _Feneter_ = Fenster und _Furschet_ = Gabel (die _Wittich_ in seiner »Einltg.« beide unter den Zigeunerwörtern aufgeführt hat; s. dort in den Anm. das Näh. dazu). Über _durme_ s. schon die vorige Anm. Das Zeitw. _baschen_ = kaufen (vgl. oben S. 9) — vielleicht vom französ. _passer_ — kann auch dem _Italienischen_ (_passare_) zugeteilt werden. Mehr vom ital. _grande_ als vom französ. _grand_ beeinfußt worden ist ferner wohl _grandich_ = groß usw. In erster Linie _italien._ Herkunft sind endlich _nobis_ (s. oben Anm. 25) und _Strade_ = Weg, Straße. Über _Fehte_ = »Quartier« s. das W.-B. unter »Hauswirt«. Über _Vergondert_ und _bosten_ vgl. oben Anm. 25.]

[Fußnote 27: ([3] auf S. 63.10) Auf das _Slawische_ (Polnische) nämlich: _sicher_ _Rawine_ = Leiter (nur _vielleicht_ auch _Bauser_ = Angst bezw. _bausen_ = fürchten und _Stöber_ = Baum); s. das Näh. im W.-B. unter »Leiter«, »Angst« und »Apfelbaum«; auf das _Nordische_ (Schwedische usw.): _Fehma_ = Hand (und _vielleicht_ auch [das damit wohl zusammenhängende] Zeitw. _febern_ = schreiben); s. das Näh. im W.-B. unter »Hand« und »abschreiben«.]

Auch abgesehen von der »Sprachenmischung« treffen wir weiter in unserem [63.11] Jenisch fast alle charakteristischen Kennzeichen des Rotwelschs an. So begegnet man beinahe auf jeder Seite des Vokabulars einer der typischen rotwelschen Endungen _-erich_, _-ert_ (aus dem ältern _-hart_) und _-ling_ (-linger) bezw. _-ing_ (vgl. z. B. _Toberich_ = Tabak, _Glansert_ = Glas, _Rauschert_ = Stroh, _Flössling_ oder _Schwimmerling_ = Fisch, _Hitzling_ = Ofen usw.), die übrigens auch — ganz wie es bei den Gaunern üblich — an Wörter _fremden_ Stammes angehängt sind (vgl. z. B. _Schwächerich_ = Durst, _Boschert_ = Pfennig, _Bossert_ = Fleisch [sämtl. aus d. Hebr.], _Babing_ = Gans [aus d. Zigeun.], _Bommerling_ = Apfel [aus dem Franz.]). Weiter finden sich mehrfach Fälle der — zu größerer Unkenntlichmachung der ursprünglichen Form dienenden — _Abbreviaturen_ (und zwar in der Form der sog. _Aphärese_, d. h. der Weglassung der Anfangssilbe[n], wie _Bolla_ [= Kartoffeln] statt und neben _Schundbolla_, _Staude_ [= Hemd] statt [rotw.] _Hanfstaude_, höchstwahrscheinlich auch _Boga_ [= Kuh] statt _Horboga_ und vielleicht auch _Bos_ [= After] statt _Schundbos_ [vgl. das Näh. in den Anm. zum W.-B.]), und vereinzelt erscheint auch eine sog. _Transposition_ (nämlich bei _Kopel_ = Beinkleid, Hose, vermutl. statt zigeun. _cholep_). Bei der Begriffsbildung tritt u. a. auf der Gebrauch des »_pars pro toto_« (wie z. B. _Langohr_ = Hase) und von Eigennamen als Gattungswörtern (s. z. B. _Lattenkarle_ oder _August mit dem Ofenrohr_ = Gendarm), auch für Tiere und Sachen (vgl. _Hornikel_ = Ochse, _Groenikel_ = Schwein [zu _Ni(c)kel_, Kurzform von _Nikolaus_], _Dietz_ [wohl Kurzform von Dietrich] = penis, _Blauhanze_ = Zwetschgen), die auch noch auf andere Weise _personifiziert_ erscheinen (vgl. _Lachapatscher_ = Ente, _Strohbutzer_ = Gans sowie das merkwürdige _Jerusalemsfreund_ = Schaf [s. Näh. in den Anm. zum W.-B. unter »Hammel«]; _Linzere_ = Brille, _Stradelinzer_ = Wegweiser u. a. m.), endlich das weite Gebiet der (im Rotwelsch so beliebten) _Metaphern_ oder Begriffsübertragungen (wie z. B. _Hasa_ [d. h. Hasen] = Flöhe, _Schundflederling_ [eigtl. »Dreckvogel«] = Mistkäfer, _Kupferflederling_ [eigtl. »Heuvogel«] = Heuschrecke; _Schlang_ = Kette, _Fuchs_, _Füchsle_ = Gold, Goldstück, _Frösch_ = Monate; _Dächle_ = Regenschirm, _Galgennägel_ = Rüben usw.).

Während sich in allen diesen und noch manchen anderen Erscheinungen der mehr oder weniger enge Anschluß an rotwelsche Vorbilder unschwer erkennen läßt[28], weist unser Jenisch auch einige ihm speziell eigene, [63.12] überall hervortretende Besonderheiten auf. Es sind dies namentlich: die stark ausgeprägte _mundartliche Färbung_ der Vokabeln und die auffällig große Zahl von (oft recht langen) _Zusammensetzungen_ oder _Verbindungen_ mehrerer Wörter miteinander.

[Fußnote 28: ([1] auf S. 63.11) Hingewiesen sei bes. auch noch auf die fast ganz mit dem Rotwelsch übereinstimmende Bildung der Standes- und Berufsbezeichnungen, namentlich in der Form von Zusammensetzungen mit gewissen substantisierten Tätigkeitsformen, wie _Pflanzer_ (vgl. _Groß'_ Archiv, Bd. 46, S. 12 ff.) — so z. B. _Funkpflanzer_ = Heizer, _Schrendepflanzer_ = Zimmermann — und _Schenegler_ (vgl. Archiv, Bd. 46, S. 304ff.) — so z. B. _Bichschenegler_ = Münzarbeiter, _Hitzlingschenegler_ = Ofensetzer — oder mit selbständigen Hauptwörtern mit der Bedeutung »Mann« (»Herr«, »Kerl«, »Bursche« u. dergl.) bezw. — für weibl. Personen — »Frau« (»Mädchen«), wie _Kaffer_ (vgl. Archiv, Bd. 48, S. 328 ff.), _Gadscho_ (vgl. Archiv, Bd. 49, S. 331 ff.), _Sins_ (vgl. Archiv, Bd. 38, S. 270), _Benk_ (vgl. Archiv, Bd. 49, S. 344 ff.), _Freier_ (vgl. Archiv, Bd. 49, S. 350 ff.), _Fiesel_ (vgl. Archiv, Bd. 50, S. 157 ff.) oder (für weibl. Pers.) _Moss_ und _Model_ (vgl. Archiv, Bd. 50, S. 344 ff.). Beispiele: _Leilekaffer_ = Nachtwächter, _Rädlingskaffer_ = Fuhrmann; _Begergadscho_ = Leichenbeschauer; _Begersins_ = Arzt, _Sturmkittsins_ = Ratsherr; _Rattebenk_ = Nachtwächter, _Stradebenk_ = Straßenwärter; _Fehtefreier_ = »Quartierbursche«; _Verkemersfiesel_ = Handelsbursche, _Sicherfiesel_ = Koch; _Deiselmoss_ = Hebamme, _Begermoss_ = Leichenfrau; _Galmamodel_ = Kindermädchen usw.]

Die dialektische Ausgestaltung der Wörter — die natürlich durchweg die süddeutsche, insbesondere schwäbische Eigenart an sich trägt[29], geht zuweilen so weit, daß die ursprüngliche Grundform nur noch schwer zu erkennen ist. So hat z. B. _Klettert_ = Tisch nichts mit unserm Zeitwort »klettern« zu tun, sondern ist nur eine schlechte Aussprache von _Glättert_ = _Glatthart_, und _Blatt_ (= blatt) _pflanzen_ = im Freien übernachten gehört nicht etwa zu dem Subst. _Blatt_, sondern zum Adj. _platt_ (vgl. auch _baschen_, _Bommerling_ u. ä. statt [der sonst — im Rotw. usw. — vorherrschenden Formen] _paschen_, _Pommerling_; _bugle_ und _bukle_ = tragen, _gril(l)isch_ u. _kril(l)isch_ = protestantisch, _Gluber_ u. _Kluper_ = Uhr u. a. m.). Fast noch häufiger als die Konsonanten erscheinen die _Vokale_ verändert. So finden sich z. B. neben den Formen _Groenert_, _Groenikel_, _Ruedel_, _nuschig_ auch die breiteren: _Groanert_, _Groanikel_, _Ruadel_, _nuaschig_, neben _Kunde_, _Rundling_, _Schund_ auch _Konde_, _Rondling_, _Schond_, und besonders beliebt erscheint der Wechsel zwischen den Buchstaben i und e. Man [63.13] vergleiche: _nobis_ und _nobes_, _Patris_ und _Patres_, _linzen_ und _lenzen_, _link_ und _lenk_. Auch die Endung _-ling_ ist demgemäß (wie _Wittich_ auch in seiner »Einleitung« selber betont hat) häufig zu _-leng_ umgewandelt worden. Da hierbei indessen nur völlige Willkür (nicht irgendeine bestimmte Sprachregel) geherrscht zu haben scheint, so erübrigt es sich, die einzelnen Gruppen der nur auf _-ling_, nur auf _-leng_ und der bald auf die eine, bald auf die andere Weise auslautenden Wörter genauer gegenüberzustellen[30]. Auch bei anderen _Endungen_ von Hauptwörtern oder solchen von Zeitwörtern sind bald die Formen der Mundart, bald die der Schriftsprache, bald beide nebeneinander gewählt worden (vgl. z. B. _Fehma_ = Hand, _Hasa_ = Flöhe, _Bolla_ u. _Bolle_ = Kartoffeln, _Buxa_ u. _Buxe_ = Hose, _Ulma_ u. _Ulme_ = Leute, _Schei_ u. _Schein_ = Tag, _Kollerin_ = Müllerin, aber _Deislere_ = Wöchnerin, _Stichlere_ = Schneiderin; _fuchsa_ = erzeugen, _fu(h)la_ od. _schmelza_ = cacare, i. d. R. auch: _achila_ od. _kahla_ = essen; _budera_ = begatten, _kaspere_ = betrügen, _schlummere_ = liegen, _toberiche_ = rauchen; _biken_ od. _butten_ = essen, _bosten_ od. _pfichen_ = gehen; dagegen [in Zus.]: _bohla_, _bohle_ und _bohlen_ = fallen, _pfladera_ [-re, -ren] = waschen, _ruadla_ [-le, -len] = fahren usw.). Als eine spezifisch schwäbische Endung von Hauptwörtern dürfte wohl _-ete_ (od. _-ede_) angesehen werden, die uns (nach Analogie etwa von _Gäutschete_ = Schaukel zu _gautschen_ = schaukeln [s. _Fischer_, Schwäb. W.-B. III, Sp, 109[31]]) z. B. in _Buklete_ = Traglast, _Dämpfete_ = Zigarre, _Flösslete_ = Urin, _Schmelzede_ = »Abweichung« (Diarrhöe) und — auch an einen fremden (zigeun.) Stamm angehängt — in _Fu(h)lete_ (= Schmelzede) entgegentritt[32]. Sehr beliebt erscheint auch die bekannte süddeutsche substantivische Verkleinerungsform -le[33]. Die gewöhnliche Adjektiv-Endung schreibt _Wittich_ regelmäßig [63.14] _-ich_, nur ausnahmsweise _-ig_ (so z. B. neben _grandich_ seltener auch _grandig_, neben _muffich_ auch _mufig_); eine kleinere Gruppe dieser Wortgattung endigt auch auf _-isch_ (so z. B. _begerisch_, _biberisch_, _gril[l]isch_, _jenisch_, _wo[h]nisch_, _schmelemerisch_).

[Fußnote 29: ([1] auf S. 63.12) Ausnahmen, wie z. B. die dem Rotwelsch entlehnten, ursprünglich dem _niederd._ Sprachgebiet angehörenden Vokabeln _Buxa(-e)_ = Hose u. _schlummere_ = liegen (eigtl. »schlafen«, arg.: _Schlumerkitt_ = Herberge) oder wie _Strauberts_ = Haare, das wohl mit dem _norddeutsch. Plural-S_, wie in »Jungens«, »Mädchens«, versehen sein dürfte, bestätigen nur die Regel.]

[Fußnote 30: ([1] auf S. 63.13) Merkwürdig ist, daß zuweilen bei demselben Worte der Singular auf _-leng_, der Plural dagegen auf _-ling_ gebildet worden, so z.B. bei _Schmaleng_ = Katze u. _Stupfleng_ = Igel.]

[Fußnote 31: ([2] auf S. 63.13) Mehrere ähnliche Beispiele enthält auch das _Pleißlen der Killertaler_ (s. _Kluge_, Rotw. I, S. 435, 436).]

[Fußnote 32: ([3] auf S. 63.13) Dagegen ist die Endung _-es_ (wie z. B. in _Benges_ = Bursche u. dgl., _dambes_ [eigtl. Rausch, dam = berauscht], _Guf(f)es_ = Prügel) auch sonst im Rotw. u. den verw. Geheimsprachen bekannt (vgl. _Pott_, Zigeuner II, S. 33, Nr. 2), aber in den einzelnen Fällen wohl verschieden zu deuten (s. _Pott_ I, S. 103, 104; vgl. auch _Behaghel_, Deutsche Sprache [5. Aufl. 1911], S. 308). Bei _Guf(f)es_ erblickt _Fischer_, Schwäb. W.-B. III, Sp. 905 in _-es_ die abgeschwächte hebr. Plural-Endg. _-ôth_.]

[Fußnote 33: ([4] auf S. 63.13) Auch sie ist (wie ebenfalls sonst in den Geheimsprachen) nicht nur an Wörter deutschen Stammes, sondern _auch_ an solche _fremder_ Herkunft angehängt worden (s. z. B. _Käfferle_, zu _Kaffer_ [aus dem Hebr.]; _Doberle_ = Beil, zu _Dober_ = Axt, _Gachnele_ = Küchlein, d. h. Hühnchen, zu _Gachne_ = Henne, Huhn, u. _Gaschele_ = Kinder, eigtl. »kleine Leute«, zu _Gasche_ od. _Gadsche_ = Leute, plur. von _Gadscho_ = »Kerl« [_alle drei_ aus dem _Zigeun._], _Sinsle_ = Junker, zu _Sins_ = Herr [vermittelt wohl durch e. latein. Lehnwort], _Scharrisele_ = Kirschen [aus dem Französ.]). Im übrigen ist noch zu beachten, daß sie nicht immer bloß eine Verkleinerung gegenüber dem Stammwort bedeutet (wie dies z. B. allerdings der Fall bei _Fi[e]sele_ od. _Freierle_ = Junge, Knabe [zu _Fi[e]sel_, _Freier_ = Bube, Bursche (Jüngling) bezw. fremder Bursche], _Mössle_ = Jungfrau [zu _Moss_ = Frau], _Schmalerle_ = Kätzchen [zu _Schmaler_ = Katze], _Trabertle_ = Füllen [zu _Trabert_ = Pferd] u. a. m.; vgl. auch noch _Doberle_ = Beil [zu _Dober_ = Axt; s. oben], _Füchsle_ = Goldstück [zu _Fuchs_ = Gold], _Späusle_ = Splitter [zu _Spraus_ = Holz]), sondern zuweilen den ursprünglichen Begriff auch vollständig verändert (s. bes. _Schwächerle_ = Brust, Euter [aber _Schwächer_ = Rausch, Trunkenheit], _Krächerle_ = Nuß [aber _Kracher_ = Wald]; vgl. auch _Schurele_ u. _Schure_ [worüber Näh. im W.-B. unter »abbiegen«] u. _Hegesle_ = Knödel u. _Heges_ = kleines Dorf [bei denen aber wohl _kein_ gleicher Stamm zu Grunde liegen dürfte]). Eine Mittelstufe nehmen ein die Ausdrücke _Kittle_ (zu _Kitt_ = Haus), da es in _Wittichs_ Vokabular sowohl »Gartenhaus« als _auch_ spezieller »Arrest, Gefängnis« bedeutet (wie im Rotw. _Kittchen_), u. _Käfferle_ (zu _Kaffer_ [s. oben]), das zwar »Junggeselle« und »Greis«, aber _auch_ den »männlichen Samen« bedeutet [s. zu letzterer Bedeutg., die eine längere Erklärung erfordert, das Näh. in den Anm. zum W.-B. unter »Onanie treiben«). Manchmal findet sich endlich sogar _nur_ die Verkleinerung als selbständiger Begriff, während ein entsprechendes _un_verkleinertes Stammwort (wenigstens im _Jenischen_) _fehlt_, so bei _Dächle_ = (Regen-)Schirm, _Räp(p)le_ = Mark, _Scharrisele_ = Kirschen, _Schuberle_ = Geist, Gespenst, _Steinhäufle_ = Stadt, _Stupfle_ = Dorn.]

Was sodann die zahlreichen _Zusammensetzungen_ (bezw. Verbindungen) anbelangt, so dürften hierbei zunächst prinzipiell zwei Gruppen zu unterscheiden sein. Bei einer _kleineren_ Kategorie dieser Fälle handelt es sich einfach um wörtliche Übersetzungen von Ausdrücken, die zum Teil auch im Deutschen schon etwas lang erscheinen, ins »Jenische«, und dabei mag den Verfasser eine gewisse philologische Freude an diesen Gebilden dazu verleitet haben, seinem Wörterbuche auch solche zungenbrecherischen Kompositionen wie z. B. _Hornikelgielblättlingschottel_ (= Ochsenmaulsalatschüssel) einzuverleiben[34], die in der Praxis des täglichen Lebens doch kaum je in ihrer ganzen Fülle ausgesprochen zu [63.15] werden pflegen. Wesentlich anders liegt dagegen die Sache bei der _Mehrzahl_ der Zusammensetzungen oder Verbindungen, insofern sie nämlich als wirklich notwendige Umschreibungen für Begriffe eingestellt sind, für die es im Jenischen überhaupt keine selbständigen Wörter gibt, wobei übrigens der Vollständigkeit halber noch bemerkt werden muß, daß außer _diesem_ Notbehelf auch noch mancherlei _andere_ Mittel, das Fehlende zu ersetzen, Verwendung gefunden haben. So erscheinen z. B. nicht nur (wie ja nicht selten auch in unserer Gemeinsprache) Zeitwörter als Aushilfe für Substantive, sei es in Form des Infinitivs[35] oder von Partizipien[36], sondern es sind — nach Vorbildern im Rotwelsch[37] — auch Adjektive in gleicher Weise oder umgekehrt Hauptwörter für Eigenschaftswörter gebraucht worden[38], und endlich haben dann noch [63.16] viele Substantive eine Verengerung vom Gattungsbegriffe zur Artbezeichnung erfahren. Namentlich kommt dies für im Jenischen nicht vorhandene Bezeichnungen einzelner Tiere und Pflanzen vor, so wenn _Kib_ = Hund auch den Pudel bedeutet, _Flössling_ (_Schwimmerling_ oder _Matsche_) = Fisch auch den Karpfen oder Hering (argum. _Flösslingschottel_ = Heringsbüchse), _Flederling_ (od. _Fläderling_) = Vogel auch Elster, Kuckuk, Star und Taube, oder wenn _Stöber_ = Baum auch für Birke, Buche, Eiche und Fichte gebraucht wird, _Kupfer_ = Frucht, Getreide auch Heu, Klee, Häcksel und die meisten Getreidearten (wie Hafer, Roggen, Weizen) umfaßt usw.[39]. Auf die ganz ungeheure Ausdehnung, welche in _Wittichs_ Jenisch besonders noch die Bezeichnungen _Sore_ und — mehr noch — _Schure_ (eigtl. wohl nur »Ware«, dann »Ding«, »Sache«) als Aushilfsmittel für alles Mögliche (z. B. nicht nur für leblose Gegenstände, sondern auch für abstrakte Begriffe, ja selbst für Tiere) erfahren haben, hat der Verf. in seiner »Einleitung« (S. 24) selber ausdrücklich hingewiesen[40] (vgl. für die Einzelheiten, deren Aufzählung hier zu weit führen würde, m. Anmerkgn. zu den Wörtern »abbiegen« und »Brücke« im W.-B.). Da solche Begriffsverengerungen aber doch mehr oder weniger etwas Gewaltsames, Künstliches an sich haben, so erklärt es sich unschwer, daß man sie nicht ungern durch irgendeinen Zusatz doch häufig noch etwas näher gekennzeichnet oder m. a. W. eben jene Gruppe umschreibender Zusammensetzungen oder Verbindungen verwertet hat, von denen vorhin schon die Rede gewesen. So sind doch z. B. _Schallerfleterling_ (d. h. »Singvogel«) für die Amsel oder den Kanarienvogel, _grandicher Flederling_ (d. h. »großer Vogel«) für den Adler, oder _Spronkert-Flössling_ (d. h. »Salzfisch«) für den Hering schon viel nähere Kennzeichnungen jener Tiere als das einfache _Flederling_ und _Flössling_.

[Fußnote 34: ([1] auf S. 63.14) Dieses Beispiel steht keineswegs etwa vereinzelt da; vgl. u. a. auch noch _Krachersäftlingbrandling_ = Heidelbeerkuchen u. _Jerusalemsfreundschenegler_ = Schäferknecht.]

[Fußnote 35: ([1] auf S. 63.15) So z. B. _Bereime_ u. _Zeine_ (doch wohl beides eigtl. = _bereime[n]_, _zeine[n]_ = zahlen) = Zahlung, _Dupfen_ (eigtl. = stechen) = Stich, _Muffen_ (eigtl. = riechen) = Geruch, _Glemsen_ (eigtl. = weinen) = Tränen und (mit interessanter Begriffsverengerung) _Bleisgeren_ oder _Pfreimen_ (eigtl. = zahlen) = Steuern.]

[Fußnote 36: ([2] auf S. 63.15) So z. B. _Begert_ (eigtl. = gestorben) = Leiche, _Verdibert_ (eigtl. = verraten) = Verrat, _Vergondert_ (eigtl. wohl = »vergantet«, ausgepfändet, im Konkurs) = Konkurs, _Vergrönt_ (eigtl. = verheiratet) = Ehe, _Vermuft_ (eigtl. etwa = »verfault«, dann verarmt, heruntergekommen, bankerott) = Armut, Bedrängnis, Konkurs. — Übrigens kommen natürlich Partizipien auch für _Adjektive_ vor (so z. B. _begert_ = tot, _gefebert_ [geschrieben] = schriftlich, _grandich bikt_ [viel gegessen] = satt), u. außerdem sind dafür auch noch andere Zeitwortformen üblich, vgl. z. B. die satzartigen Umschreibungen: _gneis nobis_ (eigtl. »[ich] kenne nicht«] = unbekannt, _hauret nobis_ (eigtl. »[es] ist nichts«) = ungültig, unzweckmäßig, _begert nobis_ (eigtl. »[er, sie, es] stirbt nicht«) = unsterblich u. a. m.]

[Fußnote 37: ([3] auf S. 63.15) Vgl. _Günther_, Rotwelsch, S. 63, Anm. 64.]

[Fußnote 38: ([4] auf S. 63.15) Beispiele: a) _Gebrauch von Adjektiven für Substantive_: Mit _Flexion_ der Adjektive (also z. B. _Wo[h]nischer_ = Katholik, _nobis Dofs_ [d. h. eigtl. »nichts Gutes«] = Übel) kommt dieser ja auch in unserer Gemeinsprache vor; das Jenische weist aber Fälle auf, wo das Eigenschaftwort auch unflektiert zum Substantiv erhoben worden, s. z. B. die schon oben S. 7, Anm. 4, in anderem Zusammenhange erwähnten Wörter _Dof_ (bezw. nobis Dof), _Molum_ u. _Schofel_, für letzteres als Synon. auch _Lenk_, ferner _Bauserich_ (eigtl. ängstlich, furchtsam) = das Grausen, _Begerisch_ (eigtl. krank) = Siechtum, _Biberisch_ (eigtl. kalt, frostig) = Kälte, Frost, _Dercherich_ (eigtl. dürftig) = Mangel, Not, _Grandich_ (groß) = Höhe, Gewalt u. a. m.; über _Flu(h)tich_ = Nässe s. lit. b am Ende; über _Stumpf_ = Ärger s. d. W.-B. unter diesem Worte; b) _Gebrauch von Substantiven für Adjektive_: _schwächer_ (Rausch) u. _dambes_ (eigtl. wohl ebenfalls = Rausch) = berauscht, _kohl_ (Lüge) = verlogen, _leile_ u. _ratte_ (Nacht) = dunkel, _schei(n)_ (Tag, Helle) = hell; vgl. auch _flu(h)te_ = naß, während _Flu(h)tich_ für »Nässe« angeführt ist, wobei aber vielleicht die Bedeutgn. doch umzustellen sein könnten (Schreibfehler?).]