Die jenische Sprache

Part 11

Chapter 112,531 wordsPublic domain

[Fußnote 224: ([74] auf S. 63.121) Das Adj. _schofel_ (auch schoffel) hat im wes. die gleichen Bedeutgn. wie _lenk_. Es fehlt nur unter »gemütlos« u. »wüst« (wohl bloß versehentlich), während anderseits _nur_ _schofel_ (_nicht_ aber _lenk_) angeführt ist unter den Ausdrücken: arm, entzwei, gemein, kümmerlich, lasterhaft, niederträchtig, schamlos, schlecht (wofür _lenk_ gewiß nur versehentl. fortgelassen), traurig, treulos, unanständig, verrucht; als _Subst._ gebraucht ist es = Gefahr, Schmach (wie _Lenk_) u. außerd. noch = Not. Der Komparat. _schofler_ ist durch »böser« wiedergegeben. Viel häufiger als mit _lenk_ sind mit _schofel_ _Verbindgn._ od. _Zusammensetzgn._ für selbständige Begriffe gebildet worden, nämlich: a) _Verbindgn._ _schofle Model_ = Beischläferin, Dirne (Freudenmädchen, Hure [für letzteren Ausdr. Syn. auch: _schofle Schüx_]), _schofle Moss_ = Ehebrecherin, Kebsweib (für letzt. auch: _schofle Goi_), _schofler Kaffer_ (auch — _Benk_, — _Fiesel_ od. — _Freier_) = Heuchler (alles [außer _sch. Benk_] auch unter »Hurenkerl« angeführt; _sch. Benk_ [Benges] oder _Fiesel_ auch = Krüppel); _schofler Begersins_ = Quacksalber, _schofler Kritzler_ (wie _lenker Kr._ [s. oben Anm. 223] = Steckbrief; vgl. auch noch die Redensart _schofle Falle (-la) pflanzen_ = »huren«; b) _Zusammensetzungen_ (d. h. in _einem_ Wort geschr.): _Schoflelehm_ = Schwarzbrot (vgl. als Gegenst. _Dofelehm_ = Weißbrot [oben S. 111, Anm. 188]), _Schoflergalm_ = Stiefkind, _Schoflemamere_ = Stiefmutter, _Schoflerpatris_ = Stiefvater, _Schofelkitt_ = Zuchthaus. _Ableitungen_: _Schofelei_ = Unglück (s. dazu _Schofeleifläderling_ = Rabe [vgl. oben S. 100, Anm. 165]), _Schoflerei_ = Gericht, Amtsgericht (vgl. dazu _grandige Schoflerei_ = Land- [Kreis-, Kriminal-] Gericht u. _Schoflereisitzling_ = Richterstuhl, dagegen _Schoffeleischure_ = Gerichtsvollzieher). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 91, 92, 97, 99, 101 (_schofel_ = falsch, streng, _Schofel-fleppe_ = falscher Paß, _schofel Marum_, _Lehm_ [od. Lechem] = schwarzes Brot, _Schofel Kitt_ = Zuchthaus); _W.-B. des Konst. Hans_ 256, 257, 259 (_schofel_ = bös, _schofler Kaffer_ = böser Mann, _Schofelkitt_ = Zuchthaus); _Schöll_ 272, 273 (_schovel_ = schlimm, _schovel Gasche_ = schlimme Leute); _Pfulld. J.-W.-B._ 344, 346 (_schofel_ = schlimm, _Schofelkitt_ = Zuchthaus); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 74 (_schofel_ = schlecht); _Schwäb. Händlerspr._ 486 (ebenso, abweichend vom sonst. Sprachgebr. in _Lütz._ [214]: _Schofel-Kitt_ = Abtritt [vgl. oben S. 44, Anm. 147]). _Etymologie_: Die Vokabel, die etwa seit Mitte des 18. Jahrh. im Rotw. u. dann auch in unserer Schriftsprache auftritt, ist jüdisch-deutscher Herkunft (von »einem nicht gerade üblichen« _schōfēl_ (statt: _schāfāl_), dem Partizip des hebr.-rabb. _schāfēl_ = »niedrig gemacht, gedemütigt werden, sinken«). S. _Weigand_, W.-B. II, Sp. 776 vbd. mit A.-L. 603 u. 475, _Günther_, Rotwelsch, S. 94, _Stumme_, S. 19 u. _Seiler_, Lehnwort IV, S. 495.]

Ärger, _Stumpf_[225] [63.122]

ärgerlich, _stumpfich_[225]; s. auch zornig

[Fußnote 225: ([75] auf S. 63.122) Zu _Stumpf_ (auch = Entrüstung, Trotz, Zorn) gehören als _Ableitungen_: a) das Adj. _stumpfich_ oder (seltener) _stämpfich_) = ärgerlich, empfindlich, entrüstet, ergrimmt, erzürnt, gereizt, grimmig, trotzig, unwillig, verdrießlich, verstimmt, wütend, zänkisch, zornig; b) das Zeitw. _stumpfen_ (stümpfen) oder (häufiger) _stämpfen_ (_erstere_ Formen für: schmähen, lästern, _letztere_ Form für: bedrohen, beleidigen, beschimpfen, drohen, fluchen, schelten, schimpfen, zanken; dazu die _Zus._: _ausstämpfen_ = ausschelten, -schimpfen, -zanken); c) die (zunächst auf das Zeitw. _stämpfen_ zurückgehenden) Substantive: _Stämpfer_ = Schmäher, Zänker und _Stämpferei_ = Wortwechsel, Zank, Zänkerei, Zwist. Zu dem Stamme _stämpf-_ (des Zeitw. stämpfen) gehört auch die _Zus._ _Stämpffläderling_ (d. h. eigtl. der »schimpfende Vogel«) = Elster (s. d. betr. Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr.). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._ 338, 340, 343, 346 (_stumpf_ = bös [345: = taub], _Stumpf_ = Haß, Zorn, _stimpfen_ = schelten, zanken); _Schwäb. Händlerspr._ 485, 488 (_stumpf_ = zornig [in _Pfedelb._ (214) als Subst. _Stumpf_ = Zorn], _stumpfen_ = schimpfen). Übrigens dürften sich die Vokabeln bis ins 18. Jahrh. hinein verfolgen lassen. So findet sich z. B. im _W.-B. von St. Georgen_ 1750 (219, 220) _stumpf_ = unsicher, im _Schwäb. Falschmünzerprozeß_ von 1791/92 (261 ff.) mehrmals _Stumpf_ oder _stumpf machen_ = »Lärmen« oder »Angst machen« (v. S. der Gauner) sowie das Subst. _Stumpfmacher_ = »Lermen- (d. h. Lärm-) Macher«; vgl. noch ebds. (263) sowie in der _Uracher Jauner- und Betrügerliste_ 1792 (268): _anstimpfen_ od. _anstempfen_ (= anschmusen), d. h. etwa Überreden eines leichtgläubigen Opfers v. S. der Betrüger. Bei _Schintermicherl_ 1807 (288) — der auch _stumpf_ = »hart od. böse« hat — bedeutet das Zeitw. _stimpfen_ = bellen (von Hunden). _Etymologie_: Bei _Stumpf_ = Ärger, Zorn usw. liegt wohl nur eine Substantivierung vom Adj. _stumpf_ vor, das u. a. in dem Sinne von »böse« schon im Mhd. bekannt gewesen (s. _Weigand_, W.-B. II, Sp. 999) und sich noch bis in die neuere Zeit hinein in der bayr.-österreich. Mundart erhalten hat (vgl. bes. _Schmeller_, Bayer. W.-B. II, Sp. 761 m. Hinweis auf _Castelli_ [Öster. W.-B., 1847], S. 239: _stumpf_ = böse, verdrießlich). Für das Zeitw. _stumpfen_, _stämpfen_ vgl. noch bes. _Schmeller_, a. a. O., Sp. 760 (_stimpfen_, _stümpfen_ = »sticheln, [be]kritteln, schmähen«) u. Sp. 762 (_stumpfieren_ = »kritteln, [be]spotten«); auch _v. Schmid_, Schwäb. W.-B., S. 518 vbd. m. 515 (_stumpfieren_ = schimpfen, lächerlich machen, _stumpflerisch_ = spöttisch, anzüglich).]

arm (ärmlich, armselig), _vermuft_[226], auch wohl _schofel_ (Spr.)[227] [63.123] u. _dercherich_[228]

arme Leute, _Dercherulma_ (d. h. eigtl. »Bettelleute«)[229]

Armenhaus, _Dercherkitt_[230]

Armut, _Vermuft_[231]

Arrest, _Dofes_[232], _Kittle_[233], _Lek_[234]. Eigentlich soll mit _Dofes_ das Gefängnis im e S., mit _Kittle_ der Arrest (Haft) und mit [63.124] _Lek_ (od. _Schofelkitt_) das Zuchthaus bezeichnet werden.

[Fußnote 226: ([76] auf S. 63.123) S. Aas.]

[Fußnote 227: ([77] auf S. 63.123) S. arg.]

[Fußnote 228: ([78] auf S. 63.123) S. abbetteln.]

[Fußnote 229: ([79] auf S. 63.123) Über _Dercher-_ s. abbetteln. — _Ulma_ (-me) = Leute kommt noch vor: a) in den _Zusammensetzungen_: _Schniffer-_ od. _Schorerulma_ = Diebesbande, _Fehteulme_ = Herbergsleute (Spr.), _Dächlespflanzerulma_ = Schirmflickerleute (Spr.), _Steinhäuflesulme_ = Städter, _Blibelulma_ (-e) = fromme Leute, »Stundenleute« (d. h. Methodisten); b) in den _Verbindgn._: _jenische Ulma_ = »fahrende Leute« u. _grandich Ulma_ (d. h. »viele Leute«) = Menge (s. d. betr. Übereinstimme, mit d. Zigeun.). Das Wort ist in dem bes. _verw. Quellenkr._ m. Wiss. unbekannt u. auch sonst im Rotwelsch (wenigstens in _gleicher Form u. Bedeutg._) selten; vgl. aber z. B. schon _Lib. Vagat_ 55 (_Wyßulm_ = »einfaltig volck«), dann öfter wiederholt, ferner _Münchner Deskription_ 1727 (192: _die platten Ulm_, etwa im Sinne von »Gaunern« u. dergl.) u. _Schintermicherl_ 1807 (289: _Ulm_ = Leute); dagegen hat _Pfister_ bei _Christensen_ 1814 (327) die Form _Ohlem_ (= Menge), die sich dem jüd. (hebr.) Stammworte mehr annähert. Ihrer _Etymologie_ nach geht die Vokabel nämlich zurück auf das hebr. _'ôlm_ = »Ewigkeit, Welt«, jüd. _ôlem_ od. _ulen_ = »Welt, dann Leute, Menschenmenge« (wie französ. _monde_ = »Welt« u. »Leute«); vgl. A.-L. 426 (unter »Olam«) u. _Wagner_ bei _Herrig_, S. 237.]

[Fußnote 230: ([80] auf S. 63.123) S. abbetteln u. Abort.]

[Fußnote 231: ([81] auf S. 63.123) S. Aas, vgl. »Vorbemerkung«, S. 15, Anm. 36 (subst. Partiz.).]

[Fußnote 232: ([82] auf S. 63.123) _Dofes_ ist im W.-B. auch durch »Gefängnis, Gewahrsam, Haft« u. »Kerker« wiedergegeben; dazu: _im Dofes_ = gefangen sowie die _Zusammensetzg._ _Dofesbu(t)z_ = Gefangenwärter. _Ableitg._: das Zeitw. _ei'dofema_ = einkerkern (einsperren, einstecken). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._ 340 (_Doves_ = Gefängnis); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 67 (_Doves_ = Arrest, _Ratte-Doves_ = Dunkelarrest); _Schwäb. Händlerspr._ 479, 488 (_Dôfes_ [in _Pfedelb._ (214): _Doves_] = Arrest, Zuchthaus). Vgl. auch _Pfälz. Händlerspr._ 437 (_Dôfes_ = Gefängnis). Über sonstige Belege im Rotwelsch sowie die _Etymologie_ des Wortes (wohl vom hebr. _tfaf_ = »ergreifen, gefangen nehmen«) s. _Groß'_ Archiv, Bd. 38, S. 288 (mit weiteren Angaben); vgl. auch noch _Fischer_, Schwäb. W.-B. II, Sp. 246/47, welcher meint, daß der Ausdruck »vielleicht volkstümlich an _tōf_ (gut) ironisch angelehnt« sei.]

[Fußnote 233: ([83] auf S. 63.123) S. Abort.]

[Fußnote 234: ([84] auf S. 63.123) _Lek_ hat dieselben Bedeutgn. wie _Dofes_ u. außerdem noch insbes. die von »Zuchthaus« (s. oben i. Text); vgl. dazu: _im Lek_ = gefangen; _Zus._: _Lekbu(t)z_ = Gefangenwärter; _Ableitg._: _ei'leken_ = _ei'dofema_. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 92, 100 (_Leck_ = Gefängnis, _Leik_ = Turm); _W.-B. des Konst. Hans_ 254 (_Lek_, plur. _Leke_ = Gefängnis); _Schöll_ 272 (ebenso, vgl. 273: _in der Leke_ = in der Gefangenschaft); _Pfulld. J.-W.-B._ 340 (_Leke_ [sing.] = Gefängnis); in der _schwäb. Händlerspr._ unbekannt. Zur _Etymologie_ bemerkt _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1172 nur, daß sie »unklar« sei; _Stumme_, S. 21, hat das hebr. _lqach_ = »nehmen, ergreifen« herangezogen; vgl. auch A.-L. 566 unter »Lekach« vbd. mit 561 unter »Leck«, wo jedoch in erster Linie _deutscher_ Ursprung des Wortes angenommen (mhd. _lûchen_ od. _liechen_, ahd. _lûhhan_, _liohhan_ = »schließen, zuschließen«, das auch das Stammwort für unser »Loch« [schon mhd. _loch_ oder (seltener) _luch_ auch = Gefängnis]) gewesen ist; s. _Weigand_, W.-B. II, Sp. 75, vbd. mit _Grimm_, D. W.-B. VI, Sp. 1093, 1094, Nr. 4). Demnach dürfte _Lek_ = Loch zu deuten sein, wofür auch die Form _L¶o¶cke_ (= Gefängnis) schon im älteren Rotwelsch (s. A. _Hempel_ 1687 [169]; _Waldheim. Lex._ 1726 [187]; _Körners Zus. zur Rotw. Gramm._ von 1755 [240]) spricht, ferner der gleiche Gebrauch von _Loch_ in der _modernen Gaun.- u. Kundenspr._ (s. z. B. _Rabben_ 83 u. _Ostwald_ [Ku.] 96), bei den _Studenten_ (vgl. _Kluge_, Studentenspr., S. 18 [schon in älterer Zeit]: _Hundsloch_ = Karzer), _Schülern_ (s. _Eilenberger_, Pennälerspr. S. 15 u. 42: _Loch_ = Karzer) und _Soldaten_ (s. _Horn_, Soldatenspr., S. 9 u. 121: _Loch_ = Arrestlokal) sowie auch wohl in der allgemeinen Umgangssprache (vgl. dazu u. a. _Blumschein_ in d. Wiss. Beih. zur Zeitschr. des Allg. Deutsch. Sprachv. III, S. 117).]

artig, _dof_[235], _g'want_[236]

Arzt, _Begersins_[237]

Asche, _Schund_[238]

Aschenbecher, _Schundschottel_[239]

[Fußnote 235: ([85] auf S. 63.124) S. angenehm.]

[Fußnote 236: ([86] auf S. 63.124) S. anmutig.]

[Fußnote 237: ([87] auf S. 63.124) S. absterben und Amtmann.]

[Fußnote 238: ([88] auf S. 63.124) S. abgerahmte Milch.]

[Fußnote 239: ([89] auf S. 63.124) _Schottel_ (plur.: _Schottle_) = Schüssel, Büchse (Gefäß, »Gelte«, Geschirr, Korb, Kübel, Schale, Tasse, Teller, Wanne) ist beliebt in zahlreichen _Zusammensetzungen_ für allerlei Behältnisse, so (außer _Schundschottel_) noch: _Lehmschottel_ = Brotbüchse, _Soreschottel_ = Erbsen- od. Linsenschüssel, aber auch Pfefferbüchse u. Porzellantasse, _Schmunkschottel_ = Fettbüchse, _Bossertschottel_ = Fleischbüchse, _Flößlingschottel_ = Heringbüchse, _Süßlengschottel_ = Kaffeetasse, aber auch Zichorienbüchse, _Staubschottel_ = Mehlschüssel, _Gleisschottel_ = Milchgefäß, eigtl. Milchschüssel, _Hornikelgielblättlingschottel_ = Ochsenmaulsalatschüssel, _Horbogebossertschottel_ = Rindfleischbüchse, _Spronkertschottel_ = Salzbüchse, _Schwächschottel_ = Trinkgeschirr, Trinkschale, _Pfladerschottel_ = Waschbecken. Mit _Schottel_ am Anfang ist dagegen nur _eine Zus._ gebildet worden, nämlich _Schottelpflanzer_ = Korbmacher. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 95, 98 (_Schodel_ = Schüssel, _Schottel_ = Korb, _Schottelpflanzer_ = Korbmacher); _Pfulld. J.-W.-B._ 342 (_Schottel_ = Kachel); _Schwäb. Händlerspr._ 481, 483, 488 (_Schottele_ = Korb, Glas [in _Pfedelb._ (212): Schoppen], Wanne, _Schottelepflanzer_ = Korbmacher). _Etymologie_: Die Vokabel, die sonst im Rotw. auch in der Form _Schuttel_ vorkommt (s. z. B. _Pfister_ bei _Christensen_ 1814 [330]), ist doch wohl nur eine (dialekt.) Veränderung von uns. gemeinspr. »Schüssel« (mnd. _schottel_ od. _schuttel_ [_Weigand_, W.-B. II, Sp. 805]); s. _Günther_, Rotwelsch, S. 52; vgl. auch _Groß'_ Archiv, Bd. 46, S. 31.]

Ast (Baumast), _Sprate_[240], _Stenz_[241] [63.125]

Attest, _Kritzler_[242]

[Fußnote 240: ([90] auf S. 63.125) _Sprate_ hat auch die allgemeinere Bedeutung von »Stecken« od. »Stock«. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 99 (_Sprade_ = Stock); _ebenso_: _Pfulld. J.-W.-B._ 345 u. _Schwäb. Händlerspr._ 487. Die _Etymologie_ ist unsicher. Da sich jedoch in der _Pfälzer Händlerspr._ (439) die Form _spte_ = Stock findet, könnte man vielleicht an unser gemeinsprachl. »_Spaten_« denken, das verwandt ist mit dem griech.-lat. _spatha_ = »zweischneidiges Schwert« u. dergl. (s. Näh. bei _Weigand_, W.-B. II, Sp. 904), ital. _spada_, auch rotw. (z. B. bei _Pfister_ bei _Christensen_ 1814 [330]) _Spaden_ = Degen (vgl. dazu _Pott_ II, S. 17; _Günther_, Rotwelsch, S. 37).]

[Fußnote 241: ([91] auf S. 63.125) _Stenz_ heißt ebenfalls eigentlich »Stock« (»Stecken«), bedeutet dann aber auch (die damit ausgeteilten) Prügel (auch im plur. _Stenze_ = Schläge). _Zus._ damit: _Dercherstenz_ = Bettelstab; _Ableitgn._: zunächst das Zeitw. _stenzen_ = hauen, prügeln, schlagen (_Zus._ _niederstenzen_ = niederschlagen, _verstenzen_ = verhauen, _zustenzen_ = zuschlagen) u. davon wieder das Subst. _Stenzerei_ = Schlägerei (Fehde). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 68, 72, 76 (_Stenz_ = Stock, _Flatter-_ od. _Flosserstenz_ = Schirm; _stenzen_ = durchhauen); _Schwäb. Händlerspr._ 487, 488 (_Stenz_ od. _Stanz_ [in _Pfedelb._ (213): auch _Stenzling_] = Stock, _Stenz kriegen_ = Prügel bekommen; Nebenbdtg. [483]: »Louis«; in U. [215]: _stenzen_ = schlagen, in _Pfedelb._ [213] dagegen = stehlen). Über weitere Belege im Rotw. sowie die (nicht sichere) _Etymologie_ s. das Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 42, S. 76 u. Anm. 1 u. 2 (unter »Stanzer«) vbd. m. Bd. 56, S. 59, Anm. 1.]

[Fußnote 242: ([92] auf S. 63.125) _Kritzler_ hat noch die Bedeutgn.: Brief, Dokument, Schreiben oder Schrift, Urkunde, Zettel. Dazu folgende _Zusammensetzgn._: a) mit _Kr. vorne_: _Kritzlerbukler_ = Briefträger, Postbote, _Kritzlerrande_ = Brieftasche, auch Papiersack, _Kritzlerbich_ od. _-lobe_ = Papiergeld, _Kritzlerpflanzer_ = Papiermacher, _Kritzlerrädling_ = Postwagen; b) mit _Kr. hinten_: _Dercherkritzler_ = Bettelbrief, _Schnurrantekritzler_ = Komödienzettel (Programm), _Sprauskritzler_ = Steckbrief (ein wohl aus der Zigeunersprache übernommenes Wortspiel [vgl. schon »Vorbemerkg.«, S. 18, Anm. 46], worüber das Näh. noch unter »Steckbrief«), _Begerkritzler_ = Totenschein. Als _Verbindg._ erscheint _lenker_ od. _schofler Kritzler_ = Steckbrief (vgl. Näh. schon oben S. 121, Anm. 223 u. Anm. 224). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Schwäb. Händlerspr._ 480 (_Kritzler_ = Brief); auch _Pleißlen der Killertaler_ 435 (Bedtg.: Brief, auch [nach _Kapff_ 213]: Paß, Wandergewerbeschein; _kritzle[n]_ = schreiben). In der Pennälersprache bedeutet _Kritzler_ den Federhalter (s. _Eilenberger_, S. 38). Der _Etymologie_ nach gehört der Ausdr. jedenfalls zu unserem gemeinspr. Zeitw. _kritzeln_ = »kratzend fein schreiben«, Dim. von d. ält. nhd. u. mhd. _kritzen_, ahd. _krizôn_ = »einritzen«, vielleicht mit Kreis verw., aber schwerlich zu kratzen (s. _Weigand_, W.-B. I, Sp. 1155); vgl. auch _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 771.]

aufbewahren, _aufschurela_[243] [63.126]

aufbrechen, _aufschurela_

aufdecken, _aufschurela_

aufessen, _aufbiken_, _aufbutten_, _aufkahla_[244]

auffallen, _aufbohlen_[245]

aufgeblasen sein s. hoffärtig (stolz) sein

aufhängen, _aufschnüren_[246]

aufheben, _aufschurelen_[243]

aufhenken s. aufhängen

aufhören, _sich (auf)schupfen_ (bes. als Imperat.: hör' auf, _schupf dich [auf]_)[247]

[Fußnote 243: ([93] auf S. 63.126) S. abbiegen.]

[Fußnote 244: ([94] auf S. 63.126) S. (betr. alle drei Ausdr.) Abendessen.]

[Fußnote 245: ([95] auf S. 63.126) S. abfallen.]

[Fußnote 246: ([96] auf S. 63.126) Das einfache _schnüren_ = erhängen, hängen (henken) ist schon dem ältesten Rotwelsch (so z. B. dem _Lib. Vagat_ [55: _schnuren_]) bekannt gewesen. Aus dem _verw. Quellenkr._ vgl. _Dolm. der Gaunerspr._ 93 (_schüren_ [sic] = henken u. _geschürt_ [sic] _werden_ = gehenkt werden); _W.-B. des Konst. Hans_ 257 (_g'schürt_ [sic] = gehängt); _Schöll_ 271 (_schmieren_ [sic] = hängen, aber richtig [273]: _die Geschnürten_ = die Gehängten); _Pfulld. J.-W.-B._ 337, 340 (_schnüren_ = aufhenken, _schniren_ = henken). _Etymologie_: Der Ausdr. ist wohl nichts anderes als eine Begriffsverengerung unseres gemeinsprachl. schnüren. Vgl. A.-L. 602, vbd. m. _Grimm_, D. W.-B. IX, Sp. 1407, Nr. 1; s. auch _Horn_, Soldatensprache, Sp. 124 u. Anm. 6.]

[Fußnote 247: ([97] auf S. 63.126) Die Aufforderung _schupf dich_ (od. _schupf dich auf_) ist auch wiedergegeben durch »sei ruhig«, »schweig still« od. »halts Maul« (für letzteres auch: _schupf' de' Giel_ [s. unter »Maul«]). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Schwäb. Händlerspr._ 487 (_schupf dich auf_ = still). _Etymologie_: Die auch schon dem älteren Rotwelsch bekannte Wendung (s. schon A. _Hempel_ 1687 [169: _schuff dich_ = pack dich]) braucht nicht erst mit A.-L. 599 auf hebr. Ursprung zurückgeleitet zu werden, sondern gehört wohl (wie das schles. _schupf dich_ = »setz' dich nieder« [s. _Grimm_, D. W.-B. IX, Sp. 2010, Nr. 4, d] u. das schwäb. _verschupfen_, _ab-_, _wegschupfen_ = wegschieben, -stoßen [s. v. _Schmid_, Schwäb. W.-B., S. 481 u. _Fischer_, Schwäb. W.-B. II, Sp. 1322]) einfach zu unserem mundartl. Zeitwort _schupfen_ (od. schuppen) = schieben; vgl. dazu auch _Groß'_ Archiv, Bd. 47, S. 145, 146. Dort insbes. auch Näh. über _schupfen_ = backen, eine Bedeutung, die ebenfalls in _Wittichs_ Jenisch bekannt ist. Dazu die _Ableitungen_: _Schupfer_ = Bäcker, jedoch nur in der _Zus._ _Lehmschupfer_, fem. _-ere_ (d. h. eigtl. »Brotbäcker[in]«; vgl. dazu die weitere Zus. _Lehmschupferhitzling_ = Backofen) u. _Schupferei_ = Bäckerei. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _W.-B. des Konst. Hans_ 254 (_Leemschlupfer_ [sic] = »Beck«); _Pfulld. J.-W.-B._ 337 (_Lächumschupfer_); _Schwäb. Händlerspr._ 479 (_schupfen_ = backen, _Schupferei_ = Bäckerei, _Lêmschupfer_ [in _Pfedelb._ (208): auch _Schupferbink_] = Bäcker).]

aufladen, _aufschurelen_[248] [63.127]

auflaufen, _aufbosten_ (_-tet_)[249]

auflesen, _aufschurela_[248]

aufmachen, _aufschurelen_, _aufpflanzen_ (Spr.)[250]

aufnähen, _aufstichlen_[251]

aufrichtig, _dof_[252]

aufsagen, _aufschmusen_[253]

aufschlagen, _aufguffen_[254]

[Fußnote 248: ([98] auf S. 63.127) S. abbiegen.]

[Fußnote 249: ([99] auf S. 63.127) S. abgehen.]

[Fußnote 250: ([100] auf S. 63.127) S. anbrennen.]

[Fußnote 251: ([101] auf S. 63.127) Mit _stichle(n)_ = nähen ist ferner noch zusammengesetzt _ei'stichle_ = einnähen. _Ableitungen_: _Stichler_ = Schneider (vgl. dazu _Stichlersmoss_ = Schneidersfrau) u. _Stichlere_ = a) Schneiderin, b) Nadel. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._); _Dolm. der Gaunerspr._ 96, 98 (_Stichler_ = Schneider, _Stichlerin_ = Näherin); _Pfulld. J.-W.-B._ 345 (_Stichler_ = Schneider); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 73 (ebenso); _Schwäb. Händlerspr._ 484, 486 (ebenso, doch _Stichler_ auch = Metzger [wie _nur_ so im _Pleißlen der Killertaler_ 436]; _sticheln_ = nähen). Zur _Etymologie_ (v. deutsch _sticheln_, d. h. eigtl. »Stiche machen« [beim Nähen usw.]) s. Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 42, S. 24 u. 76 (unter »Stichling« u. »Stich[e]ler« [= Schneider]). Über das stammverwandte _Stichling_ = Gabel s. unter diesem Worte.]

[Fußnote 252: ([102] auf S. 63.127) S. angenehm.]

[Fußnote 253: ([103] auf S. 63.127) S. ansagen.]

[Fußnote 254: ([104] auf S. 63.127) Weitere _Zus._ mit _guffe(n)_ (_-fa_) = schlagen (prügeln, auch fechten) sind noch: _einguffen_ = einhauen, einschlagen, _niederguffa_ = niederschlagen, _verguffen_ = verhauen, _zuguffen_ = zuschlagen. _Ableitungen_: _Guffe_ = Schläge (wenn nicht bloß subst. Infin.), _Guf(f)es_ = Hieb(e), Prügel; _Guf(f)erei_ = Fehde, Schlägerei, auch _Guffer_ in den _Zusammensetzgn._ _Galmeguffer_ = Lehrer, Schullehrer (eigtl. »Kinderprügler«) u. _Hertling-_ od. _Kiesguffer_ = Steinhauer, Steinmetz. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _W.-B. des Konst. Hans_ 255 (_guft_ = geschlagen); _Pfulld. J.-W.-B._ 343-345 (_gufen_ = schlagen, prügeln, _niedergufen_ = niederschlagen, _Gufes_ od. _Guves_ = Prügel, Schlag, Streich); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 68, 72, 74 (_guffen_ = schlagen, _Guffer_ = »Bickel« [d. h. Spitzhacke], Meißel, _Gufferei_ = Schlägerei); _Schwäb. Händlerspr._ 483, 485-487 (_guffen_ = prügeln, schlagen, _Galmeguffer_ = Lehrer [in U. (214): _Galme¶n¶guffer_, in _Pfedelb._ (211): Form ebenso, Bedeutg. spezieller: Oberlehrer, während der »Unterlehrer« _Schrazeskneppler_ (vgl. dazu: _Groß'_ Archiv, Bd. 47, S. 140) heißt], _Hertlingguffer_ = Steinhauer; speziell in _Pfedelb._ [212, 213] ferner noch: _Gufes_ = Schläge, _Gufferei_ = Schlägerei, _Galmegufferei_ = Schule u. _Guffertemente_ = Ohrfeige). Vgl. auch noch _Pfälz. Händlerspr._ 438 (_kuffese_ = schlagen). Über weitere rotw. Belege sowie die _Etymologie_ des Wortes (vom mundartl. [ält. bayr.] _Goffe_ = »Hinterbacke«) s. das Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 47, S. 137 u. Anm. 2; vgl. auch _Weber-Günther_, S. 178 u. _Fischer_, Schwäb. W.-B. III, Sp. 905 (der in der Endung _-es_ bei _Guf[f]es_ das hebr. _-ôth_ erblickt [vgl. »Vorbemerkg.«, S. 13, Anm. 32]).]

aufschreiben, _auffeberen_[255] [63.128]

aufsehen, _auflinzen_[256]

aufspielen (zum Tanz), _aufnikla_[257]

aufsuchen, _aufschurele_[258]

aufwachen, _aufdurme_[259]

[Fußnote 255: ([105] auf S. 63.128) S. abschreiben.]

[Fußnote 256: ([106] auf S. 63.128) S. anschauen.]