Part 10
[Fußnote 198: ([48] auf S. 63.115) Das Zeitw. _dibere(n)_ (-ra) = reden, sprechen (erzählen, plaudern, auch spezieller antworten, beantworten) kommt noch vor in den _Zus._: _nachdiberen_ = nachsagen, _verdiberen_ = verraten (dazu das subst. Partiz. _Verdibert_ = Verrat) u. _vordiberen_ = vorsagen sowie in d. _Verbdgn._ _dof diberen_ = loben (vgl. oben S. 111, Anm. 188) u. _nobis diberen_ = stumm sein (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeunerspr.). Dazu die _Ableitungen_: _Diberer_ = Plauderer, Sprecher, _Verdiberer_ = Verräter, _Diberei_ = Erzählung, Gerede, Gespräch, Geschwätz, dann auch spezieller Untersuchung od. Verhör u. das Adj. _diberich_ = gesprächig. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. d. Gaunerspr._ 49 97, 99 (_tiebern_ od. _madiebern_ = reden, schwatzen, _Madiberei_ = »Jaunersprache«); _Pfulld. J.-W.-B._ 337, 340, 343-45 (_diberen_ = aussagen, sprechen, schwatzen, _gedibert_ = abgeredet, _Dib(l)erei_ = Sprache, Geständnis); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 70, 74, 75 _diberen_ = reden, sprechen, _Gediwer_ = Geschwätz); _Schwäb. Händlerspr._ 486 (_diberen_ = sprechen, in _Pfedelb._ [210]: _Gediewer_ = Geschwätz); vgl. auch _Pleißlen der Killertaler_ 435 (_debere[n]_ = schimpfen) u. _Pfälz. Händlerspr._ 437 (_dîbere_ = sprechen). Über weitere Belege im Rotw. sowie die _Etymologie_ (vom hebr. _dibbêr_ = »reden, sprechen«, Partiz. _mĕdabbêr_) s. Näh. bes. bei _Weber-Günther_, S. 162 (unter »dewern«); vgl. auch _Wagner_ bei _Herrig_, S. 236; _Günther_, Rotwelsch, S. 27; _Seiler_, Lehnwort IV, S. 489/90; _Fischer_, Schwäb. W.-B. II, Sp. 186.]
[Fußnote 199: ([49] auf S. 63.115) Das Zeitw. _schmusen_ hat im wes. dieselben Bedeutgn. wie _diberen_. Von _Zus._ damit finden sich: _aufschmusen_ = aufsagen, _ausschmusen_ = aussagen, aussprechen, _nachschmusen_ = nachsprechen u. _vorschmusen_ = vorsagen, von _Verbindungen_: _dof schmusen_ u. _nobis schmusen_ in gleichem Sinne wie _dof_ u. _nobis diberen_ (s. oben Anm. 198) sowie _Bremser schmusen_ = »auslassen« (d. h. furzen). _Ableitungen_ sind: _Schmuser_ = Plauderer, Schwätzer, Sprecher (vgl. _Schmuserfläderling_ = Papagei [s. oben S. 100, Anm. 165]) u. _Schmuserei_ = Diberei sowie das Adj. _schmusich_ = gesprächig (vgl. dazu _Schmusichergiel_ = Plappermaul). _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 97 (_schmusen_ = reden); _W.-B. des Konst. Hans_ 256 (= sagen; vgl. 258: _auf Jenisch schmusen_); _Schöll_ 272 (= sagen; vgl. 273: _Schmusereyen_ [ohne Übers.]); _Pfulld. J.-W.-B._ 337, 340, 344-46 (_schmusen_ od. _schmußen_ = aussagen, schwatzen, sprechen, verraten, _verschmusen_ = ausplaudern, _abgeschmust_ = abgeredet, abgeurteilt, _Schmuserei_ = Geständnis); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 74 (_schmußen_ = reden, sprechen; vgl. [68] _Glattschmuser_ = Denunziant); _Schwäb. Händlerspr._ 486 (_schmusen_ = sprechen, [in _Pfedelb._ (208): aussagen; vgl. ebendas. (214) _zuschmusen_ = zutragen]). _Zu vgl._ auch noch _Schwäb. Falschmünzerprozeß 1791/92_ (261, 263: _anschmusen_ = anreden), ferner _Pfälz. Händlerspr._ 438 (_schmûsen_ = sprechen) u. _Winterfeld. Hausiererspr._ 442 (_doufe schmusen_ für a) »beichten« u. b) »sich verbürgen«). Noch weitere Belege bei _Schütze_, S. 90. Zur _Etymologie_ (vom hebr. _schĕmû'ôth_ [jüd. _schemûoß_ ausgespr.] = »Erzählungen«, plur. von _schĕmû'_ = »Nachricht [Geschichte], Gerücht, Gerede«) s. _Stumme_, S. 14 u. 21 vbd. mit _Grimm_, D. W.-B. IX, Sp. 1135, _Weigand_, W.-B. II, Sp. 755 (unter »Schmus«) u. _Seiler_, Lehnwort IV, S. 494.]
anschauen, _anlinzen_[200] [63.116]
anschließen, _anb'schrenke_[201]
anschneiden, _anschurele_[202]
ansehen s. anschauen
ansprechen s. anreden
anständig, _dof_[203], _g'want_[204]
Antlitz s. Angesicht u. Gesicht
antworten, _diberen_[205], _schmusen_[206]
anwendbar, _dof_, _duft_[203]
[Fußnote 200: ([50] auf S. 63.116) Das Zeitw. _linzen_ (od. _lenzen_) = bedeutet a) blicken, schauen, sehen (auch: beobachten, besehen, besichtigen, betrachten, ersehen, gaffen, gucken, spähen; ferner aber auch b) fragen (erfragen). Zu der Bedeutg. unter a) gehören (außer _anlinzen_) noch die _Zus._ _auflinzen_ = aufsehen, _auslenzen_ = aussehen, _herablinzen_ = herabschauen, _herumlinzen_ = herumblicken, _nachlinzen_ = nachsehen, _niederlinzen_ = niederblicken, _überlinzen_ = übersehen, _umlinzen_ = umblicken, -schauen, _weglinzen_ = wegsehen, _zulinzen_ = zuschauen, _zurücklinzen_ = zurücksehen; zu der unter b): _auslinzen_ = (aus)forschen. _Ableitgn._: _Linzer_ = Spiegel, _Linzere_ (fem.) = Brille (_Zus._: _Stradelinzer_ = Wegweiser) u. (mit dem Stamme des Zeitw.: _linz-_): _Linzgrifling_ = Zeigefinger. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 100 (_Verlenz_ = Verhör); _W.-B. des Konst. Hans_ 257, 259 (ebenso, ferner _lenzen_ = sehen, _anlenzen_ = ansehen); _Schöll_ 273 (_Verlenz_ = Verhör); _Pfulld. J.-W.-B._ 343-345 (_linzen_ = schauen, sehen, _verlenzen_ = verhören, _Verlinz_ = Verhör); _Schwäb. Händlerspr._ (_Lütz._ [215]: _lensen_ = sehen). Zur _Etymologie_ des Wortes (das deutsch. Ursprungs ist) s. d. Näh. in _Groß'_ Archiv, Bd. 42, S. 60, 61 unter »Linser« (ebds. Anm. 4 noch weitere rotw. Belege); vgl. auch _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1258 (unter _linzen_) vbd. mit Sp. 1175 (unter »lenzen«).]
[Fußnote 201: ([51] auf S. 63.116) S. abschließen.]
[Fußnote 202: ([52] auf S. 63.116) S. abbiegen.]
[Fußnote 203: ([53] auf S. 63.116) S. angenehm.]
[Fußnote 204: ([54] auf S. 63.116) S. anmutig.]
[Fußnote 205: ([55] auf S. 63.116) S. anreden.]
[Fußnote 206: ([56] auf S. 63.116) S. ansagen.]
anzahlen, _anbleisgeren_[207], _anpfreimen_[208], _anzeinen_[208] [63.117]
anziehen s. ankleiden
Anzug, _Kluft_, _Klufterei_[209]
anzünden, _anfunken_[210]
Apfel, _Bommerling_[211]
Apfelbaum, _Bommerlingstöber_[212]
[Fußnote 207: ([57] auf S. 63.117) Zu _bleisgeren_ = bezahlen, zahlen (auch als Hauptw.: _Bleisgeren_ = Steuern) s. noch die _Zus._ _ausbleisgeren_ = auszahlen. In dem _verw. Quellenkr._ (u. wohl auch sonst im Rotw.) anscheinend _un_bekannt. _Etymologie_: aus der Zigeunerspr. (s. »Einltg.«, S. 29). Vgl. Näh. bei _Liebich_, S. 152 u. 185 (_pleisserwāwa_ = »ich bezahle, vergelte«); _Miklosich_, Denkschriften, Bd. 27, S. 46, 47 (unter »pleisker«: bei d. deutsch. Zig. _pleisservāva_ = »bezahlen«, vgl. slaw. _plati-ti_); _Finck_, S. 78 (_plaiserw_ - [_plaiserd_ -]= »bezahlen, ersetzen, lohnen, vergelten«).]
[Fußnote 208: ([58] auf S. 63.117) S. abzahlen.]
[Fußnote 209: ([59] auf S. 63.117) S. ankleiden.]
[Fußnote 210: ([60] auf S. 63.117) S. abbrennen; vgl. auch anbrennen.]
[Fußnote 211: ([61] auf S. 63.117) Mit _Bommerling_ sind gebildet die _Zus._ _Bommerlingstöber_, _-kies_, _-brandling_, _-jo(h)le_ = Apfelbaum, -kern, -kuchen, -wein sowie (ans _Ende_ gesetzt) _Scheinlingbommerling_ = Augapfel. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 89 (_Bommerlen_ = Apfel); _W.-B. des Konst. Hans_ 254 (_Bommerling_); _Schöll_ 271 (_Pommerling_); _Pfulld. J.-W.-B._ 337 (ebenso, Bedtg.: = _Äpfel_; vgl. _Pommerlingsteberling_ = Apfelbaum); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 66 (_Bommerling_, Nebenbdtg. [71]: _Kartoffel_); _Schwäb. Händlerspr._ 479, 484 (_Bommerling_ = Apfel, Obst); _dieselbe Form_ hat auch die _Pfälz. Händlerspr._ 437 (für Apfel); vgl. noch _Metzer Jenisch_ 216 (_Bomeche_). Auch sonst im Rotw. seit Anf. des 18. Jahrh. bekannt. Zur _Etymologie_ (vom französ. _pomme_) s. _Pott_ II, S. 36; A.-L. 585, _Günther_, Rotwelsch, S. 38; _Fischer_, Schwäb. W.-B. II, Sp. 1283.]
[Fußnote 212: ([62] auf S. 63.117) _Stöber_ = Baum (Dimin. _Stöberle_ = Bäumchen) wird auch als Bezeichnung _einzelner_ Baumarten gebraucht, für die keine besonderen jenischen Ausdrücke vorhanden sind (vgl. d. W.-B. unter »Birke«), so für Birke, Buche, Eiche und Fichte. Dagegen sind für andere Bäume (bzw. baumartige Gewächse) besondere _Zusammensetzgn._ mit _Stöber_ gebildet worden, so (außer _Bommerlingstöber_) noch: _Stielingstöber_ = Birnbaum, _Scharriselestöber_ = Kirschbaum, _Staubertsäftlingstöber_ = Mehlbeerbaum, _Krächer(le)stöber_ = Nußbaum, _Blaulingstöber_ = Pflaumenbaum, _Jahre-_ oder _Kracherstöber_ = Tanne (vgl. oben S. 108, Anm. 179, lit. a u. b), _Kupferstöber_ (eigtl. etwa »Grasbaum«) = Weidenbaum, _Jo(h)lestöber_ = Weinstock, _Blauhanzestöber_ = Zwetschgenbaum. Andere _Zus._ mit _Stöber_ (am _Anfang_ stehend) sind noch: _Stöberspraus_ = Baumholz oder Stamm (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeunerspr.), _Stöberschmaler_ = »Baumkatze«, d. h. Eichhörnchen (s. betr. Übereinstimmg. m. d. Zigeunerspr. schon. »Vorbemerkung«, S. 18 sowie noch unter »Baumkatze«), _Stöbersschure_ oder _-sore_ = Obst. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Schöll_ 271 (_Steber_ = Baum); _Pfulld. J.-W.-B._ 338 (_Stöberling_, vgl. [337] _Pommerlingsteberling_ = Apfelbaum); in der _schwäb. Händlerspr._ (479, 487) ist dagegen nur _Stemmerling_ = Baum, Stock bekannt. Die _Etymologie_ des (auch sonst noch im Rotw. [bes. in d. Form _Steber_] vorkommenden) Wortes ist _unsicher_; vielleicht gehört es zu unserem »Stab« od. damit stammverw. Ausdr. in andern Sprachen (vgl. bei _Weigand_, W.-B. II, Sp. 940 unter »Stab«: lit. _stabarai_ = »trockene _Baum_äste«). _Miklosich_, Beitr. III, S. 19 (unter »Steber«) hat zunächst _slaw._ Ursprung (vgl. neusl. _steber_ = »Säule« u. bes. serb. _stabar_ = »Stamm«) vermutet.]
Apfelkern, _Bommerlingkies_[213] [63.118]
Apfelkuchen, _Bommerlingbrandling_[214]
[Fußnote 213: ([63] auf S. 63.118) _Kies_, eigentl. a) = Stein (Gestein), bes. auch Kieselstein, dann auch b) = Kern, kommt in _beiden_ Bedeutgn. in zahlreichen _Verbindgn._ u. _Zusammensetzgn._ vor, so in der Bdtg. unter a: in den _Verbdgn._ _dofer Kies_ = Diamant, Edelstein u. _grandicher Kies_ = Felsen (s. dazu schon oben S. 100, Anm. 165) od. Quaderstein sowie in den folgenden _Zus._: [Griechisch: a]) mit K. _vorne_: _Kieslobe_ = Pflastergeld (eigtl. »Steingeld«) u. _Kiesguffer_ = Steinhauer, Steinmetz; [Griechisch: b]) mit K. _am Ende_: _Kittlekies_ = Backstein od. Dachziegel, _Funkkies_ = Feuerstein, _Begerkies_ = Grab-, Leichenstein, _Flu(h)tekies_ (eigtl. »Wasserstein«) = Insel (vgl. schon oben S. 36, Anm. 126); _Stradekies_ = Kilometer-, Meilenstein; ferner in der Bedtg. unter b: (außer _Bommerlingkies_) noch: _Stieling-_, _Scharrisele-_, _Kräckerle-_, _Blauling-_ u. _Blauhanzekies_ = Birnen-, Kirschen-, Nuß-, Pflaumen- u. Zwetschgenkern. — Eine _Ableitg._ von _Kies_ = Stein ist das Adj. _kiesich_ = steinig. Zu trennen ist der Etymologie nach: _Kies_ = Geld, worüber das Näh. unter »Bank«. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._ 344 (_Kißel_ = Stein); _Schwäb. Händlerspr._ 487 (_Kûß_ od. _Kisel_ [in _Lütz._ (215): _Khis_] = Stein; vgl. auch [484]: _Kîseler_ [in _Pfedelb._ (218): _Kieseler_], _Kî(e)slerspink-_ od. _Kî(e)slerfisl_ = Maurer). _Etymologie_: wohl jedenfalls zu unserem gemeinsprachl. »Kies« bzw. »Kiesel« (mhd. _kis_, _kisel_); vgl. _Groß'_ Archiv, Bd. 43, S. 9 (unter »Kîseler«), auch _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 420 (unter »Kis«, Nr. 4, c), 422 (unter »Kisel«, Nr. 3) u. 872 (unter »Kus«).]
[Fußnote 214: ([64] auf S. 63.118) _Brandling_ (-leng) = Kuchen erscheint noch in d. folgenden _Zus._ a) am _Anfang_ stehend: _Brandlingschei_ (= eigtl. »Kuchentag«) = Kirchweihe u. _Brandlingweisleng_ (eigtl. »Kuchensonntag«) = Kirchweihsonntag; b) ans _Ende_ gesetzt: (außer _Bommerlingbr._ noch): _Bäzemebrandling_ = Eierkuchen, _Niesichescheibrandling_ = Fastnachtskuchen, _Krachersäftlingbr._ = Heidelbeerkuchen, _Girall-_ od. _Räslingbr._ = Käsekuchen, _Scharriselebr._ = Kirschkuchen, _Süßlingbr._ = Lebkuchen, _Blauhanzebr._ = Zwetschenkuchen, _Sorebrandling_ = Zwiebelkuchen. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._ 342 (_Brandling_ = Küchlein); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 73 (Form ebenso, Bedtg.: Pfannkuchen); _Schwäb. Händlerspr._ 483 (Bedtg.: Kuchen, in _Pfedelb._ [212] = Pfannkuchen). Vielleicht ist auch statt _Bundling_ = Kuchen im _Dolm. der Gaunerspr._ 35 zu lesen: _Brandling_. _Etymologie_: Das Wort, das sonst im Rotwelsch, wenigstens in der Form _Brändling_ (od. _Brendling_), für »Kaffee« (s. z. B. auch schon _Dolm. der Gaunerspr._ 94 [_Brendling_]) oder »Schnaps« (vgl. A.-L. 526) u. dergl. m. (s. z. B. schon _Körners_ _Zus. zur Rotw.-Gramm._ v. 1755 [209: _Brandling_ = »Kofent«]) vorkommt, gehört wohl zu unserem Zeitw. _brennen_.]
Apfelwein, _Bommerlingjo(h)le_[215]; s. auch Most [63.119]
Appetit, _Bog(g)elo_[216], _Putl(t)ak_[217], _Ruf_[218]; s. auch Hunger
[Fußnote 215: ([65] auf S. 63.119) _Jo(h)le_ = Wein (Rebensaft) kommt noch vor in der Verbdg. _gesicherter Jo(h)le_ = Glühwein, Punsch, und in den folgenden _Zusammensetzgn._: _Jo(h)lesore_ = Weinfaß, _Jo(h)leglansert_ = Weinglas od. -flasche, _Jo(h)lekitt_, _-spraus_, _-schnall_, _-stöber_ = Weinhaus, -rebe, -suppe, -stock. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._): _W.-B. des Konst. Hans_ (_G'finkelterjole_ = Branntwein [vgl. dazu oben »Einltg.«, S. 28]); _Pfulld. J.-W.-B._ 346 (_Jole_ = Wein); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 77 (ebenso); _Schwäb. Händlerspr._ 488 (_Jole_ od. _Jôli_ [in _Pfedelb._ (214): _Jole_ od. _Säftlingsjole_] = Wein; vgl. 484]: _Stielingsjôle_ [eigtl. »Birnenwein«] = Most); vgl. auch _Pleißlen der Killertaler_ 435 (_Jôle_ od. _gwanter Jôle_ = Wein) u. _Metzer Jenisch_ 217 (_Jole_ = Wein). Die Form _Joli_ hat schon das _Basl. Glossar_ v. 1733 (202). Die _Etymologie_ ist unsicher; nach _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 103/4 (unter »Jole«, Nr. 1) handelt es sich vielleicht um eine der zahlreichen rotw. Verunstaltungen des hebr. _jajin_ = Wein (s. darüber Näh. bei _Weber-Günther_, S. 156; vgl. auch A.-L. 550 u. _Günther_, Rotwelsch, S. 81).]
[Fußnote 216: ([66] auf S. 63.119) Zu _Bog(g)elo_ (od. Bogalo) = Hunger (Appetit) vgl. noch die _Verbdg._ _grandich Bogelo_ = Heißhunger u. die _Ableitung_ _bogelich_, das aber im W.-B. nur durch »gierig« od. »knickerig« (nicht durch »hungrig«) wiedergegeben ist. _Zu vgl._ (aus dem _verw. Quellenkr._) nur: _Schwäb. Händlerspr._ (_Lütz._ [215]: _Boggelo_ = Hunger). _Etymologie_: aus der Zigeunerspr. (s. »Einleitg.«, S. 29); vgl. A.-L. 526 (unter »Bock« [wo auch _bokelo_ (-kalo) = hungrig, _Bokillo_ = Geiz u. _bockelig_ = geizig od. hungrig als _gauner_sprachl. angeführt ist]) u. _Günther_, Rotwelsch, S. 31 vbd. mit _Pott_ II, S. 396 (unter »Bokh«), _Liebich_, S. 129, 201, 206, 211 (_bōk_ = Hunger, Geiz, Habgier, _bōkĕlo_ [od. -ŏlo] = hungrig, geizig, habgierig), _Miklosich_, Beitr. I/II, S. 20, 25 u. Denkschriften, Bd. 26, S. 180/81 (unter »bokh«: bei den deutsch. Zig.: _bōk_ = Hunger), _Jühling_, S. 220 (_Bok_ = Hunger), _Finck_, S. 52 (_bok_ = Hunger, Geiz u. _bok'elo_ = hungrig, geizig). Über d. Ursprung aus dem Altind. s. _Pott_ u. _Miklosich_, a. a. O.]
[Fußnote 217: ([67] auf S. 63.119) Mit _Put(t)lak_ = Hunger (Appetit, auch Gier) ist gebildet die _Verbdg._ _grandich P._ (= gr. Bogelo), also = Heißhunger. _Zu vgl._ (aus d. _verw. Quellenkr._): _Pfulld. J.-W.-B._ 340 (_Buttlak_ = Hunger); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 69 (_puttlachen_ = essen). — In der Form _Buttlack_ (nebst d. Adj. _buttlakig_ = hungrig) tritt die Vokabel auch sonst im Rotw. des 19. Jahrh. auf (vgl. z. B. _Pfister_ 1812 [296] u. bei _Christensen 1814_ [318]; _v. Grolman, Aktenmäß. Gesch._ 1813 [313] u. W.-B. 12 u. T.-G. 103; _Karmayer_ 24). _Etymologie_: Der erste Bestandteil des Wortes gehört wohl ohne Zweifel zu _butten_ = essen (worüber das Näh. schon oben S. 38, Anm. 130 unter »Abendessen«). Einige Schwierigkeiten macht dagegen die Endung _-lak_. Vielleicht dürfte sie in Beziehung gesetzt werden zu dem rotw. bezw. geheimspr. Adj. _la(c)k_ = schlecht, böse, schlimm u. dgl. (s. z. B. aus dem _verw. Quellenkr._: _Dolm. der Gaunerspr._ 100 [_lack_ = übel]; _Pfullend. J.-W.-B._ 337, 338, 344 [_lak_ = abgemattet, bös, schlimm]; _Schwäb. Händlerspr._ 480, 486 [_lack_ = dumm, schlecht (in _Pfedelb._ [209] auch bös, vgl. ebds. _lacke Schix_ = Dirne)]; mit flekt. Endung [_laker_ = liederlich,falsch], bei _Schöll_ 272, womit zu vgl. _locker_ = falsch, schlecht bei _Pfister_ bei _Christensen 1814_ [325], zu welcher Form dann wieder noch _lock_ = klein, schlecht, arm usw. in dem [freilich nicht mehr verwandten] _Hennese Flick von Breyell_ [456] paßt). Danach wäre dann _Put(t)lak_ od. _Buttla(c)k_ zu deuten etwa als Umschreibung für »(mit dem) Essen (steht es) schlecht« oder als reine Negation »Essen — nicht«. Fraglich bleibt übrigens auch noch die Herkunft des Adj. _la(c)k_. Während z. B. _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 910 ff. das zigeun. _láko_ = »leicht, gering« (_Finck_, S. 69) herangezogen hat, ist darin vermutl. eher eine mundartl. Nebenform zu _lau_ = »nicht frisch, matt, abgestanden, ohne Salz, ungewürzt« u. dgl. (vgl. _Schmeller_, Bayer. W.-B. I, Sp. 1432; _Grimm_, D. W.-B. VI, Sp. 34 vbd. m. Sp. 285/86) zu erblicken (nach gefl. Mitteilungen von Dr. A. _Landau_).]
Äquilibrist (Seiltänzer), _Schnurrand_[219] [63.120]
Arbeit, _Schenagel_[220]
arbeiten, _sch(e)negle(n)_[220]
Arbeiter, _Schenegler_[220]
Arbeitshaus, _Schenagelskitt_[221]
[Fußnote 218: ([68] auf S. 63.120) _Ruf_ = Hunger (Appetit) ist m. Wiss. in dem speziell _verw. Quellenkr. nicht_ bekannt, dagegen die Form _Roof_ u. ähnl. (sowie d. Adj. _roofig_ = hungrig) _sonst_ hier u. da im Rotw. usw. anzutreffen (vgl. z. B. _Christensen_ 1814 [318 u. 324]; _v. Grolman_ 57 u. T.-G. 1 B.; _Karmayer_ G.-D. 215; _Thiele_ 297; A.-L. 592 u. _Groß_ 487 [hier _Roëw_, _Roow_ u. _Raiwon_]; _Rabben_ 112; _Ostwald_ 123; in der _Pfälz. Händlerspr._ [438]: _Rôch_ od. _Rauch_). Zur _Etymologie_ (vom hebr. _r 'b_ = »Hunger« s. A.-L. 592 u. 457 unter »Roëw«).]
[Fußnote 219: ([69] auf S. 63.120) _Schnurran¶d¶_ od. (besser) _Schnurran¶t¶_ hat auch noch die (etwas allgemeinere) Bedeutgn. »Gaukler« od. »Komödiant« (Schauspieler). S. dazu die _Zus._ a) mit Sch. _voran_: _Schnurrantekitt_ = Komödien-, Schauspielhaus, _Schnurrantekritzler_ = Komödienzettel, Programm; b) mit Sch. _am Ende_: _Randeschnurrant_ = Taschenspieler. In dem _verw. Quellenkr._ m. Wiss. unbekannt, dagegen hat d. _Kundenspr._ II (423): _Schnurrant_ = Bettler. Zur _Etymologie_ s. A.-L. IV, Sp. 293: »Nach dem mhd. snarrence ist _Schnurrant_ der umherziehende Bettelmusikant, wahrscheinlich vom schnarrenden Laute seiner Leier so genannt«. Es handelt sich (nach _Grimm_, D. W.-B. IX, Sp. 1413) bei dem mundartlich, besonders auch in _Schwaben_, verbreiteten Ausdruck (s. v. _Schmid_, Schwäb. W.-B., S. 475), der aber auch noch der Schriftsprache unserer klassischen Literatur (z. B. bei _Goethe_) — für einen »Possenreißer« — geläufig gewesen, um eine Ableitung von dem latinisierten Zeitwort _schnurrare_, gleichbed. mit _schnurren_ (od. schnorren), d. h. eigtl. »(mit der Schnurrpfeife [u. dgl.]) als Bettelmusikant umherziehen«, dann »betteln« überhaupt (vgl. _Grimm_, a. a. O., Sp. 1420, Nr. 8), wofür es insbes. bekanntl. auch im Rotwelsch usw. verbreitet erscheint (vgl. A.-L. 293 u. 602 sowie [aus dem _verw. Quellenkr._]: _Dolm. der Gaunerspr._ 90 [_schorren_ (sic) = betteln]; _W.-B. des Konst. Hans_ 255 [_Schnurrer_ = Bettelleute]; _Schöll_ 273 [Form ebenso]; _Pfulld. J.-W.-B._ 336 bis 338 [_schnurren_ = (ab)betteln, _ausschnurren_ = ausbetteln, _Schnurrer_ = Bettler]; _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 67, 68 [_schnurren_ (gehen) = betteln (gehen), _auf die Schnurre_ = auf den Bettel]); _Schwäb. Händlerspr._ 479 [_schnurren_]). In _Wittichs_ W.-B. ist es aber _nicht_ angeführt.]
[Fußnote 220: ([70] auf S. 63.120) S. abschaffen.]
[Fußnote 221: ([71] auf S. 63.120) Betr. _Kitt_ s. Abort.]
Arbeitslohn, _Schenagelsbich_[222], vgl. Lohn [63.121]
arg, _lenk_[223], _schofel_[224]
[Fußnote 222: ([72] auf S. 63.121) Betr. _Bich_ s. Almosen.]
[Fußnote 223: ([73] auf S. 63.121) Das Adj. _lenk_ (mundartl. = _link_ [so bei _Wittich_ nur in d. Spr. u. vereinzelt in einer _Zus._] = arg (Grundbed.: falsch) umfaßt (ähnlich wie sein Gegenstück _dof_ od. _duft_) noch eine große Zahl mehr od. weniger ähnlicher Begriffe, nämlich: bösartig, böse (vgl. dazu d. Komparat.: _lenker_ = böser), böswillig, buhlerisch, eifersüchtig, elend, erzürnt, frech, garstig, gefährlich, gehässig, gefühllos, gemütlos, gewalttätig, gottlos, grausam, grimmig, grob, hartherzig, haßartig, heftig, nichtswürdig, ruchlos, streng, tückisch, unverschämt, wüst; als Subst. gebr.: = Gefahr od. Schmach. Dazu die _Verbdg._ _lenker Kritzler_ (eigtl. »böser Brief«) = Steckbrief (s. d. betr. Analogie im Zigeuner., vgl. auch »Vorbemerkung«, S. 18, Anm. 47) u. d. _Zus._ _Linkfi(e)sel_ = böser Mann (Syn.: _lenker Kaffer_). _Zu vgl._ (aus d. _verw. Quellenkr._): _Dolm. der Gaunerspr._ 92, 97 (_link_ = falsch, _linke Fleppe_ = falscher Paß); _Pfulld. J.-W.-B._ 339 (_link_ = falsch); _Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr._ 74 (_link_ = falsch, schlecht, _Linkmichel_ = falscher Mensch, _linker Schenagel_ = nicht passende Arbeit); _Schwäb. Händlerspr._ 486 (_lenk_ = schlecht [in _Pfedelb._ (209): auch = bös, falsch]; in _Degg._ [215]: _Linkmichel_ = schlechter Kerl). Über sonstige rotw. Belege (seit d. 17. Jahrh.) s. _Schütze_ 78; betr. _Linkmichel_ s. auch _Groß'_ Archiv, Bd. 51, S. 152, Anm. 2 u. Bd. 59, S. 266. Zur _Etymologie_ (Erweiterng. des gemeinspr. _link_ als Gegensatz zu _recht_, nach der _Hand_ genommen [_Weigand_, W.-B. II, Sp. 70]) s. _Pott_ II, S. 15, 16; A.-L. 567, vgl. auch _Fischer_, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1254 (betr. lenk).]