Part 2
Er kannte Babette seit ihrer frühesten Kindheit, und schon an dem Kinde war ihm, wenn er nach Weiningen kam, um dem regierenden Fürsten seine Aufwartung zu machen und seine Freunde unter den fürstlichen Beamten zu besuchen, die bezaubernde Anmut, aber auch eine seltsame Eigenwilligkeit und spielerische Gemütsart des kleinen Mädchens aufgefallen.
Als er eines Tages die Gewächshäuser in Weiningen durchschritt, um bei dem fürstlichen Hofgärtner Tulpenzwiebeln für seinen Blumengarten zu bestellen, gewahrte er die kleine Babette, die heftig auf den jüngsten Sohn des Kammerdirektors, den kleinen Friedrich Lerch, einsprach: das kleine Frauenzimmerchen, das in seiner Puppenhaftigkeit doch schon etwas Frauliches in seinem Wesen hatte, deutete auf eine Orange, die im Gezweig eines Topfbaumes hing, und verlangte, daß der Knabe sie vom Aste breche. Dieser starrte wie gebannt auf die goldene Frucht, ohne die Hand zu rühren, und sagte nur leise: „Das darf man nicht.“ Da bemerkte der Zuschauer, daß die Kleine über diese Weigerung in die hellste Wut geriet; sie stampfte mit den Füßen, sie schlug den Spielgenossen mit den Blumen, die sie im Händchen trug, und sprang wie eine Wilde an dem Stamm empor, ohne die Frucht zu erreichen. Selbst die belehrende Verweisung, die der herzutretende Zuschauer der kleinen Wilden zuteil werden ließ, vermochte ihren Groll nicht zu stillen: sie blieb mit zusammengekniffenem Gesichtchen stehen und lief plötzlich wie ein Wiesel davon, um ihrer Beschämung zu entgehen. Später, auf dem Heimweg von der Gärtnerei, bekam der Ratsherr die beiden Kinder noch einmal zu Gesicht: Friedrich zog ein Wägelchen, in dem die kleine Babette, mit einem Kränzlein in dem Blondhaar, saß und wie eine kleine Göttin um sich blickte, die in einem Triumphwagen einherfährt. Im Schimmer dieser Erinnerungen erhob der alte Kemmeter den Finger, um Babetten zu drohen, und dann geleitete er sie zur Tafel, wo die älteren Herren noch immer beim Weine saßen und den Worten des Domherrn von Hutten lauschten. Dieser ließ den Schloßbau mit seinen Hallen, Gärten, Tempelchen, Bosketts und Springbrunnen vor den Augen der weinseligen Zuhörer erstehen und verfehlte nicht, die Vorteile, die der Gegend aus der Bautätigkeit des Kirchenfürsten und der Anwesenheit des durchlauchtigen jungen Fürsten Franz Lothar erwachsen würden, ins hellste Licht zu stellen. Als besonderen Spaß tischte er die Neuigkeit auf, daß der Fürstbischof Adam Friedrich beschlossen habe, seinen seligen Hofnarren in Stein aushauen und das Standbild über dem Zufahrtstore aufstellen zu lassen. Die Frankenthaler zwinkerten und nickten beifällig mit den Köpfen: solche Späße gehörten in das Reich der eigenen Lustbarkeiten, von deren Schwankhaftigkeit Geschlecht um Geschlecht zehrte. Dazwischen aber überlegte der eine und der andere, wie man die Anwesenheit des italienischen Baumeisters, der wie ein Aal unter den Festgästen umherschlüpfte, zu eigenem Nutz und Fromm verwenden könnte. Der eine besaß einen geräumigen Ziergarten, in dem sich ein kleines Lusthaus mit breiten Fenstern und Muschelnischen gut ausnehmen würde; ein anderer wohnte in einem Hause, dessen Vorderseite der Erneuerung bedurfte, und jener träumte im Schweifen des Gesprächs von einer gelb lackierten Kutsche, wie sie mit Bereitern und Läufern die Welt auf glatten Herrenstraßen durchsausten. So blickten sie im Bann des schweren Weins in eine neue Zeit, deren Grundstein dort unter Rosen versteckt in der Erde ruhte und der wachsenden Mauern harrte. --
Der Ratsherr Kemmeter nahm am Tische Platz und hob seine Hand ans Ohr, um nur ja kein Wort der kostbaren Rede zu verlieren. Auch Babette blieb einen Augenblick lauschend stehen; als sie aber bemerkte, daß der ehrfurchtsvoll lauschende Friedrich Lerch mit seiner würdigen Amtsmiene noch immer ihren Blicken auswich, rümpfte sie das Näschen und ging auf den Junker Collenberg zu, der sie mit einer französischen Verbeugung begrüßte und ihr die Hand zu einem Tanze auf dem Rasen vor dem Zelte bot. Und da die Bläser einen deutschen Tanz anstimmten, flog sie im Nu mit dem Junker im Tanz dahin. Sie schloß die Augen, um im Arm ihres Tänzers nur die Raserei des Schwebens zu empfinden, und als die Bläser absetzten, huschte sie auf die Musikanten zu und bat sie mit fliegenden Worten um die Wiederholung des Tanzes. Sie merkte nicht, daß ihre Gespielinnen, hämisch flüsternd und tuschelnd, die Köpfe zusammensteckten; sie sah auch nicht, daß Kaspar Lienlein neben seiner Mutter unter der Zeltöffnung stand und jede Bewegung der Tanzenden mit gierigem Blick verschlang. Sie verlor ihren rechten Schuh und tanzte im weißen Strumpfe auf dem Rasen weiter; sie spürte es nicht, daß sich ihr Busentuch löste und wie ein geblähtes Segel zu den Füßen gestrenger Mütter hinfiel; sie fühlte im rasenden Drehen und Schweben nur das eine: daß eine seltsame Traurigkeit in ihr aufquoll, durch die ein bitterer Groll wie ein Wässerlein unter Steinen in ihr emporsickerte. Und als ihr Tänzer sie ins Zelt zurückbegleitete, blieb sie mit gesenkten Augen vor der Tafel stehen, wo die Herren noch immer beim Weine saßen und würdige Gespräche pflogen. Sie atmete erst auf, als dumpfes Grollen ein nahendes Gewitter verkündete und die ganze Gesellschaft in das Zelt zusammenscheuchte. Da die Festkutschen erst gegen Abend aus der Stadt erwartet wurden, mußten die Gäste vor dem Unwetter in einem nahen Bauernhause Schutz suchen, und die Mädchen kamen erst zu Beginn der Dämmerung wie durchnäßte Mäuse vor dem Tore an, wo sie kichernd und lachend auseinanderhuschten. Der Junker Emmerich bekam Babette nicht mehr zu Gesicht; er nahm feierlichen Abschied von dem Domherrn von Hutten und gab seinem Kutscher Befehl, mit dem Reisewagen in einer Stunde vorzufahren.
Als Babette das alte Haus am Lochgraben, in dem sie mit ihrer Tante Lioba Hippler, der Witwe des städtischen Kellers [Rentmeisters] wohnte, in der Dämmerung betrat, fand sie die alte Frau in heller Aufregung. Die Lioba Hippler war seit zehn Jahren auf beiden Augen blind und pflegte ihre ganze Zeit mit Spinnen zu verbringen. Sie saß dabei mit ihrem mächtigen Spinnrad auf einem erhöhten Fenstersitz, von wo aus sie alle Geräusche des stillen Stadtwinkels hören konnte. Jeder Ton, den sie vernahm, ging wie ein Licht oder ein Zucken über das friedliche Gesicht der alten Frau, die jeden Nachbarn an seinem Schritt erkannte. Heute aber fand Babette ihre Tante in seltsamer Unruhe: „Gott sei Dank, daß du nur da bist,“ sagte die Alte, die ihr bis an die Tür entgegenkam und dann sofort auf ihren Fenstersitz zuging, um das geliebte Spinnrad wieder in Bewegung zu setzen. „Ich hab mit einem Male eine solche Angst gefühlt, wie wenn dir was passiert wär.“
Babette strich ihr zärtlich über die Backen und erzählte mit ruhigen Worten von dem herrlichen Feste, ohne des Junkers von Collenberg mit einem Worte zu erwähnen; dann huschte sie, leicht wie ein Hauch, die Bodentreppe hinauf in ihr Gemach, um ein anderes Kleid anzuziehen. Sie blieb ein Weilchen im bloßen Hemd vor ihrem Spiegel stehen, legte ein feines Kettlein, an dem ein Herzchen mit Haaren von ihrer verstorbenen Mutter hing, um den Hals, probierte eine Stutzhaube, deren breite Atlasbänder bis an ihre Kniee niederwallten, und zog aus dem schadhaften Haubenboden einen vergoldeten Draht heraus, den sie mit versonnenem Lächeln um ihren linken Zeigefinger wickelte. Dann warf sie einen Blick in den gefüllten Schrank, in dem das duftige Linnenzeug ihrer Ausstattung gehäuft beisammenlag, und fuhr mit zärtlichen Fingern über die blühweißen Tücher, die alle von ihrer Mutter stammten. Während sie dann in dem schmalen Giebelgelasse wieder vor dem Spiegel saß, zuckte es wieder wie ein feines Possenspiel um ihr schmollendes Mündchen: sie probierte die Miene, mit der sie Friedrich Lerch am Abend, wenn er käme, zu empfangen gedachte, und das Armesünderbewußtsein, das sich, fast gegen ihren Willen, für einen Augenblick auf ihre Züge legte, erfüllte sie jählings mit solchem Übermut, daß sie hell auflachte und voll seliger Unrast aufstand, um in dem schmalen Gemach, wo ihre ganze mütterliche Habe in Schränken und Kommoden verwahrt lag, in halbem Tanzschritt auf und ab zu schreiten. Sie zweifelte keinen Augenblick, daß der neue Stadtschreiber auch heute, wie gewöhnlich gegen acht Uhr, kommen werde, um ein Stündchen bei ihr und ihrer blinden Tante zu versitzen; sie hielt schon ihre schönsten Blicke für ihn bereit und nahm sich vor, ihn auch noch dahin zu bringen, daß er sie um Verzeihung für sein mürrisches Wesen bat, das doch allein schuld an ihrem Spiel mit dem lustigen Junker war. Während eine geheime Zärtlichkeit ihr Aug mit sehnsüchtigem Leuchten füllte, beschloß sie, ihn auch noch ein Weilchen mit allerlei Anspielungen auf den vornehmen Courmacher zu quälen, und ihm dann, zum Seelentrost, ein Schälchen voll eingemachter Kirschen vorzusetzen, die der Schlecker gerne aß, und ihm ihr eigenes Kinderlöffelchen dazu zu geben. Als jedoch plötzlich über die abendlichen Dächer her das Horn eines Postillions aufklang, der das alte Lied blies:
Komm heraus, komm heraus, du schöne, schöne Braut, Deine guten Tage sind alle, alle aus, O weiele weh!
da schnitt Babette eine Fratze und lief, die Melodie vor sich hinsingend, im schönsten Sommerstaat zu ihrer Tante herab, die noch immer vor ihrem Spinnrad saß. Es war ihr, als sie das dunkle Gemach betrat, so wohlig zumute wie seit langem nicht, obwohl eine leise Sehnsucht ihr Herz mit seltsamer Unruh erfüllte. Die Blinde fuhr ihr, nach ihrer Gewohnheit, zum Gruß über das rosige Gesichtchen, und als ihre Hände nichts Besonderes fanden, netzte sie den Finger an ihrem welken Munde, um schweigend weiterzuspinnen. Das leise Schnurren des Rades erfüllte den Raum mit einem Laut, der Babettes Gedanken, die mit der sinkenden Dämmerung immer ernster wurden, wie eine leise Musik begleitete und ihre Erwartung immer sehnsüchtiger stimmte. So saß sie, mäuschenstill und auf nahende Schritte lauschend, auf einem niederen Stühlchen da; und nur einmal schlich sie auf den Zehenspitzen an das Fenster, um auf die Gasse zu spähen, aus deren Dunkel ein leises Mädchenlachen zu ihr emporklang. Als jedoch der Abend weiter vorrückte und Friedrich Lerch noch immer nicht kam, riß sie in jäh aufwallender Wut ihr Batisttüchlein von den Schultern und nahm sich vor, dem Unverschämten das nächste Mal, und wenn er auch als reuiger Sünder käme, überhaupt keinen Blick zu gönnen. --
Doch Friedrich Lerch ließ sich weder an diesem noch an den folgenden Tagen in dem alten Hause am Lochgraben sehen, und es war nicht Groll, was ihn von der Geliebten fernhielt, sondern ein kummervolles Gefühl der Scham, weil jene gegen das Bild gefrevelt hatte, das er von ihr in seiner Seele trug. --
Babette aber verlor mit einem Male die Lust am Singen, und in Frankenthal trugen sich, von heute auf morgen, ganz seltsame Dinge zu: am Montag streckte die beste Milchkuh des Büchsenmachers Kaspar Bundschuh plötzlich alle viere von sich, und die Augen, mit denen die Verreckte vor sich hinstarrte, zeigten jedem, der etwas von der Sache verstand, klipp und klar, daß sie den leibhaftigen Bösen vorher gesehen hatten; am Dienstag weigerten sich die Geißen des lutherischen Totengräbers Johannes Felgentreff, Milch zu geben, und weder gütliches Zureden, noch das beste Grünfutter vermochte die meckernde Gesellschaft von ihrer höllischen Halsstarrigkeit abzubringen; in der Nacht von Mittwoch auf den Donnerstag entstand in dem Hühnerstall des Brückenbecken Wiedehopf ein solcher Aufruhr, daß die ganze Nachbarschaft aus dem Schlafe aufgeschreckt wurde, und als die Beckin am Morgen das aufgeregt gackernde Hühnervolk aus dem Stalle ließ, fand sie, daß die gelegten Eier samt und sonders hohl waren.
Am meisten Anlaß zu Gerede bot das Verhalten des Bürgermeistersohnes Kaspar Lienlein: der saß wie von einem bösen Geist besessen stumm und stöckisch in einem Winkel seines Zimmers, und wenn seine Mutter mit seinen Lieblingsspeisen kam, um ihn zu trösten, sah er sie mit bösen Augen an oder fletschte seine Zähne wie ein Hund, dem man seinen Mittagsfraß stört. Dazu brachte jeder Tag, trotzdem der Mai noch nicht zu Ende war, ein Unwetter nach dem andern, und alte und junge Weiber schwelgten in dem Geraun und Gerede, daß solche Kieselwetter teuflisch Hexenwerk seien. In ganz Kleinfranken, in Gerolzhofen, in Prozelten, in Freudenberg und anderen Orten waren die Teufelsweiber am Werke, und im niederen Volke zweifelte bald niemand, daß auch Frankenthal eine Hexe beherbergte. Bald wurde auch der Name der Hexe, der Stadt und Gegend die alltäglichen Kieselwetter verdankte, heimlich genannt, und die Brückenbeckin erzählte jedem, der es hören wollte, daß sie selbst in der Nacht vor dem ersten Mai ein faselnacktes Hexlein um den Türmersturm habe fliegen sehen: es sei ganz zusammengekauert auf einem langen Besenstiel gehockt, und sein loses Haar sei wie ein feuriger Schweif hinter ihm dreingeflogen, als es mit ein paar feueräugigen Eulen hinter dem Stadtwald, dem Stöckicht, verschwand. Aber die schlimmste Verhexung war doch, wie alle munkelten, dem Sohn des Bürgermeisters Lienlein, dem roten Kaspar, passiert, der wie zerschlagen in der Stadt herumging und jeden mit Augen anschaute, aus denen der leibhaftige Teufel in die Welt guckte. --
Nach acht Tagen waren alle Hexengläubigen darüber einig, daß die Stadt in der Babette Glock ein ausbündiges Hexlein bekommen habe, und schon fingen die kleinen Buben an, „Hexle, hex“ hinter ihr herzuschreien, wenn sie mit ihrem Körbchen am Arm durch die Gassen ging, um eine Freundin zu besuchen oder Gewürz beim Krämer einzukaufen.
An einem heißen Juniabend, am Tage vor Fronleichnam, ließ sich endlich auch der Kanzler Friedrich Lerch bei der blinden Hipplerin sehen. Babette, die gerade an einem Kuchenteig knetete, gönnte ihm keinen Blick, als er eintrat und sich, nach einem scheuen Gruße, zu der Blinden setzte. Diese streichelte ihm das Gesicht und verlangte zu wissen, warum er so lange weggeblieben sei. Der Stadtschreiber entschuldigte sein Fernbleiben mit Arbeit und der Sorge um seine Stellung; denn seine Bestätigung war noch immer nicht erfolgt, und noch immer sah er sich einer ungewissen Zukunft gegenüber. Als Babette einen Augenblick hinausging, um den Teig an einen warmen Ort zu stellen, folgte ihr Friedrich Lerch auf den Flur, wo er stehen blieb, bis sie aus der Küche zurückkam.
„Der Herr Stadtschreiber will schon gehen?“ sagte sie schnippisch, während sie ihre Hand an ihrer weißen Schürze abwischte.
„Die Jungfer Babett hat Verwandte in Aschaffenburg,“ entgegnete er, indem er scheu auf die Seite blickte. „Ich würde Ihr raten, eine Sommerreise dahin zu machen.“
Diese feierliche Haltung und der Umstand, daß er sie nicht mehr duzte, erbitterte Babette aufs heftigste; sie höhnte: „Wenn ich das tät, bekäme ich den Herrn Stadtschreiber nicht mehr zu sehen, und das bräch mir das Herz.“ Sie funkelte ihn dabei mit zornigen Augen an; er aber überlegte, ob er das wilde Wesen seinem Schicksal überlassen solle oder nicht, und sagte dann: „Es gibt in der Stadt alte Weiber, die an Hexen glauben.“
Sie lachte höhnisch: „So sag Er doch gleich, daß ich eine Hex bin! Hat Er nicht gehört, daß ich erst vorgestern auf der Galgenweide beim Hexentanz gewesen bin? Und weiß Er auch, daß der Grüne, der ein Flötchen, nein, ein Hörnchen -- ein Hörnchen geblasen hat, Ihm ähnlich sieht? Ja -- ja --.“
Friedrich Lerchs Gemüt wurde weich: „Jungfer Babett,“ sagte er leise, „man soll mit dem Unglück nicht spaßen.“
Dieses gedrückte Wesen brachte Babette noch mehr auf; sie lachte: „Wenn ich nur wüßt, wo eine Hexenschul wär, ging ich noch heut hinein. Kann Er mir keinen Rat geben? Er ist doch in der Welt 'rumgekommen --“
Da ging Friedrich Lerch, den dieses Wesen in der Seele quälte, ohne ein Wort weiterer Entgegnung die hölzerne Treppe hinunter: er gedachte, eine günstigere Stunde abzuwarten, um Babette zu warnen und zu einer Reise zu bewegen. Babette blieb jäh verstummend an der Treppe stehen: sie wußte nicht, was sie von dieser Flucht halten sollte, und dachte einen Augenblick daran, den Jugendgespielen zurückzurufen; aber sie brachte es nicht über sich, ein Wort zu sagen, und der Stadtschreiber hörte beim Beschreiten der Haustürschwelle nur ein gelles Lachen, das ihn auf seinem Gang durch die Stadt verfolgte. --
Am nächsten Morgen aber, in aller Frühe, kamen zwei Stadtknechte, um die Barbara Glock, die noch im Schlummer lag und just von ihrer eigenen Hochzeit träumte, aus dem Bett zu holen und in Gewahrsam zu nehmen. Sie schrie und heulte und stampfte mit dem Fuße, als die Knechte mit dem Befehl des Rates in ihr Stübchen drangen und sie aus dem Bette zerrten; allein kein Weinen und kein Bitten half, und auch die blinde Hipplerin, über deren runzelige Backen die dicksten Tränen herabliefen, versuchte vergeblich, ihre Nichte loszubitten. Die Gefangene wurde mit gebundenen Händen in den Hexenturm gebracht, wo sie der städtische Stockmeister sofort mit einer langen Eisenkette an einen Mauerring anschloß. Sie konnte sich in kleinem Umkreis umherbewegen und sich am Tisch, der nicht weit von der tiefen Fensternische in einer dunklen Ecke stand, auf einen Stuhl setzen. Sonst geschah ihr vorerst nichts; denn die Frankenthaler pflegten ihre Hexen, zum Unterschied von anderen Städten, gut zu behandeln, solange sie noch nicht des Vergehens der Hexerei geständig oder überführt waren.
Da saß nun die lachende Babette und hatte Zeit, über ihr Schicksal nachzudenken. Sie ahnte, von welcher Seite der Schlag kam, der sie aus heiterem Himmel traf; aber sie war empörter gegen den Stadtschreiber als gegen den rothaarigen Sohn des Bürgermeisters, dem sie es doch verdankte, daß sie gefesselt und gefangen im Hexenturme saß. Wenn sie des Gefühls gedachte, das jener verschmäht hatte, stürzten ihr Tränen der Wut in die Augen, und jedesmal, wenn sie sich eines lieben Augenblicks in seiner Gesellschaft erinnerte, stampfte sie mit dem Fuße und warf einen Blick nach der Türe, als ob er jeden Augenblick hereintreten müßte, um seine Strafe in Empfang zu nehmen. Aber es kam niemand, und der lange Tag erschien ihr wie eine öde Ewigkeit. Erst gegen Abend, als es schon dämmerte, trat der Stockmeister, ein klapperdürres Hutzelmännchen mit schielenden Triefaugen, ein und setzte ein gebranntes Mehlsüpplein als Hexenfutter auf den wurmstichigen Holztisch. Er zwinckerte vergnügt vor sich hin, als er Babette mit einer Handbewegung einlud, das Schüsselchen auszulöffeln; denn in seiner Erinnerung glänzte noch das letzte Hexenmahl, das der Rat, altem Brauch zufolge, den Stadtknechten und dem Türmer nach der Verbrennung zu geben verpflichtet war, als herrlichstes der Frankenthaler Feste her: es hatte einundzwanzig Gulden gekostet, und der Stockmeister schnalzte im Gedanken an die Leckerbissen, die damals aufgefahren wurden, noch jetzt mit der Zunge. Babette floh in die tiefe Fensternische zurück und starrte mit wütenden Augen auf den verhutzelten Hexentürmer, der nah und näher an sie herantrat. Hundertmal war sie früher an dem Hexenturm vorbeigegangen und hatte den Stockmeister gesehen, wie er mit seiner Frau, einer kahlköpfigen Alten, zankend und keifend auf einem hölzernen Bänklein vor der Turmtür saß; nun erfüllte sie der Blick des schielenden Alten mit Wut und Abscheu; sie stampfte mit dem Fuße und schrie: „Geh, geh, du Aff!“
Doch der Türmer blieb vor der Nische stehen und zwinkerte sie liebäugelnd an: „Wo hast denn das Hexen gelernt, Mädle?“ fragte er mit meckernder Stimme; „hätt net gedacht, daß ich auf meine alten Täg noch mal erleb, daß man eine Hex fängt. Die Hexen werden immer rarer. Am Himmelfahrtstag sind’s fünfunddreißig Jahr her, seit wir die letzte auf dem Marktplatz verbrannt haben. Wenn ich dir einen Rat geben därf, so gesteh nur gleich. Was sein muß, muß sein. Hihi, wir Frankenthaler haben noch keine Hex verbrannt, ohne daß sie gestanden hätt. Verbietet auch die hochnotpeinliche Gerichtsordnung, daß eine Hex ans Feuerlein kommt, ehe sie alles bis auf das Tipfele gestanden hat, hehe. Ich weiß, -- ich bin net dumm, -- ich weiß, du denkst: die können lang warten, bis ich sag, was ich weiß. Aber da legen sie dir die Daumenschrauben an: die pressen dir die Knöchle, daß du alle Engel im Himmel singen hörst. Dann wirst du in die spanischen Stiefel geschnürt. Wenn ich dich aus der Stube lassen dürft, könnt ich dir das gekerbte Brettle zeigen, das sich beim Zuschrauben ans Schienbein legt. Und wenn du dann noch nicht sagst, wann du’s letztemal mit dem Junker Federkiel getanzt hast, kommst du auf die Leiter, die ist ärger wie’s Fegfeuer. Du wirst mit Winden in die Höh gezogen, und an die Füß hängt man dir ein volles Essigfäßle. -- Ich hab in meiner Jugend baumstarke Männer gesehen, wo von der Leiter runterkommen sind und gestöhnt haben: Wir wöllen lieber zehnmal sterben als einmal die Leiter besteigen! Und wenn du von der Leiter 'runterkommst und immer noch dein Hexengöschle hältst, bekommst du den gespickten Hasen zu schmecken. --“
Babette hörte nicht mehr, was der Türmer sprach; sie hielt sich die Ohren zu und blickte durch das verstaubte Gitterfensterchen auf den Stadtwall, wo in der sinkenden Dämmerung ein paar Dutzend Gassenbuben standen und warteten, ob das eingetürmte Hexlein vielleicht geneigt sei, seine Künste zu zeigen und einen Ausflug zu wagen. Die schadenfrohe Lustigkeit der Stadtjugend erschien ihr erträglicher als die Folteraugen des Alten, der nun mit einem Mal zu jammern begann: „Ja, ja, die Zeiten werden immer schlechter, und die Taxordnung is kein Hellerle wert. Weißt, Mädle, was ich fürs Ohrabschneiden bekomm? Zwei Schilling und sechs Pfennig. Und für jeden Brand zwei Schilling zwölf Pfennig. Fürs Auspeitschen gibt mir der Rat nur den Gotteslohn, und wenn ich nicht am Salben was verdienen tät, könnt ich kein Schöpple Gützberger trinken --“
Nun aber fuhr Babette mit solchen Augen auf das Männlein los, daß dieses den Rückzug antrat und vor sich hinmeckernd die schmale Gefängnistür mit den mächtigen Riegeln verschloß. Sie lehnte ihre Wange an die verstaubten Scheiben und ließ ihre Tränen stillschweigend auf ihre Hände herunterfallen, die gekreuzt in ihrem Schoße lagen. So blieb sie die ganze Nacht hindurch sitzen, als ob alles, alles Leben aus ihr geflohen wäre, und erst am Morgen warf sie sich auf den hölzernen Schragen, der anstatt eines Bettes in einem Winkel des Turmgemaches stand.
Obwohl sich die Frankenthaler sonst zu allem Zeit und Ruhe ließen, schien es dem hochmögenden Rate doch geboten, das Verhör der Barbara Glock schon am nächsten Morgen zu beginnen. In aller Herrgottsfrühe durchschritt ein Ratsknecht mit der Schelle die Straßen, um den Einwohnern die hochnotpeinliche Vernehmung anzukündigen, indem er mit lauter Stimme zu den Fenstern der Gerichtsherren hinaufsang:
„Höret, ihr Ratsherrn, jung und alten, Heut früh wird Halsgericht gehalten Über eine gefangene Person, Die große Übeltat geton! Zu solchem Rechtstag sollt ihr kommen, Gemeinem Wesen zu Nutz und Frommen.“