Die Hexe: Eine Erzählung

Part 1

Chapter 13,596 wordsPublic domain

Die Hexe

Eine Erzählung

von

Wilhelm Weigand

Im Insel-Verlag zu Leipzig

An einem schönen Maimorgen des Jahres 1751 fuhr eine festliche Gesellschaft in einem Dutzend alter Staatskutschen aus dem Falkentor der Reichsstadt Frankenthal auf das Appental los. Es galt, der Grundsteinlegung des Schlosses Monrepos anzuwohnen, das der Fürstbischof Adam Friedrich von Helmstätt nach den Plänen Johann Balthasar Neumanns für seinen Neffen, den jungen Fürsten Lothar Franz von Weiningen, der sich just auf seiner Kavalierstour durch Europa befand, an der Stelle eines alten Jagdhauses errichten ließ. Am Vorabend des bedeutsamen Ereignisses war der Domherr Withold von Hutten als Vertreter seines Herrn, der in Würzburg an der Gicht darniederlag, mit einem würdigen Gefolge von Weltgeistlichen und bischöflichen Beamten in Frankenthal angelangt, um die Ehrengäste auf dem Bauplatze zu begrüßen und nach der Grundsteinlegung unter einem offenen Zelte zu bewirten. Auf der Herreise war er in dem Wallfahrtsorte Walldürn mit einem Sohne des kurmainzischen Oberamtmanns zu Bischofsheim, dem jungen Freiherrn Emmerich Rüdt von Collenberg, zusammengetroffen, der in einer Familienangelegenheit an den Hof nach Mainz ging und die berühmte Reichsstadt nur auf der Durchreise zu berühren gedachte. Doch das Unglück wollte es, daß der vorausfahrende Kutscher des Freiherrn, ein gewalttätiger Bursche, in der engen Torgasse gegen einen Prellstein fuhr und die Achse seines Reisewagens brach. Der junge Herr gab dem Tölpel einen Fußtritt; aber er mußte sich, trotz aller Eile, wohl oder übel entschließen, bis zur Ausbesserung des Schadens in der Stadt zu verweilen, und der Domherr zeigte sich hocherfreut, unter den zahlreichen Gästen einen Bekannten zu wissen, dessen Späße ihm die Fahrt kurzweilig gemacht hatten. Der junge Fant machte kein Hehl aus seinem Wesen: er war für den Hofdienst in Mainz bestimmt; er war in Venedig und in Paris gewesen, und was er von dem Leben der guten Gesellschaft an diesen Lustorten der höhern Welt zu erzählen wußte, ließ die kleinen Äuglein des beleibten geistlichen Herrn bei der Erinnerung an dieses festliche Treiben immer wieder erglänzen. --

In der ersten Festkutsche fuhr der Domherr mit dem Bürgermeister Adam Lienlein und zwei geistlichen Herren, dem katholischen Dekan Lotter und dem evangelischen Propst Veit Schlegelmilch, einher; in einer zweiten folgte die Bürgermeisterin mit den Gattinnen dreier Ratsherren; die dritte Kutsche war vollbepackt mit Jugend und Schönheit: unter den vier geputzten Mädchen, die da lachend und kichernd in den Morgen hineinfuhren, saß ein blondes elfenhaftes Wesen, die Tochter des verstorbenen Oberförsters von Weiningen, Babette Glock, aufrecht wie eine junge Königin auf dem Rücksitz und wechselte schelmische Blicke mit dem Junker Emmerich Rüdt, der in französischem Reitrock neben der bemalten Kutsche einherritt und unter seinem Federhut mit den Augen eines glücklichen Siegers auf die zwitschernde Weiblichkeit in dem Wagen herabsah. Je lustiger aber das Lachen der Mädchen klang, desto finsterer blickten die jungen Herren drein, die in einem wackeligen Gefährt hinter dem dritten Wagen einherrasselten: da saß, außer zwei Ratsherrnsöhnen, der einzige Sohn des Bürgermeisters, Kaspar Lienlein, der im Frühjahr von der Akademie zu Mainz nach Hause gekommen war, neben dem neuen Stadtschreiber oder Kanzler Friedrich Lerch, den der große Rat just am Tag zuvor erst gewählt hatte und der nun der Bestätigung seiner Wahl nicht ohne Bangen entgegensah: denn es war, von alters her, der Brauch in Frankenthal, daß auf einen katholischen Stadtschreiber ein evangelischer folgte, und Friedrich Lerch war, wie sein Vorgänger, im katholischen Glauben geboren und erzogen und zudem kein Frankenthaler Kind. Der lustige Junker Emmerich, der hoch zu Roß neben den jungen Demoiselles einherritt, war den jungen Frankenthaler Herren ein Dorn im Auge: sie betrachteten den Sohn des kurfürstlichen Amtmanns als Eindringling in ein Reich, wo die Frankenthaler von jeher keinen Nebenbuhler zu dulden geneigt waren, und sannen mit gerunzelten Stirnen darüber nach, welchen Possen sie dem verfluchten Windhund, der nach Ambra und Moschus duftete, vor seiner Abreise spielen könnten. --

Als die Kutschen an dem Bauplatz vorfuhren, begann zunächst ein würdiges Komplimentieren und Begrüßen, wobei sich der Junker Collenberg wie ein frisch ausgeschlüpfter Schmetterling unter den Gästen umherbewegte. Er küßte alten und jungen Damen die Fingerspitzen mit einer Grazie, vor deren Leichtigkeit die jungen Frankenthaler Herren vor Neid erblaßten, und sein dünner Zierdegen stach wie ein Blitz in die Luft, wenn er sich auf eine Frauenhand niederbeugte, um seine gespitzten Lippen draufzudrücken. Da der Meister Neumann studierenshalber in Paris weilte und zurzeit dort krank zu Bette lag, geleitete sein Gehilfe, ein in schwarze Seide gekleideter Italiener, die Herrschaften beim Klange eines Festmarsches zu den Fundamenten, wo der Stadtpfarrer die Weihe vornahm, worauf der Domherr von Hutten den Bau dem Schutz der jungfräulichen Himmelsmutter, der Patronin Frankens, anempfahl und im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit den ersten Hammerschlag tat. Die Bürgermeisterin Lienlein, als die erste Frau des festlichen Kreises, versenkte sodann ein versiegeltes Dokument und eine gehäufte Schale voller silberner und goldener Münzen in den Stein, worauf ihn die anwesenden Mädchen mit den ersten Rosen des Jahres bewarfen. Während von den Ehrengästen jeder sein Hammerschläglein tat, bliesen vier Hornisten, die abseits auf einer Wiese standen, einen Choral und stimmten sodann einen Marsch an, als die Gesellschaft in feierlicher Stimmung nach dem Zelte aufbrach, wo eine schweigende Dienerschaft in der bischöflichen Haustracht um die geschmückte Festtafel bereitstand. Der Domherr von Hutten gedachte, seinen jungen Reisefreund bei Tisch in seine Nähe zu ziehen; aber der Fant zog es vor, sich an das andere Ende, zu den jungen Mädchen, zu setzen, von wo sofort, als die Diener süßen Wein in spitzen Gläsern reichten, helles und dunkles Lachen wie ein vielstimmiges Glockengeläute über die festlich schimmernde Tafel hereinbrach.

Das elfenhafte Fräulein Babette Glock saß anfangs schweigend und wie von innerem Glücke glühend unter ihren Freundinnen da. Sie hielt ihre Augenlider gesenkt; aber wenn sie ihre großen blauen Augen aufschlug, ging ein Leuchten über ihr Gesicht und blieb als Lächeln stehen, wenn ihre Blicke zu dem Kanzler Friedrich Lerch hinüberschweiften, auf dessen ernstem Gesicht der Abglanz seiner künftigen Amtswürde lag. Der Junker Emmerich aber führte das große Wort; er behauptete, die zierlichsten Füße der Welt habe er in Frankenthal zu Gesicht bekommen, und als endlich, gegen Ende der Festmahlzeit, einige besonders edle alte Weine aus dem ehrwürdigen Juliusspitalkeller in die Römer flossen, erklomm die Lustigkeit des jungen Freiherrn, der sich unter den lachenden Frauen mehr und mehr als Hahn im Korbe fühlte, die höchste Staffel. Beim ersten Anstoßen mit dem schweren Tranke neigte er sich zu seiner Nachbarin und raunte ihr eine leise Mitteilung ins Ohr. Babette Glock hielt den Blick gesenkt, während ihr Nachbar sein Geheimnis preisgab, und nahm die Miene eines erstaunten Kindes an, als sie mit sanftester Stimme entgegnete: „Ich kann es fast nicht glauben, daß der Herr nur dieser Sache wegen nach Mainz geht!“

Der Junker lachte und tat erstaunt: „Hat die Demoiselle von der Sache läuten hören? Ich mache die Gesellschaft zum Richter meines Herrn Vaters. Der ist ein Mann von Geschmack: er weiß, daß man auch zum Beten eine würdige Umgebung braucht. Was tut er also? Er läßt einen alten baufälligen Altar, den sogenannten Schleieraltar, abbrechen und an den freigewordenen Pfeiler, mitten in der Pfarrkirche, eine richtige Gebetsloge bauen, -- ~du meilleur goût, je puis l’assurer~, -- mit Spiegeln, gepolsterten Gebetstühlen und einer bequemen Rückenlehne, -- den Vorhang nicht zu vergessen. Es soll ja vorkommen, daß die Predigten einer hochwürdigen Geistlichkeit, besonders an gewöhnlichen Sonntagen, hie und da einschläfernd wirken, und da wäre es, ~parbleu~, eine böse Sache, wenn fromme alte Jungfern plötzlich sähen, daß der würdige Mund des kurfürstlichen Amtmanns sich während der Messe oder der Vesper zu etwas anderem öffnete als zu einem Vaterunser oder einem Ave-Maria. Der Vorhang, der solche mißliche Blicke abhalten soll, ist aus schwerem violettem Samt, und die rosigen kleinen Engel, die ihn oben zusammenraffen und festhalten, von der Hand eines Meisters: ich habe, ~parole d’honneur~, selbst in Venedig oder in Paris, wo ähnliche Liebesengel allerdings andere Vorhänge vor anderen Gebetstellen in Ordnung halten, keine besseren gesehen. Ich bin also nicht nur als Sohn, sondern auch als Kenner gezwungen, meinem Herrn Vater vollständig recht zu geben. Der hochwürdigste Herr Stadtpfarrer Ferdinand Bingemer, ~un cafard~, ist allerdings anderer Meinung: er hat beim erzbischöflichen Kommissariat in Mainz Beschwerde gegen unsere Familiengebetsloge eingelegt und meinen Vater auch noch durch ein paar Domherren, die uns, ich weiß nicht warum, nicht riechen können, wegen anderem mehr weltlicher Art anschwärzen lassen. Und diese Sache soll ich in Ordnung bringen, was ich auch zu tun gedenke --“

Schüchtern wie ein Kapellenglöcklein bemerkte Babette: „Aber es heißt, es sei bei dem Niederreißen des Altars eine kostbare Reliquie verschwunden.“

„Ah, Mademoiselle meint den sogenannten Schleier der Mutter Gottes? Es bestand ja allerdings der Glaube, daß der Schleier der jungfräulichen Mutter Gottes auf dem Altar aufbewahrt wurde, der unserer Gebetsloge weichen mußte. Aber, ~mesdames~, niemand wird mich persuadieren, daß die Jungfrau Maria einen solchen Schleier getragen hat: denn ich habe ihn mit meinen eigenen Augen gesehen und weiß, was ein Schleier ist, oder sein soll. Das Testament, in welchem sie, wie man sagt, den Schleier unserer Pfarrkirche vermacht haben soll, hat noch kein Mensch zu Gesicht bekommen, obwohl die Stadt Messina ja, wie ich auf meiner Tour in Italien an verschiedenen Orten hörte, ein paar Briefe von ihrer himmlischen Hand besitzen will. Dieser angebliche Marienschleier war nämlich aus einem grauen, unscheinbaren Zeug, und ich muß sagen: wenn ich die Mutter Gottes gewesen wäre, ich hätte einen ganz andern Schleier getragen, aus venezianischen oder Brüsseler Spitzen, ~qui sont si délicieuses à chiffonner~. Der verschwundene Schleier war wirklich, wie mir die Damen glauben dürfen, zu simpel für die künftige Königin des Himmels, und es ist nicht schade darum.“

Jetzt mischte sich der rothaarige Sohn des Bürgermeisters, dessen tückische Augen vor Ingrimm funkelten, in das Gespräch: „Der Herr sollte nicht über heilige Dinge spotten,“ zischte er mit bebender Stimme.

Der Junker Emmerich öffnete vor Erstaunen seinen Mund und wandte sich an die Mädchen: „O la la! Ist der Herr am Ende Bürgermeister? Man wird bald nicht mehr lachen dürfen. Ich hoffe jedoch, seiner kurfürstlichen Durchlaucht eine angenehme Stunde zu bereiten, indem ich ihr die Geschichte von dem Schleier erzähle. ~Son Altesse aime à rire, comme tous les vrais grandseigneurs.~ Übrigens“ -- so fuhr er, nach einem kräftigen Schluck Steinwein, zu dem Sohne des Bürgermeisters gewandt, fort -- „haben wir uns nicht schon in Venedig gesehen? Als ich die Gondel zur Abfahrt nach Padua bestieg -- ich wohnte mit meinem Hofmeister in der ~Stella d’oro~ --, wurde gerade ein Reisender verprügelt, der Ihnen aufs Haar glich. Solche Schläge habe ich noch nie mit angesehen und, ~ma foi~, auch noch nie erhalten. Der Herr darf mir glauben: es ist auch eine Kunst, Schläge mit Grazie einzustecken! Der Tanz eines Knüppels erinnert mich immer an gewisse Bauerntänze, die einer Gavotte gleichsehen wie ein Bär dem Hermelin. Sie waren es also wirklich nicht, der seine Prügel mit solcher Würde einsackte? Das tut mir leid -- ~pardon~, ich wollte sagen, ich bedaure ~infiniment~, daß Sie Venedig noch nicht kennen. Eine einzige Stadt, in der man seine blauen Wunder erleben kann! Dort wäre meinem Herrn Vater die Geschichte mit dem Gebetstuhl nicht passiert; aber ich säße auch nicht hier in diesem aimablen Kreise, ~où la grâce règne en maîtresse~.“

Die Mädchen lachten errötend, und der Sohn des Bürgermeisters wurde rot wie ein abgekanzelter Schuljunge.

Am obersten Tischende, wo die Ehrengäste beisammensaßen und die Gläser tiefer klangen, hatte das Gespräch einen anderen Weg betreten: die Herren sprachen von den Hexenbränden, die, nach langer Zwischenzeit, hie und da wieder in fränkischen Landen aufflammten, und nickten nachdenklich mit den weinroten Köpfen: vor zwei Jahren war die Superiorin Maria Renata Singer in Würzburg verbrannt worden; ein Jahr darauf fingen die Gerolzhofer, die nicht hinter der Bischofsstadt zurückbleiben wollten, eine junge Hexe, die Frau eines Ofenmachers, um sie dem gleichen Schicksal zu überantworten, und nun hieß es, da und dort sei man einem heimlichen Hexlein auf die Spur geraten und werde, wie früher, wüste Dinge erleben.

„Sie glauben wohl auch nicht an Hexen, Herr Baron?“ fragte der Sohn des Bürgermeisters, der einen Brocken des Hexengesprächs aufgeschnappt hatte, den angeheiterten Junker mit scharfer und hämischer Stimme.

Dieser lachte: „O doch! Ich habe in Paris Hexen kennen gelernt, die auch dem hartgesottensten Philosophen den Glauben an das Hexen beizubringen vermochten; aber dort denkt kein Mensch an Hexenbrand, sondern die Männer, die Männer, mein Herr, verbrennen im Feuer einer Liebe, deren Wirkung ich beinah leider auch am eigenen Leib erfahren hätte. An andere Hexen, von denen es heißt, daß sie Schloßenwetter machen und andere Zaubereien verüben können, glaube ich nie und nimmer.“

Kaspar Lienlein fuhr fort, indem er den Junker herausfordernd mit den Blicken maß: „Die Ofenmacherin in Gerolzhofen hat ihre Hexereien selber eingestanden, Herr Baron! Sie ist selbst zum Hexenrichter gekommen und hat sich der Hexerei bezichtigt: sie habe vor sechs Jahren Gott und allen Heiligen abgeschworen; sie sei ganz arm und ohne Brot gewesen, da sei der Böse zu ihr gekommen in einem schönen grünen Kleid. Er habe sich Federkiel genannt und habe ihr versprochen, wenn sie sein Eigentum sein wolle, wolle er ihr Geld geben. Er habe ihr auch einen Vierbätzner gegeben, wofür sie sich Brot gekauft habe; dann habe sie einen Fastentanz auf dem Galgensteig mitgemacht, wo auch die Pfarrmagd Margret und eine Beckin aus Grünsfeld mitgetanzt hätten. Der grüne Pfeifer sei mitten in der Linde gesessen und habe den Burlebanz gepfiffen. Den Wein hat man in ledernen Flaschen gebracht, und dazu haben sie gebratene Vöglein, wie Spatzen und Finken, doch ohne Salz, gegessen. Die Ofenmacherin hat von dem Grünen eine Hexensalbe in einem hölzernen Büchslein erhalten. Das Ammenfräulein hatte solche verfertigt. Dazu hat sie ein uneheliches Pfaffenkind aus dem Kirchhof ausgegraben, in ein Tuch gewickelt und zu Haus gesotten. Mit der Salbe hat sie zu Weihnachten ein Kieselwetter gemacht, indem sie in des Teufels Namen Kornähren, Weinaugen, Birnen- und Apfelknospen in den Main geworfen hat.“

Bei jeder dieser Feststellungen, die der Bürgermeisterssohn mit Ingrimm hervorstieß, fuhr er auch mit dem Finger nach vorn, als ob er seinen Gegner aufspießen wolle. Babette aber begleitete den Rhythmus dieser Erregung mit einem goldenen Kuchenmesserchen, indem sie es ganz leicht auf dem damastnen Tischtuch tanzen ließ. --

Der Junker von Collenberg aber spitzte seinen vollen Mund und fragte mit dem Ernste eines Schalks: „Der Herr hat einen Tanz erwähnt, der mir neu ist. Ich kenne Gavotten, Sarabanden und -- Allemandes, die auch ihre Vorzüge haben; aber der Burlebanz ist mir unbekannt. Ich entnehme übrigens Ihrer geschätzten Mitteilung, daß unsere hiesigen Hexen Musik und Tanz lieben. Das macht der Stadt, ~où le sexe est si aimable~, alle Ehre. Wissen Sie vielleicht, Herr Hexenrichter, auf welchem Instrument der Grüne diesen famosen -- wie sagten Sie? -- Burlebanz geblasen oder gepfiffen hat?“

„Ein Hörnchen war’s!“

„Nein, ein Flötchen!“ rief Babette lachend. Sie hatte ein wenig zu viel von dem schweren Steinwein genippt und wiederholte nun, halb singend, im Übermut: „Ein Flötchen war’s! Ein Flötchen! Ein kleines goldenes Flötchen --“

Der Junker Emmerich fragte lachend: „Woher wissen Sie denn das?“

Babette warf dem Kanzler Lerch, der mürrisch in sein volles Glas stierte, einen flüchtigen Blick zu und lachte: „Woher ich das weiß? O, vielleicht bin ich auch schon bei einem Hexentänzchen gewesen --“

Der Stadtschreiber Lerch runzelte die Stirn und sah mit gestrenger Miene zu der Übermütigen herüber, die indessen keinen Blick mehr für ihn übrig zu haben schien, sondern dem Junker mit lachenden Wangen zuzwinkerte. Dieser aber erhob sich und zog die Fingerspitzen Babettens an seinen Mund: „Wenn das so ist, möchte ich die Demoiselle bitten, mit mir zu einem Hexentänzchen anzutreten.“

Die andern jungen Leute standen ebenfalls vom Tische auf; denn ein Wink des Domherrn von Hutten bezeigte, daß die Tafel aufgehoben sei. Nur die älteren Festgäste waren noch nicht gesonnen, so bald schon von den trefflichen Prälatenweinen Abschied zu nehmen; sie blieben schwatzend und trinkend an der gedeckten Tafel sitzen, und auch die vier Musikanten, die in den Pausen dem Wein kräftig zusprachen, blieben auf ihren Stühlen hocken und bliesen von Zeit zu Zeit ihre alten Weisen weiter. Die Mädchen aber flogen auf verschiedensten Wegen auseinander, und bald tauchte da und dort ein helles Gewand unter den alten Buchen des Waldhangs auf, den nah und fern helles Gelächter mit seinem Hall erfüllte. Der junge Herr von Collenberg trat einen Augenblick zu dem Domherrn von Hutten, um ihm für das schöne Fest zu danken, das er einem glücklichen Reisezufall verdankte. Als er sich aber umwandte, um nach seiner Nachbarin zu spähen, war Babette verschwunden, und er wußte nicht, welchen Weg er einschlagen sollte, um sie zu erreichen, da der ganze grüne Maienwald von Sang und Lachen widerhallte.

Babette aber war, von einem plötzlichen Ernst erfaßt, auf einem kleinen Wiesenpfade, neben dem ein silberklares Forellenbächlein auf grünem Kressengrund herlief, taleinwärts gegangen. Es bedrückte sie, daß Friedrich Lerch, für den sie doch im Grunde dieses ganze Lustspiel an der Tafel aufgeführt, ihr während des ganzen Festes keinen lieben Blick gegönnt hatte, und ein leiser Groll gegen den Stillen quoll mählich in ihr empor, während sie bald langsam, bald schneller für sich dahinging und hie und da eine Kuckucksblume oder ein Maiglöckchen aus dem Untergebüsch des Waldhangs herausholte. Als sie nach einer Weile langsamen Gehens unwillig umkehren wollte, stand plötzlich Kaspar Lienlein vor ihr; der Rothaarige atmete hastig, während er stotternd und mit flehendem Blicke fragte: „Darf ich der Jungfer Babette Geleit geben?“

Babette entgegnete schnippisch: „Der Weg ist für alle da!“ Und sie schlug eine schnellere Gangart an, wobei sie unverwandt auf das schwatzende Wässerlein zur Rechten blickte, in dem die Forellen sprangen.

Da wurde die Stimme Kaspar Lienleins weich und stockend: „Ich -- ich würde die Jungfer auf den Händen tragen.“

Babette blieb stumm und blickte den Sohn des Bürgermeisters von der Seite an; sie sah nur die Häßlichkeit des Menschen, der mit glühendem Gesicht neben ihr atmete, und es empörte sie, daß er es wagte, von Liebe zu sprechen, während ihr der andere, dessen ernste Augen nun wie ein Vorwurf vor ihrer Seele standen, fernblieb. „Dich nehm ich nicht,“ schrie sie mit zornfunkelnden Augen, „und wenn du der Kaiser wärst, du roter Fuchs, mit deinen Roßmucken [Sommersprossen] auf der Hand.“

Und ohne eine Antwort abzuwarten, lief sie wie ein Windspiel davon, um zu der Gesellschaft ihrer Freundinnen zurückzukehren, deren ferner Gesang aus den dunkelnden Tiefen des Buchenwaldes sehnsüchtig und gedämpft zu ihr herüberklang.

Der Abgewiesene blieb wie angewurzelt an der Stelle stehen, wo ihm Babette seine Rothaarigkeit vorgeworfen hatte; seine Lippen bewegten sich mechanisch. „Wart, wart,“ sagte er ein über das andere Mal, während ein paar Mädchen, lachend und schäkernd, an dem Erstarrten vorbeihuschten und ihn im Vorbeigehen mit frisch gepflückten Distelschossen bewarfen: denn Kaspar Lienlein galt als halber Tölpel, vor dessen tückischer Gemütsart sich indessen die halbe Stadt fürchtete.

Babette aber lief, ehe sie an den Festplatz gelangte, wo Friedrich Lerch mit seinem verschlossenen Amtsgesicht in der Gesellschaft der würdigsten Ehrengäste auf und ab wandelte, dem alten Ratsherrn und Spitalpfleger Christopher Kemmeter in die Arme. Der lange dürre Kauz stellte sich breitbeinig über den Weg, als Babette mit glühendem Gesichtchen daherstürmte, und spitzte seinen faltigen Mund, als wolle er sie mit einem Kusse aufspießen. Sie mußte lachen, als sie den Alten gewahrte, der nun sein linkes Aug zusammenkniff und mit seinem rechten Daumen über die Achsel nach dem Festplatz deutete. Der Spitalpfleger war ihr, wie der ganzen Gegend, von Jugend her wegen seiner Absonderlichkeiten bekannt: er trug an Werkeltagen niemals eine andere Tracht als das Gewand eines fränkischen Weinbauern, gelbe hirschlederne Hosen, grobe Schnallenschuhe, einen langen Tuchrock mit breiten Silberknöpfen und einen abgeschabten Dreispitz, auf den er, wenn es nur ging, eine Blume, eine Nelke, eine Rose oder eine Kornrade, zu stecken pflegte. Auf der Straße schritt er stets mit gesenktem Kopf und vor sich hinmurmelnd einher, wobei er von Zeit zu Zeit mit seinem Krückstock nach rechts und links ausschlug, als wolle er die Beine seiner Feinde und Widersacher absäbeln. Er besaß die besten Weinberge der Stadt und trieb einen schwunghaften Handel mit Südweinen aus Zypern und Spanien, die er durch einen Mainzer Hofjuden in Venedig oder Genua einkaufen ließ. Im Herbste, wenn die Lesewagen mit den schweren Kufen in die Keltern fuhren, wich er nicht von der Seite seiner Winzer, die Tag für Tag eine ausgesuchte Nahrung und einen guten Trank aus seinem Keller erhielten, damit sie beim Lesen weniger Trauben schmausten. In der Stadt und im Rat besaß er wenig Freunde: er galt als reich und filzig, und seine Feinde behaupteten, alle Dinge, in die der ehemalige Armenadvokat die Hand stecke, verfilzten sich zu einem unauflösbaren Knäuel, von dem man am besten die Hände lasse. Babette wußte, daß ihm Friedrich Lerch seine Ernennung zum Ratsschreiber verdankte: Christoph Kemmeter gehörte zwar der Augsburger Konfession an; aber er war seit Jahren mit dem protestantischen Stadtpfarrer und Propst Veit Schlegelmilch verfeindet und tat, was er nur konnte, um seine Glaubensgenossen und deren Seelenhirten bei jeder Gelegenheit zu ärgern. So hatte er es auch durchgesetzt, daß der katholische Friedrich Lerch, dessen Vater dem Fürsten von Weiningen als Kammerdirektor gedient hatte, gegen jedes Herkommen zum Kanzler gewählt wurde. --

Als er bemerkte, daß Babettens Blicke über ihn weg nach dem Festplatz flogen, fragte er: „Hat die Jungfer Babett gesehen, wie die Forellen springen? Weiß Sie, was das bedeutet? Entweder kommt ein Wetter, oder es ist ein Hecht unter die Fische geraten. Junge Hechte sind gefräßig und haben viel Gräten!“

Babette wußte nicht, was sie zu dieser Feststellung sagen solle. Da beschloß sie, den Stier bei den Hörnern zu packen, indem sie plötzlich fragte: „Werden sie den neuen Stadtschreiber bestätigen?“

Der Ratsherr lachte: „Wenn die Jungfer mir ein Küßchen gibt, will ich ihr den Beschluß des Geheimen Rats wortwörtlich sagen.“

„Das Küßchen erhält der Herr nach meiner Hochzeit,“ sagte Babette lachend.

Der Spitalpfleger verzog den Mund: „Das ist, wie hier die Hasen laufen, ein unsicherer Wechsel. Aber ich will Ihr glauben und mich zufriedengeben.“