Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig

Part 9

Chapter 93,519 wordsPublic domain

»Ja, freilich, Ihr habt's gut. Deine arme Mutter hat's nicht so gut gehabt! Das war ein ewiges Rechnen und Sorgen und Erschrecktsein vor unerwarteten Ausgaben, und die gute Frau hat dann immer gemeint, es wird leichter, wenn sie's mit mir bespricht. Und ich -- na, Du weißt ja, wie wenig Zeit unsereins hat und wie zuwider man ist, wenn man müd' und verärgert vom Dienst heimkommt! Du hast's besser, Gott sei Dank, und Du kannst wirklich als kleines Reugeld für Dein Glück den Schwiegerdrachen in Kauf nehmen, zudem er sich ja zivil benimmt, wie Du sagst!«

»Durchaus zivil, ich kann nicht über sie klagen!«

Sie überlegte einen Augenblick, ob sie ihren Vater in die Intimitäten der Familie Priuli einweihen, ihm etwa von Eleonorens aussichtsloser Liebe, ihrer schönen Stimme und ihrer Trägheit sprechen sollte, aber sie unterließ es. Sie dachte sich, daß in gewissen Dingen ihr Vater, so verschieden er sonst auch von den Priuli sein mochte, mit der alten Gräfin übereinstimmen würde, daß er besonders deren Abneigung gegen ein Heraustreten der Tochter aus dem häuslichen Kreis verstehen und billigen konnte. War doch auch nach der Beendigung des großen Erbschaftsstreites beinahe sein erstes Wort so gewesen:

»Liesel, jetzt hört das blödsinnige Kopieren und Sich-ums-Geld-schinden auf! Jetzt machst Du's wie andere junge Mädchen, suchst Dir einen Mann, der Dir gefällt, und wirst eine brave Hausfrau und Mutter. Das ist doch allemal das Beste auf der Welt, da können sie sagen und probieren, was sie wollen!«

Auch als er jetzt einmal mit ihr in der Galerie vor dem Bild der ›Dogaressa‹ stand, meinte er lachend:

»Wahrhaftig, Du bist jetzt fein heraus! Du mußt doch heilfroh sein, daß Du Dich nicht mehr mit dem Farbenklecksen quälen mußt, nur um ein paar Groschen zu verdienen, sondern malen kannst, was Du willst und wann Du willst und wie Du willst!«

Elisabeth sagte zögernd:

»Ich weiß nicht, Papa, wenn ich jetzt an die Zeit denke, kommt sie mir eigentlich sehr schön vor!«

Der Oberst lachte.

»Jawohl, in der Erinnerung ist Misere ganz hübsch. Aber wenn man sie durchlebt -- -- Bei Dir hat sie eben gerade zur rechten Zeit aufgehört, darum bewahrst Du ihr so ein freundliches Gedenken, aber ich sage Dir, dank Deinem Schöpfer, daß Du heraus bist, und wenn Du Zeit hast, dann kannst Du ja für mich einmal das Bild kopieren und mir schicken. Dann kann ich mir, so oft ich es ansehe, einbilden, daß ich in Venedig und bei Dir bin!«

Elisabeth war glücklich über diese Idee, die sie freilich selbst schon gehabt hatte, deren Ausführung aber dem kleinen Priuli zuliebe immer wieder verschoben worden war.

»Jetzt aber mach' ich mich dann gleich ans Werk. Weißt Du, ich werde jetzt mein Leben damit zubringen, die ›Dogaressa‹ zu kopieren, denn jeder von Euch soll sie haben, Du und jeder von den Buben!«

Die Wochen seines Venezianer Aufenthalts vergingen dem Obersten wieder wie ein ununterbrochenes Fest. Wo immer er hinsah, erblickte er Schönheit, Stil, Pracht und Glück, und sein altes Künstlerherz schlug wieder so jung, als hätte er niemals den zweifarbigen Rock getragen und wäre tagaus, tagein an der surrenden Maschine des Dienstes gestanden. Ein einziges Mal nur wurde ihm kalt im Palazzo Priuli, das war, als ihm Elisabeth den ganzen Palast von oben bis unten zeigte, ihm nicht nur alle baulichen Veränderungen und Neuerungen wies, sondern auch sein Kennerauge auf jede kostbare Einzelheit der Einrichtung und der Zimmerausstattung lenkte. Zuerst war er freilich voll Entzücken und Staunen, dann aber fragte er doch halb lachend, halb ärgerlich:

»Donnerwetter, die Geschichte muß Euch ein schönes Geld gekostet haben!«

Elisabeth sah ihn nicht an, als sie fragte:

»Wie hoch taxierst Du es?«

Der Oberst zuckte die Achseln. Wie sollte er so etwas taxieren, er, dessen höchste Jahresgage noch nicht die Einrichtung eines einzigen Prunkraumes dieses Palastes hätte bestreiten können! Elisabeth aber beharrte:

»So rate doch, Papa, ich bitte Dich, rate einmal!«

Und der Oberst riet, nannte Zahlen, die ihm zuerst hoch, dann schwindelnd, dann lächerlich vorkamen, aber immer noch schüttelte Elisabeth verneinend den Kopf, bis sie endlich sagte: »Laß nur, Papa, Du errätst es doch nicht! Über eine Viertelmillion Lire haben wir für all diese Anschaffungen und (setzte sie leiser hinzu) Ueberflüssigkeiten bezahlt!«

Der Oberst prallte zurück.

»Eine Viertel Million! Aber das ist ja ... das ist ...«

Er fand nicht das richtige Wort. Er wollte nichts Kränkendes sagen und begriff doch nicht, wie die jungen Leute, wie vor allem seine sparsam erzogene Tochter fast ein Fünftel der Mitgift gleich zu Anfang hatte weggeben können, nur um ein Haus zu erneuern und zu verschönern, das doch vorher auch schon bewohnt gewesen war.

»O, Papa, Du weißt nicht, wie verfallen und verlottert alles war! Von außen sah sich alles sehr schön an, aber im Innern -- --«

»Aber um eine Viertel Million baut man ja einen neuen Palast!«

»Wenn Ettore ihn einrichtet, kostet ein neuer sechsmal soviel. Er hat ja bei nichts nach dem Preis gefragt, alles nur bestellt, wie es schön war, ohne Kostenvoranschlag, ohne Garantie ...«

»Aber da soll ja doch das Donnerwetter dreinschlagen! Solche Sachen darf er doch nicht machen, und Du darfst sie auch nicht erlauben!«

»Jetzt ist es geschehen; ein zweites Mal kommt nicht mehr in Betracht!«

»Sind denn die Rechnungen schon alle bezahlt?«

»Ja, sie waren bezahlt. Ettore hatte tagelang mit allen Lieferanten gefeilscht und gestritten, denn ihre ursprünglichen Forderungen waren noch beträchtlich höher gewesen, nur gegen bare Bezahlung hatten sie zugegeben, daß er ihnen gewichtige Posten von der Rechnung abstrich.

Der Oberst war froh, als er hörte, daß alles beglichen war. Freilich, das Budget der jungen Ehe schränkte sich dadurch schon um ein gut Teil ein.

»Und verdienen wird Dein Mann doch auch nichts, oder -- -- Sag mal, was tut er denn eigentlich den ganzen Tag?«

Elisabeth stieg langsam das Blut vom Hals in die Schläfen. Wieder sah sie ihren Vater nicht an, sagte leise, als schäme sie sich, das Wort auszusprechen:

»Nichts.«

Sie schwiegen beide. Es war nichts Neues, nichts Ueberraschendes und auch nichts Entehrendes, was Elisabeth da offenbarte, und doch hatten sie beide das Gefühl, als lege sich etwas Bedrückendes auf sie nieder. In all die Schönheit und das Glück war das kleine Wort hineingeglitten, wie ein trüber Tropfen in klares Wasser gleitet. Alles, was vorhin so hell geschienen, sah jetzt verändert aus, undurchsichtig und unfroh.

Der Oberst riß sich aber schnell wieder zusammen. Er wollte nicht zeigen, daß er erschrocken war, wollte sich's vielleicht selbst nicht eingestehen.

»Zum Kuckuck, Liesel, wir sind doch beide verrückt! Stehen mit Leichenbittermienen da, bloß weil Eure Einrichtung ein bissel mehr gekostet hat, und weil Dein Mann kein Kleinkrämer ist. Ja, wenn wir das gewollt hätten, dann hättest Du eben keinen venezianischen Nobile heiraten müssen! Weil Du ihn aber geheiratet hast und im übrigen glücklich mit ihm bist, wollen wir der Viertel Million keine überflüssigen Tränen nachweinen. Geschehen ist geschehen, nur zieh' in Zukunft die Kandare fester an, und eigentlich (er überlegte einen Augenblick) möchte ich selbst einmal mit Deinem Mann über die Geschichte sprechen!«

Aber Elisabeth bat, daß ihr Vater das lieber unterlassen sollte. Sie fürchtete, daß in einer solchen Unterredung Ettore sich in seiner naiven und leichtfertigen Art mehr bloßstellen würde, als ihr Vater verstehen und verzeihen konnte. Und gerade jetzt, da der Oberst selbst eine Entschuldigung für ihn gefunden hatte, da er ihm das Recht zubilligte, anders zu sein und zu leben, als er selbst stets gewesen war und gelebt hatte, gerade jetzt fühlte Elisabeth durch die milden Worte des Vaters sich ihrem Manne neu verbunden und kam sich selbst lieblos vor, daß sie in ihrem Herzen oft hart und hochmütig über ihn geurteilt hatte. Wenn es in ihrer Lebensrechnung wirklich einen Fehler gab, so lag die Schuld daran gewiß nur an ihr, nicht an ihm, denn ihr Vater hatte wohl recht, wenn er fand, daß ein Priuli nicht ein deutscher Kleinkrämer sein konnte. Sie mußte Ettore eben nehmen wie er war und all ihre Liebe zu Hilfe rufen, wenn ihre Geduld oder ihr Einsehen versagen wollte. Sie war froh, als sie diesen Entschluß faßte und an ihm merkte, wie sehr sie immer noch an dem Manne hing, trotz der Leere, die sie so oft neben ihm empfand. Mit einem Mal sah auch wieder alles klar und schön und glücklich aus, denn sie meinte jetzt zu wissen, daß es zur Ueberwindung aller Enttäuschungen und Schwierigkeiten nichts bedurfte, als eine große Liebe, die mit gleicher Inbrunst den kleinen wie den großen Priuli umfing.

Der Oberst versprach Elisabeth wohl, daß er sich Ettore gegenüber nichts merken lassen wollte und er hielt sein Versprechen auch so weit, daß er den Schwiegersohn nicht zu einer direkten Aussprache heranzog. Er wußte es aber doch einzurichten, daß er mit ihm einmal unter vier Augen auf die Bedingungen einer Lebenshaltung, eines Budgets usw. zu reden kam, und nahm die Gelegenheit wahr, um die großen Kosten der Wohnungseinrichtung mit ein paar scherzenden Worten zu tadeln. Er hatte eine gütige und liebenswürdige Art, solche Dinge zu sagen, und Ettore nahm seine Worte, äußerlich wenigstens, ebenso hin, wie sie gesprochen waren. Er gestand lachend seinen Leichtsinn ein, entschuldigte sich ein wenig, daß ihm der erste Glücksrausch eben so sehr zu Kopf gestiegen war, und schloß seine heitere Verteidigung mit der Versicherung, daß er von Natur aus fügsam und wahrhaftig kein Verschwender sei. Der Oberst nahm alles, was er sagte, auf Treu und Glauben hin und war wiederum entzückt von seinem Schwiegersohn. Er merkte den leisen Ton des Hochmuts nicht, der in Ettores Stimme schwang, sah nicht den wegwerfenden Zug um die Mundwinkel und nicht den dunklen Blick, der Ettores Auge verschleierte, als er mit seinem gewohnten scharmanten Lächeln dem Obersten zum Abschied die Hand drückte, weil er ihn um einer Klubsitzung willen verlassen mußte. Auch zu Elisabeth sagte Ettore kein Wort von dem Gespräch, das er mit ihrem Vater gehabt hatte, sie erriet es aber gleich an einer gewissen Gezwungenheit, mit der er ihr in den nächsten Tagen begegnete, und deutlicher noch an einer Bemerkung, welche die alte Gräfin ziemlich zusammenhanglos über eine sensationelle Ehetrennung hinwarf und die ungefähr so endete:

»~Dio mio~, den Frauen geht's heutzutage viel zu gut! Wenn ich denke, was man in meiner Zeit vom Mann und der Ehe alles ertrug! Aber heutzutage haben sie den Kopf voll von dummen Ideen, von Freiheit, von Gleichberechtigung und, was weiß ich, was sonst noch! Zu meiner Zeit war man glücklich, wenn der Mann mit einem zufrieden war. Keine von uns hätte es gewagt, an ihm herumzumäkeln oder gar ihm Vorschriften machen zu wollen. Heutzutage aber täte es not, daß er über alles und über jeden Centesime Rechnung ablegt ...«

Elisabeth sagte nichts. Sie begriff, daß die Mutter für ihren Sohn Partei nahm, ganz ebenso wie ihr Vater es für seine Tochter tat. Sie gab sich redlich Mühe, die Mißstimmung zu verscheuchen, die unversehens ins Haus geschlichen war, war zärtlich und vertrauensvoll gegen Ettore, liebenswürdig und ergeben bei der Schwiegermutter. Sie hörte auch kein anzügliches Wort mehr, und Ettores Gezwungenheit machte schnell seiner naiven Liebenswürdigkeit Platz. So schien alles wieder zu dem früheren, guten Bestand zurückgekehrt, aber Elisabeth wußte doch, daß es nicht so war. Sie wußte, daß fast zu allen Stunden, die sie mit ihrem Vater verbrachte, Ettore bei seiner Mutter und seiner Schwester saß und jedesmal, wenn die scheinbar nur aus Diskretion getrennten Lager sich bei Tische begegneten und begrüßten, war es, als ob zwei fremde Welten sich begegneten, die erst eine kalte Luftströmung überwinden mußten, ehe sie sich zusammenfanden.

* * * * *

In diesem Winter sollte Elisabeth endlich die venezianische Gesellschaft und Geselligkeit kennen lernen, -- das war für sie, die bisher nur die herkömmlichen Garnisonsbälle und ein oder das andere Münchener Künstlerfest gesehen hatte, eine große Spannung und Aufregung. Vor dem ersten Fest der Saison, das im Hause Fabbriani stattfand, hatte sie richtiges Lampenfieber, denn Ettore sprach schon seit Tagen kaum von anderem als eben von dieser Wintersaison mit all ihren Verpflichtungen und Freuden, sprach davon so wichtig und ausführlich, als ob sie ein wertvoller Bestandteil seines Lebens sei. Auch Eleonore, die unter der Obhut der Schwägerin alles mitmachen sollte, war lebendiger und gesprächiger, als Elisabeth sie seit langem kannte, und schien für nichts Sinn zu haben als für Toiletten, Blumen, Fächer und kunstvolle Frisuren. Elisabeth dachte bei sich, daß Eleonore wohl darauf rechnete, auf den bevorstehenden Festen ihren kleinen, verwöhnten Leutnant zu treffen, aber wenn sie leise Anspielungen machte, so tat Eleonore, als verstünde sie nicht, und die alte Gräfin antwortete auf eine direkte Frage der Schwiegertochter nur, indem sie die Arme zuerst zum Himmel hob, sie dann verzweifelt wieder sinken ließ und den Kopf schüttelte, als wisse sie selbst nicht, was die Tochter denke oder plane.

Elisabeth machte mit großer Sorgfalt Toilette. Als sie fertig angekleidet vor dem großen Spiegel ihres Ankleidezimmers stand, fand sie sich auch wirklich ganz hübsch und meinte, daß sie überall mit Ehren bestehen könne. Das weiße, silbergestickte Kleid saß tadellos, die Rosen an der Brust und im Haarknoten paßten gut zu ihrem zarten, blonden Typ, und die schönen Diamanten, die ihr der Vater und die Brüder zur Hochzeit geschenkt hatten, funkelten hier, in dem einsamen Zimmer, reich, fast königlich. Während die Jungfer lief, um den Abendmantel und das Spitzentuch zu holen, klopfte es an der Tür, und Ettores Stimme fragte, ob Elisabeth fertig sei. Sie hatte kaum »ja« gesagt, da trat er auch schon ein und mit ihm Eleonore, beide lächelnd, strahlend, wie zwei ganz junge Menschen, die zu ihrem ersten Ball gehen. Sie sahen beide wieder genau so schön aus wie damals beim Blumenkorso, und Elisabeth kam sich neben ihnen unscheinbar und unsicher vor. Das war aber nicht etwa nur, weil diese Geschwister zwei ungewöhnliche Erscheinungen darstellten, nein, es lag viel mehr noch in ihrem Wesen, in ihrer ganzen Art aufzutreten, sich zu bewegen, zu lachen oder den Kopf zu wenden, es lag in der vollkommenen Harmonie all ihrer Bewegungen und in der hellen Freudigkeit, die über ihnen leuchtete, als wären Fest und Lust und Erwartungsfreude das einzige Element, in dem sie tief atmen und sich wohl fühlen konnten.

Die Schwägerinnen musterten gegenseitig mit raschen Blicken ihre Toiletten, sagten sich freundliche Worte, die sie aufrichtig meinten. Eleonore berechnete blitzschnell im Kopf, wieviel Elisabeths Silberstickerei und Schmuck wert sein mochten, während die junge Frau mit Verwunderung und ein klein wenig Neid erkannte, daß Eleonore in ihrem fast armseligen, blaßgrünen Seidenfähnchen und einem nichtssagenden Korallenschmuck ungleich frischer und schöner wirkte als sie. Ettore schien sehr zufrieden mit seiner Frau, warf aber, während er sie bewunderte, immer verstohlen-verliebte Blicke auf sein eigenes Spiegelbild, auf seine schlanke Fechtergestalt, die nicht einmal der Frack entstellen konnte, und auf sein scharfgeschnittenes, brünettes Gesicht, das wie ein antikes Relief aus dem feierlichen Weiß der Wäsche und der Weste hervorkam. Dann meldete die Jungfer, daß die Gondel vorgefahren sei, hüllte die Damen sorgfältig in Mäntel und Schleier, und Elisabeth fuhr zum ersten Feste Venedigs.

Bei den Fabbriani fand sich an diesem Abend alles ein, was sich in diesem Winter in allen Häusern der Gesellschaft immer wieder zusammenfinden sollte. Glänzende Namen wurden vom Diener ausgerufen, die einst im goldenen Buch der Stadt gestanden hatten und unlöslich verknüpft waren mit ihren Geschicken. Viele von ihnen hatten es verstanden, alten Reichtum zu bewahren oder neuen zu erwerben, zumeist durch Heirat oder Erbschaft, mitunter auch durch industrielle Unternehmungen oder Spekulationen, und darum traten als Trägerinnen dieser Namen Frauen auf von seltsamer fremdländischer Schönheit, siegessicher im Bewußtsein ihres Reichtums, überrieselt von Familienschmuck, der noch aus fernen Jahrhunderten herkam oder auch von Steinen, die erst vor ein paar Wochen von einem Pariser oder Londoner Juwelier eingehandelt worden waren. Um sie her kreisten Männer von jener koketten Gepflegtheit und Eleganz, die nur dem Romanen zu eigen ist. Schlanke, stattliche Männer, die aussahen, als wären sie für Abenteuer und Heldentaten geschaffen, und die doch nichts anderes zu sein schienen als die ergebenen Seladons dieser siegesbewußten, flimmernden Frauen.

Die Unsicherheit, die Elisabeth schon daheim neben ihrem Mann und der Schwägerin empfunden hatte, wurde hier noch größer. Wohl kamen ihr alle liebenswürdig entgegen, fragten sie lebhaft, wie sie sich in Venedig gefalle, bestaunten sie, daß sie die fremde Sprache schon so geläufig beherrsche, aber Elisabeth kam sich trotzdem wie ein grauer Spatz vor, der in eine Gesellschaft von Paradiesvögeln geraten ist.

Alle oder fast alle diese Frauen waren ja, wenn Elisabeth sie genauer betrachtete, für ihren Geschmack zu üppig, zu dunkel, zu stark geschminkt, hatten Nüancen der Toilette, die aufdringlich wirkten, waren zuweilen mit Schmuck behängt wie Götzenbilder, rollten allzu phantastisch die Augen oder lachten so bewußt verführerisch, daß sie, jede einzeln genommen, auf Elisabeth unfein, wenn nicht gar komisch wirkten. Im ganzen aber, als geschlossener Kreis, den sie hier darstellten, ging eine Wirkung von ihnen aus, der man sich nicht entziehen konnte, waren sie der vollendete Ausdruck einer Rasse, die trotz ihres alten Blutes noch die Schönheit und die Fröhlichkeit aus den Kindertagen der Erde bewahrt zu haben schien, gepaart mit dem unbekümmerten Stolz, den nur die wirkliche Vornehmheit kennt.

Das viel mißbrauchte Wort von den Renaissancemenschen schien hier, für das Aeußerliche zumindest, Wahrheit geworden zu sein, und Elisabeth fand, daß sie neben all diesen Damen ebenso bescheiden aussah, wie ihre Diamanten neben deren wertvollen Geschmeiden, trotzdem sie daheim doch so königlich gefunkelt hatten.

Der Eindruck, den die junge Gräfin Priuli machte, war im allgemeinen günstig. Die Damen meinten, diese kleine Gräfin sei ja nicht besonders hübsch, aber ganz angenehm und jedenfalls viel besser gekleidet und viel weniger linkisch, als sie sich eine deutsche Offizierstochter gedacht hatten. Die Männer, die in kleinen Gruppen umherstanden oder sich um die funkelnden, großen Damen bemühten, zuckten wohlwollend die Achseln. Heute könne man über die junge Priuli noch nichts Rechtes sagen. Ihr Haar sei schön, ja, aber sie war doch noch recht mager und viel Temperament schiene sie auch nicht zu besitzen. Die Schwägerin dagegen, ja, das war ein anderes Weib!

»Wenn man Geld genug hätte, die zu heiraten!« sagte der junge Fabbriani und sah bewundernd auf Eleonore, die eben lachend und mit dem Fächer unwahrscheinlich große Kreise beschreibend zu seinem Bruder sprach.

Ein anderer entgegnete:

»Geld genug, sie zu heiraten, und eine Faust, um sie zu bändigen. Wer traut sich's zu? Ich mir nicht!«

Der Sprecher machte mit beiden Händen eine nicht mißzuverstehende Bewegung nach seinen beiden Stirnwinkeln. Die andern lachten und gingen zu einem andern Thema über.

Elisabeth gab genau acht, ob der kleine Leutnant, den Eleonore liebte, nicht irgendwo auftauchte, aber sie konnte ihn nicht entdecken. Dagegen lernte sie an diesem Abend die Frau kennen, die schon beim Blumenkorso ihre Neugier rege gemacht hatte, -- die Fürstin Tassini. Die Fürstin war mit ihrem Mann ziemlich spät, erst gegen Mitternacht gekommen, was wohl ein wenig auffiel, aber nicht störte, da ja die Geselligkeit hier nicht ein steifes und ausgerechnetes Gastmahl bedeutete. All diese Menschen, die zu später Abendstunde zwanglos zusammenströmten, nahmen mit Sorbets, Sekt und Süßigkeiten vorlieb, und wollten nichts anderes als schwatzen, flirten, spielen und den Klatsch des einen Salons in den andern tragen.

Auch heute sah die Fürstin auf eine kleine Entfernung mit der schlanken Gestalt und dem rötlichen Haar sehr jung aus. Sie trug wieder ein silberfarbenes Kleid, diesmal aus kostbarem Brokat mit alten Venezianer Spitzen, um den Hals die Perlenschnüre, ohne die man sie nie sah, auf dem Haupt ein Diadem von Rubinen und Diamanten. Sie schritt langsam und unbekümmert, so als ob sie immerfort zur rechten Zeit käme und als ob alle rundum nur auf sie gewartet hätten. Sie begrüßte die Hausfrau und jede einzelne der Damen liebenswürdig, aber man merkte deutlich, daß niemand ihr nahe stand. Sie saß gerade aufgerichtet und etwas steif in einem Sessel mit hoher Lehne, lehnte sich aber nicht an, wandte nur im Gespräch den Kopf ein wenig nach rechts oder nach links, sprach, lächelte, nahm von dem Silbertablett eines Dieners ein Glas Sekt, alles mit höflichen, aber kühlen Gesten, so als ob sie nur eine Verpflichtung erfüllte, nicht aber zu Gast auf einem Feste war. Trotzdem sie seit mehr als zwanzig Jahren in Venedig lebte, beherrschte sie die italienische Sprache kaum, bediente sich, wenn es irgend möglich war, des Englischen, was freilich seine Schwierigkeiten hatte, weil die andern annähernd ebenso schlecht Englisch sprachen wie sie Italienisch und jeder im Innern die Aussprache des andern bemängelte. Wie Elisabeth ihr vorgestellt wurde, musterte sie die junge Frau mit einem langen, eingehenden Blick, tat als erste Frage:

»~Do you speak English?~«

Da Elisabeth bejahte, lud die Fürstin sie ein, sich neben sie zu setzen, begann mit ihr auf englisch ein Gespräch, das sich zunächst natürlich nur um Allgemeinheiten drehte. Die italienischen Damen, mit denen sich die Fürstin bisher unterhalten hatte, entfernten sich vorsichtig, als sie merkten, daß nun Englisch die Oberhand gewinnen würde, waren auch gar nicht unglücklich darüber, denn ein kleiner Flirt oder Klatsch mit den jungen Herren, die überall mit sehnsüchtigen Blicken umherstanden, war weit amüsanter als die Unterhaltung mit der Fürstin, die sich in keiner Weise verausgabte. Auch als sie jetzt mit Elisabeth allein saß, kam ihr Gespräch nicht über Unpersönliches hinaus. Aber immerfort hafteten die kühlen, grauen Augen der Engländerin auf Elisabeths Gesicht, als wollten sie die Gedanken lesen, die sich hinter dieser Stirn verbargen, als suche sie irgendeinen Zug, der verriet, wie es um das Herz dieser jungen Frau stand. Sie fragte Elisabeth:

»~Do you like Venise?~«