Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig
Part 8
Weder die Bahnstrecke noch die Wagenfahrt boten Reize. Die Gegend war eintönig, flach, zum größten Teil von Oliven und Mais bestanden, zwischen die sich immer wieder schwarze, in der Sonne blauschillernde Sumpfflecken drängten. Die Straßen waren von dürftigen Laubbäumen eingefaßt, deren Stämme miteinander durch schwere Girlanden von Wein verbunden waren, so daß die Straße festlich aussah, wie eine ~Via triumphalis~, durch die aber nie mehr ein Sieger schreiten wird, weil alles ringsum versunken ist in Verlotterung, Vergessenheit und Sumpf. Da und dort tauchten halbzerfallene Häuser auf, Frauen mit struppigen Haaren standen am Weg, glotzten den Wagen an, streckten gewohnheitsmäßig die Hand zur Bettlergeste aus, während braune, zerlumpte Kinder sich spielend im fußhohen Staub wälzten, der die ärmlichen Wiesen mit einem grauen Schleier überdeckte.
Elisabeth sprach eifrig, lachte, versuchte aufgeräumt zu erscheinen, damit Ettore nicht merken sollte, wie sich ihr die melancholische Einförmigkeit der Gegend auf die Brust legte. Er merkte es auch gar nicht, denn er hatte keinen Sinn für Unterströmungen der Gefühle, war auch im Augenblick zu sehr mit dem Eindruck beschäftigt, den seine Frau wohl von den Gütern empfangen mußte, die so ganz verschieden von dem waren, was ihre Phantasie geträumt und erzählt hatte. Schließlich hielt der Wagen vor einem abgegrenzten, weiten Plan, um den stückweise eine grüne Hecke lief, während an andern Stellen Mais, Oliven und Weinstöcke wild durcheinander standen, nur da und dort einer Korkeiche gerade so viel Raum gewährend, daß sie ihre breiten Wurzeln ins trockene Erdreich krallen konnte. Im Hintergrund eines Feldes erhob sich ein Haus, das ein wenig größer war als die andern, die bisher am Weg sichtbar geworden, aber genau ebenso brüchig, unsauber und trostlos aussehend wie sie.
»~Ecco~, wir sind am Ziel!«
Ettore half seiner Frau aus dem Wagen, bot ihr den Arm und führte sie mit einer pompösen Geste, die sehr schlecht zu der dürftigen Umgebung paßte, auf das zerfallene Haus zu. -- --
Eine halbe Stunde später war Elisabeth um eine große Enttäuschung reicher. Sie verstand zwar gar nichts von Landwirtschaft, Bodenreichtum und seiner Kultur, aber das begriff sie doch gleich, daß diese sogenannten Güter nichts waren als ein Komplex, der vielleicht einem einfachen Landmann, niemals aber einem wirklichen Gutsherrn Arbeit und Zweck bedeuten konnte. Wohl dehnten sich die Felder unabsehbar weit aus, aber es war eben immer wieder Mais und nochmals Mais, und, ganz abgesehen von der Arbeitskraft und der Energie, hätte es einer Unsumme bedurft, um diese wildsprossende Erde zu richtigem landwirtschaftlichen Ertrag zu zwingen. Auch war alles, was an Baulichkeiten, Einrichtungen und Werkzeugen vorhanden war, so primitiv, daß an eine richtige Ausnutzung vorhandener Erdschätze oder gar an eine Übersiedlung hierher nicht zu denken war. Mit diesem Haus, so wie es war, hätte der kleinste deutsche Bauer nicht vorliebgenommen, und selbst die italienische Genügsamkeit des Pächters jammerte Ettore etliches darüber vor, daß ihnen wohl demnächst das Dach in die Stube fallen würde. Jedes Gerät, das man zur Hand nahm, war fast noch genau ebenso, wie die Geschlechter, die hier vor tausend Jahren gesessen hatten, es geschnitzt oder gehämmert hatten, und im Herbst stampften hier die Burschen den Wein noch mit den nackten Füßen in die Kelter, wie sie es seit Urzeiten getan. Die Zeit mit all ihren Errungenschaften schien keine Macht über diese Gegend und diese Menschen zu haben, und vielleicht hätte Elisabeth an einem andern Tage den großen und seltsamen Reiz dieser Zeitlosigkeit empfunden, hätte gemerkt, daß hier, so dicht bei einer modernen Stadt, noch ein verschollenes Stück Altertum unter blauem Himmel lag. Aber sie war ja nicht hierhergekommen, um Kulturschichten zu beobachten, sondern um ein Stück Erde zu finden, das ihrem Mann gehörte, und dem er gehören wollte, mit aller Liebe und allem Fleiß, die ein Mann an seine Lebensaufgabe setzt. Denn durch alle Zeit war es ihr beklemmend gewesen, daß Ettore an keinen Beruf, an keine regelmäßige Arbeit gebunden war, und daß es ihm so leicht wurde, untätig durch die Tage hinzustreichen. Als er um Elisabeth freite, hatte sie wohl gewußt, daß er keinem eigentlichen Beruf nachging, aber wie solche Untätigkeit in der Nähe aussah und in Einzelheiten wirkte, hatte sie nicht gewußt, hatte sich auch in der ersten Verliebtheit nicht darum bekümmert. Schon auf der Hochzeitsreise hatte sie dann mit Staunen bemerkt, wie gelassen und gewandt ihr Mann die Zeit vertrödelte, wie er gar nie Sehnsucht spürte, sich in irgend etwas zu vertiefen oder sein Leben nützlich auszufüllen. Sie hatte aber schnell begriffen, daß er darin wohl keine Ausnahme darstellte, daß er nur geradeso lebte, wie er einen großen Kreis Gleichgestellter leben sah, für den man ihn erzogen hatte. Schon damals hatte sie sich fest vorgenommen, daß sie einen andern Menschen aus ihm machen wollte als nur den schönen, leichtfertigen Priuli, der von jedem Tag den Schaum abschlürfte, und den man gelehrt hatte, daß Arbeit nur für die Armen und Niedriggeborenen sei. Weil sie's daheim oft mitangesehen, daß junge Männer, die sich in keinem Beruf recht gefielen, in der Landwirtschaft, in der Hebung von Grundbesitz Freude und Kraft fanden, so dachte sie, daß es auch hier ebenso gehen, daß aus dem Besitz der heimatlichen Erde ihrem Mann der Sinn für ein neues Leben aufgehen sollte. Arglos, wie sie ihm gegenüber war, hatte sie die leichte Verlegenheit, die ihn überfiel, wenn sie von den Gütern sprach, sein Zögern, sie ihr zu zeigen, übersehen oder mißdeutet, denn niemals wäre es ihr eingefallen, daß er lächerlich flunkern oder gar geflissentlich lügen konnte. Nun spürte sie, wie damals, als der Brief seiner Mutter eintraf, Unwahrheit neben sich, und das Herz wurde ihr so schwer, daß sie am liebsten geweint hätte.
Langsam, mit gesenktem Kopf, ging sie durch die verlotterten Vignen, durch die wilde Einförmigkeit der Maisfelder hin. Zu ihrer Rechten schritt Ettore, elegant wie immer, den Hut ins Genick zurückgeschoben. Man merkte ihm an, wie überflüssig er sich hier vorkam, und wie es ihn drängte, dies verwahrloste Stück Land zu verlassen, das doch sein eigen war. Zu ihrer Linken ging der Pächter, redete mit pathetischem Tonfall und großen Gesten auf Ettore ein, daß dieser die größten Risse im Hause ausbessern und auch diese oder jene Neuanschaffung von Ackergeräten bezahlen sollte. Es war zwischen den Männern ein wildes Feilschen und Streiten, hörte sich vielleicht auch wilder an, als es in Wirklichkeit war, weil sie beide die Stimmen dröhnen ließen und mit den Händen genau so redselig waren wie mit dem Mund. Elisabeths wirrer Kopf verstand kaum mehr, was sie sagten oder wollten, zudem sie beide Dialekt sprachen, aber wie sie jetzt in der südlichen Sonne unter dem tiefblauen Himmel mit ihnen dahinging, fiel brennendes Heimweh sie an nach einem Weizenfeld, das langsam im Wind wogte, nach dem süßen Juniduft der Linden, nach der klotzigen Wortknappheit bayerischer Bauern, nach dem müden Gesicht, mit dem ihr Vater vom Dienst heimkam. --
Ettore sah sie verstohlen von der Seite her an. Sie hatte jetzt wieder das herbe, bittere Gesicht, das er schon einmal an ihr gesehen hatte, und das einer Frau zu gehören schien, die ihm fremd war. Er machte sich aber weiter keine Gedanken, stritt leidenschaftlich mit seinem Pächter weiter und dachte nur, daß er vermutlich heute abend oder morgen früh eine unangenehme Szene mit seiner Frau haben würde. Er beschleunigte den Schlendergang durch die Vignen und Felder und war froh, als sie endlich wieder im Wagen saßen, der Pächter sich mit einer Fülle von Worten und Wünschen verabschiedete und das zerfallene Haus samt Garten und Feldern hinter der staubigen Landstraße wie ein unerfreuliches Traumbild verschwand.
Sie fuhren schweigend dahin. Elisabeth nahm alle ihre Beherrschung zusammen, um ihre Bitterkeit in sich zu verschließen, um nicht durch heftige Worte, die sie später reuen mussten, zu verraten, daß dieser Tag ihr so vieles genommen hatte. Auch Ettore schwieg und hoffte, daß die schlechte Laune seiner Frau sich geben würde, wenn er sie gar nicht anredete und sie in Ruhe den üblen Eindruck verwinden konnte, den sie von dem Priulischen Grundbesitz empfangen hatte. Erst als sie wieder im Zug saßen, fragte er so nebenher:
»Nicht wahr, mein Besitz hat Dir nicht gefallen?«
Sie lachte bitter auf. Ob sie wollte oder nicht, sie mußte ihm nun sagen, was sie von diesem Tage geglaubt und was er ihr zerstört hatte. Sie sprach leidenschaftlich, mit geröteten Wangen und bebender Stimme, die ihr zuweilen versagte, denn sie, die es gewöhnt gewesen, immerfort tätige Männer um sich zu sehen, empfand es nun wie Schmach, daß sie einen Müßiggänger geheiratet hatte. Ettore hörte ihr zu und verstand sie gar nicht.
»Ich weiß wirklich nicht, was Du willst! Ich habe den ganzen Tag zu tun und langweile mich nicht einen Augenblick!«
»Das ist es ja eben. Du bist so sehr gewöhnt, nichts zu tun, daß Du Dir gar nicht vorstellen kannst, wie das ist, wenn man arbeitet, arbeitet von früh bis spät.«
Ettore schüttelte lächelnd den Kopf.
»Nein, Gott sei Dank, das kenn' ich nicht. Das kennen vornehme Leute überhaupt nicht.«
»Bei Euch nicht! Aber bei uns arbeitet jeder, gleichviel, ob er vornehm ist oder nicht, ob er Millionen reich ist oder nicht.«
»Aber wenn er die Arbeit nicht nötig hat, wozu arbeitet er dann?«
»Um der Arbeit willen!«
Ettore lachte.
»Nun, dann arbeitet er eben zu seinem Vergnügen, genau so wie ich mich zu meinem Vergnügen amüsiere. Ich sehe den Unterschied nicht ein. Oder doch, ich sehe ihn ein, und ich muß Dir sagen, ~carissima~, daß der Unterschied für Euch nicht gar so schmeichelhaft ist. Euch merkt man immerfort noch die arme Rasse an, die schuften musste und jetzt gewohnheitsmäßig weiterschuftet. Und wir, wir sind eben Aristokraten, die's schon lange nicht mehr nötig haben, sich zu quälen und durch ihrer Hände Arbeit das Nötige herzuschaffen.«
»Darum war eben auch das Nötige meist nicht da!«
Elisabeth hatte es fast wider ihren Willen gesagt, aber es wäre ihr nicht möglich gewesen, die naive Anmaßung Ettores ohne Entgegnung hinzunehmen. Sie war gefaßt auf eine zornige Antwort, aber er zuckte nur die Achseln und sagte gleichgültig:
»Du wirst nicht behaupten können, daß es bei uns je an irgend etwas gefehlt hat.«
Auf weitere Auseinandersetzungen ließ er sich nicht mehr ein. Er verstand nicht, was seine Frau meinte und gab sich auch keine Mühe, es zu verstehen. Das waren deutsche Torheiten und Abgeschmacktheiten, an denen sie zeitweise litt, die man augenblicklich auch mit ihrem Zustand entschuldigen konnte, die aber für ihn, den Grafen Ettore Priuli, nicht die geringste Bedeutung hatten. Er rekelte sich behaglich in seinen Sitz hinein, drückte den Kopf fest an die samtene Kopfstütze und schloß die Augen. Fern und immer ferner hörte er, daß Elisabeth von daheim sprach, von ihrem Vater und den Brüdern, denen nichts über den Dienst ging. Dann schlief er fest ein. Elisabeth sah es und war beinahe froh, daß sie nicht mehr mit ihm reden konnte. Hier gab es ja doch keine Verständigung, denn hier redeten nicht nur zwei Menschen, sondern zwei Welten gegeneinander, und es schien unmöglich, daß sie sich je verstehen sollten. Wieder überkam sie das Gefühl grenzenloser Einsamkeit, das sie vorhin beim Gang durch die Vignen und Maisfelder gespürt hatte, und jäh wie ein Funke aus Qualm und Nacht sprang die Vorstellung in ihr auf, wie schön es wäre, wenn sie jetzt leise von diesem schlafenden Mann wegtreten, in einen der Züge springen, die nach Norden fuhren, und heim könnte in das Land, das ihre Sprache redete, ihre Gedanken dachte und mit ihrem Herzen empfand ...
Sie sah durchs Fenster hinaus, ohne die Gegend mit dem Blick wirklich zu erfassen, hörte das gleichmäßige Rattern der Räder auf den Schienen, mußte den holprigen Rhythmus der eisernen Melodie mitdenken, bekam eine unerklärliche Furcht, sobald der Zug langsamer rollte, um in eine Station einzufahren, und atmete auf, als hätte ihr einer etwas Köstliches geschenkt, wenn er fauchend und dröhnend wieder mit voller Kraft dahinstampfte. Sie begriff sich selbst nicht recht, aber als sie in den Bahnhof von Venedig einfuhren, wußte sie's: sie hatte Angst und Abscheu vor dieser Stadt, in der ihre Träume einst mit tausend Gallonen gelandet waren.
8.
Als der Herbst aus seiner weinumkränzten Kelter die letzten Sonnenstrahlen über Venedig hingoß, daß es anzusehen war, als ob eines der flimmernden, naiven Mosaikbilder aus San Marco zum Leben niedergestiegen wäre, wurde der kleine Priuli getauft. Es war nur ein Familienfest, aber erfüllt von Feierlichkeit und durchwoben von Fäden, die weit zurückliefen zu alten Dingen und Gebräuchen. Die Taufe fand weder in einer Kirche, ja nicht einmal in einem Prunksaal des Palazzo Priuli statt, sondern in einem kleinen, winkeligen Zimmer des oberen Stockwerks, -- denn hier war der große Vorfahre der Priuli zur Welt gekommen, und seitdem hatte jede Taufe des Geschlechts hier stattgefunden. Das Taufwasser lag in einer schweren, alten Kristallschale, die von zwei Goldfiguren getragen wurde, es hieß, daß die Goldschmiedearbeit von Benvenuto Cellini herstamme. Eine verblaßte und leicht zerschlissene Brokatdecke, die über den Täufling gebreitet wurde, sollte noch von Lola Manin, der berühmten Dogaressa, die sich einst um Venedigs Webeindustrie hochverdient gemacht, herstammen. Und als der Taufakt zu Ende war, nahm Ettore das Kind von den Armen seiner Mutter und sprach über es die alte Formel hin, die seit Jahrhunderten jeder Priuli sprach, wenn sie inzwischen auch ihren Sinn verloren hatte: »Ich schenke diesen Sohn der Republik Venedig, ihr zum Dienste und sich zum Ruhm!«
Elisabeth sah erstaunt und auch ein wenig verständnislos auf all diese Aeußerlichkeiten und auf den Ernst, mit dem sowohl ihr Mann wie die Damen Priuli dies alles betrachteten und behandelten. Seitdem sie in täglicher Gemeinschaft mit den Traditionen lebte, die ihr noch vor einem Jahr so überwältigend und bedeutungsvoll erschienen waren, kamen sie ihr nicht mehr gar so wertvoll vor, wollten sie mitunter sinnlos und altersschwach bedünken. Bei dieser Taufe freilich erhöhten sie die Feierlichkeit, liehen dem kleinen Priuli eine Wichtigkeit, daß er schon jetzt mehr zu sein schien als andere Kinder, und Elisabeth freute sich in ihrem jungen Mutterstolz, daß um ihr Kind so viel Erinnerungen herstanden und so viel Aufhebens von ihm gemacht wurde. Nur als Ettore den Spruch sagte, der dies Kind Venedig zum Geschenk machte, zuckte sie erschreckt zusammen, denn ihr war's, als habe er mit diesen Worten ihr Kind und in ihm sie selbst einem fremden Wesen vermählt ...
Alles Schöne und alles Seltsame dieses Tages aber war vergessen, wenn sie in das Gesicht ihres Vaters sah, der zur Taufe seines Enkels gekommen war. Seitdem sie damals mit Ettore von seinen Gütern heimgekehrt, war die Sehnsucht nach ihrem Vater und nach allem, was er bedeutete, immer stärker in ihr geworden, so daß sie zuweilen dachte, das Heimweh müsse ihr das Herz zersprengen. So fremd, so armselig war sie sich in ihrem Palast vorgekommen, daß sie heimreisen wollte, um das Kind in irgendeiner deutschen Klinik zur Welt zu bringen. Ettore und seine Mutter waren natürlich verwundert und bestürzt über diesen Entschluß, den sie unter keiner Bedingung zur Ausführung kommen lassen wollten. Ettore sagte entschlossen:
»Unmöglich! Ein Priuli kommt nicht in einer Klinik auf die Welt! Ein Priuli wird hier, in seinem Palazzo geboren.«
Die alte Gräfin klagte mit ihrer jammernden Stimme:
»~Dio mio~, was das nun wieder für Ideen sind! Als ob Du's hier nicht gut hättest, und als ob wir Dich nicht hegen und pflegen wollten wie eine Königin!«
Elisabeth wurde verwirrt. Alles, was die beiden sagten und einwendeten, war ja vollkommen richtig, und wenn sie ihnen sagte, daß sie es vor Heimweh fast nicht mehr aushielt, würden sie mit Recht verletzt sein und fordern, daß die junge Frau sich beherrsche und nicht einen Schritt unternehme, der rundum Aufsehen und Gerede hervorrufen konnte. Sie versuchte also nur geltend zu machen, daß sie doch einen deutschen Arzt und deutsche Pflege haben wollte, ein Einwand, den Ettore gleich lachend umwarf:
»Als ob Du die nicht hier auch haben könntest! Selbstverständlich wirst Du einen deutschen Arzt und eine deutsche Pflegerin haben, aber mit der Reise nach München wird's nichts. Du mußt Dich schon entschließen, ~carina~, hier bei uns zu bleiben, zu denen Du gehörst!«
Er schloß sie bei diesen Worten in die Arme, streichelte und küßte sie zärtlich, und sie fühlte, daß er recht hatte, und daß sie ihm darum gehorchen mußte. Sie hatte aber trotzdem eine Sekunde lang den Wunsch, aufzuschreien: »Nein, nein, ich gehöre nicht zu Euch!« und war froh, als Ettore und seine Mutter gegangen waren und sie allein ließen mit ihren Gedanken und ihrer Verwirrung. Denn verwirrt war sie in sich und über sich, konnte selbst nicht recht verstehen, warum sie sich im Innern gegen Ettore und die Seinen auflehnte, warum sie mit einemmal nicht zu ihnen gehören wollte. Sie schloß die Augen und atmete tief auf. Ach, wenn erst das Kind da wäre, dann würde alles anders werden! Das Kind würde sie ganz ausfüllen, würde sie entschädigen für alles, was sie in ihrer Ehe oder auch sonst enttäuscht hatte, würde die Leere ausfüllen, die jetzt, trotz aller Zärtlichkeit und Leidenschaftlichkeit, so oft zwischen ihr und Ettore lag. Sie hatte daheim ja so oft gehört, daß es in jeder Ehe Enttäuschungen gäbe, ja, daß die Ehe vor allem in kluger Resignation bestünde, warum also sollte gerade ihr das Los anders gefallen sein? Wenn sie's genau bedachte, hatte sie ja nicht einmal einen wirklichen Grund zu Klage oder Enttäuschung. Sie war umgeben von Liebe, von Wohlleben, von Hoffnungsfreude, und wenn sie zu irgend jemand gesagt hätte, daß sie trotz alledem nicht glücklich war, daß sie etwas vermißte, für das sie keinen Namen fand, und für das sie doch allen Reichtum und Nimbus ihrer Existenz willig hergeben wollte, dann hätte niemand sie verstanden, und jeder hätte ihr wohl lachend gesagt, daß sie Grillen fange, weil es ihr eben gar zu gut ging. Vielleicht war es so. Vielleicht verlor sie sich in fruchtlose Grübeleien, weil ihrem Dasein, das einst tätig gewesen, jetzt jeder tiefere Inhalt fehlte. Vielleicht ... Nein, sie wollte sich nicht weiter mit »vielleicht« und »wer weiß« peinigen. Wenn das Kind erst da war, würde alles gut werden, denn auch das hatte sie daheim gehört, daß Kinder das Allheilmittel für jedes Frauenleid sind ...
Als die Gondel, die den Obersten vom Bahnhof zum Palazzo brachte, in den kleinen Kanal einbog, stand Elisabeth schon an einem Fenster des oberen Stockwerks, winkte mit der Hand und pochte ungeduldig gegen die Scheiben. Sie war erst vor ein paar Tagen aufgestanden, und der Arzt hatte ihr streng verboten, nach dem Bahnhof zu fahren, weil er sie keiner Zugluft aussetzen wollte: so mußte sie wohl oder übel zu Hause bleiben und voll Ungeduld die Minuten zählen, bis der Vater da sein konnte. Als die Gondel unten, an den bekrönten Pfählen angebunden war, war kein Halten mehr. Elisabeth lief, so rasch sie konnte, die Treppe hinunter, warf sich lachend und weinend dem Obersten an die Brust, der ob dieser Ueberschwenglichkeit etwas verdutzt und fast verlegen dreinschaute. Dann kamen auch schon die Pflegerin und die alte Gräfin herbei, schalten und jammerten über den Ungehorsam der jungen Frau, die doch noch keine Treppen steigen sollte, und Ettore, der hinter seinem Schwiegervater stand, nahm ohne weiteres Elisabeth wie ein Kind auf den Arm und trug sie hinauf in ihr Zimmer, wo das Bettchen des kleinen Priuli stand. Der Oberst war außerordentlich zufrieden. Er besah den Enkel und fand natürlich, daß er ein ungewöhnlich schönes und kräftiges Kind sei, dann wandte er sich zu seiner Tochter:
»Na, Liesel, Du schaust aber gut aus! Scheint Dir nicht schlecht zu gehen bei Deinem Mann!«
»Mir geht's ja auch ausgezeichnet, hauptsächlich jetzt, wo ich Dich wieder habe!« entgegnete Elisabeth strahlenden Gesichts. Sie ergriff die Hand ihres Vaters, drückte sie an ihr Gesicht und küßte sie. Eine Mutter hätte vielleicht aus ihrer übergroßen Freude, aus der ganzen Art, wie die junge Frau sich gab und betrug, gemerkt, daß irgend etwas nicht ganz stimmte, hätte vielleicht gesehen, daß in diesem Antlitz trotz seiner rosigen Fülle ein paar Linien auf der Stirne standen, die nicht vom Glück gezogen waren, daß um den Mund ein kleiner, fremder Zug lag, der vor einem Jahr nach nicht da gewesen war. Der Oberst aber war ein Mann und sah nur, daß die Tochter stärker geworden war, daß sie in diesem Augenblick vor Freude leuchtete, und es fiel ihm mit keinem Gedanken ein, daß eine Frau, die gar so stürmisch nach dem Vater verlangt, wohl in dem Mann nicht alles gefunden hat, was sie in ihm zu finden hoffte. Während seines ganzen Aufenthalts, der sich über mehrere Wochen erstreckte, blieb er arglos, ohne Frage, freute sich über die Tochter und das Enkelkind, über Venedig und all seine Schönheiten, denen er jetzt ja beinahe verschwägert war.
»Weißt Du, Liesel, das ist so schön, daß man in Venedig quasi auch zu Hause ist. Wenn ich jetzt herfahre, habe ich immer das Gefühl, als fahre ich auch ein bissel heim! In meinem Leben hätt' ich mir's nicht träumen lassen, daß ich doch noch einmal in Italien verwurzeln soll. Spät ist's ja gekommen, für mich eigentlich zu spät, aber schön ist's doch!«
Elisabeth sah ihn mit großen Augen an.
»Hast Du wirklich das Gefühl, daß Du hier zu Hause bist?«
»Aber natürlich! Wo mein Kind zu Hause ist, bin ich auch zu Hause. Oder geht's Dir nicht etwa ebenso?«
Elisabeth nickte und erwiderte nichts. Wozu den Vater beunruhigen, wozu Fragen, Antworten und Erklärungen heraufbeschwören, für die sie weder Erklärung noch Gegenrede gefunden, denen sie nichts entgegenzusetzen hätte als das dumpfe Gefühl, daß ihr Herz sich hier nimmer eingewöhnen konnte. -- Eins nur hatte den Oberst peinlich berührt, die Hausgenossenschaft der Damen Priuli, gegen die er doch schon früher energisch protestiert hatte. Nicht als ob sie ihn durch Indiskretion oder aufdringliches Vorhandensein gestört hätten, nein, solange er da war, bekam er sie kaum zu Gesicht, aber er wunderte sich doch ein wenig, daß Elisabeth nicht über sie klagte, sondern sie als selbstverständlich hinnahm.
»Weißt Du, Liesel, allerhand Hochachtung vor Dir! Aber den Schwiegerdrachen beständig im Hause zu haben, wäre nicht mein Geschmack gewesen! Wäre auch nicht nach dem Geschmack der meisten Frauen!«
Elisabeth lächelte.
»O, die Mama ist gar kein Drache ...«
»Und wenn auch nicht, ich weiß nicht, junge Eheleute sollten doch allein sein! Ewig und immerfort mit dritten am Tisch zu sitzen! Ihr habt doch kaum Zeit, Euch über alle möglichen Dinge miteinander auszusprechen ...«
»Wir haben so viel Zeit, Papa, so viel Zeit, wie Du Dir gar nicht denken kannst! Und es gibt auch gar nicht so viel Dinge, über die man sich aussprechen muß!«
»So? Ich meine aber doch --«
Der Oberst brach ab. Nicht etwa, weil ihm das Thema heikel vorkam oder weil er in der Stimme seiner Tochter leise Bitterkeit spürte, sondern bloß weil er auf seine eigene Ehe hatte Bezug nahmen wollen und weil ihm dann einfiel, daß jede Aehnlichkeit zwischen seiner Ehe und der seiner Tochter fehlte. Er meinte also gutmütig: