Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig

Part 7

Chapter 73,654 wordsPublic domain

»Die Brut! Er denkt an nichts als an seine Brut!«

Ganz plötzlich war ihr dies Wort mit seinem animalischen Dunst in den Sinn gekommen, und sie hätte es ihm ins Gesicht gesagt, wenn sie gewußt hätte, wie es auf italienisch hieß. So fragte sie nur hart und trocken:

»Wir werden also in Venedig nie mehr allein sein?«

Ettore lachte. Nein, wie diese törichte Frau doch übertreiben konnte! Nie mehr, -- wie das klang! Als ob der Tag nicht vierundzwanzig Stunden hätte, und als ob es darauf ankäme, ob an zweien davon die ~mamma~ und die Schwester bei ihnen säßen und sich mitfreuten über die schönen Sachen, die der neuengagierte Koch herstellen würde! Und alles war ja auch nur eine Frage der Zeit, der ganz kurzen Zeit bis zu Eleonorens Hochzeit ... Elisabeth entgegnete nichts. Das war wieder eine jener scheinbar gleichgültigen Fragen, über die sie sich nicht einigen konnten. Er, der immer nur die Wirklichkeit der Dinge sah, begriff nie, daß Elisabeth noch etwas hinter ihnen suchte, daß für sie vieles Bedeutung hatte, was für ihn nur ein gleichgültiger oder alltäglicher Vorgang war. Da sie immer noch stumm blieb, meinte er sie mit dem letzten Argument zu überzeugen:

»Siehst Du, es kommt ja so auch viel billiger, als wenn wir der ~mamma~ einen eigenen Haushalt einrichten!«

»Wir ... der ~mamma~ einrichten ...?«

Elisabeth glaubte nicht recht gehört zu haben. Mehr als einmal hatte Ettore ja von den festen, wenn auch bescheidenen Renten seiner Mutter gesprochen; wie kam er also jetzt dazu, an Elisabeth und ihren Wünschen einsparen zu wollen, um es der alten Gräfin zu geben?! Es dämmerte ihr schon, daß sie jetzt Unerwartetes und Peinliches hören würde, und Ettore, der nun alle Unannehmlichkeiten auf einmal abmachen wollte, zögerte auch nicht, sie über die wahren Verhältnisse der Familie Priuli aufzuklären. Er tat es ohne Scham und ohne Schmerz, nur mit einer gewissen Empörung über eine Weltordnung, die nicht besser für die Priuli sorgte. Elisabeth hörte ihn an, ohne sich zu regen. Ihr Gesicht, das er sonst nur gütig und verklärt gekannt hatte, war jetzt ernst, fast bitter, und um ihren Mund lag ein Zug von Verächtlichkeit, um dessentwillen die Brüder Elisabeth stets für herrschsüchtig gehalten hatten. Ettore mit seiner primitiven Frauenpsychologie dachte, daß sie jetzt wohl eine heftige, laute Szene machen würde, und war erstaunt, als sie, nachdem er zu Ende war, schweigend aufstand und das Zimmer verließ. Wo sie hingegangen war, wußte er nicht, und er fragte ihr auch nicht nach, sondern rüstete sich zu einem kleinen Schlendergang am Strand entlang. Von dieser letzten Stunde war ihm sehr heiß geworden, und es tat gut, so mit erleichtertem Herzen in der Kühle spazierenzugehen.

Als er nach Hause kam, fand er seine Frau bereits zum Diner umgekleidet. Sie hatte den Nachmittag, den ersten, den sie verschmollten, im Park des Hotels zugebracht und war dort ruhiger geworden. Sie gab sich Mühe, die Verstimmung, die zwischen ihnen lag, zu heben, und Ettore, der jetzt überhaupt ein federleichtes Gefühl hatte, kam ihr mit so viel Zärtlichkeit entgegen, daß sie gänzlich ausgesöhnt und heiter zur Abendmahlzeit in den Speisesaal hinuntergingen. Vorsichtig kamen sie beide noch einmal auf den verhängnisvollen Brief zurück, und jeder versuchte dem andern klarzumachen, daß dieser gemeinsame Haushalt eigentlich eine sehr nützliche und angenehme Einrichtung sei. Elisabeth sagte:

»Es wäre wirklich überflüssig, für ein paar Monate alles auf den Kopf zu stellen! Und ich freue mich ja so, wenn Eleonore nun wirklich heiratet!«

Und Ettore:

»Natürlich, dem armen Mädchen ist's zu gönnen! Und für Dich, ~carina~, ist es sehr gut, wenn meine Mutter vorläufig noch ganz bei uns bleibt! Gerade jetzt, wo Du doch bald den Rat und die Pflege einer Frau um Dich haben mußt!«

So gaben sie sich freundliche Worte und meinten es wohl auch gut, aber Elisabeth tat in dieser Nacht doch kaum ein Auge zu. Während sie im Dunkel wachend dalag, nagte an ihr etwas wie ein kleiner Wurm, und sie war ärgerlich auf sich selbst, daß sie ein Unrecht, das ihr geschah, durchaus Recht nennen wollte.

7.

An dem Tag, da das junge Paar heimkehrte, glich Venedig wieder einem leuchtenden Mirakel, das ein durchsichtiges Ungeheuer aus orientalischer Sage auf dem Rücken trägt. Elisabeth war von dieser Stadt und vom eigenen Glück wieder erfüllt wie damals, als sie ihr zum erstenmal ins Antlitz sah, und alle Verstimmung war vergessen. Es gab ja jetzt auch in ihrem eigenen Hause so vielerlei für sie zu sehen und zu tun, daß sie, selbst wenn sie gewollt, keine Zeit gefunden hätte, über sich nachzudenken. Zunächst mußte sie alles beschauen und auch bewundern, was sich in dem alten Palazzo verändert hatte, so sehr verändert, daß man seine Gemächer kaum wiedererkannte. Alles war nach Ettores Angaben stilvoll ergänzt oder auch neu beschafft worden, und sie mußte sich gestehen, daß es ihrem Mann nicht an Geschmack gebrach. Man hatte aus halb vergessenen Speichern und verlassenen Zimmern allerlei alte Möbel, Bilder, Spiegel und Zierate herbeigeschafft, hatte ausgebessert, was sich kunstvoll ausbessern ließ, hatte frische Seidentapeten gespannt, alte Stukkaturen gereinigt, so daß der Palazzo nun aussah, als hebe seine neue, große Zeit eben an. Neben der Pietät für den Stil und der Vorliebe für einen gewissen Prunk war aber auch der Komfort nicht zu kurz gekommen, den Elisabeth von ihrer deutschen Heimat gewöhnt war. Der Palazzo, in dem man sich bis zur Stunde an Marmorkaminen oder mit Kohlenbecken erwärmt hatte, besaß jetzt eine Warmwasserheizung, elektrisches Licht und gerade in den Wirtschaftsräumen alle Raffinements, die ein vornehmer, von anspruchsvollen Dienstboten geleiteter Betrieb verlangt. Nur eins vermißte Elisabeth: ein Zimmer, das ohne Pracht, nur mit tiefer Behaglichkeit ausgestattet war und ihr, ihren Büchern, ihren Skizzen und ihren Träumen gehören sollte. Es war wohl neben dem großen Empfangssalon ein sogenanntes Boudoir mit Louis-XV.-Möbeln und rosenfarbenem Damastbezug vorhanden, ein Raum, geschaffen für eine elegante Dame und ihre kleinen, mondänen Phantasien, nicht aber für eine Frau, die's gewöhnt war, sich aus dem Alltag heraus eine besondere Welt zu schaffen. Da Elisabeth merkte, daß Ettore gerade auf die Ausstattung dieses Raumes sehr stolz war, tadelte sie nichts daran, schien vielmehr entzückt von seiner duftigen Grazie und dachte bei sich, daß es ihr schon gelingen würde, sich den traulichen Winkel zu gestalten, den sie sich wünschte.

Bei aller Bewunderung für den Geschmack ihres Mannes und die Schönheit des neuen Heims ließ aber ein ängstlicher Gedanke sie nicht los, die vielleicht kleinbürgerliche Frage, was all diese Herrlichkeit wohl kosten mochte. Sie war ja zu sehr an enge Sparsamkeit gewöhnt, als daß sie sich von heut auf morgen an große Verhältnisse und Ziffern hätte gewöhnen können, und vorsichtig fragte sie Ettore immer wieder nach den Rechnungen. Er lachte sie aus.

»Die werden wir später schon sehen, verlaß Dich darauf! Und erschrick nicht, wenn die Lieferanten phantastische Summen aufgerechnet haben! Davon handeln wir natürlich mindestens die Hälfte, wenn nicht drei Viertel ab!«

Elisabeth machte große Augen. Sie wußte wohl, daß man in den kleinen Ramschbasaren und Läden der Merceria die Preise nach Belieben herunterdrücken konnte, aber bei großen Geschäftsleuten, die so wertvolle Arbeit lieferten wie im Palazzo Priuli, kam ihr das unwahrscheinlich vor.

»Es muß doch ein Voranschlag gemacht worden sein?«

»Voranschlag hin, Voranschlag her, -- darum kümmert sich hier kein Mensch! Das mußt Du nicht mit deutschen Verhältnissen messen! Die Leute verlangen hundert Prozent mehr als sie verdienen und sind zufrieden, wenn man ihnen nur fünfundsiebzig davon abstreicht. Zerbrich Dir darüber den Kopf nicht und überlasse das mir! ~L'Italia farà da sè!~«

Sie zerbrach sich auch wirklich nicht den Kopf darüber, zudem es für sie im Haushalt viel Ungewohntes und allerlei Schwierigkeiten gab. Sie mußte sich mit der neuen Dienerschaft einleben, deren Dialekt sie schlecht verstand und deren große Zahl sie erschreckte. Ettore hatte auch in dieser Hinsicht aus dem vollen gewirtschaftet, und Elisabeth konnte ihn nur mit Mühe davon abhalten, noch einen kleinen Neger zu engagieren, der sich eben in diesen Tagen als Boy anbot. Sie war nun wirklich ganz froh, daß sie vorläufig mit den Damen Priuli im gemeinsamen Haushalt lebte, denn die alte Gräfin verstand sich doch auf die Sprache, die Gewohnheiten und die Ansprüche der Dienerschaft und konnte der jungen Frau da in vieler Hinsicht nützlich sein. Dabei brauchte Elisabeth noch nicht einmal zu fürchten, daß die Gräfin, die Unerfahrenheit der Schwiegertochter mißbrauchend, darauf bedacht sein würde, das Regiment im Hause an sich zu reißen. Die alte Gräfin war weder herrschsüchtig noch bösartig und besaß keine der deutschen Schwiegermuttertücken, die ihr der Oberst zugetraut hatte. Sie war geistig indolent, dazu müde vom Leben und von dem freilich nur passiven Widerstand, den sie dem immer weiterschreitenden Verfall ihres Hauses entgegengesetzt hatte. Vom Klagen und von den Jahren war ihre Stimme allmählich so jammernd geworden, daß in ihrem Munde selbst Heiteres sich betrüblich anhörte und Elisabeth das Herz schwer wurde, wenn diese Stimme zu sprechen begann.

Seit damals der Brief der Gräfin eingetroffen war, hatten sich Ettore und Elisabeth natürlich auch lebhaft mit der Frage beschäftigt, wie es wohl um die Heirat Eleonorens stünde, von der die ~mamma~ damals schrieb. Weder die Gräfin noch Eleonore waren bis jetzt mit einem Wort über diese Angelegenheit herausgekommen, und Elisabeth, der doch seit dem Brief ein kleines, ein ganz kleines Mißtrauen geblieben war, dachte schon, daß die ganze Geschichte wohl nur eine Finte gewesen sei, um ihr unversehens den gemeinsamen Haushalt aufzudrängen. Als die ersten Tage in Venedig mit all ihrer Unruhe und ermüdenden Geschäftigkeit vorüber waren, fragte sie Ettore einmal, ob seine Mutter oder seine Schwester denn auch zu ihm gar nichts äußerten. Er zuckte die Achseln.

»Nein, kein Wort! Ich glaube überhaupt, daß die ganze Geschichte nur eine Einbildung oder ähnliches war! Eleonore hat immer von Zeit zu Zeit die Idee, daß ein Freier für sie da ist! ~Poverina~, sie möchte doch so gerne heiraten!«

Nun wurde Elisabeth neugierig, ob Ettores Worte und ihr eigenes Gefühl recht behielten, und sie versuchte, Eleonore vorsichtig auszuhören. Das Mädchen aber blieb verschlossen, schien Elisabeth nicht zu verstehen oder gab lachend ausweichende Antworten, so daß die junge Frau dachte, es müsse doch seine Richtigkeit, wenn auch ein besonderes Bewenden mit dem Freier haben.

Jeden Nachmittag zwischen drei bis vier Uhr besuchte Elisabeth die alte Gräfin in deren eigenen Gemächern, die ebenfalls renoviert und geschmackvoll eingerichtet worden waren, nur daß hier, auf den Wunsch der Gräfin, die Zentralheizung fehlte. Die alte Dame wollte sich an solche Neuheiten nicht mehr gewöhnen, ihr genügte das Kohlenbecken, an dem sie sich die Hände wärmte, und an sehr kalten Tagen der Marmorkamin. Aber ehe sie sich entschloß, ihn zu heizen, wickelte sie sich lieber in alle möglichen Tücher, Mäntel und Pelze, und Elisabeth mußte anfangs immer lachen, wenn sie ins Zimmer trat und die beiden Damen unförmlich vermummt, wie Pelzmäntel Patiencen legen oder lesen sah. Fröstelnd oder ebenfalls in einen Pelz gehüllt, verplauderten sie dann eine halbe Stunde, und Elisabeth freute sich immer wieder, in die gleichmäßige Wärme des oberen Stockwerks zurückzukehren. Eines Tages aber, da Eleonore zu einer weitläufigen Verwandten gegangen war, richtete sich Elisabeth bei ihrer Schwiegermutter zu einem längeren Gespräch ein und fragte, wie es denn mit Eleonorens Heirat stehe. Die alte Gräfin wiegte verneinend den Kopf. Nein, nein, damit war nicht mehr zu rechnen. Es war nur ein Hoffnungsschimmer gewesen, eine trügerische Lockung, wie die Gräfin sie mit den Töchtern so oft erlebt hatte. Eleonore hatte einen jungen, erst kürzlich nach Venedig versetzten Offizier kennen gelernt, der auf großem Fuße lebte, sehr wohlhabend zu sein schien und sich in Eleonore verliebt hatte. Auch Eleonore war gleich Feuer und Flamme für ihn, aber als es ans Freien ging, stellte sich heraus, daß er nichts hatte als Schulden und nicht daran denken konnte, ein armes Mädchen zu heiraten.

Wie die Gräfin diese ganz alltägliche und doch so traurige Geschichte zweier junger Menschen mit ihrer jammernden Stimme erzählte, traten Elisabeth Tränen in die Augen. Sie ergriff die Hand ihrer Schwiegermutter, streichelte sie und meinte, daß solch ein Freier leicht zu verschmerzen sei und Eleonore gewiß zu etwas Besserem aufgespart sei. Die Gräfin sah über die junge Frau weg und schüttelte wieder den Kopf.

»~No, no!~ Für uns gibt es nichts mehr! Die Priuli haben kein Glück mehr, sie mögen anfangen, was sie wollen!«

»Sag' solche Sachen nicht, Mutter! Das Glück kommt doch immer wieder, wenn man es nur erwarten kann! Siehst Du, auch zu mir ist es ja noch gekommen, und ich war genau so verzweifelt, wie Eleonore jetzt wohl ist!«

Aber die Gräfin ließ sich nicht zureden.

»Du hast gut reden, erwarten! Meinst Du, meine anderen Töchter haben nicht auch gewartet, Tag um Tag und Jahr auf Jahr? ~Misericordia~, was haben die armen Dinger geweint und zum Himmel gebetet, daß er ihnen einen Mann schicken soll! Sie haben's nicht erwarten können und haben ins Kloster müssen. Nein, nein, die Priuli haben kein Glück mehr!«

Eigensinnig beharrte sie mit ihrer jammernden Stimme bei dem Vernichtungsspruch, den sie ihrem eigenen Blut sprach, und Elisabeth war so bewegt, daß sie überhörte, wie wenig schmeichelhaft er für sie selbst war. Sie sah, daß hier mit Worten nichts getan war, sagte darum nur noch:

»Liebe Mutter, Eleonore wird und soll ganz gewiß heiraten, und zwar glücklich heiraten. Und wenn es nur am Geld hängt, dann laß das meine und Ettores Sorge sein. Wir können natürlich Eleonore nicht so ausstatten, daß sie eine glänzende Partie wird, aber eine Offizierskaution bringen wir schon auf. Und wenn's sein muß, schränken wir uns lieber ein wenig ein -- mir ist ohnehin alles zu großartig angelegt --, aber Deine letzte Tochter soll das Los haben, das ihr gehört, soll einen Mann nehmen, den sie liebt, nur freilich nicht einen Schuldenmacher oder Abenteurer!«

Sie wartete, daß die Miene der Gräfin sich ein wenig aufhellen, daß sie zuversichtlicher werden und wieder an eine Glücksmöglichkeit glauben sollte, aber das Gesicht der alten Dame blieb sorgenvoll wie es war, und sie dankte Elisabeth nur so nebenhin, als ob doch alles ganz zwecklos und unfähig sei, dem geschlagenen Hause der Priuli wieder Glanz und Glück zu verleihen.

Elisabeth ließ einige Tage verstreichen, dann trat sie einmal, ehe sie zu dem Nachmittagsbesuch bei der Schwiegermutter ging, zu Eleonorens Zimmer hin. Wie sie die Türe öffnen wollte, ließ sie die Hand plötzlich untätig auf der Klinke ruhen, lauschte und zögerte einzutreten. Denn aus dem Zimmer ertönte halblauter Gesang, die Stimme Eleonorens, die irgendein kleines Volkslied vor sich hin sang. Weder der Text noch die Melodie waren irgendwie bedeutsam, aber in dieser Mädchenstimme klang so viel Süße, verhaltener Schmerz und verhaltene Lust, daß Elisabeth ganz vergaß, warum sie eigentlich gekommen war, und immer noch vor der Türe stehen blieb, bis der Gesang drinnen verstummte.

Eleonore sprang auf, als sie die Schwägerin sah, schob ihr einen bequemen Stuhl herbei, stopfte ihr Kissen in den Rücken und unter die Füße, tat völlig unbefangen und war auch heute nicht bereit, ihr Herz zu erschließen. Elisabeth erzählte ihr von dem Gespräch, das sie mit der Gräfin gehabt hatte, wiederholte ihr Anerbieten und bat Eleonore, die Geschichte mit dem Offizier genau zu überlegen und sie dann mit ihr und Ettore zu besprechen. Eleonore aber schüttelte lächelnd den Kopf.

»O, Liebe, das ist alles ganz anders als Du denkst. Wir können nicht heiraten, nein, wir können nicht. Er ist ein eleganter, verwöhnter und luxusbedürftiger Mensch und wäre steinunglücklich, wenn er sich in arme Verhältnisse schicken sollte. Und wenn +er+ unglücklich wäre, dann wär' +ich's+ doch auch, nicht wahr? Wir wissen auch schon, daß wir nie heiraten können, und man findet sich ab ... Ich habe mich sogar schon ganz leidlich abgefunden und bin eigentlich ärgerlich auf die Mama, daß sie der Geschichte immer noch nachhängt und Dir den Kopf davon vollredet!«

Elisabeth drang nicht weiter in Eleonore. Sie merkte wohl, daß das Mädchen mit seinem Herzenserlebnis keineswegs so fertig war, wie es behauptete. Sie merkte es an Eleonorens Wesen und mehr noch aus den abgerissenen Klängen, die sie jetzt fast immer vernahm, so oft sie die Wohnung der Gräfin betrat. Es war, als ob das Mädchen in der Brust eine Nachtigall trüge, die süß und berückend sang, was Eleonorens Mund verschwieg.

Bei einem andern Nachmittagsbesuch fragte darum Elisabeth die alte Gräfin, ob sie nie daran gedacht habe, Eleonorens Stimme ausbilden zu lassen. Die Gräfin schien sehr erstaunt. Ausbilden? Nein, daran hatten sie nie gedacht, wozu auch? Das hätte doch nur Geld gekostet und hätte zu nichts genützt. Wenn Eleonore nicht mit ihrer Schönheit ihr Glück machte, so kam es auf ihre Stimme erst recht nicht an. Kein Mann würde danach fragen, ob sie musikalisch sei oder nicht ...

»So meine ich es auch nicht, aber die Stimme Eleonorens ist so schön, und sie selbst ist eine so prachtvolle Erscheinung, daß sie, nach meiner Ansicht, bei der Bühne sicher ihren Weg machen würde.«

Die Gräfin schlug die Hände zusammen, sah die Schwiegertochter entgeistert an.

»~Misericordia~, was für eine abscheuliche Idee! Eine Priuli Komödiantin!«

Es war so absurd, so ungeheuerlich, daß die Gräfin sich in gar keine Auseinandersetzung über den Vorschlag einlassen wollte. Vergeblich versuchte Elisabeth ihr klarzumachen, daß in Deutschland junge Leute aus den besten Familien zur Bühne drängten, daß eine schöne Stimme unter Umständen ein Millionenkapital sei, das man nicht brachliegen lassen dürfe, und daß mit einem Schlag Eleonorens Los sich wenden könne, sobald sie ein großes Engagement habe.

»Wenn sie sich jetzt ernsthaft ans Studium macht, käme sie auch leichter über die dumme Liebesgeschichte mit dem Leutnant weg! Man könnte sie fortgeben von hier nach Mailand oder Paris, und in einem halben Jahr dächte sie nicht mehr an ihren kleinen Abenteurer!«

Die Gräfin aber hörte kaum auf das, was die Schwiegertochter sprach. Mochten sie in Deutschland denken und tun was sie wollten, -- eine Priuli konnte nicht zur Bühne gehen, konnte überhaupt nicht in der Oeffentlichkeit für Geld arbeiten! Elisabeth sah, daß mit der alten Dame nichts zu machen war, und beschloß, gelegentlich mit Eleonore zu sprechen. Das Mädchen hörte ihr mit ungläubigem Lächeln zu, als ob sie irgendeine Fabelgeschichte erzählte, entgegnete nicht so entsetzt wie die Mutter, aber mit leisem Hochmut in der Stimme ungefähr genau dasselbe: »Eine Priuli geht nicht zur Bühne!«

»Nun, dann wenigstens für den Konzertsaal! Denk' Dir doch, was für Chancen sich Dir erschließen! Du hast eine Stimme, hast den Nimbus Deiner Schönheit und Deines Namens, -- sei überzeugt, die Freier werden sich um Dich drängen. Es ist doch etwas ganz anderes, wenn Du endlich einmal draußen stehst in der Welt und in großen Städten, als immerfort hier sitzest, in demselben Kreis, in dem jeder jeden kennt.«

Eleonore sagte nicht direkt nein, machte aber alle möglichen Ausflüchte. Die Stimme sei gar nicht so schön, wie Elisabeth meine. Sie sei auch sehr von Zufälligkeiten abhängig, könne oft wochenlang keinen Ton aus der Kehle bringen. Eigentlich könne sie überhaupt nur singen, wenn's ihr gerade einfiel, und das Lernen, planmäßiges, strenges Lernen sei ihr von jeher schwer gefallen. Und die ~mamma~, die arme ~mamma~ könne sie doch auch nicht allein lassen ...

Elisabeth hörte ihr zu und begriff sie nicht. Wieder dachte sie an ihre eigene Mädchenzeit, an ihre einsamen, verschwiegenen Herzenskämpfe und an das harte Ringen ihres kleinen Talentes um ein bißchen Verdienst und ein bißchen Tagesinhalt. Wenn einer ihr und ihrem armen Bewerber damals eine Summe zur Verfügung gestellt hätte, wie sie neulich der Schwiegermutter für Eleonorens Heirat, -- sie wären sich vorgekommen wie rechte Glückskinder und hätten voll Hoffnung und Seligkeit auf die Offizierskaution ihr Leben aufgebaut. Und wenn einer ihr später, als der Jugendtraum begraben war, gesagt hätte, daß ihr Talent groß genug sei, um ihr Stellung und Glanz in der Welt zu geben, -- sie hätte gehungert oder gebettelt, um sich die Möglichkeiten zur Ausbildung zu verschaffen, und hätte im Bewußtsein ihres Besitzes und ihres künftigen Könnens mit keinem König getauscht. Wie anders war dies Mädchen! So eingeengt in Herkommen und Äußerlichkeiten, daß sie's begreiflich fand, wenn der Mann die Heirat verweigerte, weil er sich nicht genug Vorteile davon versprach, und ihn obendrein noch liebte. So trägen Geistes, so unfähig, aus sich selbst heraus den kühnen Sprung ins Ungewisse zu tun, daß sie lieber ein köstliches Leben verschwendete, ehe sie sich aufraffte, um dem Los zu entgehen, das die Schwestern hatten wählen müssen. Ob Elisabeth sich's auch nicht eingestehen wollte, so konnte sie sich doch nicht verhehlen, daß es dieselbe Trägheit war, kraft deren Ettore halbe Tage lang im heißen Sand liegen und mit so viel Genuß das müßige Leben des Reisebummels führen konnte. Vielleicht war diese Trägheit nur ein Familienfehler, eine Schwäche der alten Rasse, die keines Aufstiegs mehr fähig war, vielleicht aber hatte sie überall ringsum Wurzel geschlagen in allen Palästen, in der ganzen Stadt, im ganzen Lande. -- Wie Elisabeth das dachte, fühlte sie, daß ihr das Herz schwer werde und sich gleich darauf wieder aufbäumte, daß sie nun am Ende für alle Zeit an die Trägen, Ueberjährten gebunden sein würde ...

Bis sich das junge Paar im Palazzo völlig eingerichtet und eingewöhnt hatte, war der Winter fast zu Ende. Elisabeth, die nichts mehr von den Vergnügungen der Saison hatte mitmachen können, freute sich auf das Frühjahr und drängte vom ersten warmen Tag an, daß Ettore mit ihr nach Udine fahren sollte, um von dort aus mit einer Wagenfahrt die Güter zu erreichen, die künftighin sein Arbeitsfeld bilden würden. Ettore hörte solche Vorschläge nicht gern, verschob die Reise von einer Woche zur andern und fand schließlich, als Elisabeths Eigensinn doch immer wieder auf die Güter zurückkam, daß es sehr unzweckmäßig sei, wenn sie jetzt, in ihrem schonungsbedürftigen Zustand, sich zuerst einer Eisenbahn- und dann noch einer längeren Wagenfahrt aussetzen würde. Elisabeth aber lachte vergnügt.

»Ettore, ich bitte Dich, ich bin doch keine Prinzessin! Denk' einmal, wie viele Frauen in der gleichen Lage genau so arbeiten müssen wie sonst, und sie bringen doch gesunde Kinder zur Welt! Ich würde mich schämen, wenn ich da nicht einmal mehr eine kleine Reise ertragen könnte!«

Ettore schnitt ein Gesicht. Er sah, daß er nachgeben mußte, und er fand sich selbst jetzt töricht und unvorsichtig, daß er damals, vor der Hochzeit, mit den Gütern geflunkert hatte, nur um den deutschen Schwägern zu imponieren und ihren lästigen Fragen zu entgehen.