Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig

Part 3

Chapter 33,632 wordsPublic domain

»O sag' nicht ›gewöhnt‹! Gewöhnen kann man sich an alles mögliche, aber an Venedig nie, nie ... Mir kommt's schon immer so töricht vor, daß man hier essen und schlafen muß, wie sonst auch, statt zu schauen, immerfort zu schauen. Ich hab's wie ein Fieber in mir, daß ich meine, ich müßte jeden Tag auspressen und genießen, als ob er mein letzter wäre!«

»Ich genieße jeden Venezianer Tag lieber so, als ob er mein erster wäre, als ob ihm noch eine endlose Reihe von seinesgleichen folgen müßte.«

Elisabeth dachte eine Sekunde nach.

»Ja, das ist wohl auch klüger, und ich möcht' es auch, aber ich kann nicht. Es ist wie eine Angst in mir, daß mir etwas von all dieser Schönheit entrinnen und daß ich's dann nie mehr einholen könnte.«

Der Oberst nickte.

»Das ist die Jugend mit ihrer schönen Zügellosigkeit! Mädel, Du weißt gar nicht, wie gut Du's hast, daß Du in Deinen jungen Jahren Italien auf- und abkutschieren darfst. Ich hab's nicht so gut gehabt!«

»Du warst aber doch schon als junger Mensch einmal hier!«

Die Augen des Obersten leuchteten auf.

»Ja, freilich, als ganz junger Dachs mit ein paar mühselig ersparten Kröten. Für acht Tage in einem italienischen Beisel hat's gereicht! Aber was waren das für acht Tage! Herrgott, was für Tage! Damals war man eben jung und genau so verrückt wie Du heut, obgleich ich für mein Mittagessen nicht so viel zahlen konnte, wie wir heute hier für eine Flasche Selterwasser.

Aber Venedig bleibt immer Venedig, und wie man's erreicht, ist schon ganz gleichgültig, wenn man's nur erreicht!

Aber sag', Liesel, willst Du nun immerfort am Fenster stehenbleiben und das schöne Frühstück kalt werden lassen?«

»Ich habe gar keinen Hunger!«

»Ach was, keinen Hunger! Der Mensch muß ordentlich frühstücken, immer und in allen Lebenslagen, hauptsächlich auf Reisen! Also mach' keinen Unsinn, komm her und trinke Deinen Tee!«

Elisabeth trat lächelnd vom Fenster zurück und setzte sich ihrem Vater gegenüber an den Frühstückstisch, auf dem alles stand, was ein erstes Hotel zum ~Déjeûner complet~ serviert. Sie trug kein Morgenkleid, sondern war schon wieder wie gestern zum Ausgehen fertig, aber trotz der Ungeduld, die sich in dieser morgendlichen Bereitschaft verriet, und trotzdem sie behauptet hatte, daß sie gar keinen Hunger habe, aß sie jetzt doch mit dem Appetit ihrer Jugend, so daß der Vater lange vor ihr fertig war und sich in das Studium der deutschen Zeitung versenkte, die er gestern abend gekauft hatte. Elisabeth las indes im Bädeker nach, was man gestern gesehen hatte oder heute sehen konnte. Als der Oberst seine Zeitung zu Ende gelesen hatte, fragte er:

»Also, wie war doch das Programm für heute? Wenn ich mich recht erinnere, vormittags die Gemäldesammlung im Palazzo Priuli, dann San Zaccaria und San Giovanni e Paulo, und nachmittags nach Chioggia. Das alles aber natürlich nur, wenn es Dich nicht müde macht!«

Elisabeth schüttelte den Kopf. Nein, hier war sie nie müde. Befand sich immerfort in einer leisen, köstlichen Erregung. Es war ihr, als ob ihr Körper gar keine Schwerkraft mehr besäße, sondern gleich einem leuchtenden, durchsichtigen Vogel von Schönheit zu Schönheit flog, immer höher und höher in eine blaue, unnennbare Ferne hinein, in der es nichts mehr gab als Seligkeit.

Jeder junge, empfindsame Mensch, der zum erstenmal italienischen Boden betritt, kennt den romanischen Rausch, in dem der Germane und Nordländer seine Geistesschwere vergißt und mit Staunen sieht, wie schön eine Welt sein kann, in der es kein Regenwetter und keine abgrundtiefen Probleme gibt. Wenn Elisabeth diesen Rausch stärker empfand als die meisten anderen, so war's vielleicht, weil sie die Sehnsucht ihrer ganzen Familie im Blute trug, weil die Schöttlings, dies verarmte bayerische Adelsgeschlecht, ihrem Drang und ihrem Wesen nach Künstler waren, wenn sie gleich aus Standes- und Sparsamkeitsrücksichten immer wieder den Offiziersberuf wählten. Nur einer von ihnen, Peter von Schöttling, der ums Jahr 1830 herum lebte, hatte, weil er ein ungewöhnliches Talent war, seiner großen Leidenschaft folgen und Maler werden können. Er hatte mit König Ludwig I. die Italienreise gemacht, war ein Freund Rottmanners gewesen, und die alte Pinakothek in München bewahrt noch ein paar im Stil seiner Zeit gemalte treffliche Landschaften von ihm. Das war aber auch der einzige, der seine Sehnsucht hatte ausleben dürfen; bei den anderen reichte weder das Können noch das Geld, und sie wurden Soldaten, weil sie im Kadettenkorps einen halben Freiplatz bekamen, und weil ihre Väter immer gerade noch die dreißig Mark Zulage für ein Infanterieregiment aufbringen konnten.

Weil sie allesamt Künstlernaturen waren, heitere oder versonnene Idealisten, lag die ewige Geldmisere nicht gar zu schwer auf ihnen; sie träumten wohl davon, wie schön das sein müßte, wenn man so leben könnte, wie der Peter von Schöttling gelebt hatte, dilettierten wohl auch in ihren Mußestunden ein wenig mit Pinsel und Palette herum, aber dann gingen sie auch wieder als brave Soldaten zum Dienst und taten ihre Pflicht, wenn auch keiner von ihnen eine Leuchte der Strategie oder des Kriegshandwerks wurde.

Seltsam und tragikomisch war es, daß diese Menschen, die so gerne von den Notwendigkeiten des Lebens gar nichts gewußt hätten, durch die Verhältnisse gezwungen waren, diesen Erbschaftsprozeß zu führen, der in der Tat bis zu einem der bayerischen Kurfürsten zurückreichte und sich um Millionenliegenschaften drehte. In diesem Prozeß stritten zwei Linien Schöttling gemeinsam gegen eine dritte, die sich jene Liegenschaften kraft irgendeiner unklaren Ehe angemaßt hatte, stritten mit ihr über ein Jahrhundert hinweg mit einer Ausdauer, einer Zähigkeit und einer Empörung, als ob sie allesamt die zwei Ur-Schöttlinge wären, die den Erbschaftsprozeß zuerst angefangen hatten. Geschlechter kamen, liebten, haßten, hofften, alterten und starben, -- aber der Prozeß dauerte fort. Jede Hoffnung begann bei ihnen mit den Worten: »Wenn wir den Prozeß erst gewonnen haben ...«, und jede Entsagung senkte grimmig das Haupt: »Ja, wenn wir den Prozeß schon gewonnen hätten ...« Der Prozeß war schließlich wie ein unsichtbares, aber lebendiges Wesen geworden, das mit ihnen ihre Tage teilte, sie erfüllte, umzingelte, jeder Süße und jeder Bitternis seinen Namen lieh. Und doch dachten die wenigsten von ihnen, die da verbissen von Instanz zu Instanz stritten, an unerhörte materielle Genüsse, an Luxus und Verschwendung, die ihnen aus dem endlich erreichten Schatz kommen sollten. Sie stritten, weil ihnen der Prozeß vererbt war wie eine Charaktereigenschaft, und weil in ihnen allen die Sehnsucht Peter von Schöttlings trieb, die endlich einmal vom halben Freiplatz im Kadettenkorps und im Infanterieregiment befreit sein wollte, um das Leben in Schönheit und Kunst zu leben, von dem Geschlecht auf Geschlecht vergebens träumte. Auch der Oberst Schöttling hatte in seinen Knabenjahren gemeint, daß der Prozeß wohl gewonnen sein würde, bis er das Kadettenkorps verließ, und daß er dann für Jahre hinunterziehen dürfte nach Italien, um Maler zu werden, wie's der Vorfahre gewesen war. Aber auch ihm ging's nicht anders wie den andern, denn die Entscheidung des Prozesses verzögerte sich immer noch, nur die dreißig Mark Zulage blieben. Weil der Leutnant Schöttling aber von Hause aus ein gescheiter Mensch und obendrein halb und halb ein Sohn der neuen Zeit war, die vom Träumen und Sehnen nicht mehr gar so viel wissen mochte, kam er über den Durchschnitt hinaus, wurde Geschichtslehrer an der Kriegsakademie, erreichte es, daß er in den Stab kam, und schien bestimmt zu sein, eine große oder wenigstens sehr gute Karriere zu machen. Da kam aber bei ihm doch wieder die künstlerische Unbedachtsamkeit zutage, er verlobte sich mit einem blutarmen Mädchen, das geduldig mit ihm wartete, bis er als Hauptmann sie heiraten konnte. Rasch nacheinander kamen vier Kinder, unter ihnen drei Söhne, deren Existenz sich abermals auf den halben Freiplatz im Kadettenkorps und die dreißig Mark Zulage aufbaute. Dann begann die Frau zu kränkeln, Aerzte und Badereisen zu bedürfen, und alles, was sonst an die Hausfrau und Mutter kam, legte sich nun auf die Schultern der jungen Elisabeth. Eine wegen beiderseitiger Armut aussichtslose Neigung zu einem Leutnant im Regiment ihres Vaters warf die ersten tieferen Schatten über ihre Seele und ihr Gesicht, und die Jahre, die nachkamen, hielten mit feinen, mit ganz feinen Linien den Umriß der Schatten fest. Die Mutter starb, für den Vater war es Zeit, in Pension zu gehen, und er siedelte aus der teueren Pfalzgarnison, in der sie zuletzt gestanden hatten, nach München über, weil Elisabeth, die ein hübsches, wenn auch nicht aufsehenerregendes Talent besaß, Malerin werden wollte. Sie studierte fleißig in einer Malschule ganz moderner Richtung, bekam durch ihren guten Namen und mancherlei Beziehungen von früher her auch allerlei Aufträge für Kinderportraits oder Kopien, aber sie fühlte doch bald, daß ihre Begabung nicht ausreichte, um ihrem Leben einen Inhalt zu geben, wenngleich sie natürlich die Einnahmen, die ihr die Bilder brachten, nicht hätte missen mögen. Denn das billige München war unaufhaltsam teurer geworden, die drei Brüder reichten schon lange nicht mehr mit ihrem bescheidenen Wechsel, und der Oberst war froh, daß die Tochter wenigstens nicht von ihm forderte, sondern bescheiden und still das kleine Hauswesen führte und selber verdiente, was sie an Extraausgaben benötigte.

Endlich war dann der Prozeß gewonnen, der die Lage der Familie mit einem Schlage glänzend gestaltete, und als ersten Genuß des Besitzes gönnten sich der Oberst und Elisabeth die italienische Reise, die zunächst bis Neapel führen sollte. In Anbetracht des ungewöhnlichen Ereignisses hatte auch der jüngste Bruder, der in einer kleinen, fränkischen Garnison war, einen vierzehntägigen Urlaub erhalten, und das Kleeblatt reiste in hellem Jubel ab.

Ueber Mailand ging die Fahrt in kleine Nester und Städte, die durch große Offenbarungen der Kunst für alle Zeiten geweiht sind. Der Oberst und Elisabeth schwelgten in primitiven Fresken, in naiven Gobelins, in präraffaelitischen Märtyrern und Allegorien, der Leutnant aber stand ziemlich teilnahmslos umher und schien von allem, was er sah, ziemlich oder gründlich enttäuscht. Denn Otto von Schöttling war ein aus der Art geschlagener Schöttling und Bayer, dem wenig Kunstbegeisterung im Blute lag, der nicht als Aesthet, sondern als Beobachter reiste und obendrein noch das »Uns-kann-keiner-Gefühl« des jungen Neudeutschen mit sich trug und zur rechten Zeit laut werden ließ. Er sah überall Verlotterung, Faulheit, Schmutz und Unredlichkeit, wo Vater und Schwester malerische Wirkung und kindliche Harmlosigkeit erblickten, und erklärte bald, er hätte schon genug vom Bilderrummel, und der Geruch der Kanäle sei so entsetzlich, daß er ihn auf die Länge nicht aushalten könne. Erstaunt, ungläubig hörten der Oberst und Elisabeth, was er sagte, und begriffen ihn nicht, begriffen vor allem nicht, wieso sich gerade hier, in dieser märchenhaften Stadt eine so tiefe Verschiedenheit der Ansichten geltend machen konnte.

Dann bat wohl Elisabeth: »Geh', Papa, erzähl' ein wenig, wie alles war, wie Du zum erstenmal hier warst!«

Und der Oberst, der sich selbst gern der alten Zeiten erinnerte, fing an zu erzählen, wie schlecht damals, so ums Jahr 1875 herum, die Schiffe und wie lang die Fahrt gewesen, wie es in Venedig damals noch keine Wasserleitung und keine Vaporetti gegeben habe, sondern nur Ziehbrunnen und die schwarzen Gondeln, wie das alte Getto noch bestanden habe, starrend vor Schmutz, aber in den Tiefen seiner Trödlerläden seltene Altertümer bergend, wie die Straßen und Plätze kaum je gekehrt wurden und von Bettlern erfüllt waren, und wie er und der andere junge Dachs, mit dem er gereist war, an der Speisenkarte ihrer Trattoria gemächlich von den Preisen herunterhandeln konnten. Elisabeth hörte solche Geschichten vom früheren Venedig zu gern, der Leutnant aber meinte mit gönnerhaftem Lächeln:

»Donnerwetter, Papa, das muß eine schöne Wirtschaft gewesen sein und eine schöne Trattoria!«

Der Oberst entgegnete ruhig:

»Wir waren anspruchsloser als Ihr heutzutage! Ihr habt's besser und wollt's immer noch besser haben!«

Der Leutnant wurde rot und klein. So hatte er's ja nicht gemeint, er wollte den Vater ja nicht kränken und war doch weiß Gott für sich persönlich nicht anspruchsvoll. --

»Laß gut sein, ich weiß schon, wie Du es meinst! Elisabeth und ich, wir sind eben die Rasse von früher, und Ihr die neue. Wir beten noch an, was unsere Vorfahren angebetet haben, Ihr aber seid aus anderm Stoff und wollt selber Vorfahren sein!«

Sie verfolgten das Gespräch nicht weiter.

Der Oberst dachte dann wohl ein wenig darüber nach, wie seltsam verschieden von ihm doch seine Söhne waren, von denen es keinen zur Kunst hinzog, obgleich sie jetzt doch hätten tun und lassen können, wozu die Neigung sie trieb. Der eine wollte nur zur Kavallerie übertreten, der zweite ging mit dem Gedanken um, den bunten Rock auszuziehen, um Elektrotechnik zu studieren, und der Jüngste hier träumte nur von weiten Auslandreisen, von dem Posten eines Militärattachés bei Gesandtschaften in Japan, China oder Amerika.

»Meine nächste Reise aber geht nach England. Ich will den Platz aufsuchen, wo wir nach dem nächsten Krieg dem King den Frieden diktieren!« setzte er lachend, aber doch mit einem Unterton von Ernst hinzu.

»Ja, ja, der Vorfahre!« sagte der Oberst mit leiser Ironie.

Hinwiederum neckte der Leutnant Elisabeth gern, wenn sie bei Fahrten auf dem Canal Grande oder bei Spaziergängen durch die winkelige Stadt immer wieder in Bedauern ausbrach, daß so viele der alten Paläste von einstens zu Registraturen, Gasthöfen, Bilder- und Glaswarenniederlagen degradiert worden waren, vor allem, daß sich heute im Palaste der Catarina Cornaro das Leihhaus befindet. Er sagte dann wohl: »Ich wette, Liesel, die Dogen wären mit dieser Wandlung ganz zufrieden und die Republik Venedig auch. Das waren doch alles nur Krämer und Händler, und ein Leihhaus ist ein Geschäft wie ein anderes auch.«

»Aber findest Du's denn nicht jammervoll, daß diese großen Familien so heruntergekommen sind, daß sie ihre Paläste zu Bureaux oder Kaufläden hergeben müssen?«

»Du lieber Gott, was soll einem das Haus ohne Schnecke und der Palazzo ohne Geld! Ich finde es noch ganz vernünftig, daß sie sich nicht mit altem Krempel plagen, der für sie keinen Wert mehr hat.«

»Ich kann nicht so denken wie Du! So oft ich am Palazzo Manin vorbeikomme, muß ich immer daran denken, wie Papa uns erzählte, daß zu seiner Zeit der letzte Nachkomme der Manins auf dem Markusplatz Streichhölzer verkauft hat!«

Der Leutnant lachte.

»Wenn sie dem guten Papa da nur nicht einen Bären aufgebunden haben! Außerdem war der letzte Manin ein simpler Advokat und die Republik von 1848 etwas so Klägliches, daß sie ihrem Schöpfer danken durfte, als sie beim vereinigten Königreich Italien unterkriechen konnte!«

Es kam bei allen Ironien und Neckereien nie zum Streit, aber alle drei waren froh, als der Leutnant Venedig verließ. Beim Abschied sagte er noch:

»Also, Liesel, bis wir uns wiedersehen, wird Deine Verstiegenheit überhaupt den Pegel erreicht haben, und ich freu' mich schon, Dich allmählich auf mein ordinäres Niveau herunterzubringen, denn so schätzt Ihr beide mich jetzt doch ein, das weiß ich schon!«

Elisabeth lachte und wehrte ab, aber sie freute sich, daß nun niemand mehr sie in ihrer Schwärmerei und ihren Phantasien störte. Immer tiefer versanken die beiden in den romanischen Rausch, schoben die Abreise nach Florenz immer weiter hinaus, weil Venedig sie so fest gefangen hielt. Alles erschien ihnen hier köstlich und zauberhaft, obwohl es ihr Empfinden verletzte, wenn sie immer wieder merkten, daß das alte Venedig der Neuzeit Konzessionen machte, versuchte, sich ihr anzupassen und sie zu sich hereinzulocken. Sie empfanden das als stillos und kleinlich, hätten lieber gehabt, daß es nach königlicher Macht stolz in königlichem Verfall beharrt hätte. Sie merkten gar nicht, wie sie mit diesen Gedanken die Stadt vom Leben abtrennen, ihr die Blutadern abbinden wollten, daß sie nichts sein sollte als eine bleiche, tragische Erscheinung, über der gleich einem Märtyrerschein der Glanz ihrer großen Vergangenheit schwebte.

4.

Grau und erinnerungsreich stieg der Palazzo Priuli aus dem stillen, wie tot daliegenden Seitenkanal des Canal Grande auf. Er blendete nicht durch großartige Raumverhältnisse oder durch überreiche Verzierungen, wie die Spätrenaissance berühmter Paläste sie liebte, denn er war älter als die meisten von ihnen, da die Priulis ja noch zu den Familien gehörten, deren erste Dogen nicht im Dogenpalast auf der Piazza, sondern in dem inzwischen verschwundenen am Rialto geherrscht hatten. Er war nicht viel größer als ein mäßiges Privathaus, bestand nur aus Erdgeschoß und erstem Stockwerk, in dessen Mitte die vielgerühmten Spitzbogen aus dem zwölften Jahrhundert die Fassade unterbrachen. Das ursprünglich weiße Steingemäuer war von den Jahrhunderten mit sanftem Grau beschlagen worden, aber sonst schienen sie machtlos an ihm vorübergegangen zu sein. Nur die Marmorstufen, die von der großen, erzenen Eingangstür herunter in den Kanal führten, waren vom ewigen Anschlag der Wellen poliert, da und dort zernagt, und die untersten hatten von Moos und Tang einen grünlichen Schimmer bekommen. Die Gondelpfeiler aber leuchteten frisch angestrichen in Weiß-Blau, den Farben der Priuli, die Dogenmützen, die sie bekrönten, glitzerten neuvergoldet, und wenn auch eine kleine Metallplatte mit verwitterter Inschrift zwischen dem Erdgeschoß und dem ersten Stockwerk verlöscht und zerstört dahing, so war doch der ganze Eindruck des Palastes ein so vornehmer, daß die Schöttlings meinten, er gehöre zu den besterhaltenen, die sie noch gesehen hatten.

Der Gondoliere begann, sobald er um die Ecke vom Canal Grande abgebogen war, mit den üblichen Erklärungen. Er nannte den vermutlichen Baumeister, einen langverschollenen Namen, pries die Spitzbogen, als ob er wirklich etwas von ihrer Schönheit verstünde, wies mit der Hand nach der zerstörten Metalltafel und erläuterte, daß die unleserlich gewordene Inschrift besagte: »Hier wurde Enrico Priuli, der Sieger von Kreta, geboren und lebte sein höchst tugendreiches Leben, bis ihn der Tod zur Trauer aller Edlen und zum Schmerz der Republik von hinnen rief, ~anno Domini~ 1467.« Die Schöttlings fragten, ob die Familie Priuli wohl ausgestorben und der Name nur noch dem Palast erhalten geblieben sei. Der Gondoliere verneinte, wußte in den Personalverhältnissen der Priuli genau Bescheid, rühmte, daß sie immer noch zu den vornehmsten Familien Venedigs gehörten, und fragte, ob er die Herrschaften nicht vielleicht zu dem zweiten Palazzo Priuli fahren sollte, der nur wenige Ruderschläge weiter in demselben kleinen Kanal sich erhob.

»Palazzo +Ettore+ Priuli!« betonte er, als er die Gondel wieder abstieß, »Palazzo +Carlo+ Priuli«, als er vor dem anderen hielt. Der Palazzo Carlo Priuli war reicher, aber lange nicht so künstlerisch und in sich abgeschlossen wie sein Vetter. Er stammte schon aus der Renaissance, prunkte mehr mit geschnörkelten Kapitälen, Stützpfeilern und Balkonen. Er war auch sichtbarlich restauriert worden, und auf den Gondelpfeilern fehlten die Dogenmützen, denn diese Linie der Priuli hatte der Republik keinen Herrscher gegeben. Die Schöttlings fragten auch hier diesem und jenem nach und erfuhren von dem Gondoliere, daß dieser Palast wohl noch im Besitz der Familie, aber an die »Bank von San Marco« vermietet sei. Dann drehte der Gondoliere geschickt die Gondel um, und sie fuhren zurück zum Palazzo Ettore Priuli, dessen Pforten sich eben für die Besucher der Gemäldegalerie öffneten.

Es war der erste Privatpalast, den die Schöttlings betraten, denn wenn sie auch Spitzen- und Glaswarenläden besucht hatten, die sich in früheren Edelsitzen breit machten, so waren es eben doch immer Kaufläden gewesen, bei denen die Waren die Hauptsache und die Umgebung das Nebensächliche schien. Hier aber schritten sie durch Räume, die heute noch derselben Tradition dienten, der sie vor Jahrhunderten gedient hatten, und die Schöttlings empfanden ein köstliches Gefühl von Ehrfurcht, das gar nichts mit Snobismus zu tun hatte, vielmehr aus feinfühligen und gebildeten Herzen herkam. Hier war alles Pracht, wie das alte Venedig sie geschätzt hatte: die Fußböden aus buntem Marmor, mit reizvollen Mustern eingelegt, die Wände mit Seide und Gobelins bespannt, die Decken entweder aus dunklem, kassettiertem Holz reich mit Gold inkrustiert oder mit heiteren Gemälden und verschlungenen Stuckgirlanden. Die Galerie lag im Erdgeschoß, während das erste Stockwerk, das sich noch weit nach hinten mit der Aussicht auf einen anderen Kanal dehnte, die Wohnungen der Priulis umschloß. Ein Diener in Kniestrümpfen und schwarzer Livree empfing die Besucher, nahm ihnen Stöcke und Schirme ab, wies sie mit einer diskreten Handbewegung nach den zwei Sälen, welche die Galerie bildeten, und zog sich dann wieder zurück, um neue Gäste zu empfangen.

Der Oberst und Elisabeth musterten nur flüchtig die Gemälde des ersten Saales, denn es drängte sie, das berühmte Bild zu sehen, um dessentwillen diese kleine Privatgalerie sich großen Stadtsammlungen an die Seite stellen konnte, und das sie natürlich schon aus zahllosen Kopien und Reproduktionen kannten. Wie sie dann vor dem Bild standen, merkten sie aber deutlich, wie arm alle Nachbildungen gegenüber dieser Offenbarung eines Begnadeten bleiben mußten, dessen Farben so heiß und jubelnd waren, daß sie sich in Töne zu verwandeln schienen, und für den die Raumbeschränkung nicht ein mühselig zu überwindendes Hindernis bildete, sondern die gewollte Abgrenzung eines strenggedachten und scheinbar spielend ausgeführten Baues. Das Bild, ein Kniestück, etwas unter Lebensgröße, stellte eine junge Frau dar. Sie war in ein purpurfarbenes, mit Gold und Perlenstickerei reich verbrämtes Gewand gekleidet, hielt zwischen dem spitzen Zeigefinger und dem Daumen der rechten Hand einen goldenen Ring, so als ob sie ihn zeigen wollte. Das Gesicht glich anderen Frauen des Meisters, wie sie sich alle gleichen, nur war es vergeistigter, vielleicht auch ein wenig leidvoller, als die Renaissance sonst die Frauen darzustellen liebt. Auf den rötlichen Haaren saß ein goldener Kopfschmuck, der dem Mützchen einer Dogaressa glich. Sie stand vor einem Vorhang aus gelbem Damast, der sich hinter ihr zurückschlug und die Lagune enthüllte, auf der man den Bucentaurus schwimmen sah, das Prachtschiff, von dem der Doge alljährlich den Ring ins Meer warf, zum Zeichen, daß Venedig und die Adria unlöslich miteinander vermählt seien. Weil man nicht genau wußte, wen das Bild darstellte, ob es wirklich, wie einige Kunsthistoriker behaupteten, eine Dogaressa Priuli oder nur sonst eine vornehme Dame war, hieß es bald ›die Dogaressa‹, bald auch nur ›die Frau mit dem Ring‹. Wie immer es aber heißen mochte, -- wer vor ihm stand, vergaß bald nach Namen und Sinn zu fragen, versank tief in den Zauber, der von diesen Farben, von dieser wundersamen Abstimmung des goldfarbenen Vorhangs zwischen dem purpurnen Kleid und der blauschimmernden Lagune ausging. Lange standen der Oberst und Elisabeth vor dieser köstlichen Frau, sahen immer noch zu ihr empor, auch als die Besucher, die mit ihnen gekommen, schon wieder gegangen waren und neue eintraten. Nur »der erste Kirchgang Mariä« in der Academia hatte ähnliche Empfindungen in ihnen ausgelöst, hatte sie so bis zuletzt einem Kunstwerk hingegeben, wie dieses Bildnis hier.