Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig

Part 18

Chapter 183,741 wordsPublic domain

Ettore hatte zum Schluß sehr liebenswürdig, beinahe galant gesprochen, so als ob sein unwirsches Wesen von vorhin ihn reute. Elisabeth, an Freundlichkeit von ihm kaum mehr gewöhnt, war überrascht und konnte den Gedanken nicht loswerden, daß er irgendeinen Zweck mit dieser plötzlichen Liebenswürdigkeit verband. -- --

Einige Wochen waren vergangen. Die Nachforschungen der Polizei hatten noch immer kein Resultat ergeben, und darum war wohl auch fernerhin keines zu erwarten. Der Vorfall in der Galerie Priuli trat in den Hintergrund vor anderen Tagesereignissen, welche Gemüter und Zungen beschäftigten, und trotz aller Lamenti hatte sich schon jeder an die Glasverschalungen der Gemälde gewöhnt. Der Maler, der die ›Dogaressa‹ kopiert hatte, kam nicht mehr, weil er seine Arbeit beendet hatte, und neuen Anmeldungen gegenüber verhielt sich Ettore so ablehnend, daß zurzeit niemand in der Galerie saß. Er pflegte jetzt selbst jede Nacht, ehe er zu Bett ging, einen Rundgang durch die Galerie zu machen, inspizierte alles genau, prüfte Riegel, Schlösser, Fenster und Türen, und erst, wenn er alles in tadelloser Ordnung und Sicherheit gefunden hatte, entfernte er sich durch einen kleinen, von einem Gobelin maskierten Ausgang, der auf ein Vorzimmer in der Wohnung seiner Mutter mündete, und dessen Schlüssel er stets bei sich trug. -- --

Elisabeth saß in ihrem Zimmer bei der Arbeitslampe und hielt ein Buch auf den Knien, in dem sie bis jetzt gelesen hatte. Es war kein Roman, in dem nur von Liebe geredet und gefaselt wurde, sondern eine ernsthafte, fesselnde Neuerscheinung, die ein junger Venezianer geschrieben und »Geschichte des Handels der Republik Venedig« betitelt hatte. Auf der Grundlage historischer Tatsachen und statistischer Ziffern zeigte er, wie die Handelsmacht der Lagunenstadt zuerst mächtig emporgeschossen, dann immer tiefer gesunken war, und das Buch schloß mit einem temperamentvollen Aufruf an Venedig, daß es seiner alten Kaufherrntradition noch viel intensiver folgen müsse, als es in den letzten Jahren getan hatte. Kein anderes Ziel dürfe es vor Augen haben, als wiederum einer der größten Stapelplätze zu werden und im friedlichen Wettstreit mit anderen Handelsvölkern den alten Namen neu zu vergolden. Carlo hatte ihr neulich einmal von diesem Buch gesprochen, hatte gesagt, daß er es ihr schicken wollte, und als sie heute vom Tee bei der Fürstin Tassini heimkehrte, lag es da und rief sie zu sich her. Der Gegensatz zwischen der Atmosphäre, die um die Fürstin wob, und dem Geist, der aus diesem Buch sprach, war groß und es schien nur natürlich, daß Elisabeth, die hier schon so viel gelitten hatte, dieser Stadt keine Zukunft mehr gönnen wollte und lieber auf die Fürstin hörte, die stets nur mit Hohn von dem verlogenen Gauklergesicht sprach. Weil es Elisabeth wohltat, diese Stadt zu schmähen und schmähen zu hören, flüchtete sie von Carlos Einfluß immer wieder zur Fürstin hin, die sie viel öfter sah als ihn, der eben durch Unterhandlungen mit einer großen Privatreederei sehr in Anspruch genommen und überdies vorsichtig gegen andere und gegen sich selbst war. Freilich hatte er die Jahre hinter sich, in denen sich ein Mann seiner Art blind und willenlos verliebt, aber er spürte doch, daß die blonde, vernachlässigte Frau seines Vetters ihm lieber zu werden begann, als er verantworten konnte, und darum gab er sich nicht nach und sah Elisabeth nicht oft. Er wollte sie nicht grundlosem Gerede aussetzen, und ebensowenig wäre es sein Geschmack gewesen, mit ihr zusammen genannt und belächelt zu werden, wie er es bei unzähligen Liebespaaren rundum sah ... So blieb denn Elisabeth mehr dem Einfluß der Fürstin als dem seinen überlassen, und nur an besonderen Tagen, so wie heute, kreuzten sich diese beiden Einflüsse, indem Elisabeth noch warm vom Gespräch und Disput mit der Fürstin zu dem Buch griff, das Carlos Ideen aussprach.

Sie saß da, sann nach und merkte nicht, wie die Stunden immer tiefer in die Nacht hineinschritten. So behaglich und still lag das Zimmer im abgedämpften Licht der Arbeitslampe, daß Elisabeth sich nicht entschließen konnte, aufzustehen und es zu verlassen, obschon sie an ihrer Müdigkeit fühlte, daß es spät sein mußte. Sie hatte das Buch beiseitegelegt, verschränkte die Arme im Nacken und spann sich so tief in dämmernde Träumereien ein, daß sie in die leichte Bewußtlosigteit versank, die dem Schlaf vorangeht. Wie sie dann wieder zu sich kam, meinte sie, es müsse lange Zeit vergangen sein, denn sie fröstelte ein wenig und war hell wach. So hell wach, daß sie die Behaglichkeit des Gemachs nicht mehr spürte, sondern plötzlich merkte, daß die Nacht mit ihren tausend rätselhaften Stimmen und unheimlichen Geräuschen, die alle im Klopfen des eigenen Herzens ersterben, sie umgab. Etwas wie die Gespensterfurcht der Kinderjahre wollte über sie kommen; da mußte sie über sich selber lächeln, ging zum Fenster und öffnete es weit, damit die Nachtluft ihr den übermüdeten Kopf klar machen sollte. Sie lehnte sich hinaus und trank die Luft ein, die weich und köstlich war, denn draußen fiel ein ganz feiner Regen, der jetzt, da er den Unrat der Kanäle und der Gassenwinkel noch nicht faulig zersetzte, wie eine erfrischende Sprühflut vom Himmel niederglitt. Elisabeth stand, blickte hinaus auf den kleinen Brückenbogen, der die Calle überspannte, auf die schmalen Randsteine, die längs der Häuser hinliefen, und unwillkürlich fiel ihr eine andere Nacht ein, in der sie ebenso gestanden hatte, die Nacht, die Eleonorens Hochzeit voranging. So unverändert schien äußerlich alles seit damals, so gleichartig war die ganze Szenerie, daß Elisabeth meinte, in der nächsten Minute müsse um die Ecke eine Gestalt im schwarzen Schleiertuch daherhuschen und über die Brücke weg um den Palazzo herum das Hinterpförtchen suchen ... Doch alles blieb still und leer, der Regen, so fein er war, scheuchte die Menschen in die Häuser zurück, so daß nicht einmal ein lockerer Nachtvogel ausflog, um sein bißchen Futter zu suchen. Alles still und leer, -- oder nein, nicht alles, denn Elisabeth war's, als höre sie von irgendwoher ein leises, unbestimmtes Geräusch. Sie wußte im Augenblick nicht, wie sie es hätte nennen sollen und woher es kam, aber ihr Ohr vernahm etwas, das verkündete, daß in diesem Winkel noch nicht alles zur Ruhe gegangen war. Sie horchte schärfer auf, da holte aber der Uhrmann auf dem Glockenturm weit aus, und die Schläge, die er klingend niederfallen ließ, sagten die erste Morgenstunde an und übertönten jeden anderen Laut. Elisabeth schloß das Fenster wieder. Es war wirklich töricht, hier zu stehen, um angstvoll zu erlauschen, was draußen in irgendeinem Winkel oder einem Gäßchen vorging. Denn nur von draußen her konnte das unbestimmte Geräusch gekommen sein, jetzt, da das Fenster geschlossen war, blieb alles wieder totenstill. Sie ging noch ein paarmal im Zimmer hin und her, spannte ihr Ohr zu größter Wachsamkeit an. Nichts, gar nichts. Nun räumte sie ihr Buch beiseite, verlöschte gelassen die Arbeitslampe und schickte sich an, nach ihrem Schlafzimmer zu gehen. Da, als sie die Tür geöffnet hatte, vernahm sie wieder das leise, unbestimmte Geräusch. Sie blieb atemlos auf der Schwelle unter der geöffneten Tür stehen, drehte schnell das Licht aus, so daß alles rundum im Dunkel lag, und horchte mit vorgestrecktem Kopf in der Richtung, aus der das Geräusch kam. Was es war, konnte sie immer noch nicht deutlich unterscheiden. Mitunter war es wie ganz vorsichtige, leise Schritte, mitunter wie ein Flüstern, mitunter ein leises Kratzen und Scharren, als ob irgendwo ein Hund Einlaß begehrte oder in weiter Ferne ein Arbeitsmann mit seinen Geräten hantierte. Einen Augenblick noch blieb sie in Zweifel, dann wußte sie, daß es aus dem untern Stockwerk kam, wo die Wohnung der alten Gräfin lag und die Galerie. Wie sie das erkannte, klopfte ihr Herz so stark und voll Angst, daß sie in der Dunkelheit Lichtringe tanzen sah und sich gegen die Wand lehnen mußte, weil sie fürchtete zu stürzen vor Schreck und Erregung. Das dauerte ein paar Sekunden, dann war sie wieder ruhig und überlegte blitzschnell, was zu tun sei. Am einfachsten wäre es wohl gewesen, die Dienerschaft zu wecken, aber zu dieser Stunde lagen schon alle in tiefem Schlaf, und bis es gelang, sie wachzurütteln, konnte, nein, mußte der Uebeltäter in der Galerie längst durchs Fenster entflohen sein ... Es war freilich nur eine Voraussetzung, daß irgendein Mensch sich in die Galerie eingeschlichen haben könnte, eine Voraussetzung, die Elisabeth jetzt abwies, weil sie mit einemmal nichts mehr vernahm und ihr auch einfiel, daß der Urheber all ihrer Angst wohl ganz einfach Ettore war, der bei seiner Heimkehr vom Klub seinen Rundgang durch die Galerie machte und schon im nächsten Augenblick nach seinem Zimmer gehen würde. So wahrscheinlich kam ihr das vor, daß sie selbst nicht begriff, wie ihre Phantasie vorhin sich so unnütz erregt und verirrt hatte. Wäre ein Missetäter unten im Haus, so müßte ihn doch die alte Gräfin hören oder deren alte Bedienerin, denn die Wohnung der Gräfin stieß ja unmittelbar an die Galerie, und obendrein klagten die beiden Frauen beständig über Schlaflosigkeit. Um sich von der eigenen Torheit fester zu überzeugen, drehte Elisabeth das Licht wieder auf, ging über die Treppe hinab durch das dunkle Vorzimmer, das zwischen der Wohnung der alten Gräfin und der Galerie lag. Hier aber ließ sich das Geräusch wieder deutlicher vernehmen, und Elisabeth fühlte, ohne daß sie's sah, daß ein Mensch in der Galerie war. Sie hastete nach der Tür, deren Schlüssel Ettore stets bei sich trug, fand sie verschlossen, merkte aber, daß der Schlüssel innen steckte. Da wurde sie abermals ruhig, dachte nicht anders, als daß ihr Mann drinnen sei, klopfte und rief seinen Namen. Niemand antwortete. Sie wartete ein wenig, klopfte nochmals und stärker, rief lauter:

»Ettore, Ettore, mach' doch auf!«

Wieder kam keine Antwort, aber hinter der verschlossenen Tür wisperte verhaltenes Flüstern ... dann ein jähes, lauschendes Verstummen. Die Angst vor und die Angst hinter der Tür war so lastend, daß sie sich gleich einem Ungeheuer über Elisabeth beugte, sie tun hieß, was sinnlos schien und vielleicht gefährlich obendrein. Sie faßte die Türklinke mit beiden Händen, rüttelte sie heftig und schrie:

»Mach' auf, Ettore, mach' auf! Wenn Du nicht gleich aufmachst, rufe ich Dienstboten herbei!«

Da öffnete sich die Tür zu einem kleinen Spalt und Ettore stand da, ein brennendes Licht in der hocherhobenen Hand, das Gesicht entstellt vor Zorn. Er fuhr seine Frau an:

»Willst Du wohl den Mund halten! Was hast Du hier noch zu tun? Es ist ein Uhr, geh in Dein Bett und schlaf Dich aus!«

»Ettore, um Himmels willen, was machst Du hier?«

Er drängte sie von dem Spalt zurück, wollte die Tür wieder schließen:

»Das geht Dich nichts an; hier bin +ich+ der Herr, verstehst Du! Ich sage Dir jetzt im guten, geh in Dein Bett und schlafe! Wenn Du mir nicht folgst, ist's Deine Schuld, wenn --«

Sie sah ihn an, begriff, daß hier etwas Dunkles vorging. Sie sagte kurz:

»Laß mich hinein!«

»Nein, Du hast hier nichts zu schaffen!«

Da drängte sie ihn, ehe er's hindern konnte, beiseite, schlüpfte hinein und lief ihm voran durch den dunklen, ersten Saal nach dem zweiten, in dem die ›Dogaressa‹ hing, und der hinter geschlossenen Fensterläden und ängstlich vorgezogenen Damastportieren hell erleuchtet lag. Wie sie sah, was sich hier vollzog, blieb sie einen Augenblick wie gelähmt vor Schreck stehen --

Vor dem Platz, wo die ›Dogaressa‹ sonst gehangen hatte, stand eine Staffelei; ein dunklerer Fleck auf der Wand bezeichnete genau den Raum, den das berühmte Gemälde bedeckt hatte. Jetzt lag es auf dem Boden neben der Staffelei, auf deren unterster Stufe der verkommene Maler hockte, den Elisabeth schon kannte. Er war damit beschäftigt, das Bild aus dem Rahmen zu nehmen, zog eben mit einer Beißzange die Nägel heraus, welche die Leinwand auf dem Spannrahmen festhielten. Neben ihm lagen Hammer, Stemmeisen, Zwicknägel und noch verschiedene Dinge, wie man sie zur Rahmung benötigt, zwei Schritte davon stand die Kopie, die angeblich für den reichen Herrn aus Rom gefertigt worden war, und die dem Original so täuschend ähnlich sah, daß man sie, wenn erst das spiegelnde Glas über ihr lag, wohl kaum von jenem unterscheiden konnte.

Der Maler ließ sich durch Elisabeths Erscheinung nicht in seiner Arbeit beirren. Er hatte sein schönes Geld für die Kopie bereits in der Tasche, nahm die Auswechslung der Bilder im Auftrag des Grafen Priuli vor und kümmerte sich nicht um den Zweck, welchen dieser verfolgte, wenn er ihn sich natürlich auch ungefähr denken konnte. Er hatte schon öfters solch zweifelhafte und glänzend bezahlte Aufträge gehabt und hütete sich wohl, mehr zu wissen, als für ihn gut sein konnte. So zog er ruhig mit der Zange einen Nagel nach dem andern heraus, während Ettore bebend vor Erregung zu Elisabeth trat und atemlos, bald bittend, bald drohend auf sie einredete.

»Zwei Millionen gibt mir die Amerikanerin für das Bild! Bedenke, was das heißt, zwei Millionen! Damit sind wir alle gerettet, mit den zwei Millionen kaufe ich uns allen die Ruhe, das Glück und die Freiheit! Mit den zwei Millionen können wir unsere Ehe lösen lassen, in der doch keines von uns glücklich ist, und wir können heiraten, wie wir wollen. Siehst Du, Lisa, ich weiß ja schon lange, daß Du Dir gar nichts mehr aus mir machst, und daß Dir Carlo viel besser gefällt ... Ich mach' Dir gar keinen Vorwurf daraus, mein Gott, man täuscht sich in den eigenen Gefühlen! Aber das alles kann gut werden, wenn wir die zwei Millionen bekommen! Dann gehen wir als gute Freunde auseinander, ich zahle Dir alles zurück, was ich von Deinem Vermögen verbraucht habe, und alles ist, als ob's nie gewesen wäre. Nicht wahr, das ist doch mehr wert, als das Bild da, und es ist doch ganz gleichgültig, ob so ein Bild hier hängt oder in Amerika --«

Elisabeth hörte ihn wohl, aber sie faßte den Sinn seiner Worte nicht. Nur eins faßte sie: er wollte die ›Dogaressa‹ verschachern und heimlich verschleppen, wie ein Mädchenhändler seine Ware verschleppt, und da wußte sie, daß das nie, gar nie geschehen durfte. Sie sagte ohne Atem und ohne Ton: »Wenn Du Geld brauchst, nimm alles, was ich auf der Bank habe! Aber das Bild bleibt hier!«

Da warf er ihr lang verschwiegene, abscheuliche Bekenntnisse ins Gesicht. Seit langer Zeit schon befand er sich in den Händen von Wucherern, die ihm gegen sechzig und siebzig Prozent Geld vorstreckten für Eleonore, für das Spiel, für Mädchen ...

Elisabeth hörte ihn so undeutlich, als spräche er aus weiter Ferne, und sagte wieder nur:

»Und wenn der letzte Heller draufgehen soll, das Bild bleibt hier!«

Nun wurde er ungeduldig, schrie sie an:

»~Misericordia~, Du bist wahrhaftig törichter, als ich gedacht habe! Wenn +ich+ nichts habe und +Du+ nichts mehr hast, von was sollen wir denn dann leben? Wir und die Kinder?«

Elisabeth holte tief Atem, wie vor einem sehr schweren Entschluß.

»Wenn es sein muß, dann verkaufe in Gottes Namen das Bild an den Staat! Aber nach Amerika lass' ich es nicht gehen, niemals, hörst Du, niemals! Wenn uns schon gar nichts mehr bleibt, dann müssen wir doch wenigstens einen makellosen Namen haben, wir müssen doch wenigstens wissen, daß kein Unrecht an uns hängt!«

»Ich kann mit meinem Eigentum tun, was mir beliebt!«

»Wenn Du das könntest, würdest Du das Bild ganz offen an die Amerikanerin verkaufen und nicht heimlich bei Nacht und Nebel wegschaffen lassen wollen! Du weißt sehr wohl, daß Du nicht das Recht hast, das Bild ins Ausland zu geben ...«

Er fuhr sie an:

»Ich habe jetzt genug von Deinem Geschwätz. Ob's Dir paßt oder nicht paßt, ist mir egal! Ich werde mir Deinetwegen nicht zwei Millionen entgehen lassen!«

»Und ich werde nicht dulden, daß das Bild von hier fortkommt!«

Mit funkelnden Augen standen sie einander gegenüber wie zwei Feinde. Alles, was sie an Enttäuschungen, Zorn und Haß seit Jahren angehäuft hatten, trat jetzt aus ihnen hervor, ballte sich um das Bild, als hätten sie nie um etwas anderes gestritten und gerungen als um das Gemälde der blonden Frau, die mit rätselhaftem Gesichtsausdruck den Ring emporhielt.

Inzwischen hatte der Maler das Bild vollkommen abgelöst, stellte es zusammengerollt, als wär' es ein beliebiger Kaufsgegenstand, in eine Ecke. Schnell und gewandt schob er seine Kopie in den alten Rahmen, befestigte sie, überdeckte sie mit dem spiegelnden Glas, und schon hing das gefälschte Gemälde an der Stelle, von der jahrhundertelang das echte geblickt hatte. Mit großer Umsicht räumte er dann alles beiseite, verwischte jede Spur, die verraten konnte, wie in der Galerie nächtlich gearbeitet worden war, und wollte eben das zusammengerollte Bild aus der Ecke hervorholen, das er noch heute in Sicherheit bringen sollte. Zu seinem Erstaunen stand aber jetzt die Gräfin Priuli mit ausgebreiteten Armen davor, als wollte sie es mit ihrem Leibe schützen. Der Maler zögerte, aber Ettore rief ihm barsch zu:

»Kümmern Sie sich nicht um die Närrin, sondern tun Sie, wie wir verabredet haben!«

Elisabeth warf ihrem Mann einen verzweifelten Blick zu, der seine Wut noch steigerte. Er packte sie bei den Schultern, riß sie von dem Bild weg ins Zimmer hinein, daß sie taumelte und sich nur mit Mühe aufrecht halten konnte. Sie sah, daß sie allein gegen zwei Männer nichts ausrichten konnte, und wollte durch den ersten Saal zurücklaufen, um Hilfe herbeizuschreien. Aber noch ehe sie in die Mitte des Saales gelangt war, fühlte sie sich von Männerhänden gepackt, sah einen Hammer drohend über ihrem Kopf schweben. Zwei Fäuste preßten ihr die Gurgel zusammen, und eine brutale Gewalt schleuderte sie an einen Türvorsprung, daß sie blutend und bewußtlos zusammenbrach. -- --

15.

Als Elisabeth die Augen zum erstenmal wieder aufschlug, sah sie die weiße Haube einer Krankenpflegerin und das Gesicht ihres Vaters, der neben ihrem Bette saß. Sie begriff nicht recht, wieso er und die weiße Haube hierherkamen, und warum sie selbst im Bett lag, aber sie war viel zu müde, um zu fragen oder nachzudenken, schloß die Augen gleich wieder und lag in dämmerndem Halbbewußtsein noch durch viele Stunden und manchen Tag hindurch. Wohl spürte sie starke Schmerzen im Hinterkopf und am Nacken, wußte auch, daß der Arzt täglich kam, um diese Wunde zu untersuchen und neu zu verbinden, aber alles, was mit ihr und um sie her geschah, erschien ihr so lautlos, so puppenhaft, daß sie nicht unterscheiden konnte, ob sie es wirklich erlebte oder nur träumte. Der Arzt war zuerst ein wenig erschrocken über diese langdauernde Teilnahmlosigkeit, denn er vermutete, daß sie durch den starken Fall oder durch den Schlag über den Kopf am Ende einen dauernden Schaden im Gehirn davongetragen haben könnte. Bald aber merkte er, daß Elisabeth geistig ganz klar war, nur in den Nerven so verbraucht und zerrieben, daß diese letzte Katastrophe eben den völligen Zusammenbruch herbeigeführt hatte. Da wurde sie denn gefüttert und gepflegt und gehätschelt wie ein Kind, und als wäre sie ein Kind, ließ sie alles mit sich geschehen, fragte nichts, sagte nichts, blieb in ihre Apathie verkrochen, bis die Natur ihr wieder half und sie sanft hindrängte zu der Brücke, die von der Bewußtlosigkeit hinüberführt zum Leben.

Nach einer Nacht voll erquickenden Schlafes schlug sie dann einmal die Augen ganz groß und klar auf, so daß die Pflegerin ihr freudig zunickte und das graue, überwachte Gesicht ihres Vaters seltsam zuckte von Rührung und Glück. Sie griff nach seiner Hand, nahm sie in die ihren, die ganz mager und durchsichtig geworden waren, und sagte leise, mit einem Blick auf die Pflegerin.

»Nachher, wenn sie draußen zu tun hat, mußt Du mir erzählen!«

Der Oberst wußte wohl, was sie meinte, aber er fragte doch:

»Was soll ich Dir denn erzählen, Kind? Du sollst Dich noch gar nicht aufregen --«

Sie sah ihn mit ihren großen, ernsten Augen an:

»Ich rege mich gar nicht auf. Ich möchte nur wissen, wie das alles gekommen ist ... Ich erinnere mich an alles wohl, aber so undeutlich, so verschwommen. Es regt mich viel mehr auf, wenn ich mich besinne und mir alles erst im Kopf zusammensuchen muß.«

Da erzählte der Oberst kurz und vorsichtig, was er wußte. In jener verhängnisvollen Nacht war ein Diener, der heimlich ausgestiegen, just um die Zeit nach Hause zurückgekehrt, als Elisabeth nach der Galerie lief. Gleich als er das Hinterpförtchen hinter sich geschlossen hatte, war's ihm vorgekommen, als ob in der Galerie etwas Verdächtiges vorginge, und er hatte einige Minuten ganz still gelauscht, ob es wirklich so sei, oder ob er sich täusche. Dann hatte er Stimmen gehört, Streitworte, die immer lauter und heftiger wurden, so daß er ins oberste Geschoß rannte, um die übrige Dienerschaft zu wecken, weil er sich's doch nicht zutraute, ganz allein mit mehreren Uebeltätern fertig zu werden. Wie sie dann zu dreien oder vieren zurückkamen, hörten sie einen dumpfen Fall, und als sie in die Galerie eindrangen, sahen sie die Gräfin blutüberströmt daliegen und den Grafen mit fahlem, verstörtem Gesicht um sie bemüht. Im Hauptsaal aber, da, wo die ›Dogaressa‹ hing, riß eben ein verdächtig aussehendes Individuum Vorhänge und Fensterladen zurück und stieß das Fenster auf, mit dem Blick messend, ob es wohl gelingen könnte, das aufgerollte Bild geschickt hinunterzuwerfen, so daß es auf die Randsteine und nicht ins Wasser fiel, und ihm dann nachzuspringen. Es gelang den Dienern wohl, ihm das Bild zu entreißen, er selbst aber entwand sich mit fast unbegreiflicher Geschicklichkeit ihren Händen, stieg aufs Fenstersims, sprang so zielsicher hinaus, daß er wirklich die Calle vermied, im Eilschritt die kleine Brücke gewann und in ein paar Atemzügen um die nächste Ecke verschwunden war.

Elisabeth hörte gespannt zu. Was der Vater da erzählte, schloß sich mit ihrer eigenen Erinnerung zu einem Bilde zusammen. Sie blieb eine Weile stumm, fragte dann:

»Hängt nun das Bild, das echte Bild, wieder an seinem alten Platz?«

»Aber natürlich, ich sagte Dir ja, daß man es dem Kerl wieder abgejagt hat. Es ist nur schade, daß er selber entwischt ist!«

Elisabeth blieb still. Sie fragte nicht nach Ettore, den sie niemals in ihrem Krankenzimmer gesehen hatte. Nur die alte Gräfin war zu Anfang etliche Male gekommen, verweint und ängstlich, als fühle sie, daß die Priuli nicht in dies Zimmer gehörten. Elisabeth war damals noch ohne Bewußtsein gewesen, und der Oberst hatte die alte Frau so kalt empfangen, daß sie nicht wieder aus ihrer Wohnung heraufstieg.

Solange Elisabeth krank lag, hatte sich die Fürstin Tassini täglich nach ihrem Befinden erkundigen lassen und die prächtigsten Blumen für das Krankenzimmer geschickt. Nun aber, da Elisabeth wieder einzelne Besuche empfangen durfte, nun blieb jede Botschaft aus dem Palazzo Tassini aus, und Elisabeth erwartete vergebens die Frau, mit der sie doch seit langer Zeit jede Woche beim Tee gesessen war. Als sie sich dann telephonisch erkundigen ließ, ob die Fürstin etwa krank sei, erhielt sie den Bescheid, daß die Fürstin in der Abreise begriffen sei, aber jedenfalls der Frau Gräfin noch persönlich Lebewohl sagen werde. Die Fürstin kam aber nicht, denn auch bei den Tassinis hatte es eine Katastrophe gegeben, wenn auch in anderer Art als im Hause Priuli.