Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig

Part 17

Chapter 173,740 wordsPublic domain

»Aber er denkt gar nicht daran, sich einzuschiffen oder überhaupt Italien zu verlassen!«

»Man muß ihm den Gedanken eben plausibel machen, natürlich mit Geld plausibel machen! Sagen Sie ihm, er soll den Dienst quittieren, und deponieren Sie für ihn auf einer Bank in Rio oder in Buenos Aires 100000 oder 200000 Lire, die er erheben kann, sobald er drüben ankommt ... Sie werden sehen, das zieht ihn hinüber wie der stärkste Magnet!«

»Nein, Maud, das alles geht nicht!«

»Warum geht es nicht?«

»Zunächst würde er nur hinüberfahren, um das Geld zu holen, und käme alsbald zurück.«

»Das glauben Sie nur, weil Sie niemals drüben gewesen sind! Sie wissen ja gar nicht, welchen Reiz das Leben drüben hat, gerade für Menschen, die hier herüben immer mit dem Pfennig rechnen müssen und drüben mit einemmal Geld verjubeln können!«

Ettore sagte beschämt:

»Ja, ich habe aber gar nicht so viel Geld, um es ihm zum Verjubeln zu geben! Wir sind nicht in der Lage, mit den Hunderttausenden um uns zu werfen!«

»Ich denke, Sie haben eine reiche Frau geheiratet?«

»Nur reich nach deutschen und nach unseren Begriffen.«

»Ja dann freilich ...«

Maud setzte das Gespräch nicht fort, aber um ihren Mund lag ein Zug von geringschätzigem Mitleid, der Ettore verdroß. Und voll Zorn dachte er an Elisabeth, die, wie er meinte, an dieser Beschämung Schuld trug, weil sie sich nicht willig dazu hergab, das Paar in Pisa mit allen Mitteln zu unterstützen.

Noch ehe die Herzogin ihren Besuch im Palazzo Priuli gemacht hatte, lernten sich die Damen auf etwas seltsame Weise in den Giardini Publici kennen. Elisabeth, die jetzt öfters hinüberfuhr, um dort mit Carlo spazierenzugehen, stand mit ihm gerade vor dem Denkmal des am Nordpol verschollenen Leutnants Guerrini, den Carlo persönlich gekannt hatte, und ließ sich über das Leben und Verschwinden dieser tapferen Jugend erzählen, was Carlo davon wußte. Während sie ihm zuhörte, sah sie von ferne ein elegantes Paar den Weg nehmen, der auf das Denkmal zuführte, und erkannte alsbald Ettore mit einer fremden, etwas auffallenden Frau. Die Begegnung wurde allseits oder vielmehr von dreien als peinlich empfunden, nur Maud lachte unbekümmert ein keckes Lachen, das Elisabeth empörte und zugleich so befangen machte, als wäre sie wirklich in irgendeiner Art schuldig gewesen. Als die üblichen Vorstellungsformeln und höflichen Redensarten erledigt waren, gingen die beiden Paare nun anders geordnet in dem großen Park ziellos umher, voran Elisabeth und Maud, hinter ihnen Carlo und Ettore Priuli. Die Stimmung war überall betreten und unbehaglich. Die Männer redeten abgerissen und verdrießlich über allgemeine Dinge, die sie gar nicht interessierten, Elisabeth und Maud suchten Anknüpfungspunkte, fanden sie aber nicht, weil Elisabeth, die wohl merkte, daß sie unversehens in falschen Verdacht geraten war, ihre Befangenheit unter einer kleinen Hochmutsmiene verbergen wollte und doch empfand, daß die Amerikanerin ihr nicht glaubte und sie im Innern belächelte. Während sie so nebeneinander dahingingen, wurde Elisabeths Gesicht immer heißer, ihre Verwirrung immer größer, und sie zermarterte sich den Kopf, um eine Ausrede zu finden, die sie von der lästigen Gesellschaft befreien konnte. Da auch Maud nach einiger Zeit fand, daß sie nun wieder lieber allein mit dem scharmanten Ettore sein wollte, stieg man wieder in die Gondeln, um noch ein wenig in der Lagune umherzufahren und vielleicht irgendwo, wo es einem gerade gefiel, anzulegen. Nun saßen wieder Maud und Ettore, Carlo und Elisabeth beisammen, aber Heiterkeit wollte nur bei dem ersten Paar aufkommen. Die andern beiden blieben schweigsam und fanden sich nicht mehr zusammen, so daß Elisabeth jetzt, wo aller Frohsinn von ihr geschwunden war, mit forschenden Augen ihren Mann und die Amerikanerin betrachtete und sich fragte, ob ihr auch die letzte Demütigung von ihm nicht erspart bleiben sollte ... Die Gondel, in der Ettore und Maud saßen, fuhr zuerst im Kielwasser der anderen, langsam aber, ganz langsam blieb sie hinter ihr zurück, und mit kaum merklicher Steuerung der Ruder nahm sie eine andere Richtung, daß sie klein und kleiner zu werden schien und schließlich im Blau der Lagune verschwunden war, ohne daß Carlo und Elisabeth es sogleich bemerkten. --

Einige Tage später erschien die Herzogin von Bressières im Palazzo Priuli. Sie wurde mit großer Liebenswürdigkeit empfangen, nicht nur von Ettore, sondern auch von Elisabeth, die sich heute, in ihrem eigenen Heim, ungleich sicherer fühlte als auf fremdem Boden, und die der Herzogin zeigen wollte, daß sie sich weder schuldbewußt fühlte noch eifersüchtig war. Sie hatte für diesen Besuch, den sie erwartete, sehr sorgfältig Toilette gemacht und gab sich Mühe, nicht befangener und stiller zu sein als die Amerikanerin mit ihrer selbstsicheren Heiterkeit, aber Ettore fand dennoch im stillen, daß seine Frau verblüht, wie ein ausgewischtes Pastell neben der kräftigen Frische Mauds aussah, und daß ihr Anzug bürgerlich wirkte neben der Lorgnonkette, die Maud trug, und die immer abwechselnd aus einem Solitär und einem Rubin bestand. Nach einer halben Stunde etwa stand Maud auf, schüttelte Elisabeth herzlich die Hand:

»Ich hoffe, Contessa, Sie auch bei mir zu sehen, obgleich ich hier ja nur ~sur la branche~ lebe! Aber ich denke, daß wir uns auch im Danieli ganz gut unterhalten werden! Und nun, Conte, zeigen Sie mir Ihre Galerie!«

Ettore begab sich mit Maud in die Gemäldegalerie, zeigte ihr die verschiedenen Bilder, erläuterte sie mit eingelernten Phrasen wie ein Kastellan. Maud besichtigte alles, gab ein Urteil ab, das sie für sachverständig hielt, und das Ettore höchst überflüssig fand, weil er überzeugt war, daß sie von Bildern genau so wenig verstand wie er selbst. Vor der ›Dogaressa‹ blieb sie lange stehen, musterte sie zuerst durch das Lorgnon, dann nähertretend mit unbewaffneten, zugekniffenen Augen, trat wieder ganz zurück, legte die Hand beschattend an die Schläfe und sagte schließlich:

»Ungewöhnlich! Ja, das ist etwas Ungewöhnliches!«

Sie überlegte zwei oder drei Augenblicke, wandte sich dann zu Ettore, der einen Schritt hinter ihr und ein wenig beiseite stand:

»Ich will dies Bild kaufen. Was kostet es?«

Ettore, der ihre Worte für einen allerdings nicht ganz verständlichen Scherz hielt, lächelte verbindlich und entgegnete nichts. Sie aber fragte zum zweitenmal, schärfer als vorhin:

»Hören Sie, Conte, ich beabsichtige, dies Bild zu erwerben. Machen Sie mir Ihren Preis!«

Nun merkte Ettore, daß es ihr ernst war, und er beeilte sich, zu erwidern:

»Das Bild ist unverkäuflich!«

»Wieso unverkäuflich? Sie haben ja noch gar kein Gebot getan!«

»Es ist unverkäuflich!«

»Lächerlich, nichts auf der Welt ist unverkäuflich! Hören Sie mich, Conte, und überlegen Sie meinen Vorschlag! Ich glaube, der höchste Preis, der bis jetzt für ein Bild, einen Rubens, gezahlt wurde, war in London 80000 Pfund. Ich biete Ihnen für die ›Dogaressa‹ 2 Millionen Lire!«

Vor den Augen Ettores, der bis jetzt alles nur für Gerede und Spiel gehalten hatte, begann es zu flimmern. Er preßte die Hände zusammen wie ein Verzweifelter.

»Ich kann Ihnen das Bild nicht geben.«

»Aber warum nicht?«

»Weil ich mit dem Gesetz in Konflikt käme. Wissen Sie denn nicht, Maud, daß die Ausfuhr von Kunstgegenständen bei uns durch ein Gesetz verboten ist?«

»O, das ist ein sehr dummes Gesetz!«

Sie betrachtete wieder das Bild, dann Ettore und fuhr mit der Hartnäckigkeit eines Menschen fort, der gewohnt ist, alles zu haben, was ihm gefällt:

»Sie werden doch nicht glauben, daß dies törichte Gesetz für mich ein Hindernis ist ...«

»Es geht wirklich nicht, Maud, glauben Sie mir doch!«

»Also schön, dann lassen wir es! Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so eigensinnig sein können!«

Sie schien ein wenig zu schmollen und wandte sich zum Gehen. Sie hatte aber doch bemerkt, daß in seiner scheinbar so bestimmten Ablehnung eine leise Unsicherheit zitterte, und wenn sie auch jetzt von dem Erwerb des Bildes nicht weiter sprach, so war sie doch entschlossen, nicht davon abzustehen und die Zaghaftigkeit Ettores mit ihrer eigenen naiven Skrupellosikeit zu übertäuben.

In Ettore wirkten ihre Worte mächtig nach. Wo er ging und stand, hörte er immer die Verheißung, die sie so leichthin gegeben, eine Verheißung, die ihm endlich die märchenhafte Summe versprach, an der sein und seiner Schwester Glück und Freiheit hing. Wieder und immer wieder durchjagte er mit heißem Kopf alle blendenden Möglichkeiten, die er mit dieser Märchensumme erkaufen konnte, und er wußte nun, daß er von Mauds Angebot nicht mehr lassen konnte, wenngleich das Gesetz dagegen sprach. Wichtig war jetzt nur noch auszufinden, wie man, ohne Aufsehen zu erregen, das Gesetz umgehen konnte, und weil Ettore an diesen Gedanken alle Klugheit und alle Inbrunst wandte, deren er fähig war, fiel ihm auch allmählich, im Laufe der nächsten Tage, ein Plan ein, der wohl gelingen konnte, und der auch den ungeteilten Beifall der Herzogin von Bressières fand.

14.

Elisabeth fragte bestürzt:

»Aber wie ist das nur möglich? Nie hat man doch hier von so etwas gehört, am allerwenigsten in einer kleinen Privatgalerie!«

Ettore zuckte die Achseln, goß sich langsam ein Glas Rotwein ein, hielt das Glas gegen das Licht und betrachtete den Purpurschimmer des Weins so angelegentlich, als gäbe es für ihn nichts Wichtigeres auf der Welt. Er saß mit seiner Frau und seiner Mutter beim Lunch und aß mit Behagen und Grazie wie an allen andern Tagen. Elisabeth aber war blaß und erregt und konnte immer noch nicht verstehen, wie sich das Seltsame, das der Galeriediener vorhin gemeldet hatte, zugetragen haben mochte. Zwei Bilder, ein holländisches Stilleben und eine angeblich von Raffael herrührende Madonna, waren mit einem spitzen Gegenstand, vermutlich mit einem Messer beschädigt worden. Die Madonna trug einen Messerstich in ihrem blauen Mantel, auf dem Holländer waren die Silberschuppen der Fische zerkratzt, und der Hummer hatte an Stelle des Kopfes ein Loch. Wann und von wem die barbarische Tat geschehen war, blieb völlig im Unklaren, der Diener konnte nur melden, daß gestern während der Besuchszeit noch alles in Ordnung gewesen sei; erst heute früh, als er den gewohnten einsamen Rundgang durch die Galerie machte, hatte er die abscheulichen Verstümmelungen der zwei Bilder bemerkt. Elisabeth und Ettore waren natürlich sofort in die Galerie geeilt, hatten eifrig alles durchsucht, um eine Spur von dem Täter zu finden, aber es war vergeblich. Sie nahmen den Diener ins Verhör, befragten ihn inquisitorisch, ob nicht schon gestern oder gar seit einiger Zeit irgendein Individuum ihm aufgefallen sei, dem man solche Tat zutrauen könne, aber der Diener hatte an keinem etwas Auffälliges oder gar Verdächtiges bemerkt. In diesen Privatgalerien drängte sich kaum je ein großer Menschenschwarm; zweifelhafte Tagediebe, wie man sie wohl an den freien Tagen in den großen Galerien aller Städte findet, traf man in der Galerie Priuli nie an. Elisabeth sagte:

»Es ist mir ein Rätsel, ein unlösliches Rätsel.«

Ettore entgegnete:

»Das sind solche Taten immer. Erinnere Dich doch, daß im Louvre immer wieder diese Bilderverstümmelungen vorkommen, und daß man den Täter kaum je erwischt hat.«

»Ja, im Louvre mit seinen hundert Sälen, aber bei uns ...«

»Irrsinnige gibt's überall!«

»Und die Priuli haben kein Glück, in gar nichts haben sie mehr Glück!« setzte die alte Gräfin ihren unweigerlichen Kehrreim in das Gespräch. Es gab aber niemand auf sie acht, weil die beiden andern doch zu sehr mit dem Vorfall in der Galerie beschäftigt waren.

Elisabeth sagte zögernd:

»Ich scheue mich fast, es auszusprechen, aber --«

»Aber?«

»Sag', Ettore, bist Du von der absoluten Ehrlichkeit des Dieners ganz fest überzeugt?«

»Mein Gott, wie kann ich von der Ehrlichkeit eines andern Menschen, noch dazu eines Lakaien, jemals fest überzeugt sein? Ich glaube wohl, daß Filippo eine ehrliche Haut ist, aber beschwören könnt' ich's nicht ... Nur hat diese Geschichte mit Ehrlichkeit oder Unehrlichkeit nichts zu tun. Es handelt sich hier doch offenbar nur um einen Narren, um einen bösartigen Narren! Wir müssen nun unser möglichstes tun, um ihn zu entdecken und dem Gericht zu überliefern, und vor allem müssen wir trachten, daß so etwas nicht wieder vorkommen kann!«

»Wie will man das machen? Man müßte einfach für jeden Saal einen besonderen Diener haben, der die Besucher nicht aus dem Auge läßt. Das käme aber doch sehr teuer!«

»Immerhin noch billiger, als wenn man uns mehr Bilder ruiniert!«

»Ja, das ist wohl wahr, aber es ist doch auch ein Risiko, immer noch mehr fremde Leute ins Haus zu nehmen.«

Ettore dachte nach.

»Man könnte die Besucher durch eine Barriere von den Bildern trennen, so daß sie sie nicht mit der Hand zu erreichen vermögen!«

Der Gedanke schien nicht schlecht, mußte aber doch wieder verworfen werden, weil auf diese Weise die kleinen Bilder von einer eingehenden Besichtigung ausgeschlossen waren.

»Oder man schließt die Galerie für den öffentlichen Besuch!« sagte Ettore und sah seine Frau von der Seite her beobachtend an. Dagegen wehrte sich aber Elisabeth lebhaft.

»Nein, das dürfen wir nicht tun. Die ›Dogaressa‹ gehört zu den größten Schätzen Venedigs, die dürfen wir nicht ohne weiteres der allgemeinen Bewunderung entziehen!«

»Hm, ja, der Einwand läßt sich wohl hören!«

Ettore sann wieder ein wenig nach:

»Aber das ginge vielleicht: wir bringen alle Bilder unter Glas! Da kann man dann die kleinen Bilder immer noch genau in der Nähe sehen, und doch ist jedes gegen alles geschützt, gegen Messer oder Säuren oder Faustschläge, und was man sonst an Scheußlichkeiten kennt, die gegen Bilder verübt werden! Meinst Du nicht auch, Lisa?«

»Ja, geschützt sind sie unter Glas wohl, aber es ist entsetzlich unkünstlerisch! Das Licht bricht sich im Glas und gibt falsche Reflexe, so daß man manche Bilder gar nicht ordentlich unterscheiden kann!«

»So, das wußt' ich gar nicht!« sagte Ettore mit einer Einfältigkeit, die sehr überzeugend klang. »Aber was kann man sonst machen? Ich habe doch gelesen, daß sie im Louvre auch ihre Bilder unter Glas bergen, und ich denke mir, was für den Louvre künstlerisch genug ist, könnte es auch für uns sein!«

So blieb denn die Galerie für etwa eine Woche gesperrt, und als sie dann dem allgemeinen Besuch wieder zugänglich war, breitete sich über jedes Bild die schützende Glasplatte. Mehr noch als aus Interesse drängten jetzt die Fremden aus Neugier herbei, denn die Attentate in der Galerie Priuli hatten natürlich großes Aufsehen hervorgerufen, und jeder wollte die zerschnittene ›Madonna‹ und das zerstörte ›Stilleben‹ sehen. Die Enttäuschung war dann groß, als sie vernahmen, daß diese beiden Bilder zu einem allerersten Künstler geschickt worden waren, der sie so gut es anging wiederherstellen sollte, und da die Sensation fehlte, der zuliebe die Menschen gekommen waren, fanden sie den Glasbezug der übrigen Gemälde erst recht störend. Besonders die ›Dogaressa‹ verlor so den größten Teil ihrer Wirkung, denn der Lichtreflex des Glases verwischte die zarten Linien des Gesichtes und verwirrte die unvergleichliche Harmonie der Farbe zu Uebergangstönen, die matt blieben, daß das berühmte Bild wie eine blasse Kopie seiner selbst wirkte. Am unzufriedensten mit der notgedrungenen Neuerung waren natürlich die zwei oder drei Maler und Malerinnen, die in der Galerie Priuli kopierten, besonders einer, der seit etlichen Tagen vor der ›Dogaressa‹ saß, schimpfte laut über den Vandalismus der Besitzer und ließ sich in seinem Ungestüm sogar verleiten, an Filippo Bestechungsversuche vorzunehmen, damit er täglich nur für eine halbe Stunde das Schutzglas von dem berühmten Gemälde entfernen sollte. Seine Kollegen in der Galerie lachten ihn natürlich aus, Filippo beantwortete all seine Anträge und Jammerrufe nur mit einer pathetischen Geste. Weil ihm der Mensch aber doch ein wenig absonderlich, wenn nicht gar närrisch vorkam, berichtete er Ettore, was der Maler verlangt habe, und so erfuhr es auch Elisabeth. Da Ettore ihr nebenhin von dem rabiaten Maler erzählte, wurde sie neugierig, diesen seltsamen Enthusiasten kennen zu lernen, und in einer Stunde, da die Galerie schon fast leer war, ging sie hinunter zu seiner Staffelei, sagte ihm, wer sie war, und begann ein Gespräch mit ihm. Lange dauerte es freilich nicht, denn der Maler, dessen Temperament sonst so wild durchging, war der Dame gegenüber ungeschickt und scheu, sprach auch den italienischen Dialekt des Südens, den Elisabeth nur schwer verstand. Zudem war ihr der Mann, der über die erste Jugend hinaus schien, vom ersten Augenblick an unsympathisch, ohne daß sie genau hätte sagen können, warum. Sein Gesicht, das früher einmal interessant gewesen sein mochte, sah verwüstet aus, und solange man zu ihm sprach, lagen die dunklen Augen wie erloschen unter den breiten, faltigen Lidern. Wandte sich aber der Sprechende von ihm weg, dann schoben sich die faltigen Lider blitzschnell zurück, und in die dunklen Augen kam ein häßlicher, scharfer Blick, der lauerte und höhnte, während ein unterwürfiges Lächeln, das einer Grimasse glich, den Mund umzog. Sein Anzug schien auf den ersten Blick eleganter, als Maler sonst zu sein pflegen, nur an Kleinigkeiten, an der aufgerauhten Kante des Hemdkragens, an der Fadenscheinigkeit der Krawatte merkte man, daß man es mit einem ärmlichen oder verkommenen Menschen zu tun hatte. Elisabeth, die ihre Antipathie bekämpfen wollte, fragte ihn freundlich:

»Nicht wahr, dieses abscheuliche Glas verdirbt einem alle Freude? Und für Sie ist es doppelt schlimm, denn Sie sehen ja kaum etwas von der Wirklichkeit Ihres Originals --«

»Sehr schlimm ist es für mich, Eccellenza!«

»Ist Ihre Kopie bestellt, oder machen Sie sie nur aufs Geratewohl zum Verkauf?«

»Nein, Eccellenza, sie ist bestellt! Ein sehr reicher Herr aus Rom hat sie bestellt, und sie soll schon in vier Wochen abgeliefert werden!«

Elisabeth trat neben ihn an die Staffelei, um zu sehen, wie er seine Kopie angelegt hatte. Sie war überrascht über die sichere Linienführung der Zeichnung und über die satte Wärme, die schon jetzt aus den Farben strahlte. Lange betrachtete sie sein Werk und sagte dann aufrichtig:

»Ich habe kaum je eine so gute Kopie der ›Dogaressa‹ gesehen! Wenn man das Original nicht daneben hält, könnte man wohl Ihr Bild dafür halten!«

Der Maler verneigte sich linkisch, wehrte das Lob mit ein paar gemurmelten Redensarten ab. Elisabeth fragte ihn, ob er ausschließlich kopiere oder auch, was sie eigentlich voraussetzte, selbstschöpferisch tätig sei. Er schüttelte verneinend den Kopf.

»Nein, nicht mehr ... Früher wohl, ja, da hatte man natürlich Ideale und große Rosinen im Kopf und meinte, man könnte selber ein Tizian werden! Aber man muß leben, nicht wahr? Und da fängt man denn an zu kopieren und kopiert immer weiter, weil sich das gut verkauft. Und schließlich macht man immer so weiter, wird dabei alt und grau und weiß gar nicht, daß man immerfort nur kopiert ... Am Ende ist das Unglück ja auch nicht so groß, -- wenn man erst in seinem Fach bekannt ist, verdient man, zeitweise wenigstens, viel Geld, und man muß leben, nicht wahr?«

Während er so sprach, tat er Elisabeth herzlich leid. Kein Zweifel, daß er einer der Unzähligen war, die voll stolzer Hoffnung ins Leben gezogen waren und nun so kläglich beim bloßen Broterwerb geendet hatten. Sie hörte ihm zu und nahm sich vor, ihn nicht mehr aus den Augen zu verlieren, seinem Talent nachzugehen und, sofern es Förderung verdiente, ihn in irgendeiner Weise zu unterstützen, damit er wenigstens noch einen Teil von dem erreichen konnte, was er einst geträumt und nicht sein lebelang nur wiedergeben mußte, was ein anderer, Glücklicherer, mit begnadeter Hand geschaffen hatte. Sie ließ sich seine Adresse geben, die er zögernd sagte, als schäme er sich des elenden Viertels, in dem er wohnte, fragte ihn, ob er nichts dagegen habe, wenn sie sich in Zwischenräumen nach den Fortschritten seiner Arbeit umsehe, machte ihm Hoffnung, daß die Glasverschalung vielleicht nicht für immer bliebe, und verließ ihn. Sie dachte noch ein wenig über ihn und sein gewiß nicht erfreuliches Schicksal nach, erwog, wie ihm wohl zu helfen sei, und gab sich Mühe, den unsympathischen Eindruck zu vergessen, den er zuerst auf sie gemacht hatte. Doch wie immer sie sich in seine Enttäuschung versenken, wie immer sie die Brachlegung seines Talents beklagen oder vereiteln wollte, -- immer wieder stieß sie das verwüstete Gesicht mit den erloschenen Augen ab, in denen doch der höhnische Blick lauerte. Jetzt, da sie aus seinen Worten nicht mehr die Aermlichkeit und Trostlosigkeit seines Daseins vernahm, jetzt wurde der Eindruck des Widerwärtigen in ihr so stark, daß sie gar nicht mehr begriff, wie sie sich so teilnahmvoll mit ihm hatte unterhalten können, und es schien ihr unmöglich, ihn und sein Bild in der Galerie wieder aufzusuchen. Sie hatte von jeher starke Sympathien und starke Antipathien gehabt, und ihr Vater hatte stets gesagt, daß man auf diese unerklärlichen Gefühle lauschen solle, weil sie irgend etwas verkünden, was der Verstand leicht überhört. Darum tat Elisabeth auch den Widerwillen, den sie gegen den geschickten Maler empfand, nicht ohne weiteres ab, sondern dachte, daß hier vielleicht eine Spur lag, die zur Lösung der rätselhaften Bilderattentate hinführen konnte. Freilich wäre es töricht gewesen zu vermuten, daß der Maler selbst sich an jenen beiden Bildern vergriffen haben sollte, aber wer konnte sagen, ob nicht irgendein Zusammenhang zwischen ihm und den immer noch unentdeckten Attentätern bestand? Alle Nachforschungen der Polizei waren bis zum Tage vergeblich gewesen, warum also sollte man nicht einer instinktiven Regung vertrauen, da die Hilfsmittel des Gesetzes versagten? Wohl kam sich Elisabeth etwas töricht vor, daß sie einer persönlichen, durch nichts zu rechtfertigenden Empfindung so viel Wert beimaß, aber sie sprach dennoch zu Ettore davon und meinte.

»Sage doch Filippo, daß er gerade jetzt auf die Leute, die zum Kopieren herumsitzen, besonders achtgibt.«

Ettore schien aber heute schlecht gelaunt und darum nicht geneigt, auf das Gespräch weiter einzugehen.

»Ach, Filippo, was soll Filippo machen, wenn selbst die Polizei zu dumm ist, um solche Sachen zu verhindern? Ich kann ihn nicht als Schildwache neben jeden Kleckser hinstellen!«

»O, ein Kleckser ist der Mann, der jetzt die ›Dogaressa‹ kopiert, gewiß nicht, er kann sogar, glaub' ich, sehr viel --«

»Also, was willst Du denn dann? Wenn er was kann, wird er vermutlich Besseres zu tun haben, als Bubenstreiche zu verüben!«

»Das sollte man wohl denken! Aber ich kann mir nicht helfen, er hat mir einen so widerwärtigen, um nicht zu sagen, unheimlichen Eindruck gemacht --«

Ettore stieß ein lautes, ärgerliches Gelächter aus.

»Hör' mir bloß auf mit Deiner Empfindsamkeit und Deinen Ahnungen. Dabei ist noch nie etwas Gescheites herausgekommen! Hättest Du doch lieber etwas geahnt, +ehe+ die Sache passierte! Menschen +hinterher+ zu verdächtigen, hat gar keinen Wert!«

»Ich verdächtige ihn ja gar nicht, ich sage nur, daß ich einen abstoßenden Eindruck von ihm empfangen habe. Und nach dem, was vorgefallen ist, sollte man, scheint mir, gar keine Vorsicht außer acht lassen, auch die nicht, die uns ein unbestimmtes Gefühl eingibt!«

»Gefühl hin, Gefühl her, darauf geb' ich nichts! Etwas anderes ist's, ob man nicht künftighin überhaupt die Erlaubnis zum Kopieren verweigert. Ich glaube beinahe, es ist das gescheiteste, wir lassen die paar, die jetzt noch in der Galerie arbeiten, ihre Bilder fertigmachen, lassen neue aber nicht mehr zu! Eine Garantie für die Sicherheit der Galerie haben wir damit freilich auch noch nicht, aber je weniger fremde Leute hereinkommen, um so besser! Und dann wird auch Deinen Gefühlen und Ahnungen mit dieser Maßregel reichlich Rechnung getragen, was Du hoffentlich in Gnaden anerkennst!«