Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig

Part 16

Chapter 163,786 wordsPublic domain

Er erzählte, daß es ihm in den letzten Monaten nach langem Studium endlich gelungen war, einen neuen Schiffskesseltyp für Handelsschiffe zu konstruieren, der ihren Kohlenverbrauch fast um die Hälfte reduzierte.

»Stelle Dir nur einmal vor, was das bedeutet, -- die Hälfte Kohlenverbrauch, das heißt nicht nur weniger Geldausgaben, sondern auch billigere Frachtsätze, größere Unabhängigkeit von Kohlenstationen, erhöhte Fahrgeschwindigkeit ... In jedem vernünftigen Land, etwa bei Euch oder in England, würde man nach solch einer Neuerung alle Hände ausstrecken, aber bei uns -- -- Hol der Kuckuck die ganze Gesellschaft! Bei uns kümmert sich bis zur Stunde kein Mensch darum. Ich war in Rom, bin von einem Ministerium zum andern gelaufen, um sie für meine Erfindung zu interessieren, aber glaubst Du, daß ich bei ihnen irgendetwas erreicht hätte? Gott bewahre! für solche Kleinigkeiten haben sie keine Ohren und kein Geld. Was nottut, wird ja bei uns immerfort für überflüssig befunden --«

Er fuhr fort in drolligem Zorn zu berichten und nachzuäffen, wie die verschiedenen Ministerien und hohen Beamten ihn ganz von oben herab behandelt hatten, so, als ob sie allesamt die wichtigsten Dinge von der Welt im Kopf gehabt hätten, so daß ihnen gar keine Zeit bleiben konnte, an einen venezianischen Ingenieur und seine Erfindung zu denken. Schließlich war Carlos Geduld gerissen, und er hatte einem der Minister, der noch dazu beim König sehr in Gnade stand, etliche nicht eben schmeichelhafte Redensarten an den Kopf geworfen und sich von ihm mit den Worten empfohlen:

»Wenn ich mit irgendeinem verrückten, abenteuerlichen Projekt zu ihnen gekommen wäre, dann würden Sie sich für mich interessieren, aber für einen Menschen, der vernünftig arbeiten will, haben Sie bekanntlich noch nie Zeit gehabt!«

Das Wort war vom Minister an den König weitergegeben worden, und die Antwort darauf war, daß Carlo Priuli keine Einladung zu dem Festmahl im Palazzo Reale erhielt.

Da Carlo nun einmal begonnen hatte, von seinem Werk zu sprechen, verstummte er nicht mehr, sondern sprach weiter wie jeder, der in seine Arbeit und in sein Ziel verliebt ist.

Es war nicht ganz leicht, ihm zu folgen, denn es handelte sich ja immerfort um technische Probleme und Ausdrücke, aber Elisabeth war es ja von ihrem Vaterhause her gewöhnt, sich rasch in männliche Interessen und Themen hineinzufinden, wenn sie ihr auch fern lagen, daß sie ihn ganz gut verstand und keine überflüssigen oder törichten Fragen tat. Es schien ihr auch köstlich, daß endlich wieder einmal ein Mensch von ernsthaften und nützlichen Dingen zu ihr redete, und sie wäre nicht eine Tochter des allerfleißigsten Volkes gewesen, wenn ihr Carlos Arbeit und sein beharrliches Wollen nicht Respekt und Freude eingeflößt hätten.

Sie hatte, während er sprach, die Arme wieder auf die Knie gestützt, die Schläfen in die Hände gepreßt und sah zu Boden. Leise, unbestimmt dämmerte es in ihr, daß sich in Venedig doch noch etwas barg, was sie bis heute nicht gekannt hatte, daß sie hier vielleicht ein anderes, besseres Glück hätte finden können als Ettore Priuli ...

Die Sonne begann langsam hinabzusteigen, von der Lagune her kam ein sanfter, kühler Hauch. Elisabeth nahm den großen Hut ab, legte ihn neben sich, fühlte wohlig, wie der kleine Wind ihr um die befreiten Schläfen strich. Carlo sah auf das gesenkte, feine Profil mit den schmerzlichen Linien um Mund und Wangen, und er dachte bei sich, daß es süß sein müßte, mit der Hand zärtlich über diese blonden Haare zu gleiten und diese Frau voll Phantasie und Wärme auf den Boden der Wirklichkeit zu stellen, der so schwer an ihr rächte, daß sie ihn in einem törichten Mädchentraum verlassen hatte. So saßen sie lange Zeit schweigend, ohne daß ihnen aus dieser Gemeinsamkeit jähes Glück oder Furcht erwachsen wäre. Nichts empfanden sie als ein süßes Behagen, wie den Wohllaut einer Harmonie oder die Verschmelzung zweier Atmosphären, die sich sympathisch waren. Wie dann die Kühle immer mehr lockte, verließen sie die Bank und begannen auf den Parkwegen hin und her zu schlendern. Sie sprachen nicht gar viel, denn jedes hing seinen Gedanken nach und erwog, wie seltsam es sei, daß sie, die seit Jahren einander kannten und gleichgültig aneinander vorbeigegangen waren, heute ohne Vorrede und Umschweife von Dingen zueinander gesprochen hatten, über die man sonst nicht mit gleichgültigen Menschen spricht. Carlo lenkte jetzt die Schritte, ohne daß er selbst es merkte, immer mehr gegen das Ufer hin, bis sie am Rande der Giardini Publici standen und den großen Ausblick hatten auf das Märchenbild, das vor ihnen lag.

Die Lagune lag still und feierlich in tiefem Blau, über dem ein feiner, silberiger Schimmer glitzerte, der vielleicht der Widerschein der lichtgetränkten Luft war, vielleicht der geheimnisvolle Atem des Meeres. Rosenfarben, gleich einem Blütengürtel schmiegte sich die Stadt um sie her, glich mit ihren strahlenden Kuppeln, ihren weißen Türmen, ihren goldfunkelnden Mosaiken einer Spiegelung des Ostens, die ein Magier hierher gezaubert hatte, um dies blaue Meer mit dem Abglanz ihrer Köstlichkeit zu beglücken. Abendsonne lag auf Palästen und Häusern, spiegelte sich in jeder Fensterscheibe, daß jede aufglühte gleich einem Auge und die Stadt aus tausend Augen hinauszublicken schien auf das Meer, das mit breitem Wellenschlag die Lagune bedrängt und sie an sich reißt mit allem, was zu ihr gehört -- --

Und hier, am Strande dieses sanften, silberblauen Meeres, neben dem Manne, der es mit flinkeren Handelsschiffen durchpflügen wollte, war es Elisabeth, als enthüllte ihr die Stadt ein drittes Gesicht, -- das Gesicht stiller, beharrlicher Arbeit. In feinen, kaum erkennbaren Umrissen, wie die Urschrift eines Palimpsests blickte es schüchtern über das fürstliche Märtyrerinnenantlitz und die kecke, lärmende Gauklerin hin. Wohl stand für dies Gesicht kein Platz an des Königs Tafel bereitet und die Ettores, die Tassinis, und wie sie alle heißen mochten, lächelten geringschätzig über es hin oder versuchten, es mit pathetischen Gesten zu verdecken. Und doch war dies Gesicht das einzige lebendige Erbe, das von einer großen Vergangenheit geblieben war, und eben weil es ein Erbteil verkörperte, das jeden Tag aufs neue bestätigt werden mußte, besaß es auch größere Kraft als alles Abgeschlossene, Tote, und wenn auch nur wenige es kannten und ehrten, so würde doch die Segensbotschaft seines Mundes noch weithin wirkende Kraft haben, wenn alle »~Evviva~«, aller Hochmut und aller überjährige Größenwahn im Palazzo Reale längst verklungen waren. -- --

Nicht deutlich und nicht lange erblickte Elisabeth dies Gesicht. Es glitt nur wie der glitzernde Flügelschlag einer Möwe an ihr vorüber, aber ein Abglanz von ihm blieb über allem, was sie noch dachte und sagte, so daß sie meinte, kaum je einen schöneren Nachmittag erlebt zu haben als diese wenigen Stunden in den ~Giardini publici~.

Als es zu dunkeln begann, fuhren sie zusammen heim.

Unterwegs sagte Elisabeth, die von diesem Nachmittag wie in einem leisen Rausch war:

»Du solltest Dich wirklich etwas mehr um mich bekümmern, Carlo! Ich habe gar niemand, der so mit mir spricht wie Du heute. Und ich fühle jetzt erst, wie furchtbar allein ich immer bin!«

Carlo entgegnete lächelnd:

»Das will ich wohl, vorausgesetzt, daß Dein Mann nicht eifersüchtig ist!«

Elisabeth zuckte die Achseln. Carlo verstand, daß Ettore sich um das Tun und Treiben seiner Frau gar nicht bekümmerte. Er dachte bei sich:

»Wie töricht ist er, und wie unvorsichtig ist sie! Sie bedenkt offenbar gar nicht, daß ich ihre Aufforderung mißverstehen und mißbrauchen könnte. Dieser Bengel Ettore verdiente es wahrhaftig nicht besser, als daß seine Frau ihm ein paar schöne Hörner aufsetzt ...«

Sie sprachen noch dies und jenes, aber nicht mehr gar zu viel, denn die Gegenwart der Gondolieri störte sie, und Venedig war auch schon so nahe, daß ein längeres Gespräch durch die Landung unterbrochen werden mußte.

Elisabeth dachte noch lange über ihr Gespräch mit Carlo nach, besonders über seine Behauptung, daß sie selbst mit verantwortlich sei für ihr Los. Dachte nach und sträubte sich immer noch, ihre Schuld einzugestehen, wenn es auch nur die Schuld eines schwärmerischen Herzens war. -- -- --

13.

Wie Ettore eines Mittags auf dem Markusplatz umherschlenderte, um die Fremden und die Auslagen der Geschäfte zu betrachten, fiel ihm schon von weitem eine Dame auf, die von der Riva herkam. Sie war groß und schlank und von jenem sicheren Auftreten, das ein ausschließliches Eigentum der Töchter Englands und Amerikas ist. Sie trug eine sehr elegante, helle Toilette, über dem phantastisch großen Hut einen flatternden, weißen Schleier und auf dem Arm einen winzigen, weißen King Charles, der ausschließlich aus glänzenden Hängeohren und einer rosa Atlasschleife zu bestehen schien. Ettore, dem ihre vom Schleier umflatterte Silhouette gefiel, faßte sie scharf ins Auge und bemerkte mit Vergnügen, daß sein Blick alsbald die gewünschte Wirkung tat.

Die Dame wandte den Kopf nach ihm, kniff die Augen ein wenig ein, als wolle sie ihn deutlicher sehen, und begann mit ihrem Hündchen eindringlich und zärtlich zu sprechen. Ettore lächelte und schritt mit der lässigen Eleganz, die ihn nie verließ, langsam der Fremden entgegen. Wie er näher kam, war's ihm plötzlich, als sei sie ihm gar keine Fremde, als müsse er irgend einmal diese Silhouette und dies Gesicht schon gesehen haben. Auch über die Dame ging es wie eine Erinnerung, sie faßte ihn ohne jede Koketterie, nur mit dem deutlichen Wunsch des Erkennens fest mit dem Blick, und so gingen sie Auge in Auge aneinander vorüber. Als jeder den andern etwa zwei Schritte hinter sich hatte, wurde es plötzlich klar in ihnen. Sie blieben stehen, machten kehrt, gingen mit ausgestreckten Händen, wenn auch noch ein wenig zögernd, aufeinander zu:

»Miß Beaufort!«

»~O, il Conte Priuli!~«

Ja, das war ein seltsames und fröhliches Wiedersehen nach langen Jahren! Sie wollten aber im Augenblick gar nicht wissen, daß viel Zeit zwischen ihnen lag, denn jeder war ganz aufrichtig entzückt vom andern. Ettore suchte alsbald sein halbvergessenes, halsbrecherisches Englisch hervor, um Miß Beaufort zu versichern, daß sie noch viel schöner geworden sei, soweit das überhaupt möglich war, und sie wiederum sah ihn mit dem Lachen an, das ihn einst betört hatte, und entgegnete:

»O, Conte Priuli, Sie sind noch ganz der alte!«

Weil um diese Zeit kaum jemand in den Cafés auf dem Markusplatz saß und ihr beiderseitiges Mitteilungsbedürfnis groß war, setzten sie sich in den kühlen Bogengang, der das »Aurora« umfängt, teilten sich bei Eis und Graniti ihre wichtigsten Lebensschicksale mit.

Miß Beaufort hieß schon lange nicht mehr »Miß Beaufort«. Aus der Heirat mit dem Earl war zwar aus Gründen, die sie nicht angab, nichts geworden, dafür aber hatte sie in Paris den Herzog de Bressières geheiratet, den letzten, völlig entarteten Sprößling seiner alten Rasse, dessen Schulden so beträchtlich waren, daß die Erbinnen Europas davor zurückschreckten. Miß Beaufort aber mit dem praktischen Sinn und dem straffen Säckel der Amerikanerin hatte gefunden, daß jedes Ding seinen Preis hat, und daß man nicht knausern und feilschen dürfe, wenn es sich um eine Herzogskrone handelte. So war sie Duchesse de Bressières geworden, hatte bei ihrer Trauung einen Brautschleier getragen, der mit dem Wappenspruch und den heraldischen Emblemen der Bressières durchwebt war, hatte mit der ganzen Aristokratie des Faubourg Saint-Germain verkehrt und nur ein einziges Mal Anstoß erregt, als sie nämlich einen verlotterten, alten Baron mit einem fürstlichen Gehalt als Portier engagierte. Der Herzog hatte ständig viel Geld verbraucht, sonst aber seine Frau in keiner Weise behelligt und war vor etwa zwei Jahren ohne ersichtlichen Grund gestorben. Auf die Tatsache seines Ablebens schien die Witwe besonderen Wert zu legen, denn sie betonte bei jeder Gelegenheit, daß sie wirklich verwitwet und nicht etwa geschieden war, wie es heutzutage häufiger Brauch ist. Sie faßte das Ableben ihres Gatten offenbar als einen besonderen Vorzug auf und kam sich rührend vor, weil sie ihn ein Jahr lang in Schwarz und mit der weißgeränderten Kreppschnebbe betrauert hatte. Im übrigen war sie frisch und heiter wie immer, bombardierte, während sie sprach, Ettore mit verwegenen Blicken und schloß ihren kurzen Lebensbericht mit den Worten:

»Da Mama ja auch schon lange tot ist und ich niemand mehr habe als Darling, das war der King Charles mit den Ohren und der Atlasschleife, so reise ich wieder in der ganzen Welt umher und suche mein Vergnügen! So bin ich auch wieder nach Venedig gekommen, obgleich die Stadt ja nicht sehr amüsant ist und mir nach Paris und London sehr krähwinkelig vorkommt. Aber schließlich muß man auch wieder einmal etwas Kunst sehen, und auch sonst habe ich ja nur hübsche Erinnerungen von hier mit fortgenommen --«

Sie tätschelte Darling, der stupid und temperamentlos auf ihren Knien lag, versuchte, ihm mit dem Eislöffelchen von ihrem Gefrorenen einzuflößen, blitzte dabei mit ihren kecken Augen Ettore lachend an.

Ihm war wohl, wie seit langem nicht mehr. Die ganze Atmosphäre, die um diese Frau war, belebte, ergötzte ihn wie damals, vor Jahren, weil er aufs neue in ihr das gleichgeartete Geschöpf spürte. Er dachte gar nicht mehr daran, wie ihre innere Roheit ihn einmal verletzt, wie die Abweisung, die er von ihr erfahren, ihn beleidigt hatte, er hörte jetzt nur ihr Lachen, sah die offenherzige Koketterie, mit der sie versuchte, ihn aufs neue zu erobern, und alles, was gewesen war, schwand vor der derben Lebensgier, die von ihr ausging und die seine erweckte.

Die amerikanische Herzogin hatte eigentlich nur einige Tage in Venedig bleiben wollen, nun aber, da sie sich mit einem alten Bekannten so gut unterhielt, verschob sie ihre Abreise auf unbestimmte Zeit. Sie wohnte wieder im Hotel Danieli, führte drei Domestiken und auch eine Gesellschaftsdame mit sich, die freilich meistens sich selbst überlassen war, denn die Herzogin besaß ein großes Talent, überall Bekanntschaften zu machen, und fand dann die Gegenwart der Gesellschafterin überflüssig, wenn nicht gar lästig. Da kam nun Ettore wieder wie einst ins Hotel Danieli, wechselte mit dem Portier, der ihn noch von früher kannte, die gewohnten Redensarten über Wetter und Trinkwasser, saß dann der Herzogin gegenüber und redete mit ihr wenig ernsthafte und sehr viel törichte Dinge, bei denen sie beide sich köstlich amüsierten. Nie sprachen sie von irgend etwas mit wirklichem Gefühl, aber mit einer gewissen trivialen Sentimentalität, die ihnen selber wie Empfindung vorkam, erinnerten sie sich zuweilen an die Zeit, da sie sich zuerst kennen gelernt, und taten dann wohl so, als ob sie inzwischen viel Tiefes und Schmerzliches erfahren hätten. Einmal ergriff Ettore die reichberingten Hände der ehemaligen Miß Maud und fragte mit zärtlichem Vorwurf:

»Maud, böse, süße Maud, warum haben Sie mich damals nicht geheiratet? Wir hätten doch so gut zueinander gepaßt!«

Maud sah ihn ernsthaft und erstaunt an.

»Warum hätt' ich Sie heiraten sollen? Mir stand doch noch die ganze Welt offen, genau so wie heute. Wenn man jung ist, hat man keine so übermäßige Sehnsucht, sich in einer kleinen Stadt zu begraben. Mich reizte die große Welt, an die ich gewöhnt war, und ich habe es auch nicht zu bereuen; der Herzog von Bressières war als Ehemann sehr angenehm, wenn er auch ein bißchen viel Geld gekostet hat ...«

Sie lachte bei diesen Worten spitzbübisch, so daß Ettore sich sein Teil über die menschlichen Qualitäten des verstorbenen Herzogs denken konnte. Neid und Zorn stiegen in ihm auf, wenn er bedachte, was mit dieser Frau an ihm vorübergegangen war. Hier, bei ihr und um sie war diese Atmosphäre märchenhaften Reichtums, die ihm stets als das beste vom Leben erschienen war, und inmitten dieser Atmosphäre stand sie so fest, so unbekümmert frisch, ohne Schwerfälligkeit, ohne Gefühlssubtilitäten, die ihn langweilten oder erbitterten. Er dachte an Elisabeth, an sein eigenes Heim, und da war's ihm, als hätte ihn das Schicksal gefoppt, und als müsse er den Tag zehnmal verwünschen, an dem er in übereiltem Groll auf diese hier sich für zeitlebens an das Fräulein von Schöttling gebunden hatte.

Gefühle und Gefühlssubtilitäten kannte die Herzogin von Bressières wirklich nicht, aber ein klein wenig Kulturfirnis hatte sie sich doch im Faubourg Saint-Germain angewöhnt. Sie wußte jetzt schon, daß der Colleoni nicht ein Vorfahre von Ettore Priuli gewesen, und sie affektierte eine Kunstbgeisterung, der zuliebe sie von Galerie zu Galerie eilte und sich nicht mehr damit begnügte, vor jedem Präraffaeliten auszurufen: »~O, how lovely!~« Sie sprach jetzt ziemlich gewandt, wenn auch ohne wirkliches Verständnis über die lombardische, die toskanische oder die venezianische Schule und erzählte Ettore, daß es ihr Ehrgeiz sei, allmählich die schönste Privatgalerie der Welt zu besitzen. Von irgendeinem System oder einer persönlichen Vorliebe ließ sie sich bei der Erwerbung ihrer Bilder nicht leiten. Sie kaufte nur zusammen, was an berühmten Gemälden gerade zum Verkauf stand, schickte zu allen interessanten Versteigerungen ihre Agenten und ließ soeben in New York einen Palast ausführen, der die künftige Galerie bergen und den Namen »Ducheß of Bressières Gallery« führen sollte.

»So, ~dear Conte~, nun wissen Sie ungefähr, was ich für die nächste Zeit plane! Nun erzählen Sie mir aber auch ein wenig von sich und wie es Ihnen in all der Zeit ergangen ist, seit wir uns zuletzt gesehen haben!«

Ettore zuckte die Achseln, machte ein etwas verdrießliches Gesicht.

»Mein Gott, Herzogin, was kann ich Ihnen von mir viel erzählen! Ich habe mich verheiratet, habe zwei Kinder --«

»Wen haben Sie geheiratet?«

»Meine Frau ist eine Deutsche, eine deutsche Offizierstochter!«

»Nein, wie romantisch!«

Ettore meinte in diesen Worten einen spöttischen Vorwurf zu spüren und beeilte sich, der Amerikanerin klarzumachen, daß seine Frau Vermögen in die Ehe gebracht hätte. Die Herzogin hörte ihm aufmerksam zu und meinte:

»Also nicht nur Romantik, sondern auch noch Geld! Wahrhaftig, Conte, Sie haben Ursache, mit Ihrem Los zufrieden zu sein! Mir scheint aber, Sie sind es nicht --«

»Ich war es bis heute!«

Es war ein klein wenig wahre Empfindung in dem, was Ettore da sagte, zum größten Teil aber war es nur die galante Schmachterei, die er hübschen Frauen gegenüber gerne anlegte. Die Herzogin täuschte sich auch über die Tragfähigkeit seiner Antwort nicht, wie sie sich überhaupt von ihm und seinesgleichen viel weniger täuschen ließ, als er meinte. Wohl blieb sie immer noch in Venedig ihm zuliebe, weil es ihr Spaß machte, mit ihm zu flirten, aber sie kannte ihm gegenüber weder tiefere Zuneigung noch gar irgendeine Absicht. Der Ehrgeiz ihres Lebens war an dem Tage gestillt worden, da sie Herzogin von Bressières wurde, jetzt dachte sie nur daran, ihre junge Witwenschaft zu genießen und entweder durch ihre Eleganz oder durch ihr Kunstmäzenatentum von sich reden zu machen. Sie war fest entschlossen, ihren Titel nicht gegen einen geringeren einzutauschen und sich überhaupt nur wieder zu vermählen, wenn ein Prinz aus regierendem Hause in Frage kam. Ettore aber verstand diese einfache amerikanische Psychologie nicht. Er bildete sich ein, daß er heute einen ungleich tieferen Eindruck auf Maud machte als damals, und er verwünschte immer wieder seine Ehe, die ihn nun daran hinderte, sein wahres Glück zu erreichen.

Maud sagte:

»Kann man Ihre Frau nicht einmal sehen? Ich bin doch sehr neugierig auf sie und möchte sie gerne kennen lernen!«

Ettore beeilte sich zu versichern, daß Elisabeth und er glücklich sein würden, die Herzogin im Palazzo Priuli zu empfangen. Maud nickte.

»Schön, ich werde in den nächsten Tagen meinen Besuch machen. Meinen Besuch bei Ihrer Frau! Außerdem will ich natürlich Ihre Galerie mit der berühmten ›Dogaressa‹ sehen! Ich begreife gar nicht, daß mir das Bild damals, als ich zuerst in Venedig war, entgangen ist!«

»Sie interessierten sich damals nicht für italienische Bilder, ausschließlich nur für den Empfang am englischen Hofe!« sagte Ettore mit zärtlichem Vorwurf. Maud lachte, meinte gleichmütig: »Ja, ja, der Mensch ändert sich mit den Jahren,« und kehrte mit einer Hartnäckigkeit, die Ettore erstaunte, zu Elisabeth zurück.

»Sie haben mir noch immer nicht gesagt, wie Ihre Frau ist!«

»Mein Gott, kann Sie das wirklich so sehr interessieren?«

»Sehr!«

»Also: sie ist schlank und blond und hat blaue Augen und sehr guten Teint --«

»Und Sie sind jedenfalls sehr glücklich mit ihr?«

»O ja.«

»Das klingt nicht enthusiastisch!«

»Wenn der Mensch acht Jahre lang verheiratet ist, blaßt der Enthusiasmus allmählich ab. Und dann müssen Sie wissen, meine Frau ist ein sehr merkwürdiges Wesen. Sehr kompliziert, sehr ... sehr ... ja, ich weiß nicht recht, wie ich Ihnen das beschreiben soll! Sie hat eine Seele, verstehen Sie?«

Maud sah ihn überrascht an.

»Natürlich hat sie eine Seele, die haben wir doch alle!«

»Ach nein, nicht so. Wissen Sie, was bei meiner Frau, bei einer deutschen Frau diese sogenannte Seele ist, das verstehen weder Sie noch ich. Das ist ein Vorwand, um einen bei jeder Gelegenheit zu hofmeistern, von oben herab zu nehmen oder gar mit tränenvollen Augen entsetzt anzusehen, selbst wenn man gar nichts getan hat. So eine Seele wird auf die Zeit einfach unerträglich, für mich wenigstens, und ich glaube, Maud, auch Sie könnten nicht mit einem Mann leben, der solch eine Seele hat!«

»Gott bewahr' mich davor! Ich habe so etwas zwar nie aus der Nähe gesehen, aber ich kann es mir schon ungefähr vorstellen. Ich hätte übrigens nicht geglaubt, daß die Deutschen sich immer noch mit solch antiquierten Dingen abgeben.«

Sie hätte gerne noch mehr von Ettores Ehe gehört, aber er ließ sich nicht auf diesem Thema festhalten. Die Stunde bei Maud war immer so schön, so heiter, daß er sie sich durch nichts verkümmern lassen wollte und alle peinlichen Gedanken draußen, vor dem Portal des Hotel Danieli, warten ließ. Und trübe Gedanken mehrten sich bei ihm von Tag zu Tag, denn aus Pisa kamen Jammerbriefe, und es gab fast unausgesetzt Streit zwischen Elisabeth und Ettore, denn Elisabeth fand, daß man sich von der verblendeten Eleonore endgültig losmachen müsse, während Ettore stets die Partei der Schwester nahm, sie entschuldigte und beklagte und immer wieder Geld für sie von seiner Frau forderte. Freilich sah er ein, daß es ihm auf die Länge nicht möglich sein würde, die Schwester samt ihrem Ausbeuter über Wasser zu halten, und sein ganzer Wunsch ging jetzt dahin, eine große, eine ungeheuer große Summe zu besitzen, so daß er für Jahre hinaus imstande gewesen wäre, die Hände der Schwester zu füllen, wann immer sie zu ihm kam. Wenn er jetzt in dieser Stimmung die Herzogin von Bressières sah, hätte er am liebsten höhnisch aufgelacht über sein eigenes Mißgeschick und seine eigene Torheit. Da saß die Frau vor ihm, die den unermeßlichen Reichtum in Händen hielt, und er war doch für immer getrennt von ihr, weil er damals nicht verwegen und stark genug gewesen war, sie zu halten, weil er, statt mit ihr um sie selber zu ringen, sie willig ausgegeben hatte, wegen einer sentimentalen Grille, die er selbst nicht mehr verstand. Weil ihm das Herz sehr voll war und man mit Maud über praktische Dinge gut reden konnte, erzählte er ihr auch von dem Schicksal seiner Schwester und jammerte über die trostlose Lage, in der sie sich befand, und in die sie auch allmählich ihre ganze Familie hineinzog. Maud meinte ruhig:

»Bieten Sie dem Menschen doch Geld, damit er außer Landes geht, weit fort, wo Ihre Schwester ihn nicht erreichen kann!«

»Eleonore liefe ihm nach, bis ans Ende der Welt!«

»Bis ans Ende der Welt, -- das ist nur eine Redensart! Bleiben wir bei der Wirklichkeit, Conte! Wenn er sich morgen nach Südamerika einschifft, und sie erfährt es erst zwei Tage später, ist die Sache mit dem Nachlaufen schon bedeutend erschwert!«

Ettore sah sie verblüfft an.