Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig

Part 15

Chapter 153,857 wordsPublic domain

Ein paar Minuten blieb es bedrückend still. Dann öffnete Elisabeth langsam die Augen, errötete, als sie auf Lissignolo fielen, ließ sie über ihn weggehen in die Weite des Zimmers hinein und fragte voll tiefer Beschämung:

»Wieviel? Wieviel ist ...« (sie stockte, konnte sich kaum entschließen, die Frage zu tun) »wieviel ist Ettore Ihnen schuldig?«

»Ich weiß es nicht!«

Elisabeth beharrte aber leise und eindringlich:

»Sie wissen es wohl, Sie wollen es mir nur nicht sagen! Aber ich bitte Sie, nehmen Sie wenigstens diese Last von mir. Sie müssen doch begreifen, wie schrecklich mir der Gedanke ist, daß ... Hätte ich eine Ahnung gehabt, daß Ettore von Ihnen Geld nimmt, so hätte ich lieber mein ganzes Vermögen darangesetzt oder wäre auf und davongegangen.«

Lissignolo, mit seinem eigenen Schicksal beschäftigt, fand Elisabeths Erregung nicht recht verständlich.

»Lassen Sie doch, Frau Lisa, lassen Sie doch! Das Geld hat mir nicht wehe getan und ist nun doch fort, gleichviel ob für den oder für jenen.«

Elisabeth senkte das Haupt und schwieg. Lissignolo meinte es gut und ahnte nicht, wie er sie erniedrigte, da er den Liebhaber seiner Frau und ihren Mann mit seinen Worten zusammenkoppelte.

Als Ettore mittags nach Hause kam, gab es zwischen dem Ehepaar eine heftige Szene. Elisabeth war vor Beschämung und Zorn außer sich, warf Ettore gleich die leidenschaftliche Frage entgegen:

»Warum hast Du mir nie gesagt, daß Du bei Deinem Schwager bettelst? Ich meine, Du hättest das wahrhaftig nicht nötig gehabt!«

Ettore war etwas verblüfft, ließ sich aber gar nicht aus der Fassung bringen. Er entgegnete gelassen, mit jener Geringschätzung im Ton, die er jetzt fast immer annahm, wenn er mit Elisabeth sprach:

»~Carissima~, das sind doch +meine+ Angelegenheiten, die Dich nichts angehen. Eleonore ist meine Schwester und nicht die Deine, Lissignolo ist mein Schwager und nicht der Deine, -- also! Was wir untereinander abmachen, geht dritte Personen nichts an, merke Dir das gefälligst! Uebrigens was hätt' ich denn tun sollen? Ein Priuli kann nicht so leben, wie Du Dir es in Deiner Kleinbürgerlichkeit einbildest, und wie ein kleiner, deutscher Leutnant lebt. Du hast das nie einsehen wollen, Du hast Deinen Geldschrank zugeschlossen, -- ja, meine Liebe, da darfst Du Dich nicht wundern, wenn ich zu +meinesgleichen+ gehe und bei denen das Verständnis suche, das meine Frau nicht für mich hat!«

»Das Verständnis? Du willst wohl sagen, das Geld, das Deine Frau nicht verspielen und vertun läßt!«

Ettore zuckte die Achseln.

»Nenne es, wie Du willst, es kommt ganz aufs gleiche heraus. Ich weiß übrigens gar nicht, warum Du Dich über diese Geschichte so aufregst! Ich hatte schon gar nicht mehr daran gedacht!«

Elisabeth schrie auf.

»Begreifst Du denn nicht, daß ich mich vor Lissignolo totschäme? Begreifst Du denn nicht, daß es ein Skandal ist, wenn ein Mann beim andern herumbettelt?«

»O Gott, o Gott, was für pompöse Worte! Das ist doch gar nicht so schlimm, wenn ein Verwandter dem andern gelegentlich aus der Klemme hilft! Ist übrigens alles Deine eigene Schuld! Wärst Du nicht damals, als ich das Pech im Klub hatte, so hart und so hochmütig gewesen! Damals habe ich mir fest vorgenommen, daß ich, wenn's nötig wäre, eher einen Fremden auf der Straße um etwas bitten würde als Dich!«

»Ettore, Du weißt nicht, was Du sagst!«

»O, ich weiß es schon, ich weiß auch, daß es ein wenig meine Schuld ist! Ich hätte es mit Dir eben nie so weit kommen lassen sollen, ich hätte Dir vom ersten Tag an klarmachen müssen, daß Deine Spießbürgerei nicht für uns paßt! Es ist ja überhaupt ein Skandal, daß nicht +ich+ das Vermögen verwalte, sondern +Du+, daß ich also eigentlich um jeden Lire bei Dir petitionieren muß! Das habt Ihr eben so nach Euren Kleinbürgerbegriffen eingerichtet, Du und Dein Vater. Wer es weiß, lacht über mich und über meine Gutmütigkeit, daß ich mir's gefallen lasse. Aber ich war von jeher zu gut, obendrein auch noch zu sehr in Dich vergafft.«

Elisabeth hielt sich die Ohren zu. Sie wollte nicht erinnert sein, daß sie diesem Mann einmal in Liebe verbunden gewesen war. Sie sagte hart:

»Wir wollen nicht von früher reden, sondern von dem, was heute ist. Wieviel bist Du Lissignolo schuldig? Ich muß es wissen, denn ich will es bezahlen.«

Ettore lachte auf.

»Als ob es bei Lissignolo darauf ankäme! Das Geld, das er mir gab, ist doch in der Familie geblieben!«

»Verstehst Du mich nicht, oder willst Du mich nicht verstehen?«

»Nein, ich verstehe Dich wirklich nicht. Du machst jetzt ein lächerliches Aufheben um eine Sache, die sich schon ganz von selbst erledigt hat! Eleonore ist fort, -- weshalb sollte mein Schwager mir noch weiterhin Geld vorstrecken?«

Da hob Elisabeth mit einer jähen Bewegung die Hand, ließ sie aber gleich wieder sinken und sagte mit funkelnden Augen:

»Ich will wissen, durchaus wissen, hörst Du, was wir Lissignolo zurückzahlen müssen. Wenn ich es nicht von Dir erfahre, verlasse ich das Haus!«

»Wie es Dir beliebt, ganz wie es Dir beliebt. Ich halte Dich nicht zurück, Dich nicht! Aber Du täuschst Dich, wenn Du vielleicht meinst, daß Du die Kinder mitnimmst! Die Kinder gehören mir, und ehe ich sie Dir lasse, schleif' ich sie an den Haaren wieder zu mir zurück! Bei uns gibt es, Gott sei Dank, nicht Eure laxen Gesetze, nach denen man aus einer Ehe davonläuft, wie ein Dienstbote aus seiner Stelle. Suche Dir übrigens, gleichviel ob hier oder anderswo, einen Gerichtshof, der mich schuldig findet, weil ich von meinem Schwager Geld genommen habe. In ein Sanatorium würden sie Dich schicken, wo Du ja auch mit Deinen Schrullen schon längst hingehörst!«

Zur Bekräftigung seiner Worte machte er noch ein verständliches Zeichen nach der Stirn und schlug krachend die Türe hinter sich zu.

Er schlenderte auf der Straße dahin, war aufrichtig und tief empört. Von allem, was seine Frau als Beschämung empfand, verstand er nichts, und darum war er wütend auf sie und auf die Gefühlssubtilitäten, mit denen sie ihn immer wieder plagte. Und das geschah ihm auch noch gerade jetzt, wo so vieles vor seinen Augen zusammenbrach, wo seine und vermutlich auch Eleonorens Existenz auf dem Spiele stand! Sein Gesicht wurde unruhig und finster, und wie schon einmal, als die Wogen des Mißgeschicks über ihm zusammenzuschlagen schienen, trat er auch heute in die Kirche, wo das Grabmal des großen Priuli sich erhob. Aber so wenig wie damals fand er heute dort Trost oder Erhebung, denn mit garstigem Grinsen blieb die Wahrheit vor ihm stehen, daß er nun wieder völlig auf den guten Willen und die offene Hand seiner Frau angewiesen war.

In unausgeglichener Stimmung verließ Ettore seinen großen Ahnherrn und schlenderte mißvergnügt am Molo entlang. Er kam sich sowohl von seiner Frau wie von seiner Schwester brutalisiert vor und bedachte ganz gegen seine Gewohnheit, was nun eigentlich geschehen müsse. Die Hoffnung, Eleonore zu ihrem Mann zurückzuführen, hatte er schnell aufgegeben, denn er hatte an diese Möglichkeit nie ernsthaft geglaubt, weil er eben seine Schwester und ihre verhängnisvolle Hörigkeit besser kannte als die andern rund umher. Auf Lissignolo konnte er also in keiner Lage und Verlegenheit mehr rechnen, das war ihm klar, und ebenso klar war ihm, daß wohl schon in der nächsten Zeit die Schwester ihn mit Forderungen aller Art bestürmen würde, denn sie besaß ja nichts als den Schmuck und das Bargeld, das sie bei ihrer Flucht mitgenommen hatte. Er hätte am liebsten laut geflucht, wenn er bedachte, wie bequem die Existenz für sie beide bis jetzt gewesen. Nie mehr hatte er Elisabeth einen Scheck abfordern oder abbitten müssen, war immerfort zur Schwester gegangen, gleichviel ob es sich um eine Spielschuld, um seine obskuren Liebesabenteuer oder um eine exorbitante Schneiderrechnung handelte, denn immerfort hatte Eleonore Geld in Hülle und Fülle gehabt für sich und für ihn. Und das alles war nun in den Wind geschlagen, diesem Laffen in Pisa zuliebe, der an nichts dachte als an ihre Ausbeutung! Aber alle Erwägungen und aller Zorn halfen nichts, und Ettore fand allmählich, daß er vorhin mit seiner Heftigkeit gegen Elisabeth unklug gewesen war, weil er ja nun doch wieder auf sie angewiesen blieb. Es gab für ihn im Augenblick nichts anderes als Rückkehr zu ihr und Versöhnung, und als er spätabends nach Hause kam, versuchte er, den ganzen Streit nur als die Übereilung zweier Hitzköpfe hinzustellen und mit ein paar lachenden, zärtlichen Worten den Frieden wiederherzustellen ... Er versuchte es, aber Elisabeth war nicht zur Weichheit aufgelegt, wurde es auch an den folgenden Tagen nicht, obschon Ettore sich bemühte, ihr ein Lächeln abzugewinnen und die Harmonie längst vergangener Zeiten wieder aufleben zu lassen. Schließlich verdroß ihn ihre beständige stumme Ablehnung, und er widmete sich wieder ganz seiner Mutter, geleitete sie in die Kirche, half ihr bei den Patiencen, hörte ihr geduldig und tröstend zu, wenn sie triumphierender als sonst, weil sie recht behalten hatte, mit ihrer scheppernden Stimme jammerte:

»~No, no~, die Priuli haben kein Glück!«

Elisabeth, die wohl merkte, daß sie selbst den Mann immer mehr zu seiner Familie hintrieb, machte dennoch keine Anstrengungen, ihn zu sich zurückzuholen. Sie dachte nur manches Mal, wie seltsam es sei, daß das wenige Gute in seinem Wesen nie für sie, immer nur für die eigene Brut vorhanden war.

12.

In eben diesen Tagen, da alle Salons und Müßiggänger von nichts anderem sprachen als von der Flucht der schönen Eleonore Lissignolo, kam der König zur Flottenschau nach Venedig. Da fiel es die Stadt an wie ein Rausch von Geschäftigkeit und Lust, und von der österreichischen wie von der italienischen Küste her kamen immerfort Dampfer angeschwommen, überfrachtet mit Menschen, die das Interesse oder auch nur die Neugier hertrieb zu dem großen, maritimen Schauspiel. Alle Hotels und Pensionen waren überfüllt, von den öffentlichen Gebäuden wehten Flaggen und Wimpel, auf dem Palazzo Reale flatterte die Königsstandarte vergnügt in die klare Septemberluft hinein, als könne sie's vor Jubel kaum fassen, daß sie endlich wieder ihre alten Bekannten, die Lagune, den Dogenpalast und den Löwen von San Marco, schauen durfte. Im Hafen lagen mit Blumen und bunten Lampions geschmückte Schiffe, auf denen nachts musiziert und getanzt werden sollte, und die Aristokratie träumte schon von einem großen Ball in dem sonst vereinsamten Königspalast, weil es zuerst hieß, daß die Königin den König begleiten würde. Hier gab es aber eine kleine Enttäuschung, denn der König kam allein mit dem Herzog von Genua, und der ersehnte Ball schrumpfte zu einem Herrendiner zusammen, das die Vornehmen Venedigs an der königlichen Tafel vereinigte.

Elisabeth verließ in all diesen Tagen kaum ihr Haus. Sie scheute sich, Bekannte zu treffen, die mit Worten oder auch nur mit Blicken indiskrete Fragen tun und immer aufs neue den Familienskandal aufrühren konnten, der eben jetzt um die Priuli wob. Sie hatte sogar Ettore erklärt, daß sie keinesfalls zu dem Ball im Königspalast gehen würde, und war entschlossen gewesen, für etliche Wochen zu verreisen, nur um dem Fest aus dem Wege zu gehen. Als dann der Ball nicht stattfand, saß Ettore heiter an seines Königs Tafel, freute sich über das gute Essen und Trinken, schrie nach jedem Trinkspruch dröhnend mit im Chor »~Evviva!~«, obwohl ihm ganz gleichgültig war, worauf man gerade anstieß, beantwortete Fragen und Anspielungen lächelnd oder mit einem kleinen Witz und wäre restlos glücklich gewesen, wenn ihn nicht unablässig Geldsorgen bedrückt hätten. Geldsorgen und mit ihnen die Frage, wie er es möglich machen sollte, nicht nur für sich, sondern auch für die Schwester ausgiebig zu sorgen, ohne bei seiner Frau betteln und Abweisungen befürchten zu müssen.

Elisabeth, -- sein Blick wurde dunkel vor Zorn, da er ihrer gedachte. Welch eine Verblendung hatte ihn befallen, daß er sich an diese Frau band, die nichts von ihm verstand, ihn mit ihrer deutschen Kleinbürgerlichkeit und Knauserei quälte! O, einmal, ein einziges Mal nur eine große, eine märchenhaft große Geldsumme in Händen haben! Wenn ihm das gelänge, dann würde er ihr schon zeigen, wie wenig sie ihm mehr war, und wie er sich von ihr fort nach der Freiheit seiner früheren Tage sehnte! Mit einer märchenhaften Summe Geldes konnte sich das Schicksal der Priuli noch einmal wenden. Wenn Ettore in der Lage wäre, mit vollen Händen nach allen Seiten Geld auszustreuen, würden sie in Rom seine Ehe und auch die seiner Schwester als ungültig erklären, und beide konnten dann wieder ihrem Herzen folgen. Eleonore mochte mit der verschwenderischen Mitgift, die der Bruder spendete, ihren Leutnant heiraten, Ettore durfte wieder unbemängelt seinen Neigungen leben, bei der ~mamma~ sitzen, durch die Tage hinschlendern und schließlich, wer weiß, doch noch einmal einen von den transatlantischen Goldfischen angeln. Das alles und noch mehr Schönes war möglich, sobald es Ettore gelingen würde, die märchenhaft große Summe herzuschaffen ...

In dieser Zeit fiel es ihm ein, daß die Priuli ja noch einen ungehobenen Schatz besaßen, den sie münzen lassen konnten: die ›Dogaressa‹. Er besann sich nicht lange und ließ durch einen Unterhändler die Regierung fragen, ob sie nicht geneigt wäre, das berühmte Bild für ihre Staatssammlungen zu erwerben. Es bereitete ihm Vergnügen, Elisabeth schon jetzt von diesem geplanten Verkauf zu sprechen, weil er wußte, wie weh er ihr damit tat. Er war auf heftige Vorwürfe und leidenschaftliche Vorstellungen gefaßt gewesen und hatte sich schon gefreut, ihr immerfort zu entgegnen: »Es ist +mein+ Bild! Ich kann mit ihm machen, was ich will, geradeso wie Du mit Deinem Gelde!« Aber seltsamerweise war Elisabeth viel ruhiger geblieben, als er gedacht. Sie wußte genau, daß Widerspruch von ihr Ettore in seinem Vorhaben nur bestärken würde, und so weinte sie nur insgeheim, daß nun auch sie zu den Familien gehörten, die köstliches Erbgut verkaufen müssen, weil die Untüchtigkeit der Nachfahren es nicht zu erhalten verstand ...

Zu Ettores Schmerz und Elisabeths Freude sollte aber die ›Dogaressa‹ doch noch im Besitz der Priuli bleiben. Die Regierung bot nämlich nur etliche hunderttausend Lire, und Ettore, der schon mit Millionen gerechnet hatte, lehnte das Angebot mit wütendem Lachen ab. Die Regierung ging mit ihrem Angebot nicht in die Höhe, denn sie dachte, daß der Graf Priuli über kurz oder lang doch gezwungen sein würde, ihr das Gemälde zu überlassen, und so waren alle Ängste und alle Träume, die um das Bild gewoben hatten, vergeblich gewesen. -- --

Elisabeth fuhr jetzt fast täglich gegen Abend in die Giardini Publici hinüber, obwohl es nicht zum guten Ton gehörte, einen Volksgarten zu besuchen. Sie fragte aber nichts nach dem Achselzucken ihres Mannes oder ihrer Schwiegermutter, denn dieser weite Park sagte ihr mehr, als die beiden verstehen konnten. Mit seinen prächtigen, alten und seltenen Bäumen, seinen weiten Wiesenplänen, seinen schattigen Laubgängen, seinen blühenden Blumenbosketts, in deren Düfte sich der süße Sang der Vögel mischte, erschien er ihr so unvenezianisch, so heimatlich vertraut, daß sie in seiner Einsamkeit ihr wirkliches Leben fast vergessen und träumen konnte, daß sie daheim sei, weit fort von der Lagune mit all ihren Geheimnissen. Denn einsam war man hier immer, weil die Menschen, die aus der Stadt kamen, sich lieber in die Gartencafés drängten, wo die Märsche der Musikkapellen schmetterten und auch sonst allerlei Schaustellungen naive und heitere Besucher anlocken mochten. Elisabeth aber ging dem Lärm und der Menge aus dem Weg, saß auf einer Steinbank und schaute durchs Buchengrün oder über die Rispen blühender Wiesen hinaus in eine Ferne, die sie nicht erreichen konnte. Die wenigen Menschen, die vorübergingen, sahen kaum hin nach der jungen Frau in dem weißen Sommerkleid mit dem großen Blumenhut, und weil sie so außerhalb aller Aufmerksamkeit blieb, achtete auch sie nicht auf die Vorübergehenden, merkte nicht, daß jetzt der Schatten eines Mannes auf dem weißen Weg und über dem Wiesenrand lag, eines Mannes, der mit langsamem Schlenderschritt daherkam und Elisabeth zweifelnd ansah, weil er nicht recht wußte, ob sie's war oder nicht. Als er etwa zwei Schritte von ihr entfernt war, hob sie den Kopf, und nun erkannten sie sich.

»Du hier, Lisa, das ist seltsam!«

Sie gab sich Mühe zu lächeln:

»Warum seltsam, Carlo? Ich könnte ebensogut sagen, es ist seltsam, daß Du hier bist!«

»Ja, das ist wohl wahr, aber -- erlaubst Du, daß ich mich ein wenig zu Dir setze?«

»Gerne! Nur bin ich eine ziemlich öde Gesellschaft.«

»Warte erst ab, ob ich amüsanter bin!«

Er hatte obenhin und lachend gesprochen, wie man Scherzreden tauscht, aber da er in ihr Gesicht sah, merkte er, daß sie verstimmt und trübe aussah. Er setzte sich neben sie, nahm den Strohhut vom Kopf, legte die Arme auf die Knie und ließ den Hut zwischen seinen Beinen hin und her pendeln, während er nach einem Wort suchte, das ein Gespräch in Gang bringen konnte, ohne die junge Frau zu ermüden oder zu quälen. Auch sie hatte die Arme auf die Knie gelegt, hielt den Kopf gesenkt und bohrte mit der Spitze ihres grünen Sonnenschirms eigensinnig Streifen und Löcher in den weichen Sand, mit dem die Wege bestreut waren. So saßen sie eine Weile ohne zu sprechen und fast komisch anzusehen in der Gleichartigkeit ihrer Haltung, ihrer Bewegungen und ihres Schweigens. Endlich fragte Carlo:

»Hat Ettore sich gestern beim Königsdiner gut unterhalten?«

Elisabeth entgegnete, ohne den Kopf zu heben:

»Ich glaube wohl, ich habe ihn heut nur flüchtig gesprochen!«

»Es tut Dir wohl leid, daß aus dem Ball nichts geworden ist?«

Und wie vorhin, mit gesenktem Kopf und ohne ihr Spiel mit dem Sonnenschirm zu unterbrechen, antwortete sie:

»Ich wäre nicht zu dem Ball gegangen. Mir ist es jetzt am liebsten, wenn ich keine Menschen sehe. In ein paar Wochen wird ja wohl Gras über die Geschichte gewachsen sein, aber jetzt gerade --«

Carlo verstand nun erst, was sie meinte.

»Ja freilich, das mit Eleonore, das ist eine dumme Geschichte!«

»Ach, wenn sie nur dumm wäre!«

Eine Pause. Dann fragte Carlo wieder.

»Kommst Du oft hierher?«

»Fast jeden Tag. Allmählich sind mir die Giardini Publici das Liebste von ganz Venedig geworden. Hier ist alles so grün und frisch, daß man atmen kann, als wäre man irgendwo, irgendwo ... Hier kann man so gut Venedig vergessen!«

Wieder versuchte Carlo ihre Worte scherzhaft zu wenden.

»Bist Du so unzufrieden mit unserer Stadt, daß Du sie vergessen willst?«

Sie erwiderte ernsthaft, ohne aufzublicken.

»Ich habe mir wohl einmal eingebildet, daß mein Glück hier auf mich wartete, aber heute weiß ich, daß es mein Glück gewesen wäre, wenn ich Venedig nie gesehen hätte --«

Er sah sie von der Seite her an. Der große Hut beschattete zwar den oberen Teil ihres Gesichts, aber er merkte doch, daß ihr Mund schmerzhaft gefaltet lag, wie von vielen Enttäuschungen, daß um Schläfen und Wangen feine Linien liefen, wie verschwiegene Schmerzen und verweinte Nächte sie ziehen. Enttäuscht und blond, wie sie dasaß, war sie nicht mehr nur die Gräfin Elisabeth Priuli, glich vielmehr dem Symbol steter Enttäuschungen, die von alters her alle erfuhren, die von Norden her, in den Süden verliebt, zu ihm gezogen waren ...

»Du hast Dich sehr verändert! Ich erinnere mich, daß Du früher nicht genug von Venedig schwärmen konntest!«

Sie setzte sich jetzt gerade auf, breitete die Arme über die Lehne der Bank lang aus und sagte bitter:

»Früher, solang ich es nicht kannte! Aber jetzt kenn' ich es, und jetzt mein' ich mitunter, ich müßte an dieser Stadt ersticken. Weißt Du, zu Anfang blendet einen das, berauscht einen, wie Euer ganzes Land! Da stößt man bei Schritt und Tritt auf die große Vergangenheit, und alles scheint noch festgebunden und verwurzelt in Gesetzen, von denen man bei uns daheim schon lange nicht mehr weiß! Und jeder Lazzaroni bewegt sich wie ein kleiner Fürst, und alles, was Ihr tut und habt, scheint so von Schönheit erfüllt, daß unsereins sich arm und bäurisch daneben vorkommt. So fangen wir alle hier an, aber nach einiger Zeit kommt der Katzenjammer, und man merkt, daß Venedig nur eine Attrappe ist, eine Renaissanceattrappe mit einer sehr ordinären Füllung. Irgendwer hat Euer Land einmal ›die Idealistenfalle‹ genannt, und, glaube mir, er hat sehr recht gehabt ... Wenn ich bedenke, mit welchen Illusionen ich hierherkam, und wie sich auch nicht eine einzige von allen realisiert hat, dann möcht' ich weinen, oder nein, ich möchte lachen, weil ich schon genug geweint habe und eigentlich ja gar nichts anderes wert bin, als daß man mich auslacht.«

Während sie sprach, hatte sich ihr Gesicht erhitzt, und ihre Wimpern schimmerten wie von kleinen Tränen. Sie legte den Kopf hintüber auf die Lehne der Bank, sah geradeaus in den tiefblauen Himmel hinein, als wolle sie vergessen, wo sie war, und zugleich ihr Gesicht den forschenden Blicken Carlos entziehen. Er sah sie flüchtig an, während er fragte:

»Warum hast Du Ettore geheiratet?«

»Du fragst seltsam! Ich habe ihn geheiratet, weil ich mich in ihn verliebte!«

Carlo schüttelte heftig den Kopf, sagte bestimmt:

»Nein, nein, das ist nicht wahr! In ihn hast Du Dich gar nicht verliebt, sondern in das Brimborium, das um ihn her ist. Du hast ihn geheiratet, weil er einen alten, gefeierten Namen trägt, und weil er einen berühmten Palazzo hat, und weil eine seiner Ahnfrauen von Tizian gemalt worden ist, und weil er in einer schönen Pose unter dem Portal seines Palazzo stand oder beim Blumenkorso fuhr! Wäre er nur ein simpler Signore Ferrari oder Domenico gewesen, der irgendeinen bürgerlichen Beruf ausübt, wie tausend andere, nie wär's Dir in den Sinn gekommen, Dich an ihn zu binden! Freilich wäre er ja auch in einem bürgerlichen Beruf nicht zu finden gewesen, weil er dazu ganz untauglich ist!«

»Du urteilst sehr hart!«

Elisabeth suchte in ihrem Innern noch andere, wärmere Worte der Rechtfertigung und der Entschuldigung für sich und Ettore zu finden, aber keines stellte sich ein. Carlo sprach ja nur klar und mitleidlos aus, was sie selbst schon oft dunkel empfunden hatte, und wenn sein Urteil sie auch sehr klein hinstellte, so tat es ihr doch wohl, daß jemand einmal deutlich zu ihr von ihrem Irrtum sprach, statt sie immerfort nur, wie Ettore und die Seinen es taten, als anspruchsvoll und undankbar hinzustellen. Sie bedachte jetzt Carlos Worte genau, setzte ihrer schwachen Rechtfertigung schüchtern hinzu:

»Nein, ganz so war es doch nicht. Ich habe Ettore wirklich sehr lieb gehabt, nicht nur weil er, wie Du sagst, mit allem möglichen Brimborium umgeben war. Ich habe so viel von ihm und für ihn gehofft, und es ist nicht meine Schuld oder wenigstens nicht meine Schuld allein, wenn er mich so sehr enttäuscht hat!«

»Es ist Deine Schuld ganz allein, denn Du hast ihn nie gesehen, wie er war, immer nur, wie Du ihn sehen wolltest!«

»Tut das nicht jeder Mensch, der verliebt ist?«

»Möglich, ich war's nie bis zu dem Grade, daß ich alle Vernunft verloren hätte! Wer sie aber verliert, darf sich nicht wundern, wenn sich die eigenen Torheiten an ihm rächen!«

»Ich wundere mich ja auch nicht, wundere mich schon lange nicht mehr --«

Sie schwiegen wieder eine Weile. Dann fragte Elisabeth:

»Ich wundere mich eigentlich, daß ich Dich hier getroffen habe. Warum bist Du nicht mit den andern im Palazzo Reale?«

Carlo lachte.

»Weil ich nicht eingeladen worden bin!«

Elisabeth sah ihn erstaunt an:

»Das ist merkwürdig! Warum bist Du nicht eingeladen worden?«

Carlo machte eine wegwerfende Gebärde mit der Hand.

»Weil ich zu denen dort nicht passe und nicht populär bei ihnen bin. Die prahlen und schreien und faulenzen und ich bin still und arbeite, -- es kann keine reinlichere Scheidung geben.«

Er lachte wieder kurz auf und sagte:

»Die Geschichte ist zu köstlich, ich muß sie Dir erzählen, obwohl ich sie bis jetzt noch niemand erzählt habe, weil ich mich zu Anfang über ihre Ursache zu sehr geärgert habe!«